Mittwoch, 25. März 2020

In einer Krise zeigt sich der Charakter


Herr Renn spricht angesichts Covid19 von drei verschiedenen Krisen-Typen.

[…..] Der Soziologe Ortwin Renn beobachtet drei Menschentypen in der Krisensituation: „die Totsteller, also Menschen, die weitermachen, als seien sie nicht betroffen. […] Die zweite Gruppe neigt zur Flucht, sie isoliert sich, so gut es geht. Und die dritte Gruppe besteht aus Kämpfern, die sich der Situation stellen und die Initiative ergreifen wollen“ […..]  Bei der letzten Gruppe handelt es sich nach eigener Aussage um die Hamsterkäufer. [….]

Ein guter Ansatz, aber Renn vergisst eine vierte Gruppe (G-IV); den AfD-Typus.
Man nennt sie auch die „Gruppe der Riesenarschgeigen“.
G-IV fiel kurz in Schockstarre, als ihr die Lieblingsthemen wegbrachen und darauf auch die Umfragezahlen nach unten rutschten.
Erstmals seit 2017 misst FORSA die AfD bundesweit nur noch einstellig.

[….] Wie die AfD in der Corona-Krise schweigt
In vielen Landesparlamenten und im Bundestag stellt die AfD die größte Oppositionsfraktion. Sonst poltrig und laut, ist die Partei neuerdings aber kaum zu vernehmen[….]
Jetzt zeige der Nationalstaat endlich seine ganze Kraft, jubiliert [der kommissarische Berliner AfD-Chef Nicolaus] Fest. Österreich, Italien, Tschechien, Spanien, Belgien, Polen, Dänemark, die USA und Großbritannien – alle riegelten jetzt endlich ihre Grenzen ab. [….] Doch Lösungsvorschläge hat er keine, kein Wort darüber, was in der Krise zu tun ist. Das Video auf Youtube – die altbekannte Tirade von Rechtspopulisten – jetzt - im Netz mit destruktiver Grundhaltung. Was der Wähler wohl dazu sagt? […..]

AfD-Fanseiten wie der Berger-Phimoseblog besannen sich aber schnell auf ihre destruktivsten Instinkte und droschen erbarmungslos und voller Häme auf die ersten Corona-Opfer ein.



Während der Bundestag heute umfassende Maßnahmen ergriff und im großen Ernst riesige Summen zu Gunsten der Bevölkerung bewegte, blieb die AfD-Fraktion in jeder Hinsicht garstig.

[…..] Verliererin des Tages ist die AfD-Politikerin Beatrix von Storch. Als sie heute im Bundestagsplenum mit einigen Fraktionskollegen regelwidrig nahe beieinander stand, rief Britta Haßelmann, Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen, ihr zu: “Wir haben hier klare Regeln." Auch Vertreter anderer Parteien rügten, die AfD setze in einer Zeit, in der die Politik Vorbild sein müsse, ein schlechtes Beispiel. Von Storch konterte ungerührt mit verschränkten Armen: “Stellen Sie sich mal nicht so an.” Ist aus der Klimawandelleugnerin auch noch eine Pandemieleugnerin geworden? […..]

Wie in allen Großstädten arbeitet auch die Hamburger Verwaltung unter schwersten Bedingungen weit über der Belastungsgrenze, um die grundlegenden Funktionen des Zusammenlebens aufrecht zu erhalten, die Krankenhäuser und Pflegeheime mit Materialien zu versorgen, sich um Hundertausende zwangspausierende Schüler und Studenten zu kümmern, Myriaden kleinen Geschäften beizustehen.
Auch hier ist die örtliche AfD, die zutiefst destruktiv daran arbeitet in der größten Krise seit dem Ende des Krieges (Merkel) den Handelnden Knüppel zwischen die Beine zu werfen.

 [….]  Auf diese Alternative können so einige Hamburger aktuell gut verzichten: Während die Verwaltung seit Wochen unter Strom steht, um die Corona-Krise in den Griff zu kriegen, malträtiert die AfD Behörden und Ämter mit zahlreichen parlamentarischen Anfragen – und bindet so einige Kräfte.
Seit dem 18. März haben die Rechtspopulisten 13 Kleine Anfragen an den Senat gestellt. Binnen weniger Tage müssen Behörden-Mitarbeiter, die sich aktuell unter anderem auch um den Kampf gegen das Coronavirus kümmern müssen, Fragen zu Themen wie E-Mobilität oder Schlägereien beantworten.
Beim politischen Gegner sorgt das für Unverständnis. „Es versteht sich von selbst, dass in einer solchen Krisensituation die Verwaltung nicht mit Anfragen belastet werden darf, die keine aktuelle Relevanz besitzen und deshalb auch zu einem späteren Zeitpunkt eingereicht werden können“, kritisiert Farid Müller, Parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen Bürgerschaftsfraktion.
Die Verwaltung sei jetzt umfangreich mit der Bewältigung der Corona-Pandemie beschäftigt. „Mit Blick auf die Fülle der Anfragen kann ich nur sagen: Die AfD hat den Ernst der Lage offenbar nicht verstanden.“ [….] 

Dienstag, 24. März 2020

Kommt jetzt der Transenboom?

Wenn es wirklich drauf ankommt…., wenn man in unmittelbarer Lebensbedrohung ist, dann jammert man nach Gott.
Im abstürzenden Flugzeug gibt es keine Atheisten schmettern einem Kirchisten gern entgegen, wenn man ihnen eröffnete nicht an Gott zu glauben.
Dieser Satz ist nicht vorstellbar ohne einen gehässigen, triumphierenden Unterton.
Organisierte Gläubige vertrauen so sehr darauf, daß sie sich ungeniert an Sterbende und Hochbetagte heranwanzen – so wie sie sich auch bei der Taufe Säuglingen, die sich nicht wehren können bemächtigen.
Taufen, die zudem kirchenrechtlich nicht rückgängig gemacht werden können.
Einmal Wasser aus dem verkeimten Taufbecken auf die Stirn und für immer Gefangener der Organisation Kirche.

Es war einer der groteskesten Momente meines Lebens, als meine Mutter sterbend auf der Intensivstation lag, ich auf ihrem Bettrand saß und sich ungefragt auf einmal die religiotische Seelsorgerin zwischen uns drängeln wollte.
Meine Mutter, bei vollem Bewußtsein und klar bei Verstand, gab ihr zu verstehen mit der Kirchen wirklich nichts am Hut zu haben. Aber Religioten sind manchmal so unfassbar dreist und feinfühlig wie ein Presslufthammer.
Die wollte einfach nicht gehen in Erwartung eine Seele abgreifen zu können, so daß ich aufstehen und einen sehr bestimmten Ton anschlagen musste.
Nein, so unmittelbar vorm Tod wollten wir beide nun wirklich nichts mit der Kirche zu tun haben – so lustig Pfäffinen sonst auch sein können.

Ich hatte mit nichts anderem gerechnet, da ich tatsächlich schon mal in einem Flugzeug aus Heathrow kommend saß, in dem die Triebwerke ausfielen. Wir sahen schon die Wasseroberfläche, als der Pilot immerhin eine Düse wieder anbekam, den Treibstoff abließ und wieder umdrehte.
Gebete kamen mir wirklich nicht in den Sinn, aber ich machte mir große Sorgen, daß wir erst nach 23.00 Uhr zurück in England sein würden, weil man dann keinen Alkohol mehr bekäme. Und einen ordentlichen Wodka hätte ich mir wirklich verdient – so fand ich damals.

Gebete sind Rituale der Hilflosigkeit, wenn es an Verstand oder geistiger Reife fehlt mit einer bedrohlichen Situation umzugehen.
Eine tiefere psychologische Bedeutung gibt es aber dennoch für die meisten Abrahamidioten. Die ist aber offenbar nur mit einer Inselverarmung des Gehirns zu erklären, an der ich zufälligerweise nicht leide.
Es gibt Atheisten, die das sogar bedauern und sich diese Partialnaivität wünschen.
Es wäre doch schön in einem reinen Gedankenkonstrukt Trost und Halt zu finden.
Macht es das Leben nicht viel einfacher, wenn man sich vielen Problemen und Sorgen gar nicht erst stellt, sondern stattdessen einfach den Knopf „Gottvertrauen“ drückt?
Dann müsste man eben nicht alles verstehen und durchdenken. Es wäre eben „vorbestimmt“ oder „gottgewollt“, wenn irgendetwas Tragisches oder Schmerzliches passiert.
Die totale Selbstsicherheit eines Religiösen muss angenehm sein.
Aber ich kann dennoch nicht so weit gehen mir das zu wünschen, weil es auch eine intellektuelle Selbstverzwergung wäre.

Irrationalitäten leiste ich mir eher bei sehr unwichtigen Dingen. Ich habe kleine Ticks; kontrolliere zwanghaft mehrmals, ob ich die Tür abgeschlossen habe, taste nach dem Schlüssel. Außerdem leiste ich mir aus Gewohnheit milde Formen des Aberglaubens, indem ich beispielsweise dreimal auf Holz klopfe, um ein vermeidliches Unglück nicht zu beschreien. Wenn man eine ausgefallene Wimper wegpustet, darf man sich was wünschen und bei einer erfundenen Absage darf man niemals Krankheiten Angehöriger erfinden, weil die dadurch wirklich krank werden könnten.
Das ist natürlich alles Unsinn, aber wenn sich dessen bewusst ist, kann man sich auch etwas Unsinn im Leben leisten.
Genau dieser Unsinn darf aber keinesfalls bei ernsthaften Problemen das Handeln bestimmen und so verwundert es mich immer noch über alle Maßen, wenn Regierungen zum Gebet aufrufen.


Millionen evangelikaler Gläubiger und Trump-Fans beteten voller Inbrunst gegen Covid19 an. Genützt hat es – Überraschung! – gar nichts. Die Zahlen der Corona-Infizierten und Corona-Toten steigen seitdem in den USA rasant an, ohne daß auch nur ein einziger Gläubiger die Sinnhaftigkeit eines nationalen Gebetstages in Zweifel zog. Gehirne mit Inselverarmung.


[…..]  Bayerischer Ministerpräsident ruft zum Gebet auf
„Wer gläubig ist, soll beten, dass es Deutschland nicht zu hart trifft.“ Diesen Appell richtete der bayerische Ministerpräsident Markus Söder in der ARD-Politikrunde „Anne Will“ am 22. März an die Zuschauer.
Söder: In der Not an Jesus wenden! [….]

 Hurra, dann dürfte Bayern ab heute Corona-frei sein.
Ich staune immer noch, daß Regierende nach solchen Aussagen nicht mit Forken und Mistgabeln vom Hof gejagt werden.
Aber auch ich unterschätze immer noch die Doofheit der Gattung Homo Demens.


Einer der höchsten Würdenträger der 1,3 Milliarden Katholiken, der emeritierte Erzbischof und Kurienkardinal Raymond Leo Kardinal Burke , 71, Kardinalpatron des Malteserordens und ehemaliger Kardinalpräfekt der Apostolischen Signatur ist Ungläubigen vor allem durch seine völlig abgefahrenen CSD-Kostüme bekannt. Mit seiner geliebten Cappa Magna – ein purpurrotes Prachtkleid mit sechs Meter langer Schleppe, wallendem roten Umhang und begleitet von einem Baldachin, getragen von vier jungen Männern – würde er locker jede Folge von Ru Pauls Drag Race gewinnen.


 Burke ist bekannt als scharfer Papstkritiker. Er verachtet Franziskus dafür nicht drastisch genug gegen Homosexualität vorzugehen; denn Schwule hasst der Kardinal wie die Pest.

 […..] Burke nannte es […..]  ein "Problem", dass manche Kirchenmänner eine "offene und verfehlte Haltung hinsichtlich der Homosexualität" verträten. Es gebe "Versuche, die Lehre der Kirche zu relativieren, nach der ein homosexueller Akt in sich schlecht ist", so der frühere Leiter des obersten vatikanischen Gerichtshofs. Gegen Franziskus habe er "nichts persönlich". Er wolle nur "die Wahrheit des Glaubens und die Klarheit in der Darlegung des Glaubens verteidigen".
Burke äußerte sich im Gespräch mit "La Repubblica" auch zu den Vorwürfen, er hätte eine übertriebene Vorliebe für feierliche Gewänder. Die sogenannte Cappa magna etwa, eine meterlange Schleppe, trage er "nicht aus Selbstverliebtheit, sondern weil sie für bestimmte Anlässe vorgeschrieben ist". Auf die Frage, ob solche Gewänder nicht veraltet seien, sagte er: "Sicherlich nicht."
Die Cappa magna ist für besonders feierliche Zeremonien vorgesehen und wird zusammen mit einem Schultermantel aus Hermelin im Winter oder purpurfarbener Seide im Sommer getragen. Papst Pius XII. (1939-1958) kürzte mit einem Erlass von 1952 die Länge der Schleppe für Kardinäle von zwölf auf sechs Meter, jene von Bischöfen von sieben auf dreieinhalb. Bei Kardinälen assistiert ein eigener Ministrant als Schleppenträger, Bischöfe wickeln sie beim Gehen um die Arme. […..]

Der arme Burke, der durch seine späte Geburt nun mit einer Sechsmeter- Cappa Magna herumlaufen muss statt der vor Pius üblichen 12-Meter-Variante, meldet sich angesichts der durch Corona ausgesetzten Gottesdienste empört zu Wort.

Denn wie Söder und Trump erkennt der Amerikaner im bunten Kleid welches die wirksamsten Waffen gegen das Virus sind.

[…..] Der amerikanische Kurienkardinal Raymond Burke hat Gottesdienstverbote zur Eindämmung der Corona-Pandemie kritisiert. Im Kampf gegen „das Böse des Coronavirus“ sei die stärkste Waffe die Beziehung zu Christus in Gebet und Buße. „Daher ist es für uns zu allen Zeiten unverzichtbar, insbesondere in Zeiten der Krise, Zugang zu unseren Kirchen und Kapellen, zu den Sakramenten und zu öffentlichen Andachten und Gebeten zu haben“, schreibt Burke in einem Beitrag auf seiner Website. […..]

So ist es! Wer braucht schon Virologen, Intensivmediziner und Seuchenschutz?
Gebete sind die radikalste Form der Einmischung.

Aber nicht nur gegen Corona ist das Gebet die stärkste Waffe, sondern noch gegen eine viel schlimmere Sünde; nämlich die Transsexualität!

Damit kennt sich der Mann im purpurrotes Prachtkleid mit sechs Meter langer Schleppe, wallendem roten Umhang und begleitet von einem Baldachin, getragen von vier jungen Männern aus!

[….]  Kardinal: Gläubige müssen in Heilige Messen gehen, um Transsexualität zu bekämpfen
Katholiken dürfte der Zugang zu Gottesdiensten nicht verwehrt werden, weil sonst die "Gender-Theorie" gewinnt, warnt der emeritierte Erzbischof und Kurienkardinal Raymond Leo Burke. [….] Auch wenn der Covid-19-Virus wütet, sollten Katholiken weiterhin massenweise die Heilige Messe besuchen, unter anderem um Transsexualität zurückzudrängen. [….]
Messe-Besuche seien gerade jetzt wichtig, weil "unsere Populärkultur so weit entfernt ist von Gott". Als Beispiele nannte er Abtreibung und Sterbehilfe. Außerdem attackierte er die Gleichbehandlung von LGBTI: "Wir brauchen nur an die andauernden Angriffe auf die Integrität der menschlichen Sexualität denken, an unsere Identität als Mann und Frau." Man dürfe sich nur mit dem Geschlecht identifizieren, "das Gott uns gegeben hat", so Burke. "Mit noch größerer Sorge beobachten wir die verheerenden Auswirkungen auf Menschen und Familien durch die sogenannte Gender-Theorie." Seuchen seien Konsequenzen der Erbsünde und "unserer derzeitigen Sünden".[….]

Da das Gottesdienstverbot in Europa weitgehend aufrechterhalten wird, ist nach Corona also mit einer schweren Transen-Epidemie zu rechnen.
Gute heterosexuelle Männer werden ihre Frauen verlassen, zu Makeup und Ballkleid greifen.
Es ist ein Elend. Männer werden ihr eigenes Geschlecht negieren, andere Männer heiraten bis irgendwann nur noch ein kerniger Heterosexueller auf der Welt übrig ist: Leo Burke!




Montag, 23. März 2020

Wozu eigentlich sparen?


Wie die meisten meiner Schulfreunde hatte ich auch mit 16 mein eigenes Sparbuch auf der Bank.
Während einige schon regelmäßig neben der Schule Geld verdienten, beliefen sich meine Einkünfte weitgehend auf Taschengeld, das ich allerdings auch üblicherweise verprasste, sobald ich es bekommen hatte.
Das Sparbuch war eher für die außergewöhnlichen Eingänge, wenn man zu Weihnachten oder dem Geburtstag etwas bekommen hatte.
Mit den damals üblichen zehn Prozent Zinsen war dieses kleine blaue Büchlein eine tolle Sache. Insbesondere als ich mit 19, als ich schon studierte, für mich vollkommen überraschend eine fünfstellige Summe auf einen Schlag bekam, weil mein Mutter kurz nach meiner Geburt eine Ausbildungsversicherung abgeschlossen hatte, die über 18 Jahre lief und auch die ganze Zeit entsprechend verzinst wurde. Erstaunlicherweise hatte sie mir nie etwas davon gesagt und so staunte ich nicht schlecht, als aus heiterem Himmel mein Konto so angenehm aufgefüllt wurde. Inzwischen hatte ich zwar auch einen Job an der Uni und verdiente wie die meisten Studenten hier und da noch ein paar Mark dazu, aber die Sparbuchzinsen von diesem Versicherungsgeld waren außerordentlich hilfreich in meinem Alltag.

Woher die Zinsen eigentlich kamen; wer das Geld erwirtschaftete, das mir in den Schoß fiel, interessierte mich damals nicht.
Es war eine diese einfach nicht existenten Fragestellungen, von denen man sich heute nicht mehr vorstellen kann, wieso vor einem halben Jahrhundert niemand darüber nachdachte:

Haben Millionen Tonnen Kerosin, die in der Atmosphäre verbrannt werden, irgendwelche Folgen?
Ist es eigentlich unbedenklich, daß Juden, Amerikaner und Muslime ihren Söhnen einen Teil des Penis abschneiden?
Hört der Zinssegen auf dem Sparbuch eines Tages auf?
Gibt es eine dringende Notwendigkeit Scham- und Achselbehaarung penibel zu rasieren?
Können Kühe und Schafe das Klima kaputtfurzen?
Macht es irgendeinen Sinn, wenn jeder immer ein Telefon dabei hat und 24/7 erreichbar ist?

Inzwischen ist die Welt eine andere geworden.
Jeder 13-Jährige zupft sich akribisch die Haare vom Skrotum, tippt ununterbrochen auf seinem Klugtelefon herum, trennt Müll und weiß vermutlich nicht einmal was ein Sparbuch ist.

Nun heißt es Kapitalismus kaputt.
Wer heute eine große Versicherungssumme ausgezahlt bekommt und damit zur Bank geht, bekommt einen Hieb mit dem Nudelholz auf den Hinterkopf.
Wenn der nette Herr aus der Sparkasse überhaupt das Geld nimmt, ist es möglich, daß man zur Strafe zahlen muss.
Die günstigere Alternative ist es ein Bankschließfach für knapp 100 Euro im Jahr zu mieten, sein Geld in großen Scheinen dahinein zu legen und abzuwarten bis es weginflationiert wird.

Alles was Merkel und Schäuble in der 2008er Krise von der „schwäbischen Hausfrau“ erzählten; die wissenden Mahnungen der Porsche- und Jet-Besitzer Merz und Lindner an die Niedrigverdiener, das Geld müsse erst mal erwirtschaftet werden, sind zu hohlen Phrasen geworden.

Schulden sind etwas Gutes. Sie bringen die Wirtschaft in Schwung. Wenn Herr Scholz sich ein paar Hundert Milliarden leiht, bekommt die Börse vor Glück einen Eisprung. Endlich haben wenigstens ein paar Milliarden der weltweit umherschwirrenden Billionen ein Zuhause gefunden.

Sparen um des Sparens Willen ist geradezu kriminell.
Schon gibt es Befürchtungen, daß Milton Friedmanns Helikoptergeld, welches ausgerechnet die antisozialistische Trump-Administration möglicherweise auszahlt, gar nicht den gewünschten konjunkturbelebenden Effekt hat.
Ökonomen wollten mit so einer Maßnahme die Gefahr einer Depression abwenden. In einer Depression sinkt die Nachfrage unter das Angebot, so daß das Angebot aktiv verkleinert wird. Wirtschaftswissenschaftler fürchten dieses Szenario wie kein anderes, weil damit eine brutale Abwärtsspirale in Gang kommt.
Hätte jeder Verbraucher 1.000 Dollar extra, würde sie direkt in den Konsum gehen und somit die Nachfrage deutlich stärken, so daß wiederum die arbeitsplatzintensiven Produktionen und Dienstleistungen angekurbelt würden.
So denken sich das die schlauen Ökonomen in der Theorie.
Aber was ist eigentlich in Corona-Zeiten, wenn alle zu Hause sitzen und ihr Geld gar nicht ausgeben können, weil Reisen, Restaurantbesuche, Theatererlebnisse und Champagner-intensiver Spaß im Bordell verboten sind?

Das Geld muss raus, die schwarze Null muss weg.
Partiell wird das auch von konservativen Politikern vorausgesetzt.
Ich habe noch nie gehört, daß die Bürger aufgefordert wurden bei der heißgeliebten Autoindustrie zu sparen.

Bitte keine Mercedes-Limousinen und BMWs mehr kaufen, weil die zu teuer sind?
Keine PS-Starken Motoren mehr? Bitte keinen Schnickschnack in der Ausstattung. Hat Oondi Scheuer schon jemals damit gedroht teure Spielereien wie Regensensoren, elektrische Fensterheber, beheizte Sitze, Parkassistenten oder Alufelgen zu verbieten, weil wir als „schwäbische Hausfrauen“ sparen sollten und nicht mehr als unbedingt notwendig für die Autos ausgeben sollten?
Verlangt irgendein Auto-Lobbyist nur noch billige und zuverlässige Dacias und Ladas zu kaufen, weil die nur ein Zehntel des Anschaffungspreises kosten und nicht so wartungsintensiv sind?

Nein, das wird nicht gefordert, weil die Automobilindustrie Arbeitsplätze, Wirtschaftswachstum und Steuereinnahmen bringt.
Je mehr Geld für Autos rausgehauen wird, desto besser.
Es ärgert Lobbyisten wie Matthias Wissmann und Hildegard Müller sehr, daß man den Deutschen keine Mindestmotorleistung von 200 kW vorschreiben kann, weil diese blöde Greta immer vom Klima redet.

Während aber Luxusautos tatsächlich sinnlos sind, weil ein Lada genauso den Zweck erfüllt von A nach B zu fahren wie ein Bentley, gibt es bessere Wege dem Luxus zu frönen.
Kauft Euch eine wunderbare mechanischen Armbanduhr für einen fünf- oder sechsstelligen Betrag. Sie ist zwar auch sinnlos, weil jedes Klugtelefon ebenfalls die Zeit anzeigt, aber ihre Schönheit tut im Gegensatz zu Autos niemand weh. Es ist reine Mechanik, die nicht die Umwelt zerstört und hochwertige Arbeitsplätze schafft. Eine Patek oder Rolex produziert auch keinen Abfall und ist ewig haltbar. Die können noch die Urenkel tragen.

Noch besser als eine Uhr und sehr viel besser als ein BMW wäre es viel Geld in die Gesundheit zu investieren.
Ein sehr teures Gesundheitssystem ist gut!
Das ist ein nachhaltiger, sinnvoller und notwendiger Wirtschaftszweig, der sehr viel gut bezahlte Arbeitsplätze generiert und den Menschen hilft.
Es gibt keinen Grund alle Profite den Pharmakonzernen und Medizintechnikherstellern zu überlassen. Diese verschieben die Milliarden in Steueroasen. Der arme reiche Bernd Broermann hat mit seinen Hamburger Asklepioskrankenhäusern, die er vom Beust-Senat auf Kosten der Allgemeinheit geschenkt bekam, so viele Milliarden verdient, daß er gar nicht mehr weiß wohin damit und wahllos anfängt Luxushotels aufzukaufen.
Aber pumpt das Geld in die Gehälter, in neue Intensivplätze, in Pflege und Betreuung, in Patientensicherheit und Hygienemaßnahmen, in Ausbildung und Forschung.

[….] „Es ist unverantwortlich, angesichts der Covid-19-Krise an den Fallpauschalen zur Finanzierung der Krankenhäuser festzuhalten. Die Fallpauschalen sind hauptverantwortlich für die jetzige Misere in den Kliniken. Pflegenotstand, Personalmangel, wenig Bevorratung sowie fehlende Betten- und Laborkapazitäten sind Ergebnis des Kostendrucks, dem die Krankenhäuser seit über 15 Jahren ausgesetzt sind“, erklärt Harald Weinberg, krankenhauspolitische Sprecher der Fraktion DIE LINKE, zum heute vom Bundeskabinett beschlossenen Covid-19-Krankenhausentlastungsgesetz. Weinberg weiter:
 „Gesundheitsminister Spahn bricht sein Versprechen gegenüber den Krankenhäusern, dass kein Haus durch Covid-19 ins Defizit rutschen werde. Statt den Kliniken jetzt Sicherheit zu geben, dass sie sich ohne finanzielles Risiko der Epidemie stellen können, lässt Spahn wirtschaftliche Fehlanreize bestehen. Jedes einzelne Krankenhaus muss nun selbst betriebswirtschaftlich abwägen, ob sich Engagement gegen Corona lohnt oder nicht – das ist wahnwitzig.
Der logische Schritt wäre ein echter ‚Schutzschirm‘, also die Zusage, den Krankenhäusern befristet für die Zeit der Epidemie ihre gesamten Kosten zu erstatten. Dafür müssten die Fallpauschalen ausgesetzt und die Kosten am Ende spitz abgerechnet werden. Andernfalls wird es bei den Krankenhäusern Krisengewinner und Krisenverlierer geben. Das ist in einer Zeit, in der größtmögliche gesellschaftliche Solidarität notwendig ist, das vollkommen falsche Signal.“ […..]

Sonntag, 22. März 2020

Die Gelegenheit


Als ich im zarten Alter von neun Jahren aufs Gymnasium kam, war ich etwas überwältigt und eingeschüchtert von der Größe der Schule. Fünf Parallelklassen mit jeweils knapp 40 Schülern.
Alles anderen kamen mir selbstbewußter vor.
Die vielen verschiedenen Lehrer irritierten mich. In der Grundschule hatte uns ausschließlich die liebe Frau Kastermann in allen Fächern unterrichtet; aber nun kamen stündlich Andere. Als schüchternes Kind konnte ich mich schlecht auf so viele unterschiedliche Unterrichtsstile einstellen.
Aber die neuen Fächer begeisterten mich. Am Liebsten mochte ich zunächst Erdkunde, Geschichte und Biologie, weil das vermutlich am meisten meine Phantasie anregte. Umso trauriger war ich, als in der sechsten Klasse schon wieder ein neuer Lehrer kam; der Griesgram Herr Fassberger übernahm Biologie und Erdkunde, ließ dauernd Teste schreiben. Keine Woche verging, in der wir nicht auf diesen herrlich duftenden Lila Matrizen Blindkarten mit sowjetischen Flüssen, chinesischen Bergen oder südamerikanischen Städten beschriften mussten.
Diese Form des Auswendig-Lernen-Unterrichts ist heute offenbar weitgehend abgeschafft, weil man das Gelernte nicht behält.
Ich mochte Herrn Fassberger nicht besonders gern, weil er streng war, nicht leicht gute Noten vergab und mich außerdem einmal vor der ganzen Klasse als „unser kleiner Picasso“ vorstellte, als wir als Hausaufgabe ein Pantoffeltierchen malen sollten.
Ich kannte durch meinen Vater Picasso-Bilder und war daher nicht sicher, ob das nun ein Lob sein sollte, oder eher versteckte Kritik.
Seine Unterrichtsmethoden mochten antiquiert wirken, aber er konnte sehr eindringlich erzählen.
Die Namen russischer Flüsse lernte ich nicht nur für die berüchtigten Blinkarten-Tests, sondern auch weil Fassberger mehrere Jahre in sowjetischer Kriegsgefangenschaft war und außerordentlich anschaulich von der Natur dort berichtete. Unsere damals modernen Moonboots – zu meiner Schulzeit gab es jeden Winter Schnee – verachtete er, weil darin die Füße nicht durchblutet würden. In Sibirien trage man nur Filzpantoffeln, durch die der Fuß jede Unebenheit des Geländes mitmache und ständig massiert werde.
Das leuchtet mir bis heute ein und ich bilde mir ein daher auch heute noch im Winter keine halten Füße zu bekommen, weil ich zwar nicht in Filzpantoffeln, aber doch in sehr elastischen Schuhen mit dünnen Sohlen rumlaufe.
Die Welt der Zellen, Bakterien und Pantoffeltierchen beschrieb er ebenso plastisch wie seine Naturerlebnisse in Sowjetgefangenschaft.
In jeder Unterrichtsstunde kam einmal sein running-gag, in den wir schon alle einfielen: „Und deswegen gebe ich niemals jemand meine Hand – das ist beste Bakterienübertragungsweg überhaupt!“
Hände geben ist ekelhaft. Wozu soll ich den Handschweiß fremder Menschen abreiben?
Als Erwachsener wurde ich echter Sozialphobiker und überlegte mir Strategien den bei vielen Menschen obligatorischen Begegnungsbegrabbeln zu entgehen.
Hände schütteln, Umarmen, Abküssen? Was soll das überhaupt, fragte auch Bill Maher als er sich am Freitag, den 13. über den neuen Europäischen Trend des Ellbogen-Kickens lustig machte. Warum muss man sich gegenseitig überhaupt anfassen, wenn man sich trifft – to verify the other one is not a ghost?


 Das kontaktlose Hamburger „Moin“ wäre eine Möglichkeit für die Zukunft; mir gefällt auch die angedeutete japanische Verbeugung.
Aber bitte lasst uns auch nach Corona nicht zu den haptischen Klebe-Varianten der Begrüßung zurückkehren!

Der gegenwärtige weltweite Shutdown könnte Gelegenheit dazu sein ein paar der widerlichsten Fehlentwicklungen der modernen Industriegesellschaften zu korrigieren.

Lufthansachef Carsten Spohr hatte sich selbst noch vor zwei Jahren großzügig eine Millionen Euro Erfolgsprämie bewilligt, nachdem er die 700 Spezialisten der Lufthansa-Technik gefeuert hatte und die Ingenieurskunst nach Rumänien und auf die Philippinen auslagerte.
Das Geld sollte zukünftig im Luxusreise-Geschäft verdient werden. Auch die Cargo-Flotte plante er abzustoßen. Alles sollte der Götze „Profit“ untergeordnet werden.

[……] Was nicht zum Renditeziel des Chefs passte, sollte abgestoßen werden, etwa die Cateringsparte LSG. Das Passagiergeschäft unter der Marke "Lufthansa" wollte Spohr abkoppeln und in eine Stiftung überführen, damit sich auch ausländische Investoren leichter an der Lufthansa beteiligen könnten. Aus rechtlichen Gründen ist das bislang nur bedingt möglich. Spohr erwog sogar einen Teil-Börsengang der Lufthansa-Technik.
Nur eine Sparte kam schlecht weg: die Frachttochter Lufthansa Cargo. Dort war angedacht, eine komplette Führungsebene bis hin zum Vorstand zu streichen. Ausgerechnet dieser Ableger entpuppt sich in der Krise als Rettungsanker. Jede Führungskraft dort wird nun dringend gebraucht. [….]
(DER SPIEGEL, 21.03.2020)

Tja, so schnell kann es gehen: Alles, was sich der geldgeile Vorstand ausdachte, der horrende Dividenden an die Aktionäre zahlte, ist Makulatur.
Von den 763 Jets des Lufthansa-Konzerns sind 700 stillgelegt. Es gibt de facto keinen Tourismus mehr. Aber die fast schon verscheuerten Cargo-Jets braucht man nun dringend, um die benötigten Hygieneartikel und Medikamente aus Asien zu holen.

Auch das sollte Beispiel geben: Massentourismus zerstört Umwelt und Klima.
Die Menschheit darf auch nach Corona nicht wieder nach Belieben Milliarden Tonnen Kerosin in die Atmosphäre blasen – nur aus persönlicher Lust.
Schluss mit dem Fernreise-Tourismus. Entweder man nimmt die Bahn oder bleibt zu Hause.
Interkontinantalreisen müssen mit Kontingenten drastisch eingeschränkt werden.
Vorstellbar wäre ein System, nach dem jeder Erdenbürger jährlich ein bestimmtes Flugmeilenkontingent zugeteilt bekommt. 100 Meilen zum Preis von 100 Euro beispielsweise. Wer länger fliegen will, muss Menschen finden, die nicht fliegen und sie auszahlen.

Der absolute ökologische Irrsinn sind Kreuzfahrten. All die 400 m langen, 70 m hohen Giganten für 6.000 Passagiere und 4.000 brutal ausgebeutete Arbeitssklaven unter Deck.

[….] Der Nabu rechnet vor (PDF), dass ein Kreuzfahrtschiff pro Tag so viel CO2 ausstösst wie fast 84.000 Autos, so viel Stickoxide wie etwa 421.00 Autos, so viel Feinstaub wie etwa über 1 Million Autos und so viel Schwefeldioxid wie gut 376 Millionen Autos.
Die Deutsche Lungenstiftung warnte daher schon vor Jahren: „Lungenkranke, die sich auf eine Kreuzfahrt begeben, sollten sich vor den Abgasen des Schiffes in Acht nehmen.“ [….]
Kreuzfahrtschiffe fahren mehrheitlich mit Schweröl und verbrauchen davon täglich im Schnitt 150 Tonnen. Schweröl ist stark umwelt- und gesundheitsschädlich und deswegen an Land verboten, denn das giftige Abfallprodukt der Petrochemie enthält 3.500 mal mehr Schwefel als auf Europas Straßen für PKW erlaubt wären. […..]

Weltweit gibt es etwa 6.500 Passagierschiffe. Davon sind 500 Kreuzfahrriesen.
500 mal 150 Tonnen = 75.000 Tonnen Schwerölverbrauch pro Tag.
Das entspricht 27.375.000 Tonnen im Jahr.
27 Millionen Tonnen giftiges Schweröl werden jährlich für betrunkene, reiche Kreuzfahrtouristen in die Luft geblasen?
Schluss mit dem Irrsinn. Kein Bailout für Kreuzfahrtreedereien. Alle 500 Schiffe für immer stilllegen.


Außerdem sollten Pharmalobbyisten des Schlages Jens Spahn lernen, daß endlich Krankenschwestern und Altenpfleger nicht mehr wie notleidenden Hiwis bezahlt werden dürfen.
Ich fordere eine Gehaltssteigerung für das gesamte nicht-ärztliche Personal im medizinischen und Altenpflegebereich um 300%.

Das würde den Beruf sehr viel attraktiver machen, für Nachwuchs in dem Bereich sorgen, den Pflegenotstand beenden, die Kapazitäten der Krankenhäuser verbessern und außerdem wäre es gleichzeitig ein Konjunkturprogramm, weil diese Menschen das zusätzliche Geld auch ausgeben und so Nachfrage entsteht.
Ein Chefarzt oder Pharmavorstand, der eine Million und mehr verdient, kurbelt hingegen mit zusätzlichen Einkommen nicht die Wirtschaft an, weil er nicht mehr essen oder ins Kino gehen kann. Er wird eher die Millionen in Steueroasen schleppen oder findige Berater engagieren, die Anlagen auf Kosten der Allgemeinheit aussuchen.

Nach Corona ist vor Corona. Wir sollten unbedingt die Gelegenheit nutzen, die Weltwirtschaft und das Leben in den Industrienationen dauerhaft drastisch umzukrempeln, statt möglichst schnell wieder in den alten Trott zu verfallen und all Fehlentwicklungen neu zu befeuern.