Donnerstag, 27. September 2018

Extreme Heulerei


Man kann die Bedeutung eines ultrakonservativen Richters am Supreme Court of the United States (SCOTUS) gar nicht unterschätzen.
Brett Kavanaugh ist 53 Jahre alt und würde mutmaßlich noch mehr als 30 Jahre die US-Politik ganz wesentlich prägen!
Eine konservative Richtermehrheit sorgte beispielsweise dafür, daß George W. Bush überhaupt US-Präsident wurde.
Im Jahr 2018 ist die Personalie Kavanaugh noch viel wichtiger, weil:

·        Sich das Zeitfenster für eine republikanische Senatsmehrheit vermutlich bald schließt – am 06.11.2018 sind die Midterms

·        Der US-Präsident selbst schwerwiegend angeklagt wird. Sonderermittler Mueller trägt die Fakten zusammen und da könnte der SCOTUS durchaus entscheidend Trumps Zukunft bestimmen. Auch in der Frage, ob Trump privat angeklagt wird nach seinem Ausscheiden aus dem Amt, wenn er keine Immunität mehr genießt

·        Dieser Kandidat ganz im Gegensatz zu dem halbwegs moderaten Personalvorschlag Barack Obamas, nämlich Merrick Garland, der den konservativen Supreme Court Richter Antonin Scalia ersetzen sollte, keineswegs auf Ausgleich bedacht ist, sondern knallhart die rechtsextremste Position bezieht.

In Trumpmerika ist die Moral so weitgehend zerstört, daß man auch einen Serienvergewaltiger als höchsten Richter benennen will.
Der Präsident prahlt davon Pussies anzugrabschen, wurde von zwei Dutzend Frauen der sexuellen Angriffe beschuldigt und unterstützt einen mutmaßlichen Kinderschänder als Senator von Alabama.

Das Opfer wird heftig angegriffen.

[…..] Drei Frauen werfen Kavanaugh inzwischen vor, sie als Schüler oder Student sexuell belästigt, genötigt oder regelrecht attackiert zu haben. Ford war die erste dieser Frauen, und ihre Vorwürfe gegen Kavanaugh sind die am besten belegten. Die Amerikaner kennen Fords Geschichte bisher nur aus den Medien, am Donnerstag aber erzählte sie diese Geschichte der ganzen Nation live im Fernsehen. "Ich bin heute nicht hier, weil ich hier sein möchte", sagte Ford. "Ich habe Angst. Ich bin hier, weil ich es für meine Bürgerpflicht halte, zu erzählen, was mir passiert ist, als Brett Kavanaugh und ich in der Highschool waren."
[…..] Kavanaugh habe sie auf einem Bett festgehalten und versucht, sie zu vergewaltigen. Als sie schreien wollte, habe er ihr den Mund zugehalten. "Ich konnte kaum atmen, und ich dachte, dass Brett mich versehentlich töten würde." Ford konnte sich damals befreien. Doch nach eigenen Angaben leidet sie immer noch an dem Trauma, das sie erlitten hat.
Sie habe Angstzustände und Klaustrophobie, sagte sie. Und bis heute, so erzählte Ford den geschockten Senatoren, könne sie sich an das besoffene Gelächter ihrer Peiniger erinnern. Zwei Jungs, die offensichtlich "großen Spaß hatten".
Er hat versucht, mich zu vergewaltigen, und er hätte mich beinahe umgebracht - das ist der Kern dessen, was Ford den Senatoren über den präsumtiven Verfassungsrichter Brett Kavanaugh zu sagen hatte. [….]


Die gegenwärtige Senatsanhörung zeigt ganz eindeutig, daß Richter Kavanaugh gar nicht daran denkt die Senatoren respektvoll als diejenigen zu behandeln, die ihm einen Job geben, gar nicht erst so tut, als sei er neutral, sondern die demokratischen Senatoren aggressiv angreift.

Diese hochaggressive Abwehr ist ganz offensichtlich darauf gerichtet Trump zu beeindrucken und nicht etwa einen guten Eindruck vor dem US-Senat zu machen.
Der demokratische US-Senator Dick Durbin aus Illinois schlug vor, Kavanaugh möge sich zum Justiziar des Weißen Hauses Don McGahn umdrehen und um eine FBI-Untersuchung bitten, wenn er so sicher sei unschuldig zu sein. Er tat das aber nicht, redete sich raus. Er musste auch nichts tun, weil anschließend wieder ein Republikaner an der Reihe war. Diesmal Lindsey Graham aus South Carolina, der wie ein Wahnsinniger die Demokraten angriff, das sei alles CRAP und unethical sham.


Natürlich sind Vergewaltigungsvorwürfe immer extrem schwer nachzuweisen, aber in diesem Fall wird das auch gar nicht erst versucht.
Die eine Hälfte der Senatoren greift das mutmaßliche Opfer an und bepöbelt die anderen, während die so Angegriffenen sich auf den mutmaßlichen Täter konzentrieren.
Die Fakten spielen fast gar keine Rolle mehr; es findet eine rein parteipolitische Schlammschlacht statt.

Die versuchte Vergewaltigung von Prof. Ford fand durch zwei Teenager statt  - Kavanaugh und seinen Freund Mark Judge.
Daß die Republikaner Herrn Judge nicht als Zeugen vor Ort haben wollen, ihn irgendwo verstecken, spricht Bände.

Was auch immer 1982 genau vorgefallen ist – sollten sich die Republikaner wirklich über alle Vergewaltigungsvorwürfe hinwegsetzen, setzt das natürlich ein Zeichen an alle Frauen.

[…..] We’re on the front lines of the fight to keep Brett Kavanaugh off the Supreme Court because we know that if confirmed, he will not just send a message that sexual violence is rewarded with power; he will also roll back rights that women have worked for a generation to secure. [….]

Amerika ist nicht nur nicht mehr das demokratische Vorbild für die Welt, sondern eher abschreckendes Beispiel. Demokratie kaputt.
Die USA sind ganz ganz unten angekommen. Eine einzige Schande.
Anderthalb Jahre Trump haben wie rasant streuende Tumore gestreut.

Das mächtigste Land der Erde ist so eine Ausgeburt der Lächerlichkeit, daß ich mich über gar nichts mehr wundere.
Auch nicht, daß christliche Gruppen in den Vereinigten Staaten verbreiten, ein „30-Ft Demon In Senate“ verhindere die Ernennung des ultrakonservativen, christlichen Richters.

[….] Judge Brett Kavanaugh is in the battle of his professional career. And it seems every devil in hell is opposing him. Apostle Jonathan Stidham contacted me about a vision he had that I feel is important to share with the body of Christ right now. Here is his account:
On Sept. 24, 2018, while praying about this hot-button political issue, I had an open vision. In the vision, I saw a horse with the letter “K” shaved in its hair cross the finish line. I saw a Supreme Court justice robe and gavel of supreme judiciary authority being handed to Kavanaugh. The Lord told me that Judge Brett Kavanaugh lives pure and fears Him.
It is the will of the Lord for Brett Kavanaugh to judge this land, and the opposition is fierce. In the vision, I saw a demonic spirit nearly 30 feet tall standing in the Senate chambers. I asked the Lord, “What am I seeing?” The Lord replied “This is the spirit that is wrestling against Judge Kavanaugh’s purpose and destiny.” […..]

Mittwoch, 26. September 2018

Gute Konservative


Das hat schon was – Trump, der Typ, der seit 2016 täglich seinen Fans einbläut, der Rest der Welt lache über die USA, weil die bisherigen Präsidenten so schwach wären, macht sich in Rekordzeit zum internationalen Deppen und schafft es sogar von der UN-Vollversammlung kollektiv ausgelacht zu werden.


 Und Nikki Haley, seine UN-Botschafterin legt noch einen drauf, indem sie ernsthaft behauptet, die Welt lache nicht über ihn, sondern mit ihm.

 [….] U.S. Ambassador to the United Nations Nikki Haley on Wednesday claimed President Donald Trump’s speech at the United Nations General Assembly on Tuesday drew laughter because world leaders “loved his honesty” and “respect” him.
“In less than two years, my administration has accomplished more than almost any administration in the history of our country,” Trump said to the assembly in New York, which responded with muted laughs.
“So true,” Trump said with a smirk, which in turn raised the volume of the laughter in the General Assembly hall. [….]

Genau, der Rest der Welt liebt Trumps Ehrlichkeit.

[…]  President Trump has made more than 5,000 false or misleading claims
[…]  In that single day, he publicly made 125 false or misleading statements — in a period of time that totaled only about 120 minutes. [Ich bin beeindruckt! –T.]   It was a new single-day high. […]  Trump’s tsunami of untruths helped push the count in The Fact Checker’s database past 5,000 on the 601st day of his presidency. That’s an average of 8.3 Trumpian claims a day, but in the past nine days — since our last update — the president has averaged 32 claims a day. [….]

Ein derartig geistesgestörter Irrer hat aber eben auch den Vorteil dem Rest der Welt klar zu machen, daß man die USA nicht mehr ernst nehmen kann und nun selbst das Heft des Handelns in die Hand nehmen muss.
Leider haben wir in Deutschland keine handlungsfähige Regierungschefin, aber ein paar andere Nationen gehen voran.
So wehrt sich Präsident Macron gegen Trump und ruft offensiv dazu auf künftige Handelsabkommen nur noch mit Nationen, die das Pariser Klimaschutzabkommen ratifiziert haben, zu schließen.

Wenn sich Rechte so grottendämlich anstellen wie Trump, erreichen sie mitunter nicht nur gar nichts, sondern befördern Widerstand und nützen ihren Gegnern.

Einen solchen Werbedienst erwies der große Papst Benedikt, Chef von 1,3 Milliarden Katholiken beispielsweise 2012, als er persönlich das Titanic-Magazin – Auflage 70.000 Hefte pro Monat – verklagte.

Eine bessere Werbung hätte es für die Frankfurter gar nicht geben können. Die Auflage ging durch die Decke, sofort musste eifrig nachgedruckt werden, weil Ratzi in seiner vollen Dämlichkeit das beanstandete Titelbild weltweit bekannt gemachte hatte, statt es wie beabsichtigt aus dem Verkehr zu ziehen.

Allerdings können Protestanten genauso verblödet sein. Das bewies Margot Käßmann im Jahr 2007.

(….) Käßmann kann aber auch richtig dumm - wie sie in der causa „Madonna“ bewies, als sie sich wie Hein Doof in der Marketing-Maschine der Groß-Sängerin verhedderte:
Während der vorletzten Madonna-Europa-Tournee konnte die Bischöfin kein Mikrofon auslassen und musste permanent ihren Senf zur Show abgeben.
Das ist an sich schon lächerlich und offenbart nur ihren Neid auf die ungleich erfolgreichere Kollegin, aber vor allen geht sie damit dem ältesten Madonna-Trick überhaupt auf dem Leim: Madonna hat immer Grenzen überschritten und genau so viel provoziert, bis die religiösen Eiferer zum Boykott aufriefen und damit den CD-Verkauf anheizten.
Nur Frau Käßmann hat es nach einem Vierteljahrhundert immer noch nicht begriffen.

Ich zitiere:
„Mich empört ihre (Madonnas, Red) anmaßende Selbstinszenierung, sich an die Stelle Jesu zu setzen. Das Kreuz ist für alle Christen das zentrale Symbol für das Leiden und Sterben Jesu. ... Es ging ihr um eine spektakuläre Bühnenshow, mit der sie 200 Millionen Dollar verdient hat, wie es heißt. ... Die arme Madonna! Sie sagt doch, sie sei tief religiös! Ich denke, Madonna hat das alles wenig interessiert. ...“
(Plappermäulchen, 27.12.2009)

Absolut großartig auch, wie die katholische Kirche einst half den expressionistischen Maler Max Ernst (1891-1976) weltberühmt zu machen.
Nachdem ihn die Nazis als „entartet“ brandmarkten, übernahm nach dem Krieg nahtlos die katholische Kirche seine Verdammung.
Insbesondere das Gemälde Rückkehr der schönen Gärtnerin brachte sie in Wallung. Hitler hatte das Original zerstören lassen, aber Ernst malte es in den 1960ern neu.
Bekanntlich sah die RKK bis heute nie einen Grund den Katholiken Adolf Hitler zu exkommunizieren.
Bei Ernst legten sie andere Maßstäbe an.

 [….] ERNST: Ja, und ich bin dann in Köln exkommuniziert worden
SPIEGEL: Nachdem Ihr Vater Sie verflucht hatte.
ERNST: Der hatte mich sowieso schon mehrmals verflucht. Aber dann war eine Katholikenversammlung im Gürzenich in Köln, und da hat ein Repräsentant des Erzbischofs eine Rede über diesen Sittenverfall gehalten und am Ende erklärt: "Der Maler Max Ernst ist aus der Kirche ausgeschlossen, und ich rufe die Versammlung auf zu einem dreimaligen "Pfui." Da haben die dreimal pfui gerufen, und damit war ich aus der Kirche ausgeschlossen. [Das Gute an der Kirche ist, daß sie so gar nicht lächerlich wirkt – T.] Das hatte noch ein Gutes: Meine jüdische Frau in Köln -- die Scheidung kam kurz hinterher -- beklagte sich andauernd, daß sie für mich noch Kirchensteuer bezahlen mußte, und drängte mich, aus der Kirche auszutreten. Nun kam das ganz von selbst, [….]

Den Bischof kennt heute keiner mehr. Ernst ist immer noch ein Superstar.

Auch der einstige Bundestagspräsident, CDU-Rüpel Philipp Jenninger, hatte Schwierigkeiten seine eigenen braun-schwarzen Überzeugungen vom Nationalsozialismus abzugrenzen. Nach einem Abgrund von Peinlichkeit, als er 1988 Hamburgs Ehrenbürgerin Ida Ehre im Bundestag beleidigte, musste er zurücktreten.

Vorher hatte er in seinem konservativen Wahn aber immerhin dem damals schwer verschuldeten SPD-Plakatkünstler Klaus Staeck aus der Patsche geholfen, indem er wie Ratzi und Kässi fleißig Werbung für ihn machte.
Um 1970 saß der damalige Fluxus-Künstler auf einem Schuldenberg von für die damalige Zeit ungeheuerlichen 250.000 DM.
In den 1970er Jahren hassten die jungen CDU-Männer den SPD-Aktivisten so sehr, daß sie ihm die Scheiben seiner Galerie einwarfen und ihn immer wieder bedrohten.

[….] SZ: Wie bedroht waren Sie?
 Staeck: [….] Im Archiv habe ich eine Kiste voll mit Hass- und Gewaltfantasien stehen.
SZ: Wann war die wilde Zeit?
Staeck: Die Jahre um den »Bonner Bildersturm« vom 30. März 1976. Auf Einladung des SPD-Politikers Volker Hauff zeigte ich in der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft Arbeiten von mir. Leicht alkoholisierte Abgeordnete von CDU und CSU unter Führung des späteren Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger bildeten eine Art Rollkommando, rissen meine Plakate von den Wänden und trampelten darauf herum. Einer von ihnen schrie: »Nächstens lässt der seine Hose runter und zeigt seinen nackten Hintern und sagt, das wäre Kunst!« Die Ausstellung wurde noch am selben Abend geschlossen. Ein österreichisches Fernsehteam hat diesen Anschlag auf die Meinungsfreiheit dokumentiert. Franz Josef Strauß setzte noch einen drauf und beschimpfte meine Arbeit als »politische Pornografie«. Ich war tief erschrocken, dass so etwas unter zivilisierten Leuten möglich ist.
SZ: Haben Sie im Souterrain Ihrer Seele nicht auch triumphiert, weil Sie begriffen, dass es eine bessere Werbung für Ihre Sache gar nicht geben konnte?
Staeck: Dass das die größte Public-Relations-Aktion meines Lebens war, ist mir erst später bewusst geworden. In den Tagen danach habe ich mehr als 500 Zeitungsartikel gezählt, von der New York Times bis zur Prawda. Es gab mehr als tausend Solidaritätsausstellungen. Den Bilderstürmern von der CDU schickte ich eine Rechnung über meine zerstörten Plakate. Als Jenninger die zehn Mark nicht bezahlte, zog ich vor Gericht. Per Versäumnisurteil und Vollstreckungsbefehl war er am Ende gezwungen, 153 Mark zu zahlen. Sie können so viele Plakate von mir abreißen, wie sie wollen, aber sie müssen sie bezahlen. [….]

Heute ist der Beuys- und Warhol-Verleger Staeck übrigens sehr wohlhabend.
Jenninger ist tot.

Dienstag, 25. September 2018

Wir stecken fest


Die Analyse des Ist-Zustands dieser Regierung exakt ein Jahr nach der Bundestagswahl 2017 ist leicht. Sacharbeit, Koalitionsvertrag sauber umsetzen, fleißige Minister – all das reicht eben keineswegs, weil die Stimmung unfassbar mies ist. Dank der drei Parteichefs.

[….] Horst Seehofer ist außer Rand und Band. Angela Merkel guckt nur noch zu. Und Andrea Nahles ist schlicht überfordert. Sie hat erst einen Fehler gemacht - und als sie ihn korrigieren wollte, noch einen. Es reicht jetzt. Diese Regierung ist am Ende. Sie sollte abtreten. [….]

Soweit der entrüstete SPIEGEL-Kolumnist, der meinen Einwand von der zu erwartenden enorm gestärkten AfD vom Tisch wischt.

[….] Also Neuwahlen! Aber der Ruf nach Neuwahlen wird heute mit der Warnung vor der AfD beantwortet. Es heißt, die Partei werde durch Wahlen nur noch stärker. Das ist das traurigste Argument von allen - und das dümmste. Im Jahr 2013 erreichte die AfD 4,7 Prozent und die SPD 25,7. Heute liegt die AfD in Umfragen bei 18 Prozent und die SPD bei 17. Damit wäre die AfD die zweitstärkste deutsche Partei. Wenn die AfD so stark werden konnte, sollte das sogenannte Establishment über die Gründe nachdenken - und nicht einfach weitermachen wie bisher. […..]

Ein trauriges Argument fürwahr, aber nicht dumm, sondern bittere Realität!

In dieser absurden Situation, daß sich ausgerechnet die FDP als Totalverweigerin inszeniert und die Fraktionsvorsitzende der Linken sich persönlich daran macht die Linke zu zerschlagen und aufzuspalten, kann eine völlig inhaltslose AfD, die sich darauf beschränkt xenophobe Stimmungen anzuheizen tatsächlich entspannt zurückgelehnt beobachten, wie Union, SPD und Linke Wahlkampf für sie machen.
Die Nazis sind im Osten bereits Volkspartei.
Man mag sich gar nicht vorstellen wie Thüringer oder Sachsen wählen würden, wenn es dem Land ökonomisch nicht so ausgesprochen glänzend ginge wie jetzt.

[….]  Es lagern keine Migranten in Zelten auf den Straßen wie in Paris, im Kabinett sitzen keine Rechten wie in Italien und das politische Personal ist nicht so planlos wie in London. Wer durch eine deutsche Innenstadt flaniert, muss fürchten, von panischen Arbeitgebern auf der Suche nach Mitarbeitern belästigt zu werden. Sämtliche Plagen der letzten Dekaden, noch meiner Studienjahre sind verschwunden: Niemand fürchtet die Machtübernahme durch die Roten, die Energie wird uns nicht ausgehen, die Arbeitslosigkeit ist gering, viele Krankheiten sind besser zu behandeln und die Gesellschaft ist offener. Jede und jeder können eigentlich treiben, was sie wollen. Und auch die Zahlen sind exzellent. [….]

Es sind die handelnden Personen an der Spitze, die den Frust verursachen.
Heute zeigte sich das deutlicher denn je, als die Unionsfraktion im Bundestag, die normalerweise als devoter Kanzlerwahl fungiert, dem CSU-Chef, der CDU-Chefin und dem CSU-Landesgruppenchef, indem sie Volker Kauder, den großen Hecker&Koch-Waffenlobbyisten und Merkel-Intimus den Mittelfinger zeigte.
Gegen den ausdrücklichen Willen Seehofers und Merkels ist nun also Ralph Brinkhaus, der biedere katholische Steuerberater aus Ostwestfalen neuer starker Mann der CDU/CSU.
Spätestens jetzt wird auch Frau Merkel einsehen, daß es eine verdammt schlechte Idee war 2017 zum vierten mal als Kanzlerkandidatin anzutreten.
Auch sie, die angeblich so nüchterne Analytikerin erlag dem Fehlschluss so vieler Mächtiger, daß sie sich ein Zukunft ohne sich selbst gar nicht mehr vorstellen konnte.
Natürlich könnte Deutschland auch mit einem anderen Kanzler weiterexistieren, aber nach 12 Jahren als Kanzlerin verwuchsen offenbar in Merkels Vorstellung Amt und Person. Sie hielt sich für unersetzbar und muss nun genau das erleben, was die über viele Jahre so unumstritten herrschenden Kohl, Stoiber, Seehofer erlebten: Völlige Erosion der eigenen Autorität.

Allein, diese Erkenntnis nützt ihr heute auch nichts mehr. An wen sollte sie übergeben?
Und welche Partei könnte die Groko platzen lassen, ohne durch den destruktiven Akt erhebliche Nachteile bei Neuwahlen zu verursachen?
Und mit welcher Perspektive sollten neue Wahlkämpfer für sich werben, wenn alle Umfragen ohnehin nur das hergeben, was schon 2017 zur Auswahl stand: Ampel oder Groko. Bestenfalls. Es könnte auch angesichts einer 20%-AfD zur totalen Blockade kommen.
Ich bestreite ausdrücklich, was so viele Kolumnisten heute schreiben: Die Bürger hätten genug von der Groko.
Es wird dabei immer noch fahrlässig geringgeschätzt, daß diese Groko durchaus arbeitet und dabei auch geschätzt wird.
Diese Nase voll hat man hingegen von den Führungs-Flitzpiepen Nahles, Merkel, Seehofer, Dobrindt, Schäuble. Es müssen unbedingt einige dieser seit vielen Jahrzehnten in der ersten Reihe sitzenden Apparatschiks abtreten. Selbst wenn sie etwas völlig richtig machen, nützt es ihnen nichts mehr, weil sie nur noch negativ konnotiert werden. Man muss nur den Namen „Nahles“ erwähnen und schon winken die Menschen entnervt ab.
Das ist partiell ungerecht, weil sie gar keine Chance hat es besser zu machen. Aber es ist auch nicht zu ändern. Ein politisches Reset gibt es nicht durch das Platzenlassen dieser Groko, sondern durch tabula rasa der Führungsebene.

[….] Merkel, Nahles und Scholz finden keine Sprache und keinen Sound, der noch zu vernehmen wäre.
[….] Per Umfrage werden Probleme erkannt, die Schritt für Schritt gelöst werden. Aber das ist für ein großes Land zu wenig. Die am besten ausgebildete, gesündeste und fitteste Bevölkerung, die Deutschland je bewohnte, wird zugleich über- und unterfordert. Einerseits sind die Lasten ungleich verteilt: Deutsche Einheit, Agenda 2010 und die Bankenrettung wurden zum großen Teil von Löhnen und Gehältern bezahlt. Die Wirtschaft gedeiht, aber viele Arbeiter und Angestellten müssen rechnen, um über die Runden zu kommen. Die Löhne sind zwar etwas angestiegen, aber die Kosten umso mehr. In der kühlen Welt der Spiegelstrichaufzählungen sind die Deutschen wohlhabend und sicher, aber sie fühlen sich nicht so. [….]  Längst ist klar, dass der Krieg gegen Drogen verloren ist, aber Justiz, Polizei und Verbraucher werden wegen dieser irren Ideologie unnötig belastet. Die großen Digitalunternehmen bedrohen gleich doppelt unsere offene Gesellschaft: Einerseits, indem sie ein egoistisches Menschenbild nutzen und extremen politischen Stimmen unkontrolliert Einflussmöglichkeiten bieten und andererseits, in dem ihre immensen Gewinne von der Steuer verschont bleiben. Diese Macht zu zivilisieren braucht eben eine andere politische Anstrengung als den Fleiß schrittweiser Verbesserung kleiner Sorgen.
[….] Die Sprache der GroKo ist hermetisch und unfreiwillig komisch geworden. Bei aller Kompetenz gelingt es ihnen nicht mehr, die offensichtlichen persönlichen Konflikte in ihrem Kreis zu benennen oder gar zu lösen. [….]

Ich sehe angesichts der gegenwärtigen Umfragen nur zwei Möglichkeiten:

1.) CDU, CSU und SPD tauschen radikal das Führungspersonal aus, schmeißen möglichst jeden, der länger als zehn Jahre im Bundestag sitzt aus der Regierung und regieren mit ganz neuen Gesichtern weiter.
2.) CDU, CSU und SPD stellen gemeinsam fest, daß sie nicht miteinander regieren wollen, lassen ein konstruktives Misstrauensvotum scheitern und bitten Steinmeier Neuwahlen einzuleiten, bei denen dann aber keiner der Spitzenkandidaten von 2017 mehr antritt. Dann müssen Maas, Spahn, Habeck, Kipping und Nicht-Lindner für ganz andere Koalitionen werben und aufgrund ihrer Frische auf volatilere Umfragen hoffen.