Dienstag, 6. Juni 2017

Neues aus dem Weißen Haus.

Im November 2008 lagen die Vereinigten Staaten von Amerika so am Boden wie kaum jemals zuvor.
Das Weiße Haus so unbeliebt wie nie zuvor, jede Woche gingen 100.000 Arbeitsplätze verloren, Myriaden Menschen verloren ihre Häuser, ausgehend von NY hatte die größte Weltfinanzkrise seit 1929 die Welt erfasst, Amerika war in zwei verlustreiche extrem teure Kriege verstrickt, das Haushaltsdefizit lag auf einem Rekordhoch und das internationale Ansehen der USA war im tiefsten Kellergeschoss.

Angesichts dieser Megakrise und eines extrem schwachen republikanischen Tickets war ein junger und unerfahrener schwarzer Prediger zum Präsidenten gewählt worden, der voller Elan die Transitionphase begann.

In vielen Chefetagen und Universitätsbüros blickte man voller Angst auf das Telefon. Man betete inständig, der bewußte Anruf möge nicht kommen.
Bitte, lass‘ es nicht Obama sein, hoffte man, wenn das Telefon klingelte.

Niemand wollte nach Washington um da Regierungsämter zu übernehmen, weil die Lage dort als aussichtslos verfahren galt, weil man sich halb totarbeiten würde, weil man nur Ärger bekäme und zu allem Übel auch noch sehr viel schlechter bezahlt würde als bisher in der Privatindustrie.
Jobs im Zentrum der Macht gelten als so auszehrend, daß selbst überzeugte und physisch topfitte Obama-Fans wie David Axelrod oder Rahm Emanuel die hohe Frequenz nur kurz aushielten. Ersterer war White House Senior Advisor von Januar 2009 bis Anfang 2011, letzterer Obamas Stabschef von Januar 2009 bis Oktober 2010.

Aber wenn der bewußte Anruf kam, konnte man auch nicht ablehnen. Man sagt nicht „Nein“ zum president-elect. Das US-Präsidentenamt war sagenumwoben und die Ehre vom Präsidenten gebeten zu werden so enorm, daß eine Ablehnung nicht in Frage kam.
Wollte Obama jemand in seiner Administration, blieb nur eine mögliche Antwort:
 „Yes Sir!“.
 Immerhin galt eine Tätigkeit im Weißen Haus als lebenslanger Karriereboost. Eine bessere Referenz als „ich habe für den Präsidenten gearbeitet“ konnte man sich nicht vorstellen.

In den folgenden acht Jahren gelang den rechten Medien, den ultrareichen Fanatikern wie den Koch-Brüdern und der Tea-Party das für unmöglich Gehaltene: Mit unterschwellig rassistischem Dauerfeuer wurde das Vertrauen in die US-Institutionen so unterminiert, wie es sich der KGB in seinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt hätte.
Eine besonders widerliche Rolle spielte dabei ein gewisser Donald Trump, der fünf Jahre lang auf der white-supremacy-Welle ritt und Barack Obama grundsätzlich unterstellte gar kein Amerikaner zu sein. Trump machte die Birther-Bewegung groß, die dazu führte, daß zig Millionen Amerikaner bis heute davon überzeugt sind, Obama wäre ein schwuler, muslimischer Kenianer, der als kommunistischer Agent Amerika zerstören wolle.

Im November 2016 stand der nächste president-elect vor ganz anderen Aufgaben. Die Wirtschaftskrise war weitgehend behoben, das Ansehen Amerikas war wiederhergestellt, die Nation war deutlich moderner geworden (Stichworte „green energy“, „gay marriage“, „affordable care-act“, „cannabis“), aber der Aufschwung kam bei vielen Menschen nicht an. Die sicheren Industriejobs für wenig gebildete Arbeiter gab es nicht mehr. Die Infrastruktur bröckelte.

Ich weiß nicht, ob in den Chefetagen ein ähnliches Bangen vor dem Telefonklingeln wie acht Jahre zuvor herrschte.
Möglicherweise nicht; denn die Autorität des Neuen war bereits angeknackst.
Außerdem sprach sich schnell rum, wie unvorbereitet das Trump-Transition-Team war. Man hatte keinen Plan und tätigte daher auch nicht viele Anrufe. Bis heute sind tausende Stellen nicht besetzt.

Nun ist Trump vier Monate im Amt und hat es geschafft den letzten Respekt vor ihm wegzutweeten.
Das Weiße Haus ist immer noch kaum arbeitsfähig und niemand scheint es zu interessieren. Die Ignoranz des Trump-Kabinetts ist unheard of.
Viel wichtiger sind die in steter Eigenproduktion aufquellenden Skandale. Nun heißt es „lawyer up“ für Trump.

Der von ihm selbst eingeleitete Ansehensverfall zeigt aber erstaunliche Auswirkungen. Wenn die Top-Kanzleien ein Anruf aus dem Weißen Haus bekommen und hören „der Präsident der USA braucht sie“, antworten sie mit „Nö“. Für Trump will man nicht arbeiten.

[….] “The concerns were, ‘The guy won’t pay and he won’t listen,’” said one source who is described as a “lawyer close to the White House.”
Brendan Sullivan of Williams & Connolly, Ted Olson of Gibson, Dunn & Crutcher, Paul Clement and Mark Filip of Kirkland & Ellis and Robert Giuffra of Sullivan & Cromwell are reportedly among the firms who turned the White House down.
Some lawyers also refused to represent Trump citing possible damage to a firm’s reputation because of his toxic political image at the moment. [….]

Trump ist nicht nur dank seiner Ignoranz als sehr undankbarer Klient bekannt, sondern seine gesamte Regierung gilt inzwischen als derart schlecht, daß niemand damit in Verbindung gebracht werden will.

[….] The unwillingness of some of the country’s most prestigious attorneys and their law firms to represent Trump has complicated the administration’s efforts to mount a coherent defense strategy to deal with probes being conducted by four congressional committees as well as Justice Department special counsel Robert Mueller.
The president’s chief lawyer now in charge of the case is Marc E. Kasowitz, a tough New York civil litigator who for years has aggressively represented Trump in multiple business and public relations disputes — often with threats of countersuits and menacing public statements — but who has little experience dealing with complex congressional and Justice Department investigations that are inevitably influenced by media coverage and public opinion. [….]

Eine für Amerika noch nie da gewesene Situation. Das Weiße Haus gilt als „toxisch“ für die Karriere. Kein intelligenter Mensch will nach gerade mal vier Monaten Trump-Präsidentschaft das sinkende Schiff betreten.
Das ist bedauerlich für Trumps engsten Kreis, der es nun schwer hat juristisch vertreten zu werden.

Noch viel bedauerlicher ist das allerdings für die Regierung und das amerikanische Volk. Selbst wenn Trump alle Skandale überstehen sollte und bis 2021 im Amt bliebe, ist heute schon klar, daß seine Administration nicht funktionieren wird. Das Weiße Haus liegt lahm da und kann personell nicht aufgefrischt werden.
Trump wird nur noch zweit- und drittklassige Mitarbeiter finden.

[…..]  Administration Talent Vacuum
[…..]  [The] White Houses, like all organizations, run on talent, and the Trump White House has just become a Human Resources disaster area.
[…..]  We have seen White Houses engulfed by scandal before. But we have never seen a White House implode before it had the time to staff up. […..]  The Trump administration, […..] , has hundreds of senior and midlevel positions to fill, and few people of quality or experience are going to want to take them.
Few people of any quality or experience are going to want to join a team that is already toxic. Nobody is going to want to become the next H. R. McMaster, a formerly respected figure who is now permanently tainted because he threw his lot in with Donald Trump. Nobody is going to want to join a self-cannibalizing piranha squad whose main activity is lawyering up.
That means even if the Trump presidency survives, it will be staffed by the sort of C- and D-List flora and fauna who will make more mistakes, commit more scandals and lead to more dysfunction.
Running a White House is insanely hard. It requires a few thousand extremely smart and savvy people who are willing to work crazy hours and strain their family lives because they fundamentally believe in the mission and because they truly admire the president.
[…..]  Even on its best early days, the Trump White House never had that.
[…..]  Over the past 10 days the atmosphere has become extraordinary. Senior members of the White House staff have trained their sights on the man they serve. Every day now there are stories in The Times, The Washington Post and elsewhere in which unnamed White House officials express disdain, exasperation, anger and disrespect for their boss.
As the British say, the staff is jumping ship so fast they are leaving the rats gaping and applauding.
Trump, for his part, is resentfully returning fire, blaming his underlings for his own mistakes, complaining that McMaster is a pain, speculating about firing and demoting people. This is a White House in which the internal nickname for the chief of staff is Rancid. […..]

Montag, 5. Juni 2017

Trumps dummes Team



Donald Trump ist dumm und ungebildet.
Das ist schon mal schlecht, aber man könnte das Problem abmildern, indem er dazulernt und von wissenden Menschen umgeben wird.

Aber da Trump ein Trump ist, kann man die Probleme eben nicht in den Griff bekommen, weil er

 a) zutiefst ignorant ist, also gar nichts dazulernen will,
 b) über eine so winzige Aufmerksamkeitsspanne verfügt, daß er gar nichts dazu lernen könnte und
 c) auch noch von Deppen umzingelt ist.

Punkt c ist womöglich das größte Problem.

Es gibt republikanische Politologen, die wie Ana Navarro Trump extrem scharf kritisieren.

Navarro und Gleichgesinnte wie Tara Setmayer glauben aber immer noch an die GOP, halten also viel von Menschen wie Paul Ryan oder Reince Priebus, die als Vertreter des Partei-Establishments Trump einhegen und beraten würden.


In diesem Punkt irren aber die GOPphilen Trump-Gegner. Die republikanischen Abgeordneten winkten sämtliche vollkommen unqualifizierten Kleptokraten als Kabinettsmitglieder durch, debakulieren bei der Abschaffung von Obamacare und beeindrucken den Rest der Welt mit amerikanischer Stupidität, wie es sie nie zuvor gegeben hat.

Trump kann man nicht einhegen, weil sein Stab, sein Kabinett ebenfalls aus Totalausfällen besteht.


Inzwischen haben selbst die enthusiastischsten Amerikafans resigniert.

[….] Mer­kels Trump-Bild hat sich seit­her ge­än­dert, nicht zum Po­si­ti­ven. Die ersten Kon­tak­te mit der neu­en Re­gie­rung wa­ren er­nüch­ternd. Als Christoph Heusgen, ihr au­ßen­po­li­ti­scher Be­ra­ter, zum ers­ten Mal mit dem späte­ren Nationa­len Si­cher­heits­be­ra­ter Mi­cha­el Flynn zu­sam­men­traf, war er über des­sen au­ßen­po­li­ti­sche Un­kennt­nis scho­ckiert. Aber es gab auch Raum für Hoffnung.

Ge­ra­de we­gen der Nai­vi­tät der neu­en Re­gie­rung, glaub­te Mer­kel an­fangs, sei Trump mög­li­cher­wei­se be­ein­fluss­bar. Es war ein er­zie­he­ri­scher An­satz, der zunächst er­folg­reich zu sein schien. In ei­nem Te­le­fo­nat im Ja­nu­ar erklär­te Mer­kel Trump die Si­tua­ti­on in der Ukrai­ne. Sie hat­te den Ein­druck, dass er sich zu­vor nie ernst­haft mit dem The­ma be­schäf­tigt hat­te. […..]


Selbstverständlich ist Trump vollkommen verblödet und weiß rein gar nichts über die Welt und Politik.
Aber auf der Ebene der Amerikanischen Minister, der Staatssekretäre, der Abteilungsleiter und Sherpas herrscht ebenfalls blanke Doofheit.

Inzwischen lernen wir, daß nicht nur Trump eine wirtschaftspolitische Niete ist, sondern daß sein ganzes Team nicht nur auf protektionistischen Irrwegen wandelt, sondern auch schlicht und ergreifend die Fakten nicht kennt.

[….] Nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" zeigte sich die EU-Seite insgesamt entsetzt darüber, wie wenig Ahnung die Amerikaner von der Handelspolitik zu erkennen gaben. Offenbar war den Gästen unklar, dass die EU-Länder Handelsverträge nur gemeinsam abschließen. Trumps Wirtschaftsberater Gary Cohn soll demnach in dem Gespräch gesagt haben, zwischen den USA und Deutschland herrschten andere Zolltarife als zwischen den USA und Belgien. [….]

[…..] Am Donnerstagvormittag trifft Trump EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker und Ratspräsident Donald Tusk. Zwischen Ankunft, Fototermin und Abreise bleibt für das Treffen allerdings nur eine Viertelstunde. Immerhin wird Trump die beiden Herren nun persönlich kennenlernen. Zwar hatte Tusk kurz nach Trumps Wahlsieg in Washington angerufen, um zu gratulieren. Der US-Präsident aber konnte sich später in einem Interview nicht einmal mehr an Tusks Namen erinnern, sondern verwechselte ihn mit Juncker, dem "Chef der EU". [……]

Die armen Deppen denken Amerika wäre unabhängig von anderen Ökonomien, man müsse nur die Verbindungen in die Welt kappen, um die USA erblühen zu lassen. (….)

Bizarrerweise scheint die allgemeine Verblödung des amerikanischen Regierungsapparates besonders beim ureigenen Trump-Thema „Wirtschaft“ extrem ausgeprägt zu sein.

[…..] Wie groß die Kluft dort in­zwi­schen ist, er­leb­ten Bundeswirtschaftsminis­te­rin Bri­git­te Zy­pries und ihr Staats­se­kre­tär Matthias Mach­nig in der ver­gan­ge­nen Wo­che in der ame­ri­ka­ni­schen Hauptstadt. Die bei­den So­zi­al­de­mo­kra­ten wa­ren nach ih­ren Ge­sprä­chen mit republikani­schen Ab­ge­ord­ne­ten und den Han­dels­ex­per­ten des Prä­si­den­ten geschockt.

„Ei­ni­ge un­se­rer ame­ri­ka­ni­schen Ge­sprächs­part­ner un­ter­lie­gen ei­ner gro­ben öko­no­mi­schen Fehl­ein­schät­zung. Sie glau­ben, die ho­hen Handelsbilanzdefi­zi­te der USA ge­gen­über an­de­ren Län­dern sei­en vor al­len Din­gen auf schlech­te Han­dels­ver­trä­ge zu­rück­zu­füh­ren“, be­rich­tet Staatssekre­tär Mach­nig. Sie be­haup­te­ten stän­dig vor den Ge­rich­ten der Welt­han­dels­or­ga­ni­sa­ti­on WTO zu un­ter­lie­gen. „Da­bei nutz­ten die USA das WTO-Sys­tem bei Han­dels­strei­tig­kei­ten wie alle an­de­ren Län­der. Und sie sind dar­in häu­fig er­folg­reich.“ Mit Trump sei­en die USA auf dem bes­ten Weg in die Selbst­iso­lie­rung. [….]

Die aberwitzige Ami-Verdummung erstreckt sich nicht nur in Bezug „Unkenntnis“ auf Trumps gesamten Apparat, sondern auch Faulheit und Ignoranz ziehen sich durch alle Ebenen. Der Fisch stinkt vom Kopfe her, ja. Aber der ganze Fisch mieft erbärmlich.

[….] „Ob wir un­se­re An­lie­gen als Eu­ro­pä­er laut ver­kün­den oder nicht, die Haupt­sa­che ist, tat­säch­lich hand­lungs­fä­hi­ger zu wer­den“, sagt ein französischer Di­plo­mat. Auch die Fran­zo­sen se­hen in Trumps Wa­shing­ton kei­nen zu­ver­läs­si­gen Ver­bün­de­ten mehr. Ma­crons Äuße­rung vor dem G-7-Gip­fel, er sehe Trump als „Part­ner“, war nichts als ein Lip­pen­be­kennt­nis. Fran­zö­si­sche Di­plo­ma­ten wa­ren scho­ckiert dar­über, wie un­vor­be­rei­tet die Ame­ri­ka­ner sich in Brüs­sel und Ta­or­mi­na zeig­ten. […]

Sonntag, 4. Juni 2017

Trump kritisieren



Hurra, ich habe mich mal wieder zum Außenseiter gemacht.
Die ganze Welt steht zusammen auf der Seite Donald und Melania Trumps – Kathy Griffin ist zu weit gegangen.

[….] Dieses Foto war dann doch zu viel. Eine rothaarige Frau hält einen blutverschmierten Kopf in der Hand. Sie hält ihn fest an seinem wattig-dünnen, gelbblonden Haar. Es ist der Kopf von Donald Trump. [….]  Griffin schrieb auf Twitter: "Es kam Blut aus seinen Augen, aus seinem ... was auch immer" - eine Variation der Menstruationsanspielung, die Trump im Wahlkampf über die Fox-Moderatorin Megyn Kelly gemacht hatte, nachdem diese ihn in einer Debatte hart angegangen war. […..] Sie brachte alle Amerikaner zusammen, egal ob Demokrat oder Republikanerin. Allerdings auf Trumps Seite. Die Reaktionen in den sozialen Medien waren einhellig: Das Foto sei ekelhaft, brutal, es gehe zu weit. [….]

Obwohl ich sonst etwas zimperlich bei Gewaltdarstellungen bin, finde ich Griffins Kunstaktion gerechtfertigt, weil sie ausdrucksstark ist und das von Trump völlig vergiftete Klima aufgreift.

Wozu führt denn die Vorsichtigkeit der Demokraten; die stets korrekte Ausdrucksweise? Sie ist mir zwar auch sympathischer als Trumps widerliches Beschimpfen seiner Gegner, aber die Demokraten verlieren und die Bullys gewinnen.


Das verbale Dilemma der öffentlichen Trump-Kritiker kenne ich aber auch.
Am 09.11.2016 hatte ich einen Termin beim Notar und dieser zutiefst seriöse distinguierte Herr im Dreiteiler sagte auf einmal im Vorgeplänkel er könne nicht fassen, daß das „orange Monster“ gewonnen habe.

So rast die Zeit. Was ich vor einem halben Jahr noch als recht derbe Ausdrucksweise empfand, ist heute viel zu mild.
Ich ringe täglich nach Worten für den Unmenschen im Oval Office. Vermutlich ist das Böseste, das man sagen kann das simple „Trump“, ohne ein „Mr.“ oder seine Amtsbezeichnung. Der Name selbst ist zum ultimativen Schimpfwort mutiert.

[….] Die Grenzen von Satire und Kritik haben sich verschoben unter Trump. Und das liegt nicht nur an bösartigen Satirikern, die nicht an die Gefühle kleiner Kinder denken, sondern auch daran, dass Trump selbst vor so wenig zurückschreckt. Daran, dass dieser Präsident so schamlos ist wie keiner vor ihm. Und dass trotzdem alle Kritik an ihm abzuperlen scheint wie an einer nagelneuen Teflonpfanne.
Schon im Wahlkampf hatte sich Trump krasse Fehltritte geleistet, und auch diese verhinderten nicht, dass er Präsident wurde. Trump hat auf seinen Wahlkampfveranstaltungen offen zu Gewalt gegen Protestierende aufgerufen. "Beat the crap out of them", rief er Tausenden seiner Anhänger zu, oder: "In der guten alten Zeit wären sie auf einer Trage rausgebracht worden." Er hat sich vor Kameras über einen behinderten Reporter lustig gemacht und über die Eltern eines gefallenen muslimischen US-Soldaten. Er hat gesagt, dass seine Freunde vom Waffenverband doch sicher etwas gegen Hillary Clinton tun könnten. Wie sehr muss man so einen Mann schonen?
[….] Kathy Griffins Aktion zeigt, wie hilflos sich Künstler, Comedians, Satiriker inzwischen gegenüber der Ungehobeltheit von Donald Trump fühlen. Sie wissen sich schon jetzt manchmal nicht anders als mit Ausfälligkeiten zu helfen. Trevor Noah hat ihn "Arschloch" genannt und hört nicht auf, Witze über seine angeblich kleinen Hände zu machen. [….]


Die ultimative Strafe für einen Gefallsüchtigen wie Trump ist es, wenn er uns nicht gefällt. Wenn wir nicht beeindruckt sind, ihn nicht ehren.
Wir brauchen keine Schimpfworte, um unsere Abscheu auszudrücken.
Es reicht aus kontinuierlich sein Scheitern als Präsident zu beschreiben.
Lasst ihn uns nicht als „den US-Präsidenten“ sehen, sondern lediglich als „Trump“ mit dem durch unaufhörliches Wiederholen der Begriff „erfolglos“ verbunden ist.
Lasst ihn zu dem „man without success“ werden.
Nur schade, daß der ungesund lebende Mann schon 70 ist.
Ich wünsche ihm noch 50 Lebensjahre als Ex-Präsident, in denen er darüber nachdenken kann wie er der unsuccessful Trump wurde, who made America small.


Samstag, 3. Juni 2017

Stolz und Protz.



Als was könnte ich mich fühlen?
Hamburger, Deutscher, Europäer, Amerikaner?
Den Großteil meines Lebens habe ich in den ersten drei Gruppen verbracht; zur vierten Gruppe gehöre ich laut meines Reisepasses.

Ich fühle aber keinerlei Veranlassung so eine Zuschreibung überhaupt vorzunehmen. Es ist nicht relevant für mich einer Gruppe zugehörig zu fühlen, in die mich der pure Zufall führt.
Ausgesucht habe ich mir in die DGHS, die GBS, Greenpeace und die SPD beizutreten, weil meine Ansichten eine ausreichend große Schnittmenge mit den Zielen dieser Vereine bilden und ich sie daher unterstütze. Stolz empfinde ich dafür nicht und die Zugehörigkeit ist auch nur ein abstraktes Kriterium für mich, das nichts mit meiner Gefühlswelt zu tun hat.
Hamburger, Deutscher, Europäer, Amerikaner?
Am sympathischsten ist mir das Hamburger-sein, aber ich bin mir bewußt darüber, daß so ein Gefühl vermutlich nur daraus resultiert, daß ich Hamburg am besten kenne. Der Zufallsaspekt ist für mich offensichtlich.
Lebte ich ebenso lange in Wien, Barcelona, Montreal, Vancouver oder Rotterdam, hegte ich sicher ganz ähnliche emotionale Bindungen an die Städte.

Die nationale Ebene hingegen ist für mich viel zu groß, um mich da noch zugehörig zu fühlen.
Eine noch stärkere emotionale Bindung wäre nach der Zugehörigkeit der Stolz.
Hier wird es dann auch schon vollends absurd und droht gefährlich zu werden.

„Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.
(Arthur Schopenhauer)

Vorhin grübelte ich wie eigentlich das Antonym zu „Patriotismus“ lautet.
Ich bin nämlich so gar kein Patriot und kann für patriotische oder gar nationale Gefühle (gegenüber Deutschland ODER Amerika) einfach kein Verständnis aufbringen.
Auch das Wort „Stolz“ liegt mir nicht. Insbesondere könnte ich keinen Stolz auf eine Nation empfinden, da ich Stolz immer mit einer eigenen Leistung verbinde.
Was aber ist weniger ein eigener Verdienst als der Zufall wo man geboren wurde?
Wie nennt man aber nun Menschen, die keine Patrioten sind?
Im Zweifelsfall googlen. Eine Internetsuche spuckt folgende Begriffe aus:

Vaterlandsverräter, Fahnenflucht, Verrat, Unzufriedenheit, Untreue, Falschheit, Wankelmut, Unbeständigkeit, Perfidie, Nestbeschmutzer, „Jemand der sich ganz schnell verpissen sollte. Er mag sein Land nämlich nicht“, Landesverräter, Idiot, Zecke,..

Nun bin ich noch unpatriotischer, nachdem ich sehe welche Konnotationen aktiviert  werden, wenn man Menschen nach dem Gegenteil von Patriotismus fragt.
Das Abstoßende am Patriotismus ist also nicht nur das penetrante Sich-mit-fremden-Federn-schmücken, sondern die mehr oder weniger latent damit einhergehende Abwertung anderer Nationen, bzw der Nicht-Patrioten im eigenen Land.
Es stimmt eben, daß die Grenzen vom Patriotismus zum Nationalismus fließend sind und Letzterer ist einer der destruktivsten Ismen, den die Menschheit hervorgebracht hat.

Immer wenn die Patriotismuskarte gespielt wird, folgt etwas Ekelhaftes. (…….)

Stolz kann klammheimlich gefühlt werden und befindet sich damit auf der irrationalen Ebene, wo er hingehört.

Wäre ich beispielsweise während des zweiten Weltkrieges in irgendeiner Form für eine deutsche Rüstungsfabrik tätig und wüßte von heimlichen Widerständlern, die Brot statt Schwarzpulver in die Munitionskapseln stopfen und müßte anschließend Speers Rüstungsministerium von erneuten Produktionsfehlern berichten, empfände ich „klammheimlichen Stolz“.
Es ginge schließlich in mehrfacher Hinsicht um Leben und Tod. Da gäbe es echte Gründe für das „Gefühl“ des Stolzes.

Stolz wird üblicherweise positiv konnotiert.
In Naturdokumentationen fällt mir der Gebrauch des Adjektivs auf; da verkündet die Stimme aus dem Off, der Löwe oder der alte Elefantenbulle wäre ein “stolzes Tier“. Natürlich ist auch der amerikanische Wappenvogel, der Weißkopfseeadler „ein stolzes Tier“.
Man sagt das voller Bewunderung. Eine Ringelnatter oder ein Manati würde nicht als „stolz“ bezeichnet werden.
Das zeigt auch schon die ganze Idiotie dieser vermenschlichten Sicht auf die Fauna. Ein Familienhund, der sich möglichst menschlich benimmt, wird genau dafür gemocht.
So eine Tierliebe enthält aber eine gehörige Portion Selbstbeweihräucherung; man schätzt das was einem ähnlich ist. Daher identifiziert man sich auch eher mit dem jagenden Löwen an der Spitze der Nahrungskette als mit einem Wattwurm.

Stolz ist meistens schädlich oder zumindest blöd. Gelegentlich ist er aber auch eine harmlose Angelegenheit. Papa ist stolz auf seinen Filius, wenn dieser in der Schule eine „1“ bekommt. Dahinter steckt letztendlich die emotionale Zuneigung eines Elternteils für seinen Nachwuchs. Harmlos, aber biologisch wichtig.

Noch schlimmer als der bloße Stolz ist der Protz.
Hier wird es endgültig gaga.
Durch Protz bringt man nicht nur den ungerechtfertigten Stolz auf irgendetwas zum Ausdruck, sondern versucht daraus auch noch Anerkennung zu generieren, sowie andere abzuwerten.

Im Ausland mit deutschen Nationalfahnen rumzulaufen, ist für mich Protz und somit abscheulich.
Dicke, schlaffe Männer, die in schwarzrotgold gehüllt eine deutsche Sportmannschaft bei internationalen Meisterschaften begleiten, sind solche Nationalprotzer.
Sie sind stolz auf eine Leistung, die keineswegs ihre eigene ist und wollen dies auch noch möglichst auffällig anderen unter die Nase reiben. Gaga.

Noch widerlicher ist der Protz mit Reichtum, wie ihn der Millionenerben Donald Trump in seinem goldenen Turm zelebriert.

Nein, ich bin nicht so links, daß ich grundsätzlich etwas gegen Reichtum habe. Wer reich ist, insbesondere derjenige, der sich das selbst erarbeitet hat, darf sich natürlich auch etwas Schönes kaufen und es genießen. Immerhin bringt er das Geld auf diese Weise in den ökonomischen Kreislauf und tut auch etwas Gutes.

Mir persönlich läge aber eine teure mechanische Stahl-Armbanduhr viel mehr als ein zu offensichtlich wertvolles Ding mit Edelsteinbesatz aus Gold.
Ich hätte lieber einen Anzug in hervorragender Qualität als den mit dem  ersichtlichen Marken-Emblem.

Noch abstoßender ist Protz, wenn er wie beim Nationalstolz durch reinen Zufall entsteht.
Reiche Kinder, die mit der Kohle ihrer Eltern angeben.


So etwas gibt es nicht nur in Amerika, sondern auch in Deutschland.
„Rich Kids Of Germany“ nennt sich ein Instagram-Account, auf dem die kleinen Krösus-Bratzen mit ihren teuren Luxusartikeln rumprahlen.

 [….] Champagner zum Frühstück, mit dem Privatjet zum Shoppen, die Rolex am Arm – so  protzte bisher vor allem der Millionärsnachwuchs in Amerika. Doch jetzt  ziehen auch in Deutschland die Kinder der Superreichen nach.
Auf dem  Instagram-Profil „Rich Kids Of Germany“ wird gezeigt, wie sie die Kreditkarte ihrer Eltern zum Glühen bringen. [….]  auf dem Instagram-Account „The Rich Kids of Germany“  wird  das  Luxusleben zwischen Sylt und München genauso dekadent wie in Amerika gezeigt.   [….]

Das ist nicht nur zum Mitschämen, sondern in einem Ausmaß unsympathisch, wie man es sonst nur von Trump kennt.

Zum Glück – DANKE LIEBER DARWIN – bin ich gegen so etwas doppelt abgesichert, indem ich weder reich bin, noch Kinder habe.