Dienstag, 14. Februar 2017

Früher versus heute.


Das ist wohl so eine klassische Alterserscheinung. Irgendwann beginnt man sich über die „Jugend von heute“ zu wundern und stellt bedeutungsschwangere Vergleiche an, die letztlich darin münden der jungen Generation zu diagnostizieren es sich leicht zu machen. Sie hätten es leichter und müssten weniger leisten. Früher habe man sich mehr angestrengt und dennoch war „es“ früher alles besser. Zumindest gesitteter.

Stefan Zweig beschreibt in seiner „Welt von gestern“ (1942 – nach wie vor eins meiner absoluten Lieblingsbücher!) eindrucksvoll den sittlichen und sexuellen Wandel, der sich bei der Jugend der 30er Jahre verglichen mit Zweigs eigener Jugend zeigte.

Der aberwitzige Aufwand, der in gebildeten Schichten Ende des 19.  / Anfang des 20. Jahrhunderts getrieben wurde, um sich angezogen zu baden, wird erstklassig in Stefan Zweigs Meisterwerk „Die Welt von Gestern“ beschrieben. 

Ich empfehle wärmstens das Kapitel „Eros Matutinos“

Als Karikaturen belachen auch die naivsten Menschen von heute diese sonderbaren Gestalten von gestern - als unnatürlich, unbequem, unhygienisch, unpraktisch kostümierte Narren; sogar uns, die wir unsere Mütter und Tanten und Freundinnen in diesen absurden Roben noch gekannt haben, die wir selbst in unserer Knabenzeit ebenso lächerlich gewandet gingen, scheint es gespenstischer Traum, daß eine ganze Generation sich widerspruchslos solch einer stupiden Tracht unterwerfen konnte. Schon die Männermode der hohen steifen Kragen, der >Vatermörder<, die jede lockere Bewegung unmöglich machten, der schwarzen schweifwedelnden Bratenröcke und der an Ofenröhren erinnernden Zylinderhüte fordert zur Heiterkeit heraus, aber wie erst die >Dame< von einst in ihrer mühseligen und gewaltsamen, ihrer in jeder Einzelheit die Natur vergewaltigenden Aufmachung! In der Mitte des Körpers wie eine Wespe abgeschnürt durch ein Korsett aus Fischbein, den Unterkörper wiederum weit aufgebauscht zu einer riesigen Glocke, den Hals hoch verschlossen bis an das Kinn, die Füße bedeckt bis hart an die Zehen, das Haar mit unzähligen Löckchen und Schnecken und Flechten aufgetürmt unter einem majestätisch schwankenden Hutungetüm, die Hände selbst im heißesten Sommer in Handschuhe gestülpt, wirkt dies heute längst historische Wesen >Dame< trotz des Parfüms, das seine Nähe umwölkte, trotz des Schmucks, mit dem es beladen war, und der kostbarsten Spitzen, der Rüschen und Behänge als ein unseliges Wesen von bedauernswerter Hilflosigkeit. Auf den ersten Blick wird man gewahr, daß eine Frau, einmal in eine solche Toilette verpanzert wie ein Ritter in seine Rüstung, nicht mehr frei, schwunghaft und grazil sich bewegen konnte, daß jede Bewegung, jede Geste und in weiterer Auswirkung ihr ganzes Gehabe in solchem Kostüm künstlich, unnatürlich, widernatürlich werden mußte. Schon die bloße Aufmachung zur >Dame< - geschweige denn die gesellschaftliche Erziehung - das Anziehen und Ausziehen dieser Roben bedeutete eine umständliche Prozedur, die ohne fremde Hilfe gar nicht möglich war. Erst mußten hinten von der Taille bis zum Hals unzählige Haken und Ösen zugemacht werden, das Korsett mit aller Kraft der bedienenden Zofe zugezogen, das lange Haar - ich erinnere junge Leute daran, daß vor dreißig Jahren außer ein paar Dutzend russischer Studentinnen jede Frau Europas ihr Haar bis zu den Hüften entrollen konnte - von einer täglich berufenen Friseuse mit einer Legion von Haarnadeln, Spangen und Kämmen unter Zuhilfenahme von Brennschere und Lockenwicklern gekräuselt, gelegt, gebürstet, gestrichen, getürmt werden, ehe man sie mit den Zwiebelschalen von Unterröcken, Kamisolen, Jacken und Jäckchen so lange umbaute und gewandete, bis der letzte Rest ihrer fraulichen und persönlichen Formen völlig verschwunden war. Aber dieser Unsinn hatte seinen geheimen Sinn. Die Körperlinie einer Frau sollte durch diese Manipulationen so völlig verheimlicht werden. […]  

Natürlich leide ich auch unter diesem Syndrom, runzele oft die Stirn, wenn ich an ihren Smartphone klebende Teenager beobachte.

Früher war aber doch nicht alles besser.
Trump spricht von einem Allzeit-Hoch der US-Kriminalität und auch in Deutschland scheinen andauernd Kinder sexuell missbraucht oder entführt zu werden.
Wahr ist das aber nicht. Die Kriminalität auf Amerikas Straße sinkt seit den 1990er Jahren kontinuierlich.
Durch das Internet und die Boulevardmedien wird aber jeder einzelne Fall sofort bekannt und breitgetreten, so daß der Eindruck entsteht es passiere viel mehr – dabei wird nur mehr und schneller berichtet.

Im SPIEGEL gibt es die Rubrik „Früher war alles schlechter“, in der scheinbare aktuelle Verschlimmerungen aufgeklärt werden. Gerade erschien die 58. Folge.
Wie man sich täuschen kann!

Ich glaube, daß früher vieles anders war. Das kann man aber nicht so einfach in „positiv“ und negativ“ kategorisieren.
Natürlich sind Smartphone und Internet eine enorme Erleichterung des Lebens.
Natürlich grummele ich, wenn ich mitbekomme wie einfach Studenten von heute zu Hause mit ein paar Klicks Informationen zusammentragen, für die ich während meines Studiums Tage in der Bibliothek verbrachte.
Aber es gibt auch eine Kehrseite, wie wir alle wissen inzwischen: 24/7 online bei den sozialen Medien generiert gefährliche Informationsblasen, führt schon bei Teenagern massenhaft zu Stress und Burnout. Nie wurden so viele Psychopharmaka verschrieben.

Ich will nicht mehr ohne Internet leben; trauere aber gleichzeitig den schönen Zeiten ohne Internet hinterher.

Zum Schluß noch ein Einblick in meine Familiengeschichte, der die besseren/schlechteren früheren Zeiten vielleicht illustriert.

Meine Mutter wanderte 1965 in die USA aus, lernte dort meinen Vater kennen.
Deswegen bin ich Ami. Aber heute will ich kurz meine Vorfahren mütterlicherseits erwähnen.

Mein Opa wurde 1890 in Norddeutschland geboren. Er erbte von seinem Vater ein Geschäft, war also Kaufmann. 1912 bekam er seine erste Tochter; offensichtlich ungeplant – aber 1912 gab es eben weder Kondomautomaten an jeder Ecke, noch Antibabypillen.
Insgesamt wurden es drei Söhne und drei Töchter, von denen meine Mutter, Jahrgang 1938, die jüngste war.
Meine Großeltern gehörten also zu der Generation, die das Pech hatten als Erwachsene gleich zwei Weltkriege zu erleben. Beide von Deutschland angezettelten Kriege bedeuteten für meinen Opa nicht nur den finanziellen Ruin, sondern auch einen sehr persönlichen Verlust. Der älteste Bruder meiner Mutter starb als Kind kurz nach dem WK-I, weil keine Medikamente zu bekommen waren und der Zweitälteste starb im WK-II.
Zweimal die komplette Existenzgrundlage zu verlieren kann ich mir nicht mehr vorstellen. Wieso dann überhaupt noch weitermachen?
Schon als Kind, im ausgehenden 19-Jahrhundert wurde mein Opa zu Geschäftsreisen (überwiegend nach Süddeutschland und ins Baltikum) mitgenommen. In den 20ern und 30er Jahren nahm er die älteren Geschwister meiner Mutter mit, um ihnen zu zeigen was es außerhalb Deutschlands gibt.
Sobald es nach 1945 irgendwie ging, sparte sich mein Opa wieder einen VW-Käfer zusammen, lud immer mindestens zwei seiner Kinder auf den Rücksitz und fuhr los – nach Spanien, Italien, Frankreich.
Natürlich waren diese Reisen ungleich beschwerlicher als heute. Ohne die entsprechenden Autobahnen dauerten diese Fahrten mit dem kleinen Käfer ewig. Schicke Hotelzimmer konnte sich mein Opa nicht leisten und Airbnb war bekanntlich noch nicht erfunden.
Dafür waren die iberischen Küsten aber auch noch nicht mit Bettenburgen zugeballert. Man traf selten andere Touristen und wurde dafür umso herzlicher von den Eingeborenen begrüßt.
Diese Reisen machten einen so gewaltigen Eindruck auf meine Mutter und ihre Geschwister, daß sie bis an ihr Lebensende davon erzählten.
Die deutlich ältere Schwester meiner Mutter reiste in den 1950er Jahren als Erwachsene lange nach Australien und in die USA, während ihr Bruder mit Freunden in einem VW-Bus in Indien und Afrika unterwegs war.
Meine Mutter, das Kriegskind wurde unterdessen in die Schweiz auf eine Hauswirtschaftsschule geschickt. Erstens sollte sie Sprachen lernen und zweitens war es für meinen Opa selbstverständlich, daß nur sein einzig verbliebener Sohn eine höhere Schule besuchen sollte. Er erbte auch 100% des Geschäfts, obwohl zwei seiner Geschwister älter waren. Aber die hatten keinen Penis und für einen Mann des 19. Jahrhunderts stellte sich die Frage gar nicht, ob eine Tochter auch Kaufmann sein könnte.
Bildung und materielle Ressourcen erschienen meinem Opa offensichtlich als Verschwendung für seine Töchter. Wenn sie später einmal reich sein wollten, dann könnten sie ja reich heiraten, gab er ihnen als Ratschlag mit.
Ich bin heute davon überzeugt, daß diese Einstellung meiner Großeltern keineswegs böse gemeint war. Sie waren aber Produkte des 19. Jahrhunderts.
Da ging man so mit Töchtern um.
Hier also auch ein großer Unterschied zu heute: Meine Mutter hatte extrem minimierte Startchancen. Die enorme Bildung, die sie sich später aneignete, passierte autodidaktisch.
Was blieb ihr auch anderes übrig; zum Entsetzen meines Opas heirateten gleich zwei Töchter einen Künstler. Maler, also in den Augen meines Opas „brotlos“. Mit dem Reichtum wurde es also nichts.

Nach der Volksschule absolvierte meine Mutter eine Lehre. Mit 20 aber, schnappte sie sich den immer noch existierenden VW-Käfer ihres Vaters und wollte endlich auch wie ihre Geschwister allein, bzw mit einer Freundin reisen.

Ja, es stimmt, die 50er und 60er Jahren in Deutschland waren ungeheuer spießig. Es existiert eine anonyme Anzeige, die von der Polizei an meinen Opa weitergeleitet wurde, in der sich ein Kunde beklagte, daß das Frl. (meine Mutter) ein Rock trug, der nicht über die Knie reichte. Ihr Vater möge sie zur Raison bringen.
Es waren aber nicht alle Teens und Twens der Zeit Spießer. Im Gegenteil, es gab vielfach Eskapismus.

Meine Mutter guckte sich mit so gut wie keinem Geld in der Tasche die umliegenden europäischen Länder an, um dann Anfang 1961 mit einer Schulfreundin mit besagtem Käfer die Autoput hinunter zu fahren.
Ausführlich bereiste sie Jugoslawien, die Türkei, Anatolien, Syrien, den Libanon, Jordanien, Israel und Ägypten.

Mein Opa! Daß Töchter studieren oder gar ein Geschäft führen könnten, kam ihm zwar nicht in den Sinn, aber andererseits war er doch so liberal auch seine Jüngste für fast ein Jahr im Nahen Osten zu verschwinden erlaubte.

Ich habe meine Mutter oft gefragt, wie sie sich das leisten konnten, aber bis auf das Benzingeld brauchten sie kaum etwas, weil sie als zwei junge weiße Mädchen immer so auffielen, daß sie von irgendwelchen Einheimischen eingeladen wurden. Die sprichwörtliche Gastfreundschaft des Orients.

Manchmal konnten meine Großeltern etwas Geld schicken.
Dann mietete sich meine Mutter ein Zimmer.
So zum Beispiel im Oktober 1961 in Beirut, der damals schönsten Stadt der Welt.
 


So beschwerlich das Reisen damals war, so einfach war es andererseits in anderen Aspekten – Gastfreundlichkeit, Sicherheit, Unberührtheit.

Anderes kommt mir heute auf schockierende Wiese vertraut vor.

Es war nicht einfach für meine Mutter nach Syrien einzureisen.
Immer wieder fuhr sie an die türkisch-syrische-Grenze, um es zu versuchen.


Als sie schließlich in Damaskus angekommen war, schreibt sie nach Hause welche Mühe sich die Syrer gemacht hatten, den Ausländern nicht das total zerstörte Aleppo zu zeigen; es hatte sich noch nicht von Kriegen und Pogromen erholt.


Eins steht fest, solche Reisen kann ich heute trotz Internet und Facebook und eines besseren Autos nicht mehr machen. Schon gar nicht mit meinem US-Reisepass.
Früher war alles besser.

Heute reisen Jugendliche lieber All Inclusive. Per Billigflieger in Ferienfabriken.
Das ist ungeheuer billig. Jeder reist jetzt. Es geht schnell und mühelos. Sprachen braucht man nicht zu erlernen. Alles geht auf Deutsch. Man trifft überall auf Deutsche, die sich zu Millionen ins Ausland begeben. Alles ist versichert, man ist kontinuierlich in Kontakt mit Zuhause, verfügt über EC- und Kreditkarte.
Den Schlafplatz spuckt das Klugtelefon aus und die Zimmer sind klimatisiert.
Die Eltern müssen sich keine Sorgen machen, wenn die Kleinen in Lloret de Mar oder auf Mallorca auf den Putz hauen.

Eigenartig, trotz meiner Familiengeschichte, habe ich gar keine Lust mehr zu reisen.

Montag, 13. Februar 2017

Trumpologiefolgenabschätzung – Teil III



In dem Punkt waren sie sich einig; alle, wirklich alle Republikaner, inklusive Donald Trump versprachen im Wahlkampf die böse, böse Obamacare-Krankenversicherung sofort abzuschaffen.
Der inzwischen gewählte Präsident fügte noch hinzu, er werde Obamacare durch etwas viel, viel Besseres ersetzen.

Die Träume der knapp 63 Millionen Amerikaner, die republikanisch wählten, wurden wahr.
Die GOP stellt nicht nur den Präsidenten, sondern verfügt auch in beiden Kammern des Kongresses über eine absolute Mehrheit.
Endlich ist es soweit, der verhasste im Jahr 2010 eingeführte Patient Protection and Affordable Care Act (PPACA), wird abgeschafft.
Nun, nach der Wahl, fällt es den republikanischen Wählern allerdings erstens wie Schuppen aus den Haaren, daß sie dann ja gar nicht mehr krankenversichert sind und daß zweitens die GOP-Politiker in den vergangenen sechs Jahren nicht eine Minute darüber nachgedacht hatten, was stattdessen kommen soll.

Wer einmal eine Krankenversicherung hatte, findet es nicht so lustig, diese jetzt ersatzlos gestrichen zu bekommen.
OK, es war nicht besonders klug diejenigen zu wählen, die ankündigten die Krankenversicherung zu streichen, aber auch wenn die GOP-Wähler intellektuell etwas minimiert sind, so können sie doch laut und unangenehm werden.
Überall in den Staaten werden nun republikanische Kongressabgeordnete bei Townhallmeetings von ihrer eigenen Basis gegrillt:

„DO YOUR JOB!“ skandiert die rechte Menge in

Utah

Tennessee

Florida

Tja, schade, wenn man doof ist.
Hätten sie mal lieber gleich Hillary Clinton gewählt.

Ähnlich ergeht es konservativen Farmern in Kalifornien, die sich für Trumps Mauer begeisterten und sich darauf freuten die Latinos loszuwerden.
Tatsächlich kündigte Trump in einer seiner ersten Executive Orders an, diese Mauer zu bauen.
Nun nach der Wahl fällt den GOP-Bauern wie Schuppen aus den Haaren, daß sie in dem Fall ja gar keine billigen Erntekräfte mehr auf ihren Feldern einsetzen können.

[….]  Jeff Marchini and others in the Central Valley here bet their farms on the election of Donald J. Trump. His message of reducing regulations and taxes appealed to this Republican stronghold, one of Mr. Trump’s strongest bases of support in the state.
As for his promises about cracking down on illegal immigrants, many assumed Mr. Trump’s pledges were mostly just talk. But two weeks into his administration, Mr. Trump has signed executive orders that have upended the country’s immigration laws. Now farmers here are deeply alarmed about what the new policies could mean for their workers, most of whom are unauthorized, and the businesses that depend on them.
“Everything’s coming so quickly,” Mr. Marchini said. “We’re not loading people into buses or deporting them, that’s not happening yet.” As he looked out over a crew of workers bent over as they rifled through muddy leaves to find purple heads of radicchio, he said that as a businessman, Mr. Trump would know that farmers had invested millions of dollars into produce that is growing right now, and that not being able to pick and sell those crops would represent huge losses for the state economy. “I’m confident that he can grasp the magnitude and the anxiety of what’s happening now.”
Mr. Trump’s immigration policies could transform California’s Central Valley, a stretch of lowlands that extends from Redding to Bakersfield. Approximately 70 percent of all farmworkers here are living in the United States illegally, according to researchers at University of California, Davis. The impact could reverberate throughout the valley’s precarious economy, where agriculture is by far the largest industry. With 6.5 million people living in the valley, the fields in this state bring in $35 billion a year and provide more of the nation’s food than any other state. [….]

Tja, schade, wenn man doof ist.
Hätten sie mal lieber gleich Hillary Clinton gewählt.

Besonders populär war im Wahlkampf Trumps Ankündigung die Freihandelsabkommen zu zerstören und auf protektionistische Wirtschaftspolitik zu setzen. Nur so gelang es ihm überhaupt Präsident zu werden, denn das brachte die entscheidenden Stimmen in den nordöstlichen Blue-Collar-Bundesstaaten.

Auch das wird grandios nach hinten losgehen, wie das Entsetzen der Tech-Größen über Trumps Wirtschaftspolitik zeigt.

(….) Man braucht wirklich nicht VWL studiert zu haben, um zu erkennen, daß ein 20%-Strafzoll für den US-Konsumenten Produkte im Wert von über 300 Milliarden Dollar drastisch teurer machen würde.
Zudem dürfte Mexico mit ähnlichen Strafzöllen reagieren, so der Export von US-Waren im Wert von mehr als 280 Milliarden Dollar drastisch erschwert würde.
Die US-Handelskammer spricht daher von fünf Millionen US-Arbeitsplätzen, die in Gefahr wären.
Protektionismus und möglicherweise Handelskriege sind keine Frage der ökonomischen Ideologie. Linke und Rechte, Keynsianer und Neoliberale lehnen Strafzölle daher gleichermaßen ab und wollen den internationalen Handel erleichtern.
Die gegenteilige Politik, die Trump anstrebt, speist sich nur aus destruktiv-nationalistischem Abtrieb und purer Dummheit. Trump versteht einfach nichts von Volkswirtschaft.

Der Immobilien-Tycoon Trump macht bei jeder Gelegenheit deutlich, dass er die USA künftig wie ein Unternehmen führen will. Die Handelsbilanz des Staates setzt er mit der Bilanz eines Unternehmens gleich. Ist sie negativ, macht der Staat Miese, ist sie positiv, schreibt er Gewinne. "Wir verlieren eine ungeheuerliche Summe an Geld. Statistiken belegen, es sind 800 Milliarden Dollar in einem Jahr im Handel", sagte er einmal während des Wahlkampfes der "New York Times".
Für Dougas Irwin, Handelsexperte und ehemaliges Mitglied der Reagan-Administration, hinkt Trumps Vergleich jedoch. "Während ein Unternehmen nicht unendlich Geld verlieren kann, kann ein Land unendlich lange ein Handelsdefizit aufweisen, ohne Abstriche an seiner guten Verfassung zu machen", zitiert CNN Money aus einem Beitrag für das Magazin "Foreign Affairs". Als Beispiel führt Irwin Australien an. Der Kontinent hat zwar seit Jahrzehnten ein Handelsdefizit, weist aber seit 25 Jahren keine ökonomische Rezession. Umgekehrt weist Japan häufig einen Handelsbilanzüberschuss auf, aber die Wirtschaft stagniert seit Jahrzehnten. 
[….]  Langfristig würde das Wirtschaftswachstum der USA sinken. Die US-Exporteure werden durch die Handelsbarrieren der USA weniger verdienen, die Investitionen zurückgehen und die Verbraucherpreise steigen, prognostizieren die Experten. Ihren Anteil daran dürften dann auch die höheren Produktionskosten in den USA haben, weil Waren nicht mehr im Niedriglohnland Mexiko hergestellt werden. [….] 

Der nächste Schritt ist ebenfalls vorhersehbar.
China guckt sich derzeit ganz genau an, wie sich der US-Präsident gegenüber Mexico verhält. Schließlich hatte Trump im Wahlkampf die Volksrepublik noch viel schärfer angegriffen.
Sollte das Weiße Haus ähnliche Schritte gegenüber Peking einleiten, stünden ganz andere Dimensionen zur Disposition. (….)

Tja, schade, wenn man doof ist.
Hätten sie mal lieber gleich Hillary Clinton gewählt.

Höhere Preise für die Konsumenten und weitere Produktionsdrosselungen in den USA werden den Trump-Wählern kaum schmecken.
Noch dramatischer könnten aber die Folgen auf dem Kapitalmarkt werden.
Sollte der US-Präsident vom irren Bannon angetrieben weiterhin die globalen Wirtschaftsbeziehungen talibanisieren, könnten sich die ganz großen Finanziers der USA überlegen ihr Geld lieber woanders anzulegen.
Dann ginge es rapide bergab mit der US-Wirtschaft.

 [….] Der Präsident, der angetreten ist, Amerika wieder great zu machen, läuft Gefahr, das bislang unerschütterliche Vertrauen zu verspielen, das die USA bei internationalen Investoren genießen. Die Trump-Regierung ist genau auf deren Wohlwollen angewiesen. Das außenwirtschaftliche Defizit der USA dürfte durch den angekündigten Kurs deutlich in die Höhe schnellen. Steigende Ausgaben bei gleichzeitigen Steuersenkungen werden genau das zur Folge haben: Amerika muss sich beim Rest der Welt Geld leihen, in großem Stil.
Bislang war das nie ein Problem. US-Staatsanleihen galten als eine der sichersten Anlageformen der Welt, der Dollar war die wichtigste Anlagewährung. Bisher genossen die USA deshalb ein unschätzbares Privileg: Sie konnten sich zu niedrigen Zinsen in eigener Währung verschulden und sich dauerhaft hohe laufende Defizite leisten - mehr als eine halbe Billion Dollar 2017 und potenziell rapide steigend.
 [….]  Im Wahlkampf ließ Trump bereits durchblicken, man müsse Schulden ja nicht unbedingt vollständig zurückzahlen. Ein "Haircut" auf US-Bundesanleihen ("Treasuries"), also ein teilweiser Zahlungsausfall - dergleichen gab es noch nie. Aber der neue Präsident erweckt ja auch in der Handels-, Klima- oder Außenpolitik nicht den Eindruck, sich an bestehende Verträge gebunden zu fühlen. Er könnte er auch vor einer Diskriminierung ausländischer Kreditgeber nicht zurückschrecken.
    42 Prozent der US-Staatsanleihen gehören ausländischen Gläubigern; sie liegen insbesondere bei Notenbanken und Staatsfonds in Japan, China und den Opec-Staaten. Sollten die ein erhöhtes Ausfallrisiko befürchten, wäre die "rationale Antwort, dieses Risiko zu begrenzen", so Junius. Sie würden also weniger neue US-Schulden kaufen - und wenn, dann zu deutlich höheren Zinsen. [….]

Tja, schade, wenn man doof ist.
Hätten sie mal lieber gleich Hillary Clinton gewählt.

Sonntag, 12. Februar 2017

Ewige Kanzler

In Angela Merkel haben wir nun schon die dritte CDU-Amtsinhaberin mit Überlänge.
Während Präsidenten in den USA, in Frankreich oder Russland maximal nur zwei Amtsperioden regieren dürfen, können deutsche Bundeskanzler theoretisch ewig amtieren.

Natürlich sammelt ein länger amtierender Regierungschef wertvolle Erfahrungen. Deswegen ist Queen Elisabeth II. so eine brillante Diplomatin. Nach 107 Jahren als Staatsoberhaupt kennt sie alle Fallstricke und läßt sich von keiner Situation mehr überraschen.
Allerdings ist ihr Amt repräsentativ. Sie muß sich nicht um ihre Wiederwahl sorgen und hält sich von der Tagespolitik fern.

Das Amt eines Kanzlers oder eines exekutiv regierenden Präsidenten wie in den USA ist ungleich anstrengender und erfordert mehr Flexibilität.
Da müssen regelmäßig frische Ideen her.

Die deutsche Regelung ausgerechnet das politisch schwache Bundespräsidentenamt auf zwei Amtszeiten zu begrenzen und die wahrhaft starke Position des Kanzlers auch 20 oder 30 Jahre in einer Hand zu lassen, ist demokratisch paradox.

Konrad Adenauer, der 14 Jahre regierte, wurde 1963 zur Hälfte der Legislaturperiode von seiner eigenen Partei im jugendlichen Alter von 87 Jahren aufs Abstellgleis geschoben. Die folgenden drei Jahre verbrachte Adenauer damit den von ihm zutiefst verabscheuten Nachfolger Ehrhardt zu sabotieren. Als dieser 1966 stürzte, knallten im Hause Adenauer die Korken.

Er ätz­te, die drei Jah­re wäh­ren­de Re­gie­rungs­zeit Er­hards hät­ten ihn „sechs Jah­re sei­nes Le­bens ge­kos­tet“.
(DER SPIEGEL, 11.02.17)

Helmut Kohl war inhaltlich bereits nach rund sechs Jahren, 1988/89 so am Ende, daß seine eigene Partei versuchte ihn loszuwerden. Der unerwartete DDR-Zusammenbruch rette ihm 1990 die Wiederwahl und im Einheitsrausch sorgten sie Ostdeutschen für eine Amtsverlängerung auf insgesamt 16 Jahre.
Kohl ist somit (durch extrem ungewöhnliche Umstände) Rekordhalter.
Gemeinsam mit Adenauer war ihm sein tiefsitzender Hass auf den Nachfolger Schäuble. Nur daß Ehrhardt 1963 Kanzler-Nachfolger, nicht aber CDU-Vorsitzender wurde, während das Kanzleramt 1998 für die Union verloren ging und Schäuble Kohl als Parteivorsitzender nachfolgte.
Helmut Kohl war im Jahr 1998 zutiefst davon überzeugt absolut unersetzlich zu sein. Alle seine CDU-Minister hielt er für unfähige Pfeifen, so daß er sie intensiv bekämpfte. Durchaus erfolgreich, der CDU-Fraktions- und Bundesvorsitzende Schäuble verlor im Jahr 2000 beide Ämter an Merz und Merkel.

Angela Merkel, die im Herbst 12 Jahre regiert haben wird, steht vor ähnlichen Problemen. Sie hinterläßt verbrannte Erde und eine inhaltlich komplett entleerte Union. Ein adäquater Nachfolger ist weit und breit nicht zu sehen.
Emotionslos, aschfahl und ohne irgendeine programmatische Erkennbarkeit schleppte sie sich in ihre vierte Kandidatur als Kanzlerin.
Die Schwesterpartei brauchte Monate, um sie offiziell zu unterstützen. In ihrer eigenen Partei überdeckt dicker Mehltau jede Regung.

Lange Kanzlerschaften schaden offensichtlich dem Land. Daher forderte Politikwissenschaftler Prof Peter Grottian von der FU Berlin auch in Deutschland endlich die Amtszeit des Regierungschefs zu begrenzen.

Schluss mit der ewigen Kanzlerschaft
[….] Wer zu lange im Amt bleibt, nutzt sich ab. [….]
Sichtlich unter dem Eindruck des politisch verfallenden Bundeskanzlers Helmut Kohl hatte Angela Merkel Ende der Neunzigerjahre noch gesagt: „Ich möchte kein halb totes Wrack sein, wenn ich aus der Politik aussteige.“ Ein halb totes Wrack ist sie sicher mit ihrem unermüdlichen und oft erfolgreichen Krisenmanagement nicht, aber angeschlagen und tief verunsichert ist sie inzwischen schon.
Was in der aktuellen Flüchtlingsdebatte irritiert, ist Merkels Verstocktheit, ihr Trotz und ihre mangelnde Souveränität. In ihren Klein-Canossa-Reden, die als Zugeständnisse an die Kritiker gedacht waren, konnte sie noch nicht einmal deren Realitätssinn loben oder Seehofer in Teilen ausdrücklich zustimmen. Sie wirkte überwiegend vergnatzt, rechthaberisch, entrückt, obwohl sie doch längst Seehofer-Politik macht.
Die mangelnde Souveränität zeigt sich insbesondere daran, dass Angela Merkel der Bevölkerung keine Gesamt-Erzählung für die Zukunftsperspektiven der Gesellschaft bieten kann. Das übernehmen andere wie zum Beispiel Wolfgang Schäuble, der sich mit ausführlichen Artikeln in der „FAZ“ und anderswo äußert.
Fast sprachlos ist die Kanzlerin zu wichtigen und die Menschen bewegenden Themen. Zu TTIP und Ceta oder zum völlig auf den Hund gekommenen Klimaschutzplan für die nächsten Jahrzehnte: kein erklärendes Wort. Zur EU: kein Hauch von einer pragmatischen Vision, die Europa zu mehr macht als einer ökonomischen Veranstaltung. Stattdessen hat Merkel bei der EU-Jugendarbeitslosigkeit selbst vorgeführt, wie man ein wichtiges europäisches Thema wie eine heiße Kartoffel fallen lassen kann. Schließlich zum Rechtsextremismus und der AfD: konzeptionslose Hilflosigkeit.
[….] Es ist also plausibel, dass Angela Merkel sich aus ihrer „bleiernen Zeit“ nur schwerlich noch wird befreien können. Deshalb ist jetzt eine Debatte über die Begrenzung der Amtszeit der Bundeskanzlerin beziehungsweise des Bundeskanzlers überfällig. [….]

Einige politische Beobachter, so auch die Autoren der aktuellsten SPIEGEL-Titelgeschichte über Martin Schulz‘ Chancen Kanzler zu werden, sorgen sich um die Postkanzlerzeit der Regierungschefs.
Adenauer und Kohl konnten sich gar nichts anderes vorstellen.
Merkel sagte vor langer Zeit sie habe eine Exit-Strategie, aber stimmt das noch?
Kiesinger und Erhardt gingen in Schande.
Nur Willy Brandt blieb nach seinem Amtsverzicht noch lange Zeit der Tagespolitik erhalten.
Gerd Schröder fand ein neues Betätigungsfeld in der Wirtschaft und Helmut Schmidt, der mit Sicherheit Intelligenteste aller deutschen Kanzler erfand sich sogar mehrfach neu, wurde kontinuierlich immer populärer.

Das ist schön für Schmidt, wie es nicht schön für Kohl ist zur verstummten persona non grata zu mutieren.

Relevant ist das persönliche Empfinden der Ex-Kanzler aber nicht für eine Begrenzung der Amtszeit.
Ich halte es für schwer vorstellbar, daß ein political animal, welches einmal die höchste Macht, die Deutschland zu vergeben hat, in der Hand hielt, niemals hadert diese verloren zu haben.
Aber das soll unsere Sorge nicht sein und liegt in der Natur der Sache.

Konrad Hermann Joseph Adenauer wurde 91 Jahre alt (*1876; †1967).
Als er 1963 sein Amt aufgeben mußte, blieben ihm noch vier Jahre vergönnt, in denen er zusammen mit seinem Sohn Paul, einem Priester, richtig fun hatte.
Er gab seiner grenzenlosen Rachsucht freien Lauf, warf seinem Nachfolger intensiv Knüppel zwischen die Beine und konnte seiner durchaus bösen Persönlichkeit freie Entfaltung bieten.

[….] Der Alte teil­te or­dent­lich aus. Er be­haup­te­te ernst­haft, un­ter Er­hard wer­de die Re­pu­blik zu­grun­de ge­hen. Und er schimpf­te über fast alle füh­ren­den Par­tei­freun­de. Der CDU/CSU-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de sei fei­ge, der Au­ßen­mi­nis­ter „irr­sin­nig“, der Bun­des­tags­prä­si­dent „ar­ro­gant“, Nach­fol­ger Er­hard „dumm“.

[….] Ade­nau­er war ein bos­haf­ter, hin­ter­lis­ti­ger, nach­tra­gen­der Mann. Po­li­tik ver­der­be den Cha­rak­ter, pfleg­te er sich zu ent­schul­di­gen. Und so ge­noss er die klei­nen Ge­mein­hei­ten, etwa wenn er Er­hard ein fie­ses Schrei­ben schi­cken las­sen konn­te: „Ich wür­de zu gern se­hen, wie der di­cke Er­hard den Brief be­kommt.“ […..]
(Klaus Wiegrefe, DER SPIEGEL PLUS, 11.02.2017)

Konrad Adenauer war auch im hohen Alter sehr fit und voller Elan.
Kein Wunder, denn er ballerte sich morgens gern wie sein Vorvorgänger Adolf H. Crystal Meth rein und orakelte über fröhliches Ficken.

Wer hätte gedacht, daß er so viele Gemeinsamkeiten mit Volker Beck hatte?

Ge­le­gent­lich nahm er eine Ta­blet­te Per­vi­tin ein, der Wirk­stoff ist der glei­che wie bei Crys­tal Meth. Die Auf­putsch­dro­ge war schon in der Wehr­macht ver­brei­tet ge­we­sen. [….]

Die wil­den Sech­zi­ger­jah­re und die se­xu­el­le Re­vo­lu­ti­on schei­nen auch Ein­druck auf den Köl­ner Kar­di­nal Jo­seph Frings, 78, und Ade­nau­er ge­macht zu ha­ben. Je­den­falls un­ter­hiel­ten sich die bei­den al­ten Män­ner über die schöns­te Haupt­sa­che der Welt. [….] Die bei­den Kon­ser­va­ti­ven hoff­ten auf eine Rück­kehr der gu­ten al­ten Zeit, in der die Men­schen „ein­fach Freu­de am spon­ta­nen Ver­kehr ha­ben, auch wenn dar­aus meh­re­re Kin­der her­vor­gin­gen“.
(Klaus Wiegrefe, DER SPIEGEL PLUS, 11.02.2017)