Samstag, 2. August 2014

Nichts Wichtiges


Samstag und politisch ist alles sowieso großer Mist; wie immer.

Gelegenheit mal eben schnell etwas aufzuschreiben, das mir schon lange an den Nerven nagt:
Das Wetter.
Also nicht das Wetter an sich. OK, das geht mir natürlich auch seit Wochen auf die Nerven, ist aber nicht so ohne weiteres zu ändern.
Ich meine speziell dem Umgang der Boulevardzeitungen und des Fernsehens mit hohen Temperaturen.
Vor einiger Zeit hatte ich die Gelegenheit in Hamburg-Lokstedt beim NDR das Tagesschau-Studio zu besichtigen. Der Raum ist fensterlos und von Klimaanlagen stark runtergekühlt.
Da steht es sich als Moderator (alle stehen jetzt am Pult – außer Claus-Erich Boetzkes. Der ist so groß, daß er sitzen darf) leicht, während einem die Worte von den erfreulich heißen Sommertagen über die Lippen kommen.
Hitze und insbesondere die seit vielen Wochen in Norddeutschland herrschende Dauerhitze mit Nächten, die in der Stadt nie kühler als 21°C werden, ist aber nun einmal nicht für jeden erfreulich.
Die Boulevardzeitungen wie die „Hamburger Morgenpost“ beschreiben die Wetterlage aber ausschließlich aus der Perspektive von jungen, gesunden, sehr schlanken Menschen, die offenbar auch nie arbeiten müssen, sondern den ganzen Tag im Adamskostüm im Freibad zubringen.
Die typischen Überschriften lauten dann „Sommer, Sonne, Hamburg - so genießen Sie das Traumwetter“ oder „Hurra! Noch zwei Wochen Tropenwetter in Hamburg“ oder „So genießen die Hamburger das Wetter“ oder „das Traumwetter“ oder „Die nächsten Tagen werden einfach traumhaft: Die Sonne scheint“ oder „After Work in der Strandperle: Bei schönem Wetter ist die Aussicht unschlagbar“ oder „Der Sommer gibt noch mal alles: Diese Woche bekommen wir herrliches Badewetter“ oder „Endlich wieder strahlend blauer Himmel!“ oder „Super-Sommer im Norden und kein Ende in Sicht. Bei 30 Grad und strahlend blauem Himmel fühlt es sich selbst in Norddeutschland gerade ein wenig an wie am Mittelmeer. Und vorerst wird sich daran wohl auch nichts ändern.“
Es folgen die typischen Bildstrecken von knapp bekleideten „Studentinnen“ und ähnlichen Brathirnen, die rund um die Uhr in Parks, am Elbstrand oder in den Freibädern rumliegen.

Das ist schön für die jungen Frischen und darf auch berichtet werden. Aber es könnte auch 10% des Zeitungsplatzes für die Temperatur-Jubelarien für diejenigen freigeräumt werden, für die so ein Wetter tödlich ist. Und das meine ich nicht metaphorisch.

Ich kenne die meisten Kardiologien in Hamburg ganz gut.
 Da werden die Temperaturen zum Killer, da nur die OPs klimatisiert sind. Die beiden Intensivstationen des UHZs (Universitäres Herzzentrum, erbaut 2006!) haben zwar angeblich eine Klimaanlage, aber die ist so schwach, daß nur im Eingangsflur der herzchirurgischen Intensivstation ein leichter Effekt bemerkbar ist. Die Patientenzimmer sind ebenso wie die gesamte kardiologische Intensivstation bruttig aufgeheizt. Die Monitoringstation für die postoperativen Patienten ist genauso wie die normalen Kardiologischen Stationen mit keinerlei Klimaanlage ausgestattet. Hinzu kommt, daß auf der gesamten Monitoringstation und den Isolierzimmern der Normalstationen generell keine Fenster zu öffnen sind. Man liegt dort vor glühend heißen Fensterfronten.
Auch in der Notaufnahme, der größten der 1,8 Millionenstadt Hamburg, in der laufend kollabierende Pflegepatienten ankommen, herrschen 33°C. Eine einzige Tortur für die Herz-Kreislaufpatienten.
Dabei müßten die vielen alten Menschen mit schwerer Exsikkose gar nicht erst in Notaufnahme, wenn sie in ihren Pflege- und Altenheimen wenigstens genug zu trinken bekämen. Aber dafür fehlt Deutschland bekanntlich das Geld.
Myriaden Menschen in Deutschland liegen in Heimen und verdursten während die Mopo den „Supersommer“ bejubelt.
Das Problem der Exsikkose in Altenheimen wurde durch das Hoch „Michaela“ im Jahr 2003 europaweit diskutiert.
Hilflose und pflegebedürftige Menschen trinken fast nie von allein genug Wasser und es reicht nicht ihnen einfach irgendwo ein Glas hinzustellen; es braucht eine pflegende Person, die ihnen das Wasser auch einflößt.
Auf dieses Weise starben 2003 mindestens 40.000 Menschen über 75 Jahren in Westeuropa.

Der 11. und der 12. August waren aufgrund der Windstille besonders belastend. Die Wirkung der Hitzewelle wurde durch die sehr erhöhten Nachttemperaturen verstärkt, die fehlende Luftbewegung verursachte einen steilen Anstieg der Stickoxide, die sich bei der Entstehung des Ozons ansammelten. Die Leichenhallen waren sehr schnell voll belegt, da man die Leichen wegen der beträchtlichen Hitze nicht in ungekühlten Räumen lagern konnte. Ein gekühlter Hangar der Halles des Pariser Vororts Rungis, das Logistikzentrum der Transporte für den Handel mit Lebensmitteln, wurde zur Verfügung gestellt, damit dort die Leichen vorläufig abgelegt werden konnten. Am 24. August gab es immer noch 300 Leichen in Paris, für die sich keine Angehörigen gemeldet hatten und die in Rungis und in Kühllastern in Ivry-sur-Seine ihrer Beisetzung harrten.

Wenn in Deutschland ein alter Mensch in einem Heim zu vertrocknen droht, muß man 112 rufen und ihn schnellstens in Krankenhaus bringen lassen. Dort bekommt er dann zwei bis drei Tage lang intravenös Ringerlösung oder NaCl-Lösung. Das kostet ungefähr 2000 Euro inklusive der Krankenwageneinsätze und ist absolut alltäglich in den Kliniken bei einem Wetter wie heute.
Natürlich könnte man auch stattdessen für einen Bruchteil des Geldes etwas mehr Pflegepersonal in den Heimen einstellen, so daß die alten Menschen a priori genug zu trinken bekommen und gar nicht erst in Lebensgefahr geraten.
Die Absurdität ist bekannt* und wurde in vielen Büchern (Stichwort Claus Fussek) beschrieben. Aber die 2000 Euro für den Krankenhausaufenthalt kommen aus einem anderen Topf, dem der Krankenkasse und nicht dem der Pflegekasse. Merkel und Co kümmern sich aber nicht darum, weil es auch keinerlei Druck auf sie in dieser Angelegenheit gibt. Die Presse versagt hier vollkommen bei ihrer einseitigen Sommerbejubelung. Sie verweigert ihren Job auch auf die Missstände hinzuweisen.
Es ist ein bißchen ähnlich bei der leidigen Diskussion Auto versus Fahrrad, die vermutlich in allen deutschen Großstädten läuft. Die Straßen sind ursprünglich für Autos geplant worden, da aber heute glücklicherweise mehr Menschen Rad fahren verlangen sie überall Fahrradwege, die auf Kosten der Auto-Straßen abgezwackt werden.
Zumindest die Hamburger Lokalpresse steht ausnahmslos auf der Seite der Radfahrer und brandmarkt genau wie fast alle Parteien die sturen Autofahrer, die weiter auch in der Innenstadt fahren wollen. Dadurch haben die Radfahrer so starkes Oberwasser, daß sie zunehmend aggressiv werden. Tatsächlich muß man sein (Auto-)Fahrverhalten ändern. Beim Rechtsabbiegen genügt kein kurzer Schulterblick mehr; nein man muß sich einmal komplett umdrehen, weil auf Fußwegen, Fahrradwegen und Straßen bei grün UND rot jederzeit irgendein Irrer auf seinem 4000-Euro-Mountainbike einem vor die Kühlerhaube rasen kann.
Natürlich ist es aus ökologischen Erwägungen unstrittig, daß der Umstieg möglichst vieler PKW-Nutzer auf das Rad zu wünschen ist.
Aber die Presse hätte verdammt noch mal auch die Pflicht an diejenigen zu denken, für die das nicht möglich ist.
 Ist gibt jede Menge Alte, Pflegefälle, Herzkranke, Behinderte, oder einfach junge Leute mit Mitralklappeninsuffizienz, die nicht die Puste zum Strampeln haben, also die schlicht und ergreifend nicht in der Lage sind Rad zu fahren.
Es wäre ganz nett zu berücksichtigen, daß auch diese Menschen Zugang zu Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen haben müssen.

Verblüffenderweise gibt es immerhin gelegentlich für die nichthumane Natur Mitleid, obwohl jeder immer nur den Sommer bejubelt.

Die Natur leidet. Dazu muß ich nur aus dem Fenster sehen – alle Büsche und Gräser sind braun und vertrocknet. Natürlich trifft es auch die Fauna.

Hitzewelle löst Fischsterben in der Elbe aus
Fischer sprechen von einer Katastrophe. Bisher schon 100 Tonnen Kadaver. Einer der Gründe: die verstärkte Algenblüte.

Die Hamburger Umweltbehörde warnt vor dem Kontakt mit giftigen Blaualgen in der Binnen-und Außenalster. Vor allem in Höhe Lombards- und Kennedy-Brücke haben sich dort in den vergangenen Tagen ganze Algenteppiche gebildet.

Und ja, falls jemand fragt, ich bin persönlich in vielerlei Hinsicht betroffen.
Ich breite hier nicht meinen Gesundheitszustand aus, aber meine Wohnung ist nicht isoliert und da ich ein vorbildlich ökologisch denkender Mensch bin auch ohne Klimaanlage. Seit Wochen ist in meinem Schlafzimmer auch nachts niemals unter 29 oder 30°C, so daß an Schlaf nicht zu denken ist.
Und ja, das NERVT, da bekommt man GANZ GANZ SCHELCHTE LAUNE, wenn einem die Radiomoderatoren vorsäuseln wie glücklich wir uns schätzen können, daß es dauerhaft heiß bleibt.



*Constanze Kleis
Sterben Sie bloß nicht im Sommer
Dumont, 224 Seiten, Hardcover
ISBN 978-3-8321-9657-8


 *Die ganze Abartigkeit dieser Zustände wird noch dadurch getoppt, daß dies alles seit vielen Jahren bekannt ist. Herr Fussek hat darüber viele Bücher geschrieben, trat oft in Talkshows auf und das Thema wird immer wieder von den relevanten Periodika und TV-Magazinen aufgegriffen.
Aber ¾ der Deutschen sind begeistert von der Kanzlerin, die dieses Millionenfache Foltersystem in Deutschland geschehen läßt.

Claus Fussek und der Gottlob Schober sprechen in der AZ über menschenunwürdige Bedingungen in der Altenpflege – und einen Skandal, der keinen interessiert, bis er selbst betroffen ist

AZ: Herr Fussek, Herr Schober, vor fünf Jahren haben sie schon einmal ein Buch über den Zustand der Pflege in Deutschland geschrieben: „Im Netz der Pflegemafia“. Was hat sich seitdem geändert?

GOTTLOB SCHOBER: Wir dachten eigentlich, wir hätten alles aufgedeckt. Fünf Jahre später müssen wir feststellen: Es hat sich nichts überhaupt geändert. Es kann doch nicht sein, dass sich bei diesen Missständen gar nichts tut.

CLAUS FUSSEK: Völlig zu Recht haben die Flüchtlinge am Rindermarkt so viel Aufmerksamkeit bekommen. Aber ich würde mir die gleiche Aufmerksamkeit wünschen für unsere alten Menschen, die täglich nichts zu essen und zu trinken bekommen. Die nie an die frische Luft kommen.

S: Bilder von gefesselten Alten – das weckt in den Leuten keine Empörung mehr.

F: Die Politik hat sich daran gewöhnt, die Medien auch. Für pflegebedürftige Menschen bedeutet das gesellschaftliche Desinteresse menschenunwürdige Bedingungen.

S: Wenn Sie sich die Kriterien von Folter anschauen – Fixierung, Freiheitsberaubung etwa – für uns ist das Folter, und der einzige legitime Bereich dafür sind die Pflegeheime.

F: Alle wissen Bescheid, von der Putzfrau bis zum Bestatter. Das ist eine Allianz des Schweigens. Und wie das funktionieren kann in unserer Gesellschaft, ist mir schleierhaft.

Diese Solidarisierung mit den Hochwasser-Opfern – so etwas brauchen wir für die pflegebedürftigen Menschen. […]   Es gibt so viel Unvorstellbares. Das glaubt man nicht, wenn man es nicht selbst gesehen hat. Die Menschen kommen tagelang nicht aus dem Bett, werden mit Psychopharmaka ruhig gestellt, dämmern nur vor sich hin. Bekommen aus Zeitmangel nichts zu essen und zu trinken. Sie kommen nicht zum Klo und müssen ihre Notdurft in Windeln verrichten. […]

S: Ich war schon in Heimen, da hat nie ein Angehöriger vorbeigeschaut. Sie müssen sich kümmern. Ihre Anwesenheit erzeugt Druck. […] Was wir fordern ist kein Luxus, sondern absolute Mindeststandards. Grundrechte. Menschen müssen zu Essen und zu Trinken bekommen. Auf die Toilette dürfen. Selbst im Knast haben die Insassen Hofgang. Das ist doch absurd, dass man das überhaupt einfordern muss.

Freitag, 1. August 2014

Impudenz des Monats Juli 2014


Und schon wieder einmal zeigt der Kalender eine „1“ - hohe Zeit für mich den Blödmann des Monats zu küren.

Heute klickte ich mal wieder in meine große Facebook-Gruppe der Putinisten, nachdem ich vorgestern die CSU und gestern schließlich die Teebeutler für die gehirnlosesten Etwasse der Erde hielt.
Man muß nur fünf Minuten die Beiträge dieser Verschwörungstheoretiker-Montagsdemo-Ukraine-Hasser lesen, um schon wieder zu bezweifeln, daß Seehofer oder Palin die dümmsten Menschen der Welt sind.

Ein willkürliches Beispiel von heute:
Die Putinisten mögen scheinbar nicht so wirklich gerne Amerikaner.
 Aber die haben eine differenzierte Ansicht zu Menschen meiner Nationalität:

„Amerikaner, raus aus Deutschland!“ begann ein Thread, der mit diesem Video untermauert wurde.
Kommentare:

HB:
nein ,moslems raus

CT:
Ja und auss ganz Europa rauss !!!!

LLP:
alle Idioten Raus! mir ist echt egal, welche Nationalität ein Mensch hat, hautspache er hat einen gesunden Verstand.

TF:
Ami, go home! [Mit einem Link zu einem Elsässer-Video, der mir echt zu heftig ist, um das hier zu posten]

RP:
Yankee, auf diesem Kontinent ist kein Platz für uns Beide.......

PP:
Ja und DDR samt Gesetze wieder aufmachen, damit wir auch gleich noch die ganze korrupte Seilschaft der Kapitalisten loswerden. Grundversorger wieder in Volkshand, Wälder und Seen in Volkshand, Recht auf Arbeit und Einkommen mit dem man Auskommen kann, vernünftige Renten für alle, vernünftige Mieten, kostenlose Bildung und anständige Krankenversicherung. Dieses Land ist ein Müllhaufen nach Amerikanischem Vorbild

GP:
bitte alle lesen - Perfider Journalismus und Propaganda
Die WELT titelte am 28 Juli 2014: Gespräche mit Putin sind reine Zeitverschwendung - "Die Schandtaten Wladimir Putins können die Europäer nur geeint beenden". Frage mal, von welchen Schandtaten spricht die WELT? Die Foltergefängnisse der CIA und die Blackwater Mörderbanden waren wohl nicht gemeint. [Wieder mit nicht zitierfähigem Link auf eine Verschwörungstherorieseite]

PP:
Ich sag ja, unsere Medien und Politiker sind nur noch ein Haufen verbrecher, subventioniert von einer amerikanisch-deutschen Finanz- und Industrie-Elite die die Russen vom Markt haben will
[Noch ein nicht zitierfähiger Link auf eine Verschwörungstherorieseite]

AvT:
Amis raus,oder bekämpfen!!!

AvT:
nichts an amis vermieten verkaufen und arbeiten.

MB:
Wer die Macht hat,gibt sie nicht wieder her und schon garnicht freiwillig.
(Facebook 01.08.14)

Wenn ich das lese, wird mir selbst ganz mainstreaming und ich sehne mich nach seriösen Informationen, wie sie beispielsweise professionelle Journalisten des SPIEGELs mitsamt ihrer legendären Dokumentation (=Faktencheck) liefern.

Das Schlimme ist nur, daß natürlich ein Kern Wahrheit an den Anti-Mainstreammedien-Bildchen der Putinisten ist.







Und so komme ich zur Impudenz des Monats Juli; dem SPIEGEL.

Zur Erklärung poste ich hier den Brief an die Redaktion, den ich vorhin abschickte.
                      

Lieber SPIEGEL!

In meinem Elternhaus wurde immer DER SPIEGEL gelesen; es war mir so vertraut, daß jeder in der Familie ständig dieses Heft vor Augen hatte, daß ich schon als junger Teenager darum kämpfte das Exemplar meiner Mutter montags vor ihr aus dem Briefkasten zu fischen.
Sie konnte aber so wenig den Montagmorgen ohne SPIEGEL überstehen, daß sie mir bald mein eigenes Abonnement schenke.
Daher bin ich inzwischen knapp 30 Jahre ununterbrochen SPIEGEL-Abonnent.
Ich schätzte den SPIEGEL als meinungsstarkes Medium, das immer wieder insbesondere mit Essays, denen man nicht spontan zustimmen mochte, zum Nachdenken herausforderte.
Es gab beispielsweise zur Wendezeit politische Beobachtungen von Wolf Biermann, die ich bis heute zu den besten Prosatexten des Genres zähle – auch wenn sich Biermann inzwischen politisch sehr weit von mir entfernt hat. Aber das kommt vor. Der SPIEGEL-Essayist Henryk M. Broder war zweifellos auch ein hochbegabter Schreiber, den ich lange Zeit vergnügt verfolgte.
Unglücklicherweise verfiel er kontinuierlich dem schleichenden Wahnsinn bis es nicht mehr lustig war. Seine neue Heimat bei Springers WELT zu finden war konsequent.
Andere Autoren waren leider nur ein Ärgernis. Es hat viel zu lange Jahre gedauert und mir etliche graue Haare beschert, bis endlich der Ex-Kulturchef Matthias Matussek gegangen worden ist. Mich gruselt es immer noch, wenn ich an schlecht geschriebene MM-Titelgeschichten wie die von 2007 über Romy Schneider denke. Aber man soll sich ja auch am Leib- und Magenblatt reiben.
Es ist eine große Redaktion. Da kann man nicht jeden mögen.

Wie Sie zweifellos an ihrer kontinuierlich sinkenden Auflage feststellen werden; 875.000 ist im 82-Millionen-Deutschland ein deutliches Misstrauensvotum; mögen den SPIEGEL immer weniger Menschen.
Im ersten Jahrzehnt des Jahrtausends waren es noch rund 1,1 Millionen verkaufte Hefte.

Seit einigen Jahren wundere ich mich über die abfälligen Reaktionen in den sozialen Netzwerken, die mir von Studenten bei Erwähnung des SPIEGELs entgegen schlägt.
Dort gilt das Nachrichtenmagazin als absolut nicht mehr glaubwürdig.
Natürlich verteidige ich den SPIEGEL, weil ich das Überleben des Qualitätsjournalismus im Internet- und Wikipedia-Zeitalter so sehr wünsche.

Allerdings kann ich den Vorwurf des „Kampagnenjournalismus“ nicht mehr  von der Hand weisen.
In den 1990er Jahren schüttelten wir latent gequält unsere Köpfe über persönliche Animositäten, die vom SPIEGEL gepflegt wurden. Dabei überspannte die Brandstwiete den Bogen bei den Herren Gysi und Stolpe bis in ein lächerliches Maß. Der hundertste Versuch den Brandenburgischen Ministerpräsident aus dem Amt zu schreiben, war nur noch ermüdend.

Das erste Mal ernsthaft sauer wurde ich in der Zeit als der Hauptstadtbürochef Gabor Steingart sich mit STERN-Jörges die Bälle zuspielte und jede Woche geradezu manisch gegen die Rotgrüne Bundesregierung schrieb.
Jeden Montag mußte man seinen Lieblingsausdruck vom „schrumpfenden produktiven Kern Deutschlands“ wieder lesen. Und dann folgte das unweigerliche Loblied auf den totalen Neoliberalismus à la Westerwelle.
Es war nur zu verständlich, daß der SPIEGEL in jener Zeit seine Bedeutung als „Leitmedium“ für die Hälfte der ursprünglich zwei Drittel der deutschen Journalisten verlor.
Man muß fast dankbar für die Weltfinanzkrise von 2008/2009 sein, da sie endlich die Steingartsche Linie aus dem SPIEGEL verbannte.

Aber das waren spezifische ökonomische und politische Differenzen, die ich mit dem SPIEGEL hatte. Dennoch las ich das Heft gerne.
Zunehmend schlich sich aber eine Seichtheit ein, die ich zuletzt in der Endphase der Böhme-Jahre beobachtet hatte und die Herr Aust anschließend  glücklicherweise wieder abzuschaffen schien.
Es liegt mir fern zu beurteilen, ob Mathias Müller von Blumencron und Georg Mascolo aus eigenem Antrieb oder durch wie immer gearteten Druck „meinen“ SPIEGEL boulevardesker gestalteten.
Natürlich hoffte ich im Frühjahr 2013 trotz des PR-Desasters um die Neubesetzung der SPIEGEL-Chefredaktion, daß man sich auf alte Stärken besinnen würde. Also auf die hochqualitativen Hintergrundinformationen und investigativ recherchierten Geschichten, die man eben NICHT durch zwei Klicks im Internet findet und für die man auch gerne bereit ist zu bezahlen.
Aber dann kam erst Büchner und viel schlimmer: Der BILD-Vizechef Blome.
Der SPIEGEL holt sich die BILD in die Chefetage.
Das war ein offenbar in Schilda geschriebenes Stück, das ein wenig an den ehemaligen FDP-Generalsekretär Niebel erinnerte, der immer vehement die Abschaffung des Entwicklungshilfeministeriums gefordert hatte, um dann eben jenes Ministerium selbst zu besetzen und mit zusätzlichen Staatssekretären aufzublähen.

Blome goes SPIEGEL. Unfassbar.
Franziska Augstein sprach mir damals aus der Seele, aber offenbar hatte sie nicht genügend Einfluß.
Nach einer kurzen Anstandszeit, in der Herr Blome sogar annehmbare Kommentare schrieb, trat aber doch die befürchtete BILD-Werdung des SPIEGELs ein.

Der aktuelle SPIEGEL-Titel „STOPPT PUTIN JETZT!“ ist eigentlich nur noch mit den Giovanni di Lorenzos („ich darf zweimal wählen!“) Kniefall vor dem fränkischen Lügenbaron zu vergleichen.
Allerdings ist das Titelbild mit der Instrumentierung der vielen Toten für eine BILD-artige Kampagne moralisch noch deutlich unterhalb der Guttenberg-Story der ZEIT anzusiedeln.

Da Sie sich selbst nach wenigen Stunden ob des sofort einsetzenden Shitstorms an die Leser wendeten, muß ich sicher nicht im Einzelnen auf die vielen Unterstellungen der Titelgeschichte aufmerksam machen.
Sie haben offenbar deutlich erfahren wie entsetzt die Leser sind.
Manche Scheißestürme sind hochverdient
Wie tief ist der SPIEGEL gesunken, daß er die Kommentarfunktion abschaltet und von „organisiert auftretenden, anonymen Usern“ orakelt, als ob inhaltliche Kritik Majestätsbeleidigung wäre.
Es haben sich so viele Blogger empört über die „kriegstreiberische  und kriegshetzerische Sprache“ des SPIEGELS geäußert, daß es müßig ist als Nummer Zehntausend auf die mangelnde Seriosität und den Kampagnencharakter der Titelgeschichte einzugehen.

Sogar Jakob Augstein schreibt auf SPON über die Kontraproduktivität der Sanktionen. Moritz Gathmann beschreibt auf SPON wie sehr die von SPIEGEL vertretene Kampagne Putin hilft; er ist beliebter denn je in Russland.
 Und schließlich ist da noch SPON-Journalist Uwe Klußmann, der schon am 20.März 2014 berichtete, wie Russland und China nun zusammengeschweißt werden, so daß Putin am Ende ökonomisch mächtiger denn je dastehen könnte.

Welch ein Desaster der SPIEGEL-Journaille, das auf der Heft-Seite 72 mit (wenig überraschend) „Nikolaus Blome“ unterschrieben ist.

Es ist einfach grotesk zu sehen, daß es ausgerechnet die beiden ehemaligen SPIEGEL-Journalisten Hans Leyendecker und Georg Mascolo sind, die mit dem vorbildlichen NDR-SZ-WDR-Recherchepool zeigen wie guter investigativer Journalismus geht, während der SPIEGEL von heute in der Liga Diekmann mitspielen will.

Es schmerzt das zu sagen; aber nach 30 Jahren denke ich nun sehr konkret darüber nach mein SPIEGEL-Abo zu kündigen.

Mit freundlichen Grüßen…