Es ist die gefühlt 10.000.
Personalmangel-Katastrophenstory aus HH:
Im Allgemeinen Sozialen
Dienst sind 10% der Stellen nicht besetzt.
Leidtragende sind die
verbliebenen hoffnungslos überforderten Mitarbeiter und die Schwächsten der Gesellschafft.
Misshandelte und missbrauchte Kinder.
[….]
Der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) ist Teil der Hamburger Bezirksämter. Zu
seinen Aufgaben gehört es, Kinder vor Gefährdungen zu bewahren und Eltern bei
der Erziehung ihrer Kinder zu beraten und zu unterstützen. Bei Bedarf bewilligt
er weiter gehende erzieherische Hilfen oder vermittelt an andere kompetente
Stellen. [….]
(Hamburg.de)
Die Gewerkschaft Ver.di
musste ihre Forderung nach einer Stadtstaaten-gemäßen Bezahlung – „wer in Hamburg
arbeitet, muss auch in Hamburg leben können“ – in harten Streiks durchsetzen
und hätte bei einer Unionsgeführten Bundesregierung sicherlich auf Granit
gebissen.
[….]
Rund 42.000 Kolleg*innen haben zwei Wochen vor der dritten
Verhandlungsrunde in der Tarifauseinandersetzung für die Beschäftigten im
öffentlichen Dienst der Länder in ihren Branchen Action gemacht und gestreikt:
Vom Sozial- und Erziehungsdienst über die Beschäftigten der Hochschulen und
studentischen Hilfskräfte, die Stadtstaaten, die Jugend bis hin
zum Gesundheitswesen
waren alle dabei.
Allein am Streiktag der
Stadtstaaten waren
in Hamburg und Berlin 17.000 Kolleg*innen auf der Straße. Sie kämpfen für eine
Zulage von 300 Euro, damit sie sich die Arbeit in den teuren Großstädten auch
wieder leisten können. Denn von dieser Arbeit ist genug da, sie wird nur nicht
gut genug bezahlt. Und im Vergleich mit den Beschäftigten von Bund und Kommunen
klafft eine Lücke von 10,5 Prozent. Diese Lücke zu schließen und den
Reallohnverlust auszugleichen, der durch die anhaltende Inflation entstanden,
ist das erklärte Ziel dieser Auseinandersetzung. [….]
(ver.di, 29.11.2023)
Zum Glück ist aber nicht
Fritze Merz Kanzler, wie es sich die meisten wünschen, sondern Olaf Scholz. Nur
so konnte am Wochenende eine Tarif-Einigung erzielt werden, um
zumindest die Flucht aus diesen so wichtigen Jobs zu stoppen. Die Zustände im ASD sind
unhaltbar.
[…..] Einer, der sich mit voller
Überzeugung an den Streiks beteiligt, ist der 28-jährige Sozialpädagoge
Volkhard Cruse. Er schildert die Zustände im Allgemeinen Sozialen Dienst
ziemlich düster. Die Belastung für die Mitarbeiter sei „unglaublich hoch. Da
kommen einem auf dem Flur Kollegen entgegen, denen Tränen in den Augen stehen,
weil sie komplett überfordert sind.“ Cruse weiter: „Ich kann doch nur einen
Hausbesuch zurzeit machen, drei Hausbesuche gleichzeitig, das geht einfach
nicht. Alle haben den Anspruch, gute Arbeit zu leisten, aber wie soll das unter
diesen Umständen funktionieren?“ Notstand
ausgerechnet im Allgemeinen Sozialen Dienst? Das ist eine erschreckende
Nachricht, schließlich ist der ASD von zentraler Bedeutung für das Wohl von
Kindern und Jugendlichen in unserer Stadt geht. Es handelt sich um die
Institution, die sämtlichen Hinweisen auf Kindeswohlgefährdung nachgeht: Meldet
etwa ein Arzt, dass ein Säugling zum wiederholten Mal Verletzungen erlitten
hat, fällt Nachbarn auf, dass ein Kind einen verwahrlosten Eindruck macht, oder
liegt der Verdacht sexuellen Missbrauchs vor, dann stehen Sozialarbeiter des
ASD auf der Matte.
[…..]
Großer Stress und schlechte Bezahlung führten dazu, dass unter den Kollegen
große Fluktuation herrsche, so Cruse. „Leute, die neu bei uns anfangen,
durchlaufen ein Einarbeitungsprogramm, das ,NIA‘ genannt wird. Das steht für
,Neu im ASD‘. Aber wir nennen es inzwischen scherzhaft ,Noch im ASD‘, denn
regelmäßig springt die Hälfte innerhalb der ersten eineinhalb Jahre wieder ab.“
[…..] Ein Sozialpädagoge, der einen Job sucht, fängt lieber in
Buxtehude, Stade, Pinneberg oder Kiel an, denn dort verdient er sehr viel mehr
Geld. “Tatsächlich ist die Bezahlung im Speckgürtel besser als in der Metropole
Hamburg. Die Ursache: Anders als in Flächenländern wie Schleswig-Holstein und
Niedersachsen wird in den Stadtstaaten Hamburg, Bremen und Berlin Arbeit, die
sonst in den Kommunen erledigt wird, von Landesbeschäftigten geleistet. Und für
die gilt ein anderer Tarifvertrag, der sogenannte „Tarifvertrag für den
öffentlichen Dienst der Länder“, der die Arbeitnehmer deutlich schlechter
stellt. Sozialarbeiter Cruse zum Beispiel verdient mit seinen sieben Jahren
Berufserfahrung brutto 4100 Euro – rund 600 Euro weniger als ein vergleichbar
erfahrener Sozialarbeiter in Stade oder Buxtehude. Im Frühjahr wird die
Differenz noch um rund 200 Euro größer, weil dann die kommunalen Beschäftigten
eine Tariferhöhung erhalten.
Ziel
von Verdi ist es, diese Lücke zu schließen. Die Landesbeschäftigten sollen
genauso gut gestellt werden wie die kommunalen. Die Forderung lautet deshalb:
10,5 Prozent mehr Gehalt, mindestens aber 500 Euro. Zusätzlich soll es eine
Stadtstaaten-Zulage von 300 Euro geben und für die Beschäftigten im ASD eine
Sozialarbeiterzulage von 180 Euro. Volkhard Cruse hofft inständig, dass Verdi
in den Tarifverhandlungen Erfolg haben wird. […..]
(HH Mopo, 03.12.2023)
Für den ASD in Hamburg wurde in der dritten
Verhandlungsrunde immerhin erreicht:
[….] Sozial- und
Erziehungsdienst: Für Beschäftigte mit besonderen Stufenlaufzeiten fallen diese
ab Oktober 2024 weg. Die einzelnen Beträge der Heimzulage werden ab Oktober
2024 auf 50 Euro, 65 Euro und 100 Euro erhöht. In den Stadtstaaten erhalten die
Beschäftigten ab 1. Januar 2024 Zulagen von 130 Euro (EG S2-S9) und 180 Euro
(Abschnitt 20.4 EG S11b, S12, S14, S15 FG 1).
Stadtstaaten: In Berlin
wird die Hauptstadtzulage tarifiert. Für die Beschäftigten in Hamburg und
Bremen gibt es eine Gesprächszusage für Mitte 2025. […]
(Verdi, 09.12.2023)
Damit verbessern sich die personalmangelbedingten extrem
stressigen Arbeitsbedingungen nicht. Dafür müsste man viele neue Mitarbeiter
einstellen, die sich aber nicht bewerben.
Vor anderthalb Jahren, vor einem Jahr, dachte man, der
tragische Ukrainische Braindrain könnte den deutschen Arbeitsmarkt entlasten,
da die meisten Ukrainer digitalaffiner und gebildeter als die in Deutschland
lebenden Arbeitslosen sind.
[….] 68 Prozent der
Geflüchteten im erwerbsfähigen Alter hätten ein Hochschulexamen, weitere 16
Prozent eine Berufsausbildung. Fast die Hälfte der Erwerbstätigen arbeite in
Berufen, für die sie formal überqualifiziert sind. […..]
(HH Abla, 03.08.2023)
Verglichen mit den deutschen PISA-Krüppeln, die kaum
rechnen und lesen können, sind die eine Million in Deutschland lebenden
Ukrainer also hochgebildete Genies.
Die händeringend nach Fachkräften suchenden Jobcenter frohlockten
schon.
[…..] Hoch motiviert und gut ausgebildet: Mehr
als ein Viertel der Geflüchteten wollen dauerhaft in Deutschland bleiben. […..] Hryhori Havrylko […..] hat mit Unterstützung des Jobcenters
schon eine feste Arbeit in der Hansestadt gefunden – bei der Stadtreinigung[…..] in der IT-Abteilung. Denn Havrylko ist
studierter Informatiker. Jetzt ist er für die Netzwerktechnik des städtischen
Betriebs verantwortlich. An so manches musste er sich in der neuen Umgebung
erst gewöhnen. „Wir kommen aus einer ganz anderen Welt“, sagt Havrylko in
fließendem Deutsch. So sei die Ukraine im Hinblick auf die Digitalisierung
schon weiter als die Bundesrepublik. Mit einer Lohnabrechnung auf Papier, wie
sie hier noch weit verbreitet ist, kann er sich nicht so recht anfreunden: „Ich
bin es gewohnt, die Zahlen aus einer digitalen Abrechnung gleich in meine
private Finanzplanung zu übernehmen.“
[…..]
Wie Havrylko hat auch Olga Odarchuk eine akademische Ausbildung. Die
Zahnärztin aus Kiew steht kurz vor dem Abschluss ihres Integrationskurses und
wartet auf die Anerkennung ihrer ukrainischen Qualifikation. […..] Unter den Geflüchteten aus dem
osteuropäischen Land, die vom Jobcenter betreut werden, seien 5500 Kinder und
14.500 Personen im erwerbsfähigen Alter – und genau damit sei eine „große
Chance für die Hamburger Wirtschaft“ verbunden, so der Jobcenter-Chef. […..] So habe das Jobcenter bereits eine
Kooperation mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, das „händeringend
Pflegekräfte sucht“, geschlossen. „Außerdem sind wir dabei, mit der
Handelskammer und dem Groß- und Außenhandelsverband AGA Bewerbertage zu organisieren“,
erklärte Heyden. […..]
Heyden kann sich allerdings
Änderungen vorstellen. […..] „Die Anerkennung ausländischer Qualifikationen
dauert viel zu lange, da ist noch großer Handlungsbedarf.“ Zudem sei das
Integrationsangebot zu starr: Erst kommt der Sprachkurs, dann der
Integrationskurs in Vollzeit. „Besser wäre, ihn auch in Teilzeit anzubieten,
damit die Menschen parallel schon eine Beschäftigung aufnehmen könnten“, sagte
Heyden. […..]
(HH Abendblatt, 13.01.2023)
In der Praxis funktioniert es natürlich doch nicht, den
vielen klugen und motivierten Ukrainern Jobs zu verschaffen, weil: „Es ist
Deutschland hier!“
Lieber ersticken wir die Flüchtlinge in Bürokratie und der
Arroganz, ihre Qualifikationen nicht anzuerkennen.
Schlimmer sind aber die von BILD, Reichelt, CDU, Merz,
CSU, FW und AfD gemeinsam geschürten xenophoben Vorurteile gegen Flüchtlinge.
Deutschland ist schlicht und ergreifend zu unfreundlich. Der zutiefst schäbige
CDU-Bundesvorsitzende verbreitete schon vor über einem Jahr Kreml-Hetze.
[….] Wie Merz
Kreml-Propaganda verbreitete
Ukrainer würden zwischen
der Ukraine und Deutschland hin und her pendeln, um Sozialleistungen zu
kassieren - behauptete CDU-Chef Merz. Recherchen von Monitor zeigen: Verbreitet
wurde das Gerücht von pro-russischen und rechtsextremen Kanälen.
Seit einem Interview mit
"Bild-TV" am 26. September war das Wort plötzlich in aller Munde:
"Sozialtourismus". CDU-Chef Friedrich Merz hatte es mit Blick auf
Geflüchtete aus der Ukraine benutzt: "Wir erleben mittlerweile einen Sozialtourismus
dieser Flüchtlinge nach Deutschland, zurück in die Ukraine, nach Deutschland,
zurück in die Ukraine." Eine "größere Zahl" mache sich dieses
System inzwischen zunutze. Merz stellte fest: "Da haben wir ein Problem,
das wird größer."

[…..]
"Schäbig", fand Innenministerin Nancy Faeser die Äußerung,
Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann warf Merz vor, sich mit Methoden von
Rechtspopulisten profilieren zu wollen. […..] Russische
Medien nahmen den Ball auf: Sie verbreiteten die Meldung von Merz' Vorwurf und
seiner Entschuldigung: "In Deutschland empört man sich über die
ukrainischen Flüchtlinge", meldete etwa die staatliche Nachrichten-Agentur
RIA Novosti. Und der kremlnahe Sender TSARGRAD-TV des Oligarchen Konstantin
Malofeev titelte: "Friedrich Merz - erst hat der deutsche Politiker
geschimpft, dann wurde er gezwungen, es zu bereuen." [….]
(Tagesschau, 08.10.2022)
Lügen-Merz ist aber derjenigen, den sich der Urnenpöbel
mehrheitlich als Regierungschef wünscht. Seine zutiefst Deutschland-feindlichen Ansichten
schlagen durch, färben auf Arbeitgeber ab.
Nur weil jemand gut qualifiziert ist und arbeiten möchte,
nehmen wir ihn noch lange nicht, sondern würgen im völkischen Wahn lieber
unsere eigene Ökonomie ab. Heil Merz!
[…..]
Nur 20 Prozent der Menschen, die aus dem Krieg nach Deutschland
geflohen sind, haben einen Job. […..] Alina Bolotskyh ist jung, gebildet, motiviert
– und spricht fast perfekt Deutsch. Beste Voraussetzungen, um in Deutschland
einen Job zu finden. Die Arbeitssuche der Ukrainerin, die im März 2022 wegen
des Krieges aus ihrem Heimatland fliehen musste, gestaltete sich dennoch
schwierig. „Ich habe bestimmt über 40 Bewerbungen geschrieben, aber nur Absagen
bekommen“, erzählt sie. Oftmals gab es nicht einmal eine Begründung. „Das hat
mich irgendwann sehr belastet, weil ich gerne etwas tun und Geld verdienen
wollte, aber eben einfach nicht konnte.“
In der Ukraine hatte die
21-Jährige begonnen, ihren Bachelor in Psychologie zu machen. Nebenbei
arbeitete sie bei einem Projekt zur Leseförderung. Doch dann schlugen russische
Raketen in ihrer Heimatstadt Charkiw ein – und Bolotskyh beschloss, die Ukraine
zu verlassen. Ihr Studium konnte sie in Deutschland zwar online fortsetzen, bei
ihrem Job sah die Sache allerdings anders aus. […..] Für Aufsehen sorgte kürzlich eine Studie
der Friedrich-Ebert-stiftung, die ergab, dass in Deutschland deutlich weniger
ukrainische Geflüchtete arbeiteten als in anderen EU-Ländern. So lag die
Erwerbstätigkeitsquote laut der Analyse in Großbritannien, Dänemark und
Tschechien bei mehr als 50 Prozent, in Polen sogar bei 66 und in den
Niederlanden bei 70 Prozent. Daraus zu schließen, dass Geflüchtete in
Deutschland nicht arbeiten wollten, sei allerdings falsch, sagt Kosyakova. Für
die großen Differenzen gebe es andere Gründe.
[…..]
„In Ländern wie den
Niederlanden oder Dänemark wird beispielsweise der Fokus darauf gelegt, dass
Menschen möglichst schnell arbeiten – egal in welchem Job. Der Spracherwerb
wird hingegen hinten angestellt“, erklärt die Migrationsforscherin. […..] Ein weiterer Faktor: Bei einem Großteil der
Geflüchteten handelt es sich um Frauen, rund die Hälfte von ihnen mit
minderjährigen Kindern. Oftmals fehle es an Betreuungsmöglichkeiten, sagt
Kosyakova. […..] Probleme macht
außerdem die deutsche Bürokratie. Alina Bolotskyh beispielsweise wartet noch
immer auf die Anerkennung ihres Bachelor-studiums, das sie im Juli
abgeschlossen hat. Die Studie der Friedrich-Ebert-stiftung kommt zu dem
Schluss, dass die langsame administrative Verwaltung einer der Hauptgründe für
die Differenz bei der Erwerbstätigkeit in Deutschland und anderen EU-Ländern
ist.

Dafür, dass das Bürgergeld
einen Einfluss auf den Willen zur Arbeitsaufnahme habe – eine Kritik, die unter
anderem die Union angebracht hat –, gebe es keine Hinweise. „Diesen Schluss
halte ich für falsch“, sagt der Autor der Studie, Dietrich Thränhardt. Das
zeige sich auch im Vergleich zu Österreich und der Schweiz, wo die
Sozialleistungen deutlich niedriger ausfallen als hierzulande – die
Erwerbstätigkeitsquote jedoch ähnlich hoch ist. […..]
(Thüringer Allgemeine, Carlotta
Richter, 05.12.2023)