Montag, 10. Januar 2022

Verblassende Erinnerung

Das Feld der 28 demokratischen Präsidentschaftsbewerber 2020 war so riesig, daß es schwer fiel, die Übersicht zu behalten.  Meine Lieblinge waren Elisabeth Warren, Amy Klobuchar, Kamala Harris, Julián Castro, Cory Booker, Beto O’Rourke, Kirsten Gillibrand und Eric Swallwell. Leider schwächelten sie alle oder ihnen ging früh das Geld aus.

Auf keinen Fall wollte ich Bernie Sanders, dessen politische Positionen mir zwar am nächsten sind, aber ich bin sicher, daß er in den konservativen Vereinigten Staaten Schiffbruch erlitten hätte.  Als Biden unerwartet stark wurde, war ich erst entsetzt, weil ich ihn (habituell) für viel zu alt halte und befürchtete, die junge US-Bevölkerung würde nicht zur Wahl gehen.

Aber es zeigte sich andererseits, daß die meisten Amerikaner Biden vertrauten und er zumindest kaum jemand aktiv abschreckte, wie es Hillary Clinton 2016 getan hatte. Im Grunde war mir ohnehin völlig egal, wofür die einzelnen Kandidaten politisch standen, weil es für mich nur ein einziges Kriterium gab: Wer kann Trump schlagen? Den hochgefährlichen debilen Psychopathen #45 aus dem Weißen Haus zu drängen, war die eine, alles überschattende Frage.

Nachdem die Umfragen zeigten, Biden könnte Trump deutlich schlagen, arrangierte ich mich mit ihm. Es war sympathisch und klug von ihm, mit Kamala Harris diejenige zu seiner VP-Kandidatin zu machen, die ihn im Vorwahlkampf  brutal angegriffen hatte und so angenehm weniger „weißer alter Mann“ war. Damit konnte ich leben. Sollte Biden doch Trump schlagen und dann den leicht trotteligen, aber ehrlichen und sympathischen Grußonkel im Weißen Haus geben, während die hochintelligente und tatkräftige Kamala Harris die Kärrnerarbeit leistet, sich damit als seine Nachfolgerin empfiehlt. Möglicherweise müsste sie ja gar nicht bis 2024 warten, sondern könnte früher auf den Fahrersitz wechseln, wenn Opa Biden sich nach dem Zwischenwahlen auf das Altenteil zurückzieht.

Ein Jahr später sieht es etwas anders als erwartet aus.

Die Präsidentschaftswahl wurde zwar gewonnen, aber im House verloren die Demokraten überraschend deutlich jede Menge Sitze, weil es eben doch stimmt, daß die Amis sehr konservativ sind. Homorechte, Cannabisfreigabe und dann auch noch zur BLM-causa „defund the police“-Forderungen, gaben den QTrumpliKKKans fast die Mehrheit zurück.

Geronto-Joe war auch eine Überraschung und zwar zunächst im positiven Sinne. In den ersten Tagen und Wochen griff er so beherzt durch, daß man schon hoffte, er würde das Desaster des Vorgängers doch aufarbeiten können. Statt Kamala Harris glänzen zu lassen, gab er ihr allerdings die unlösbaren und vor allem undankbaren Aufgaben.

Mrs. Harris, ich verteile hier mal die Billionen-Wohltaten, sie gehen an die Südgrenze und lösen das Immigrationsproblem.

Das schaffte die VP natürlich nicht, aber viel schlimmer; sie stellte sich in der praktischen Regierungsarbeit als ineffektiv und Chaos-anfällig heraus.

[….] US-Vizepräsidentin Harris in der Krise: »Ihr Büro ist eine Shitshow« [….] Vom Zauber des Anfangs war nicht viel zu spüren, als der Präsident vor ein paar Wochen den Garten des Weißen Hauses betrat, um das Infrastrukturpaket zu unterschreiben, für das er und seine Partei so lange gekämpft hatten. Am Ende der Zeremonie drängten sich die Ehrengäste um den Präsidenten, Harris musste sich ins Bild schieben. [….] Die Szene passt zu dem Eindruck eines dysfunktionalen Weißen Hauses. Ein 79-jähriger Präsident muss dabei zusehen, wie seine innenpolitische Agenda im Kongress zerpflückt wird, während seine potenzielle Nachfolgerin in einem Strudel aus Intrigen und Personalquerelen versinkt.  Seit Monaten machen in Washington Geschichten über das Büro von Harris die Runde. Es geht dabei um eine herrische Chefin, die ihre Launen an ihren Untergebenen auslässt und Fehler immer nur bei anderen erkennt. Schon im Sommer gab es so viele Durchstechereien, dass sich Harris' Sprecherin Symone Sanders genötigt sah, die Gegner in den eigenen Reihen öffentlich als »Feiglinge«zu bezeichnen. Sie setzte einen Tweet mit Bildern einer Party ab, die Harris für ihre Angestellten geschmissen hatte. Zu sehen waren lachende Menschen. »Das Essen war toll und die Leute großartig«, schrieb Sanders. Fünf Monate später kündigte sie selbst. [….]

(SPIEGEL, 07.01.2022)

Neben der unerwartet miesen Harris-Performance, trog auch die Hoffnung im US-Senat bei einer 50:50-Sitzverteilung mit der ausschlaggebenden VP-Stimme wichtige Gesetzesvorhaben auf den Weg zu bringen.

In Wahrheit haben die alles blockierenden extrem destruktiven Republikaner 51 von 100 Stimmen, da sie mit dem formal demokratischen US-Senator Joe Manchin aus West Virginia ein U-Boot in Bidens Reihen haben. Der 73-Jährige tut alles dafür, um Biden scheitern zu lassen.

[….] Von wegen Merry Christmas. Seit Monaten versucht US-Präsident Joe Biden, das Herzstück seiner Amtszeit, das billionenschwere Sozial- und Klimapaket, durch den Kongress zu bringen – und nun droht es ausgerechnet an einem Parteifreund zu scheitern. Joe Manchin, Vertreter West Virginias im Senat, will partout nicht zustimmen, was angesichts der hauchdünnen Mehrheit für die Demokraten das Aus bedeuten würde. Das ist so, als brenne der von Biden gerade kostbar geschmückte Weihnachtsbaum ab. […]

(Tagesspiegel, 20.12.2021)

In der deutschen Berichterstattung über die USA dominieren die beiden Themen „Jahrestag der Insurrection vom 06.01.2021“ und Omikron-Katastrophe.  Der durchschnittliche Ami ist aber genervt von Lieferengpässen, hohen Energiekosten und der von den demokratischen Abgeordneten angerichteten Selbst-Blockade. Ein Senator stoppt sämtliche Gesetzespakete und lässt Biden gegen die Wand prallen.  Ausgerechnet der als „Dealmaker“ gepriesene Langzeitpolitiker Biden, lässt sich seit Monaten vorführen und demonstriert seine Macht- und Ratlosigkeit.  So hatten sich die Demokraten-Fans das nicht vorgestellt.

Die Zustimmungsraten des US-Präsidenten verharren tief im Keller; nur noch unterboten von den katastrophalen Ratings der Vizepräsidentin.

Schon jetzt machen sie demokratische Strategen kaum noch Hoffnungen für die im November dieses Jahres stattfindenden „Midterms“. Sie werden mutmaßlich die Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses verlieren, so daß Biden schon nach zwei Jahren Amtszeit zur lame duck degeneriert und sich hilflos von den staatszersetzenden Demokratieverächtern der Trump-Partei vorführen lassen muss.

Republikanische Menschenhasser reiben sich schon die Hände bei dem Gedanken an die nächste Trump-Präsidentschaft.

Und was nun?

Die 75 Millionen fanatischen Trump-Wähler sind ohnehin nicht für demokratische Wahlkampfstrategien zu erreichen. Sie sind wie eine gewaltige extremistische Endzeit-Sekte, die ihrem orangen Psycho-Messias jubilierend in den Tod folgen – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Republikanische Politik tötet Amerikaner.

Die einzige Hoffnung der Demokraten liegt darin, auf die prinzipiell wahlfaulen Nicht-Trump-Amerikaner einzuwirken, die allerdings durch die Wahlverhinderungsgesetze der republikanischen Bundesstaaten massiv gehindert werden, überhaupt ihre Stimme abzugeben.

Sie müssen daran erinnert werden, wie Trump regierte.

Fiona Hill, DIE Russland-Kennerin der US-Politik, brieft seit George W. Bush alle US-Präsidenten über Putin und Co. Wie das mit Trump lief, erzählt sie bereitwillig.

[….] SZ: Sie haben in Ihrer Zeit im Sicherheitsrat Trump im Oval Office über Russland und Putin gebrieft. Wie muss man sich das vorstellen?

Hill: Es war, ohne Witz, unmöglich. Wir haben versucht, die Informationen zu portionieren, ihm Informations-Nuggets unterzujubeln. Es ging nicht. Viele von den hochrangigen Mitarbeitern haben versucht, in die Sunday-Shows der großen Fernsehsender zu kommen oder in die Talks-Shows von Fox News, um auf diese Art mit dem Präsidenten zu sprechen. Das hat viel besser funktioniert als im Oval Office. Trump hört nur auf andere Prominente, die im Fernsehen zu sehen sind. [….] Man kann es gar nicht genug betonen. Fernsehen war so ein wichtiger Teil seines täglichen Lebens - er hat ständig ferngesehen! Oft kam es vor, dass er sich mit einem ausländischen Staatsführer traf und ihn als Erstes fragte: "Haben Sie das eben im Fernsehen gesehen?" Er gestaltete seine Diskussionen immer nach dem Fernsehprogramm, und wir wiederum mussten ständig darauf reagieren, was im Fernsehen zu sehen war. [….]

SZ: In Ihrem zweiten Treffen nannte er sie "Schätzchen" und dachte, Sie seien die Sekretärin.

Hill: Ja. Ich kam nie über "Hello, Mister President" hinaus. Ich versuchte dann so gut ich konnte, sein Umfeld mit Informationen zu versorgen. Aber ich gab es früh auf, mit ihm direkt über Russland zu sprechen, so wie ich das mit George W. Bush oder Barack Obama getan hatte. Trump war einfach nicht interessiert - und wird es auch nie sein.

SZ: Was fasziniert Trump so an Putin?

Hill: Es ist sein Stil. Putin war für Trump der ultimative Celebrity-Politiker. Mächtig, reich, führt sein Land wie seine eigene Firma - das wollte Trump auch. Putin ist sein Vorbild. [….]

(SZ, 10.01.2022)

Ich würde nicht empfehlen, dem Wahnsinnigen erneut die nuclear codes zu überlassen.

Sonntag, 9. Januar 2022

Modus Vivendi

Da heute Sonntag ist und ich ein frommer Mann bin, beschäftigte ich mich heute mit einem ethisch-moralischen Problem aus dem SZ-Feuilleton der letzten Woche.

Es geht um Pornos!

Mehrere deutsche Landesmedienanstalten finden es einfach bähbäh, daß Jugendliche, Teenager, Kinder – überhaupt jeder Mensch mit Internetzugang – nur einen Klick von Pornographie entfernt ist. Schüler gucken rund um die Uhr Pornos und masturbieren sich die Finger wund. Das soll nicht so weitergehen.

Das ist einer der Indikatoren, an denen ich bemerke „alt“ zu sein, zu einer ganz anderen Generation zu gehören.  Ich brauchte zwar nicht im klassischen Sinne „aufgeklärt“ werden, weil ich nicht aus einem total verklemmten Elternhaus stamme, alles fragen konnte und außerdem in ganz frühen Teeanger-Jahren die „BRAVO“ in der Schule kursierte. Aber die erste echte Darstellung von Geschlechtsverkehr habe ich erst als Erwachsener auf der Hamburger Reeperbahn gesehen. Zum Glück, nachdem ich eigene Erfahrungen gemacht hatte.

Das lag daran, daß in den 1970ern und 1980ern Pornographie nicht zugänglich war. Es gab kein Internet und auch keine schmuddeligen Privat-Sender, bei denen man nachts entsprechende Werbung hätte sehen können. Natürlich gab es Porno-Zeitschriften, aber die begegneten einem nicht im Alltag. Dafür hätte man gezielt in einen Beate-Uhse-Shop gehen müssen, oder nach dem Aufkommen der Heim-Videorekorder in die „schlimme Abteilung“ einer Videothek gehen müssen.  Aber erstens waren Videorekorder so teuer, daß ich als Jugendlicher natürlich keinen eigenen hatte und zweitens wäre ich in solche Shops ohnehin nicht reingekommen, bevor ich 18 Jahre alt war.

Für mich als Ü50er ist es im Wortsinne unvorstellbar, daß in der jetzigen Teenager-Generation jedes Kind schon Hardcore-Pornos gesehen hat. Was das für psychische Folgen hat oder auch nicht hat, ist eine Frage für Psychologen. Ich halte mich für inkompetent das zu beantworten.

Sehr eigenartig ist aber, daß „die Jugend von heute“ gleichzeitig extrem überprotegiert wird. Helikoptereltern bringen noch ihre erwachsenen Kinder mit dem Auto zur Uni.  Der Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch hält deswegen gar nichts mehr von den Kindern von heute.

[…..]  SPIEGEL: Herr Wunsch, Sie sind der Meinung, Kinder in Deutschland seien zunehmend verweichlicht. Woran machen Sie das fest?

Wunsch: Ich arbeite seit Jahrzehnten an Schulen und Universitäten, berate in meiner Praxis zudem Familien mit Erziehungsproblemen – und stelle dabei fest, dass die Kinder heute ein ziemlich geringes Durchhaltevermögen haben, schnell aufgeben, kaum belastbar sind. Gleichzeitig haben sie oft ein übersteigertes Selbstbewusstsein, bilden sich ein, sie könnten unwahrscheinlich viel, was aber nicht stimmt. Und das führt natürlich dazu, dass sie für die Herausforderungen des Lebens nicht gut gerüstet sind. […..] Die Eltern betrachten ihre Kinder zu oft als ihr großes Projekt, als kleine Supermänner und Superfrauen. Sie versuchen, sich über die Kinder zu definieren. Daher bekommen Kinder heute ein zu großes Maß an Aufmerksamkeit, das ihnen nicht guttut, und das dazu führt, dass sie ein überzogenes »Ich« entwickeln.  […..] Heute sitzen in einer ersten Klasse viele Prinzen und Prinzessinnen, die alle meinen, sie seien der Nabel der Welt. Die sich uneingeschränkt mitteilen wollen, Lob erwarten und mit einem Stopp oder Kritik nicht umgehen können. [….]

(SPON, 08.01.2022)

Wie passt das eigentlich zusammen? Kinder, die zart und verweichlicht sind, die nicht belastet werden können und völlig unselbstständig sind und andererseits total abgebrüht beim Porno-Konsum und Online-Mobbing agieren.

Aber wie gesagt; ich habe keine Kinder und auch keine pädagogische oder psychologische Bildung, so daß ich nicht kompetent dazu urteilen kann.

Inkompetent bezügliche des Einflusses von Dauerporno-Konsum auf Pubertierende sind auch Kirchenvertreter und Konservative.  Die lassen sich allerdings nicht davon abhalten, dennoch zu urteilen und ihren Senf dazu mitzuteilen.

Damit sind wir wieder bei den eingangs erwähnten Medienanstalten, die immer massiver damit drohen, den Zugang zu Pornoseiten zu sperren, weil diese viel zu lasch kontrollierten, ob die User wirklich schon 18 Jahre alt sind. Die 14 Landesmedienanstalten verschreiben sich dem Jugendschutz. Also überprüfen sie Medieninhalte auf ihr Gefährdungspotenzial und wollen erreichen, alle deutschen Kinderlein frei von jeglichen Ferkeleien, in einem 18-jährigen „Schonraum“ erwachsen zu werden.

[….] Schonraum für eine positive Entwicklung

Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf spezielle, von den Erwachsenen abgegrenzte Lebensräume, in denen sie vor negativen Einflüssen geschützt werden. So können junge Menschen ihre Gefühle, Neigungen und Bedürfnisse ohne Störungen aus der Erwachsenenwelt erleben, eine eigene Identität ausbilden und sich in das bestehende Sozialgefüge integrieren. Mediale Schonräume schafft der gesetzliche Jugendmedienschutz. In Deutschland basiert er auf dem Jugendschutzgesetz des Bundes (JuSchG) und dem „Staatsvertrag über den Schutz der Menschenwürde und den Jugendschutz in Rundfunk und Telemedien“ (Jugendmedienschutz-Staatsvertrag, kurz JMStV). [….]

(Die Medienanstalten)

Ich gebe zu; im nostalgischen „früher war alles besser“-Rückblick auf meine eigene Jugend, ist es ein reizvoller Gedanke, der Jugend von heute, die rund um die Uhr-Porno-Berieselung zu ersparen.

Die schlauen Mitglieder der Medienanstalten; in NRW sind es beispielsweise Volker König von der evangelischen Kirchen, Ulrich Lota von der katholischen Kirche, Zwi Hermann Rappoport von den jüdischen Gemeinden, Christine Ehrig von der Landesgemeinschaft der Arbeitgeberverbände, Hermann-Josef Arentz CDU-MdL und Andrea Stullich CDU-MdL; stellen sich das Pornogeschehen zukünftig so vor:
Alle Pornowebseiten der Welt verhalten sich brav nach deutschem Recht, stellen ein Heer von Administratoren ein und die lassen sich per Videochat von jedem einzelnen Wichs-Willigen den Personalausweis in die Web-cam halten, um zu kontrollieren, ob sie schon über 18 Jahre alt sind und ob es wirklich der Ausweisinhaber ist und nicht irgendein Jüngerer versucht mit einem fremden Ausweis Zugang zu bekommen. So ähnlich hatte sich das schon Familienministerin Von der Leyen 2009 bei ihren grandiosen „Netzsperren“ gedacht. Ein Projekt, das wie grundsätzlich jedes ihrer Vorhaben, katastrophal scheiterte.

An dieser Stelle steige ich in das erwähnte SZ-Feuilleton ein.

[….] Erschreckend freihändig hantiert die Politik mit der netzpolitischen Ultima Ratio: Teile des Internets, die sich nicht benehmen, einfach abzuschalten.  Das ist, wie vieles, was irgendwann gefährlich wird, zunächst einmal ziemlich albern. Netzsperren funktionieren nämlich nicht. Um sie zu umgehen, genügen ein paar Klicks in den Einstellungen des Browsers. Das schafft jeder, zumal jeder Jugendliche, der Pornos gucken will. Ausgesperrt würden wahrscheinlich eher die Alten als die Jungen. Es gibt auch noch andere technische Formen von Netzsperren als diejenigen, mit denen nun die Landesmedienanstalten drohen. Die Hürde, sie zu umgehen, liegt nur geringfügig höher. [….]

(Philipp Bovermann, SZ, 04.01.2022)

Auch als digital immigrant weiß ich, daß man irgendwo im Ausland gehostete Dienste wie Telegram eben nicht regulieren kann.

Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Entweder ein Land hat wie Nordkorea gar kein Internet, oder man geht den chinesischen Weg und schaltet gleich die gesamte Freiheit ab.

[….] Die Netzsperren müssten der Grundstein für eine "Great Firewall" sein, wie sie China hat und Russland gern hätte. Ein deutsches Internet, in das nur hineindarf, was der wachsenden Zahl von Verordnungen und Gesetzen für das Internet entspricht. Möglicherweise ein deutsches Internet nur für Erwachsene, ein separates für Kinder. [….] Das Internet, das scheinen viele Menschen immer noch nicht begriffen zu haben, ist kein lineares Medium, mit Kanälen, die man einfach abschalten kann, und dann sind sie weg. Es ist, sofern man es nicht radikal umzubauen gewillt ist, ein dezentrales Netzwerk. Ein Weltgehirn. Man kriegt Erinnerungen nicht weg, indem man sich einen Teil des Kopfes abschneidet. Was einmal drin ist im Netz, das bleibt. Besonders, wenn es sich um Pornos handelt. [….][….] Warum sollten sich die kleinen Plattformen, die nach dem Scharfstellen der Netzsperren entstünden, an solche Standards halten? Sie wären darauf angewiesen, dass möglichst viele Menschen möglichst viel hochladen. Warum sollten sie auf Anfragen Betroffener reagieren, wenn ihnen ohnehin die Sperre droht? Aus welchen Mitteln sollten sie Löschteams bezahlen, die sich um solche Inhalte kümmern?  Das alles nur, um die paar wenigen Jugendlichen vom Pornogucken abzuhalten, die es weder schaffen, die nötigen Klicks in ihren Browsereinstellungen zu machen, noch sich eine andere Pornoseite zu suchen. Die Pornobranche mit Netzsperren in die grauen und schwarzen Bereiche des Internets zu drängen, löst kein einziges Problem, macht dafür vieles schlimmer.  [….]

(Philipp Bovermann, SZ, 04.01.2022)

Offensichtlich gibt es in Deutschland immer noch keine digitale Medienkompetenz. Noch nicht einmal in den 14 Landesmedienanstalten. Die Pornos wird man ebenso wenig aus dem Internet tilgen, wie Covidioten, Pegidisten, Reichsbürger, Chemtrail-Verschwörer oder Katholiken.

Das einzige Mittel dagegen ist Medienkompetenz der User.

So wie jedes Kind lernen muss, mit pornographischen Inhalten umzugehen, muss auch jeder Erwachse lernen, wie man Quellen beurteilt und man erkennt, welchen Meldungen im Internet man eben nicht glauben darf.

Da gibt es noch so viel zu tun, daß wir es wohl niemals schaffen werden.

Samstag, 8. Januar 2022

Die Mörder

Am 06.01.2021 fürchteten die republikanischen Senatoren und Abgeordneten im US-Kapitol um ihr Leben. Sie verschanzten sich in ihren Büros, drückten sich zwischen den Sitzbänken auf die Erde, zitterten hinter den wenigen Männern und Frauen der „Capitol Police“. Sie hatten Grund zur Angst. Ein tausendköpfiger mordlüsterner Mob zog „HANG MIKE PENCE!“ grölend durch die heiligen Hallen und es gab immerhin fünf Tote.

Am Abend und in der Sitzung des nächsten Tages, sprachen sogar die Top-Republikaner scharfe Widerworte, verurteilten Trump für die Attacke auf ihr Leben. Lindsey Graham, Ted Cruz, Mitch McConnell und Kevin McCarthy, die mächtigsten GOP-Brownnoser also, wandten sich angewidert ab.  Nun wollten sie doch Donald Trump, den Wahlverlierer, fallen lassen.

Noch erstaunlicher: Sogar die abscheulichsten Verschwörungstheoretiker und glühenden Trump-Jünger Laura Ingraham, Sean Hannity und Brian Kilmeade von FIXED NOISE, sowieso zwei Trump-Kinder schickten in höchster Sorge Text-Nachrichten an IQ45 mit flehenden Bitten, den blutigen Umsturz zu stoppen.

Trump Senior hörte aber nicht und er fiel auch nicht, weil seine völlig fanatisierte Basis eisern zu ihm hielt.   Da alle prominenten Trump-Unterstützer schon vor langer Zeit ihr Rückgrat operativ entfernen ließen, knickten sie anschließend virtuos ein, verbogen sich bis zur grotesken Unkenntlichkeit, um zu leugnen, das gesagt zu haben, was sie offen vor der Weltpresse am 06.01.2021 gesagt hatten.  Trump stellt immer noch den großen Machtfaktor in der GOP dar, der jeden Einzelnen, der nicht kompromisslos nach seiner Pfeife tanzt, unerbittlich verfolgt und aus der Politik drängt.














Und so fraßen sie alle Scheiße, loben wieder ihren orangen Helden und müssen sich abstrusen Demütigungen stellen, wenn ihnen versehentlich einmal die Wahrheit herausrutscht, nämlich, daß es sich um eine gewalttätige Revolte („insurrection“) handelte. Wie immer, gibt der Texaner Ted Cruz, der im Wahlkampf 2016 so drastisch wie niemand anders von Donald Trump beleidigt wurde, den peinlichsten Umfaller. Es tut körperlich weh, den Windungen des „Lyin‘ Ted“ zuzusehen.

Wenn Donald Trump 2024 wieder als Präsidentschaftskandidat antreten will – und danach sieht alles aus – wird die GOP ihm den roten Teppich ausrollen.

Sie wissen zwar, daß Trump mutmaßlich wieder weniger Stimmen als der demokratische Kandidat bekommen wird; so wie er 2016 Clinton mit knapp drei Millionen Stimmen unterlag; so wie er 2020 Biden mit sieben Millionen Stimmen unterlag. Diesmal sind sie besser vorbereitet und haben in allen von ihnen regierten Staaten das Wahlrecht so grotesk beschnitten, daß demokratische Stimmen kaum gezählt werden und auch mit deutlichen Stimmen-Minderheiten republikanische Wahlmänner bestimmt werden können.

Allerdings wird Trump im November 2024 bereits 78 Jahre alt sein. Und er ist fett, nimmt Drogen, ernährt sich von Fast Food.  Es ist also nicht ausgeschlossen, daß er physisch nicht in der Lage sein wird, anzutreten. Psychisch, intellektuell und charakterlich ist er ohnehin dem Amt nicht gewachsen, aber das stört seine Wähler nicht nur nicht, sondern wird durch eine Art Massen-Dunning-Kruger als Führungsqualität missverstanden. Er muss aber seine Hetzreden halten können, ohne umzufallen.

Und so machen sich immer noch Mike Pence, Ted Cruz und insbesondere Trumps Liebling Ron Death Santis Hoffnungen im Januar 2025 US-Präsident zu werden.

Während es um Pence still geworden ist, nachdem ihn die Trump-Basis lynchen wollte, tritt der Gouverneur von Florida so radikal wie kaum einer auf. Er tut alles dafür, möglichst viele Floridaner ins Grab zu bringen – in der perversen Verschwörungswelt der Rechtsextremen ein Ausweis der Stärke.

(….) Donald Trump ist sicherlich der irrste und gefährlichste Bürger Floridas.

Unglücklicherweise ist der Zweitirrste unter den 22 Millionen Einwohnern ausgerechnet der Gouverneur Ron „Death“ DeSantis. In seinem Aluhut-Staat nimmt man sich inzwischen offensichtlich Schilda als Vorbild und schickt statt der ungeimpften Seuchenfreunde, lieber die Geimpften als Schikane-Maßnahme in Quarantäne. Nach 58.000 Covid-Toten in seinem Bundesstaat, bemüht sich Deathsantis, die Bürger vom Impfen abzuhalten.

[….] Schule in Miami schickt Schüler in Quarantäne – wenn sie sich impfen lassen! Coronastrategie verkehrt: An einer US-Privatschule müssen geimpfte Kinder in Quarantäne, und geimpfte Lehrkräfte dürfen nicht mehr unterrichten. [….]

(Spon, 20.10.2021) (…)

(Corona-Nervensägen, 24.10.2021)

Die Bemühungen der QTrumpliKKKans die US-amerikanische Bevölkerung zu dezimieren, sind durchaus erfolgreich.

[….] In den USA steigt die Zahl der nachgewiesenen Infektionsfälle rasant an. Binnen 24 Stunden wurden den Gesundheitsbehörden mehr als 1,21 Millionen neue Fälle gemeldet. Das ergibt eine Reuters-Zählung auf Basis offizieller Daten. Am Vortag waren es noch rund 837.000 Neuinfektionen. Insgesamt sind damit 59,52 Millionen Ansteckungsfälle bekannt. Mindestens 2506 weitere Menschen starben mit oder an dem Coronavirus.  Damit erhöht sich die Zahl der Todesfälle binnen eines Tages auf mindestens 839.476. Weltweit weisen die USA die höchsten Ansteckungs- und Totenzahlen auf. Die Kurve der Neuinfektionen verlaufe »fast senkrecht«, sagt der der US-Virologe Anthony Fauci, der auch Präsident Joe Biden berät. [….]

(SPON, 08.01.2022)

Bei 1,21 Millionen Corona-Infektionen binnen 24 Stunden ist die republikanische Politik leicht zu prognostizieren. Man muss sich nur fragen, was in dieser Situation des Gefährlichste und Dümmste wäre.

Das ist eindeutig das Verhindern von Impfungen und Masken-Tragen; also genau das was Ron DeSantis tut. Er ist seit Monaten auf Mord-Mission.

[….] Den jüngsten Angaben der Regierung zufolge haben 74,5 Prozent der in den USA lebenden Menschen mindestens eine Dosis eines Impfstoffs erhalten, 62,3 Prozent gelten als vollständig geimpft. Allerdings ist vor allem in republikanisch geführten Staaten im Süden des Landes die Impfquote weiterhin niedrig, teilweise liegt sie unter 50 Prozent. Das führt dazu, dass die Zahl der Neuinfektionen in Staaten wie Georgia, Louisiana, Mississippi oder Florida besonders stark steigt. In Florida hat es sich Gouverneur Ron DeSantis zu einem persönlichen Anliegen gemacht, möglichst jede Maßnahme zur Eindämmung des Virus zu bekämpfen. [….]

(Christian Zaschke, SZ, 08.01.2022)

Freitag, 7. Januar 2022

Wie die AfD den Queeren hilft

Immerhin ein Gutes hat die AfD: Ihre Vertreter sind so verblödet, daß sie nicht strategisch agieren können und mit öffentlichen Stellungnahmen gern auch das Gegenteil dessen erreichen, was sie eigentlich wollten.

Statt den demokratischen Konsens aufzuspalten, führen ihre aggressiven Hass-Botschaften eher zu einem engeren Schulterschluss der anderen Parteien. (Sofern die demokratischen Parteien nicht ganz so unseriös wie die FDP und die CDU Thüringens sind.

Gestern bescherte sich die rechtsextreme Beatrix Storch wieder einmal selbst einen grandiosen Bumerang-Wurf direkt an die eigene Birne, als sie den Grünen Sven Lehmann attackierte.

Der 42-Jährige Politiker aus NRW sitzt seit 2017 im Bundestag und wurde in der Ampel-Regierung am 08.12.21 zum parlamentarischen Staatssekretär im Familienministerium ernannt. Storch kann den jungen Troisdorfer natürlich nicht leiden; schon allein, weil er bei den Grünen ist. Nun ist er also auch noch ausgerechnet für Familien zuständig – das gefällt der kinderlosen AfD-Furie, die schon empfahl, auf Frauen und Kinder an den Grenzen schießen zu lassen, gar nicht.

Viel schlimmer noch: Lehmann ist schwul, lebt mit dem ehemaligen Fraktionsvorsitzenden der Grünen-Landtagsfraktion in NRW Arndt Klocke zusammen, war ab 2017 zusammen mit Ulle Schauws queerpolitischer Sprecher der Fraktion und erhielt auch noch für sein Engagement während der Pandemie die Brosche  funkelndes Dankeschön der Community“.

Links, Klima-Öko, schwul und schämt sich noch nicht mal dafür – da schwillt der streng gläubigen Storch, die einen menschengemachten Klimawandel bestreitet schon gewaltig der Hals. Diese Woche wurde es noch schwuler bei Herrn Lehmann.

[….] Erster war Sven Lehmann schon oft. Als Erster hat er bei der Wahl im vergangenen September in Köln ein Bundestags-Direktmandat für die Grünen gewonnen. Seit Dezember amtiert der 42-Jährige als Parlamentarischer Staatssekretär im erstmals grün geführten Bundesfamilienministerium. Und seit Mittwoch ist Lehmann der erste Queer-Beauftragte einer Bundesregierung überhaupt – das Kabinett hat das Amt neu geschaffen.  Ein „starkes Gerechtigkeitsempfinden“, sagt der in Troisdorf zwischen Köln und Bonn geborene Rheinländer über sich, das habe er schon als Kind gehabt – und noch heute empöre ihn Diskriminierung. Zu spüren war das schon in seinem ersten Statement als „Beauftragter der Bundesregierung für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt“, wie Lehmanns neuer Job offiziell heißt.  „Jeder Mensch soll frei, sicher und gleichberechtigt leben können“, erklärte er direkt nach seiner Ernennung. Mit einem „nationalen Aktionsplan“ will Lehmann, der 1999 Teil der grünen Partei ist, nicht nur für die Gleichstellung von homo-, trans- und intersexuellen Menschen kämpfen: Auch die Familienpolitik werde sich künftig „an der gesellschaftlichen Realität unterschiedlicher Familienformen ausrichten“, verspricht er. [….]

(taz, 06.01.22)

Beauftragter der Bundesregierung für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt? Nun geht der Enkelin von Graf Schwerin von Krosigk endgültig der Hut hoch.

Lutz Graf Schwerin von Krosigk, NSDAP-Mitglied, erhielt von Adolf Hitler das Goldene Parteiabzeichen ehrenhalber, 1932 -1945 Reichsminister der Finanzen, 1949 als Kriegsverbrecher verurteilt. Seine ebenso braune Enkelin erklärte passenderweise beim „Mister Homophobie 2017“, einem gewissen verschwörungstheoretischen Hardcore-Covidioten und Antisemiten namens David Berger, wie schlimm Lehmann und so ein „Schwulenbeauftragter“ sind.

  [….] Die stellvertretende Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, Beatrix von Storch, kritisiert die Schaffung eines solchen Queer-Beauftragten hart: „Die Absurdität grünen Gender-Wahns erreicht mit der Ernennung eines sogenannten Queer-Beauftragten einen neuen traurigen Höhepunkt. Während die Bürger zu Zigtausenden auf die Straße gehen, um ihre Freiheit zu verteidigen, droht der neue super-queere Beauftragte Lehmann ganz unverhohlen mit einer neuen, ‚progressiven‘ Familienpolitik.
Es reicht der Ampel nicht nur, ihre Klientel von Minderheiten zu bedienen, sie greifen gleichzeitig mit der Familie auch die Grundlage unseres Gemeinwesens an.  Der beliebige Wechsel des eigenen Geschlechts steht für diese Art rot-grün-gelber Klientelpolitik genauso wie die Forderung nach einer besonderen Unterstützung für ‚LSBTI of Colour‘ oder ‚spezielle Wohnungsangebote für Bi- und Transsexuelle im Alter über 60‘ oder auch die Forderung nach besonderen ‚Suchthilfen nach dem Konsum von Sexdrogen im Kontext von schwulen Lebensstilen‘. Den angedrohten Aktionsplan des/der/*q_- Queer-Beauftragten Lehmann wird die AfD-Fraktion mit aller Entschiedenheit bekämpfen.“  [….] 

(PP-Blog, 06.01.2022)

Tja, bei „Konsum von Sexdrogen im Kontext von schwulen Lebensstilen versteht ein David Berger keinen Spaß. Pfui, pfui, pfui, Sexdrogen würde er niemals anfassen. Das Gute an Berger ist ja schließlich seine völlige Enthaltsamkeit bei Drogen und Sex. Und natürlich seine Ehrlichkeit. Und daß er so überhaupt gar nicht heuchelt.




In Wirklichkeit hätte Storch der Ampel allgemein und Herrn Lehmann insbesondere, keinen größeren Gefallen tun können.

Möglicherweise gab es wirklich Menschen, die sich fragten, ob man so einen Posten wirklich braucht.  Die hysterischen Hass-Reaktionen aus der AfD geben eine klare Antwort: Ja, offensichtlich sind Queere eben noch nicht sicher in der deutschen Gesellschaft!

Die AfD kämpft aktiv dafür queere Menschen und Kinder aus queeren Familien zu diskriminieren. Da stört ein queerer Staatssekretär.

[….]  Nach Berufung von Sven Lehmann

Queer-Beauftragter verursacht Schnappatmung bei AfD  [….]  Grundsätzliche Ablehnung für Lehmann kam dagegen aus der AfD: "Die Absurdität grünen Gender-Wahns erreicht mit der Ernennung eines sogenannten Queer-Beauftragten einen neuen traurigen Höhepunkt", so Co-Vizeparteichefin Beatrix von Storch. "Während die Bürger zu Zigtausenden auf die Straße gehen, um ihre Freiheit zu verteidigen, droht der neue super-queere Beauftragte Lehmann ganz unverhohlen mit einer neuen, 'progressiven' Familienpolitik." [….]  Mehrere AfD-Abgeordnete versuchten dabei die Ernennung lächerlich zu machen, da es gegenwärtig Wichtigeres gebe als Politik für sexuelle und geschlechtliche Minderheiten – ein "Argument", mit der in der Vergangenheit praktisch alle queerpolitischen Initiativen, wie etwa die Ehe für alle, kritisiert worden waren. "Die #Ampelkoalition kümmert sich um die wahren Probleme im Land", ätzte etwa Vize-Fraktionschef Norbert Kleinwächter auf Twitter. Die Scheinargumentation verfängt aber auch in Teilen des demokratischen Spektrums. Der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Christian Natterer twitterte zur Ernennung: "Dieses Land hat offenbar keine anderen Probleme!"  [….]

(Queer.de, 07.01.2022)

Großartig, mit ihrer Suada wider die Notwendigkeit eines Queer-Beauftragten, beweist die Storch wie dringend notwendig ein Queer-Beauftragter ist.

Donnerstag, 6. Januar 2022

Querdenker quer durch

Ganze zwei Republikanische Abgeordnete haben heute an der Schweigeminute zum Jahrestag des tödlichen Sturms auf das US-Parlament teilgenommen.  Unfassbare 40% der US-Amerikaner sind durch die verschwörungstheoretischen faschistoiden Propagandamedien der Trump-Welt so gehirngewaschen, daß sie nicht an den Wahlsieg Joe Bidens im November 2020 glauben.

Das Land ist nicht einfach gespalten, wie es schon zu Zeiten George W. Bushs hieß, sondern die letzten Reste des Konsenses wurden inzwischen vollständig ausgemerzt. Es gibt nur noch blanken Hass von Amerikanern gegen Amerikaner. Man verachtet sich nicht nur, sondern will sich gegenseitig vernichten.

Die Skrupellosigkeit der Rechten hat jede denkbare Dimension gesprengt. Sie lügen, hetzen, verbreiten Hass. Aber sie arbeiten auch sehr systematisch daran die demokratische US-Verfassung zu zerstören und beteiligen sich aktiv an der Tötung möglichst vieler Landsleute, indem sie gegen Maskenpflicht, Abstandsregeln und Corona-Vakzine agitieren. 855.000 Todesopfer forderte Sars-CoV-II bis heute in den USA! Das halbe Land, 75 Millionen Wähler, arbeitet daran, die USA zu zerstören. Verglichen mit der GOP war Al Kaida eine Wohltäterin der USA!

[….] Am 6. Januar 2021 stürmte ein wild gewordener Mob von Donald-Trump-Anhängern das Kapitol in Washington, es war ein historischer Tiefpunkt in der amerikanischen Geschichte. [….]  Einiges spricht dafür, dass der 6. Januar kein Ausrutscher war, kein Unfall der Geschichte. Auf Amerikas Demokratie warten in den kommenden Monaten weit größere Gefahren, es kann mehr Gewalt geben, mehr Chaos. Es kann noch schlimmer kommen als am 6. Januar vergangenen Jahres.  Dass Amerika politisch gespalten ist, ist dabei gar nicht mehr das alleinige Problem. Gespalten war das Land auf unterschiedliche Weise schon häufig im Laufe seiner Geschichte. Viel schwerer wiegt heute, dass sich die unterschiedlichen Lager in einer Spirale des Wahnsinns wiederfinden: Es geht oft nicht mehr allein um das Erreichen eigener politischer Ziele, sondern darum, den Gegner niederzumachen. Da ist viel Misstrauen, das Bedürfnis nach Rache, sogar purer Hass. [….]  Donald Trump und große Teile der von ihm beherrschten Republikanischen Partei sind dabei, sich aus dieser Demokratie mental zu verabschieden. [….] Die »Grand Old Party« hat sich unter Trump auf atemberaubende Weise ins Extreme entwickelt. Trump und seinen radikalsten Anhängern wäre zuzutrauen, dass sie die USA in ein autokratisches Regime verwandeln. Innerhalb der Partei ist Meinungsvielfalt schon jetzt nicht mehr vorgesehen. Stimmen der Vernunft, moderate Parteigrößen werden ausgeschlossen oder isoliert. [….]

(Roland Nelles, Spon, 06.01.2022)

Die Corona-Vakzinierung ist in den USA eine Frage der Parteizugehörigkeit.
Weit über 90% der demokratischen Wähler sind geimpft; bei den Trump-Fans sind es nur die Hälfte.

Bei der gegenwärtigen Omikronwelle, die im Lande Bidens über eine Million neue Infizierte pro Tag bedeutet, sterben also überproportional GOP-Fans.  Da diese Hassfanatiker aber allesamt Christen sind, vermehren sie sich auch überproportional (keine Schwulen, keine Verhütungsmittel, keine Aufklärung, keine Bildung, Frau am Herd), so daß noch lange Karens und Kevin vorhanden sein werden.

Es muss also ein Modus Vivendi gefunden werden.

Glücklicherweise bewegen sich Trumpisten und Biden-Wähler ohnehin weitgehend in getrennten Sphären, so daß sie im Alltag kaum Berührungspunkte haben.  Die einen sind am Schießstand, bei Nascar-Rennen, hören Countrymusik, gehen in die Kirche und fressen Fastfood. Die anderen findet man an Colleges und Universitäten, sie kaufen „organic food“, werden zunehmend atheistisch und rauchen Cannabis.

Im Sommer 2016 fand ein großes Treffen all meiner noch so entfernten Verwandten in New York statt. Ich habe mich natürlich wie üblich jeder Einladung widersetzt, telefonierte aber anschließend mit dem New Yorker Cousin, der das größte Haus hat und in dessen Garten das Familien BBQ stattfand. Solche Nachfragen sind in den USA nur so mittelergiebig, weil sie am Telefon nie schlecht über andere reden und alles immer „nice“ finden. In Deutschland würde man als erstes erfahren, daß Tante Käthe sich betrunken hat, das Kind von Schwager Franz dick und häßlich ist und die Ehe von Cousin Erwin kriselt.

In NY war aber alles harmonisch. Aber, so viel konnte ich entlocken: Es wurde die stricke Regel „no politics, no religion!“ ausgegeben. Darüber durfte niemand sprechen. Für mich war es naheliegend. Die meisten Verwandten sind Demokraten, gerade die von der Ostküste. Aber die dicken Cousins aus Kalifornien sind stramm rechts. In den USA werden solche Hintergründe aber gar nicht ausgesprochen, da es ohnehin üblich ist solche Themen zu vermeiden. Immer alles easy going.

2016 war das Wahljahr Trumps. Im Sommer hielt man seine Siegeschancen noch für gering, aber die Konservativen hassten Hillary Clinton wie die Pest. Für Zündstoff war also a priori gesorgt.

Fünf Jahre später ist so ein Familientreffen gar nicht mehr möglich, selbst wenn man noch so eine strikte Tabu-Themenliste erstellt. GOPer und Dems haben sich nicht nur politisch, sondern auch habituell und kulturell so weit von einander entfernt, daß sie sich im besten Fall nie mehr sehen wollen. In schlechteren Fällen gehen sie sich gleich an die Gurgel. Die eigene politische Verortung wird auch nicht mehr kaschiert (um keinen Ärger zu bekommen), sondern in Form von MAGA-hats und Bumper-Stickern laut rausgeschrien. Zu den politischen Unterschieden von 2016 kommen nun noch die Giga-Streitthemen Trump-Präsidentschaft, Biden-Wahl, Insurrection am 06.01.2021, „Stop the steal“ und Corona.

Ungeheuerlichkeiten also, über die kein Konsens erzielbar ist.

In Deutschland entfernen sich die Aluhüte, Pegidioten, „Spaziergänger“ und Covidioten ebenso rasant vom gesellschaftlichen Konsens. Auch mit ihnen ist keine Diskussion mehr möglich, weil sie so sehr in ihren Verschwörungstheorien aufgehen, daß sie extrem aggressiv auf Fakten reagieren. Zum Glück gibt es mit diesen Subhumanen üblicherweise keine Berührungspunkte. Und wer weint schon den ungeimpften AfD-Parlamentariern nach, die aufgrund ihres Fanatismus letztlich im Krematorium landen?

Während mir sympathische Menschen aber kaum jemals zu Antisemiten, Homohassern oder Xenophoben werden, schlägt Covidiotie willkürlicher zu und so muss man immer wieder die bittere Erfahrung machen, daß nicht nur Politiker und Journalisten, die man ohnehin schon immer verachtete – Kubicki, Maaßen, Poschardt, Döpfner, Reichelt – riesige Aluhüte aufsetzen, sondern auch manch eben noch vernünftig Wirkender beginnt zu schwurbeln. Sogar Heribert Prantl und Franziska Augstein sind gefährdet.

(….) Es ist so frustrierend zu sehen, dass neben den Usual Suspects – niemand kann sich ernsthaft über das Covidioten-Geschwurbel von Xavier Naidoo, Til Schweiger, Nena und Attila Hildmann wundern – leider auch Menschen, die man zuvor für hochvernünftig und sympathisch hielt.

Leider traf es nun auch den Musiker Michy Reincke, der nach ein paar mittelgroßen Hits in den 1980ern zwar nie den großen Durchbruch erreichte, wohl aber in Hamburg eine lokale Größe blieb und musikalisch immer besser wurde.   Ein zutiefst sympathischer, intelligenter Kerl, der ganz in der Nähe von mir seit Jahrzehnten in derselben kleinen Wohnung lebt und ohne Plattenvertrag von seiner selbst vermarkteten LIVE-Musik lebt.  Das sind keine Welthits, aber er ist sozial engagiert und ein begnadeter Unterhalter. Er gibt traditionell mehrere „Weihnachtskonzerte“ im Schmidts Tivoli, die immer ausverkauft sind, weil jeder, der da war, wiederkommt. [….]  Nach einem Jahr ohne Auftritte, verbreitet er nun über seine sozialen Medien einen endlosen Text, der im Gegensatz zu den meisten öffentlich auffälligen Aluhut-Elaboraten in perfekter Orthographie und Grammatik daher kommt und durchaus davon zeugt, daß er sich mit der Pandemie-Thematik beschäftigt hat. (…)

(Auf der schiefen rechten Bahn, 08.04.2021)

Nun traf es auch einen der wenigen Sportler, den ich wirklich so sehr mag, daß ich mich als Fan bezeichnen könnte. Das Jahrhundert-Tennistalent Novak Djokovic. Der beste Tennisspieler aller Zeiten bringt nicht nur physisch alles mit – das ist ohnehin Voraussetzung – sondern ist ein richtig schlauer Kerl.

Der Mann sprach schon als 19-Jähriger sechs Sprachen fließend und lässt immer wieder auch außerhalb des Sports erstaunliche Talente aufblitzen. So ist er ein begnadeter Imitator und Parodist, der jeden anderen Spieler mit wenigen Gesten und Bewegungen treffsicher darstellen kann. Ein Zeichen von Intelligenz und Beobachtungsgabe. Sein Tennisspiel ist intelligent. Er kann sich an jede Situation anpassen und Strategien entwickeln. Er ist auf dem Platz klüger als die anderen.

Und nun das, ausgerechnet Novak Djokovic ist ein Hardcore Impfverweigerer, der als Nummer 1 der Welt, peinlich an der Einreise nach Australien gehindert wird.

[….]  Der beste Tennisspieler der Welt sitzt in einem Quarantänehotel in Melbourne fest. [….] Das stundenlange Warten Novak Djokovics im Flughafengebäude von Melbourne hat ein Ende - es wird nun in einem Quarantänehotel der Stadt fortgesetzt. Nachdem der australische Grenzschutz das Visum des serbischen Tennisprofis zurückwies, legten seine Anwälte eiligst Einspruch gegen die umgehende Abschiebung ein. Ob der Weltranglistenerste, der neunmalige Sieger der Australian Open, mitwirken darf an diesem Turnier in der Rod Laver Arena, der Stätte seiner großen Triumphe, die nur drei Kilometer entfernt am Yarra River liegt, werden nun am Montag die Richter am Federal Circuit Court entscheiden.  So ist aus Novak Djokovics Impfstatus, der zunächst eine Privatsache, dann eine Einreiseformalie war, die sich in Australien zum Politikum weitete, nun ein Rechtsfall geworden. Die diplomatischen Verwicklungen haben unterdessen bereits die höchste Staatsebene erreicht. So unterstellte der serbische Präsident Aleksandar Vučić den australischen Behörden Schikane; alle Bemühungen Serbiens seien darauf ausgerichtet, "die Drangsalierung des weltbesten Tennisspielers zu einem sofortigen Ende zu bringen". Er habe "unserem Novak" persönlich erklärt, "ganz Serbien" stehe hinter ihm. Medienberichten zufolge wurde sogar der australische Botschafter in Belgrad einbestellt. In Canberra wiederum wies Australiens Regierungschef Scott Morrison derlei Vorwürfe mit dem Hinweis zurück, sein Land habe "souveräne Grenzen" und klare, nicht-diskriminierende Vorschriften, die für alle gelten. [….]

(SZ, 06.01.2022)

Was für ein Jammer. Es war seine Chance alle statistischen Rekorde zu brechen, Nadal und Federer zu enteilen.

Aber es hilft ja nichts. Nun stellt er sich quer zu mir. Dann kann ich kein Fan mehr sein.