Montag, 21. Oktober 2019

Personalprobleme


Gestern Nacht habe ich den aktuellen SPIEGEL durchgelesen. Die Titelgeschichte taugt so gar nicht als Erbauungslektüre.

[….] Rückzug aus Syrien
Die Kapitulation des Westens wird zur Gefahr für Europa
Die USA ziehen ihre Truppen ab - und die EU schaut machtlos zu, wie die Despoten Putin, Erdogan und Assad das Bürgerkriegsland unter sich aufteilen. […..]

Vielleicht habe ich mich in den Wochen zuvor etwas zu viel mit dem amerikanischen Aspekt des Desasters beschäftigt, weil die Handlungen Trumps selbst für seine Verhältnisse so extrem dumm und gefährlich sind.
Die SPIEGEL-Autoren wenden den Blick aber auch auf die Handelnden vor Ort, die total versagende EU und das geschickte Strippenziehen Putins und Lawrows.


Es ist außerordentlich deprimierend, seit zweieinhalb Jahren weiß die EU mit wem sie es in Washington zu tun hat, seit Jahren befindet sich tout Brüssel in der Abhängigkeit Erdoğans. Der Mann hält 3,6 Millionen Syrische Bürgerkriegsflüchtlinge als Geiseln und erpresst damit 28 andere Staaten, die seitdem nichts, aber auch rein gar nichts geschafft haben, um auf die internationalen Krisen einzuwirken, die viel zitierten „Fluchtursachen“ abzuschwächen oder einfach die notleidenden Menschen untereinander zu verteilen.
Man kann es nicht fassen was sich die EU gerade leistet. Da wird über einen Brexit gesprochen, der ein zu 100% durch eigene Doofheit selbst generiertes Problem ist und nur noch als surreale Comedy wahrgenommen wird. Verhandelt wird auf europäischer Seite übrigens von dem längst abgewählten Jean-Claude Juncker, weil die neue Chefin Ursula von der Leyen in der Versenkungen verschwunden ist, sich offensichtlich gar nicht mehr an die Öffentlichkeit traut seit sie durch eigene Unfähigkeit und eine extra Portion Borniertheit gleich dreifach mit ihren Kommissaren scheiterte.
Manfred Weber von der EVP-Fraktionsspitze, von der Leyens eigener Partei also, senkte die Daumen über Sylvie Goulard, weil er Macron eins dafür auswischen wollte von der Leyens größter Förderer zu sein.
Die neue Kommissionschefin sah es nicht kommen, griff nicht ein, sprach gar nicht mit der EVP, weil sie nicht nur nicht die geringste Ahnung hat wie Brüssel funktioniert, sondern sich bis heute auch noch hartnäckig weigert Leute zu engagieren, die es wissen.
Sie hockt lieber mit ihrer alten niedersächsischen Gang in irgendwelchen Hinterzimmern und läßt den lieben Gott einen guten Mann sein.


Wenn man das gewaltige Politikversagen des Europäischen Rates und den nie dagewesenen Sumpf in den USA betrachtet, wenn man rekapituliert wie die gesamte westliche Welt schmachvoll die Segel streicht und auf ganzer Front dilettierend vor den Autokraten Erdoğan, Putin, Assad und Rohani scheitert, kommt man nicht umhin die Systemfrage zu stellen.

DER SPIEGEL, stets ein deutlicher Kritiker Putins, liest sich derzeit fast wie RT.

[…..] In Syrien passiert, was Putin will
Erdogan und Putin demonstrieren gern ihre Freundschaft. Aber wenn sie sich nun in Sotschi treffen, fehlt die Augenhöhe: Im Syrienkonflikt ist der türkische Präsident dem Kremlchef ausgeliefert. […..]


Während aber RT skrupellose Propaganda betreibt, geben die SPIEGEL-Autoren Christian Esch, Julia Amalia Heyer, Katrin Kuntz, Roland Nelles, Maximilian Popp, Christoph Reuter, Raniah Salloum, Christoph Scheuermann und Severin Weiland im Moment nur die Wahrheit wieder: Putin hat gewonnen. Während die gesamte EU mit fünfmal so vielen Einwohnern und einer unendlich viel stärkeren wirtschaftlichen Leistung als Russland seit 2010 hilflos vor Syrien steht und nicht die geringste Ahnung hat, was man unternehmen könnte, ist dem Kreml-Herrn gelungen sich zum ganz starken Mann der Region aufzuschwingen.


Das SPIEGEL-Titelbild erweckt in der Tat den Eindruck; die demokratischen Staaten sind die Diktatoren hoffnungslos unterlegen, kapitulieren und versagen.
Erschwerend kommt hinzu, daß die wenigen Regierungschefs aus (noch) demokratischen Nationen, die sich international durchsetzen gerade die sind, die sich zwar noch demokratisch wählen ließen, dann aber massiv die Axt an die demokratischen Wurzeln ansetzten: Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, unabhängige Justiz – all das ist in Russland, Ungarn, Polen und der Türkei mehr als fraglich.
Aber sind solche Staatschefs stark, weil sie ihre Demokratien in Autokratien umwandeln?
Ich meine nein, sie können das tun, weil die anderen Demokraten zu schwach und zu heuchlerisch sind.
Man kann natürlich nichts als EU Geld mit Waffenlieferungen in den Nahen Osten verdienen, die eigene Agrarlobby auf Kosten afrikanischer Farmer bedienen und die daraus folgenden Migrationsbewegungen einzig und allein Diktator Erdoğan überlassen und sich ansonsten darauf verlassen, daß Rechtspopulisten wie Kurz, Salvini und Orban die Außengrenzen hermetisch abriegeln, jeden ersaufen lassen, der flieht.

Klar, diktatorische Planwirtschaften wie China können Großprojekte in vergleichsweise atemberaubender Geschwindigkeit umsetzen, weil sie anders als Demokratien keine Rücksichten auf Bürgerrechte, Sozialstandards oder Umwelt nehmen müssen.

Aber Putin triumphiert nicht deswegen über den Westen.
Sein Vorteil ist vielmehr, daß er sehr viel intelligenter als Trump ist, daß er keine Zeit mit der Sorge um Wiederwahl verschwendet und außerdem nicht unter dem unerträglichen Phlegma einer Angela Merkel leidet. Er plant langfristiger.

[…..] Putins geniales Spiel
[…..] Putin muss nach der Kapitulationserklärung Trumps kaum in den Syrienkonflikt eingreifen, es läuft für ihn auch so alles nach Plan. Durch geschickte Diplomatie und skrupellose Kriegführung hat er Assad an der Macht gehalten.
Nach dem Rückzug der Amerikaner ist Russland die einzig verbliebene Großmacht in Syrien. Putin ist in einer Position, in der er alle anderen Kräfte fortwährend gegeneinander ausspielen kann.
Während die USA ihre Verbündeten in Syrien gegen sich aufgebracht haben, hat Russland über die Jahre das Gegenteil erreicht: Mit Assad und Iran ist Putin ohnehin verbündet. Aber auch die türkische Führung, die einmal mehr den Kampf gegen die Kurden geschickt instrumentalisiert, rückte immer näher an Moskau heran. Den Kurden wiederum bleibt nach dem Einmarsch der Türken keine andere Wahl, als auf Russlands Vermittlung zu hoffen. Es ist an Putin und an seinem so brillant wie skrupellos taktierenden Außenminister Sergej Lawrow zu entscheiden, wer welche Gegenden in Syrien bekommt.
Putin und Lawrow haben im Verlauf des Krieges nie ausschließlich auf Assad gesetzt, sondern auch mal den Türken und den Kurden geholfen. Anfang August, bei der 13. Runde der sogenannten Astana-Gespräche in der Hauptstadt von Kasachstan, bereiteten Moskaus Unterhändler den entscheidenden Zug vor. Die Gespräche liefen nach Russlands Willen und Vorstellung, Iran und die Türkei waren mit dabei, die USA und Europa dagegen nicht. […..] Nicht der Erfolg der türkischen Invasion liegt in Moskaus Interesse, sondern deren Scheitern. Aber Putin und Lawrow spielen gern über Bande. Und in der vergangenen Woche ist alles nach Wunsch verlaufen: Putin antizipierte, anders als Erdoğan, dass sich die Kurden im Falle eines Rückzugs der Amerikaner und eines Angriffs der Türkei Assad zuwenden würden. Assads Machtbereich wird nun schlagartig größer. Im Norden Syriens gibt es Ölquellen, die Geld bringen, außerdem leben dort Hunderttausende Syrer, die Assad, ohne einen Schuss abfeuern zu müssen, zurückbekommt.
 […..]
(DER SPIEGEL Titelgeschichte, 18.10.2019)


An dieser Stelle muss man sich die alte Weisheit Egon Bahrs vergegenwärtigen.

"In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt."
(Egon Bahr)

Putin und Erdoğan sind einst sehr weit auf Deutschland und die EU zugegangen.
Ihre staatlichen Interessen waren klar: Im Konzert der Großen anerkannt werden, enge Bindung an die EU und wirtschaftlicher Aufschwung.
Auf diesen drei Grundlagen hätte Europa sie integrieren und ins demokratische Lager ziehen können. Schröder und Fischer verstanden das.
Die CDU wollte aber höchstens den dritten Punkt gewähren und so wurde es zu einem der folgeschwersten Kardinalfehler Merkels, daß sie nach ihrem Amtsantritt mit dem Kriegsverbrecher GWB paktierte und dafür Russland und die Türkei maximal vor den Kopf stieß.
 Die so Gedemütigten versuchten es noch eine Zeit lang weiter. Gaben es aber irgendwann auf, orientierten sich stattdessen an Diktaturen, brachen die offensichtlich zu nichts führenden Demokratisierungsbestrebungen ab, verkehrten sie ins Gegenteil und sannen schließlich auf Rache.
Sie griffen zu, als sich die Gelegenheit ergab die EU zu erpressen und staunten wie plan- und wehrlos Brüssel alles geschehen ließ.
Die Erkenntnis, daß die EU so nicht weitermachen kann, ist alt. Wir brauchen Reformen, eine gemeinsame Außen- und Verteidigungspolitik, die Abschaffung des erpresserischen Mehrheitsprinzips. Europa braucht eine „Telefonnummer“, also handlungsbefugte Vertreter, die auf internationaler Ebene agieren.
Stattdessen kochen auch und gerade die Deutschen lieber ihr eigenes Süppchen, sehen achselzuckend zu, wenn einer wie Macron immerhin versucht das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen und verfallen bis heute in einen aufgeregten Hühnerhaufenmodus, wenn Trump und Erdoğan plötzlich in Syrien Tatsachen schaffen.
Syrien? War da was? 2015? Kurden? IS?
Vier Jahre Zeit verplempert ist die Bilanz der gegenwärtigen europäischen Regierungschefs.


Ich behaupte aber, es liegt nicht an den demokratischen Strukturen, daß man hilflos den erratischen Launen Washingtons und sinisterer Autokraten ausgeliefert ist. Die EU ist immer noch ökonomisch sehr stark und könnte durchaus kraftvolle Antworten finden.
Die EU hat aber ein gewaltiges Personalproblem.
Überall sitzen hasenfüßige Egoisten in den Staatskanzleien, die nicht weiter als bis zu ihrer Wiederwahl denken. „Nach uns die Sintflut“ ist das Motto.
Wer noch nicht mal digitale Infrastruktur und Klimapolitik anfasst, bekommt bei internationalen Großkonflikten erst Recht auf keinen gemeinsamen Nenner.
Möglich wäre es, wenn es noch weitdenkende international vernetzte Staatsmänner gäbe.
Wären statt Orban, Merkel, Johnson und Kurz noch Kaliber wie Helmut Schmidt, Valéry Giscard d'Estaing, Kreisky, Brandt, Gonzalez, Władysław Bartoszewski, Olof Palme „am Ruder“, bin ich mir sicher, daß sie sich schon seit Jahren eng abgestimmt hätten, um den lange drohenden Desastern im Nahen Osten, in der Türkei, in Moskau entgegen zu wirken.

Noch deprimierender ist, daß auch das lange klar ist. Im letzten Bundestagswahlkampf setzte die SPD mit dem ehemaligen EU-Parlamentspräsidenten Schulz und dem Außenminister Gabriel ganz auf die Europäische Karte, versprach Macrons Reformbemühungen zu unterstützen, international enger zusammen zu arbeiten.
Allein, die Wähler wollten es nicht, straften RRG ab, holten Antieuropäer ins Parlament und machten erneut eine Märkische Schlaftablette zur Kanzlerin, die schon in den 12 Jahren zuvor alles liegen ließ.

Durchaus verständlich, daß Deutschland in Moskau und Ankara ausgelacht wird.

Sonntag, 20. Oktober 2019

Realität – Teil II


Es nervt mich, es nervt mich unglaublich, daß mehr und mehr Leute meinen Realpolitik wäre eine Angelegenheit, die man wie ein beleidigtes Kind behandeln könne.
Uns gefällt die Groko nicht? Also sind wir muksch, ziehen uns in den Schmollwinkel zurück.
Was ist das nur mit den Linken, daß sie sich neuerdings immer nur einen schlanken Fuß machen wollen und sich ein Beispiel an Christian Lindner nehmen, dem auch alles irgendwie zu anstrengend, zu kompliziert wurde und sich daher beleidigt in die Ecke stellte – „da mache ich nicht mit. Sollen doch andere regieren!“
Ist der FDP entsprechend bekommen. Nach dem zweistelligen Bundestagswahlergebnis ist sie jetzt wieder in der wohlverdienten Bedeutungslosigkeit angekommen. Spielt inhaltliche keine Rolle mehr und nähert sich mit aktuell etwas über sechs Prozent in den Umfragen wieder der 5%-Hürde.

Ich habe auch keine Erklärung für die sagenhafte Unfähigkeit des Willy-Brandt-Hauses, das nicht in der Lage ist die großen Erfolge der SPD in dieser Groko darzustellen.
Aber Fakten bleiben Fakten.

(….) Die Bertelsmänner haben sich diese Effektlosigkeit der Unions-Minister genauer angesehen und die Arbeit des Groko-Kabinetts überprüft.
Das Ergebnis ist ein Desaster für die Parteichefs Söder und Kramp-Karrenbauer.

Die SPD-Seite der Groko arbeitet höchst effektiv und seriös.

 [….]  Hält die Große Koalition, was sie verspricht? Weitgehend ja - zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie. [….]  Demnach hat die Regierung aus Union und SPD in ihren ersten 15 Monaten zahlreiche Vorhaben aus dem Koalitionsvertrag umgesetzt. 47 Prozent der Versprechen seien vollständig oder teilweise erfüllt, 14 Prozent "substanziell in Angriff genommen" worden. Das sei deutlich mehr als die - ebenfalls schwarz-rote - Vorgängerregierung zur Halbzeit geschafft hatte.
Die Autoren der Studie untersuchten 296 "echte Versprechen": Vorhaben, bei denen sich klar überprüfen lässt, ob sie umgesetzt wurden. Ihr Fazit: Die Bilanz der jetzigen Koalition sei "rekordverdächtig". Sollte die Regierung in ihrem jetzigen Tempo weiterarbeiten, könnte sie bis zum Ende der Legislaturperiode fast alle Versprechen eingelöst haben.
[….]  Von den 296 Wahlversprechen stammen der Studie zufolge 73 (etwa ein Viertel) aus dem Wahlprogramm der SPD und 32 (elf Prozent) aus denen von CDU und CSU. 46 Vorhaben (16 Prozent) finden sich in den Programmen beider Koalitionspartner wieder. [….]  Zwischen Union und SPD ist die Umsetzungsbilanz ausgeglichen: Die SPD setzte der Studie zufolge 33 der 73 Vorhaben um, die allein aus ihrem Wahlprogramm stammen (45 Prozent). Von den 32 unionsgeprägten Versprechen waren am 30. Juni, dem Stichtag der Untersuchung, 14 umgesetzt worden (44 Prozent). [….] 

Während für die CDUCSU die blamable Erkenntnis bleibt, daß ihre Minister sehr viel schlechter als die Sozen arbeiten, müssen sich Totalversager wie Andrea Nahles fragen lassen, wie zum Teufel sie es geschafft haben eine so erfolgreiche Realpolitik als völliges Desaster zu erkaufen.
Viele SPD-Mitglieder wollen „nur noch raus aus der Groko“, weil sie fest davon überzeugt sind, diese erreiche gar nichts oder setze nur neoliberale Dinge um – obwohl das diametrale Gegenteil der Fall ist.
                                                             
Das ist ein ganz neuer Spin des Versagens der politischen Linken von 2019:
Wählerabschreckung durch Erfolg!
Enttäuschung auslösen durch Ehrlichkeit!
Die eigene Parteibasis frustrieren durch Effektivität.
Sozial Schwache vergrätzen durch Politik für sozial Schwache.

Die Groko arbeitet nicht nur gut, sondern so viel besser als ihr Ruf, daß es schon an ein Wunder grenzt demoskopisch so katastrophal dazustehen.

[…..] Die GroKo glänzt unbemerkt.
"Besser als ihr Ruf" betitelt die Bertelsmann Stiftung ihre ausführliche Auswertung der Arbeit der Großen Koalition und trifft damit den Kern der vorgestellten Forschungsergebnisse: Viele Menschen sind demnach überzeugt, dass Koalitionsversprechen oft nicht umgesetzt würden. [….]

Da setzt die Groko überwiegend und kontinuierlich ureigene SPD-Forderungen um und in den Sozi-Basisgruppen auf Facebook ziehen Jusos und Parteilinke über Scholz als „Schäuble 2.0“ her, ätzen er solle endlich in die CDU übertreten. (….)


In der Groko gibt es mindestens sechs Vollpfeifen – AKK, Klöckner, Seehofer, Spahn, Scheuer, Karliczek.

Das ist schlimm genug.
Scheuer lügt und betrügt, verursacht Milliardenschäden für die Bürger, alle drei CDU-Frauen sind hoffnungslos überfordert, debakulieren ahnungslos durch ihre Ämter und dann ist da noch der Superminister, der nun die Gamer-Szene als Feind entdeckt hat.


Ich verstehen ja den Impuls aus so einem Kabinett fliehen zu wollen.
Aber so sehr ich Karl Lauterbach schätze, so sehr frage ich mich wie er auf die irrige Idee kommen kann, daß ein Kabinett mit sechs gefährlich Unqualifizierten schlimmer wäre als ein Kabinett mit zwölf gefährlich Unqualifizierten, wenn die SPD ihre Minister abzieht und Merkel als Minderheitsregierungschefin die Posten mit Unionslern besetzen muss, die dann auch noch so rechts blinken, um die parlamentarische Unterstützung und von FDP und AfD zu erhalten.


Wenn die SPD die Groko aufkündigt bedeutet das nämlich nicht, daß es gar keine Regierung mehr gibt und sich wie von Zauberhand alles selbst regelt, sondern dann gibt es eben eine rein rechte Regierung ohne irgendwelche sozialen Anteile.
Dann können Millionen arme Rentner eine Grundsicherung sofort vergessen und werden sie auch nicht mehr bekommen in den nächsten Jahren. Dann gibt es keinen Mindestlohn mehr, keinen Schutz für ausgepresste Paketboten und dafür riesige Steuergeschenke für die Superreichen.

Das wird dann die Realität. Aber man macht sich nicht die Hände schmutzig.




Samstag, 19. Oktober 2019

Besoffene Amis und Briten.


Als kleiner Junge verstand ich die Tragik nicht; eine gute Bekannte der Familie, die schwer krank war sollte eigentlich zwei Monate in eine Spezialklinik, kam aber nach wenigen Tagen zurück, lachte und erklärte man habe sie als „zu gesund für uns“ nach Hause geschickt.
Ich hielt das für eine gute Neuigkeit, denn das war ja meine „Cola-Tante“, die uns immer einen Cola-Lolli mitbrachte.
(Coca Cola gab es in unserem Haushalt nicht, umso mehr freuten mich diese Lollis)
So gut war die Neuigkeit aber doch nicht, denn sie war heftige Alkoholikerin. Ihr drohte die Entmündigung und daher schickten ihre Familie sie zur „Urschrei-Therapie“ der Psychosomatischen Klinik Bad Herrenalb. In den 1970ern der letzte Schrei.
Neben den üblichen Matern wie Töpfern, Waldlauf und Morgengymnastik, traf man sich täglich in einer mit Gummimatten ausgelegten Halle, zog sich kollektiv nackt aus, warf sich auf die Erde und begann zu schreien wie am Spieß. Das musste so laut und aus dem Magen kommen, bis man sich ob der Überanstrengung des Gebrülles übergeben musste. In dem Moment sollte sich der Neben-Schreier an den Kotzenden pressen und ihn/sie so fest umarmen, daß auch wirklich der ganze Mageninhalt hervorgelockt wurde.
Idealerweise generierte so eine Sitzung am Ende ein Knäuel grölender und heulender Nackter in einem Vomitus-Bad.
Meine „Cola-Tante“ fühlte sich außerstande mitzumachen und musste immer lachen als sie vom Cheftherapeuten im Adamskostüm angebrüllt wurde endlich lauter zu brüllen.
Die Horrorgeschichten aus Herrenalb verfolgten mich noch eine Zeit.
 So bizarr und unfreiwillig komisch das auch klang; aber abgesehen von dieser speziellen Methode, der „Urschreitherapie nach Arthur Janov“, leuchtet es ein: Alkoholiker müssen erstens erkennen, daß sie ein echtes Problem haben und außerdem so enorme finanzielle oder persönliche oder physische Probleme bekommen, daß sie zu drastischen Methoden bereit sind.
Es kann sogar Glück im Unglück sein, wenn man Job und Wohnung verliert und buchstäblich in der Gosse landet. Möglicherweise erwächst daraus die Erkenntnis, daß es so nicht weitergehen kann.
Wer aber zB durch sehr wohlhabende Eltern finanziell unabhängig ist, wird womöglich diese drastische Erfahrung nie machen, also auch nicht den Entschluss fassen aufhören zu müssen und trinkt sich tot.

Die Kriterien sind:
I. Craving (starkes Verlangen Alkohol zu trinken)
II. Kontrollverlust über den Alkoholkonsum bezüglich Beginn oder Menge
III. Toleranzentwicklung gegenüber der Alkoholwirkung
IV. Einengung auf das Alkoholtrinken und dadurch Vernachlässigung anderer Interessen
V. Anhaltender Alkoholkonsum trotz eindeutiger schädlicher Folgen (gesundheitlich, psychisch oder sozial)
VI. körperlichem Entzugssyndrom bei Reduzierung der Alkoholmenge oder Abstinenz

Alkoholiker können außerordentlich geschickt darin sein ihren Alkoholkonsum zu verbergen und sich selbst einreden noch „alles im Griff zu haben“.
Damit erklärt sich auch der Erfolg der „Anonymen Alkoholiker“. In den AA-Kreisen entfällt dieser selbstillusionierende Mechanismus und so gedeiht die Erkenntnis welche Ausmaße die Sucht angenommen hat.

Meine Cola-Tante starb tatsächlich mit Mitte 40 an einer Leberzirrhose.
Sie hatte den Absprung nie geschafft, weil sie es stets verstand die Illusion zu erwecken, daß sie nur gelegentlich mal trinke.

Brexiteers und Trumpisten sind das gesellschaftliche Äquivalent zum Abhängigkeitssyndrom (F10.2) im Diagnosesystem ICD-10.
Sie sind ihrem „Cult-Leader“ verfallen, kapseln sich von der Realität ab.
IV. Einengung auf FOX News und dadurch Vernachlässigung anderer Interessen
V. Anhaltender Johnson-Konsum trotz eindeutiger schädlicher Folgen (gesundheitlich, psychisch oder sozial).
Das Problem der Selbsterkenntnis ist besonders schwerwiegend, weil die nicht betroffenen Landsleute alles dafür tun, daß die Nation dennoch nicht zusammen bricht.

Ich bin daher überhaupt kein Fan eines knappen Votums des US-Senates für ein Impeachment. Natürlich müssen wir Trump loswerden und es würde die Welt sicherer und besser machen, wenn dieser offensichtlich morbide Verbrecher nicht mehr im Oval Office säße.
Aber seine 62 Millionen Wähler würden genau wie meine Cola-Tante ihr Problem nie erkennen.
Schnell würden Dolchstoßlegenden entstehen, natürlich hätte der „Deep State“ die Republikaner („Rinos“) im Kongress gekauft.
Amerika bliebe Amerika, der nächste Präsident würde womöglich langsam wieder auf einen vernünftigen Kurs einschwenken. Aber die 62 Millionen unter Morbus Trumpus Leidenden würden eben nie in der Gosse landen, nie begreifen welch tödlicher Krankheit sie verfallen waren. Bei der nächsten Wahl würden sie erneut hunderte geistig retardierte Teebeutler in die Parlamente schicken.

Das betrifft auch den möglicherweise in der letzten Mikrosekunden doch noch abgewendeten No-Deal-Brexit.
Kompromissbereite Europäer und britische Parlamentarier mit Restverstand würden das Vereinigte Königreich vor einer gewaltigen Katastrophe bewahren.
Natürlich wäre es viel besser den Brexit abzusagen und wenn er schon kommen muss, wäre es für alle Beteiligten harmloser ihn mit Deals und Regelungen abzufedern.
Aber die Idioten, die 2016 für den Brexit stimmten, müssten dann Idioten bleiben.
Sie würden  weiterhin die Konservativen zu total destruktiver Politik drängen oder gleich die Fanatiker von der UKIP wählen.
Daher war ich auch nicht begeistert, als Juncker und Johnson vorgestern überraschend erklärten, sie hätten sich doch noch auf einen Deal geeinigt.
Allerdings kassierte der britische MP schon wieder eine Klatsche.

[….] Das Votum an diesem Super-Samstag ist ein Misstrauensvotum gegen Boris Johnson. Das britische Parlament traut dem Premierminister nicht über den Weg. Deshalb hat die Mehrheit der Abgeordneten in Westminster für einen Antrag gestimmt, der endgültig einen No-Deal-Brexit am 31. Oktober verhindert: Die Sorge war einfach zu groß, dass Johnson die Ratifizierung des Austrittsvertrags bewusst verzögern könnte. Für den Premier ist das eine weitere verheerende Niederlage im Unterhaus. Nun muss er das tun, was er nie wollte: Johnson ist gesetzlich dazu verpflichtet, noch bis Mitternacht um eine Verlängerung der Austrittsfrist in Brüssel zu bitten.
Mit dem Votum vom Super-Samstag hat das Parlament offenbart, wie schwach der Premierminister in Wahrheit ist. Beim EU-Gipfel in dieser Woche markierte Johnson zwar den starken Mann, der einen Deal mit nach Hause bringt. Dass ihm dies gelungen ist, darf man in der Tat als politisches Kunststück bezeichnen. Doch daheim in London zeigte sich nun, wie wenig Macht er hat und wie eng sein politischer Spielraum ist. Daran ist er selbst schuld. […..]

So Leid es mir für die vernünftigen Briten und Amerikaner tut, aber leider geht es ihren Nationen noch nicht schlecht genug, die debile Hälfte der Bevölkerung hat noch nicht erkannt welch tödlichem Irrtum sie frönt.

Wenn GB und USA nicht nur kurz durchatmen und weiterwurschteln wollen, müssen sie einen pädagogischen Prozess durchlaufen.
Johnson und Trump sollten also im Amt bleiben und ihre jeweilige Nation mit Karacho so dermaßen gegen die Wand fahren, daß jeder einzelne ihrer Wähler durch eine tiefe Rezession am eigenen Leib erfährt was für eine verdammt schlechte Idee es war solche rechtspopulistischen Schwätzer zu wählen.
Nur dann erkennen sie, daß man der Hetze von FOX und SUN nicht trauen darf, nur dann wählen sie in Zukunft vielleicht etwas vernünftiger.