Donnerstag, 9. November 2017

Kann man in Amerika zu rechts sein?



Gestern erweckte Virginia den Eindruck, als ob auch in ehemaligen Konföderiertenstaaten nicht jeder abseitige Rechtsradikale einfach durchmarschieren kann.

Sowohl Trump-Double Ed Gillespie, als auch der der selbsternannte Chefschwulenhasser Amerikas Bob Marshall verloren die Wahl gegen moderate Demokraten.
Allerdings entschied sich der eigentliche „red state“ Virginia bei den letzten drei Präsidentschaftswahlen demokratisch. Man grenzt schließlich an das ultraliberale Washington DC und liegt an der Ostküste.
Es gibt erheblich konservativere US-Staaten, in denen Demokraten gar keine Chance haben.

Verglichen mit Texas, Louisiana, Wyoming, North Dakota, Nebraska, Oklahoma, Utah,  Mississippi und Tennessee ist Virginia ein Hippie-Staat.

Über den grassierenden Rassismus in Kansas oder Alabama wurden in meiner Kindheit ganz schlechte Witze gemacht, die heute aktueller sind denn je.

Ein Scheißkaff irgendwo in Alabama.
Ein Schwarzer und ein Weißer prügeln sich auf offener Straße. Der Sheriff trennt die beiden und meint: " Eigentlich müßte ich euch beide einlochen. Weil ich aber einen guten Tag habe, gebe ich jedem eine Chance. Wer meine Frage beantworten kann, darf heim"
An den Weißen gewandt: "Wie hieß das Schiff, das am 15.April 1912 sank und 1500 Menschen mit in die Tiefe nahm?"
"Öhh, das war doch die Titanic!?!"
"Richtig. Und nun zu Dir, mein Freund: Wie waren die Namen der Opfer?"

In Alabama gehen die Uhren immer noch 200 Jahre nach.
Der große Roy Moore kämpft hier einen heroischen Kampf gegen die höllischen Homo-Horden.

[….] As we’ve reported, Alabama Chief Justice Roy Moore, who is calling on his state to flout a federal court ruling striking down the state’s ban on same-sex marriage, has a long history of virulent anti-gay activism.
His hostility to gay people has also played a role in his time on the bench.
[….] Moore filed a concurring opinion making it clear that he saw the mother’s same-sex relationship as the main reason that she should not have custody over her children.
He cited biblical law, including the story of Sodom and Gomorrah, to make his case that “a sexual relationship between two persons of the same gender-creates a strong presumption of unfitness that alone is sufficient justification for denying that parent custody of his or her own children or prohibiting the adoption of the children of others” since “homosexual conduct by a parent is inherently detrimental to children.”
Homosexuality, Moore wrote, is a “criminal lifestyle” that is “abhorrent, immoral, detestable, a crime against nature, and a violation of the laws of nature and of nature’s God upon which this Nation and our laws are predicated.”
“[E]xposing a child to such behavior has a destructive and seriously detrimental effect on the children. It is an inherent evil against which children must be protected,” he said.
“The effect of such a lifestyle upon children must not be ignored, and the lifestyle should never be tolerated,” he wrote. “The common law designates homosexuality as an inherent evil, and if a person openly engages in such a practice, that fact alone would render him or her an unfit parent.” [….]

[…..] Alabama Chief Justice Roy Moore [….] a favorite of Religious Right activists for his anti-gay rhetoric and disregard for federal court rulings, posted a piece on his Facebook page today declaring that same-sex marriage and homosexuality are both wrong just because: “Homosexuality is wrong and we all know it. Marriage of the same sex is wrong and we all know it.”
“This is ground zero in the battle for what God has defined as marriage,” the piece continued. “What He has said about homosexuality. How do you want to leave your country? Will your children, grandchildren ask why did you not fight for what is (was) right?”
[….] “Founded by Chief Justice Roy Moore, The Foundation for Moral Law’s goal is to be the sword of the spirit for Christians all over who don’t want to see Alabama or America become the next Sodom and Gomorrah,” she said. “We will continue our battle against evil, and judicial immorality.”
[….]   Today the sacred institution of marriage is being destroyed by the LGBT community and liberal politicians who “want change” as did our President; and they make their rulings based on their emotions and not law. […]

Für Alabama-Verhältnisse ist dieser Mann ein würdiger Senator, um den Staat im US-Senat zu vertreten.
Er setzte sich in den GOP-Vorwahlen sogar gegen Trumps stramm rechten Favoriten durch.

Der 20. Geistige Gigant des Konservatismus ist also der mutmaßliche neue US-Senator aus Alabama, Roy Moore.

Der ultrareligiöse Waffenfanatiker hasst Schwule, Muslime, Schwarze und Atheisten wie die Pest. Und er hat einen guten Freund – den Paten der amerikanischen „White Supremacy“-Bewegung, Steve Bannon.

[….] Er zieht bei Veranstaltungen gerne mal den Revolver. Er findet, Homosexualität sollte verboten werden. Er ist dafür, keine Muslime ins amerikanische Parlament zu lassen. Und seit Dienstagabend hat er gute Chancen, trotz der Unterstützung von Donald Trump für seinen Gegenkandidaten neuer Senator für den US-Bundesstaat Alabama zu werden: Der ehemaliger Richter Roy Moore, 70, hat eine parteiinterne Vorwahl der Republikaner für einen Senatssitz gegen den von Trump unterstützten Amtsinhaber Luther Strange gewonnen. Das Ergebnis aus der Provinz könnte ganz Amerika erschüttern. Denn hinter Moore steht Steve Bannon, der frühere Chefberater von Trump, der das Establishment der Republikaner entmachten will.
Erzkonservativ zu sein, gehört bei vielen Politikern aus dem amerikanischen Süden zum guten Ton, doch Roy Moores Konservativismus ist von einem anderen Stern. [….] Zur Stimmabgabe am Dienstag erschien Moore zu Pferde. [….]

Moore ist wie sein Klan-freundlicher Kollege Sessions so rechtsradikal, daß er selbst im ultrakonservativen Alabama aus dem obersten Gerichtshof des Staates entfernt werden mußte. Zweimal.

[……] But Mr. Moore, 70, has proved himself to be a political survivor. He has been effectively removed from the State Supreme Court twice — the first in 2003, over his refusal to remove a statue of the Ten Commandments in the courthouse; the second last year, when he urged the state’s probate judges to defy federal orders regarding same-sex marriage.
And in recent days, both the president and Vice President Mike Pence had campaigned for Mr. Strange. Mr. Trump, an enormously popular figure in Alabama, cast aside the tradition of presidents treading carefully in contested primaries, as well as the warnings from his own advisers regarding a candidate trailing in the polls. [….]

Toll, dachten sich die republikanischen Alabamesen. Die Scheiß Verfassung ist eh liberaler Unsinn. Den wählen wir!

Immer weiter so, liebe GOPer. Mit solchen Typen im Senat macht ihr die politische Kultur Amerikas endgültig kaputt und verhindert nachhaltig, daß eine Regierung lösungsorientiert arbeiten kann.

[….] Wenn bereits Sessions als Hardliner galt, muss für Moore eine Steigerung erfunden werden. Der Mann ist im christlich-konservativen Teil des Bundesstaats im tiefen Süden ein Held, weil er fanatisch religiös ist - und er deshalb zwei Mal als Richter entlassen wurde.
2003 ließ er im staatlichen Justizgebäude eine zwei Tonnen schwere Skulptur mit den zehn Geboten aufstellen - ein Zeichen religiöser Bevorzugung, das ihn das Amt kostete. 2013 wählten ihn die Bürger Alabamas zurück auf den Posten, von dem er 2016 suspendiert wurde: Er hatte sich geweigert, auf Anweisung eines Bundesgerichts gleichgeschlechtliche Ehen (Moore: "abnormal, unmoralisch, verabscheuungswürdig, ein Verbrechen gegen die Natur") anzuerkennen. Muslime, erklärte Moore 2006, sollten nicht für den Kongress kandidieren dürfen. Der 11. September, so Moores Analyse im Februar dieses Jahres, sei eine "göttliche Strafe" für die USA gewesen.
[….] Moore [….]  erhielt Unterstützung von Rechtsauslegern wie Sarah Palin, dem ehemaligen Trump-Berater Stephen Bannon, Trumps Wohnungsbau-Minister Ben Carson oder dem Briten Nigel Farage.
Beide Kandidaten hatten sich als wahre Vertreter des Trumpismus zu inszenieren versucht - Strange bezeichnete Trumps Wahl sogar als "biblisches Wunder". Dass er trotzdem verlor, lag neben der Nähe zum verhassten Senatsführer McConnell. […]

Man fragt sich welche Missetaten für Trumpmerikaner eigentlich von Bedeutung sind.
Kriminalität, mit den Russen Wahlen manipulieren, Homohass, Rassenhass, plumpe Frauenfeindlichkeit, Behinderte auslachen, Witwen gefallener Soldaten beleidigen, wie gedruckt lügen – all das wird offensichtlich begeistert gefeiert.

Mal sehen, ob der widerliche Hass-Aktivist Moore auch die nächsten Anschuldigungen so locker wegsteckt.

Im Alter von 32 Jahren soll er eine 14-Jährige missbraucht haben.


Pussygrabbing und anschließend auch noch stolz damit prahlen – alles festgehalten auf Band – war ja bewiesenermaßen kein Grund für Trumpmerikaner den Predator nicht zum Präsidenten zu wählen.

Wie ist es mit ein bißchen Kinderficken? Stört das die „moral majority“ der frommen evangelikalen Christen?
Immerhin wurde das der katholischen Kirche ja auch großzügig verziehen.

[….]  Woman says Roy Moore initiated sexual encounter when she was 14, he was 32
[….] Leigh Corfman says she was 14 years old when an older man approached her outside a courtroom in Etowah County, Ala. She was sitting on a wooden bench with her mother, they both recall, when the man introduced himself as Roy Moore.
[….] “He said, ‘Oh, you don’t want her to go in there and hear all that. I’ll stay out here with her,’ ” says Corfman’s mother, Nancy Wells, 71. “I thought, how nice for him to want to take care of my little girl.”
[….] Alone with Corfman, Moore chatted with her and asked for her phone number, she says. Days later, she says, he picked her up around the corner from her house in Gadsden, drove her about 30 minutes to his home in the woods, told her how pretty she was and kissed her. On a second visit, she says, he took off her shirt and pants and removed his clothes. He touched her over her bra and underpants, she says, and guided her hand to touch him over his underwear.
“I wanted it over with — I wanted out,” she remembers thinking. “Please just get this over with. Whatever this is, just get it over.” [….] Aside from Corfman, three other women interviewed by The Washington Post in recent weeks say Moore pursued them when they were between the ages of 16 and 18 and he was in his early 30s, episodes they say they found flattering at the time, but troubling as they got older. None of the women say that Moore forced them into any sort of relationship or sexual contact.
Wendy Miller says she was 14 and working as a Santa’s helper at the Gadsden Mall when Moore first approached her, and 16 when he asked her on dates, which her mother forbade. Debbie Wesson Gibson says she was 17 when Moore spoke to her high school civics class and asked her out on the first of several dates that did not progress beyond kissing. Gloria Thacker Deason says she was an 18-year-old cheerleader when Moore began taking her on dates that included bottles of Mateus Rosé wine. The legal drinking age in Alabama was 19. Of the four women, the youngest at the time was Corfman, who is the only one who says she had sexual contact with Moore that went beyond kissing. [….]

Moore verbündete sich aber nicht ohne Grund mit dem rechtsradikalen Abschaum Steve Bannon.
Dessen Breitbart kämpft massiv für den Grabbler.

Breitbart Defends Roy Moore From Allegations That He Pursued Young Girls

Mittwoch, 8. November 2017

Ganz kleine Hoffnung


Erinnert sich noch jemand an die nette Hamburger Pop-Rock-Band Jeremy Days aus den 1980ern?
Der Deutschamerikaner Dirk Darmstädter, der später das Hamburger Label „Tapete Records“ gründete, versuchte es nach dem Ende der Jeremy Days noch beispielsweise unter dem Namen „Me and Cassity“, aber der kommerzielle Erfolg stellte sich nie ein. Schade, ich habe die damals öfter live gesehen und eigentlich waren alle Zutaten für eine Karriere da. (Vielleicht war es auch nur Solidarität für gleichaltrige Hamburger Deutschamerikaner, daß ich die Jungs ganz gern hörte damals.)
Aber außer „Brand New Toy“ und „Julie Thru The Blinds“ von 1989 hatten sie nie einen Hit.
Mein Lieblingssong von dem Album ist natürlich „Virginia.“


Immer wenn auf CNN der Staat Virginia genannt wird, muss ich an die Textzeilen des Darmstädter-Songs denken.

[….] I see you while you're sleeping
Drum my fingers
To the beat she's keeping
The soft parade, flowing
Drugged and tired
Thru that open door, yeah
Out of slavery
Out from the pouring rain [….]

Darmstädter lebte als Kind in New Jersey, was ja nur ein kleines Stückchen nördlich von Virginia liegt; also kennt er den Staat vermutlich ganz gut.

Was für eine Einleitung.
Virginia, auch Mother of the Presidents genannt, gilt als unerschöpfliche Politikerquelle der USA. Der überwiegend weiße Staat gehörte im amerikanischen Bürgerkrieg zur Konföderation und blieb seit der Niederlage meist konservativ. Der „red state“ stimmte bei den Präsidentschaftswahlen seit 70 Jahren nur viermal demokratisch, jeweils ganz knapp für Lyndon B. Johnson (1964), Barack Obama (2008, 2012) und Hillary Clinton (2016), mutmaßlich weil ihr VP Tim Kaine  2006–2010 Gouverneur von Virginia war.

In Virginia bekam Trump gestern ein Arschvoll. Sein ihn imitierender Gouverneurskandidat unterlag überraschend deutlich dem Demokraten.
Neben der Wiederwahl des NYer Bürgermeisters de Blasio und dem erwarteten Durchmarsch in New Jersey war es nach langer Zeit mal ein fröhlicher Abend für die immer noch in Schockstarre verharrende Partei Hillary Clintons.

[….] Auch den Bundesstaat Virginia hatte Hillary Clinton vor einem Jahr gewonnen, dennoch war hier die trumpistische Versuchung besonders groß.
Die drei Siege verschaffen gleichwohl eine gewisse Erleichterung, weil die Wähler nicht nur über Verkehrsstaus und lokale Steuern abgestimmt haben, sondern auch über einen politischen Stil. In New Jersey, traditionell ein eher liberaler Staat, war der Demokrat Phil Murphy explizit mit einer weltoffenen und immigrationsfreundlichen Agenda angetreten. Sein Sieg stand nie wirklich in Frage, weil der Wählerzorn auf seinen republikanischen Vorgänger Chris Christie überwältigend war. In Virginia wurde der Republikaner Ed Gillespie dafür bestraft, dass er als billige Trump-Kopie mit rassistischen Vorurteilen spielte. Der neue Gouverneur Ralph Northam zementiert nun eine demokratische Wende in einer einstmals republikanischen Bastion. Wer will, kann die Bundestaats-Wahlen also auch als Votum gegen den Präsidenten werten. […..]

Endlich.
Natürlich hängen viele Journalisten die GOP-Klatsche niedriger, weil es sich ganz klar um regionale Entscheidungen handelte.
Aber immerhin, der kontinuierliche Trump-Durchmarsch ist gestoppt.

Mit 54 zu 45% setzte sich Demokrat Northam sogar deutlich gegen den Republikaner durch.

„Mr. Northam was propelled by liberal and moderate voters who were eager to send a message to President Trump in a state that rejected him in 2016 and where he is deeply unpopular.”

Ein bundespolitischer Einfluss ist nicht zu bestreiten.

[….] Outgoing Virginia Democratic Gov. Terry McAuliffe, a former DNC Chair himself, said the race would bring donors, candidates, and activists off the bench and re-energize the party at a time when it needed it most.
"Everyone was looking to Virginia and boy, this was not a lift, this was a jet takeoff," he told reporters.
Half of Virginia voters said Trump was a factor in their vote, and those who did said they oppose the president by a 2-to-1 margin, according to exit polls. In addition, turnout was way up over McAulliffe's election in 2013, showing enthusiasm among party voters.
"The strength of 'The Resistance' is at tidal wave proportions," said Adam Green, the co-founder of the Progressive Change Campaign Committee. [….]

Der radikale Rassismus, Schwulenhass und die Xenophobie sind keine Wahlerfolgsgaratie, wie auch die Klatsche für Bob Marshall zeigt.
Der 73-Jährige selbst ernannte oberste Schwulenhasser - has called himself the state’s “chief homophobe” – und vermutlich tatsächlich the most anti-LGBTQ politician in America saß seit 23 Jahren im Parlament und wurde nun ausgerechnet von einer transsexuellen Demokratin mit 12 Prozent Abstand geschlagen.

[…..]  Danica Roem sitzt künftig für die Demokraten im ­Parlament von Virginia. Ihr Gegner, der Republikaner Bob Marshall, hatte sich als "oberster Schwulenhasser" bezeichnet. […..]  Erstmals in der Geschichte der USA ist eine offen als Transgender lebende Person in das Parlament eines Bundesstaats gewählt worden. Die Demokratin und Transfrau Danica Roem besiegte in der Wahl für das Abgeordnetenhaus von Virginia den republikanischen Amtsinhaber Bob Marshall.   Marshall war seit 1992 Abgeordneter in Virginia und galt als einer der konservativsten Vertreter seiner Partei in dem US-Bundesstaat. Unter anderem hatte er ein Gesetz angeschoben, um Transgendern die freie Wahl zu nehmen, ob sie nun öffentliche Herren- oder Damentoiletten benutzen. Auch gegen die gleichgeschlechtliche Ehe hatte er sich stark gemacht.
Die Lobbygruppe Gay & Lesbian Victory Fund lobte die Entscheidung der Wähler, "eine kluge, lösungsorientierte Trans-Führerin einem spaltenden Anti-LGBT-Demagogen" vorgezogen zu haben. Dies sei eine "starke Botschaft an Anti-Trans-Gesetzgeber im ganzen Land". Marshall hatte sich selbst vor einiger Zeit als Virginias "obersten Schwulenhasser" bezeichnet. [….]
(ZEIT online, 08.11.17)

Vielleicht wachsen die Bannonschen Hassbäume doch nicht in den Himmel.

Vielleicht können die noch viel konservativeren Extrem-Trumper, die jetzt ohnehin schon konservativen Politiker wie Corker und Flake ersetzen, sich doch nicht gegen die Demokraten durchsetzen.
Möglich ist auch, daß die jetzigen republikanischen Amtsinhaber so sehr um ihre Wiederwahlchancen fürchten, daß doch noch einige wagen gegen Trump aufzumucken.

Dienstag, 7. November 2017

Doubling Down à la SPD

In der SPD-Parteispitze amtieren neben Martin Schulz fünf Stellvertreter.

Aydan Özoğuz, Thorsten Schäfer-Gümbel, Manuela Schwesig, Oalf Scholz und Ralf Stegner.

Schwesig amtiert erst vier Monate als Ministerpräsidentin, fällt durch resolute Vertretung der Ostländerinteressen gegenüber dem Bund auf.

Aydan Özoğuz fungiert immer noch als Staatsministerin im Bundeskanzleramt, arbeitet mutig weiter als Integrationsbeauftragte.

Thorsten Schäfer-Gümbel tut das was er auch schon als Ministerpräsidentenkandidat in Hessen so hervorragend bewies: Unauffällig untertauchen, bloß nicht auffallen.

Ganz anders Scholz und Stegner, die in der Diskussion um die Neuausrichtung der SPD intensiv mitdiskutieren und die Partei mit einer Fülle konstruktiver Vorschläge bereichern.

 Der Chef erweist sich derweil als programmatischer Totalausfall. Er bemüht sich seinen Job zu retten, betont auffällig, nicht er allein habe die Bundestagswahl verloren, sondern die gesamte Partei.

„Die Niederlage ist auch ein Indiz für die europaweite Schwäche der sozialdemokratischen Bewegung“. […..] „Der Kanzlerkandidat und die gesamte SPD haben diese Wahl verloren.“
(Martin Schulz, 06.11.2017)

Es wirkt geradezu albern, wie Schulz sich selbst diminuiert. Offensichtlich aus Angst beim folgenden Parteitag als Verantwortlicher für das Wahldesaster abgestraft zu werden.

Hatte man am Wahlabend nach 18.00 Uhr auch für fünf Minuten das Gefühl Schulz habe nun doch den Mut gefunden inhaltlich und ehrlich voranzugehen, so muss man jetzt enttäuscht feststellen, daß der Bundesvorsitzende wieder in den abwiegelnden Hasenfuß-Modus zurückgefallen ist.
Bloß nicht festlegen, bloß niemand verprellen. Es jedem Recht machen, bei der Basis anbiedern.

[….] Parteichef Schulz sichert zwar seine Macht, setzt aber keine eigenen Akzente
Martin Schulz spielt auf Zeit. [….] Schulz versucht, die Basis als mächtigste Verbündete hinter sich zu bekommen. Den Parteichef will er möglicherweise per Urwahl bestimmen lassen.
Ein Jahr lang will Schulz durchs Land tingeln, Fragen stellen und zuhören. Das bedeutet auch: Ein Jahr lang wird der SPD-Vorsitzende keine Antworten geben. Er will der SPD in dieser Zeit nicht genau sagen, wohin er sie steuern will. [….] In weniger als zwölf Monaten wählen die Bayern einen neuen Landtag. Und auch zwischendurch würde man gern wissen, was der SPD-Chef zu aktuellen Fragen denkt. Bisher aber ist Schulz noch nicht einmal in der Lage, im Tagesgeschäft überzeugende Antworten zu geben. Bei Themen wie dem Mindestlohn oder internationalen Steueroasen ist er inhaltlich nicht sattelfest. In Fernsehinterviews hat er außer Floskeln wenig zu bieten. [….]

Man nenne mich altmodisch, aber ich hätte doch ganz gern einen Parteivorsitzenden, der sich für die sozialdemokratische Sache einsetzt und strategisch überlegt, wie man das umsetzen kann. Nun haben wir aber einen, der damit beschäftigt ist seine eigene Haut zu retten, sich nicht traute den Fraktionsvorsitz anzustreben und auch noch ein extrem unglückliches Händchen bei Personalfragen beweist.

Wenn man aber gezeigt hat, daß man Wahlkampf nicht kann und daß man Personalfragen nicht kann, dann ist es vermutlich ganz sinnvoll auch in bei anderen Aspekten vage und indifferent zu bleiben.

[….] In der SPD ist dieses unverbindliche Vorgehen nach ihrem Wahldebakel ein heikles Vorgehen.
Es erinnert an eine lange Phase seiner Kanzlerkandidatur, während der sich Schulz beharrlich weigerte, Positionen zu beziehen. Wiederholt er jetzt gewissermaßen seine – im März im internen Kreis – verkündete Parole? Die lautete: „Ich bleibe dabei: Nicht konkret werden! ... Ich werd nicht konkret!“
Wer Schulz so hört, wer aber vor allem den vom ihm vorgelegten Entwurf für den Leitantrag zum Parteitag liest, dem drängt sich dieser Eindruck auf. Der angeschlagene SPD-Vorsitzende hat in seinem 16-seitigen Papier allerhand unverfängliche Formeln verwendet, gipfelnd in dem Hinweis, die SPD brauche für ihren „Aufbruch“ eine „klare Orientierung, die auf unseren Werten Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität basiert“. Alles klar? [….]

Üblicherweise bin ich kein Sturm-Fan, aber er sieht das in diesem Fall ganz richtig.
Sich wattig-weich durchzulavieren, nie festzulegen, kann durchaus ein Erfolgsmodell sein – wenn man CDU-Chef ist. CDU-Mitgliedern sind Inhalte weitgehend egal; Hauptsache man gewinnt Wahlen.
Sozis sind aber völlig anders gestrickt. Sie kritisieren und fragen und nerven.

Wenn ausgerechnet der eigene Vorsitzende in der eigenen Parteizeitung vehement jede Festlegung vermeidet, ist das keine Werbung für die SPD.

(….) Martin Schulz hingegen versteht es auf zwei Zeitungsseiten Text nicht einmal konkret zu werden und lediglich Floskeln aneinander zu reihen.
Die inzwischen so hohlen Sozi-Lieblingsworte „anpacken, zupacken, Neustart, Erneuerung, neu denken, Zukunft, Signale setzen, gemeinsam, ehrlich, wir, große Herausforderungen“ verwendet Schulz reichlich.
Was das konkret heißen soll, sagt er nicht.

[…..]Wir stehen vor einer der größten Herausforderungen unserer jüngeren Parteigeschichte: Eine fundamentale und tiefgreifende Erneuerung unserer Partei ist unabdingbar, wenn wir langfristig wieder erfolgreich sein wollen. Unser Neustart wird umfassend sein […..]  Wahlniederlagen senden deutliches Signal
[…..] dass wir vor einer der größten Herausforderungen unserer jüngeren Parteiengeschichte stehen. Das niederschmetternde Ergebnis bei der Bundestagswahl […..] sind ein sehr deutliches Signal an uns: Eine fundamentale und tiefgreifende Erneuerung unserer Partei ist unabdingbar, wenn wir langfristig wieder erfolgreich sein wollen.
[…..] 2017 muss symbolisch stehen […..] als Neuanfang für die SPD, den Start eines Prozesses, der uns besser macht, durch den wir uns neu aufstellen und der unsere Partei wieder mehrheitsfähig macht. […..] Unser Neustart wird umfassend sein – organisatorisch, strukturell, strategisch. […..]  Eines ist mir dabei wichtig: dass wir von der Vergangenheit lernen, aber dass wir uns vor allem auf die Zukunft konzentrieren.
[…..]  Genau darum muss es uns gehen: um unsere Erneuerung und Modernisierung.
[…..] Ich möchte, dass sich an diesem Erneuerungsprozess so viele Menschen wie möglich beteiligen […..] Ausgangspunkt muss die Analyse sein, wie sich unsere Welt in den vergangenen Jahren verändert hat und was unsere Vision einer besseren, gerechteren und zukunftsfähigen Gesellschaft ist. […..] Es geht um eine optimistische Vision der Zukunft. […..] wir müssen uns auch weiterentwickeln und mutig die Zukunft beschreiben. […..] In den nächsten Jahren geht es um die Zukunft der Sozialdemokratie – in Deutschland, aber auch in ganz Europa. […..]  Wenn uns der mutige Aufbruch gelingt, werden unserem großartigen Erfolg in Niedersachsen bald auch wieder Erfolge bei Bundestagswahlen folgen. Vor uns liegt viel Arbeit. Lasst sie uns gemeinsam anpacken! [….]

Soll das ein Witz sein? Nach der guten alten Regel „Fünf Euro ins Phrasenschwein“, wäre die Sozi-Sau aber schlachtreif.
Wer schreibt ihm so ein Nichts? Er wird das doch hoffentlich nicht selbst verfasst haben?

Das ist ein linguistisches Lehrbeispiel dafür wie man es nicht machen sollte.
Aneinandergereihte Phrasen aus einem billigen Management-Motivationsseminar, die gut klingen, aber alles und nichts bedeuten können. (…..)

Immerhin bei einer Sache funktioniert Martin Schulz' Riecher: 100% der Stimmen wird er nicht noch mal von den Parteitagsdelegierten bekommen.

Statt aber entweder kämpferisch in eine Abstimmung zu gehen oder einen anderen Vorsitzenden zu unterstützen, versucht Hasenfuß-Martin wieder einen Ausweg, der ihm die Peinlichkeit herber Verluste erspart.

War die nicht schon mal etwas, das bisher immer so schön gründlich schief gegangen ist?
Ach ja! Wenn die Parteiführung im Mimimi-Modus ist, kann man ja die Mitglieder zur Urwahl aufrufen.
Dann muss niemand in der Parteiführung sein Visier herunternehmen und sich niemand vorwagen. Und wenn es schiefgeht, hat auch niemand Schuld, weil es ja die Basis war.
So macht man sich einen schlanken Fuß, wenn man keinen Mumm hat.
Dann also Diktatur der Inkompetenz.

(….) Urwahl des SPD-Parteivorsitzenden 1993: Zur Auswahl standen der kraftstrotzende Macher Schröder, die linke Wieczorek-Zeul und der unfassbar langsame Mann ohne Eigenschaften Scharping. Der Pfälzer Scharping war die Garantie dafür die Bundestagswahl 1994 zu verlieren, weil er nur eine schlechte Kopie des drögen Pfälzers Kohls war; wer auf sowas steht, wählt das Original.
Genauso wählten die SPD-Mitglieder 1993 und entsprechend kam es 1994.
Urwahl 2013 über den GroKo-Vertrag, will man mit Linken und Grünen in die Opposition, oder lieber dem Beispiel früherer Koalitionspartner Merkels folgen und sich an ihrer Seite marginalisieren und massakrieren lassen?
Berliner Urwahl 2014: Soll die Inkarnation der Ödnis, Michael Müller, 51, der fromme Evangele und Mann ohne Eigenschaften neuer Regierender Bürgermeister werden oder wagt man etwas und setzt auf den äußerst quirligen und dynamischen 37-Jährigen Fraktionschef Raed Saleh?
Klar, daß Müller mit fast 60% gewann. (…..)

Auch die Grünen fielen damit schon richtig auf die Nase und läuteten damit unter anderem den schwarzgelben Wahlsieg in NRW ein.

(…..)  Die Grünen-Mitglieder bestimmten per Urwahl die Bundestagsspitzenkandidaten.

Das ist ja mal gründlich schiefgegangen.

Die ostdeutsche Merkel-Bewunderin Kathrin Göring-Kirchentag hatte die Grünen bei der letzten Bundestagswahl zielstrebig zur kleinsten Oppositionskraft hinter der LINKEn verzwergt.
(…..)
Mit konsequenter Umschiffung jeder inhaltlichen Politik brachten es Göring-Eckardt und Hofreiter fertig die Wähler eine volle Legislaturperiode so einzunebeln, daß niemand auch nur einen Schimmer von grünen Politikvorstellungen hat. Man kennt keine Konzepte, keine Pläne, noch nicht mal Meinungen zu den Bereichen Flüchtlinge oder Finanzpolitik.
Es ist noch nicht mal ansatzweise möglich auch nur die grobe politische Richtung der Grünen zu erahnen. (……)
Peter, Özdemir, Hofreiter und Göring-Eckardt hassen sich alle gegenseitig.
 Es gibt nur die eine Gemeinsamkeit; nämlich den Wunsch, den einzig guten Spitzenkandidaten, Minister Habeck zu verhindern.
Das gelang bei der Urwahl – wenn auch denkbar knapp.

[……] Parteichef Cem Özdemir schnitt bei den Männern mit 35,96 Prozent extrem knapp am besten ab. Robert Habeck, Umweltminister in Schleswig-Holstein, holte nur 75 Stimmen weniger und kam auf 35,74 Prozent. Fraktionschef Anton Hofreiter vom linken Flügel der Partei bekam 26,19 Prozent. [….]
(dpa, 18.01.2017)

Urwahl ohne zweiten Durchgang. Das erinnert natürlich an die fatale Scharping-Urwahl von 1993, die direkt in die Opposition führte. (…..)
(Jeder kommt mal dran, 19.01.2017)

Dank des abstrusen Wahlmodus‘ (ohne Stichwahl) und der ausgebliebenen Sachauseinandersetzung, stehen nun an der Grünen-Spitze zwei ausgesprochene CDU-Fans mit direktem Kurs auf das Abstellgleis.

Standen die Grünen noch Mitte 2016 bei 13 bis 14%, haben sie sich jetzt auf 7% halbiert. INSA misst sogar nur 6,5%; die 5%-Hürde rückt nah. (…..)

Der große Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung stimmt heute übrigens in meine seit Jahren erhobene Klage ein:

[…..] Eine Partei, die vor zehn Jahren noch so aussah wie die kommende Volkspartei, erleidet ein Suppenkaspar-Schicksal. Sie wird, in NRW jedenfalls, mit jeder Umfrage dünner. In Schleswig-Holstein, dem Bundesland, in dem eine Woche früher gewählt wird, ist das anders. Das liegt nicht zuletzt an Robert Habeck, Schriftsteller und Politiker, dem dortigen Vize-Ministerpräsidenten. Der Mann verkörpert noch die Frische, den Elan und die Eindeutigkeit, die die Grünen einmal hatten. Dem grünen Bundesspitzenduo Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt fehlt das. Es war ein grünes Unglück, dass Habeck beim Mitgliederentscheid über die Spitzenkandidaten im Bund dem altbekannten Özdemir unterlag. Den Effekt, den Schulz für die SPD hatte, hätte es als Habeck-Effekt für Grünen geben können. So aber gibt es einen Mehltau-Effekt. […..]

Die NRW-Wahl könnte für die Grünen zum Megadesaster werden.
Als RRG-Befürworter wäre das für mich ein Worst-case-Szenario. Das würde im Bundestagswahljahr im größten Bundesland unverdient wieder die CDU an die Macht bringen. Ein Alptraum.
Aber die Grünen haben es sich selbst mit dieser langweiligen Loser-Truppe in NRW eingebrockt. Jetzt ist Vize-Ministerpräsidentin Löhrmann ganz verwirrt, aber doll war das auch nicht, was sie in der Regierung leistete. (….)

Wenn etwas nicht funktioniert und nur den anderen Parteien hilft, dann greift Martin Schulz zu.

[….] "Eine verständliche Erzählung, wo wir mit dem Land hinwollen, fehlt - und damit eine wesentliche Voraussetzung für echte Zukunftskompetenz", schreibt [Schulz] in dem Papier, das dem SPIEGEL vorliegt. Seine darin formulierte Idee einer Urwahl des Parteichefs stößt jedoch nicht bei allen Sozialdemokraten auf Zustimmung.
Nach einer Präsidiumssitzung, in der Schulz seine Vorschläge für einen Neuanfang nach dem Wahldebakel vorstellte, räumte er am Montag ein, es gebe bei diesem Thema unterschiedliche Auffassungen in der Führung. So verwies unter anderem der scheidende Generalsekretär Hubertus Heil auf rechtlich sensible Fragen. [….]

Kaum zu glauben, sogar TSG ist angesichts dieses neuerlichen Schulz-Unsinns kurz aus seinem Phlegma gefallen. Natürlich traut er sich aber nicht die Hasenfüßigkeit seines Chefs anzusprechen oder die Schwarmdummheit der Basis zu thematisieren. Er redet sich mit „Legitimationsebenen“ heraus.

[…..] Schulz-Stellvertreter Thorsten Schäfer-Gümbel erklärte dazu im Interview mit dem „Deutschlandfunk“: „Mich persönlich überzeugt das nicht.“ Der Chef der Hessen-SPD begründete seine Position damit, dass mit Einführung des Urwahl-Prinzips für den Parteivorsitz in den Kollektivgremien Parteivorstand und -Präsidium „zwei unterschiedliche Legitimationsebenen“ eingeführt würden. „Das heißt, entweder die gesamte Führung wird in einer Urwahl gewählt, oder alle über das Delegiertenprinzip“, erklärte Schäfer-Gümbel und sagte weiter: „Wie man das am Ende löst, das werden wir jetzt in aller Ruhe besprechen. So haben wir uns verabredet.“ [….]

Eine Urwahl des Vorsitzenden bedeutete für mich den endgültigen Beweis, daß Martin Schulz ungeeignet ist. Es wäre eine völlig falsche Entscheidung.
Aber immerhin könnte ich dann auch ganz direkt mit „Nein“ stimmen; so wie bei der Urwahl zur Groko 2013 auch schon.