Mittwoch, 1. November 2017

Schwule Schwulenhasser

Wer das erste Mal auf David Bergers rechtsradikalen Blog stößt, wird ihn vermutlich für das übliche Verschwörungstheoretikergewäsch mit islamophobem Tourette halten.
Jeden Tag verbreitet er Meldungen, die von der unmittelbar bevorstehenden Einführung der Scharia in Deutschland künden.
Der Islam habe de facto schon die Macht in Europa übernommen und all das werde nur deswegen nicht in den verhassten „Mainstreammedien“ berichtet, weil der aus Ungarn stammende Jude George Soros die gesamte Bundesregierung, Merkel, sowie alle Zeitungen und TV-Sender steuere.
Soweit also nichts Ungewöhnliches. Verschwörungstheoretische Hassblogs gibt es inzwischen massenhaft.
 Die Fremdsteuerung Deutschlands, womöglich durch das „internationale Finanzjudentum“, wie Hitler es ausdrückte und dann ist es auch nur noch ein kleiner Schritt zu Impfgegnern und Chemtrails.

Schon vor Pegida sammelten sich diese Abseitigen bei den sogenannten „Berliner Montagsdemonstranten“ und frönten in einer grotesken Querfront gemeinsam jedem noch so großen Unsinn.
Worin die deutsche Fremdbestimmung besteht, variiert.
Mal sind es Illuminaten, dann George Soros, die Bilderberger, die linke Political Correctness, die Juden, die Amerikaner, die Pharmalobby, oder auch Reptiloide, respektive Aliens vom Aldebaran-Nebel.
Die meisten Irren, die solchen Thesen anhängen, sind harmlose Irre, wie es sie unter Impfgegner, Homöopathie-Hörigen, Engel-Gläubigen und Religioten zu Millionen gibt.
Den meisten geht es darum ihre angeblichen Einsichten möglichst effektiv zu verbreiten. Daneben gibt es aber auch (insbesondere in der Esoterik-Szene) Profiteure dieser Massen-Doofheit. Sie verkaufen den Irren etwas oder nutzen sie, um selbst berühmt zu werden.

Anders als viele Eso-Blogbetreiber und rudimentäre Nazis, die gern im Hintergrund bleiben, sind Bergers stärkste Antriebe ganz offensichtlich seine grenzenlose Eitelkeit und der manische Hass auf alle, die ihn nicht bedingungslos bewundern. Ungeniert verbreitet er unter Pseudonymen Lobeshymnen auf sich selbst und vergisst nie auch seine körperlichen Vorzüge – „athletischer Mittvierziger“ – hervorzuheben.
Vor dem Spiegel zu masturbieren gilt als nicht sonderlich sympathisch, ist aber in verschiedenen Ausprägungen (Stichwort Selfi-Wahn) durchaus verbreitet. Berger geht aber einen Siebenmeilen-Schritt weiter, indem er alle, die nicht vor Berger-Bildern masturbieren verachtet und bekämpft.
Seine Sucht nach Ruhm und Bewunderung ist dabei so dominierend, daß er ideologisch paradoxe Wege geht.

Beispiele:

1.   Stolz berichtet Berger von seinem Eintritt in die CDU, verbreitet immer wieder Selfis mit sich und Peter Tauber oder Jens Spahn. Gleichzeitig verachtet er die Parteivorsitzende, hält Merkel für eine „Soros-Marionette“, welche die „Umvolkung Deutschlands“ betreibe. Zudem bejubelt er jeden, der aus der CDU austritt und wirbt massiv für die AfD; preist sogar die für Pegida zu rechtsextreme Tatjana Festerling.

2.   Immer wieder inszeniert Berger seinen Islam-Hass als ehrenwerten Kampf wider den Antisemitismus, schreit bei jeder anti-israelischen Äußerung auf. Andererseits verwendet er selbst antisemitische Stereotype, verbreitet beinahe täglich Attacken gegen den jüdischen angeblichen Weltstrippenzieher George Soros, den Berger als Wurzel allen Übels ausgemacht hat.

3.   Eine andere Begründung für Bergers generellen Hass auf alle Muslime und sonstige Dunkelhäutige ist deren angebliche Homophobie. Er paktiert aber mit einer der homophobsten öffentlichen Personen, nämlich dem rechtsradikalen Akif Pirinçci, welchen er stets lobt. Sogar dessen Homohassbuch von der großen Verschwulung.

4.   Bergers extremste Kritiker aus seiner Outingphase, die ihn scharf für sein Schwulsein verurteilten – insbesondere Kreuznet-Autorin und Fundi-Katholibanin Flizitas Küble – sind nun seine engsten Verbündeten, sofern sie ihn lobpreisen, verlinken und seinen Islamhass teilen.

5.   Berger inszeniert sich als Berliner Homo-Fürst. Vorkämpfer für die Anliegen der Schwulen, stärkt aber gleichzeitig kontinuierlich alle homophoben Kräfte in Deutschland, sofern sie seinen Hass auf alle Linken, Liberalen, Nichtweißen und Nichtkatholiken teilen. Berger ist glühender Verehrer der homphoben AfD, wettert gegen die Homo-Ehe, wirft Merkel „Verschwulung der CDU“ vor und schreckt nicht mal davor zurück in der FAZ unter falschen Namen Homosexualität und Pädophilie gleichzusetzen. Schwule und Lesben nennt er in seinem Blog „Queeriban“

6.   Zu gern stellt Berger nach 30 Jahren Karriere in ultratraditionellen rechten Kreisen der RKK sein Dasein als katholischer Christ zur Schau, inszeniert sich bei frommen Prozessionen. Gleichzeitig zieht er aber über den von ihm zutiefst verachteten Franziskus her, als ob der Papst für Katholiken keine Rolle spiele.

[….]  Die große Umvolkung und damit indirekt die Islamisierung des Abendlandes scheint immer offensichtlicher zum Hauptanliegen von Papst Franziskus zu werden. [….]  
Vielmehr mutiert Franziskus zum linksgrünen Sozialarbeiter, der sich in Tagespolitik übt.
Das zeigen seine konkrete Vorschläge, wie Politik und Zivilgesellschaften die Migration nach Europa zu gestalten haben.
Kurz gesagt: All diese Vorschläge lesen sich, also ob sie der Verfasser des Schreibens in einer Gruppenarbeit mit George Soros und Angela Merkel ausgearbeitet hätte.
[….]  Der Papst macht sich die meisten Sorgen um illegale Migranten. Diese sollen unter allen Umständen die gleichen Rechte wie Einheimische bekommen. Statt sich in die Kultur des Landes, in das sie einwandern, zu integrieren, sollen sie diese neu formen. [….]  So wird der Papst zum Prediger einer Islamisierung des Abendlandes.
[….]  [….]  All diese Aussagen sind nicht nur vom politischen Standpunkt aus fatal und bestätigen das Vorurteil vieler Vatikanmitarbeiter, die von Papst Franziskus mehr oder weniger offen als dem „dümmsten Papst aller Zeiten“ sprechen.   Sie grenzen – theologisch gesehen – auch an einer Aufforderung zur Apostasie. Der Bock wurde hier also tatsächlich zum Gärtner gemacht. […]

Gestern wurde der so perfekt von Wolfgang Brosche Beschriebene zu „Mr. Homophobia 2017“ gewählt.

#MissTerHomophobia 🗳 • +++ Alice Weidel und David Berger sind Miss und Mister Homophobia 2017 +++ Die AfD-Co-Vorsitzende und der Theologe und Publizist sind Siegerin und Sieger der Wahl zur „Miss und Mister Homophobia 2017“. [….]

Berger selbst tobt, genießt aber auch die Werbung für sich selbst.

Queere Fanatiker verunglimpfen Dr. Berger und Dr. Weidel als schändliche „Homophobe“
 „Doch die Herrschaften (und Frauschaften) können aufgrund ihrer grenzenlos linken Verblendung nicht einmal in eigener Sache bis fünf zählen, geschweige ihren wahren Gegner erkennen. Stattdessen erklären sie homosexuelle Persönlichkeiten, die im Unterschied zu ihnen noch logisch und selbständig denken können, zu schandbaren „Homophoben“ – und das alles frei nach dem Motto: Der Meinungsfreiheit keine Chance!“

Bergers Fans toben, behaupten, Schwule könnten gar nicht homophob sein.

Eine Lesbe und ein Schwuler werden von der Gay community Als "Homophob" eingestuft?
Damit ist das Nieveu der Leute hier und von Queer.de endgültig versunken!!
Ihr nennt die Hetzer und hetzt selbst gegen alles was nicht 1 zu 1 der Meinung ist wie 90% der Schwerbehinderten hier und 100% von Queer.de.
Manchmal schäme ich mich Schwul zu sein, weil ich hier mit eingestuft wird

Da kann man mal sehen wie sehr die perfide Saat der rechtsextremen Hetzer aufgeht, wie viele immer noch nicht wissen, mit wem sie es da zu tun haben.
Selbst schwul zu sein bedeutet eben NICHT, daß man nicht auch homophob sein kann! Man sehe sich die homophoben Kleriker und Papst Ratzinger an.
Das ist psychologisch leicht zu erklären.
Und natürlich macht auch Weidels Partei explizit homophobe Poltik. Sie nutzt das aus Machtgier.

[…] In der Berliner Szene weiß man sehr genau um die Bigotterie, die Berger an den Tag legt, wenn er einerseits in Artikeln Sexpartyteilnehmer verteufelt und sich und seinen Partner als treues Homopaar darstellt, aber gleichzeitig selbst gern gesehener Gast so manch eindeutigen Etablissements gewesen ist und sich nur allzugerne mit sehr jungen Hausfreunden präsentiert.* Anders als Alice Weidel kann man Berger durchaus eine sogenannten internalisierte, also verinnerlichte Homophobie unterstellen. Alles, was er in diesen Themenfeldern nach außen kritisiert ist negatives Abziehbild offenbar ungelöster innerer Konflikte, die der Lebensweg eines solchen schwulen Versteckspielers fast unumgänglich mit sich bringt. Eine Entschuldigung für die immer hasserfülltere und zerstörerische Hetze in seinen Blogs ist das allerdings nicht, denn Homophobie ist heilbar. [….]

Dienstag, 31. Oktober 2017

Theodizee 2017



Daß der Bundestag heute auch den Nichtreligiösen einen Feiertag spendiert hat, ist für mich irrelevant, da ich nicht angestellt bin.

Blöd ist allerdings das zu jedem christlichen Feiertag in den Zeitungen verbreitete Theodizee-Genöle der liberalen Christen, die öffentlich damit hadern wie absurd ihr Glaube ist.

Gerätselt darüber wurde aber schon vor 3.000 Jahren im alten China, bei den Sumerern, in Indien, im Iran, Babylonien und Ägypten.

Eine Antwort fiel nie einem ein. Zu offensichtlich ist die Tatsache, daß ein Gott nicht gleichzeitig allmächtig und gut sein kann.

Fall A) Ein allmächtiger Gott existiert nicht.

Fall B) Ein allmächtiger Gott existiert. Dann zeigen aber Auschwitz und die weiteren bekannten Genozide, daß er ein Arschloch sein muß und das ist per Definition eben nicht göttlich. Also existiert eben doch kein (lieber) Gott.

Was ich hier wieder einmal skizziere, ist das alte Theodizee-Problem.
Der Begriff wurde durch Gottfried Wilhelm Leibniz, dem letzten Universalgelehrten der Geschichte in seiner Abhandlung  „Essai de Théodicée“ (1710) geprägt.

Damit griff er aber einen Jahrtausende alten Gedankengang auf.

Die große Theodizee-Frage (Rechtfertigung Gottes“) wird immer wieder gestellt - seit Jahrtausenden, seit Epicur.

Sextus Empiricus, der Arzt und Philosoph des 2. Jahrhunderts, formulierte das Dilemma folgendermaßen:

Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht:
Dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft,
Oder er kann es und will es nicht:
Dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist,
Oder er will es nicht und kann es nicht:
ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott,
Oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt:
Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht hinweg?

„In letzter Zeit war die Leistungsbilanz Gottes, was die Juden anbelangt nicht gerade überwältigend." Er könne nicht zugleich allmächtig und gerecht sein - denn wäre er es, hätte er Ausschwitz nicht zugelassen. Doch offensichtlich konnte er es nicht verhindern.
Und was ist wenn es einen Gott gibt, der Ausschwitz verhindern wollte, aber nicht konnte?

Auch dazu hat Bauer eine einfache Antwort: „Ein armer Kerl, der Unterstützung braucht, der sich seine Stärke von uns holen muß - einen solchen Gott brauche ich nicht!“

Interessanter als die große Theodizee-Frage an sich finde ich die Tatsache, daß professionelle Priester, Ordensleute und klerikaler Hochadel nach 2000 Jahren Kopfzerbrechen immer noch keine Alibi-Antwort gefunden haben.

2017 formuliert Matthias Drobinski, der große Fromme der SZ das Problem in seinem lakonischen Leitartikel wie folgt:

[….] Und trotzdem klingt so manche Pfarrers- und auch Bischofsrede flach an diesem Tag: Du bist in Ordnung, wie du bist. Gott ist da und liebt dich, hat dich und die Welt in der Hand. Und geht es dir schlecht, ist er da.
Ist er das? Wo ist er, wenn in Syrien Assads Fassbomben Kinder zerreißen und angebliche Gotteskrieger Menschen köpfen? Wo ist er, wenn Menschen an Hunger und Krankheit krepieren? Ist er in den Folterkellern der Welt oder bei den ersaufenden Flüchtlingen im Mittelmeer, flüstert ihnen in ihrer verzweifelten Atemnot zu: Ist schon ok, wie du bist? Steht er den Alten bei, die einsam und vergessen im Neonlicht des Krankenhausflurs an ihr Ende kommen? Oder ist die Rede vom Beistand nicht mehr als eine billige Lüge? [….]
Intelligenten Menschen wird das Offensichtliche sofort klar: Da ist kein Gott.
Das Konstrukt einer übersinnlichen und allmächtigen Figur ist eine Idee primitiver Kulturen, die sich so über ihre Unwissenheit und Ängste hinwegtrösten.
Ein so postulierter Gott lebt lange, da er sich vorzüglich dazu eignet die Macht von Diktatoren und den Herrschenden allgemein zu sichern.
Mit dem Verweis auf den Willen Gottes, mucken die Unterdrückten und Ausgebeuteten nicht auf – so lange man sie angemessen unwissend und ungebildet hält.

Für die offiziellen Anhänger eines Gott-Kultes ist Aufklärung in jeder Hinsicht von Übel. Der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit führte wenig überraschenderweise auch zu einer sukzessiven Schrumpfung der Kirchenmacht. Doofheit ist der Hauptverbündete des Glaubens und der mit dem Religiotismus verquickten Paradoxien.

Intelligentere und freier Denkende wissen hingegen, daß Religion eine Täuschung ist.

 „Glaube an Gott trotz Auschwitz? Die einzige Entschuldigung für Gott wäre, dass es ihn nicht gibt. Ich glaube, ich glaube nicht an Gott – aber ich glaube sogar das nicht.“
(Hellmuth Karasek)


Gott ist eine literarische Erfindung. Es gibt keinen Gott.“
(Marcel Reich-Ranicki)

Wie bekommt Drobinski die Kurve?
Wenn er schon als frommer Katholik zum Reformationstag den Leitartikel schreibt, wird ihm ja irgendwas als Gott-Begründung einfallen.
Dachte ich zumindest.
Aber es läuft immer auf das Gleiche hinaus.
Religioten glauben und das ist ihnen Begründung genug.

[….] Wann zeigt sich deine Gnade, gnädiger Gott? In allen Momenten der Menschlichkeit und der verzweifelten Liebe, dem unverhofften Guten; in der Hoffnung gegen alle Wahrscheinlichkeit, dem Vertrauen auf den schwankenden Boden, dass Gott auch in einer Welt voller Teufel "ein' feste Burg ist", wie es in dem Kirchenlied von Martin Luther heißt. Auch das zieht sich durch die Geschichte bis heute: Es gibt diese unglaublichen Momente der Gottesahnung und der Paradiesmusik, es gibt sie auch dort, wo jede Menschlichkeit gemordet scheint. Und keine Aufklärung dieser Welt hat sie bislang wegrationalisieren können. [….]

So argumentiert man ohne Argument.
Drobinski bestreitet ganz in Trump-Manier die Effekte der Aufklärung.
Er behauptet einfach das, was seinem Hirngespinst entspringt: Es gibt diese unglaublichen Momente der Gottesahnung.

Montag, 30. Oktober 2017

Sozi-Nabelschau Teil II



Wenn man den Berichten der Funke-Mediengruppe glauben darf, sägt Olaf Scholz am Stuhl des SPD-Bundesvorsitzenden; möchte sich gar selbst zum Chef aufschwingen.

 [….] Jetzt ist Schulz Wahlverlierer. Einer, der um sein Amt kämpft. Einige in der Parteiführung glauben inzwischen, dass er mit dem Job überfordert ist. Bei der Suche nach einem neuen Generalsekretär habe er keine glückliche Figur gemacht. Vor allem aber habe er keine Ideen, wie es weitergehen solle mit der SPD, heißt es. Das habe sich schon im Bundestagswahlkampf gezeigt, sagt einer, als Schulz ohne eigene Programmatik für die Kanzlerkandidatur angetreten sei.
Schulz wiederum sagt, er wolle erst einmal hören, was die Mitglieder wollen. [….]
Der Bürgermeister soll sich selbst für den besseren Parteivorsitzenden halten. [….] "Im Kern sind die beiden nicht weit auseinander", sagt [der Bundestagsabgeordnete Johannes] Kahrs deshalb. [….] Es gebe derzeit keinen anderen Kandidaten als Schulz: "Damit ist das Thema durch im Moment." Man kann Kahrs so verstehen, als ob Scholz vielleicht doch noch Parteichef werden könnte. [….]  in Hamburg ist Unzufriedenheit mit Schulz zu spüren: Programmatisch sei zu wenig von ihm gekommen. […..]

Daß Scholz wie Lafontaine 1995 den amtierenden Parteivorsitzenden stürzt, liegt außerhalb meiner Vorstellungskraft.
Scholz müßte wirklich sehr nachdrücklich gebeten werden – und zwar unter anderem auch von Martin Schulz selbst.
Der Hamburger ist kein Charismatiker, dem bundesweit die Herzen zufliegen. Eine „Schulz-Zug“-Euphorie an der Basis mit Myriaden Neueintritten würde er nicht auslösen. Eine Partei braucht aber so ein Zugpferd an der Spitze; insofern könnte Scholz immer nur eine Not- oder Übergangslösung sein.
Bitter ist dabei wie offensichtlich Olaf Scholz erfolgreicher und intelligenter als Schulz ist.
Aber Qualifikation und Sachkenntnis sind leider nicht mehr die Topkriterien für politische Jobs.

Um noch mal auf meinen gestrigen Wutanfall zurück zu kommen, möchte ich eine erstaunliche Sache ansprechen, die meiner Ansicht nach ein Kernproblem der SPD-Performance ist.

Die soziale Gerechtigkeit, die nach Wunsch der SPD-Linken wieder in den Vordergrund gerückt werden sollte, zieht nicht als Wahlkampfhit.
Der Partei-Rechte Martin Schulz (auch er ist Seeheimer) hatte diese Emotionen im Wahlkampf stark bedient und so auch die Begeisterung der Basis ausgelöst.
Aus mir nach wie vor unerfindlichen Gründen waren aber weder die SPD-Bundesminister noch der Kanzlerkandidat in der Lage zu konkretisieren was eigentlich diese ominöse „soziale Gerechtigkeit“ sein soll.

Vielleicht ist meine Online-Filterblase nicht repräsentativ genug, aber ich höre in allen parteipolitischen Diskussionen immer, die SPD sei „unwählbar“, habe „die Armen verraten“.
Bei den Linken und ehemaligen SPD-Wählern gibt es auch 12 Jahre nach Schröder noch so einen gewaltigen Hass auf die SPD, daß sie lieber Jahrzehntelang CDU-Kanzler akzeptieren, als jemals der SPD wieder eine Chance zu geben.
Kann man diese nach links abgewanderten Wähler überhaupt zurück gewinnen?
Was nützten „soziale Gerechtigkeit“-Wahlkämpfe, wenn diejenigen, die das ansprechen soll, ohnehin für immer schmollen und an Riexinger und Lafontaine kleben?
Erschwert wird das Problem noch durch das alte Hildebrandtsche Motto „die SPD scheißt in jede Hose, die man ihr hinhält“.
Wenn in Diskussionen mit Linken der Trigger „HartzIV“ oder „Agendapolitik“ fällt, fangen Sozialdemokraten sofort an zu weinen, ziehen sich zurück oder sie beginnen ebenfalls wie von Sinnen auf Gerd Schröder einzudreschen.

Der Bundesvize Stegner sagt dazu etwas meiner Ansicht nach sehr Richtiges.

[….] Die Lösung von Zukunftsproblemen kann allerdings nicht in einer masochistischen Dauerbeschäftigung mit der Agenda 2010 liegen. Manche Fehler wurden bereits korrigiert. Dieses Kapitel muss endlich geschlossen werden, indem wir uns zu den Irrtümern bekennen. Die Anpassung an den neoliberalen Zeitgeist wie im Schröder-Blair-Papier und die Inkaufnahme prekärer Arbeitsverhältnisse waren schwere Fehler! Dies gilt jedoch keineswegs für alle damaligen Reformen im Kampf gegen die Massenarbeitslosigkeit. [….]

Man merkt; der Mann gehört zum linken Flügel.
Aber können sich nicht alle Sozialdemokraten darauf einigen, daß die böse Agendapolitik zwar einige soziale Härten und Ungerechtigkeiten produzierte, aber unterm Strich sicher mehr genützt, als geschadet hat?
Sozis sollten mutig zu den berühmten Reformen stehen, ohne die von den Linken vorgetragenen Kritikpunkte abzuschmettern.
In so einer Diskussion kann man auch als Schröderianer gut punkten, indem man kenntnisreich wie Olaf Scholz auf die vielen Korrekturen seit der Zeit verweist, statt vage und desorientiert wie Schulz zu mäandern.

[…..] Es ist daher gut, dass die SPD seither in beiden großen Koalitionen zahlreiche Reformen vorangetrieben hat, die Deutschland sozialer und gerechter machen. Kurzarbeit hat in der Krise 2008/2009 Hunderttausende Arbeitsplätze gerettet, Branchenmindestlöhne und ein allgemeiner gesetzlicher Mindestlohn wurden etabliert, Leiharbeit und der Missbrauch bei Werkverträgen eingeschränkt, erwerbsgeminderte Rentner bessergestellt, langjährigen Beschäftigten der Rentenzugang bereits mit 63 ermöglicht, Kitaplätze ausgebaut, BAföG und Wohngeld erhöht, Alleinerziehende unterstützt, Mieter besser geschützt. Die Aufzählung der von der SPD durchgesetzten Gesetze für ein gerechtes Deutschland ließe sich mühelos verlängern. Das Wahlprogramm der SPD bei dieser Bundestagswahl hat mit zahlreichen Konzepten wie der Wiedereinführung der Parität bei den Beiträgen zur Krankenversicherung oder der Abschaffung der sachgrundlosen Befristung von Arbeitsverträgen oder zur Stabilisierung des Rentenniveaus daran angeknüpft. Und der Wahlkampf stand ganz im Zeichen der sozialen Gerechtigkeit. Es ist daher nicht plausibel möglich, das Wahlergebnis damit zu begründen, dass die SPD sich nicht genügend für soziale Gerechtigkeit einsetze. [….]

Man muss diese Aufzählung des Parteirechten Scholz im Zusammenhang mit einer Wahrnehmung der Parteilinken Nahles sehen.
Auch sie weiß natürlich wie enorm viel die SPD nach 2005 aktiv in acht Jahren Regierungsverantwortung für die soziale Gerechtigkeit getan hat, während die Linke nie Regierungsverantwortung trug und außer Forderungen gar nichts für die sozial Schwachen tat.
Und dennoch glaubt man der SPD nicht.

[….] Die wesentliche und bittere Erkenntnis nach dieser Bundestagswahl ist, dass der Vertrauensbruch tiefer sitzt, als wir es jemals für möglich gehalten haben. 2009 waren wir der Meinung, wir könnten verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen, indem wir Fehler der Vergangenheit benennen. Zur Wahl 2013 war es dann wieder ähnlich. Die Menschen haben uns im Wahlkampf gesagt: Wir finden euer Programm gut, glauben euch aber nicht, dass ihr das auch wirklich umsetzt. In der Regierung haben wir uns dann gedacht: Das können wir widerlegen. Wir haben versprochen und Wort gehalten – ob bei der Rente mit 63, der Frauenquote oder beim Mindestlohn. Allerdings waren das in diesem Wahlkampf gar nicht die entscheidenden Themen. [….]

Das sind zwei Seiten einer Medaille. Nahles setzte konkrete Sozialpolitik um, schuf Fakten und dachte, dadurch müssten die Wähler ja akzeptieren, wie entschrödert und sozial wie Sozis jetzt sind.

Das war aber ein Irrtum! Durch Filterblasen-Informationsauswahl sind diese Taten gar nicht zu den Betroffenen durchgedrungen.

Martin Schulz' allgemeine Hinweise auf die „hart arbeitenden Menschen“ waren viel zu vage und zu untauglich, um Vertrauen zu erwecken.

(…..) Fast noch schlimmer ist der Terminus „die hart arbeitenden Menschen“, den Schulz in Endlos-Wiederholung auftischt, um sein Gerechtigkeitsthema zu pushen.
Für meinen Geschmack spricht das etwas sehr platt die Neidinstinkte des deutschen Michels an, der natürlich immer findet, er komme zu kurz und andere hätten mehr. Zum anderen ist es eine seltsam altmodische Formulierung. Als ob nur alle hart arbeiten müßten und dann lösten sich die Probleme in Luft auf.
Und was ist eigentlich mit den Millionen Menschen, die eben nicht hart arbeiten können, weil sie krank sind, unter psychischen Problemen leiden, Pflegefälle sind oder aber zu alt zum Arbeiten sind?

Was ist das eigentlich für eine sozi-mäßige Selbstverzwergung?
Weil wir die SPD sind, können wir nur soziale Gerechtigkeit und überlassen die große Außenpolitik der Union? (…..)

Ich glaube nicht, daß das Thema „soziale Gerechtigkeit“ ein Gewinnerthema ist.
 Die nach ganz Links Abgewanderten holen wir damit nicht zurück. Außerdem war die anfängliche Schulz-Euphorie mit 30.000 Parteieintritten trotz oder wegen der Agendapolitik gelungen. Nicht, weil der Seeheimer Schulz plötzlich mit den Arbeitsmarktreformen gebrochen hätte.

„Soziale Gerechtigkeit“ ist aber ein Verliererthema, wenn man wie von Stegner skizziert immer den Kopf einzieht, sobald der Name „Schröder“ fällt.

Wir als Sozialdemokraten müssen

a) die Agendapolitik erklären, indem wir den damaligen Kontext beschreiben,


c) nicht vage von „Gerechtigkeit“ schwafeln, sondern im Sinne von Olaf Scholz sehr konkret werden, wenn es um die Modifizierungen der letzten 12 Jahre geht.

[…..] Und die SPD muss konkret sein, auch wenn es um soziale Gerechtigkeit geht. Nur anhand konkreter Vorschläge bleibt der Begriff nicht abstrakt. Nur konkrete Vorschläge können auch politisch wirkmächtig werden. Die Programmatik der SPD bietet dafür genug Handhabe: eine deutliche Steigerung des Mindestlohns, die Abschaffung der Möglichkeit, Arbeitsverträge ohne Sachgründe zu befristen, das Recht nach vorübergehender Teilzeitbeschäftigung wieder Vollzeit zu arbeiten, die Stabilisierung des Rentenniveaus, paritätische Beträge in der Krankenversicherung, die massive Ausweitung des sozialen Wohnungsbaus, Gebührenfreiheit in Kitas, Ganztagsschulen, ein Rechtsanspruch auf eine neue Berufsausbildung im fortgeschrittenen Alter, Breitbandverkabelung als Grundversorgung zur Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse in Deutschland, die Entlastung der Kommunen von den Kosten der Unterkunft Arbeitsloser, die ja regional vor allem dort anfallen, wo die wirtschaftliche Lage nicht gut ist, Entlastungen bei den Beträgen für Geringverdiener und steuerliche Entlastungen für untere und mittlere Einkommen. Die SPD hat diese und noch mehr konkrete Vorschläge. Sie muss sie auch benennen. [….]

Soziale Politik in der Regierungsverantwortung wie Andrea Nahles umzusetzen ist das eine.
Das reicht aber nicht.
Die gesamte Partei, aber insbesondere die Bundesminister hätten wöchentlich dem Wähler einhämmern müssen,

1.) Was sie erreicht haben
2.) Welche Widerstände der Union überwunden wurden
3.) Wo sich CDU/CSU mit ihrer Mehrheit nicht bewegten
4.) Was die SPD in einer Alleinregierung über das in der Groko Erreichte hinaus durchgesetzt hätte.

Dann würden weniger phlegmatische Wähler denken es mache keine Unterschied, ob man CDU oder SPD wähle, ob man überhaupt zur Wahl gehe.

Dann hätte die SPD aber insbesondere auch mehr Zeit gehabt sich für die meiner Ansicht nach noch wichtigeren Zukunftsthemen einzusetzen.
Weswegen der ausgewiesenen Europa-Politiker Schulz mit all seinen Kontakten außenpolitisch fade und blass blieb, ist mir bis heute ein Rätsel.
Wieso hat er sich nicht mit einer klar proeuropäischen Politik und einer ganzen Liste bilateraler Vorhaben von der Kanzlerin abgesetzt?