Freitag, 14. April 2017

Bombenliebe Teil II



Als Sproß einer binationalen Ehe mit ethnisch schmutzigen Vorfahren, kenne ich „Geschichten aus dem Krieg“ von Großeltern/Tanten, die auf verschiedenen Seiten standen.
Sie zogen aber die gleichen Schlüsse: Krieg ist scheiße!
Der zweite Weltkrieg dauerte sechs Jahre an und am Ende herrschte eine überwältigende Kriegsmüdigkeit, die Menschen waren in jeder Hinsicht ausgelaugt. Millionen Soldaten gaben bereitwillig die Waffen ab. Das größte Problem war im Mai 1945 daher auch die Hitlerjugend. Kinder können offensichtlich besser die Auswirkungen der Grausamkeiten verdrängen und sind leichter bereit irgendwelchen völlig irrsinnigen Durchhalteparolen zu glauben.
Ich kenne viele Geschichten aus den letzten Kriegstagen in Hamburg 1945, als die Briten einmarschierten aus erster Hand. Ein Häuserkampf wie in Berlin wurde glücklicherweise verhindert, die Hamburger waren eigentlich froh die Briten zu sehen. Man fühlte sich ohnehin mit ihnen verbunden und kaum ein herumirrender Wehrmachtsoldat wollte noch Widerstand leisten.
Sehr wohl kam es aber noch zu unnötigen Toten, wenn 15-Jährige mit Gewehren, die ihr Leben lang Propaganda-gefüttert wurden, sich den Engländern entgegenwarfen.

Erwachsene hingegen war vollkommen desillusioniert. Vier Jahre lang war Hamburg bombardiert worden. Mehr als 50% der Gebäude waren zerstört, Myriaden Menschen verbrannt. Es reichte wirklich.

Der Krieg in Afghanistan befindet sich nun im sechzehnten Jahr!
2001 ließ George W. Bush Kabul das erste Mal bombardieren.

Was sagt es eigentlich über die Kriegskünste der tausendfach überlegenen Streitkräfte der USA und vieler anderer NATO-Staaten aus, wenn es im Jahr 2017 so weit kommt, daß der US-Präsident seine MOAB (Massive Ordnance Air Blast / Mother Of All Bombs) abwirft?

Die tonnenschwere Bombe vom Typ GBU-43 mit der Sprengkraft von 11.000 Kilo TNT ist die zweitgrößte nichtnukleare Bombe der Welt.
(Das muß Trump schmerzen; Putin hat einen Größeren! Mit 44 t TNT sogar deutlich Größeren.)
Moab ist fast zehn Meter lang, wiegt etwa zehn Tonnen und kostet 15 Millionen Dollar pro Stück.

[….] Beim Abwurf der größten nicht-atomaren Bombe des amerikanischen Militärs in Afghanistan sind nach Angaben von US-Behörden mindestens 36 Kämpfer der Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) getötet worden. Wie das afghanische Verteidigungsministerium am Freitag mitteilte, wurden bei dem Angriff im Osten des Landes Verstecke der Islamisten sowie ein Tunnelkomplex zerstört. Über die Auswirkung der Bombe war zunächst nichts bekannt gewesen.
Die USA haben nach Angaben ihres Verteidigungsministeriums am Donnerstag erstmals eine Bombe des Typs GBU-43 im Krieg abgeworfen. [….]

Was sagt es eigentlich über die Nationbuilding-Kompetenzen von zwei Regierungs-Administrationen aus, wenn in acht Jahren Bush und acht Jahren Obama niemand ein Plan eingefallen ist, wie man das Land stabilisieren kann, so daß der Krieg mal aufhört?

Was sagt es eigentlich über die Planlosigkeit der USA, wenn der dritte damit beschäftigte Präsident offensichtlich so ahnungslos ist, daß mit der größten möglichen Zerstörungskraft einfach draufgeschlagen wird?

Natürlich haben Taliban und IS keine Moab-adäquaten Waffen. Mit solchen Methoden gewinnt die USA für den Moment immer.
Es nützt nur nichts. Einen Tag später ist Afghanistan immer noch da und die Afghanen sind nicht gerade in Feierlaune.

US-Militärstrategen nehmen es inzwischen schulterzuckend hin. So sei es eben in einem „asymmetrischen Konflikt“, wir gewinnen und die „bad guys“ kommen anschließend immer zurück.

Trump kann am Hindukusch mit seinem Riesending gar nichts gewinnen.
Aber es ist anzunehmen, daß es ihm auch kaum darum geht.

Moab bringt ihm an zwei anderen Fronten einen Sieg.

Erstens sendet er ein warnendes Signal an Xi, Putin und vor allem Kim Jong Un: Don’t mess with me.

Zweitens ist Bombardieren nach wie vor extrem populär in den USA selbst.
Das zeigte schon sein Tomahawk-Beschuss Syriens ein paar Tage zuvor.
Auch das war militärisch völlig sinnlos, bringt den Frieden kein Stück näher, sorgt aber für extrem gute Presse in Amerika.

[….] Ein paar "Tomahawks" - und schon wird Trump von seinen schärfsten Kritikern gelobt. Wer Bomben wirft, der wird geliebt. So irre ist unsere Welt. [….] Jetzt genießt er plötzlich die Anerkennung des sogenannten liberalen Establishments. Warum? Weil er Bomben geworfen hat. Wenn Trump klug ist, lernt er daraus - und wirft noch mehr Bomben. [….]
Der SPIEGEL lobt: "Donald Trump hat es richtig gemacht." Die "Süddeutsche Zeitung" stellt plötzlich fest: Man müsse "Trump zumindest zugestehen, dass sein Instinkt stimmt". Und die "New York Times" feiert Trump für seinen Angriff auf Syrien: "Trumps Herz kam zuerst", schrieb die Zeitung in einer später dann doch noch abgeänderten Überschrift. Sie rief "eine Wende in seiner Präsidentschaft" aus. Zur Erinnerung: Das ist Trumps "Fake News 'NYT', very sad!"-"New York Times".
Man kann sich den Donald geradezu vorstellen, wie er durch sein Oval Office tänzelt und den alten Dinah-Washington-Song variiert: "What a difference a war makes...". [….] Dabei waren die Bomben auf Syrien militärisch sinnlos. Und rechtlich waren sie schlicht ein Verbrechen. [….] Aber das kümmert inzwischen nicht einmal mehr die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, die Trumps Angriff im Fernsehen "richtig" nannte.
[….] Trump, der Stimmungspolitiker, hat das erkannt. Das ist sein Instinkt. 
Er wusste, auch wir wollen endlich mal zum Schuss kommen, unsere Raketen abfeuern, unsere Explosionen genießen. 59 "Tomahawks", das waren 59 Orgasmen des guten Gewissens. [….]

Die Menschen stehen auf Bomben und wer die Macht hat dieses Multimillionen-teure Spielzeug einzusetzen wird von der Presse bejubelt.
GBU-43 und Tomahawk sind so etwas wie small-penis-cars für Präsidenten.
Auch wenn man sonst nichts zu bieten hat, ist einem so Aufmerksamkeit und Bewunderung sicher.
Wen schert es da, daß Trump keine Ahnung hat und die Krisen der Welt nur verschlimmert?

Donnerstag, 13. April 2017

Memmen



Borussia Dortmund kenne ich sogar, weil ich gern „Küppersbuschs Woche“ lese, in der es immer dieselbe traditionelle Schlussfrage gibt:
„Und was machen die Borussen?“

Ein bedauerliches Phänomen, daß immer wieder auch sehr kluge und gebildete Leute Fußball mögen, diese grässlich ordinäre Sportart.

Vorgestern nun dieser Bombenanschlag auf den Mannschaftsbus der Dortmunder Ballspieler.
Natürlich gibt es keinerlei Rechtfertigung oder Entschuldigung für so ein Verbrechen.
Beim Terror sind immer Unschuldige die Opfer und obwohl weltweit die weitüberwiegende Zahl der Terroropfer Muslime sind, ist man auch in den christlich geprägten westlichen Ländern lange nicht mehr sicher vor dem Terrorismus.

Im Vergleich zu anderen Attentaten auf Sportler – Olympia 1972, Boston-Marathon 2013 – kamen die Ruhrpott-Fußballer vergleichsweise glimpflich davon. Es gab keine Toten und keine lebensgefährlichen Verletzungen.
Kein Vergleich zu den auf unfassbar grausame Weise getöteten Israelis in München.
Mindestens ein Opfer wurde kastriert, vergewaltigt und verblutete dann über mehrere Stunden extrem qualvoll unter den Augen seiner Freunde.

[….] Among the most jarring details are these: The Israeli Olympic team members were beaten and, in at least one case, castrated.
 “What they did is that they cut off his genitals through his underwear and abused him,” Ms. Romano said of her husband, Yossef. Her voice rose.
 “Can you imagine the nine others sitting around tied up?” she continued, speaking in Hebrew through a translator. “They watched this.” […..]

Auch die anderen Opfer wurden vor ihrem Tod extrem misshandelt, ihre Leichen wiesen Dutzende Knochenbrüche und alle erdenklichen und nicht erdenklichen Gewalteinwirkungen auf.

Die weitüberwiegende Zahl der Terroropfer bleibt für immer anonym.

Heute wurden mal eben so aus Versehen 18 Verbündete der kurdischen Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) im Kampf gegen den IS von der US-Armee getötet.
Kollateralschaden. Ihre Namen werden gar nicht erst genannt.

Die Angehörigen der zehn Menschen, die von Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe zwischen 1999 und 2007 grausam ermordet wurden, erlitten mehrfaches Leid, weil die deutschen Behörden eine volle Dekade im Dunklen tappten und daher den Opfern die Schuld in die Schuhe schoben. Ermordete Türken? Die werden schon irgendwie selbst Schuld haben; sicher nur ein Streit unter ihresgleichen.

In Deutschland gehen nach wie vor die meisten Terroropfer auf das Konto von Rechtsextremen.
Auf viel Hilfe und Mitleid können sie nicht zählen.
Schon lange läßt sich kein deutsches Regierungsmitglied mehr dazu herab die Orte der Katastrophen zu besuchen, den Opfern ihr Mitgefühl auszusprechen.
Es sind eben viel zu viele. Und es sind Arme. Blond und blauäugig auch nicht – also sei’s drum.

[…..] Im vergangenen Jahr hat es in Deutschland mehr als 3500 Angriffe auf Flüchtlinge und Flüchtlingsunterkünfte gegeben. Dabei wurden 560 Menschen verletzt, unter ihnen 43 Kinder. Das berichten die Zeitungen der Funke-Mediengruppe und berufen sich auf eine Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Parlamentsanfrage.
Demnach gab es 2545 Angriffe auf Flüchtlinge außerhalb ihrer Unterkünfte. Hinzu kamen 988 Angriffe auf Flüchtlingsheime - das waren geringfügig weniger als im Vorjahr (1031 Angriffe). Zudem wurden 217 Mal Hilfsorganisationen oder freiwillige Asyl-Helfer attackiert. […..]

Menschen, die dunkelhäutig sind, als Juden erkennbar scheinen oder womöglich schwul wirken, werden nicht effektiv vom deutschen Staat beschützt. Sie sind nicht nur Opfer, sondern auch noch irrelevante Opfer, für die sich Angela Merkel nicht extra vor ein Mikrophon begibt.

Ich erinnere mich an eine Talkshow vor rund 20 Jahren, es ging um die zentrale Gedenkstätte für die ermordeten Juden in Europa, in der kurz zur Sprache kam wie extrem die Protagonisten, die sich für das Denkmal einsetzten bedroht und angefeindet wurden.
Diskutanten waren unter anderem Lea Rosh und Ignatz Bubis, die beide bestätigten nur noch unter strengem Polizeischutz das Haus verlassen zu können.
Beide verwahrten sich aber dagegen deswegen bemitleidet zu werden, denn sie würden schließlich selbst die Öffentlichkeit suchen und hätten rund um die Uhr speziell geschulte Personenschützer der Polizei um sich.
Es wäre viel angebrachter die potentiellen Opfer rechtsextremer Gewalt zu bedauern, die nicht den Luxus einer 24h-Bewachung zu haben.

Sind Opfer also nicht gleich Opfer?

Tatsächlich sind die Dortmunder vorgestern bei Weitem nicht so verletzt und gequält worden, wie andere Opfer in Deutschland.
Tatsächlich sind die Dortmunder vorgestern keine armen Menschen, die in ihrer Not allein gelassen werden. Sie sind allesamt Multimillionäre und sonnen sich in einer bundesweiten Mitleids- und Solidaritätswelle.

Ja, sie sind auch zu bedauern, aber der Grad der Aufmerksamkeit steht im keinen Verhältnis zu den alltäglichen Terroropfern, die viel Schlimmeres erleiden.

Es reicht jetzt mal langsam mit dem Dortmund-Geplärre.

Die fitten, durchtrainierten, gesunden, jungen und hochprivilegierten Multimillionäre aber beklagen sich nun, daß sie schon wieder Fußball spielen mußten – als sei das nicht ihr Job.

[…..] Sokratis, der beinharte Verteidiger, der sich nach dem Spiel mit Tränen in den Augen bei den Fans für die Unterstützung bedankte, sagte: "Wir wurden wie Tiere behandelt und nicht wie Menschen." […..]
Der Ärger in der Mannschaft über den angeblich alternativlosen Nachholtermin war groß, Trainer Thomas Tuchel schlug in dieselbe Kerbe. Per SMS sei er über die Ansetzung informiert worden. Niemand habe ihn oder einen Spieler gefragt: "Wir hatten das Gefühl, behandelt zu werden, als wäre eine Bierdose an unseren Bus geflogen." Es war allerdings ein Anschlag auf das Leben von Menschen, die dann schon am nächsten Tag wieder zu spüren bekamen: "Wir haben zu funktionieren." […..]

Ich will den Ballakrobaten selbst gar keinen Vorwurf machen. Sie sind es gewöhnt ausschließlich bejubelt und bewundert zu werden, in Traumvillen zu wohnen, Porsche zu fahren, die schönsten Models als Freundinnen zu haben.
Natürlich schockiert es sie mit einer anderen Realität konfrontiert zu werden.

Aber könnte der Rest der Welt, könnten insbesondere die Medien das Thema jetzt endlich mal tiefer hängen?

Die Spieler wurden einfach vergessen
[….]  Sie waren schockiert, sie weinten, sie haderten - und mussten trotzdem spielen. Was der Fußball mit der Mannschaft von Borussia Dortmund anstellte, ist beschämend.
[….] Was der Fußball mit der Mannschaft von Borussia Dortmund anstellte, war schlichtweg eine Sauerei. Nachdem sich die Spieler nach der Pause tatsächlich aufgemacht hatten, ein tolles Fußballspiel abzuliefern und die 2:3-Niederlage sehr unverdient war, brach es nach dem Schlusspfiff aus vielen heraus.  Einige weinten, andere berichteten von furchterregenden Erlebnissen im Bus während des Anschlags. [….]

Es gibt so viele andere Terroropfer, die es mehr verdient hätten Aufmerksamkeit zu bekommen.

Mittwoch, 12. April 2017

Rechte Friktion.



Ob des beklagenswerten „einer links, einer rechts – die Wahrheit liegt in der Mitte“-Systems der politischen Fernsehsender habe ich inzwischen sehr viel mehr rechte und konservative „Influencer“ kennengelernt, als mir lieb ist.
Insbesondere in den USA sind diese Medien-Konservativen intellektuell so unredlich, daß man der Wahrheit am nächsten kommt, wenn man das diametrale Gegenteil des von ihnen behaupteten annimmt.
Zu den ganz wenigen Republikanern, denen ich ein gewisses Vertrauen entgegenbringe gehören die Politanalysten Ana Navarro, 45, und Tara Setmayer, 41.
Vermutlich ist es kein Zufall, daß beide nicht zu den üblichen dürren blonden Blöd-Blinzen (Kayleigh McEnany, Tomi Lahren, Kellyanne Conway, Ann Coulter, Scottie Nell Hughes..) gehören, die üblicherweise Trump im TV lobpreisen.
Navarro wurde in Nicaragua geboren, kam erst im Alter von neun Jahren nach Florida. Setmayer ist Afroamerikanerin. Wieso sich kluge, gebildete und sympathische Amerikanerinnen den Republikanern verschreiben, intensiv für die GOP Wahlkampf treiben und die Demokraten ablehnen, entzieht sich meinem Verständnis.
Immerhin, da Navarro und Setmayer im Gegensatz zu den meisten ihrer republikanischen Parteifreunde bei der Wahrheit bleiben und über menschlichen Anstand verfügen, lehnten sie Trump im Wahlkampf 2016 strikt ab.
Zum Entsetzen der Trumpianer fuhren sie den garstigen Blondinen öffentlich wirksam in die Parade, stellten sich klar gegen die Parteilinie.



Navarro schwor von Anfang an Trump nicht zu wählen; über Monate erklärte sie den Namen ihrer Mutter auf den Wahlzettel zu schreiben. Zwei Tage vor der Wahl verkündete sie sogar das aus ihrer Sicht lange Unvorstellbare; sie werde angesichts der Gefahr, daß Trump tatsächlich siegen könne, Hillary Clinton wählen.

Genutzt hat es bekanntlich nichts; trotz der drei Millionen Wählerstimmen Vorsprung verlor Clinton die Wahl.
Trumps Performance als Präsident entwickelt sich sogar noch katastrophaler als alles, was Navarro und Setmayer prognostizierten.

Sie bleiben allerdings allein auf weiter Flur. Die anderen Republikaner, die im Wahlkampf ebenfalls hart gegen Trump argumentierten – Rubio, Cruz, Ryan – knickten nach der gewonnen Wahl ein. Die GOP-Senatoren nickten devot die geradezu groteske Kabinettsliste ab. Keiner scherte mehr aus.
Ryan exekutierte Trumps absurde Anti-Obamacare-Vorstellungen, scheiterte dabei und machte sich beim öffentlichen Eingeständnis seines Versagens zusätzlich lächerlich, indem er wie ein schwärmender Teenager mit Erektion den Präsidenten über den grünen Klee lobte.
Reince Priebus, der im Wahlkampf als Vorsitzender der republikanischen Partei eins der Hauptziele des Trumpschen Parteien- und Politikerspotts war, rieb sich flugs am ganzen Körper mit Vaseline ein, nahm Kurs auf Trumps Rektum und wurde sein Stabschef im Weißen Haus.

Mit Ryan und Priebus stehen die beiden wichtigsten ehemals Trump-kritischen nun devot an seiner Seite.
Macht korrumpiert, aber Macht bügelt nicht alle Unterschiede aus.
Die alteingesessenen Washingtoner Republikaner sitzen nun in einem Boot mit rechtsradikalen die Realität negierenden Verschwörungstheoretikern wie Bannon und Conway, die ihrerseits mit dem grotesken Einfluss des Ehepaars Kushner-Trump konkurrieren. Wer hat eigentlich das Sagen, wenn der eigentliche Oberbefehlshaber so offensichtlich geistig und moralisch komplett überfordert ist?
Wer bestimmt, wenn der Pussygrabscher in Chief auf dem Golfplatz umherstolpert, oder noch schlimmer, allein Breitbart und Fox guckt, den Unsinn mit der Realität verwechselt und Sinnlosigkeiten per Twitter in die Welt eruktiert?

Die ersten Opfer sind schon zu beklagen; Manafort und Flynn werden wie viele andere Mitglieder des Trump-Wahlkampfteams vom FBI verfolgt.

Ein weiteres Opfer ist Pressesprecher Spicer, der bei seinen hilflosen Versuchen den Chef zu verteidigen zu so einer Witzfigur geworden ist, daß er als Dauerparodie in den Comedy-Shows einen festen Platz eroberte.

Vorgestern erklärte Spicer bei seiner Regierungserklärung Assad sei sogar schlimmer als Hitler, denn immerhin hätte Letzterer nie Giftgas eingesetzt.

Navarro, der ich vertraue, bescheinigte Spicer, den sie lange kenne, sicher kein Holocaustleugner zu sein. Er sei nicht rechtsradikal. Möglich; dafür spricht auch eine beispiellose Entschuldigungs-Kaskade des amerikanischen Regierungssprechers. Möglicherweise tut es ihm wirklich leid; Trumpleute entschuldigen sich sonst nie.

[….] Zuerst folgte der Versuch, sich zu erklären: Assad hätte Giftgas gegen das eigene Volk eingesetzt und "über Städten abgeworfen", während Hitler Gas in "Holocaust-Zentren", gemeint waren Konzentrationslager, habe einsetzen lassen. Wenig später kam dann die Entschuldigung von Spicer selbst: Im Interview mit CNN gestand er ein, einen "Fehler" begangen zu haben. Er habe "fälschlicherweise" einen "unangebrachten und unsensiblen" Bezug zum Holocaust hergestellt.
[….] Doch mit seinen wiederholtem Eingeständnis bringt Spicer die vielfache Kritik an seinem Vergleich nicht zum Verebben. Mehrfach wurde sein Rücktritt gefordert, etwa von der Chefin der Demokraten im Repräsentantenhaus, Nancy Pelosi. "Während jüdische Familien im ganzen Land das Passah-Fest feiern", so Pelosi, "spielt der Sprecher des Präsidenten die Schrecken des Holocaust herunter." Trump müsse seinen Sprecher feuern.
Auch jüdische Einrichtungen zeigten sich schockiert. Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem zeigte sich "tief besorgt" über die ungenaue und unsensible Verwendung von Begriffen in Zusammenhang mit dem Holocaust". Spicers Worte verdeutlichten seine "großen Wissenslücken in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust". Der Direktor des Anne-Frank-Zentrums in den USA, Steven Goldstein, warf Spicer anhand dieser "üblen Beleidigung" fehlende Integrität vor. [….]

Das Problem ist nur, daß seine Reputation längst aufgebraucht ist. Der Mann hat schon derartig viel und dreist öffentlich für Trump gelogen, daß man ihm nicht mehr glaubt. Er ist wie der Hirte in der Äsop-Fabel, der immer „Wolf!“ schrie, ohne daß es ein Wolf zu sehen war. Als er dann tatsächlich in Not geriet, half ihm keiner mehr.
So weit sind wir nach knapp drei Monaten republikanischer Präsidentschaft – die Regierung hat sich so massiv lächerlich gemacht, daß niemand mehr dem Regierungssprecher glaubt.

[….] Trumps Sprecher ist mit seiner Rolle heillos überfordert. Zumindest die Fernsequoten profitieren: Seine tägliche Pressekonferenz ist die neue Lieblingssendung der Amerikaner. [….]
Seit Trump im Weißen Haus regiert und sein Sprecher Spicer vor die Medien tritt, hat sich die tägliche Pressekonferenz jedenfalls zur neuen Lieblingssendung in den Vereinigten Staaten entwickelt. Hunderttausende sehen ihm zu, wie er sich um Kopf und Kragen redet und zu stottern beginnt, sobald es kompliziert wird. Unter Obama eine eher dröge Veranstaltung, sei Spicers Pressebriefing der "latest shit" im Fernsehmarkt, so sagte es der Komiker Stephen Colbert. Die Einschaltquoten gingen durch die Decke.
Spicers Auftritt vor den Journalisten des Weißen Hauses an diesem Dienstag aber toppt noch einmal alle vorangegangenen. [….][….]
Im Laufe des Gesprächs nahm der überforderte Spicer einen Teil seiner Äußerungen zurück, doch besser wurde es nicht. Er wisse natürlich, dass Hitler Menschen in "Holocaust-Zentren" gebracht habe - womit er offenbar Konzentrationslager meinte.


[….] Spicer sei kein Antisemit, lautet der Tenor. Der Sprecher des Präsidenten sei inkompetent und völlig unfähig.

Spicer ist sicher keins dieser “dunklen Genies”, welches gern im Hintergrund die Fäden zieht und dabei echte Macht ausübt.
Spicer ist ein durch und durch dienender Mensch, der für ein Ein-Mann-Publikum arbeitet.
Er will Trump gefallen und vom Chef gelobt werden. Das ist alles, was ihn antreibt. Spicer, 45, ist recht ungebildet. Mit Mühe und Not schaffte er das College, besuchte nie eine Universität und diente fortan immer als Lautsprecher verschiedener GOP-Gliederungen.
Für seinen jetzigen Job ist er hoffnungslos überfordert. Man kann so einer Witzfigur eigentlich gar nicht richtig böse sein, weil er einfach zu doof ist.

Anders liegt der Fall bei den Eminenzen im Hintergrund; Bannon, 63, strenggläubiger Katholik, Multimillionär und Kushner, 36, strenggläubiger Jude und Multimillionär.
Beide drängt es nicht so sehr vor die Fernsehkameras, aber sie wollen die Richtung vorgeben.
Bannon, der als Verschwörungstheoretiker sowohl mit ultrarechten Kardinälen im Vatikan, als auch mit white supremacits und Altright-Nazis verbandelt ist gewissermaßen ein natürlicher Antagonist zum genauso raffgierigen und ehrgeizigen Strippenzieher Kushner, der aber zufällig Jude ist und somit vermutlich nichts von antisemitischen Ausfällen hält.

Donald Trump, so vermute ich, würde eigentlich eher zu Bannons Ideologie neigen, aber Kushner betrachtet er als sein Blut, weil dieser mit seinem daughter-wife Ivanka verheiratet ist.

Auch hier zeigt sich eine republikanische Friktion. Nach heutigem Stand scheint Kushner der Gewinner zu sein; ihm gelang es Bannon aus dem Nationalen Sicherheitsrat zu verdrängen.

[….] Donald Trumps umstrittener Chefstratege gerät in Washington offenbar immer stärker in Bedrängnis. Erst Anfang April hatte er seinen Posten im Nationalen Sicherheitsrat verloren, jetzt geht der US-Präsident öffentlich auf Distanz zu seinem Top-Berater. Er möge Bannon, aber er sei "sehr spät" in seinen Wahlkampf eingestiegen, sagte Trump der "New York Post". Damit wollte er anscheinend dem Eindruck entgegentreten, dass er seinen Wahlsieg entscheidend Bannon zu verdanken habe.
Mit Blick auf Konflikte mit anderen Mitarbeitern im Weißen Haus, fügte Trump hinzu: "Steve ist ein guter Kerl, aber ich habe ihnen gesagt, sie sollen es in Ordnung bringen, oder ich werde es machen." Damit bezog sich der Präsident offenbar auf Bannons Auseinandersetzungen etwa mit Trumps Schwiegersohn und Berater Jared Kushner, über welche die US-Medien zuletzt viel berichtet hatten.
US-Medien kommentierten, mit diesen Aussagen drohe Bannon ein Abgang aus dem Weißen Haus. Verbündete Bannons hätten überrascht und "verstört" auf den Bericht reagiert, schrieb der politische Newsletter Axios unter Berufung auf Insider.
[….] Seit Tagen mehren sich in den USA Berichte, dass sich ein Machtkampf unter Trumps Top-Beratern im Weißen Haus zuspitzt. Dabei gehe es um einen Richtungsstreit zwischen eher liberalen und moderaten Kräften mit Trumps Schwiegersohn Kushner an der Spitze und nationalistischen Kräften um den umstrittenen Bannon. [….]