Samstag, 16. August 2014

PSL

Wenn intellektuell bedeutende Menschen die 90 überschreiten, sind Journalisten vorbereitet. Die Nachrufe liegen fertig geschrieben in den Redaktionsschubladen.
Marion Gräfin Dönhoff, Nelson Mandela, Marcel Reich-Ranicki, Helmut Schmidt und Egon Bahr sind solche Fälle. Und mit Peter Scholl-Latour (* 9. März 1924 in Bochum; † 16. August 2014 in Rhöndorf) hat es heute wieder einen vorbereitet erwischt.
Mit makabrer Schnelligkeit poppen in allen Nachrichtenportalen ausführliche Portraits und Würdigungen auf.

Es ist also müßig hier all die beeindruckenden Abenteuer seines Lebens zu erwähnen; sie werden überall beschrieben.
PSL wurde als Sohn einer Jüdin von den Nazis verfolgt und man sollte sich als jemand, der viele Generationen später geboren wurde davor hüten, ihm seine leicht bellizistische Grundhaltung zu verübeln.
Wer von der Gestapo gejagt wird und den Terror der Nazis erlebt hat, wird natürlicherweise große Sympathien für diejenigen entwickeln, die gegen die Nazis kämpften und diese niederrangen.
In PSLs Fall war es die französische Armee des Charles des Gaulles; in Reich-Ranickis Fall war es die polnischen Kommunisten.
Es ist hochgradig erbärmlich, wenn sich dann Typen wie Tilman Jens (*1954) öffentlich darüber empören, MRR habe für den polnischen Geheimdienst gearbeitet. Die Nazis haben die gesamte Familie Reich-Ranickis und die gesamte Familie seiner Frau Theofila umgebracht. Er überlebte unter abenteuerlichen Umständen das Warschauer Ghetto, hielt sich ein Jahr in einem Keller versteckt. Wer nicht verstehen kann, daß jemand in der Lage der Roten Armee dankbar ist, hat kein moralisches Recht sich zu empören.
Ebenso albern ist es, wenn friedensbewegte Linke von heute PSL verübeln, daß er nach dem Krieg aus Dankbarkeit in die französische Fremdenlegion ging.

Scholl-Latour war konservativ, katholisch, arrogant, verachtete politische Korrektheit, von der Notwendigkeit militärischer Aktionen überzeugt, besserwisserisch und hegte eine ordentliche Portion Vorurteile gegen Pazifisten, Linke, Grüne, Ökos und dergleichen mehr.
Er hätte gern die Bundeswehr atomar bewaffnet und forderte eine massive Aufrüstung und Militarisierung der EU. Immer wieder betonte er Tugenden wie Tapferkeit und soldatische Ehre.

Das sind sicherlich keine Positionen, die bei mir Sympathie erzeugen.

Dennoch mochte ich PSL und bin ernsthaft traurig, daß er nun weg ist.

Einerseits bedauere ich es, daß die gemütlich hinter ihren Schreibtischen alt werdenden Orientalistik-Professoren deutscher Hochschulen nun ihren Privatkrieg gegen PSL „gewonnen haben“, indem sie einfach übrig sind.

Andererseits schätzte ich PSL als Mensch, der redete wie ihm der Schnabel gewachsen war, der ohne Rücksicht auf Verluste amerikanische und britische Außenpolitik scharf verurteilte und verdammte.

Es ist durchaus nicht ganz selbstverständlich, daß ein Mann seiner Generation sämtliche Krisen und Konflikte der letzten 60 Jahre vor Ort studierte und so völlig vorurteilsfrei blieb.
Er lebte mit vietnamesischen Kommunisten, islamischen Dschihadisten, Kongolesischen Christen, persischen Revolutionären, Kurdischen Aufständischen, tibetanischen Kampfmönchen, Tadschiken, Paschtunen, Uiguren und roten Khmern zusammen, ohne jemals auf sie hinabzublicken.
Und nicht nur das. Obwohl er als Mitglied der Fremdenlegion im Koreakrieg und später als Gefangener des Vietcong ganz erheblich um sein Leben fürchten mußte, entwickelte er echte Liebe zu den Ländern, die man durchaus aus seinen Büchern herauslesen konnte.

Nein, ich stimmte nicht allem zu, was PSL bei Myriaden Talkshowauftritten behauptete.
 Aber ich fand seine Anwesenheit fast immer unterhaltsam und vielfach lehrreich.
Und sei es, daß man sich über einen seiner Einwürfe wunderte und dies daraufhin genauer recherchierte.

2003 sagte er die Konsequenzen des Irakkriegs mit einer geradezu grotesken Präzision voraus.
Er war damit der natürliche Verbündete der Speerspitze der internationalen Irakriegsgegner Schröder und Fischer.
Aber der französische Staatsbürger PSL war als Gaullist kein Fan von SPD oder Grünen. Daher mokierte er sich in den Talkshows über die Lächerlichkeit der deutschen Regierung und war völlig sicher, daß Deutschland im UN-Sicherheitsrat letztendlich doch für den Irakkrieg stimmen würde. Die Vorstellung, daß Joschka Fischer als einziger zusammen mit Syrien gegen 13 andere Länder votierte und Deutschland in die totale Isolation triebe war für Scholl-Latour so absurd, daß er voller Häme auf Berlin blickte.

Nun, es kam bekanntlich ganz anders.
Auch ein PSL irrt.
Aber Orakel, die immer Recht haben, sind langweilig.

Ich vermisse ihn schon jetzt.



„„Ich habe das Talent, mich mit den Ganoven ganz gut zu verstehen“, meinte er kokett. Europa, so lautete sein unkokettes Credo, ob es nun um den Nahen Osten, die Islamisten, den Iran, Russland, China, Haiti oder Mali ging, kapiert nichts, verhält sich naiv oder überheblich, verteufelt seine Gegner, macht vieles falsch. Weil es die Lage und die Leute vor Ort nicht kennt. Weil der Westen nicht tut, was Peter Scholl-Latour zeitlebens tat: Neugierig sein, hinfahren, Menschen treffen, reden, fragen, sich ein Bild machen. Und nicht im Mainstream der veröffentlichten Meinung schwimmen.“





Freitag, 15. August 2014

Wie klein Fritzchen sich das vorstellt.


Das ist schon nicht ganz einfach Meldungen über paramilitärische Zwischenfälle in der Ostukraine zu deuten.
Racheengel Poroschenko, der es drastisch mag, erklärt der Welt die Ukrainische Armee hätte einen russischen Militärkonvoi weggebombt.
Der Sprecher der russischen Armee erklärt so einen Konvoi habe es gar nicht gegeben.
Bildmaterial gibt es nicht.
Die deutschen Putinisten sind natürlich sicher, daß Poroschenko lügt, während die meisten anderen Medien ohne irgendwelche Belege davon ausgehen, daß „die Russen“ lügen.
„Vom Gefühl her“ neige ich eher zur russischen Variante der Darstellung, weil ich extreme Antipathie für den Oligarchen Poroschenko hege.
Allerdings ist „mein Gefühl“ kein relevantes Kriterium.
Man mag sich darüber wundern, daß ein derart intensiv überwachtes Gebiet, über dem dicht an dicht russische, europäische und amerikanische Aufklärungsdrohnen und Satelliten umherschwirren für den verwirrten TV-Zuschauer Terra Incognita bleibt.
Aber wir kennen das ja schon vom MH17-Absturz, daß Russen und Amerikaner anhand ihrer geheimdienstlichen Auswertung der Spionagebilder eine Theorie zum Tathergang vorlegen, die jeweils andere Seite schwer beschuldigen, dann aber die Beweise, die sie angeblich haben, nicht vorlegen.
Ehrlicherweise muß ich sagen, daß ich natürlich auch nicht weiß was an der umkämpften Ukrainischen Grenze vor sich geht.
Dabei hatte man noch bei George W.s Irakkrieg und der Rumsfeldschen Methode des „embedded journalists“ gedacht, daß Kriegszensur wenigstens in Zukunft kaum noch möglich sein wird, weil die Menschen inzwischen mit so guter privater Kommunikationstechnik ausgestattet sind, daß ohnehin jeder Vorfall an die Medien durchgestochen wird.

Ganz so einfach ist es aber nicht.
Selbst im Hochtechnologieland Israel – vermutlich die Internetaffinste Nation der Welt – gibt es ganz selbstverständlich Zensur. Eine Zensur, die mitunter zu grotesken Fehlinformationen der Weltöffentlichkeit führt.

Rund 60 Mitarbeiter inklusive freiwilliger Helfer hat die Behörde von Sima Vaknin-Gil. Ihre Aufgabe ist nicht ganz alltäglich: Vaknin-Gil ist seit 2006 Chefin der israelischen Militärzensur. In Krisenzeiten herrscht dort Hochkonjunktur - noch vor vier Jahren kam die Abteilung laut "Spiegel" mit der Hälfte der Beschäftigten aus. Israelische Medien legen hier alle relevanten Berichte vor, die sogenannte operative Informationen über das israelische Militär, seine Einsätze und seine Ausrüstung enthalten. Auch Berichte über das israelische Nuklearprogramm werden hier geprüft. […]


‚Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit‘
(Senator Hiram Johnson)
Wenn so viele widersprüchliche Meldungen kursieren, ist es natürlich sehr viel einfacher eine feststehende Meinung zu haben; ein Weltbild, in dem die Rollen für Schurken und Gute fest verteilt sind.
Man kann sich dann auf die passenden News-Meldungen beschränken und sich daran erfreuen wie richtig das eigene Urteil ist.

Menschen funktionieren so.
Man erkennt das sehr schön an dem Konsumverhalten der Amerikaner bei ihren Nachrichtensendern.
Alle Fachleute sind sich einig, daß die besten und seriösesten Informationen bei Al Jazeera America zu bekommen sind und dafür FOX-News geradezu manisch die Wahrheit meidet und zu einer reinen Lügenmaschine degeneriert ist.
Fox beschäftigt Sarah Palin als Expertin (sic!) und vertritt die Ansicht, der Weihnachtsmann sei auf jeden Fall ein Weißer.
Und Fox hat 100 mal so viele Zuschauer wie Al Jazeera America.

Das Gemeine an der Medienwelt ist, dass die Mediennutzer Qualität oft nicht so honorieren, wie die Medienunternehmer sich das vorstellen. Zum Beispiel Al Jazeera America. Wer sich über den Konflikt in Gaza informieren will, kann das im amerikanischen Fernsehen am besten bei dem Ableger des Senders aus Katar. In der Nachrichtensendung um 13 Uhr bringt er erst einen langen Bericht über eine palästinensische Familie, deren drei Kinder bei einem Anschlag schwer verletzt wurden. Die Kameras halten auf die blutverklebten Gesichter. Es folgt ein Experteninterview, der Korrespondent wird zugeschaltet. Kurz darauf kommt Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bei einer minutenlangen Übertragung einer Pressekonferenz ausführlich zu Wort. Mehr als Al Jazeera America berichtet derzeit niemand über Gaza.
Dem Sender hat das viel Lob eingebracht, zum Beispiel vom Aktivistennetzwerk Asian Pacific Americans for Progress und von anderen Journalisten. Überhaupt: Lob von Experten gibt es viel. Journalisten des Kanals haben zahlreiche Preise gewonnen, darunter zwei der prestigeträchtigen Peabody Awards. Allerdings findet das Ganze, trotz bescheidener Erfolge seit der Gaza-Krise, weitestgehend ohne Publikum statt. […]  Der Reuters-Kolumnist Jack Shafer fragt gehässig, was seltener sei: ein Einhorn oder ein Al-Jazeera-America-Zuschauer? Laut dem Marktforscher Nielsen schalten in der Hauptsendezeit im Schnitt gerade einmal 15000 Menschen ein. Zum Vergleich: Quotenkönig Fox News kommt im Abendprogramm auf durchschnittliche 1,6 Millionen.
[…] Al Jazeera America betont zwar, wie amerikanisch der Sender ist, aber es bleiben der Name und das Logo: verschlungene arabische Schriftzeichen, nirgends ein Sternenbanner. Der erzkonservative Moderator Glenn Beck nennt den Sender die Stimme des Feindes. Medienexperten sagen, dass es der Sender auch deshalb schwer hat, in den USA Werbekunden zu finden, die haben Angst, dass das Image abfärbt. Auch Werbekunden sind manchmal nicht fair.
(Kathrin Werner, SZ vom 11.08.2014)

Homo homini lupus.

Mit einem Weltpublikum gesegnet, welches strikt vermeidet das eigene Gehirn zu benutzen und stattdessen billiger Meinungsmache anhängt, haben es die Spindoktoren leicht.


Unglücklicherweise geht es den Regierenden auch nicht anders als den Regierten. Statt sich ernsthaft um Aufklärung zu bemühen, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen und konstruktive Lösungen zu erarbeiten, betreiben sie Weltpolitik, wie sich das Klein Fritzchen vorstellt.

Ja, es etabliert sich eine humanitäre Katastrophe im Osten der Ukraine und ja, wir kennen nicht genau Putins Motive für den Hilfskonvoi aus 180 weißen LKWs.
Mit einiger Sicherheit kann man annehmen, daß Russland versucht sein Image aufzupolieren, während Arseni Jazenjuk, der Russland hasst wie die Pest, geradezu mit Schaum vorm Mund versucht eben dies zu verhindern. Er will keineswegs das Bild vom bösen Iwan ankratzen lassen.

Amerikaner und EU sitzen derweil schmollend abseits und beschäftigen sich mit Argwöhnen, Spekulation und Propaganda.

Wieso zum Teufel haben nicht die von der Leyens Europas, die doch offensichtlich fähig sind binnen Stunden große Mengen Hilfsgüter und „nicht letales Gerät“ nach Erbil zu fliegen, nicht sofort im Kreml angerufen und ihre Unterstützung des LKW-Konvois angeboten?
Es könnten sich doch deutsche, französische und britische LKWs mit „Wasser und Salz“ den Russen anschließen und mit ihnen gemeinsam über die Grenze fahren.
Den Ostukrainern wäre geholfen, man würde wieder ins Gespräch mit den Russen kommen und könnte ganz elegant nebenbei ein Auge drauf werfen, was genau in den weißen Lastern transportiert wird.
Es spricht ja einiges dafür, daß es tatsächlich nur Hilfsgüter sind, da russisches Militär so eine auffällige Aktion gar nicht nötig hätte. Separatisten kontrollieren hunderte Kilometer der Ukrainisch-Russischen Grenze. Dann KÖNNTE russisches Militär so viele LKWs rüberschicken wie es will, ohne daß Arseni Jazenjuk irgendetwas mitbekommt.

Aber nein. Zu konstruktiven Maßnahmen ist im Westen offenbar keiner fähig.
Stattdessen ist Brüssel voll beschäftigt mit der Sandkastenversion des Konflikts.

Sie starteten mit Sanktiönchen, die niemand wehtaten. Als sie ausgelacht wurden, gab es mehr Sanktiönchen bis Russland Gegensanktionen verhängte.
Daraufhin verschärften EU und USA noch mal ihre Sanktionen.
Natürlich aber nur da, wo es nicht tatsächlich weh tut.
Frankreich liefert noch den milliardenteuren Hubschrauberträger an die Russische Marine und auch das Weiße Haus, das zähnefletschend stärkere Sanktionen von der EU verlangt, macht natürlich bei der eigenen Wirtschaft Ausnahmen, wenn es an richtiges Geld geht.

Ungeachtet der US-Wirtschaftssanktionen gegen Russland hat der amerikanische Ölkonzern ExxonMobil mit seinem Partner Rosneft eine Ölbohrung in der russischen Arktis begonnen.
[….Das ist] bemerkenswert, denn der Rosneft-Konzern und dessen Chef Igor Setschin stehen auf der "schwarzen Liste" jener Firmen und Manager, gegen die die USA Sanktionen verhängt haben. Ob ExxonMobil von der US-Regierung eine explizite Genehmigung eingeholt hatte, mit den Bohrungen beginnen zu dürfen, blieb unklar. Es darf aber als wahrscheinlich gelten.  […]

Die harten Hunde in Brüssel und Washington beschäftigen sich stattdessen mit dem „Apfelkrieg“.
Um die EU zu ärgern hatte Putin die Einfuhr von frischen Lebensmitteln nach Russland eingeschränkt.
Betroffen davon sind insbesondere Polen und Griechenland, die auf ihrem Obst sitzen bleiben.
Und auch die Hamburger Apfelbauern – das „Alte Land“ in Hamburg ist das viertgrößte Obstanbaugebiet Deutschlands – befürchten einen Preisverfall.
Sie liefern zwar kaum Äpfel nach Moskau, aber der Markt könnte überschwemmt sein und so die Preise drücken.

Können Putins Bürger nun nie wieder Obst essen?
Und was passiert in Russland?
Nun genau das, was sich auch Klein Fritzchen schon vorher vorstellen konnte.
Es gibt so etwas wie Globalisierung. Ganz selbstverständlich beziehen wir Hamburger unsere Braeburn-Äpfel aus Neuseeland und Spargel aus Argentinien und Erdbeeren aus Südafrika und Kräuter aus Israel – obwohl das alles auch vor unserer Haustür wächst.
Die hochsubventionierte EU-Agrarwirtschaft ist berüchtigt dafür die Landwirtschaft anderer Kontinente mit ihren Kampfpreisen zu zerstören.
Da ihr nun der Absatzmarkt Russland abhandenkommt, springen innerhalb von Stunden andere Lieferanten ein.

Brüssel ist mal wieder TOTAL überrascht. So wie Brüssel auch total überrascht war, daß der Kreml nicht nach den verhängten Sanktionen sofort klein beigab, die Krim wie eine heiße Kartoffel fallen ließ.
So wie Brüssel auch überrascht war, daß Moskau Gegenmaßnahmen ergriff.

Nun freuen sich Obstbauern in Nordafrika und Südamerika, daß ihnen ein neuer Markt in den Schoß gefallen ist. Die EU schäumt, weil ihre Sandkasten-Strategie nicht funktioniert.

Putin verhängt einen Importstopp für Produkte aus der EU - und keine 24 Stunden später stehen manche Länder Schlange, um russische Supermarktregale zu füllen. Die Beamten in Brüssel sind sauer.
[…] Ägypten werde seine Agrarlieferungen an Russland um 30 Prozent steigern, hieß es nach dem Treffen, und so die entstandene Lücke zumindest zum Teil füllen.  In Brüssel ballt man angesichts solcher Meldungen die Faust in der Tasche. Schon in den vergangenen Tagen hatten sich russische und außereuropäische Medien mit Meldungen überschlagen, dass Agrar- und Lebensmittelexporteure aus Lateinamerika, aber auch aus China Schlange stehen würden, um Lücken in russischen Supermarktregalen zu füllen. Besonders sauer stieß in der Kommission aber eins auf: dass die Botschafter Chiles, Ecuadors und Uruguays nicht einmal 24 Stunden warteten, ehe sie sich mit den russischen Lebensmittelbehörden zusammensetzten, um Marktchancen auszuloten.
[…] Doch der Kommission sind die Hände gebunden. Eine legale Handhabe gegen die Lieferung von Waren nach Russland gibt es nicht. Man müsse darüber hinaus aber ehrlich sein gegenüber sich selbst: "Business is business" - und das bedeute, dass europäische Unternehmen sicher auch zugeschlagen hätten, wenn brasilianische Produkte vom Markt genommen worden wären. […] Ein erstes Echo hat Ecuadors Staatschef Rafael Correa bereits vorgetragen: "Wir werden nicht um Erlaubnis fragen, ob wir einem befreundeten Land Lebensmittel liefern können", sagte er. Und: "Soweit ich weiß, ist Lateinamerika nicht Teil der Europäischen Union. Jedenfalls noch nicht", fügte er spöttelnd hinzu. […]

Donnerstag, 14. August 2014

Gute Neuigkeiten – Teil III



Die organisierten Kirchisten Deutschlands werden; wieder einmal; von einer Austrittswelle erfasst.

Gerade hatte man sich an das Kinderficken und TVEs Prassorgien gewöhnt, schon melden wieder evangelische Landeskirchen und Katholische Erzbistümer Rekordaustrittszahlen.

Kirche in der Krise: […] Der Mitgliederschwund der großen Kirchen hat sich im Ruhrgebiet dramatisch verschärft: Seit Jahresbeginn sind in vielen Städten und Kreisen bereits so viele Menschen aus ihren christlichen Glaubensgemeinschaften ausgetreten wie im gesamten Vorjahr. Dies, obwohl die Kirchenaustritte bereits 2013 Rekordzahlen erreicht hatten. [….]   Die Austrittswelle trifft die evangelische Kirche besonders. So zählt das Amtsgericht Duisburg, Stand gestern, für dieses Jahr schon 549 Austritte – gut 100 mehr als im gesamten Vorjahr. Der katholischen Kirche kehrten 610 Duisburger den Rücken (2013: 643). In Mülheim verließen bereits 394 Protestanten ihre Kirche (2013: 362), in Gladbeck verloren beide Konfessionen zusammen 269 Gläubige – auch hier mehr als im verlustreichen 2013.
In Essen stieg die Zahl der Austritte bei den Protestanten um 75 Prozent auf 604 und die der Katholiken um 55 Prozent auf 718. In Oberhausen verlor die katholische Kirche seit Jahresbeginn 345 Mitglieder – 82 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Ähnlich negativ ist der Trend auch in Bottrop, Witten und am Niederrhein.

Die Bilder gleichen sich in der gesamten Bundesrepublik; überall gibt es so gute Nachrichten.

In der Hansestadt [Hamburg] zeichnet sich in diesem Jahr ein neuer Negativ-Rekord bei den Kirchenaustritten ab. Schon in den ersten sechs Monaten 2014 kehrten mehrere Tausend Christen ihrer Kirche den Rücken. Die evangelische Nordkirche verlor fast 60 Prozent mehr Mitglieder als im gleichen Zeitraum des Vorjahrs. Nach Angaben eines Kirchensprechers erklärten bis zum 30. Juni 5943 Protestanten in der Hansestadt ihren Austritt. Zum Vergleich: 2013 waren es 3811. Auch andere Landeskirchen verzeichnen derzeit eine massenhafte Kirchenflucht. […]
In der Nordkirche setzt sich mit den sinkenden Mitgliederzahlen ein Trend des vergangenen Jahres fort. 2013 waren insgesamt 23.970 Menschen ausgetreten. Den größten Mitgliederverlust gab es mit 8506 Austritten in Hamburg, im Vergleich zu 2012 fast 30 Prozent mehr.
"Es ist ein Ausdruck fehlender Bindung", sagt Michel-Hauptpastor Alexander Röder. Die Kirche müsse sich angesichts der aktuellen Entwicklung immer wieder fragen, was sie tun kann, damit die Menschen bleiben. "Wichtig ist, dass die Kirchen für die Ausgetretenen offen bleiben." 2013 sind in Hamburg 996 Protestanten wieder in die Kirche eingetreten, im ersten Halbjahr 2014 56.

Tja, da haben die Kirchenoberen, die sich ohnehin über Rekordkirchensteuereinnahmen im Jahr 2013 freuen konnten, ob ihrer Raffgier offensichtlich mit Zitronen gehandelt.
Sie wollten effektiver Zinsgewinne abschöpfen und verkalkulierten sich sagenhaft.
Die genauen finanziellen Hintergründe und Absichten der Kirchenbuchhalter, sowie eine Abschätzung ihrer künftigen Mindereinnahmen legte schon vor einer Woche Skydaddy in seinem Blog vor, so daß ich darauf verweisen kann.

Skydaddy ergänzend möchte ich aber auf drei Punkte verweisen:

~ 1 ~

 In ihrer grenzenlosen Borniertheit haben die Kirchen offenbar gar nicht daran gedacht, daß es irgendjemand stören könnte, wenn sie auch noch die Banken als Inkassounternehmen missbrauchen und nun alle Kontoinhaber nach ihrer Religionszugehörigkeit abgefragt werden.
Damit entlarven sich die Bischöfe einmal mehr als vom Volk entkoppelte geldgierige Sesselpuper. Tatsächlich haben sich fast 400.000 Menschen dieser dreisten Befragung entzogen. Dazu gehöre selbstverständlich auch ich. Obwohl ich ohnehin keine Kirchenmitgliedsbeiträge bezahle, weigere ich mich diese neue Umdrehung der Verquickung von Staat, Behörden, Banken und Kirchen mitzumachen. Also erwirkte ich beim „Bundeszentralamt für Steuern“ einen kirchlichen Sperrvermerk. Die entsprechenden Formulare kann man hier herunterladen. Mein Fall kann nun von der Bank nicht weiter im Sinne der Kirche bearbeitet werden und wird zur Überprüfung meiner Kirchenzugehörigkeit an das örtliche Finanzamt weitergeleitet.
Dort wird dann ohnehin meine Befreiung von der Kirchensteuerpflicht festgestellt. Ich halte es aber für wichtig, daß man als Bürger dieses Landes in dieses Angelegenheiten auch ein formales Zeichen des Widerstands setzt.

Zu allem Ärger gibt klappt der Informationsfluss nicht reibungslos. Zum einen funktionierte nach Bankenangaben das elektronische Abrufverfahren nicht reibungslos. Zum anderen hatten Steuerpflichtige bis Ende Juni das Recht, dem Datenaustausch zwischen Bank und Finanzbehörden zu widersprechen. Das taten 375000 Menschen. Für die nächsten Steuerjahre ist ein Widerspruch weiter möglich. In diesen Fällen muss die Bank selbst bei den Kunden die Religionszugehörigkeit erfragen. Erfährt sie diese nicht, muss der Fiskus darüber informiert werden. Die Finanzämter sehen in den Einkommensteuer-Bescheiden nach, ob Kirchensteuer erhoben worden ist. Eine Auskunftsverweigerung der Bürger bringt also nichts. Das Finanzamt verlangt zur Not das Einreichen einer KAP-Anlage, um die KiSt nachzuerheben.
(Simone Boehringer, SZ vom 14.08.2014)

~ 2 ~

Es ist ungeheuer dreist, daß die Kirchen nicht nur den Staat, sondern nun auch die Banken zu ihren niederen Epigonen degradieren. Schlimmer noch, daß sie diesen erheblichen Arbeits- und Verwaltungsaufwand; es muß immerhin jeder einzelne Kontoinhaber angeschrieben werden – kostenlos erwarten.
Der vermehrte bürokratische Aufwand wird vermutlich nicht von den Gehältern Jains und Fitschens bezahlt, sondern durch Gebühren beim (auch atheistischen) Bankkunden wieder reingeholt. Vielen Dank!
Doch damit nicht genug. Die Kirchenfinanzobermuftis sind nicht nur undankbar, sondern erdreisten sich auch noch die nicht eingeplanten Konsequenzen ihres Handelns den Banken in die Schuhe zu schieben. Diese hätten ihren Kunden nahegelegt doch aus der Kirche auszutreten, behauptet der Finanzchef der
Evangelischen Kirche im Rheinland Bernd Baucks.

Diese hätten in Informationen über ein neues Verfahren zur Erhebung der Kirchensteuer auf Kapitalerträge ihre Kunden dahingehend beraten, "dass sie der Steuer am besten durch Austritt begegnen können", sagte Baucks auf Anfrage unserer Redaktion.
Um welche Banken es sich dabei handelt, wollte er nicht sagen. Nach seinen Angaben würden sich aber zudem die Kirchenaustritte seit Jahresbeginn "eklatant häufen". Ein Zusammenhang dieses Anstiegs mit den zumeist im Frühjahr verschickten Informationen der Banken zum neuen Verfahren sei feststellbar, so Baucks. Auch, "weil direkte Briefe an die Pfarrerinnen und Pfarrer geschrieben worden sind".
(Jan Drebes, RP, 06.08.14)

Ein Vorwurf, den die Banken scharf zurück weisen. Baucks lügt also mutmaßlich.
Genauso wie der für Finanzfragen zuständige EKD-Oberkirchenrat Thomas Begrich wahrscheinlich nicht gerade ehrlich ist, wenn er behauptet „Wir machen das nicht wegen der erwarteten Mehreinnahmen.“
Darüber hinaus bestätigen die beiden frommen Männer unfreiwillig ein jämmerliches Bild der Kirche. Nach ihrer Ansicht hat die Kirche also so wenig moralische, theologische und soziale Bedeutung, daß ein schnöder Satz eines x-beliebigen Schalterbeamten genügt, um sein Seelenheil hinzuwerfen.
Das ist nichts weniger als der Totalbankrott für Pfarrer, Evangelium und Gott.
Was sie über Jahrzehnte predigen und bewirken, ist offenbar so substanzlos, daß es eine einzige Routinefrage der Bank zu Nichte machen kann. Ich begrüße es, wie klar Baucks und Begrich die Irrelevanz ihres Vereins beschreiben.

~ 3 ~

Da das Kind nun im Brunnen ist – die Kirchensteuer auf Kapitalerträge wird definitiv ab dem 01.01.2015 von den Banken direkt abgewickelt, wäre es an der Zeit für Krisenmanagement.
Stattdessen bestätigen die Kirchen die Richtigkeit des Kirchenaustritts auch noch, indem sie lügen.
„Und diesmal können sie gar nichts dafür, daß die Menschen austreten!“ jammerte vorgestern die Hamburger Morgenpost. Es sei ja gar keine neue Steuer, sondern nur eine Änderung des Einzugsverfahrens.
„Wir haben gar nichts damit zu tun“ schreien die Kirchenvertreter in jedes Mikrophon. Wieder einmal versuchen sich die Kirchen als unschuldige Opfer zu verkaufen. Das ist aber eine glatte Lüge. Nach dreijährigen Verhandlungen mit den Kirchen beharren die Beamten des Bundesfinanzministeriums darauf, daß es die Kirchenvertreter waren, die unbedingt dieses neue Einzugsverfahren haben wollten.

Noch bringt die Kirchensteuer Rekordeinnahmen, 2013 mehr als zehn Milliarden Euro für beide Kirchen zusammen. Langfristig aber wird die Zahl der Mitglieder zunehmen, die als Rentner zwar keine Kirchensteuer auf die Lohn- und Einkommensteuer zahlen, wohl aber auf die Kapitalertragsteuer.
Die Kirchen drangen also darauf, dass die Beträge künftig bei den Banken direkt und automatisch abgeführt werden – und setzten sich durch, zur geringen Freude der Banken. Die müssen nun ihre Kunden unterrichten, dass sie dem Fiskus die Religionszugehörigkeit weitergeben, es sei denn, die Kunden widersprechen und füllen bei der Steuererklärung ein entsprechendes Formular aus. Ob diese Unterrichtung und die entsprechenden Beratungsgespräche immer im kirchenfreundlichen Duktus stattfanden, darüber streiten nun Banken und Kirchen. Manche Banken hätten den Eindruck erweckt, hier würde eine neue Steuer erhoben, klagt der Münchner Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Bernd Baucks, Finanzchef der Evangelischen Kirche im Rheinland, sagte, Bankberater hätten in einzelnen Fällen ihren Kunden zum Kirchenaustritt geraten. Die Banken weisen das zurück: Sie müssten nun einmal ihre Kunden über die Neuerung informieren, und die sei schließlich auf den Wunsch der Kirchen hin so gekommen.
Wie immer die Briefe formuliert und die Kundengespräche gelaufen sein mögen – die Banken sind nicht der Grund für die erneute Austrittswelle. Vielmehr zeigt sich am Ärger über das neue Einzugsverfahren bei der Kapitalertragsteuer, wie gering die Bindung vieler Mitglieder an ihre Kirche mittlerweile ist und dass die enge Bindung an die staatlichen Steuergesetze immer wieder Probleme mit sich bringt, egal, wie viel Geld die staatliche Dienstleistung den Kirchen auch bringen mag.[….]
(Matthias Drobinski, SZ vom 14.08.2014)


Falls irgendjemand immer noch Mitglied der Kirche ist, sollte er jetzt aber wirklich die Segel streichen.
Es ist einfach zu dreist, wie man abkassiert wird.
Da senken sogar konservative Kolumnisten der SPRINGER-Presse die Daumen.

Die Verflechtung von Religion, Geld und Mitgliedschaft widerspricht der Moderne
[…]  Die Institution Kirche – sie bedeutet den meisten Deutschen nicht mehr viel. […]  Fest steht aber: Der gesellschaftliche Trend läuft seit Jahrzehnten gegen die institutionalisierte Form von Religion. Moderne Christen leben ihren Glauben lieber frei von kirchlicher Bindung. Wer diese Entwicklung bei den Mitgliederzahlen zu Ende denkt, muss erkennen: Die Kirchensteuer in ihrer jetzigen Form ist ein Auslaufmodell. Im Extremfall wird sie vom Prozess der Säkularisierung in den nächsten 30 Jahren selbst überrollt. Wer finanziert dann das Premium-Angebot der katholischen und evangelischen Kirche und ihren eher behäbigen Behördenapparat?
[…]  Nicht nur der demografische Wandel spricht gegen die künftige Effizienz der Kirchensteuer. Es ist vor allem der gesellschaftliche Prozess der Individualisierung und Pluralisierung, der die Kirchensteuer zum Auslaufmodell werden lässt. Eine Generation wächst heran, die eine enge Bindung an Kirchen, Parteien, Gewerkschaften und Vereine ablehnt. Digital Natives stecken ihr Geld lieber in das neueste iPad als in den Topf der Kirchensteuer.  […]   Der größte Fehler beim gegenwärtigen Modell bleibt der Zwang – die gesetzliche Verflechtung von Religion, Geld und Mitgliedschaft. Das widerspricht dem Geist der Moderne und fördert den Mitgliederfrust. Dabei hat doch Gott, wie der Apostel Paulus schreibt, "einen fröhlichen Geber lieb".