Donnerstag, 10. März 2022

Danke, lieber G*tt!

Das sind nun wirklich keine erfreulichen Meldungen, die man seit dem 24.02.2022 den Medien entnimmt. Und dabei waren vorher schon zwei Jahre Pandemie in Kombination mit einer explosionsartigen Vermehrung der Doofen, so daß man beim Zeitungslesen immer wieder vor Ärger in die Schreibtischplatte beißen wollte.  Ich fühlte mich wie ein Fußball-Fan, dessen Mannschaft jeden Tag durch Eigentore verliert.

In so einer Situation ist es der psychischen Gesundheit außerordentlich förderlich, bei den wenigen positiven Meldungen innezuhalten, den Moment zu genießen und Erfolge zu zelebrieren.

 Gestern war so ein Tag! Die jahrelangen Bemühungen der atheistischen EKD-Hauptagenten haben sich nun ausgezahlt. Die radikal-naive BILD-Haustheologin Käßmann, ihre bayerische Bischofskollegin Gaga-GONG Breit-Keßler, sowie ihr bayerischer Oberchef  Zimmertemperatur-IQ Bedford-Strohm schafften es, in der letzten Saison über eine halbe Millionen Gläubige aus der evangelischen Kirche Deutschlands zu jagen und damit die psychologisch wichtige Marke von 20 Millionen Mitgliedern deutlich zu reißen. Applaus!

[…] EKD verliert über 500.000 Mitglieder

Die evangelische Kirche hat im vergangenen Jahr deutlich mehr Mitglieder verloren als im Pandemiejahr 2020. Demnach ging die Zahl der Kirchenmitglieder um mehr als eine halbe Million zurück, wie die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) am Mittwoch in Hannover mitteilte - so viele wie noch nie. Grund für den Mitgliederschwund sei die im Corona-Jahr 2021 erhöhte Zahl der Sterbefälle von 360.000 sowie die hohe Zahl der 280.000 Kirchenaustritte. Nach den Zahlen der EKD gehörten 19,7 Millionen Deutsche (23,7 Prozent) einer der 20 evangelischen Landeskirchen an. Das sind 2,5 Prozent weniger als im vergangenen Jahr. [….] Hält auch der bisherige Trend des Mitgliederrückgangs in der katholischen Kirche an, könnte erstmals der Anteil der evangelischen und katholischen Christen an der Gesamtbevölkerung in Deutschland unter die 50-Prozent-Marke sinken. Die katholische Kirche veröffentlicht ihre Mitgliederstatistik im Sommer. In den vergangenen Jahren hatten evangelische und katholische Kirche ihre Zahlen stets gemeinsam veröffentlicht. [….]

(Evangelisch, 09.03.2022)

Besonders erfreulich erscheint mir die neue EKD-Ratsvorsitzende Kurschus zu sein, die nach den beeindruckenden Loser-Vorgängern Margot Käßmann (2009-2010) Nikolaus Schneider (2010 bis 2014) und Heinrich Bedford-Strohm (2014-2021) auch 2022 für Kontinuität in der trüben intellektuellen Einfältigkeit deutscher evangelischer Theologen steht.

Deutsche Katholiken verlassen ihre Kirche überwiegend aus handfester Verärgerung über das Bodenpersonal – Sexskandale, Pädoskandale, Finanzskandale, homophobe/misogyne Hetze. Daraus kann man zur Not einen Hoffnungsschimmer konstruieren: Bei weniger abstoßenden Pfaffen und Bischöfen, wären die Gläubigen brave Mitgliedsbeitragszahler geblieben. Das Produkt ist also noch interessant und würde nachgefragt, wenn nur nicht arrogante Verkäufer den Kunden mit nacktem Arsch ins Gesicht sprängen.

Bei der EKD handelt es sich um ein noch grundlegenderes Problem: Die Verkäufer werden gemocht, Breit-Keßlers Gaga-GONG-Kolumnen und Käßmanns Plattitüden im Hetz- und Lügenblatt BILD werden durchaus gelesen. Kein evangelischer Bischof in Deutschland wird so gehasst wie Mixa, TVE, Marx, Woelki, Ackermann, Ratzinger, also den Kollegen der Rom-Fraktion. 

Aber die Kunden halten das Produkt, nämlich das Christentum selbst, für gänzlich irrelevant.  Die Kirchen schwimmen bekanntlich in Geld, das sie nicht für humanitäre Zwecke, Lebensmittel für Verhungernde oder gar Entschädigung ihrer Sexopfer ausgeben. Sie prassen es lieber für PR-Profis, Anwälte und Studien aus, die das erklären, was die promovierten Moral-Experten nicht begreifen. Die Soziologin Petra-Angela Ahrens vom Sozialwissenschaftlichen Institut (SI) der EKD, erforscht nun das vierte Jahr akribisch die Austrittsgründe und berichtet in ihrer aktuellsten Studie wenig Erbauliches. Christentum ist teuer und sinnlos.

[….] In erster Linie vollziehe sich der Austritt als Prozess, der häufig schon mit einer fehlenden religiösen Sozialisation beginne, so Soziologin Ahrens: "Eine empfundene 'persönliche Irrelevanz' von Religion und Kirche kristallisiert sich als wichtiger Faktor heraus." Gerade den ehemals Evangelischen gehe es beim Austritt auch darum, die Kirchensteuer zu sparen - 71 Prozent machten in der Befragung diese Angabe. [….] 

(Annette Zoch, 10.03.2022)

Wäre das Christentum keine antiquierte Sinnlosigkeit, müsste man befürchten, daß irgendeinem der Myriaden deutschen Geistlichen und Theologen ein überzeugender Grund einfiele, weswegen man an Gott glauben und dafür zahlen sollte.

Die Frage kann aber kein Bischof beantworten. Stattdessen liefern sie unfreiwillig stets neue Gründe, ihren Verein zu verlassen.

EKD-Oberbossin Präses Annette Kurschus stammelte sich zur Frage „Waffenlieferungen an die Ukraine“ um Kopf und Kragen.  Sie halte sich zwar an das kirchliche Motto „Schwerter zu Pflugscharen“, aber räumt ein, den Ukrainern wäre mit Gebeten und Pflugscharen womöglich nicht geholfen.

Ein dialektischer Leckerbissen ist ihre Einschätzung zur russisch-orthodoxen Kirche, der Partnerin der EKD. Patriarch Kyrill I., Hardcore Putin-Unterstützer, radikaler Schwulenfeind und Kriegstreiber gegen die Ukraine, zieht bekanntlich aus der Bibel den Schluß, orthodoxe Christen sollten Putin danken und als Soldaten für ihn gegen die Ukrainischen Erzfeinde kämpfen.

Kurschus könnte dazu sagen „das ist große Scheiße, Kyrill spinnt und wir als EKD lehnen dieses menschenverachtende Kriegsgeheul ab!“

Das tut sie aber ausdrücklich nicht. Ihre Sorge gilt also weniger den Ukrainischen Opfern, als dem armen Kyrill.

[…] Abendblatt: Kyrill bezeichnete Ukrainische Soldaten als „Mächte des Bösen“.

Kurschus: Das ist tatsächlich nur schwer zu hören. Zugleich wissen wird, daß die russisch-orthodoxen Brüder und Schwestern nicht so frei reden können wie wir und unter Putins diktatorischen Regime stehen.“ [….]

(Abendblatt Interview, 07.03.2022)

Ein faszinierender Doppel-Fauxpas. Nicht nur, will Kurschus ihren Kumpel Kyrill nicht verurteilen, sondern sie belegt auch noch unfreiwillig die Irrelevanz und Feigheit der 150 Millionen-Kirche, die sich leider nicht traue auszusprechen, was sie denke und daher lieber einem Vernichtungsfeldzug das Wort rede.

Hat sie vielleicht noch mehr Ideen, um Mitglieder aus der EKD zu treiben. Nun, auch das offenbart sie unfreiwillig, indem sie versehentlich einräumt, erwachsene, rational denkende Menschen nicht von ihrem Schmu überzeugen zu können und daher auf unschuldige Kinder setze, die gegen ihren Willen zwangsrekrutiert werden sollen.

[….] Besorgt äußerte sich die EKD-Ratsvorsitzende, Präses Annette Kurschus, zu den Austrittszahlen: Zwar hänge die Ausstrahlkraft einer Kirche nicht allein an der Zahl der Mitglieder. "Trotzdem werden wir sinkende Mitgliederzahlen nicht als gottgegeben hinnehmen." Unter anderem wolle man mit Taufaktionen gezielt Familien ansprechen, die ihre Kinder wegen Corona bislang nicht hätten taufen lassen. "Bei der Taufe eines Kindes erfahren wir unmittelbar, wie die Kraft des Evangeliums Menschen berührt und stärkt", so Kurschus. "Der Segen [vulgo: DIE PFLICHT KIRCHENSTEUER ZU ZAHLEN –T.] begleitet die Getauften ein Leben lang. Diese Zusage ist gerade in unsicheren Zeiten verheißungsvoll und heilsam zugleich." [….] 

(Annette Zoch, 10.03.2022)

So kann es weitergehen. Ich hoffe noch zu erleben, wie die EKG-Mitgliederzahl unter die 10-Millionen-Grenze in die Siebenstelligkeit rutscht.

 Kurschus läßt inzwischen mit Kyrill und Co beten

[….] „Mit unseren Partnerkirchen, Christen in Russland und der Ukraine, in Polen, in Belarus und im Baltikum und mit allen Menschen guten Willens wissen wir uns versöhnt durch den Gott des Friedens.  Wir rufen zu Gott:  „Gib Frieden, Herr, wir bitten! Die Erde wartet sehr. Es wird so viel gelitten, die Furcht wächst mehr und mehr. … Gib Mut zum Händereichen, zur Rede, die nicht lügt, und mach aus uns ein Zeichen dafür, dass Friede siegt.“  Ich werde heute um 18:00 Uhr in der Altstädter Nicolaikirche in Bielefeld für den Frieden beten und ich bitte die Gemeinden in der Ev. Kirche von Westfalen, ebenfalls um 18:00 Uhr zu Friedensgebeten einzuladen.“ [….]

(Dr. h. c. Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, 24.02.2022)



Mittwoch, 9. März 2022

Sehr kleine Politiker.

Krieg ist scheiße.
Putin ist der Böse.

Selenskyj ist der Gute. Da heißt es in jedem möglichen Sinne „Flagge zeigen.“

Die üblichen Sanktionen, die Putin seit 2014 kennt, wird er locker aussitzen können. Auf SWIFT- und Nordstream2-Aus war er eingestellt, hatte Reserven angehäuft.
Aber ich bezweifele, daß der Kreml mit der nahezu endlosen Liste von Privatfirmen rechnete, die ihre Geschäfte mit Russland einstellen. Es werden also auch die ganz normalen 144 Millionen Russen massiv betroffen.

Wenn McDonald's, Starbucks, Coca-Cola, PepsiCo, Danone, Heineken, Volkswagen, Daimler Truck, Mercedes-Benz Group, ehemals Daimler und früher Mutterkonzern der Daimler-Lkw-Sparte, BMW, Volvo Cars, General Motors (GM),Ford Motor, Mitsubishi, Toyota, Harley Davidson, Jaguar Land Rover und Aston Martin, Ferrari und die Volkswagen-Tochter Lamborghini, Continental, BP, Shell, Exxon Mobil, der französische Ölriese Total, Uniper, die weltweit tätige Bank HSBC, Union Investment, Visa, Mastercard und American Express, PayPal, KPMG und PwC, Fitch, Ikea, REWE, deren Tochter Penny, Aldi und der Discounter Netto, Obi, Siemens Energy, Siemens, Knorr-Bremse, Adidas, Nike, Puma, Electrolux, Hennes und Mauritz (H&M), Hermès, LVMH, Kering, Prada, Procter & Gamble (P&G), Levi Strauss & Co., UPS und FedEx, Maersk, Hapag Lloyd, Kühne + Nagel, Lufthansa, Airbus und Boeing, Bombardier, Warner Brothers, Disney und Sony Pictures,  Universal Music Group, Netflix, TikTok, Apple, Google, Intel, Microsoft, Dell, Samsung, Airbnb, SAP und sein US-Rivale Oracle, General Elecric (GE), Ericsson und Nokia ihre Filialen in Russland schließen und nicht mehr nach Russland liefern wird ihnen das zwar finanziell sehr weh tun, aber für die Russen, insbesondere auch die Reichen, die Luxusgüter kaufen, wird sich das Leben massiv verändern.

Das sind gar keine guten Nachrichten für Putin. Die westliche Welt, die er zu Trumps Zeiten so mustergültig auseinanderdividieren konnte, steht erstaunlich geschlossen zusammen, nimmt drastische Gewinneinbußen in Kauf, um einen bisher beispiellosen ökomischen Druck auf Putins Reich zu entfalten.

Ursula von der Leyen ruft schon zum Energiesparen auf. Kommen wir nicht vielleicht jetzt schon mit weniger Gas und Öl aus, wenn die Deutschen ihre Wohnungen um ein paar Grad runterkühlen und weniger Auto fahren?

Wäre das nicht ein wirklich geringer Preis für den Frieden?

Zwei Dinge sprechen aber dagegen.

Mir fehlt nach wie vor die Phantasie dafür, daß Putin ohne sein Gesicht zu wahren einlenkt und in der UN erklärt:

  „Sorry Leute, ich habe da echt was völlig falsch kalkuliert, es tut mir Leid, wir ziehen uns aus der Ukraine zurück und in Russland gilt ab sofort völlige Presse- und Meinungsfreiheit. Ich trete zurück, ziehe mich in eine bescheidene Zwei-Zimmer-Datsche zurück und hoffe, daß mein demokratisch gewählter Nachfolger es besser macht.“

Ich denke, ein in die Enge getriebener Putin, der frustriert über den Kriegsverlauf ist und massiven Druck von den unter Sanktionen leidenden Russen steht, wird eher zum Äußersten greifen und mit brachialer (Atom-)Gewalt einen militärischen Sieg erzwingen wollen.

Zweitens sind wir Westler viel größere Jammerlappen, als die Russen. Allein die Vorstellung, Benzin könnte teurer werden, läßt hinterwäldlerische Wahlkämpfer in deutschen Zwerg-Bundesländern zu parteipopulistischen Pseudo-AfD-Figuren anschwellen.


Die Deutschen mögen keinen Krieg und sind gegen Putin, aber es gibt Dinge, die sind ihnen so heilig, daß dafür schon mal ein Krieg mit drastischen Menschenrechtsverletzungen - wie im Haupt-Öllieferland Saudi Arabien (Scharia, Raketenkrieg gegen den Jemen) – in Kauf genommen werden: Rasen auf der Autobahn und billiges Benzin.

[….] Mit einem selbst aufgenommenen Video zu den Rekord-Spritpreisen hat Ministerpräsident Hans (CDU) viel Kritik geerntet. [….] Darin nennt er den Preis von 2,12 Euro für einen Liter Diesel „wirklich irre“. Gleichzeitig wirft er der Bundesregierung vor, sich an den hohen Kraftstoffpreisen zu bereichern. [….] Besonders viel Kritik erntet Hans auf Twitter für den Satz: „Das trifft jetzt nicht nur Geringverdiener, sondern das trifft wirklich die vielen fleißigen Leute, die tanken müssen, die ihre Dieselfahrzeuge tanken, die zur Arbeit fahren, die die Kinder zum Sport bringen.“ [….]

(SR, 08.03.2022)

Wenn schon zwei Euro für den Liter Superbenzin einen CDU-Ministerpräsidenten so frei drehen lassen, möchte ich nicht wissen, wie sympathisch uns allen Putin und Nordstream II werden, wenn man erst in der eigenen Wohnung frösteln muss und nicht mehr nach alter Gewohnheit einfach alle Heizkörper auf 5 drehen kann.


 

Dienstag, 8. März 2022

Wir alle verrohen zusehends.

Bill Clinton, US-Präsident von 1993 bis 2001, ist sicher einer der intelligentesten US-Politiker aller Zeiten und kann auf eine extrem erfolgreiche Zeit im Weißen Haus zurück blicken. Er handelte wichtige internationale Friedensverträge aus, sanierte die Wirtschaft, hinterließ seinem Nachfolger einen gewaltigen Haushaltsüberschuss.

Aber der Mann wurde impeached, muss für immer mit der Schande leben, daß sein Sexualleben monatelang vor der Weltpresse ausgebreitet wurde. Sein ungeheuerliches Vergehen: Ein außerehelicher Blowjob.

Es klingt wie eine Story aus dem finsteren Mittelalter. Aber es ist nur zwei Jahrzehnte her, daß ein einziger privater Seitensprung die Karriere des mächtigsten Mannes der Erde beenden konnte.

Ausgerechnet sein direkter Nachfolger, GWB, war ein Idiot. Was für ein Gegensatz zu einem der weltbesten Redner Bill Clinton, wenn Bush Jr. mit seinem ohnehin stark reduzierten Wortschatz sprach und sich dabei auch noch ständig verhaspelte. Zuerst schämte ich mich als Amerikaner dafür, wie GWB auf Auslandsreisen seine völlige Ahnungslosigkeit offenbarte. Er nahm an, in Mexiko spreche man mexikanisch, fragte in Brasilien, ob sie da eigentlich auch „Schwarze“ hätten und sagte dem spanischen Königspaar, er freue sich, die REPUBLIK Spanien zu besuchen.

Was für eine Peinlichkeit. Der dümmste US-Präsident aller Zeiten.

Aber diesen Eindruck von GWB musste ich zweimal revidieren.

Das erste mal nach dem 11.September 2001. Wäre es doch bloß dabei geblieben, peinlich zu sein. Denn nun erlebten wir den hochgefährlichen GWB, der frei erfundene Kriegsgründe vortrug, zwei Angriffskriege anzettelte; 2001 legal und 2003 illegal; in deren Folge hunderttausende Menschen starben und über 10 Millionen vertrieben wurden. Beide Kriege zogen sich endlos hin, beschäftigten mehrere nachfolgende Präsidenten und gingen verloren.

Als krönenden Abschluss verursachte GWB dann 2008 auch noch eine Weltwirtschafts- und Finanzkriese, hinterließ die USA seinem Nachfolger Barack Obama in einer tiefen Rezession mit Trillionen Schulden.

Als entsetzte Beobachter östlich des Atlantiks überlegten wir verzweifelt, wie man diesen destruktiven Mann loswerden könnte, wenn schon sein Wahlvolk kein Anstoß an illegalen Angriffskriegen nahm und ihn 2004 nicht nur wiederwählte, sondern diesmal sogar mit Mehrheit. (2000 war GWB bekanntlich wie auch Trump 2016 mit Stimmenminderheit US-Präsident geworden.)

Zu der Zeit hörte ich täglich den Satz „könnte bitte irgendjemand endlich GWB einen Blowjob geben, so daß wir ihn impeachen können?“

Das war damals unsere härteste Gangart. Sich eine Sexaffäre herbei zu sehnen, damit die evangelikalen Anhänger des frommen Bushs, eine Amtsenthebung anstreben, wenn sie sich schon nicht an hunderten Lügen, hunderttausenden Toten und einer ökonomischen Vollkatastrophe störten.

Allein, niemand wollte sich zu diesem Dienst an der Menschheit herablassen. Mit Barack Obama übernahm wieder ein geistig diametral entgegen gesetzter Mann: Hochgebildet, wissenshungrig, ausgezeichneter Redner und zudem auch noch persönlich integer.  Wir liebten Obama; er würde die US-amerikanischen Folterlager schließen, die Kriege beenden, die Todesstrafe abschaffen, den Waffenwahn stoppen.  Unglücklicherweise wurden alle diese Erwartungen enttäuscht.  Der Friedensnobelpreisträger Obama fand dafür eine andere außenpolitische Methode.

Weltweite Drohnenangriffe, um illegal in souveränen Staaten, Menschen ohne Prozess hinzurichten. Und auch ein paar hundert Unschuldige als Kollateralschaden mitabzumurxen.

„Bring them to justice“ hieß auf obamisch übersetzt “bei einer Nacht und Nebel-Aktion abknallen und Leiche ins Meer werfen.“

Allein in den ersten zwei Jahren seiner Amtszeit ließ Barack Obama 1.718 Personen im Ausland durch Drohnenangriffe gezielt ermorden. Natürlich war es völkerrechtlich illegal, wie Obamas USA im Jahr 2011 Osama bin Laden auf Pakistanischem Staatsgebiet töteten.

(….) Angela Merkel, die Christin, die sich angeblich auf Werte wie Nächstenliebe beruft, sagte nach der völkerrechtswidrigen Tötung Osama bin Ladens (ohne Gerichtsverfahren) «Ich freue mich darüber, dass es gelungen ist, Bin Laden zu töten

Als Atheist und Humanist empfinde ich keine Freude, wenn Menschen getötet werden und halte solche nationalen Strafaktionen inklusive der dubiosen geheimen Entsorgung der Leiche im Meer für falsch.  Dafür braucht es die biblische Rache-Ideologie (Auge um Auge, Zahn um Zahn), die mir fehlt. (….)

Statt des Rechtsweges in Den Haag, wie es noch für Kriegsherren vom Balkan vorgesehen war, akzeptierten wir nun offensichtlich das willkürliche „Rübe ab“ aus Washington. Niemand schien es #44 übel zu nehmen.

In der Amtszeit des Obama-Nachfolgers Trump, musste ich insbesondere meine Einschätzung George W. Bushs erneut revidieren. GWB war doch nicht der unehrlichste und schlechteste US-Präsident aller Zeiten. So schnell kann es gehen.

Nach nur einem Jahr Trump-Amtszeit ertappte ich mich selbst das erste mal dabei, GWB vergleichsweise sympathisch zu finden.

Aber wie sollte man Trump loswerden? Der hochkorrupte 30.000-fache Lügner war offensichtlich gemeingefährlich und machte sich daran die US-amerikanische Demokratie zu zerstören.

Auf einen Blowjob, der Trump impeachen würde, brauchte niemand mehr zu hoffen.

Der Tittenjuror, der Behinderte nachäffte und damit prahlte Frauen zu vergewaltigen, würde dafür von seiner christlichen Basis nur noch mehr geliebt werden. Also hoffte ich auf eine „deadly pretzel“, die fast einmal GWB erledigt hatte. Oder einen Herzinfarkt des dicken Fastfood-Fressers. Oder Covid. Aber nichts half.

Und nun Putin.

Bei ihm ist es gruselige Konsens im Westen: Es wird kein Amtsenthebungsverfahren geben. Niemand muss sich für Fellatio opfern.

Den Haag wird gar nicht erst überlegt. Nein, diesmal sind wir es, die nur noch „Rübe ab“ denken. Wie wahrscheinlich ist es, daß ein Attentäter Putin ermorden könnte? Wie gut ist der Mann geschützt? Weiß man überhaupt genau, wo er sich aufhält?

Schöne neue Welt. Der Glauben an Einsicht, Reue, Argumente, an das internationale Recht, ist offenbar dahin. Nun phantasieren wir alle gleich von Mord.

Montag, 7. März 2022

Unsere Anführer.

Natürlich wiederhole ich mich, aber es bleibt nun mal richtig: Guter Journalismus kostet, muss etwas kosten, wenn man nicht nur aus Wikipedia und Presseagenturmeldungen zusammenkopierte Schnipsel lesen will, deren Inhalte nicht überprüft sind.

Wie viele andere auch, treibt mich die Frage um, ob Putin möglicherweise verrückt geworden ist, oder ob wir nur nicht nachvollziehen können, wie er aus einer eurasisch-religiösen Sicht vernünftig handelt.

Bisher halte ich die Erklärung, er wäre psychisch krank, für simplifizierend und plump.

Glücklicherweise habe ich die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG abonniert und finde in den Inhalten hinter den Bezahlschranken Erhellendes. Am liebsten würde ich seitenlange Putin-Analysen hierher kopieren, aber das wäre erstens illegal und zweitens möchte ich jeden dazu animieren, selbst ein bißchen Geld für Spitzenjournalismus zu zahlen. Also hier klicken, wenn man näheres wissen möchte.

Unterdessen feiert sich Deutschland, von Grünen bis CSU, für seine Vernunft, seinen Realitätssinn. Nun sei endlich Schluss mit träumerischer oder ideologischer Außenpolitik. Wir werden nun wehrhaft und schmeißen alles raus, das irgendwie nach Russenkultur aussieht.

[…] Populärer ist vielerorts der Jubel darüber, dass Deutschland endlich "in der Wirklichkeit" angekommen, das alles, was man Russland als Staat, bei manchen durchaus auch: den Russen als Volk, immer zugetraut hat, sich nun auf ganzer Linie bestätigt. Jahrelange Kooperationen mit russischen Kulturinstitutionen oder Unternehmen (Gasprom! Schalke!) werden mit einem Federstrich beendet. Niemand möchte sich mehr die Hände an staatsnahen Institutionen des putinistischen Imperialismus schmutzig machen.  Nein, das ist kein guter Tag für Europa. Es sind beklemmende Zeiten, wenn der alte und fast schon ausgeleierte Slogan "Frieden schaffen ohne Waffen" plötzlich nicht mehr nur als ein bisschen wohlfeil oder weltfremd kommentiert wird, sondern geradezu als unmoralisch.  [….]

(Sonja Zekri, SZ, 01.03.2022)

Dabei ist genau das eine westliche Hybris: Zu glauben, nur wir handelten vernünftig, während Araber, Muslimische Länder, China, Nordkorea, Russland, Belarus, Türkei alle irrational agierten. Alle irre, außer wir?

Aber so einfach ist es wirklich nicht. Auch wenn Putin nun „Aluhut trägt“ (Kister), sind wir noch lange nicht kühl analysierende Mächte, die schlaue und vertrauenswürdige Menschen in die Regierungen schicken.

[….]  Nun ist es, historisch gesehen, neu, dass in einigen Teilen der Welt metaphysische, also nicht rationale Begründungen für politisches Handeln für befremdlich, gar für "unverständlich" gehalten werden. "Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass ...", hört man immer wieder seit Donnerstag im Zusammenhang mit Putins Krieg. Dabei ist das Irrationale auch im aufgeklärten Westen ja nach wie vor heimisch. Wer will, kann an ein paar US-Präsidenten der sehr jungen Vergangenheit denken, von denen der eine (Bush Jr.) einen "Kreuzzug" (crusade) im Mittleren Osten ausrief, der andere (Obama) mit seinem fatal überheblichen Gerede von der russischen "Regionalmacht" mehr als nur metaphysischen Schaden in Moskau anrichtete und der dritte (Trump) ohnehin in einer selbst zu möglichen Parallelwelten noch mal extraparallelen Welt lebte und lebt. Auch für den Westen gilt: Nicht die Vernunft ist auf dem Vormarsch, sondern die Unvernunft. In Deutschland ist der handlungsleitende Obskurantismus heute glücklicherweise nicht mehr so ausgeprägt. Aber man muss nur die jüngere deutsche Geschichte betrachten, um zu dem Schluss zu kommen, dass "wir" bis vor ein paar Jahrzehnten eindeutig zu den Weltmeistern metaphysischer Politik gehörten: Gottgesandte Monarchen des Hauses der Hohenzollern haben durch die deutsche Vereinigung unter Preußens Führung das Erbe Karls des Großen oder Friedrich Barbarossas erfüllt; deutsche Soldaten und Siedler haben Zivilisation und Kultur nach Afrika oder Asien gebracht; stets stand der verlotterte Erbfeind Frankreich bedrohlich im Westen; schließlich überfiel Deutschland dann nahezu alle überfallbaren Länder und brachte Abermillionen Menschen um, damit die kostbare deutsche Rasse Lebensraum und Gerechtigkeit erhalte. [….]

(Kurt Kister, 27.02.2022)

Metaphysisches Handeln ist für mich ein Zeichen von Gefährlichkeit, von eingeschränkter Ratio. Aber sich von metaphysischen Überlegungen leiten zu lassen, bedeutet nicht zwangsweise, dumm oder sadistisch zu sein.

Aus dieser Richtung lauert echte Gefahr: Daß die wirklich gefährlich Doofen von der Multimillionenmasse der Doofen, in mächtige Positionen geschubst werden.

Wir leben alle, auch im Westen, in einem System, das radikale Spinner mit destruktiven Charakteren an die Spitze befördert. Johnson, Bolsonaro, Trump, Erdoğan, Orbán, aber auch Typen wir Woelki oder Ratzi, Mixa oder TVE wären nicht möglich, wenn nicht 22 Millionen fromme Zahler Mitglied und damit Ermächtiger der RKK Deutschland wären.

Patriarch Kyrill I., der große Freund Putins, Herr über 150 Millionen russisch-orthodoxe Christen und Kriegsfan ist so ein gefährlicher Irrer.

Der Russen-Papst wirbt nicht nur für mehr Soldaten im Krieg gegen die Ukraine, sondern weiß auch wer schuld am Krieg ist: DIE SCHWULEN! Natürlich.

[….] Kyrill I. hat in einer Predigt am Sonntag in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau zum Krieg in der Ukraine Stellung genommen, ohne diesen als solchen näher zu benennen oder zu verurteilen. Vielmehr sprach das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche von der Notwendigkeit, den christlichen Glauben zu verteidigen, und nutze dabei angeblich vom Westen aufgezwungene Gay Prides als quasi Rechtfertigung für kriegerische Handlungen. [….] "Seit acht Jahren gibt es Versuche, das zu zerstören, was im Donbass existiert", so Kyrill. "Und im Donbass gibt es eine Ablehnung, eine grundsätzliche Ablehnung der sogenannten Werte, die heute von denen angeboten werden, die die Weltmacht beanspruchen."  Laut dem Kirchenoberhaupt gebe es "einen Test der Loyalität gegenüber dieser Macht", der Zutritt gewähre "in diese 'glückliche' Welt, eine Welt des übermäßigen Konsums, eine Welt der scheinbaren 'Freiheit'". Bei diesem "erschreckenden" Test handle es sich um CSDs: "Die Forderung vieler, eine Gay-Pride-Parade zu veranstalten, ist ein Test der Loyalität zu dieser sehr mächtigen Welt; und wir wissen, dass Menschen oder Länder, die diese Forderungen ablehnen, nicht Teil dieser Welt werden, sie werden zu Fremden in dieser Welt."  "Wir wissen, was diese Sünde ist", die durch CSDs gefördert würden, so Kyrill weiter. Sie werde von Gott im alten und neuen Testament verurteilt. "Und wenn Gott die Sünde verurteilt, verurteilt er nicht den Sünder. Er ruft ihn nur zur Umkehr auf – aber nicht, um die Sünde zu einer Lebensnorm, zu einer Variante des menschlichen Verhaltens, zu machen, die respektiert und akzeptiert wird".Wenn die Menschheit annehme, dass Sünde kein Verstoß gegen Gottes Gesetz sei, werde die menschliche Zivilisation enden, so Kyrill. [….]

(Queer.de, 06.03.2022)

Wer das für maximal irre hält, hat noch nicht gehört, wie sich der mögliche nächste US-Präsident und damit Herr der gewaltigsten Kriegsmaschine aller Zeiten, eine Lösung des Ukraine-Krieges vorstellt. Er fände es schön, einen dritten Weltkrieg auszulösen und zuzusehen, wie sich die Atom-Supermächte China und Russland gegenseitig auslöschen.

[….] Vor 250 Parteifreundinnen und -freunden sagte Donald Trump nun, die USA* sollten direkte Luftangriffe auf Russland beginnen. „Bomb the Shit out of Russia“, forderte Trump laut Informationen der Washington Post. Um zu verhindern, dass in Konsequenz der Dritte Weltkrieg ausbricht, hatte der abgewählte Würdenträger ebenfalls einen Plan parat: „Wir sagen einfach, China* war es. Dann fangen sie an, sich untereinander zu bekämpfen und wir lehnen uns zurück und schauen zu.“ US-Präsident Joe Biden* und seiner Regierung empfahl Trump, die F22-Kampfjets der US-Luftwaffe mit chinesischen Flaggen zu übertünchen. [….]

(Daniel Dillmann, FR, 07.03.2022)

75 Millionen Amerikaner finden das gut und wollen ihn wieder wählen.

[….] Nichts an diesem Szenario ist lustig. Nicht nur, weil sich solche Zynismen angesichts der apokalyptischen Bilder aus Mariupol und anderen ukrainischen Städten verbieten. Vor allem verrät die Bemerkung jenseits des kranken Humors mehr über den einstmals mächtigsten Mann der Welt, als diesem lieb sein kann: Trump ist ein selbstmitleidiger Narzisst mit perversen Gewaltfantasien. Er hat von der politischen Wirklichkeit keine Ahnung. Und er bewundert totalitäre Herrscher.

Noch vor knapp zwei Wochen, buchstäblich am Vorabend des Überfalls auf die Ukraine, hatte Trump den russischen Machthaber Wladimir Putin ein „Genie“ genannt und die angebliche Entsendung russischer Soldaten in zwei ostukrainische Provinzen „wunderbar“ genannt: „Das sind die stärksten Friedenstruppen, die wir je gesehen haben.“ Nun ergeht er sich in blutrünstigen Kraftmeiereien gegenüber Moskau und greift seinen Nachfolger Joe Biden als Schwächling an.  [….]

(Karl Doemens, RND, 06.03.2022)


Sonntag, 6. März 2022

Multikrisenwelt.

Streng religiöse Menschen nehmen sich heraus, Ungläubige schlecht zu behandeln, weil ihnen suggeriert wird, sie wären etwas Besseres.  Sich den strengen Regeln eines religiösen Ritus zu unterwerfen, hat aber auch einen psychologischen Effekt. Man glaubt, schon so viel geopfert zu haben, daß man, gewissermaßen als Belohnung, anderen gegenüber auch mal ekelig sein darf.

Das Gehirn konstruiert dabei einen nicht existierenden Zusammenhang. So trickst Mensch sich selbst immer wieder aus.

Wenn ich den ganzen Samstag mit Hausarbeit verbringe, nachmittags noch drei Stunden gebügelt habe, denke ich, nun habe ich aber wirklich genug getan für heute und muss nicht auch noch den Müll rausbringen.

Das ist natürlich Unsinn, weil der stinkende Müll raus muss, völlig unabhängig davon, ob die Hemden gebügelt oder krumpelig sind.

Etwas Ähnliches löst der Krieg in der Ukraine aus. Die Bilder sind so schrecklich, die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit so enorm, daß alles andere verblasst. Weltweit poppen Tragik-komische Memes auf; so habe man sich das Ende der Corona-Dominanz in den Medien nicht vorgestellt.

Letzte Woche erlebte ich in einem Pflegeheim, wie der Belegungschef höchstpersönlich verkündete, wie glücklich er sei, wenigstens Corona hinter sich zu haben. Die Zumutungen für die hochbetagten Bewohner wären auch keine Woche länger erträglich gewesen. Und nun der Krieg! Müsse denn immer was Neues kommen?

Eine mustergültige Selbsttäuschung. Weder sind Krieg, Raketenangriffe auf Städte, Massenflucht und millionenfaches Elend der Zivilbevölkerung neu, noch ist die Pandemie ausgestanden.

Täglich sterben 200 Menschen in Deutschland an Covid19, infizieren sich 200.000 Menschen mit Omikron. Die Inzidenz liegt stabil im vierstelligen Bereich, wird durch die von der FDP ultimativ verlangte Rücknahme der Pandemie-Maßnahmen wieder angefacht.

[….]  Die Karnevalsfeiern haben sich erkennbar auf das Infektionsgeschehen in Köln ausgewirkt. Eine Woche nach dem Ende des Karnevals verzeichnet die Stadt die höchste Coronainzidenz in ganz Nordrhein-Westfalen. Zudem hat das Landeszentrum (LGZ) am Sonntag einen Wert von 2.018,7 gemeldet. Zum Vergleich: Noch vor einer Woche lag der Wert bei 1.073,8. Während sich die Inzidenz in Köln nahezu verdoppelt hat, liegt sie in ganz Nordrhein-Westfalen auf etwa gleichem Niveau. [….]  Allein am Donnerstag waren laut LZG 6.648 neue laborbestätigte Fälle gemeldet – so viele wie an keinem anderen Tag zuvor. [….]

(SPON, 06.03.2022)

Ominöserweise ebben Impf- und Boosterzahlen kontinuierlich ab; der so lang ersehnte Tot-Impfstoff bleibt ein Ladenhüter.

[….] Geringe Nachfrage nach Alternativimpfstoff von Novavax

Das proteinbasierte Mittel war entwickelt worden, um diejenigen zu erreichen, die eine mRNA-Impfung ablehnen. Die FDP fordert ein Ende aller Maßnahmen. […]

(ZEIT, 06.03.2022)

Unglaublich, nachdem sich die Öffentlichkeit schon 2020 und 2021 fälschlich einbildete, nach dem Sommer wäre die Pandemie vorbei, verfällt sie nun das dritte mal diesem Trugschluss.

[….] In den Karnevalsregionen zeigt sich ein deutlicher Anstieg der Inzidenz: Die Inzidenz vor allem in der Gruppe der 20-29-Jährigen stieg laut Spiegel Online stark an. Sie liegt laut der nordrhein-westfälischen Landeszentrale für Gesundheit bei 4336,6, vor einer Woche hatte sie noch bei 1387,1 gelegen. Den Karnevalseffekt sieht auch Michael Hallek, Klinikdirektor an der Kölner Uniklinik: „Um das zu verstehen, muss man kein Wissenschaftler sein. Der Zusammenhang erscheint absolut eindeutig“, sagte er dem Kölner Stadt-Anzeiger.  Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sagte dem Blatt, man könne an dieser Entwicklung sehen, wie schnell die Zahlen bei vielen Kontakten stiegen. Und er warnte: „Nach wie vor haben wir 200 Todesfälle am Tag. Und wir haben viele Patienten, die für immer bleibende Schäden behalten werden. Es ist leider noch nicht vorbei. Ich warne vor einem komplett unvorsichtigen Verhalten.“ Lauterbach hatte zuletzt auch vor einer „Sommerwelle“ des Coronavirus* gewarnt. [….]

(Merkur, 06.03.2022)

Wir haben jetzt eine neue Zeit, hauen mal eben 100 Milliarden Euro Sondervermögen für die Bundeswehr raus – mehr als eine halbe Million Euro pro Soldat.

SZ 01.03.2022

Aber die Notwendigkeit des einen, heißt eben nicht, daß andere Aufgaben weniger notwendig sind.

Wir müssen Deutschland digitalisieren, wir müssen Corona bekämpfen und das Mega-Problem Klimakatastrophe ist dringender denn je.


Samstag, 5. März 2022

Rückgrat in Essen

Die Woche, die ZEIT, Ganske-Verlagsgruppe, Rowohlt, der SPIEGEL, Studio Hamburg, Jahreszeitenverlag, NDR, Gruner und Jahr, Bauer, Axel Springer, Hoffmann und Campe – Hamburg nennt sich zu Recht „die Medienstadt“ in Deutschland.

Umso peinlicher, daß ausgerechnet Hamburg über keine gute Tageszeitung verfügt. Die Süddeutsche Zeitung hatte einst einen Hamburg-Teil geplant, wie auch die „Berliner Seite“. Zu meinem größten Bedauern fiel der Plan aber dem Sparhammer zum Opfer, als alle Zeitungsverleger vom Internet gebeutelt wurden. Über Jahrzehnte gab es in Hamburg neben der in homöopathischer Auflage erscheinenden „taz Hamburg“ und der kleinen Boulevardzeitung „Hamburger Morgenpost“ (Auflage 24.000) nur drei Springer-Blätter: Die ultrakonservative WELT, das Hetzblatt BILD und das konservative Hamburger Abendblatt, so daß man als Hamburger, der an regionalen Informationen interessiert ist, bedauerlicherweise letzteres abonnieren muss.

Spätestens ab 2012 wurde es unerträglich, als auch Springer sparte, Redakteure feuerte und das „Abla“ seine überregionalen Artikel von WELT und Berliner Morgenpost übernahm.  Umso erstaunter (und erfreuter) war ich, als Springer-Großzampano Matthias Döpfner 2014 fast alle Print-Erzeugnisse rauswarf, nur seine geliebte BILD und WELT behielt und unter anderem das Abla für 920 Millionen Euro an die FUNKE-Mediengruppe verkaufte.

Der 2013 aus der WAZ-Gruppe (Westdeutsche Allgemeine Zeitung) hervorgegangene Großverlag gilt zwar auch als eher konservativ, läßt aber bei seinen 13 Tageszeitungen und Dutzenden Zeitschriften/Wochenblättern traditionell Pluralismus walten, zwingt keine rechtsideologischen Vorgaben wie Friede Springer auf.

Es konnte also nur besser werden beim Abendblatt. Dachte ich. Immerhin, es wurde nicht schlechter. Die politische Ausrichtung ist immer noch kirchenfreundlich und rechts von der Mitte. Aber es geht niemals in den ultrarechten/völkischen Bereich, wie es bei WELT, BILD, aber auch gelegentlich in der FAZ durchaus vorkommen kann.

Innovationen sind den Essenern in den nunmehr acht Jahren Abla nicht eingefallen, die Auflage bröckelte von rund 200.000 im Jahr 2014 auf inzwischen nur noch 138.000 (2021). Die Abendblatt-Redakteure spielen überregional keine Rolle, werden nicht in den Pressclub oder zu Brennpunkten eingeladen.

Hätte ich eine bessere Alternative, würde ich sofort mein Abonnement kündigen. Aber wäre es immer noch Teil des SPRINGER-Imperiums, hätte ich inzwischen kündigen müssen. Deren „rote Gruppe“ mit der Cash-Cow BILD war immer der letzte Dreck und die „blaue Gruppe“ und die WELT mit ihrem rechts-völkisch abgedrehten Chef Ulf Poschardt, kann man keinesfalls tolerieren, auch wenn sie sich immer mal wieder einen Exoten leistet, der wie Alan Posner gegen die Kirche anschreibt oder wie der Pen-Präsident Denis Yücel die Türkeiberichterstattung prägt.

Die Vorgänge um die Entlassung des übergriffigen BILD-Chefs Julian Reichelt, der das Drecksblatt neben den üblichen Lügen und rechtsvölkischen Inhalten auch noch mit verschwörungstheoretischen Covidiotenmüll flutete, waren insofern erhellend, als wir jetzt wissen, daß sich Friede Springer und ihr Sohn/Liebhaber/Erbe Döpfner eben nicht für das üble Blatt schämen, es aber notgedrungen behalten, weil es so profitabel ist. Nein, sie sind offenbar ganz auf Linie. Matthias Döpfner orakelt gruselige verschwörungstheoretische Dinge in die Welt.

[….] Vor lauter Verschwörungsfantasien findet Döpfner keinen Umgang mit einem System des Machtmissbrauchs. Nach Lektüre des FT-Artikels erscheint auch die Whatsapp-Nachricht an den Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre, in der Döpfner Reichelt als letzten aufrechten Journalisten bezeichnet, der gegen einen "neuen DDR-Obrigkeitsstaat" kämpft, in einem passenden Kontext. In seinem Video sagte Döpfner zwar entschuldigend: "Wenn man in einer privaten Unterhaltung aus dem Zusammenhang gerissen etwas zitiert, dann unterschlägt man Polemik, Ironie, Übertreibung". Doch die Nachricht an Stuckrad-Barre war keine Ironie, das zeigt sich spätestens jetzt, sie war offensichtlich so gemeint, wie es da steht.  Döpfner wollte an Reichelt festhalten, womöglich weil er ihn als Verbündeten im Kampf gegen eine empfundene linke Übermacht brauchte. Im Artikel der FT wird Döpfner so zitiert, dass er sich und Springer als letzte Bastion der Unabhängigkeit, der Kritik an der Regierung sieht, und dass es eine linke Blase gebe, die sie dafür bestrafen möchte. So passt alles zusammen.  […..]

(Nils Minkmar, 08.02.2022)

Poschardt, Reichelt und Milliardär Döpfner bewegen sich offenbar schon länger in einer rechten Wahnwelt, in der sie von Impfspritzen-werfenden linksgrünversifften Merkels daran gehindert werden sollen, ihren Machismo auszuleben.

[….] Im Fall „Reichelt, Döpfner und die deutschen Medien“ gibt es etliche homogene Umfelder. Zunächst einmal das von Axel Springer, wo das regierte, was man Bro Culture nennt: ein Patriarchat, bei dem Frauen schmückendes Beiwerk sind und, wie zu lesen ist, nach „Fuckability“ sortiert werden. Und natürlich gibt es ein „Wir gegen die“: Wir von Springer gegen den Rest der Welt, wir haben Recht und können uns alles erlauben – der Rest nicht. Aus dieser Kultur heraus wird dann eine imaginäre Gratiskultur im Internet angeprangert – und anderseits systematisch selbst raubkopiert.   [….]

(Thomas Knüwer, 19.10.2021)

Matthias Döpfner, als reichster und mächtigster Verleger, regiert aber nicht nur die Springer-Gruppe, sondern sitzt auch dem Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) vor.  Für alle Verlage, die sich noch an Fakten, Transparenz und Ehrlichkeit orientieren, ist das ein Problem. Döpfner ist eigentlich untragbar, kann aber mit seinen internationalen Kontakten und seinem Milliardenvermögen Türen öffnen. Auf so einen mächtigen Fürsprecher wollen Verlage nicht gern verzichten.

Umso erstaunlicher, daß es die behäbigen Essener sind, die den einzig möglichen Ausweg gehen. Sie sehen das Ansehen der gesamten Branche unter Präsidenten Döpfner als so schwer beschädigt an, daß sie den BDZV verlassen. Gut gemacht!

[….] Die Funke Mediengruppe, das große Verlagshaus aus dem Ruhrgebiet, hatte in den vergangenen Wochen klar Stellung gegen den Axel-Springer-Chef bezogen, der trotz seiner Rolle im Fall des ehemaligen Bild-Chefredakteurs Julian Reichelt weiterhin Präsident des BDZV ist - und damit oberster Repräsentant der deutschen Tageszeitungen. Döpfner war durch mehrere Recherchen schwer belastet worden. Die Londoner Financial Times kam zuletzt zu dem Schluss, er habe aktiv versucht, den Machtmissbrauch von Reichelt zu vertuschen und einen Anwalt damit beauftragt, Betroffene auszuforschen. [….] Kann dieser Mann mit diesen Ansichten noch als oberster Lobbyist die Anliegen der Verleger vertreten? An diese Frage wagte sich bei der Delegiertenversammlung Mitte Februar einzig Funke heran - und wurde dafür heftig kritisiert. Die Palastrevolte scheiterte. [….] Valdo Lehari, Verleger des Reutlinger General-Anzeigers und einer von Döpfners Vizepräsidenten im BDZV, hatte als Sitzungsleiter gar mahnend darauf verwiesen, "dass es gelebte Tradition ist, interne Angelegenheiten der Mitgliedsverlage nicht zum Gegenstand von Verbandsdiskussionen zu machen". Gemeint war: Was Mathias Döpfner bei Springer tut, soll die Verbandsmitglieder gefälligst nicht kümmern.   [….]

(SZ, 05.02.2022)

Die Kriecherei Leharis und der peinliche Rückzieher Dirk Ippens, der das Investigativ-Recherche-Team zum Thema Reichelt in seinem eigenen Verklag stoppte, zeigen, wie ungern eine Krähe der anderen ein Auge aushackt.

Umso beeindruckender, welch kräftiges Rückgrat Julia Beckers Funke-Gruppe an den Tag legt. Sie lässt sich nicht von den alten Männern kaufen.

[….] Vor wenigen Tagen traf dann ein ungewöhnlicher Brief am Jakob-Funke-Platz 1 in Essen ein: Döpfners drei noch verbliebene getreue Stellvertreter machten Funke-Verlegerin Julia Becker ein zweifelhaftes Angebot. Sie selbst könne doch den nunmehr frisch freigewordenen Vize-Posten unter Döpfner einnehmen, schrieben Christian DuMont Schütte (u.a. Kölner Stadt-Anzeiger), Jan Dirk Elstermann (Neue Osnabrücker Zeitung) und Valdo Lehari (Reutlinger General-Anzeiger). Der Brief war Machtspiel und Ausdruck des Spotts zugleich. Funke hatte in einem Strategiepapier Vorschläge für eine Reform des Verbands unterbreitet. Nun, so schrieben die drei Vizepräsidenten unverhohlen hämisch an Becker, "wäre es für Sie die beste Gelegenheit, den Worten nunmehr durch Ihre persönliche Mitwirkung konkrete Taten folgen zu lassen".  In Essen reagierte man entsprechend erzürnt. "Der letzte Antrag der Vize-Präsidenten war in seiner gönnerhaften Tonality zu viel", sagt ein Funke-Sprecher auf SZ-Nachfrage..   [….]

(SZ, 05.02.2022)

Freitag, 4. März 2022

Glück im Unglück – Teil II

Friedrich Merz verfügt über erstaunliche Fähigkeiten.

Obwohl er der geborene Verlierer ist und es nie vermochte in einer direkten politischen Konfrontation zu siegen, halten ihn seine rechten Unionsfreunde für einen Gewinnertypen. Er unterlag Merkel, er unterlag AKK, er unterlag Laschet und soll nun doch die nächste Bundestagswahl für die Union gewinnen.

Noch verblüffender ist sein zweites Talent. Obwohl er sich in Interviews und Talkshow immer wieder um Kopf und Kragen redet, eklatante ökonomische Wissenslücken offenbart, vermag er es, die Öffentlichkeit glauben zu lassen, er wäre ein wirtschaftliches Genie.

 Daher lautete Loser-Laschets Plan für seine Kanzlerkandidatur, Sexist ‚Friedrich Merz muss ins mein Team‘ und so stand der Mann mit den gesellschaftspolitischen Ansichten aus den 1950ern seinen notorischen ökonomischen Fehlaussagen für den Kanzlerkandidaten. Dabei mangelt es Merz nicht nur an wirtschaftspolitischen Instinkt, indem er seit 20 Jahren Dinge grundsätzlich falsch prognostiziert, sondern dem Juristen vom rechten Parteirand fehlen auch die simpelsten volkswirtschaftlichen Grundkenntnisse. Er ist eine Lachnummer.

[……] Der gefühlte Wirtschaftsexperte.  Friedrich Merz wähnt Deutschland und die EU in der "Liquiditätsfalle" - und erntet Widerspruch von Ökonomen.   Rüdiger Bachmann sagt von sich selbst, er sei jemand, den die CDU "im Prinzip" gewinnen könnte. Der Professor für Makroökonomie lehrt derzeit an der katholischen Privatuniversität Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana, die als konservativ gilt. Nur, am Sonntag hat die CDU alles andere als Werbung für sich gemacht. Der Grund? Ein Tweet des angeblichen Wirtschaftsexperten der Partei, Friedrich Merz.  [……] Deutschland und die EU sind mit ihrer Finanzpolitik angekommen, wo sie niemals hätten hinkommen dürfen: in der Liquiditätsfalle", twitterte er am Sonntag. Huch, fragt man sich da, sitzen die Deutschen in der Falle, weil die da in Berlin und Brüssel keine Ahnung haben?  Doch dann rauscht ein Shitstorm durchs Netz. Wirtschaftspolitiker, Ökonomen und Vertreter des Wahlvolkes sind entsetzt von mangelndem Sachverstand oder einfach empört. Er biete Merz "ein kurzes Briefing in Sachen Geldsystem und Staatsfinanzen" an, "sollte nicht länger als ein Jahr dauern, bis wir Sie so fit haben, dass Sie wieder mitreden können", twittert der Ökonom Maurice Höfgen, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundestag arbeitet. "Ist schon fast lustig, dass der 'Wirtschaftsexperte Merz' keine Ahnung von wirklich grundlegender Ökonomie zu haben scheint", ein anderer. "Die alte Nummer, den Menschen große Angst vor angeblichen Schulden machen", ärgert sich ein Nutzer.  "Ohgottohgott, dieser Mann tritt in meinem Wahlkreis an. @FriedrichMerz, kommen Sie doch mal rüber in die Altstadt, ich leih' Ihnen meinen Bofinger", bietet jemand an. Auf die "Grundzüge der Volkswirtschaftslehre" von Peter Bofinger verweist auch der Linken-Fraktionsvize Fabio De Masi, er twittert ein Bild des Lehrbuchs. "Ist das die neue Wirtschaftskompetenz?", fragt er. Und, an Merz gerichtet: "Wissen Sie eigentlich, was eine Liquiditätsfalle ist? Sie scheinen da was verwechselt zu haben." - "Oh Lord Keynes!" [……]

(Cerstin Gammelin, 29.04.2021)

Friedrich Merz trägt nicht nur die Last mit sich, daß er sich in ökonomischen Fragen meistens irrt und groteske Fehlprognosen in die Welt setzt, daß er ein erstaunliches Talent an den Tag legt, alle Fettnäpfchen zu treffen und innerparteilich als Serienverlierer dasteht, sondern immer mehr als ewig-gestriger AfD-Opa gegen Schwule und Gendersternchen wettert.

Auch die Merz-typischen grotesken Fehlprognosen vermögen es nicht, seiner angeblichen Wirtschaftskompetenz zu schaden.

(….) Er sieht die Wirtschafts- und Sozialpolitik noch genauso durch die radikal neoliberale Brille wie vor 20 Jahren:
Sozialausgaben radikal kürzen, alle Regulierungen abschaffen, Steuerrecht ausmisten und massiv von unten nach oben umverteilen, damit die Unternehmer investieren.
  So steht es auch in seinen Prä-Finanzkrise-Büchern „Mut zur Zukunft. Wie Deutschland wieder an die Spitze kommt“ (2002), „Nur wer sich ändert, wird bestehen. Vom Ende der Wohlstandsillusion“ (2004), „Mehr Kapitalismus wagen – Wege zu einer gerechten Gesellschaft“ (2008), in denen er Düsteres prognostizierte.

[…] Die Diagnose, die Merz in dem Buch [Vom Ende der Wohlstandsillusion] macht […]: Deutschland erlebe einen "historischen Niedergang"; die "Position der Exporteure auf den Weltmärkten verschlechtert sich ständig"; der Staat steckt in der "Schuldenfalle"; der Sozialstaat belohnt Faulheit; die "Überregulierung" des Arbeitsmarkts ist "schlicht eine Katastrophe", ebenso wie das böse Tarif- und Verbändekartell; die Lohnfindung ist "verkrustet"; dazu kommt, dass die Unternehmen ohnehin keinen einstellen, weil der Kündigungsschutz zu streng ist; unser Steuersystem ist schlechter als das von Gambia und Uganda; und überhaupt arbeiten wir zu kurz, und die Eliten verstehen nicht den Zusammenhang zwischen Leistung und Lohn; und die Gutmenschen haben uns zu bequem werden lassen. Was es braucht, schien für Merz ebenso klar: die Deutschen müssen (fast) alle irgendwie verzichten. Und "länger arbeiten". Und flexibler. Und im Normalfall ohne Wohltaten vom Staat auskommen. Und ihre Rente am Kapitalmarkt gefälligst selbst verdienen. Für über 50-Jährige sollte es am besten gar keinen Kündigungsschutz mehr geben. Die Leute müssen ihren "Konsum beschränken" (damit - angeblich dann - mehr Geld für die Unternehmen übrig bleibt). Abgesehen davon braucht es weniger teure Beamte. Und weil "die Marktwirtschaft ihre Überlegenheit längst bewiesen hat", muss natürlich irgendwie (fast) alles den Märkten überlassen werden. [….]

(Thomas Fricke, SPON, 30.11.2018)

Es gibt zwei Probleme an dieser hanebüchenen, einseitigen Sichtweise.

Zum einen hält Merz an diesen Rezepten und Prognosen bis heute fest und zeigt damit Starrsinn und Realitätsblindheit.

Zum anderen haben sich alle seine düsteren Unkenrufe als völlig falsch erwiesen. Nichts trat davon ein, obwohl Angela Merkel in 13 Jahren das Gegenteil einer Reformerin war und keine der radikalen Merz-Forderungen umsetze. Hätte Merz Recht behalten, wäre Deutschland inzwischen untergegangen. (….)

(Plädoyer für Friedrich Merz, 16.02.2020

Wir wissen bisher, wie hanebüchen falsch Merzsche Aussagen zur Wirtschafts- und Finanzpolitik sind, wir wissen, daß der Multimillionär sich nicht ansatzweise in die Nöte von Geringverdienern hineindenken kann (er empfahl den von Altersarmut bedrohten Menschen, sich Aktienvermögen anzuschaffen) und wir wissen, wie verletzend der Dampfplauderer agiert, wenn er beispielsweise bei einem Statement zur „Ehe für alle“ sofort Schwulsein mit Pädophilie verknüpft.

Merz ist also ein bißchen doof, unempathisch und hat sich nicht unter Kontrolle. Er ist ein Dampfplauderer, der während des Sprechens gar nicht begreift, welchen Schaden er anrichten kann.

In der gegenwärtigen todernsten Lage, im Ringen mit dem Krieg in Europa, haben wir aber auch Grund glücklich und dankbar zu sein.

Dankbar für den Wahlsieg Olaf Scholz‘, dankbar dafür, daß der Mann im Kanzleramt seine Worte genau abwägt und Dankbarkeit dafür, daß Merz stets in der Opposition sitzt. Merz hat sich nicht unter Kontrolle und merkt gar nicht was er anrichtet.

Besonders drastisch zeigt sich die Merzsche Gefährlichkeit in der Außenpolitik. Der Trump-Fan schaffte es innerhalb weniger Tage zweimal mit totalen Idiotien, die Deutschland schwer schaden, in die Schlagzeilen.

[….] Merz: Swift-Ausschluss Russlands wäre eine Atombombe für Kapitalmärkte!  Kommende Woche wird Außenministerin Baerbock Moskau und Kiew besuchen. Der designierte CDU-Chef warnt davor, Russland aus dem internationalen Zahlungsverkehr auszuschließen. […]

(Handelsblatt, 16.02.2022)

Ohne Not wollte Merz also die drastischste Sanktion gegen Russland abräumen. Putin wird sich die Hände gerieben haben.

Nachdem der Krieg der Drohungen, ein Heißer geworden ist, die SWIFT-Karte längst gespielt wurde und sich alle Welt vor einer Eskalation fürchtet, orakelt der Irre davon, die NATO gegen Russland einzusetzen.

[…] Ukraine-Einsatz der Nato? Merz bekommt harsche Kritik: „Provoziert Ausweitung zum dritten Weltkrieg“  CDU-Chef Friedrich Merz erntet Gegenwind für sein - vorerst rein hypothetisches - Gedankenspiel zu einem Nato-Einsatz in der Ukraine. Deutschland und die Nato dürfen sich militärisch keinesfalls in Russlands Krieg gegen die Ukraine ziehen lassen, sagte die Linke-Abgeordnete Sevim Dagdelen am Freitag. Merz rede eine Kriegsbeteiligung der Nato herbei, mache der Ukraine falsche Hoffnungen und provoziere eine „Ausweitung zum dritten Weltkrieg zwischen Nuklearmächten“, warnte sie. Zumindest indirekt warnte auch Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn vor entsprechenden Plänen. Ein militärisches Einwirken der Nato wäre „eine Weltkatastrophe“, erklärte er - allerdings bezogen auf ukrainische Forderungen nach einer Flugverbotszone über dem Land.  Eine solche No-Fly-Zone müsste von den Vereinten Nationen beschlossen werden und es stelle sich die Frage, wer diese Zone kontrollieren würde, sagte Asselborn vor einem EU-Außenminister-Treffen in Brüssel. Auch Kanzler Olaf Scholz (SPD) erteilte einer Nato-Beteiligung am Konflikt wiederholt eine Absage.  [….]

(Merkur, 04.03.2022)

Was für ein Glück, dass der Dampfplauderer erst zweimal NICHT Parteivorsitzender, dann NICHT Kanzlerkandidat und vor allem NICHT Kanzler geworden ist! Kanzler Merz hätte womöglich schon einen Atomkrieg herbei geredet.

Donnerstag, 3. März 2022

Lob der Feigheit.

Feigheit gilt in allen Kulturen als Makel, daher benutzen wir in Deutschland das Adjektiv „feige“, um unser stärkstes Missfallen auszudrücken.

Die von Max Goldt so beklagten Dekorationsadjektive haben Konjunktur wie eh und je:


15.09.01 Susan Sontag kritisiert neben manch anderem, dass sämtliche Kommentatoren die Anschläge als „feige“ bezeichnen. Da hat sie natürlich Recht. Schon Ladendiebstahl erfordert Mut. Wie viel Mut braucht es da erst, ein Flugzeug zu entführen und es gegen ein Gebäude zu steuern. Man kann froh sein, dass die meisten Menschen zu feige sind, um so etwas zu tun. Sicherlich gibt es für die Attentate bessere Dekorationsadjektive, wie zum Beispiel ruchlos oder schändlich, sogar anmaßend wäre treffender als feige. Es geht den Kommentatoren aber nicht um passende Adjektive, sondern um die Souveränität und Flüssigkeit ihres Vortrags. Um diese zu erlangen, sind in der Mediensprache viele Haupt- und Zeitwörter untrennbar an bestimmte Eigenschafts- und Umstandswörter gekettet. So wie Anschläge immer feige sind, werden Unfälle grundsätzlich als tragisch bezeichnet, obwohl es mit Tragik, also einer Verwicklung ins Schicksal oder in gegensätzliche Wertesysteme, überhaupt nichts zu tun hat, wenn jemand gegen einen Baum fährt. Ein solcher Vorgang ist banal – mithin ganz und gar untragisch. Vielleicht werden die Unfälle deshalb als tragisch bezeichnet, weil das Wort so ähnlich wie traurig klingt, und traurig ist ein Unfall immerhin für die Freunde und Angehörigen des zu Schaden Gekommenen. „Traurig“ ist den Medienleuten aber zu lasch, für sie ist Tragik wohl eine zackigere und grellere Form von Traurigkeit. Genauso unpassend ist das Adjektiv, welches unvermeidbar auftaucht, wenn nach einem Erdbeben oder einem ähnlichen Unglück nach Überlebenden gesucht wird. Wie geht die Suche vor sich? Natürlich „fieberhaft“. Dabei will man doch stark hoffen, dass es Fachleute und besonnene Helfer sind, die einigermaßen kühlen Kopfes und in Kenntnis der bergungslogistischen Notwendigkeiten die Menschen suchen, und nicht, dass da irgendwelche emotional aufgeweichten Gestalten wie im Fieberwahn in den Trümmern herumwühlen. Verzichten können die Medienleute auf Adjektive nicht, denn sie sind zur Erzielung eines vollmundigen Verlautbarungssingsangs notwendig. Könnte man aber nicht mal einen angemessenen Ausdruck benutzen? Ich glaube nicht. Wir werden niemals folgenden Satz im Radio hören: „Nach Überlebenden wird fleißig gesucht.“ Dabei wäre „fleißig“ inhaltlich wie stilistisch ideal. Es ist weder abgedroschen floskelhaft noch zu auserlesen und hat daher nicht den geringsten ironischen Beiklang. Schriebe jedoch ein Journalist diesen Satz, so wäre es vollkommen sicher, dass sein Redakteur das passende Wort „fleißig“ streichen und durch das vollkommen unpassende „fieberhaft“ ersetzen würde.
(Zitiert aus: Süddeutsche Zeitung, 13.07.2002)

Heldenmut hatte in der Geschichte der Menschheit sicher Überlebensvorteile, wenn es darum ging, die eigene Wohnhöhle gegen Wölfe zu verteidigen, dem wilden Bären etwas nahrhaftes Aas abzujagen, oder seinen Klan gegen die Keulen-schwingenden Eindringlinge aus dem Nachbartal zu verteidigen.

Bis ins Mittelalter war es eine gute Idee, mutig zu sein, sich entschlossen und kampfkräftig auf den Gegner zu stürzen, wenn man seiner Familie das Überleben sichern wollte. Zumal gerade christliche Eindringlinge im Heiligen Land, in Amerika oder in Afrika, die Angewohnheit hatten, Genozide zu veranstalten und ohnehin jeden überlebenden Gegner umzubringen.

Nach der Aufklärung setzte sich allerdings zumindest partiell der Gedanke durch, man könne die Zivilbevölkerung des Feindes auch leben lassen.

Parallel wurden so perfide Waffen entwickelt, daß sie sich mit „Mut“ nicht bekämpfen ließen.

Im ersten Weltkrieg stellten die frommen abrahamitischen Herrscher und Generäle Maschinengewehre auf und ließen ihre Soldaten gegen die Maschinengehrstellungen der anderen anrennen.

Auf der türkischen Halbinsel Gallipoli (europäische Seite der Dardanellen) hatten sich 1915 die kaiserlich-deutsche Marine und das verbündete osmanische Reich enorm verschanzt, Befestigungen gebaut, Kanonen aufgestellt und das umgebende Meer vermint. Der britische Kriegsminister Churchill ließ trotzdem von Seeseite angreifen, scheiterte damit so kläglich, daß er zurücktreten musste. Später griffen die Entente-Länder von der Landseite an, indem sie die naiven und unausgebildeten australischen und neuseeländischen Truppen nach Gallipoli schickten. Sehr sehr mutig rannten Briten, Franzosen, Australier und Neuseeländer in das türkisch-deutsche Feuer. Allein, es war völlig umsonst. Gallipolli fiel nicht, aber am Ende waren über 100.000 Menschen tot.

Opfer Gallipolli 1915

Heute gibt es unzählige Kriegsfilme, in denen dem Mut all der gestorbenen Kriegshelden gehuldigt wird. Allein im Ersten Weltkrieg starben Millionen Soldaten, die von ihren Generalstäben vielfach leicht geopfert werden konnten, weil die Soldaten mutig waren und immer wieder ins Maschinengewehrfeuer rannten.

[….] Alle Armeen verlangten von ihren Offizieren und Mannschaften täglich den Einsatz ihres Lebens. Wie Geschütze und Munition wurden Soldaten als einzusetzendes Material betrachtet. Der Tod als ständiger Begleiter der Frontsoldaten wurde zum "Heldentod für das Vaterland" verklärt. Im Ersten Weltkrieg starben mehr als neun Millionen Soldaten, darunter über zwei Millionen aus Deutschland, fast 1,5 Millionen aus Österreich-Ungarn, über 1,8 Millionen aus Russland, annähernd 460.000 aus Italien. Frankreich hatte über 1,3 Millionen, Großbritannien rund 750.000 militärische Todesfälle zu beklagen. Hinzu kamen etwa 78.000 Tote aus den französischen und 180.000 Tote aus den britischen Kolonien. Die USA verloren nach ihrem Kriegseintritt im April 1917 rund 117.000 Mann in Europa. […]

(Lemo)

Mut zahlt sich nicht aus, wenn man es modernen Waffen zu tun hat und unterlegen ist, es sei denn, man betrachtet den Wert menschlichen Lebens als so irrelevant, daß man wie in Vietnam gewillt ist, gegen die haushoch überlegene USA mit Luftwaffe und Napalm, fünf Millionen Menschen zu opfern.

Ja, die USA mussten 1975 nach 20 Jahren Krieg geschlagen abziehen, hatten 55.000 Tote zu beklagen. Die Vietnamesen beweinten aber 100 mal so viele Tote. Sehr mutige Freiheitskämpfer, aber eben auch sehr Tote.

Was taugt denn Mut noch, wenn man sich nicht in offener Feldschlacht, sondern in seiner zivilen Stadt befindet und der übermächtige Gegner mit thermobarischen Waffen, den schlimmsten nichtnuklearen Zerstörungsmaschinen überhaupt, anrückt?

Innerhalb von Sekunden werde 24 Gefechtsköpfe der Variante »Tos-1A« abgefeuert und verteilen am Kilometer entfernten  Einschlagsort  ein explosives Aerosol großflächig in der Luft.

[….] So kommt es auf einem relativ großen Areal zu einer heftigen und sehr heißen Explosion mit einer großen Druck- und Hitzewelle. Aber weil der Luftsauerstoff verbraucht wurde, entsteht ein Unterdruck – in der Folge kommt es zu einer zweiten, entgegengesetzten Druckwelle, die wie ein Sog den Sauerstoff akkumuliert und weiteren Schaden anrichtet.  Dadurch gibt es auch in Tunnels und Bunkern kaum ein Entkommen vor diesen thermobarischen Explosionen. »Das ist eine furchtbare und völkerrechtswidrige Waffe. Die Explosion kann den Menschen unter anderem die Lunge zerreißen«, sagt Neuneck.  [….]

(SPON, 02.03.2022)

Der Ukraine-Krieg geht nicht gut aus, weil für Putin nach seinem gewaltigen diplomatischen und politischen Einsatz, Verlieren keine Option ist.

Umso schlimmer, daß sich die russische Armee in der ersten Woche aufgrund des erbitterten Widerstands so schwer tat, denn Putin kann mit Atomwaffen, Hyperschallraketen und grausamen Vakuumbomben nachlegen.

Und er wird es tun, da die NATO-Staaten die einzigen sind, die ihn (womöglich) militärisch aufhalten könnten, dies aber mit guten Gründen ausgeschlossen haben. Russland muss also „nur“ die Ukrainer schlagen.

Das wird umso brutaler und blutiger, je mehr Waffen Kiew zur Verfügung gestellt werden und je mutiger sich die Ukrainische Führung geriert.

Der Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko, unterstützt von seinem ebenfalls in Kiew weilenden Bruder Wladimir und insbesondere Präsident Selenskyi sind bedauerlicherweise derartig mutig, daß sie weltweit für ihre Eier („balls“) gefeiert werden.

Das ist schlecht, denn Mut generiert Mut. Ukrainer werden ermutigt, tausende Freiwillige strömen in die Ukraine, um gegen die Russen zu kämpfen. Immer mehr europäische Länder schicken Waffen.

Gewinnen kann Selenskyj aber nicht, weil Putin nicht verlieren darf – sonst würde er womöglich doch noch den Atomknopf drücken.

Für den Ukraine-Krieg gibt es keine guten Lösungen mehr. Nur sehr Schlechte und Katastrophale.

Die für das Volk beste Option wäre es, wenn die Klitschkos und Selenskyjs nun so mutig wären, sich richtig feige zu verhalten. Aufgeben, sich ergeben, fliehen, abhauen, bei Biden unterkriechen oder sich Putin ergeben, die Kapitulation unterschreiben.

Nur so könnten die Waffen ruhen, nur so könnte sich Putin beruhigen, nur so könnte der Westen etwas aushandeln.  Nur so müssten ganz normale Bürger in der Ukraine nicht mehr fürchten von als Kollateralschäden ums Leben zu kommen.