Freitag, 14. Oktober 2016

Menschenmassen


Es könnte alles so schön sein auf der Erde, wenn wir verdammten Homo Sapiens nicht so schrecklich viele wären.

Siebeneinhalb Milliarden Individuen sind einfach zu viel, wenn man so einen gewaltigen Ressourcen-Verschleiß aufzuweisen hat.

Wir roden die letzten Wälder, treiben den Meeresspiegel hoch, lassen die Gletscher schmelzen, verseuchen die Böden, trocknen Seen aus, verdrängen so effektiv andere Tierarten, daß täglich mehrere aussterben.
Wir erodieren, planieren und asphaltieren Gebirge, buddeln Kohle aus, pumpen Gas und Öl aus der Tiefe, generieren Ozonloch und CO2-Hüllen.

Homo Sapiens lebt auf Kosten der anderen Spezies.
Homo Sapiens vermehrt sich inzwischen nahezu ungehindert.

Pro Jahr werden es 83.686.000 Menschen mehr, das sind 229.277 Menschen pro Tag; 159 Menschen pro Minute und 2,7 Menschen pro Sekunde.

Ein paar von denen kann man aushalten, aber ein Zehntel würde locker ausreichen. 750 - 800 Millionen betrug die Gesamtweltbevölkerung Ende des 18. Jahrhunderts. Die Eine Milliarde-Menschen-Marke wurde 1804 geknackt. Reicht das nicht?

Schon damals konnten wir Ebenbilder Gottes bekanntlich Kriege, Genozide und Ausbeutung ganzer Kontinente vollbringen, weil es genug Soldatennachschub gab, weil die Frauen im Durchschnitt so viele Söhne hatten, daß sie es hinnahmen, daß ab und zu einer davon „auf dem Feld der Ehre“ zerhackt oder zerfetzt wurde.

Der enorme Bevölkerungsdruck, die Verzehnfachung der Menschen in 200 Jahren führte aber zu noch viel mehr Konflikten, Kampf um Ressourcen, Massenmigrationen, Fluchtwellen.

In den Teilen der Welt, die ein sehr geringes Bevölkerungswachstum ausweisen, oder gar wie Deutschland, Japan, Südkorea und die baltischen Länder (Fertilitätsrate bis 1,3) schrumpfen, ist die Kriegsmüdigkeit hingegen recht ausgeprägt.
Verständlich, denn wenn man/frau bloß ein Kind hat, geht es ihm einerseits ökonomisch besser, so daß es weniger wahrscheinlich auf die Idee kommt Soldat zu werden und andererseits sind die Eltern auch protektiver, lassen ihre Kindern weniger gern in den Krieg ziehen.

Länder mit den höchsten Fertilitätsraten – Gaza 4,9 Jemen 5,0 Ruanda 5,3 Kongo 5,8 Uganda 6,1 Somalia 6,3 Ost-Timor 6,3 Afghanistan 6,4 – sind offenbar auch besonders unfriedlich, weil die enorme Kinderzahl die Ressourcen erschöpft, Konkurrenz entsteht und Eltern auch eher mal den Tod eines ihrer Blagen verkraften.

Wir brauchen also weniger Menschen und daher weniger Nachwuchs.
Es ist wohl auch kein Zufall, daß die Länder mit der höchsten Bevölkerungsdichte auch die mit den geringsten Geburtenraten sind.

Abgesehen von den Stadtstaaten sind dies Südkorea mit 493 Einwohnern pro km², Holland 408 Einwohnern pro km², Belgien 371 Einwohnern pro km², Japan 336 Einwohnern pro km² und Deutschland mit 227 Einwohnern pro km².

Am unteren Ende der Skala liegen Estland mit 28 Einwohnern pro km², Schweden mit 22 Einwohnern pro km², Finnland und Norwegen mit 16 Einwohnern pro km², Kanada 4 Einwohnern pro km², Island und Australien mit 3 Einwohnern pro km².

Abgesehen von der Bevölkerungsdichte ist die schiere Masse Mensch offenbar weder gut für die Umwelt noch für die individuelle Zufriedenheit.
Nicht China und Indien (je gut 1,3 Mrd Menschen), USA (325 Mio), Indonesien (260 Mio), Brasilien (210 Mio), Pakistan (190 Mio) oder Nigeria (185 Mio) stellen glückliche Nationen dar, sondern der World-Happiness Report listet regelmäßig ganz kleine Länder als die glücklichsten Völker auf.

Schaut man sich die Top Ten der glücklichsten Länder der Erde an, so hat man den Eindruck, dass das Glück vor allem in Europa beheimatet ist. Mit Dänemark auf Platz 1, das mit der Schweiz auf Platz 2 die Positionen tauscht, Island, Norwegen und Finnland landeten auf den vorderen fünf Plätzen ausschließlich europäische Nationen.
Auch die Niederlande (Platz 7) und Schweden (Platz 10) schafften es unter die ersten Zehn des World Happiness Report 2016, der am Mittwoch in Rom vorgestellt wurde und auf einer Studie des Earth Institute der New Yorker Columbia Universität beruht. [….]

Bezüglich des Umgangs mit Ressourcen, der Kriegsgefahr und des Verhältnisses zur Umwelt ist es also ein Segen, daß Deutschlands Bevölkerung kaum wächst, daß die Geburtenrate im unteren Viertel aller Nationen liegt.

Die Deutschen sind selbstverständlich ein viel glücklicheres Volk als die Menschen in den Krisenstaaten Syrien, Afghanistan, Burundi, Togo und Benin, welche die fünf letzten Plätze im Glücks-Report belegen.

Die Deutschen könnten aber wesentlich zufriedener und in sich ruhend sein, wenn sie wie Norwegen, Island und Schweden eine viel geringere Bevölkerungsdichte und Gesamtbevölkerung hätten.

Es gibt nur 300.000 Isländer, 5,0 Mio Norweger, 5,4 Mio Finnen, 5,6 Mio Dänen, 8,1 Mio Schweizer und 9,5 Mio Schweden.
Das sind gute Größen, um glücklich zu sein.

Die Deutschen sind mit 82 Millionen nicht nur absolut viel zu viele, sondern das Land ist auch viel zu dicht bevölkert.
Wo ein Schwede lebt, drängeln sich 11 Deutsche und auf dem Platz eines Isländers quetschen sich 100 Deutsche.

Völlig unverständlich ist also das elende CDUAfDCSU-Gejammer von den aussterbenden Deutschen. Wir sollten eine niedrige Geburtenrate nicht beklagen, sondern feiern. So ein Glück. Es gibt zu viele Menschen auf der Welt und erst recht viel zu viele Deutsche in Deutschland.

Sollten wir tatsächlich so sehr überaltern, daß es junge Menschen als Arbeitskräfte braucht, trifft es sich doch wunderbar, daß es davon so vielen anderen Ländern Millionen gibt, die gern hierher kommen möchten.
Statt immer neue Menschen zu produzieren, sollten wir in Deutschland doch erst mal welche von den Vorhandenen in der Welt nehmen.

Es gibt reichlich.

Inzucht ist sowieso nie gut. Die Auffrischung der Gene bringt klügere Menschen hervor und durch den Mix mit Menschen anderer Hautfarben werden wir schöner und kulturell interessanter.

Das Hamburger Abendblatt kotet sich unterdessen ein. Wir könnten aussterben und nennt auch gleich ein Argument für die zunehmende Kinderlosigkeit der Deutschen: ANGST! Angst vor den Kosten.

Kinderlos – aus Angst vor den Kosten
Angst ist der Grund für die niedrigen Geburtenraten in Hamburg und im Rest der Republik. Zu diesem Ergebnis kommt die BAT-Stiftung für Zukunftsfragen in einer entsprechenden bundesweiten Umfrage unter mehr als 2000 Teilnehmern. Demnach geben 64 Prozent der Hamburger an, dass die Sorge vor (zu hohen) Kosten der Hauptgrund sei, weshalb Paare keine Kinder bekämen. [….]

Anders als die BAT-Studie nenne ich es nicht „Angst“ sondern „Klugheit“, wenn man seine Kinderzahl ein bißchen an seine finanziellen Möglichkeiten anpasst.

In Afghanistan, dem Kongo, Somalia und Ruanda haben die Menschen offenbar keine Angst vor den Kosten und poppen ohne Verhütungsmittel was das Zeug hält.
Die haben massenhaft Kinder.
Sollen die Deutschen sich diese Länder zum Vorbild nehmen?

Donnerstag, 13. Oktober 2016

God gone wild



Anfang Oktober, anno domini nostri Jesu Christi 2016 klingelte auf Wolke Sieben der Glockenwecker am schönsten und größten Himmelbett weit und breit.
Gott wurde aus seinen düsteren Träumen voller Zukunftsangst gerissen und ließ sich von seinen Haus-Cherubin erst mal einen extra starken Messwein bringen, während er die Morgenlage studierte.
„Oh Ich“, entfuhr es dem alten Mann, als er lesen mußte, wie sein Bodenpersonal performte.

Nichts Neues in seiner Römer Dependence.

Ein einschlägig vorbestrafter und aus dem Kirchendienst entlassener katholischer Priester soll im Landkreis Deggendorf erneut ein Kind missbraucht haben. Die Mutter des schulpflichtigen Kindes habe die Taten Ende September angezeigt, der 52-Jährige sei daraufhin festgenommen worden, teilte die Staatsanwaltschaft Deggendorf am Mittwoch mit.
Mehrere Bistümer hatten in den vergangenen Jahren Warnmeldungen vor dem Mann verschickt. […]

„Soll das etwa modernes Marketing sein?“ grummelte Gott in seinen Bart und nahm sich vor Franzl mit noch mehr Hämorrhoiden zu strafen.

Und die hippe Jugendmarke, die er gerade erst vor 500 Jahren gegründet hatte?
Was tun die, um den Aktienkurs nach Jahren der Vorbereitung und mit prallgefüllten Werbe-Etat der Marke wieder Leben einzuhauchen?

[…] Um das 500. Jubiläum der Reformation 2017 zu feiern, schwingen sich Pröpste bereits in wenigen Tagen auf Lastenfahrräder, singt Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs bei der Hauptprobe für das Luther-Oratorium mit. […]  Los geht der Countdown für das Jubiläum 2017, das an den Thesenanschlag Martin Luthers am 31. Oktober 1517 erinnert, in wenigen Tagen mit einer Fahrradtour. Dabei wollen die Hamburger Pröpste Frie Bräsen, Thomas Drope und Karl-Heinrich Melzer am 30. beziehungsweise 31. Oktober jeweils einen Tag lang zwischen 60 und 90 Kilometer zurücklegen und Luther-Bibeln unters Volk bringen. Die Geistlichen fahren mit den E-Bikes in ausgewählte Kirchengemeinden und haben jeweils 2,7 Kilogramm schwere, druckfrische Luther-Bibeln im Gepäck […]
Als neustes Produkt gibt es eine süße Überraschung: kleine essbare Luther-Botschafter von Haribo. "Davon haben wir drei Tonnen ins Lager gestellt", sagt Stahl. Ebenfalls im Angebot: insgesamt zwei Tonnen Lutherkekse und Tausende Tüten von Luther-Bonbons. All das sei ein Beitrag dafür, "miteinander ins Gespräch zu kommen und über Luther zu diskutieren".[…]

Das kann doch nicht wahr sein, polterte der alte Herr, und ließ vor Wut so heftig einen fahren, daß von der Schockwelle alle Dächer Haitis abgedeckt wurden und Cholera ausbrach.

Ist doch kein Wunder, wenn jedes Jahr Hunderttausende Kunden den Anbieter wechseln, rüber zur Konkurrenz wechseln, oder womöglich sogar beschließen in Zukunft eigenständig zu denken. Verdammte Atheisten, mit ihrer „Do-it-yourself“-Anleitung zum Denken!

An sein Produkt glaubte Gott. Ein Satz goldener universaler Regeln, die den Modus Vivendi für alle Menschen bilden:
Wer wichst, kommt in die Hölle, Sklavenhaltung, Muschelverbot, Kinder muß man prügeln, Frauen halten die Klappe.


Aber nach 2016 Jahren stand es Gott einfach bis Oberkante Unterkiefer mit seinen unfähigen Verkäufern.
„Fuck this shit!“ entfuhr es dem Polylingualen, als er endlich auch der dickste und langsamste Cherubin bei ihm eintraf und ihm die Klickzahlen für Bill Maher und den Postillon vorlegte.
„Wenn die mit ihrer dadaistischen Herangehensweise so viel Erfolg haben, mache ich das ab sofort auch so!“

Und schon ging es los; denn bei Gott ist Denken gleich Handeln:

Haha, statt für den wichtigsten Job als mächtigsten Mann der Erde eine geeignete Person zu suchen, lasse ich die beiden Unbeliebtesten überhaupt antreten. Haha und statt über irgendwelche relevanten politischen Pläne zu sprechen, diskutieren sie bis kurz vor der Wahl in den Newssender die Beschaffenheit der Armlehnen in alten DC9-Maschinen, um sich vorzustellen, wie ein Kandidat fremde Frauen von oben bis unten ankrakt.


Haha und für die bekloppten Sachsen überlege ich mir auch was Gutes.
Erst soll die Polizei ohne eigenes Zutun einen Terroristen bekommen.


Dieser Jaber Albakr, der als SELBSTMORD-Attentäter gefasst wurde, begeht dann unter den Augen der sächsischen Polizei Selbstmord.

Auch wenn wohl erst in den nächsten Tagen ans Licht kommen wird, wie das genau passieren konnte - es ist ein unfassbares Staatsversagen. Der Syrer Albakr hätte den Sicherheitsbehörden zum einen wichtige Informationen liefern können, gleichzeitig steht sein erfolgreicher Suizid für die Unfähigkeit staatlicher Institutionen. Es ist eine Blamage.
Typisch Sachsen-CDU: Justizminister Sebastian Gemkow sieht kein Fehlverhalten, wie er am Donnerstagvormittag bei einer Pressekonferenz sagte, Konsequenzen: keine.
Typisch Sachsen-CDU: Ministerpräsident Tillich weist die Kritik an der sächsischen Justiz zurück, er vertraue dem zuständigen Minister voll und ganz.
Typisch Sachsen-CDU: Auf Facebook schreibt der Landtagsabgeordnete Alexander Krauß: "Der syrische Terrorist Albakr ist tot. Im Gegensatz zu den Grünen ist das für mich kein Grund zur Trauer. Ich bin froh, dass er niemand anderen mit ins Verderben ziehen konnte."
So ist das in der Sachsen-CDU: Unangenehmes wird schöngeredet, unter den Teppich gekehrt - oder sogar bestritten. [….]

Gott verstand jetzt diese Typen wie Stefan Sichermann oder Martin Sonneborn. Das machte doch echt Spaß sich solchen völlig absurden Dinge auszudenken und sie geschehen zu lassen.
Gott warf sich noch einen Trip ein und beschloss die Realität jetzt mit Absurditäten zu fluten, bis die Satiriker-Konkurrenz erledigt wäre!
Sprachs, und hatte schon die nächste völlige Gaga-Inspiration:
NSU goes Peggy. LOL. Was für ein Knaller. Sowas könnte sich der Postillon gar nicht ausdenken.

    Die Polizei hat an einem Stofffetzen, der bei den Überresten von Peggys Skelett gefunden wurde, DNA-Spuren entdeckt.
    Das gefundene Material soll von Uwe Bönhardt, Mitglied des Nationalsozialistischen Untergrunds, stammen.
    Die damals neunjährige Peggy aus Oberfranken verschwand 2001 spurlos. Erst im Sommer dieses Jahres fand ein Pilzsammler ihre sterblichen Überreste.
Im Zuge der Ermittlungen im Fall der 2001 getöteten Peggy hat die Polizei DNA-Spuren des NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt festgestellt. Die Spuren wurden nach Informationen der Süddeutschen Zeitung auf einem Stofffetzen entdeckt, der nahe bei den sterblichen Überresten des Mädchens lag. [….]
Die neunjährige Peggy aus Lichtenberg (Landkreis Hof) war am 7. Mai 2001 nicht von der Schule nach Hause gekommen. Wochenlange Suchaktionen blieben erfolglos. Erst Anfang Juli 2016 - also mehr als 15 Jahre später - fand ein Pilzsammler in einem Wald im Grenzgebiet zwischen Thüringen und Oberfranken Knochen von Peggy. [….]

Da geht noch was, dachte sich Gott.

Literaturnobelpreis für Bob Dylan.
Volker Beck kauft öffentlich Crystal Meth.

Das kann ich noch besser, befand Gott:
„Morgen stelle ich den Wecker eine Stunde früher.“


Mittwoch, 12. Oktober 2016

Der Mäandertaler



Wenn man sich das ständige Lavieren, Nichtentscheiden, Abtauchen, wolkig Reden, Allgemeinplätzchen von sich geben der Kanzlerin vergegenwärtigt, wünscht man sich in der Tat gelegentlich einen richtigen Entscheider zurück.
Somebody, who gets things done.
Einen, der weiß was los ist und zeigt wie es gemacht wird.
Basta-Schröder wird vermisst.

Sigmar Gabriel ist nicht doof und hat in dem Entscheidungsvakuum seine Chance erkannt sich gegen die übermächtige Merkel zu profilieren.
Er beklagt öffentlich, daß es wegen der zerrissenen Union und der abwesenden Merkel nicht voran geht. Gabriel schlägt immer mal wieder selbst ordentlich auf den Tisch. Man merkt das auch habituell an seinem berühmten Stinkefinger gegenüber des rechten Ost-Pöbels und der Bezeichnung „Pack“ für krakeelenden Peginesen.

Er wirft sein politisches Gewicht in die Waagschale, geht Risiken ein.
Gabriel war mutig, als er der Basis 2013 die Entscheidung zur GroKo vorlegte, als er gegen den überwältigenden Widerstand der Partei letztes Jahr plötzlich die Vorratsdatenspeicherung guthieß, als er vor ein paar Wochen seinen Verbleib im Amt de facto von der Zustimmung des SPD-Konvents zu CETA abhängig machte.

Nun stellt sich nur die Frage wieso ein mutiger und durchsetzungsstarker SPD-Parteichef, Vizekanzler und Superminister in seiner eigenen Partei unbeliebt ist und bei der Gesamtbevölkerungszustimmung meilenweit hinter Angela Merkel zurückliegt.

Die Ursache für die miesen Zustimmungswerte liegt in der mangelnden Kongruenz von Basta-Entscheidungen und Autorität.

Autorität kann aus verschiedenen Quellen generiert werden.

1.   Putin und Erdogan schöpfen Autorität aus der enormen Macht ihres Amtes in einer Autokratie.

2.   Helmut Schmidt schöpfte seine Autorität aus der fast allen anderen Menschen überlegenen Intelligenz und Bildung.

3.   Gerhard Schröder hingegen war ein begnadeter Wahlkämpfer, der das 6-Stimmen-Bundesland Niedersachen der CDU abgejagt und zweimal die absolute Mehrheit für die SPD geholt hatte, anschließend sogar - einmalig in der bundesrepublikanischen Geschichte – 1998 alle drei die Bundesregierung tragenden Parteien auf einmal aus dem Amt fegte und die SPD mit 41% zur größten Fraktion machte und die Regierung übernahm. Wer solche überwältigen parteipolitischen Erfolge vorlegt muß in der SPD Autorität gewinnen.

4.   Autorität kann schließlich auch noch aus Zuneigung generiert werden. Da sind Namen wie Willy Brandt, Olof Palme oder Nelson Mandela zu nennen, die von ihrer Basis so verehrt wurden, daß man ihnen in jede politische Richtung gefolgt wäre.

Unglücklicherweise mangelt es Sigmar Gabriel an allen vier genannten Autoritätsquellen.
Gabriel ist schlau, aber so unstet, daß er so oft die Richtung wechselt, daß ihm dabei auch sehr unschlaue Gedanken unterlaufen.
Ich bin ausdrücklich nicht der Meinung, daß die Basis und die Mehrheit immer Recht haben, lehne daher die direkte Demokratie ab.
Aber wenn man wie Gabriel über mangelnde Autorität verfügt und trotzdem bei der Basis so unbeliebte Dinge wie Rüstungsexporte, CETA, VDS und TTIP durchdrückt, macht man sich selbst unbeliebt.
(Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß ich bei den Themen Rüstungsexporte, CETA, VDS und TTIP zufälligerweise auch auf Seiten der Basis bin.)

Ein unbeliebter Parteichef, der auch noch bei den Wahlen 2003 (als er als Niedersächsischer MP krachend die von Schröder geholte absolute Mehrheit und auch gleich die gesamte Regierung an Christian Wulff verlor), sowie den Bundestagswahlen 2009 und 2013 unterging, kann schlecht zum Hoffnungsträger zur Bundestagswahl 2017 aufsteigen.

Gabriel weiß das und wird aus Verzweiflung immer mehr zum Zickzack-Sigi, der seiner eigenen Partei auch noch durch seine Zögerlichkeit auf die Nerven geht.
Ja, der Vorsitzende hat das erste Zugriffsrecht auf die Kanzlerkandidatur, aber wird er wie schon 2013 darauf verzichten, als durch die sagenhafte Underperformance der Generalsekretärin Nahles auf einmal völlig unvorbereitet Steinbrück gekürt wurde, indem er einfach übrig blieb?
Wer würde den Job überhaupt noch machen wollen außer vielleicht Martin Schulz?
Da müßte man mal etwas strategisch planen und festlegen; aber das ist mir Zauder-Sigi nicht zu machen. Gabriel nervt.

Es muß ab und zu gesagt werden, weil es sonst ganz in Vergessenheit gerät:
Sigmar Gabriel ist eigentlich ein Guter, der zuhören kann und sehr klug abwägt.
Er ist ein Engagierter, der im Kabinett Merkel I als einziger mutig SPD-Politik durchsetzte.
Man soll nicht den Stab über den Vizekanzler brechen.

Nach der Mega-Niederlage von 2009 brauchte die psychologisch niedergeschmetterte Partei, deren baldige Auflösung schon von vielen Zeitungen kolportiert wurde, jemand, der sie wieder aufrichtet. Jemanden, der Mut machen kann.
Sigmar Gabriel hat viele Talente und dazu gehört, daß er gelegentlich sehr gute bis brillante Reden hält. Darin ist er Merkel weit überlegen.
Zudem ist Gabriel intelligent und in der Lage in kleineren Kreisen extrem sensibel und tiefgründig zu argumentieren.
Er kann beeindrucken; beispielsweise so geschehen auf der ZEIT-Matinee im Juni 2011, als er so brillierte, daß die gesamte feine Gesellschaft Hamburgs schwor bei der nächsten Bundestagswahl SPD zu wählen.
Ich habe ihn gelegentlich in Talkshows zu Randthemen gesehen, bei denen er mich absolut überzeugte.

Der SPD-Vorsitzende ist allerdings nicht nur wankelmütig bezüglich der vertretenen politischen Inhalte, sondern weist auch charakterlich enorme Schwankungen auf.
Er kann die leisen, behutsamen Zwischentöne und poltert im nächsten Moment wie eine Dampfwalze los.
Er bohrt einerseits mit Engelsgeduld dicke Bretter, bereitet Jahre lang vor und dann reißt ihm abrupt doch die Hutschnur.
Er argumentiert manchmal hochseriös und überzeugend, um dann im nächsten Moment seine Gegner für dumm zu verkaufen.
Er war seit Jahrzehnten durch seinen Vater extrem für Rechtsradikalismus sensibilisiert, engagierte sich persönlich für den Erhalt von KZ-Gedenkstellen, leistete Aufklärungsarbeit gegen Neonazis. Plötzlich aber lässt er seinen vorbildlich gegen rechts engagierten Justizminister Maas im Regen stehen und besucht als Vizekanzler den menschlichen PEGIDA-Abschaum.

Gabriels 2016er Performance fällt bisher dumpf und dunkel aus.
Das erbärmliche Hickhack um das sogenannte Asylpaket II, mit dem die SPD Kinder zu Waisen macht und noch mehr Menschen in die seeuntüchtigen Schlepperschlauchboote auf die ungewisse Reise durch die Ägäis schickt, lobt der Superminister a posteriori als stringente SPD-Regierungspolitik.

Ähnlich absurd entwickelte sich Gabriels Versprechen für Transparenz bei den TTIP-Verhandlungen zu sorgen.
Nachdem er den berüchtigten „TTIP-Leseraum“ eingerichtet hatte, erstarb das letzte bißchen Offenheit, weil die kritischen Bundestagsabgeordneten nun mit einem Maulkorb versehen sind.

Was ist los mit Gabriel?
Dazu zitiere ich mal eine dezidiert linke Stimme, nämlich Ulrich Schulte, den Leiter des Parlamentsbüros der taz.

[….] Besser als sein Ruf
Das Image von Sigmar Gabriel ist mies. Die SPD leidet unter ihrem Chef, bei den Deutschen ist er nur mäßig beliebt. Warum eigentlich?
[….] Gabriel und die Deutschen, das ist keine Liebesgeschichte. Die Sprunghaftigkeit des SPD-Vorsitzenden und Wirtschaftsministers ist legendär, seine Neigung zu Ungeduld und schlechter Laune auch. Die SPD leidet, oft still und immer öfter laut. (……)

Gabriel, der Gute. [….]

Ein großes Problem teilt Sigmar Gabriel mit der Kanzlerin.
Er hat kein Händchen für Personal.
Den einzigen Minister mit Star-Potential, nämlich Heiko Maas, stutzte er eigenhändig zurecht, in seine Umgebung holt er höchst umstrittene CDU-Leute, setzte eine blasse und erfolglose Jasmin Fahimi als Generalsekretärin ein und vertraut in der Parteizentrale den Wahlkampf einem CDU-Mann an.

Merkel steht gerade vor einem großen Personalproblem. Zur Unzeit muß sie bei unklaren Mehrheitsverhältnissen einen Nachfolger für Joachim Gauck benennen.
Ein enormes Risiko für die Frau, die es vermocht hat zweimal einen Mann zum Präsidenten zu machen, der sich als so eine Fehlbesetzung erwies, daß er zurücktreten mußte.
Nach dem Köhler- und Wulff-Debakel und der Gauck-Überrumpelung muß Merkel unbedingt das Heft des Handelns in der Hand behalten.
Allein, sie hat keinen Plan, weiß keinen Kandidaten.

Das könnte Gabriels Stunde sein, um sich zu profilieren.
Er könnte zu dem Macher werden, der das erreicht, was die Kanzlerin offensichtlich nicht schafft.
Könnte.

In einer sagenhaften Doppeldoofheit, griff der Vizekanzler gleich zweimal ins Klo.

Zunächst einmal nominierte er die so ziemlich unfähigste und dämlichste Person, die man sich in Deutschland vorstellen kann.

Der SPD-Vorsitzende Gabriel will die evangelische Theologin Käßmann als Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten gewinnen.
(Deutschlandfunk 12.10.16)

Käßmann ist aber nicht nur dumm wie Bohnenstroh; das wäre ja noch kein Hindernis für das Bundespräsidentenamt; sondern inzwischen bei großen Teilen der Bevölkerung extrem unbeliebt.
Zudem sollte nicht gerade in Deutschland eine Staatschefin gewählt werden, die für Hitlers größte Inspiration, den zweitgrößten Antisemiten der Geschichte Martin Luther als Botschafterin fungiert.

Frau Käßmann zeichnet sich für diesen Posten besonders durch ihre profunden Kenntnisse der jüngeren Geschichte aus: Ihrer Auffassung nach wurde der Fall der Mauer durch Gebete erreicht und gegen den Terror des "Islamischen Staates" helfen ebenfalls Gebete besser als Waffen.
Mit diesem ihrem Generalkonzept wird Frau Käßmann vermutlich auch soziale Ungerechtigkeiten, jedes außenpolitische Problem sowie ihre Kritiker wegzubeten versuchen. […]

Die Personalie Käßmann könnte sogar mich aus der SPD treiben; genug ist genug.
Unfassbar, was sich Sigmar Gabriel dabei denkt.

Gabriels Dämlichkeit wird aber noch dadurch getoppt, daß er hier öffentlich eine Kandidatin ins Spiel bringt, ohne sie vorher gefragt zu haben.
Nachdem Käßmanns Grinsebilder heute auf den Titelseiten der FUNKE-Medien erschienen, sagte die Frau auch noch ab.
(Meine erste inhaltliche Gemeinsamkeit mit ihr. Wir wollen also beide nicht, daß sie Bundespräsidentin wird.)

Die evangelische Theologin Margot Käßmann hat Spekulationen über eine Kandidatur als Nachfolgerin von Bundespräsident Joachim Gauck zurückgewiesen. "Es ehrt mich, dass mein Name im Zusammenhang mit dem höchsten Amt im Staat genannt wird. Allerdings stehe ich für dieses Amt nicht zur Verfügung", sagte sie nach Angaben ihres Büros. [….]
(Spon 12.10.16)

Gabriel hat sich nun gleich mehrfach blamiert:
Mit der Auswahl einer völlig falschen Person, mit dem Lancieren an die Presse und auch noch mit Käßmanns prompten Absage.

Diesen personalpolitischen Meisterstrategen muß Merkel nicht fürchten.

Zum Glück habe ich Gabriels Probleme nicht und bleibe bei meiner Bundespräsidenten-Favoritin, von der ich nach wie vor zu 100% überzeugt bin.