Dienstag, 10. Februar 2015

Zugehörigkeit.



Wat nich oans givt!
In Berlin fand der erste Bundeskongress der „neuen Deutschen“ statt.

In Deutschland leben mehr als 16 Millionen Menschen, die selbst aus einem anderen Land kommen, oder deren Eltern oder Großeltern eingewandert sind - rund ein Drittel von ihnen kam hier zur Welt. In der dritten Generation gibt es zweifelsohne viele Probleme. Ihr gehören aber auch viele an, die zu einer jungen Elite gehören: gebildet, kritisch, politisch, engagiert.
Trotzdem werden sie in Deutschland oft nicht als "richtige Deutsche" gesehen. Wenn sie auf die Frage, woher sie kommen, antworten: "aus Berlin" oder "aus dem Schwarzwald", dann folgt oft: "Aber woher wirklich?"

Ich werde gleich mal googeln, ob das ein e.V. ist; dem würde ich gern beitreten.
Olaf Scholz schrieb mir zwar einen Brief, mit dem er mich zur deutschen Staatsbürgerschaft einlud – wofür ich ihm sehr dankbar bin – aber bisher erfülle ich die Auflagen nicht und will außerdem meinen alten Pass nicht abgeben.
Also bleibe ich wohl noch eine Zeit „undeutsch“. Zumindest so lange wie die CDU im Bund regiert.
Die Schröder-Fischer-Regierung wollte das bekanntlich ändern, hatte aber keine Mehrheit im Bundesrat.

Ich sehe nicht ganz durchschnittlich aus; gelegentlich sagt man mir, ich sei auffällig. Dennoch sitze ich nicht so recht im Boot meiner 16 Millionen Neudeutsch-Brüder, da ich a) akzentfrei deutsch spreche und b) sehr hellhäutig bin. Schade eigentlich. Die „ethnisch Schmutzigen“ (Peters Ustinov) sind für mein Gefühl attraktivere Menschen. Es empfiehlt sich immer den Stammbaum mit etwas fremder DNA aufzufrischen und etwas Exotisches einzukreuzen.

Das ist der Treppenwitz der Rassisten: Wer wie Hitler oder heutige amerikanische Aryan Groups von „Rassereinheit“ schwärmt, will damit ja die Überlegenheit der eigenen (weißen) Rasse vervollkommnen.
J.R.R. Tolkien war nebenbei bemerkt auch so ein Rassist, der im Herrn der Ringe unablässig die Vermischung der westlichen Heldenmenschenrassen mit dunklen Ostmenschen beklagt. Dies würde ihnen Fähigkeiten und Langlebigkeit rauben.
In Wirklichkeit ist es genau andersrum. Inzucht führt zu Schwachsinn und Krankheit. Hybriden sind genetisch überlegen, schon allein weil viele auf rezessiven Genen liegende Erbdefekte nicht zum Tragen kommen.

Eine typische deutsche Familie mit diversen blondäugigen und blauhaarigen Blagen sollte sich also sinnvollerweise wünschen, daß diese später einmal mit einer Äthiopierin und einem Japaner Kinder zeugen. Nicht so gerne mit den Nachbarn aus dem Dorf, in dem es nur zwei Familiennamen gibt und erstaunlich viele Kinder 12 Zehen haben.

Viele Deutsche, insbesondere Ostdeutsche, die in Gebieten leben, wo sich phänotypisch fast unter sich sind, sehen das ganz anders.
Sie wollen nur einheitlich deutsch-hellhäutige Typen um sich haben.
Im eigenen Saft schmoren, bis die rezessiven Gene so durchschlagen, daß man schon deswegen nur noch sächseln kann.
Wir kennen das seit der Wendezeit, als gerne Asylbewerber gejagt wurden und Wohnungen mit „Ausländern“ in Brand gesteckt wurden. Geändert hat sich in 25 Jahren beinahe nichts.

Politisch wurde das bestenfalls ignoriert, im schlimmsten Fall wurden diese kackbraunen Niederungen sogar gezielt umschmeichelt, um Stimmen zu gewinnen.
Das gilt für rechte Parteien wie DVU, Republikaner, CSU, DVU und NPD, aber auch Merkels angeblich so liberale moderne CDU macht auf dem Rücken der „neuen Deutschen“ Politik. Da proklamiert sie die „deutsche Leitkultur“, verschärft kontinuierlich Asylrechte und läßt in Hessen „Antiausländer-Unterschriftenlisten“ auslegen, während die Rechtsaußen ihrer Partei mit ihrem Segen Stimmung gegen Ausländer machen. Stichwort Kauder, Krissi Schröder und Steinbach. Die Sachsen-CDU bereitet dem Pegida-Mob den Boden.
Mich erinnert das schaudernd an die Venus von Wolgast, das Sinnbild des hässlichen Ostdeutschen, die offenbar kein Einzelfall war.

[….] Als sich im August 1992 eine Menschenmenge vor dem Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen versammelte, gab es Stimmen aus dem Mob, die ähnlich klangen: "Wir sind hier in unserem Block bestimmt nicht ausländerfeindlich." Von Ausländern und Asylbewerbern aber hatten die Menschen damals nahezu dasselbe Bild: "Das sind in meinen Augen Schmarotzer, die auf unsere Kosten, auf die arbeitenden Menschen hier, sich fett machen wollen."
Dresden heute. Die Welt hat sich geändert, die Vorurteile offenbar nicht: "Na, was will ich denn bewegen? Dass ich gegen die Ausländer bin, dass so viele hier reinkommen. Das ist mein Grund, warum ich hier bin." Eine Frau fordert auf einer Demonstration von Pegida vor der Kamera: "Wir sollen doch die Kriminelle endlich mal abschieben, Schluss damit, mit der Solidarität."
Vor gut 22 Jahren drückte es eine Frau in Rostock-Lichtenhagen so aus: "Schon wieder sind neue Busse mit denen da, die sollen sie raus, raus in den Wald rein, nur raus."  Und eine andere Frau schreit: "Ich hab auch was gegen die Ausländer, hab ich auch. Die sollen hier verschwinden." [….]


Die 16 Millionen Undeutschen, die nun von dem Kongress “neue Deutsche” vertreten werden, möchten das xenophobe Denken offenbar beenden.
D’Accord.

Sie möchten aber vor Allem dazu gehören und als normale, reguläre Deutsche anerkannt werden.
Da passe ich.


Mein Drang als regulärer Deutscher dazu zu gehören liegt unter der Nachweisgrenze.
Wieso sollte ich mich mit denen gemein machen wollen?
Nicht, daß ich eine Alternative wüßte. Aber wenn ich schon nichts besseres weiß, kann ich genauso gut bei meiner alten Staatsbürgerschaft bleiben, die ich mir natürlich auch nicht verdient habe, sondern zu der ich durch blanken Zufall gekommen bin.
Es bedeutet mir emotional aber weniger als Null.
Was sich in Deutschland zusammenbraut, stößt mich allerdings ab.

Während einige Tausend Menschen für "Pegida" auf die Straße gingen, haben die Angriffe auf Asylbewerberheime und gegen ihre Bewohner dramatisch zugenommen. Experten vermuten einen Zusammenhang. Die Demos hätten den Nährboden für diese Übergriffe bereitet.
Die Zahl rassistischer Angriffe auf deutsche Asylbewerberheime ist dramatisch angestiegen. Die Attacken richteten sich gegen Asylbewerberunterkünfte und gegen ihre Bewohner. Sie reichten von Volksverhetzung bis zu Angriffen mit Waffen oder Brandsätzen, berichtet der "Tagesspiegel".
Vom Jahr 2012 auf das Jahr 2014 versechsfachte sich die Zahl der Attacken laut der Bundesregierung. Besonders stark war der Anstieg in den letzten drei Monaten des vergangenen Jahres. Dem Bericht zufolge gab es 2012 noch 24 Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte, im Jahr 2013 schon 58 Angriffe und im vergangenen Jahr 150 Angriffe. Die Behörden zählten allein im letzten Quartal des vergangenen Jahres bundesweit 67 rechtsextrem motivierte Straftaten. Das ist mehr als im gesamten Jahr zuvor.
Das vierte Quartal 2014 war besonders geprägt von der politischen Diskussion über Flüchtlingspolitik und dem Aufkommen der "Pegida"-Bewegung. Migrantenorganisationen und Konfliktforscher vermuten deswegen, dass die Kundgebungen der Dresdner Pegida-Bewegung den Nährboden für diese Übergriffe bereitet haben.  [….]



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