Montag, 27. November 2017

Wie es hier so läuft – Teil XIII



Das ist ja mal super gelaufen für die SPD; sie hält sich fein raus, um sich bei der linken Basis für die Standhaftigkeit feiern zu lassen, während Frau Merkel bei den Jamaika-Verhandlungen so debakuliert, daß ihr alles um die Ohren fliegt und nach zwei Monaten noch nicht die geringste Aussicht auf eine neue Regierung besteht.
Als Dank dafür steigt die CDU in der neuesten Umfrage um zwei Prozentpunkte auf 33%, während die SPD gnadenlos auf 19% wegsackt.
Willkommen in der richtigen Welt. Da geht es nicht um Sachpolitik, sondern um Image und Taktik.
Indem Martin Schulz letzten Montag, am Tag nachdem die FDP weggelaufen war und schwachsinnigerweise 30 Minuten vor dem Bundespräsidenten allein vor die Presse ging und ohne Not „Nein, nein, nein!“ zur Groko plärrte, hob er die Grube, in der die SPD ohnehin kauerte noch weiter aus.
Inzwischen will nach Forsa-Angaben sogar eine deutliche Mehrheit der SPD-Wähler eine Zusammenarbeit mit der CDU.

[….] Bei den Anhängern von Union und SPD zeichnet sich sogar ein noch deutlicheres Bild ab: Danach befürworten 42 Prozent der SPD-Anhänger eine Große Koalition. 34 Prozent wären für die Tolerierung einer Minderheitsregierung von Union und Grünen, lediglich 22 Prozent für Neuwahlen. [….]
(NTV, 27.11.17)

In Hamburg sind wir sehr irritiert, weil wir ein solches Irrlichtern an der Parteispitze gar nicht kennen.
Olaf Scholz, der Hamburger SPD-Chef und Bürgermeister, mag ja im Rheinland oder bei den Bayern verkopft und leidenschaftslos wirken, aber er hat seinen Laden dafür sicher im Griff, macht kaum strategische Fehler.

Einmal ließ er sich hinreißen. Das war seine viel zu optimistische Prognose über den schließlich doch völlig aus dem Ruder gelaufenen G20-Gipfel.
Verweigern konnte er sich nicht und so übertrieb er es, als er aus der Not eine Tugend machen wollte. Nach dem Gipfel fielen ihm seine Sprüche böse auf die Füße.

"Wir richten ja auch jährlich den Hafengeburtstag aus. Es wird Leute geben, die sich am 9. Juli wundern werden, dass der Gipfel schon vorbei ist."

Scholz ist aber hochgradig lernfähig. Nie wieder wird er sich mit locker-optimistischen Prognosen blamieren und so ist wohl auch zu erklären, daß Scholz zwar intensiv inhaltlich an der Runderneuerung der SPD arbeitet, im Gegensatz zu Schulz sehr konkret wird, sich aber nicht mehr leichtfertig selbst in Stellung bringt.

Allerdings haben sich Nahles und Schulz neun Wochen nach der Bundestagswahl schon so nachhaltig als unfähig erwiesen, (I told you so – sorry!) die SPD so schnurgerade in die Sackgasse manövriert, daß sich Parteimitglieder verzweifelt die Haare raufen und sich fragen, wer denn überhaupt noch da ist, dem nicht laufend solche Fehler unterlaufen.

[….] Der Hamburger Erste Bürgermeister Olaf Scholz ist nach einer Forsa-Umfrage unter SPD-Mitgliedern derzeit der größte Hoffnungsträger der Sozialdemokraten. 62 Prozent der SPD-Mitglieder wünschen sich mehr Einfluss für Scholz, ergab die am Montag vom Fernsehsender RTL veröffentlichte Umfrage.
50 Prozent hoffen demnach auf mehr Einfluss für Niedersachsens Ministerpräsidenten Stephan Weil, gefolgt vom amtierenden Außenminister Sigmar Gabriel (34 Prozent), der SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles (33 Prozent) und dem stellvertretenden SPD-Bundesvorsitzenden Thorsten Schäfer-Gümbel (32 Prozent). [….]

Ausnahmsweise teile ich derzeit die Mehrheitsmeinung meiner Partei; ich halte auch Olaf Scholz für den Besten.
Mal abgesehen von der elenden Gipfel-Aktion läuft es wieder gut in Hamburg seitdem er regiert.

Taxifahrer und Handwerker schimpfen zwar wie wahnsinnig über den Scholz-Senat, aber die sind in der Regel wütend, weil in der Stadt nicht nur alle 50 Meter ein Haus gebaut oder saniert wird, sondern weil auch die Straßen und Brücken so intensiv instandgesetzt werden, daß Autofahren derzeit wahrlich kein Vergnügen ist in Hamburg.
Aber Scholz ist wie beim G20 in einer NoWin-Situation.
Als Merkel sagte, sie wolle den G20 in Hamburg konnte er nicht Nein sagen, weil dann jeder geschrieben hätte „Scholz kapituliert vor linkem Mob“ oder „Scholz hat keine Kontrolle über die Sicherheit“. Und die Wirtschaft hätte ihm vorgeworfen die große Werbechance nicht zu nutzen.

Ähnlich ist es mit der Bauerei in Hamburg. Nachdem Ole von Beust zehn Jahre lang den Wohnungsbau komplett eingestellt hatte, die Straßen und Siele wegbröckeln ließ, die Wohnungsnot immer größer wurde und bei enorm ansteigender Bevölkerungszahl alles nur noch über Schlaglochpisten rumpelte, half keine Kosmetik mehr.
Jetzt wird richtig viel Geld in die Hand genommen und gründlich saniert, tausende Wohnungen jedes Jahr gebaut und systematisch alle Brücken erneuert.
So erklären sich auch der große Wirtschaftsboom in Hamburg und die enormen Beschäftigungsquoten.
Die Hamburger ärgern sich jetzt aber über die Baustellen.
Würde Scholz aber nicht bauen lassen, hätten wir jetzt noch viel weniger Wohnungen stünden erst recht im Stau, weil kaputte Straßen gesperrt wären. Dann würden sie sich auch ärgern.
Kurzfristig kann nein Senat da nicht gewinnen, aber Scholz macht dafür langfristig alles richtig.

Daher wäre es auch schade ihn an Berlin zu verlieren.
Zumal die hanseatische Opposition ganz besonders unfähig ist und von Skandal zu Skandal stolpert.

Die Law-and-Order-Partei CDU, die bekanntlich 2001 den priapistischen, dauergeilen Vielficker und Maximalkokser Roland Schill zum Innensenator machte und dann miterlebte wie die Hälfte der CDU-Senatoren wegen Lügen und Untreue verklagt wurde, ist gegenwärtig mal wieder beim Koks angekommen.

Der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende in meinem Bezirk Hamburg-Mitte, der CDU-Ortsvorsitzende von Finkenwerder und stellvertretende Vorsitzender des CDU-Landesausschusses Matthias Lloyd ist offenbar ein Kokain-Dealer.

[….] 27 Gramm Kokain, Polizeigewahrsam, dazu die Ermittlungen wegen des Verdachts der Beihilfe zum Drogenhandel – die Nachricht der Hausdurchsuchung samt Drogenfund bei CDU-Politiker Matthias Lloyd (38) sorgt für mächtig Wirbel in der Parteizentrale der Union des Bezirks Mitte. [….]  Sollten sich die Vorwürfe erhärten, dann drohen ihm bis zu 15 Jahre Knast!   Wie die „Bild“ berichtet, wurden am vergangenen Dienstag 27 Gramm Kokain bei Lloyd gefunden. Der 38-Jährige soll außerdem anschließend von der Polizei einkassiert worden sein. Neben dem Besitz geht es bei den Vorwürfen auch um die „Beihilfe zum Drogenhandel in nicht geringer Menge“, wie Carsten Rinio, Sprecher der Staatsanwaltschaft, [….] bestätigt. [….]

[….] Den aktuellen Stand der Ermittlungen fasste Oberstaatsanwältin Nana Frombach am Montag so zusammen: "Es wird Herrn Lloyd die Beihilfe zum unerlaubten Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge vorgeworfen. Es besteht ein Anfangsverdacht, deshalb gab es auch eine Hausdurchsuchung bei Herrn Lloyd." [….] "Bei einer Verurteilung droht eine Haftstrafe von drei Monaten bis zu elf Jahren und drei Monaten", sagte Frombach. [….]

Sonntag, 26. November 2017

Immer weiter



In zwei, drei Jahren, wenn Merkel länger Kanzlerin war als Adenauer und sich anschickt Helmut Kohl zu überholen, wird eine in Umfragen um die 18% mäandernde SPD mit ihrem Vorsitzenden, ihren Bundesministern und ihrer Fraktionsführung hadern.
Natürlich wird niemand wie Lafontaine 1995 einmarschieren, um mit stolzgeschwellter Brust den Laden zu übernehmen, weil es auf Landesebene leider keine jungen charismatischen Typen gibt, sondern nur blasse Verwaltungsbeamten, die bestenfalls wie Weil, Scholz oder Sieling ihr Bundesland anständig aber ohne zu glänzen regieren, oder schlimmstenfalls wie Müller Panne an Panne reihen.
Diejenigen, die sich wie Stegner, Groschek oder Schäfer-Gümbel bereits auf Länderebene in die Opposition geschossen haben, kommen ohnehin nicht in Frage.
Das wird so leicht werden für die Redaktionen von Neo-Magazin Royal, Extra 3 und Heute Show die SPD-Statements aus dem September 2017 – wir gehen in die Opposition, Groko kommt nicht in Frage – mit den 2019, 2020 regierenden SPD-Groko-Bundesministern zusammen zu schneiden und billige Gags über Glaubwürdigkeit zu produzieren.

Alles nur, weil Martin Schulz sich durch eine Reihe taktischer Ungeschicklichkeiten in diese NoWin-Situation manövrierte.

Man wird es der SPD verdammt übel nehmen, wenn in den nächsten Jahren weiterhin die soziale Schere auseinanderdriftet, die Vermögenskonzentration rasant zunimmt, während ein Millionenheer aus Pflegern, Krankenschwestern und Geringverdienern dauerhaft von der prosperierenden Wirtschaft abgekoppelt bleibt und man sich drauf einstellen kann als Rentner in Suppenküchen anstehen zu müssen, weil die Grundsicherung nicht ausreicht.

[….] Geiz macht arm[….]
    In weiten Teilen des Dienstleistungssektors schuften Menschen zu Niedriglöhnen: Paketboten, Altenpfleger, Kellner oder Verkäuferinnen bekommen weniger als vergleichbare Jobs in der Industrie.
    Verbraucher müssen auf die Qualität achten, und Politiker müssen Befristungen, Leiharbeit und Minijobs zurückdrängen. [….]

Man wird stinksauer auf die Sozis sein, wenn sie weiterhin zulassen, daß erstmals eine Generation heranwächst, der es finanziell schlechter geht als ihren Eltern.
Keiner wird verstehen wieso Andrea Nahles als Sozialministerin einfach den Fragen auswich, wieso es immer noch kein Rückkehrrecht von Teilzeit- und Vollzeitarbeit gibt.
Man wird die Fraktionsvorsitzende hart angehen, weil ihre Rentenpolitik zu Gunsten der Reichsten ging.
Die Jusos werden stinksauer sein, wenn es weiterhin ungebremst Waffenexporte mitten in die nahöstlichen Krisengebiete gibt, wenn Saudi Arabien mit diesen deutschen Waffen eine beispiellose humanitäre Katastrophe im Jemen auslöst und das obwohl seit Jahren SPD-Wirtschafts- und SPD-Außenminister im Bundessicherheitsrat sitzen und all das absegnen.
Ich werde zürnen, wenn ich als in Deutschland Geborener nach einem halben Jahrhundert immer noch nicht Deutscher werden kann und wie Millionen andere, die seit Jahrzehnten hier leben von Wahlen ausgeschlossen werde.
Ich werde es der SPD nicht verzeihen weiterhin den Familiennachzug auszusetzen und damit nicht nur gegen die Genfer Flüchtlingskonvention, die UN-Kinderschutzcharta und das Grundgesetz zu verstoßen, sondern auch die Integration von Heimatvertriebenen entscheidend zu erschweren.
Polizisten und Sozialarbeiter werden nicht verstehen, wieso es in Deutschland mit einer SPD als Regierungspartei immer noch eine verfehlte, illiberale Drogenpolitik gibt, die Kranke bestraft und Dealer reich macht.
Humanisten und weitere 80% der Bevölkerung empören sich zu Recht, wenn mit den SPD-Stimmen inhumane quälerische und entmündigende Gesetze bezüglich des assistierten Suizids und der Patientenverfügung durchgedrückt werden.
Atheisten werden sich abwenden, wenn die Kirchen mit Protektion der Groko weiterhin ihr diskriminatorisches Arbeitsrecht behalten dürfen und mit Milliarden-Privilegien vom Steuerzahler überschüttet werden.
Umweltschützer werden Zeter und Mordio schreien, wenn nach den schwarzgelben Jahren 2009-2013 ausgerechnet ab 2014 mit einem Sozi-Energieminister und einer Sozi-Umweltministerin Deutschland auf Trump macht und sogar wieder mehr CO2 ausstößt.
Während die extrem wirtschaftsfreundlichen Regierungen von England und China mutig das Ende des Verbrennungsmotors einleiten und damit auf neue Technologien setzen, befindet sich die deutsche Regierung noch auf dem Stand der 1950er Jahre und propagiert immer größere und immer mehr Spritschlucker.

Sigmar Gabriel (* 12. September 1959 in Goslar), seit Dezember 2013 Stellvertreter der Bundeskanzlerin und seit Januar 2017 Bundesminister des Auswärtigen, grätschte ohne Not den eigenen Klimazielen wie ein Mini-Trump dazwischen.
Gabriel machte sich zu seinem Ministerabschied noch mal zum billigen Lobbyhansel der Autoindustrie und untergrub die weltweiten Klimaschutzbemühungen.

[…..] Gabriel setzt sich laschere Grenzwerte ein. Auch Außenminister Sigmar Gabriel passten die neuen Grenzwerte anscheinend gar nicht: Er beklagte in einem Brief an die EU-Kommission, dass solche Vorschriften die Innovationskraft der der Autoindustrie “ersticken” würden.
[…..] In dem Schreiben forderte Gabriel, die neuen Ziele zunächst bis 2025 zu überdenken und keine Strafen für Hersteller einzuführen, die die Vorgaben nicht einhalten.
Vor allem Quoten für Elektroautos, so fürchtet Gabriel, würden zu stark in den Markt eingreifen und so den Autoherstellern schaden. Die neuen Regelungen, schreibt der Außenminister, würden Nachteile für die deutsche Autoindustrie bedeuten, die “durch ihre langjährige Expertise und ihre Wettbewerbskraft (...) Arbeitsplätze sichert.” […..]

Bekanntlich braucht man beim Bau von umweltfreundlichen Autos ja keine Arbeitskraft, so daß dann alle arbeitslos werden. Und die paar Hunderttausend Kinder, die durch die gewaltige Stickoxidbelastung an Asthma und COPD leiden, sind für Gabriel genauso irrelevant wie die Myriaden Menschen, die in Folge des beschleunigten Klimawandels jedes Jahr sterben. Der Ex-SPD-Chef versteht sich lieber als Büttel der bewiesenermaßen kriminellen und raffgierigen Großindustrie.

Soll das die Erinnerung an die SPD-Regierungsanteile sein?

[….] Seit mehr als zwei Jahren schlingert Volkswagen durch den Abgasskandal, macht hier ein vages Versprechen, gelobt dort halbherzig Besserung. Doch ausgerechnet jetzt findet der Konzern seine Entschlossenheit wieder. VW torpediert, als wäre nichts geschehen, die neuen Abgasvorgaben der Europäischen Union. Das für sich wäre schon unverschämt – doch der eigentliche Skandal ist: Volkswagen hat mit seinen dreisten Lobbypositionen auch noch Erfolg. [….]
Und selbst der scheidende Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) entdeckte den VW-Pressesprecher in sich: "Mir ist es deshalb ein großes Anliegen, dass wir die Innovationskraft der Automobilindustrie nicht durch zu eng gestrickte EU-Gesetzgebung ersticken", schrieb er an Juncker. Es geht um weniger Autoabgase und bessere Luft – und Gabriel findet keine andere Metapher als ausgerechnet "Ersticken". [….]
(….)

Das wird die SPD alles gar nicht beliebt machen.
Demoskopen werden zuverlässig neue Tiefstmarken liefern und derart unter Druck wird Martin Schulz nur noch getriebener wirken und die auseinander strebenden Parteiflügel nicht unter Kontrolle bekommen.

Jusos und andere SPD-Linke ziehen daraus die Konsequenz lieber gleich in die Opposition zu gehen, einen auf Lindner zu machen, um sich nicht die Hände schmutzig zu machen.
SPD-Realos und Seeheimer hingegen betonen die überparteiliche Verantwortung für Bürger und Staat. Das Wohlergehen der eigenen Partei dürfe nicht den Interessen der Nation übergeordnet werden.
 Eine funktionierende Regierung Deutschlands wäre auch für internationale Politik unverzichtbar.

Beiden Denkansätzen basieren offenbar auf der gleichen Grundannahme. Das Regieren als Juniorpartner in einer GroKo bekommt der Partei nicht, man werde zwangsläufig wirtschaftsfreundliche Lobbypolitik machen und dafür von den Linken gehasst.

Ich plädiere allerdings für einen anderen Weg unter anderen Prämissen.
Ja, es kann sein, daß die politische Großwetterlage die Sozis gewissermaßen in eine neue Groko zwingt.
Jede Ausschließeritis ist daher falsch.
Eine Groko muss aber nicht zwangsweise schlecht sein; nach drei Jahren als Kanzler-Juniorpartner ging die Brandt-SPD 1969 (42,7%!) so gestärkt aus der GroKo, daß sie die CDU in die Opposition schubste und selbst den Kanzler stellte.

Voraussetzung dafür ist natürlich richtig gut zu regieren und mit Rückgrat die eigene Linie zu vertreten, statt heimlich in Brüssel oder im Bundessicherheitsrat die schmutzigen Dinge durchzudrücken.

Die SPD hat jetzt die Möglichkeit sich teuer zu verkaufen und der CDU entscheidende Fortschritte bei den oben genannten Punkten abzutrotzen.
Schluss mit Hinterzimmerdeals, beschönigenden Statements von Zickzack-Sigi und einer sich wegduckenden Nahles.
Wir brauchen keine netten Minister, sondern Durchsetzungsfähige.
Lauterbach statt Gröhe.
Und ja, als kleiner Partner kann man nicht alles durchsetzen (daher wäre eine Kenia-Koalition tatsächlich besser), aber wenn die Sozis bei einem Sachthema an der Union scheitern, also Glypohosat weiterhin genehmigt wird oder der Mindestlohn unterlaufen werden darf, dann soll jeweils die gesamte SPD-Ministerriege eine dramatische Pressekonferenz geben, in der dem Volk eingehämmert wird, daß Gesetz x oder Entscheidung y wegen des Koalitionsvertrages auf Druck der CDU so gemacht werden musste, daß aber die SPD in einer Alleinregierung anders entschieden hätte und zwar folgendermaßen a,b,c mit diesen konkreten Auswirkungen d,e,f für die Bürger.
Koalitionsvertragstreues Handeln, aber gleichzeitig offensive Kommunikation, die ununterbrochen anprangert was die Union aus SPD-Sicht falsch macht.

Wenn die Bürger ob der guten Regierungsarbeit und des für Frau Merkel brutalen Koalitionsvertrages deutliche Verbesserungen bemerken, wird die SPD im Jahr 2020 nicht bei 15, sondern bei 30 oder 35% stehen und dann wird sich auch niemand mehr an das „nie mehr Groko-Gejammer“ von 2017 erinnern.

Samstag, 25. November 2017

Er sie es



Vanja hat sich nicht ausgesucht welches Geschlecht er/sie hat.
Er/sie wurde wie etwa 100.000 weitere Menschen in Deutschland weder als Mann noch als Frau geboren.
Nicht in die biblischen Schablonen zu passen bedeutete über Jahrtausende entweder gleich getötet zu werden oder später gequält zu werden. In den letzten 100 Jahren wurden schon Säuglinge rücksichtslos so operiert, daß sie zwangsweise häufig sterilisiert und immer äußerlich in ein (meist falsches) Geschlecht gezwungen werden.
Das ist zutiefst menschlich, denn Menschen sind abartige, grausame und vorurteilsbeladene Wesen, die das töten und quälen, was sie nicht kennen.
Auch ich erfasste erst vor etwa 20 Jahren bei der Lektüre von und über Del Lagrace Volcano welche unfassbare Grausamkeit heimlich, still und leise an tausenden Kindern jährlich begangen wird.

Immerhin erfreulich, daß es im Jahr 2017 kurz nach der „Ehe für fast alle“ (einige bleiben weiterhin ausgeschlossen) nicht mehr erneut Jahrhunderte dauerte, bis Intersexuelle auch rechtlich ein eigenes Geschlecht bekamen.

[….] Bei Frauen ist es XX, bei Männern XY. Vanja hatte nur ein X, mehr nicht. Die Ärztin war geschockt.
Vanjas Reaktion? Verwirrt. Erschreckt. Aber auch einen Schritt näher bei sich selbst. "Irgendetwas in mir hat ja gewusst, dass sich da keine Weiblichkeit entwickelt." Nur: Wer oder was war Vanja nun? Die ärztliche Diagnose klang nach Frau mit Defekt, sie könne eben keine Kinder kriegen: "45,X0, numerisch pathologischer Karyotyp mit Monosomie X/Ullrich-Turner-Syndrom". Das ist nur eine der diversen Varianten medizinisch unklarer Geschlechtszuordnung; mal sind es die Gene, mal fehlende Enzyme oder hormonelle Fehlsteuerungen.
 […..]  Die Mediziner empfahlen, Östrogen zu geben, das weibliche Sexualhormon. Vanja sollte doch noch die Kurve zur Frau kriegen.
Letztlich entsprach das einer rigiden Haltung, die sich im 19. Jahrhundert herausgebildet hatte. Davor, etwa im Preußischen Allgemeinen Landrecht von 1794, hatten Betroffene bis zum 18. Lebensjahr das Recht, einen Irrtum der Eltern bei der Geschlechtszuordnung zu korrigieren - das Recht also, das eigene Geschlecht zu wählen, wenn auch nur zwischen zwei Möglichkeiten. Hundert Jahre später wurde aus dem Wahlrecht eine behördliche Zuweisung: Einzutragen war das "wahre Geschlecht" - im Zweifelsfall mussten die Mediziner entscheiden.    Aus diesem Zwang zur Eindeutigkeit sollte sich eine mitunter barbarische Praxis entwickeln. […..]

Woher kommt diese extreme menschliche Bösartigkeit gegenüber völlig unschuldigen Artgenossen?
Offensichtlich aus der tiefen Borniertheit des Denkens.
Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht.
Es kann nicht sein, was sein darf.
Mensch ist zu denkfaul, um die gewohnten sprachlichen maskulin-feminin-Pfade zu verlassen.

Dabei wußte schon Marcel Reich-Ranicki wie eigenartig deutsche Grammatik ist.

In Deutschland heißt es
die Männlichkeit
der Feminismus und
das Weib.

Und wer hat noch nicht die verblüffte Reaktion eines Italieners erlebt, wenn man ihm erzählt bei uns hieße es der Mond und die Sonne, der Südländer aber „il sole“ als männlich und „la luna“ natürlich als weiblich kennt?

Und was ist mit den verrückten Engländern und Amerikaner ganz ohne geschlechtliche Artikel auskommen. Ihnen genügt „the“, bzw „a“. Was ist denn das für eine Gleichmacherei?
Aber die duzen ja auch jeden. Unverschämtheit.

Ist man deutschsprachig aufgewachsen, wirkt es ausgesprochen absurd statt „er“ und „sie“ nur noch „es“ zu sagen.

Die Gewöhnung ist der Schlüssel. Mensch ist zu träge und tumb, um sich an einen anderen Sprachgebrauch anzupassen.

Insofern bin ich auch nicht sehr optimistisch, daß die frommen Schweden es schaffen die liebe Göttin zukünftig als Intersexuelle(n) anzusehen.
Anders als bei Vanja kam man dem wahren Geschlecht Gottes allerdings nicht durch eine Genanalyse auf die Spur, sondern durch Recherchen der Erzbischöfin Antje Jackelén, der Chefin der Schwedischen Kirche. Es waren offensichtlich mal wieder die verrückten 80er Jahre, als sich Männer schminkten und die Haare hochtoupierten. Da fiel Gott glatt der Penis ab.

 "Die Idee, dass wir eine inklusivere Sprache brauchen, existierte bereits während der Arbeit zum Handbuch 1986. Theologisch wissen wir, dass Gott jenseits unserer Geschlechtsbestimmungen ist. Gott ist kein Mensch."
(Antje Jackelén)

In Deutschland kommen solche Pläne gar nicht gut an.
Vor einigen Jahren hatten die theologische Blitzbirne Margot Käßmann und ausgerechnet die ultrakonservative Familienministerin Kristina Schröder eroiert, ob der deutsche, protestantische Gott ebenfalls eine Transe sein könne.
Das ging ihren Kabinettskolleginnen allerdings gewaltig auf die Eierstöcke.

[…..]  Kristina Schröder brachte einst als Familienministerin das religiöse Weltbild einiger Mitmenschen ins Wanken. Auf die Frage, warum man eigentlich zu "dem lieben Gott" bete und nicht "zu der Gott", sagte sie in der Zeit: "Ganz einfach: Für eins musste man sich entscheiden. Aber der Artikel hat nichts zu sagen. Man könnte auch sagen: das liebe Gott."
Diese Aussage der CDU-Politikerin sorgte rund um Weihnachten 2012 für einigen Wirbel. Christine Haderthauer von der CSU schimpfte, dass sie "dieser verkopfte Quatsch sprachlos" mache. CDU-Kollegin Katharina Reiche beschloss: "Der liebe Gott bleibt der liebe Gott!" Sogar die Bundeskanzlerin wurde aufgefordert, sich zum göttlichen Artikel zu äußern. Ihr Sprecher Steffen Seibert erklärte also: "Wer an Gott glaubt, dem sind die Artikel egal." Der Ausdruck "der liebe Gott" habe in den Herzen vieler Menschen seit Jahrhunderten einen Platz. [……]

Es ist eben, wie immer eine Frage der Gewöhnung.
Wer 2.000 Jahre lang den Gott als „Vater“ ansprach, seine nackten männlichen Körper am Kreuz betrachtete und schließlich auch all die Bilder vom ihm mit wallendem Vollbart kannte, tut sich schwer damit eine grammatikalisch-angleichende Operation vorzunehmen.

Und zu was eigentlich? Ist Gott/Göttin nun ein Hermaphrodit, oder eher so was wie ein Eunuch?
Papst Ratzi schreibt seiner Biografie Jesus von Nazareth, Band eins, Seite 174, "Natürlich ist Gott weder Mann noch Frau“ – und dachte womöglich dazu sondern eine zölibatäre Frauenverachterin mit einem Faible für bunte Kleiderso wie ich.
Endgültig geklärt ist der Sachverhalt leider immer noch nicht, weil Gott sich so selten auf der Erde blicken lässt, seit Fotoapparate erfunden wurde.
Und auf Facebook oder Twitter ist er auch nicht. So lange er uns kein Dickpick schickt, müssen wir also weiterrätseln.

[…..][…..]  In Uppsala entschied das 251-köpfige Entscheidungsgremium der evangelisch-lutherischen Kirche mit großer Mehrheit, künftig darauf hinzuwirken, geschlechtsneutrale Begriffe für Gott zu verwenden. […..] Die Vorsitzende des Gottesdienst-Ausschusses der Kirche, Sofija Pedersen Videke, sagte: "Gott ist viel größer als das Geschlecht. Wir Menschen haben ein Geschlecht, aber Gott ist jenseits davon. Egal, welche Bilder wir verwenden, wir können niemals alles abdecken, was Gott ist." […..] Einig sind sich die Theologen darin, dass Gott keinesfalls ein Neutrum sei. Sich Gott als Sache vorzustellen oder unpersönliches Wesen widerspreche der Lehre und der Auffassung von Gott als Person. Insofern beschwerte sich die Schwedische Kirche auch bei einigen dänischen Zeitungen, die berichteten, dass in Gottesdiensten nun das geschlechtsneutrale Personalpronomen "hen" für Gott eingesetzt werden solle. Das Wort wurde erst 2015 ins Standardwörterbuch der schwedischen Sprache übernommen, als Ergänzung zum männlichen "han" und weiblichen "hon".
[……]