Samstag, 15. Juni 2019

Spenden-TÜV



Da ist dieser ältere Herr zwei Häuser weiter. Er lebt allein, sehr bescheiden, hat aber offenbar eine ganz gute Rente.
Seit er einen schweren Tremor hat, kann er nicht mehr schreiben und daher komme ich regelmäßig vorbei und fülle für ihn die Überweisungsträger aus, damit seine Rechnungen bezahlt werden.
Natürlich bekomme ich dadurch unfreiwillig einen detaillierten Eindruck über seine Finanzen, die neben den Fixkosten vor allem aus kleinen Spenden bestehen.
Jeden Tag wird er bombardiert mit Bettelbriefen und er möchte immer allen etwas geben. Es steht mir nicht zu das zu beeinflussen und viele Spendensammelorganisation engagieren sich für lobenswerte Zwecke, die ich auch unterstütze.
SOS-Kinderdörfer, UNICEF, Médecins Sans Frontières (MSF), Krebshilfe, Mukoviszidose-Stiftung, Welthungerhilfe, Greenpeace, Aktion Deutschland hilft.
Er spendet meist Beträge zwischen 20 und 40 Euro, aber das summiert sich so erheblich, daß er nun schweren Herzens auch einige Spendenüberweisungsträger zerreißt.
Wir müssen also auswählen. Interessanterweise lässt er sich überhaupt nicht von Prominenten auf Bettelbriefen beeindrucken. Da kann uns noch so oft Gerda Hasselfeldt von einem Rotes-Kreuz-Spendenbrief angrinsen. Auch Ulrich Wickert ließ ihn kalt. Ihn interessiert eigentlich gar nicht WER die Spenden sammelt, sondern nur wohin sie gehen
Die Briefe mit Bildern von leidenden Tieren oder hungernden kleinen schwarzen Kindern sind am effektivsten. „Da muss ich doch was geben!“ ruft er dann sofort.
Oder wenn es Dankesgeschenke gibt, die zB das Mutter Theresa-Hilfswerk unablässig verschickt. Mutter Teresa-Plastik-Kruzifixe, Mutter Theresa-Plastik-Rosenkränze, Mutter Teresa Rettungsdecken, Mutter Theresa-Trinkflaschen und natürlich jede Menge Weihnachtskartenvordrucke und Adressenaufkleber.
Ich habe schon eine gewaltige Sammlung mit Mutter-Theresa-Plastik-Merch, weil der alte Herr das gar nicht mehr unterbringen kann und gern an mich weiter verschenkt.

Caritas und Theresa dürfen schon ganz allein mit ihren Plastik-Give-Aways eins der sieben Weltmeere geflutet zu haben.
Die Katholiken sind eindeutig diejenigen mit der höchsten Brieffrequenz. Hat man einmal 30 Euro überwiesen, kommt schon zwei Tage später das nächste Bettelanliegen.
Der alte Herr ist gläubiger, aber nicht praktizierender Christ; ich bin es bekanntlich nicht und so misstraut er mir ein wenig, wenn ich bei der Auswahl der zu bedenkenden Spendensammelorganisationen eher für die staatlichen und weniger für Caritas, Bethel, Diakonie, Christoffel-Blindenmission (CBM), Bodelschwingh oder Mutter Theresa plädiere.
„ich weiß, Du glaubst nicht daran, aber die tun doch so viel Gutes in der Welt“.
Auch im säkularen Hamburg, bei eher kirchenfernen Menschen, gilt die Schirmherrschaft „Kirche“ noch etwas.
Da macht man nichts verkehrt, wenn man sein Geld christlichen Organisationen gibt. Die kümmern sich um Menschen und handeln aus reiner Nächstenliebe.
Dort ist die Rente des kleinen Mannes am besten aufgehoben, wenn man in der Flut der Spendengesuche untergeht.

Und es stimmt ja auch. Gerade die römisch-katholische Kirche ist als Global Player stets der richtige Ansprechpartner. Die wissen wirklich wo der Schuh drückt. Gott sagt ihnen wofür man sich engagieren soll.
Da kann man wenigstens sicher sein, daß das Geld bei den wirklich Bedürftigen ankommt und nicht in der Verwaltung der Spendensummen verbraten wird.
Es freut mich, daß die RKK in den USA mit massiven Spendeneinsatz für besonders notleidende Menschen kämpft, nämlich Kinderficker-Priester, die von den kleinen Bratzen noch Jahre später verklagt werden, nur weil sie ab und zu vergewaltigt, verprügelt und missbraucht wurden.

Einige US-Bundesstaaten wollen sogar die Verjährungsfristen für Kindesmissbrauch und pädophile Vergewaltigungen verlängern. Dann wären die armen päpstlichen Päderasten ja nie mehr sicher vor ihren Opfern!
Das darf nicht sein und daher wurden schon fast elf Millionen Dollar von der RKK ausgegeben, um die Rechte der Vergewaltigungsopfer einzuschränken und die Verjährungsfristen schön kurz zu halten.


 
Es erfreut mein Herz gar sehr, daß Kollekte bei den Gottesdiensten und private Kleinspenden durch den Verein des Stellvertreters Gottes auf Erden sinnvoll und ehrenhaft eingesetzt werden: Für Vergewaltiger und Prügel-Sadisten in Soutane und gegen die kindlichen Opfer.

[…..]   Catholic Church spent $10.6 million to lobby against legislation that would benefit victims of child sex abuse
new report released Tuesday reveals that, over the past eight years, the Catholic Church has spent $10.6 million in the northeastern United States to fight legislation that would help victims of clergy sexual abuse seek justice.
"At the most basic level, we were inspired by frustration," says attorney Gerald Williams, a partner at Williams Cedar, one of four law firms that jointly commissioned the report. "We represent hundreds of people, who have truly been victimized by clergymen in the Catholic Church. We've heard a lot about the church's desire to be accountable and turn over a new leaf. But when we turn to the form where we can most help people and where we can get the most justice — the courts of justice — the church has been there blocking their efforts."
In New York, for example, the Catholic Church spent $2,912,772 lobbying against the Child Victims Act, which Governor Andrew Cuomo ultimately signed into law on February 14, 2019. The act gives survivors more time to seek justice against their abusers, increasing the age at which victims are able to sue from 23 to 55.
Similarly, in Pennsylvania — where in 2018 a grand jury report detailed evidence of more than 300 priests credibly accused of sexually abusing more than 1,000 children — the Catholic Church spent $5,322,979 lobbying to keep current restrictions in place on the statute of limitations in which victims can seek criminal or civil charges against their abusers. […..]

Recht so! Es muss mal ein Ende haben, daß immer nur an die nervigen Victims gedacht wird.
Jahrhundertelang, als die Kirche noch das Sagen hatte, kümmerte sich schließlich auch kein Mensch um die.
Nur weil jetzt ein paar Libtards in den Parlamenten sitzen, darf sich das nicht ändern.
Vielen Dank, liebe RKK, daß ihr ein Herz für die ABUSER, also Euch selbst habt.
Dafür spendet man doch gern!

Freitag, 14. Juni 2019

Going full criminal


Trumps Lügencounter nähert sich der 11.000.
Eine ungeheuerliche Leistung, die Baron Münchhausen vor Neid erblassen; Pinocchios Nase einschrumpfen lässt.

[….]Donald Trump lies more often than you wash your hands every day
In his first 869 days as President, Donald Trump said 10,796 things that were either misleading or outright false, according to The Washington Post's Fact Checker. Do the math and you get this: The President of the United States is saying 12 untrue things a day.
Which is a lot! But it's also hard to wrap your head around how much lying or, uh, misleading that actually is. So, think about it this way: Trump is lying more every day than a majority of Americans wash their hands. According to data from the American Cleaning Institute, just 50% of Americans wash their hands in excess of 10 times a day. […..]

Das schafft man nicht, wenn man lediglich geplant und strategisch lügt
Der große Kolumnist Charles Blow beschrieb das schon nach den ersten Tagen von Trumps Präsidentschaft vollkommen richtig.

(…..) Das erratische Lügen zeichnet #45 nach wie vor aus.

Er lügt nicht taktisch, nicht rational, nicht absichtsvoll.
Er lügt einfach grundsätzlich. Zudem lügt er sehr schlecht, indem er sich ununterbrochen selbst widerspricht.

[….] Trump does not simply have “a running war with the media,” as he so indecorously and disrespectfully spouted off while standing on the hallowed ground before the C.I.A. Memorial Wall. He is in fact having a running war with the truth itself. [….]
Donald Trump is a proven liar. He lies often and effortlessly. He lies about the profound and the trivial. He lies to avoid guilt and invite glory. He lies when his pride is injured and when his pomposity is challenged.
Indeed, one of the greatest threats Trump poses is that he corrupts and corrodes the absoluteness of truth, facts and science. [….]

Der Fakten-Check der Washington Post dokumentiert inzwischen beeindruckende 452 Lügen des US-Präsidenten.  (….)

Erstaunlich, vor zwei Jahren war man noch von ein paar Hundert offenen Lügen beeindruckt.

Trumps Lügen geschehen einfach so, weil er sich genauso wenig um Fakten kümmert wie um Rechtschreibung oder Geschichte.
Es ginge gar nicht anders, weil der bornierte Orang so sagenhaft ungebildet ist, daß er offensichtlich vielfach gar nicht merkt was für einen katastrophalen Unsinn er faselt.

Man erinnere sich nur an seine Erkenntnis, der Erdmond kreise um den Mars.


Oder die peinlich falsche Begrüßung von Prince Charles, den er statt mit „Royal Highness“ mit „Hello Charles“ ansprach – das fiel schon kaum noch auf nach einer Reihe von Verletzungen der Etikette bei Hofe.
Daß sich der Prolet nicht zu benehmen weiß, wird niemand überraschen, aber Trump verschlimmert die Situation natürlich noch durch Tweets.
Prince Charles bezeichnete er darin als „Prince of Whales“, also Prinz der Wale, in offensichtlicher Unkenntnis des britischen Landesteils „Wales“.


Juni 2019

Solche auf Trumps grassierende Dummheit zurückgehende Fehler werden von der Washington Post nicht als Lügen gezählt, sondern verschwinden in dem Grundrauschen seiner Rechtschreibschwäche.

Trumps Borniertheit kreiert natürlich auch unablässig Falschaussagen, wenn diese völlig offensichtlich sind.
So schrieb er über seine scheidende Lügenkönigin Sarah Sanders – die Pressesprecherin, die seit 94 Tagen die täglichen Pressebriefings verweigert, weil Trumps Regierung den Medien den Krieg erklärt hat – sie hätte dreieinhalb Jahre im Weißen Haus gearbeitet, obwohl es natürlich nur zweieinhalb waren.


Juni 2019

Es ist schwer zu sagen, ob es sich dabei um sein typisches gewohnheitsmäßiges Lügen handelt, da er alle Zahlen grundsätzlich wüst übertreibt, oder ob es einfach ein Zeichen seiner Ignoranz und Senilität ist. Realität spielt für ihn keine Rolle.

Sich öffentlich derartig zu blamieren kann ihm nicht gefallen – meint man.
Tatsächlich spielt es aber keine Rolle, da seine Anhänger entweder zu dumm sind, um diese groben Peinlichkeiten und Lügen zu bemerken, oder aber es stört sie nicht.
Wer mit Pussygrabben prahlt, Behinderte verunglimpft und dennoch gewählt wird, kann natürlich unbeschadet vom Prinz der Wale und Marsmonden plappern.
Die Amerikaner, die das ärgert, aufregt und peinlich berührt, würden (wie ich) ohnehin niemals Trump wählen.

Bedenklicher als seine Doofheit und mangelnde Bildung, die auch völlige Unkenntnis der Rechtslage einschließt, ist aber die Indolenz der amerikanischen politischen Rechten, die achselzuckend echte Verbrechen wie Verrat, Betrug und Bestechung akzeptiert.

Vor zwei Jahren hielt die Welt noch fassungslos den Atem an, als IQ45 im Live-Interview von der Lüge abrückte, er habe den FBI-Chef wegen der Clinton-Ermittlungen gefeuert, sondern zugab, er wollte damit die unangenehmen Russland-Ermittlungen stoppen.
Auskunft darüber erteilte er ausgerechnet während eines Oval-Office-Termins mit dem russischen Botschafter und dem russischen Außenminister.
Kann man sich nicht ausdenken.

Im Sommer 2019 schlägt es schon kaum noch Wellen, wenn Trump im Interview freimütig zugibt sich kriminell und verräterisch verhalten zu wollen, indem er „dirt“ aus chinesischen oder russischen Quellen über politische Gegner annehme.
Illegal = scheißegal unter diesem Präsidenten.

Ellen L. Weintraub, die Chefin der United States Federal Election Commission (FEC) fiel aus allen Wolken.

[…..] The head of the Federal Election Commission issued a scathing response Thursday night to President Donald Trump's willingness to receive foreign dirt on political opponents, saying doing so "risks being on the wrong end of a federal investigation."
"Let me make something 100% clear to the American public or anyone running for public office: It is illegal to solicit, accept, or receive anything of value from a foreign national in connection with a U.S. election," Ellen Weintraub, a Democrat, tweeted.
She prefaced the statement on Twitter by writing, "I would not have thought that I needed to say this." [….]



Da aber nicht nur Trump Gesetze und Verfassung ignoriert, sondern seine GOPer im Senat ihm dabei folgen, ist dieser Mann immer noch im Amt.

Nach zweieinhalb Jahren sind sämtliche Mitarbeiter, die auch nur über winzigste Rudimente von Anstand verfügten abgehauen und durch ebenso skrupellose Kriminelle ersetzt worden.
Aus der ursprünglichen Mannschaft sind nur noch Vize Pence und Chefberaterin Conway übrig.
Während Ersterer tumb alles aussitzt, so lange er seiner Passion frönen kann Schwule zu diskriminieren (vor drei Tagen setzte er einen Bann von Regenbogenbeflaggung aller amerikanischen Konsulate und Botschaften während der Pride-Umzüge durch), steht Conway stets in erster Reihe, wenn es darum geht zu lügen wie gedruckt und Gesetze zu brechen.

Schon seit zwei Jahren verstößt Conway gegen den Hatch-Act aus dem Jahr 1939, der Vertretern des Weißen Hauses verbietet sich in offizieller Funktion in Wahlkämpfe einzumischen.
Auch Conway sind Gesetze und Regeln aber egal. Nachdem sie bereits im März 2018 offiziell abgemahnt wurde, macht sie einfach weiter mit ihren Hatch-Verstößen. Wieso sollte sie sich an Gesetze halten, wenn es ihr Chef auch nicht tut? Selbst wenn sie dafür Ärger vor Gericht bekäme, würde Trump sie sofort begnadigen.

[…..] A federal agency recommended firing President Trump’s counselor, but he said he would not comply. […..] The United States Office of Special Counsel issued a report on Thursday recommending that Kellyanne Conway, an aide to President Trump who frequently defends him on television, be fired for “persistent, notorious and deliberate Hatch Act violations.”
President Trump said on Friday that he would not comply. “No, I’m not going to fire her,” he told Fox News.
On Thursday, the White House counsel, Pat A. Cipollone, had shot back in a letter that the Office of Special Counsel’s conclusions about Ms. Conway were based on “numerous grave, legal, factual and procedural errors.” [….]

Unter der Trumpschen Kakistokratrie, verteidigt das Staatsoberhaupt nicht nur nicht die Verfassung, sondern er setzt alles daran sie auszuhebeln und zu pervertieren.
Dafür müsste man ihn sofort impeachen.
Aber die Väter der amerikanischen Verfassung haben nicht voraussehen können, daß eine gesamte Parlamentskammer und die Hälfte der Presse gleichzeitig ebenso verkommen sein können.


Soweit sind wir gekommen in den USA. Der Schaden ist nicht mehr gut zu machen.

Donnerstag, 13. Juni 2019

Japanese Whispers – Teil II


Schon seit einigen Jahren schwappen erstaunte Berichte über das Massenphänomen der Hikikomori aus Japan zu uns.

(….)Ich frage mich aber, ob das relativ neue Phänomen der Hikikomori nicht in Wahrheit die Kehrseite der massenhaft unterdrückten Exzentrik ist.
Gehen Millionen Japaner aus Notwehr gegen die ihnen unmögliche totale Anpassung und Unterordnung in die innere Immigration?

Als Hikikomori (jap. ひきこもり, 引き籠もり oder 引き篭り, „sich einschließen; gesellschaftlicher Rückzug“) werden in Japan Menschen bezeichnet, die sich freiwillig in ihrer Wohnung oder ihrem Zimmer einschließen und den Kontakt zur Gesellschaft auf ein Minimum reduzieren. [….]   Das japanische Gesundheitsministerium definiert als Hikikomori eine Person, die sich weigert, das Haus ihrer Eltern zu verlassen, und sich für mindestens sechs Monate aus der Familie und der Gesellschaft zurückzieht. Es gibt allerdings auch Fälle, in denen Hikikomori für Jahre oder sogar Jahrzehnte in dieser selbst gewählten Isolation bleiben.
Beschrieben wurde das Phänomen erstmals durch den japanischen Psychologen Tamaki Saitō, der auch den Begriff prägte. Er behauptete, es gäbe in Japan (ca. 127 Millionen Einwohner) mehr als eine Million Hikikomori.
(Wikipedia)

Über die Ursachen wird viel spekuliert.
Vermutlich werden Hikikomori mit dem Druck in der Schule überfordert, leiden unter Mobbing („Ijime“) und scheitern dann an dem Übergang ins Erwachsenenleben.
Erschwerend kommt hinzu, daß auch in Japan die wirtschaftliche Lage angespannt ist und Jobs schwerer zu finden sind.

Kinder, die einfach zu Hause in ihrem Kinderzimmer sitzen bleiben, bis die Eltern sterben, gibt es immer mehr.

Joe [35 Jahre] ist einer der vielen jungen Japaner, die sich von der Gesellschaft abkapseln und ganz auf sich selbst zurückgezogen leben. Er ist ein „Hikikomori“, einer, „der sich zurückgezogen hat“. Ihre Anzahl wird auf über eine Million geschätzt, vielleicht sind es auch deutlich mehr, und sie erzählen viel über das heutige Japan. [….] Und nun gehe ich mit Joe allein in sein Kinderzimmer unter dem Dach. Er richtet seine Matratze vom Fußboden auf und lehnt sie senkrecht an die Wand, damit wir Platz haben. Wir setzen uns an seinen Schreibtisch, das einzige Möbelstück. Fast komme ich mir vor wie in einer Zelle. Das liegt nicht an der Enge, die ist normal in Japan. Es liegt daran, dass Joe die Fenster mit Papier verklebt hat. „Ich möchte nicht, dass mir die Leute von den benachbarten Bürogebäuden ins Zimmer schauen können“, sagt er. Zudem will er nichts vom Berufsverkehr draußen mitbekommen. Er sagt: „Am unerträglichsten ist es, wenn ich morgens all die Pendler sehe, die vom Bahnhof kommen und zur Arbeit gehen.“ In solchen Momenten wird ihm jedes Mal bewusst, dass er die Erwartungen nicht erfüllt hat. [….] Dass er anders ist, das zeigte sich schon früh. Bei der Schulgymnastik drehte er sich nach rechts, wenn er sich nach links drehen sollte. Ständig kam er auf eigene Ideen, seinen Lehrern und Mitschülern ging er damit bald auf die Nerven. Abweichler haben es schwer in japanischen Schulen, wo das Lernziel Anpassung heißt, nicht Kritikfähigkeit. […] Japan befinde sich in einer tiefen Sinnkrise, sagt Psychiater Takagi. Spätestens nach der erfolgreichen Jobsuche würden viele Uni-Absolventen in ein Loch fallen. „Sie verstehen plötzlich nicht mehr, wofür sie gelernt haben, wofür sie überhaupt leben. Sie werden depressiv.“ Hinzu kommt, dass die japanischen Konzerne im Zuge der Globalisierung massenhaft Fabriken in Billiglohnländer wie China verlagert haben. Die lebenslange Arbeitsplatzgarantie und die automatische Beförderung gelten für immer weniger Beschäftigte. Rund 40 Prozent der Japaner arbeiten mittlerweile ohne feste Anstellung. Joe kapselte sich ab, bei seinen Eltern hat er ja alles, was er braucht: Essen, Bett, Computer. Ein Handy besitzt er nicht, aber wen sollte er auch anrufen?
(Der SPIEGEL 05.01.15 s. 89 f)

Vielleicht ist es an der Zeit eine neue Minderheit in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit zu rücken.
Nach Frauen, Schwarzen, Schwulen und Atheisten muss sich die Welt auch auf Konformitätsverweigerer, Sozialphobiker, Exzentriker und Unangepasste einstellen, die derzeit eher versteckt werden und jährlich zur Freude der Pharmakonzerne viele Millionen Packungen Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer und Neuroleptika verzehren. (…..)

Offenbar gab es in den letzten paar Jahren kein Rezept der inneren Immigration entgegen zu wirken.
Japaner werden immer ungeselliger und asexueller.
Auch in Deutschland wird bereits (zB von Prof. Karl Lauterbach) ein „Einsamkeitsministerium“ gefordert, da sich immer mehr Menschen durch Smartphones, soziale Medien und vor allem Computerspiele erst in eine virtuelle und dann eine isolierte Welt zurückziehen.

[….] Vor ein paar Tagen brachte der Gesundheitsabgeordnete der SPD Karl Lauterbach eine seiner Ideen jetzt schon zum zweiten Mal vor. "Bisher wurde die Zahl der Krankheiten, die durch Einsamkeit ausgelöst werden, unterschätzt", sagte er der "Welt am Sonntag". "Neueste Forschungsergebnisse beweisen, dass diese häufig psychischen Leiden wie Depressionen, Angststörungen, aber auch starke Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems oder Demenz auslöst."
Lauterbach richtet den Blick deshalb nach Großbritannien: Dort wurde schon Anfang letzten Jahres ein "Einsamkeitsministerium" eingerichtet, das sich darum kümmern soll, Menschen aus ihrer Einsamkeit herauszuhelfen. Ähnlich solle das laut Lauterbach auch bei uns in Deutschland ablaufen. [….]

Die zunehmende Vereinsamung der Menschen auf Internet-Games zurückzuführen, ist natürlich zu monokausal.
Es gibt viele andere Ursachen, wie zum Beispiel die immer geforderte Job-Flexibilität, die Menschen dazu bringt, immer wieder ihr gewohntes soziales Umfeld zu verlassen und sich an neuen Orten einzufinden.

Einsamkeit muss man sich außerdem leisten können, denn das Alleinsein funktioniert nur ab einem gewissen Wohlstand, der jedem Individuum einen eigenen Haushalt erlaubt. Der ökonomische Boom beschleunigt also auch den Trend zum Singledasein. Wozu früh heiraten oder bei den Eltern wohnen, wenn man sich auch eine eigene Wohnung mit allen Freiheiten leisten kann?

Allein zu leben wird allerdings immer noch gesellschaftlich geächtet. Man unterstellt Menschen, die allein sind, automatisch auch einsam zu sein; dabei sind das natürlich zwei völlig verschiedene Phänomene.
Einladungen richten sich an Paare, Singles müssen sich immer wieder unangenehme Fragen anhören – „wieso findest du keinen Partner? – und natürlich propagieren alle Parteien und die gesamte Werbeindustrie wie selbstverständlich immer das Bild von der Familie, protzen damit Familien zu fördern, geben gewaltige steuerliche Nachlässe für die bloße Tatsache verheiratet zu sein.
Wer in einer Stadt wie Hamburg, die über 50% Singlehaushalte aufweist, vor Wahlen gezielt die Parteiprogramme durchsucht, um festzustellen, welche Partei sich für Singles engagiert, findet keine einzige.
All das führt zu einer unterschwelligen kontinuierlichen Diskriminierung Alleinstehender, die zu allem Übel auch noch bedauert werden.
Wer aber nicht einsam ist, will kein Mitleid.

Meiner Ansicht nach ist die logische Fortsetzung dieser Gemengelage bei zunehmender ökonomischer Unsicherheit, tatsächlich der völlige soziale Rückzug.
Auch in Deutschland gibt es Hikikomori. Sie nennen sich aber nicht so, werden nicht als solche erkannt und fallen natürlich nicht auf.
Schon gar nicht in einer Medienwelt, die Hochzeits- Verkupplungs- und Datingshows produziert, die ganz selbstverständlich davon ausgehen, jeder Single wolle das schreckliche Singledasein unbedingt beenden.
Klar, daß sich diejenigen, die gern Single sind, oder auch die Einsamen, für die aber keine Partnerschaft in Frage kommt, zurückziehen.

In Japan ist man uns voraus.
1,2 Millionen Hikikomori leben mittlerweile komplett isoliert und spartanisch meist in ihrem ehemaligen Kinderzimmer.

Das kann außerordentlich bedenkliche Folgen haben.

Der 44-Jährige Tokioer Eiichiro, Sohn des Vize-Landwirtschaftsminister und späteren japanischen Botschafters in Prag Hideaki Kumazawa, war fast drei Jahrzehnte Hikikomori. Niemand wußte davon, da Mitleid keine japanische Tugend ist. Es wäre außerordentlich ungehörig über seine privaten Probleme zu sprechen, oder gar um Hilfe zu bitten und so breiteten seine Eltern aus Scham über die Erfolglosigkeit ihres Sprösslings einen Mantel des Schweigens über ihn.  Persönliches Leid muss in Japan unter allen Umständen verheimlicht werden.
Bis letzte Woche.
Da erstach Hideaki Kumazawa seinen Sohn – um Schlimmeres zu verhindern. Anschließend rief er gefasst und höflich die Polizei; sie möge ihn abholen; er habe gerade sein Kind töten müssen.

 […] Viele Hikikomori terrorisieren ihre Angehörigen, vor allem ihre Mütter. Verbrechen aus dieser Bevölkerungsgruppe gab es dagegen bisher kaum. Bis vorvergangenen Dienstag ein Hikikomori wegen einer grausamen Tat in die Schlagzeilen geriet: Der 51-jährige Mann überfiel in Noborito am Rande von Tokio mit zwei Messern bewaffnet wildfremde Menschen, die auf ihre Busse warteten, unter ihnen viele Schulkinder. Er tötete eine Elfjährige und einen Diplomaten und verletzte 17 weitere Personen, die meisten davon Kinder. Danach richtete er sich selbst. Sein Motiv ist unklar, aber japanische Medien suchen die Ursache des Amoklaufs in der sozialen Isolation des Täters. Die Tat in Noborito und die Berichte darüber erschreckten den früheren Vizeminister Kumazawa. Er sagte im Polizeiverhör, er habe befürchten müssen, sein Sohn könnte den Täter kopieren. […] Der 44-jährige Sohn des ehemaligen Vizeministers hatte sich seit seiner Unizeit in der eigenen Wohnung isoliert, die Mutter kam regelmäßig zum Saubermachen. Dabei soll der Sohn sie oft geschlagen haben. […]
Am vorvergangenen Wochenende, drei Tage vor der Tat von Noborito, war der Sohn ungebeten ins Haus seiner Eltern zurückgekehrt. Er nistete sich im Erdgeschoss ein. Das alte Paar zog sich nach oben zurück und versuchte, so geräuschlos wie möglich zu sein. Dennoch habe der Sohn sie angegriffen, er sei gewalttätig geworden. Beide erlitten Prellungen. Wütend schreiend soll er sich vorigen Samstag über den Kinderlärm von der benachbarten Schule beschwert haben. "Ich werde sie alle umbringen." Danach will der Vater seiner Frau gesagt haben: "Wenn er wieder gewalttätig wird, ist die einzige Lösung, ihn zu töten." Wenige Stunden später rief Kumazawa die Polizei, er habe seinen Sohn mit einem Küchenmesser erstochen. [….]