Montag, 4. April 2016

Hamburg ist schön



Aufgrund seiner geographischen Lage, nah an zwei Meeren und der Geschichte als Hansestadt, die nie von Adeligen beherrscht wurde, entwickelte sich Hamburg zu einer bedeutenden, multikulturellen Handelsstadt.
Hamburg hat mit fast 100 Konsulaten zusammen mit Hong Kong und New York eins der größten drei Konsularcorps der Welt.
Hamburgs Wirtschaft wird wesentlich durch seine internationalen Beziehungen und dem zweitgrößten Containerhafen Europas geprägt.

In Relation zur Größe Hamburgs – mit 1,7 Millionen Menschen sind wir gerade mal die Nummer 134 in Liste der größten Städte der Welt, liegen hinter Wien, Bukarest, Mossul, Basra, Sapporo etc – sind wir durch die lange Handelsgeschichte und den Hafen ohnehin extrem international aufgestellt. Hamburg hat die zweitmeisten [oder drittmeisten? – T.] Konsulate der Welt und 40% der Hamburger haben einen sogenannten „Migrationshintergrund“.
(Olympi-Nein, 19.11.2015)

Dessen muß man sich bewußt sein als Hamburger. Wir sind eine schöne und große Stadt, aber wir spielen selbstverständlich noch lange nicht in der Weltstadt-Liga mit.
Das merkt man beispielsweise an der derzeit aufgeheizten Immobilienjagd aufgrund der Mikrozinsen.
Die Wohnungen werden teurer, aber nicht exorbitant, weil die sprichwörtlichen reichen Russen und reichen Scheichs und reichen Chinesen sich keine Buden an der Außenalster, sondern in London oder New York kaufen.

In der Morgenpost von heute verrät Edel-Makler Björn Dahler („Dahler and Company“, 42 Niederlassungen), daß man in Hamburg „Durchschnittspreise von 5.500 – 6.500 Euro den Quadratmeter“ zahle. Das könnten sich auch normale Leute leisten. Die Obergrenze für Wohnungspreise läge bei etwa 9.000 Euro und nur an wirklich extrem exklusiven Einzelstandorten (Elbphilharmonie oder Blick über die Außenalster) munkele man von „18.000 bis 35.000 Euro pro Quadratmeter“. Peanuts, verglichen mit Manhattan oder Tokio.

Mal ausrechnen. Kleinfamilie mit zwei Kindern benötigt mindestens 80 qm für vier Zimmerchen. 80 mal 6.000 Euro (Durchschnitt laut Dahler) + 15% Gebühren (Notar/Grunderwerbsteuer/Maklercourtage) = EUR 552.000. So viel hat also ein Durchschnittsverdiener auf der hohen Kante.

Wer keine halbe Mio irgendwo in der Sofaritze versteckt hat, muß entweder mieten oder sich eine Bleibe in einem günstigeren Umfeld suchen.

Nordfriesland. Oder MeckPomm.

Wieso sollte man in Hamburg bleiben, wenn man anderswo für einen Bruchteil der Kosten unterkommen kann?
Dafür gibt es Gründe. In Hamburg sind die Jobs, bei denen man deutlich besser als in Anklam oder Pinnow verdient. Darüber hinaus gibt es enorme Vorteile bezüglich der Infrastruktur, der kluturellen Angebote, der medizinischen Versorgung und des sozialen Lebens.
Und des Todes.
Nirgendwo kann man so schön begraben werden wie in der zweitgrößten Stadt Deutschlands. Der Ohlsdorfer Parkfriedhof ist weltweit einzigartig.

Der Friedhof Ohlsdorf ist der größte Parkfriedhof der Welt. Unter alten Bäumen können Sie hier den grünen Reichtum genießen, für den er zu Recht berühmt ist. Mit seinen 391 Hektar ist er zugleich Hamburgs größte Grünanlage. Hier gedeihen 450 Laub- und Nadelgehölzarten, die Teiche und Bäche sind von Wasservögeln belebt.
Zu jeder Jahreszeit ist der Parkfriedhof eine Oase der Ruhe inmitten der belebten Metropole. Besonders empfehlenswert: ein Spaziergang zur Rhododendronblüte Anfang Juni. Es werden auch zahlreiche Führungen über den Ohlsdorfer Friedhof angeboten.
Auf dem Ohlsdorfer Friedhof kann sich jeder beisetzen lassen, unabhängig von Wohnort und Konfession.

Von Grünen verantwortete Umweltpolitik ist normalerweise ein Grauen und gerade als ich mich ausnahmsweise mal über den Grünen Senator Jens Kerstan freute, weil er die Mittel für Baumpflanzungen verdreifachte und ein beeindruckendes Online-Baumkataster einführte, will der Mann Ohlsdorf an den Kragen.
Pfui.

Ohlsdorf ist nicht mehr ausgelastet genug, weil sich zu viele (auch aufgrund der horrenden Gebühren) lieber einäschern und anonym beerdigen lassen.

Kerstan erkennt hier ein Problem, in das er sofort hineingrätscht.

Als 1877 der Ohlsdorfer Friedhof eröffnet wurde, hatte Deutschland noch einen Kaiser und Ohlsdorf lag weit entfernt von den besiedelten Hamburger Stadtteilen. Seitdem sind auf dem mit fast 400 ha größten Parkfriedhof der Welt rund 1,4 Millionen Menschen beigesetzt worden, darunter viele prominente Einwohner Hamburgs. In den letzten Jahrzehnten hat sich allerdings die Bestattungskultur stark verändert: immer mehr Menschen werden in einer Urne statt in einem Sarg beerdigt, Beisetzungen außerhalb von Friedhöfen, z.B. auf See, nehmen zu während die Zahl der Großfamilien abnimmt.
Wie kann die Zukunft des Friedhof Ohlsdorf vor dem Hintergrund rückläufiger Belegungszahlen langfristig gesichert werden? Welche Chancen ergeben sich durch eine neue Nutzung von Teilen der Grünfläche?

Ein Friedhof dürfte so ziemlich der einizige Ort sein, dessen Sinn und Zweck es ist gerade nicht lärmig, laut und spaßig zu sein.
Hier wird üblicherweise der Toten gedacht, oder aber man nutzt die besondere Ruhe und bedeutungsschwangere Athmosphäre zur Kontemplation.

Hamburg ist schön, aber auch schön voll.
Am Wochenende oder generell bei gutem Wetter sind die großen Parks – rund um die Außenalster, Stadtpark, Elbstrand – grauenvoll überbevölkert.
Am schlimmsten ist es an der Außenalster; dort sind Spaziergänge am Tag fast unmöglich geworden, da Myriaden kläffender Hunde, abertausende Radfahrer und zudem ein unendlicher Pulk widerlich nach Schweiß stinkender Jogger normales Gehen unmöglich machen. Es ist vielmehr ein einziges Ausweichen, Spießrutenlaufen.
Zudem ist Hamburg, die 134. größte Stadt der Welt dem Wahn verfallen unablässig irgendetwas zu veranstalten. Eine aberwitzige Eventisierung der gesamten Innenstadt hat sich durchgesetzt. Kein Wochende, an dem nicht die Straßen gesperrt sind, weil Alstervergnügen, Schlagermove, CSD, Marathon, Cyclassics, Triathlon, Weinfest, Dom, Harleydays oder Motorradgottesdienste das Stadtbild in den immer gleichen lärmigen Klaumauk aus Bierbuden, Würstchen und Humpta-Musik verwandeln.
Einfach unerträglich.

Und den einzigen, den letzten verbliebenen Ort der Ruhe, den Friedhof, will nun der offensichtlich wahnsinnig gewordene Grüne Umweltsenator auch noch eventisieren?
Ich empfinde das als direkten Angriff auf die Ruhe der Toten und mein psychisches Wohlempfinden – ja auch meine Vorfahren gehören zu den 1,4 Millionen in Ohlsdorf Begrabenen.

Gibt es auf dem Friedhof Ohlsdorf bald Yoga-Kurse und Obstwiesen?
Erst mit der Kutsche an schönen Grabmalen vorbeifahren, dann frisch geerntete Äpfel von der Friedhofs-Obstwiese kaufen und zum Schluss noch einen Kino-Film in einer Kapelle sehen – all dies könnte in Ohlsdorf Wirklichkeit werden. Denn: Es gibt zu wenig Bestattungen – der Friedhof wird zum Freizeit- und Öko-Park. [….] Die Umweltbehörde will gut die Hälfte der 400 Hektar großen Fläche nicht mehr als Friedhof, sondern als Naturraum entwickeln. „Ohlsdorf 2050“ nennt sich das Vorhaben.
Rund 20 Fachleute für Stadt- und Grünraumplanung sowie Friedhofs-Experten und Kulturschaffende haben sich vergangene Woche getroffen. Ziel: die Entwicklung neuer Konzepte für den Friedhof. [….] Weitere Ideen: Neue Obstwiesen und der Verkauf der Früchte sind denkbar. Der Friedhof  würde gerne Kutschfahrten über das Gelände anbieten, Kino in Kapellen, eine offene Steinmetzwerkstatt, Museumsräume für besonders geschützte Grabmale und vieles mehr. [….]
Aber es gibt auch Gegenwind für „Ohlsdorf 2050“. Frater Rafael, ein Seelsorger orthodoxen Glaubens, will die Pläne mit einer Petition stoppen. Er hat bereits 500 Unterschriften übergeben.
(Simone Pauls, MoPo, 15.02.16)

Jetzt treibt dieser Grüne mich Atheisten in die Arme des orthodoxen Fraters Rafael.

Wer hätte gedacht, daß ich so konservativ bin, aber die Vorstellung, daß Kerstan den Ohlsdorfer Friedhof und somit auch mein Familiengrab der allgemein Party-Bespaßung anempfiehlt macht mich wütend.
Was maßt der Mann mit dem mickrigen auf vier Jahre ausgelegten Mandat sich an eine 139-jährige Institution zu zerrockern?
Ein absolutes Ausschlußkriterium für die Wahl der Grünen in Hamburg.

Sonntag, 3. April 2016

Leiche Entspannung.



Das muß man Trump lassen: Er ist vermutlich der erste potentielle Präsidentschaftskandidat, der ohne ein politisches Amt und bevor er überhaupt nominiert wurde, außenpolitische Spannungen auslöst.
Der Mann ist so abartig, daß man sich fast auf die Seite Erdogans schlagen möchte, wenn dieser in den USA die GOPer kritisiert.

Bei seinem Besuch in den USA hat der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan Islamfeindlichkeit als Reaktion auf Anschläge von Extremisten beklagt. "Leider sind wir in einer Phase zunehmender Intoleranz und Vorurteile gegenüber Muslimen in den Vereinigten Staaten und der Welt", sagte er vor tausenden Zuhörern bei der Einweihung einer Moschee im 10.000-Einwohner-Ort Lanham im Bundesstaat Maryland.
[……..]  Der türkische Präsident kritisierte ausdrücklich die "hetzerische Rhetorik bestimmter Präsidentschaftsbewerber in den USA". Im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur waren zuletzt die beiden Republikaner Donald Trump und Ted Cruz mit islamfeindlichen Aussagen aufgefallen.

Trump ist unterdessen nicht zu stoppen und orakelt immer abstruserer außenpolitischer Szenarien vor sich hin.

Donald Trump hatte sich im Vorfeld der Nuklearkonferenz dafür ausgesprochen, Japan und Südkorea sollten sich atomar bewaffnen, um der Gefahr durch Nordkorea widerstehen zu können.

Nukleare Waffen einzusetzen – im Nahen Osten, in Europa – kann Trump nicht so ganz ausschließen.


Sogar einen Dritten Weltkrieg spricht der mutmaßliche republikanische Kandidat an.

 Look, I see NATO as a good thing to have – I look at the Ukraine situation and I say, so Ukraine is a country that affects us far less than it affects other countries in NATO, and yet we are doing all of the lifting, they’re not doing anything. And I say, why is it that Germany is not dealing with NATO on Ukraine? Why is it that other countries that are in the vicinity of the Ukraine not dealing with — why are we always the one that’s leading, potentially the third world war, okay, with Russia? Why are we always the ones that are doing it? And I think the concept of NATO is good, but I do think the United States has to have some help. We are not helped. I’ll give you a better example than that. I mean, we pay billions– hundreds of billions of dollars to supporting other countries that are in theory wealthier than we are.

Und da alle anderen NATO-Länder doof sind, kann sich Trump vorstellen, daß sich Amerika unter seiner Präsidentschaft aus dem Bündnis verabschiedet. Viel zu teuer.

“Wir schützen sie und sie bekommen alle möglichen Arten von militärischem Schutz und andere Sachen, aber sie nutzen die USA aus, sie nutzen Euch aus. Ist mir egal! Ich will das nicht! Entweder Sie bezahlen für das, was sie in der Vergangenheit bekommen haben, oder sie treten aus. Wenn die NATO daran zerbricht, dann zerbricht die NATO halt!”, rief Trump seinen Anhängern in Racine im US-Bundesstaat Wisconsin zu.

Die Amerikaner haben inzwischen ob der variierenden innenpolitischen Aussagen des GOP-Frontrunners gelernt ihn als typischen Flip-Floper zu verstehen.
Seine Anhänger stört es nicht; sie verehren ihn immer fanatischer.


Guter Comedy-Stoff.

Es bleibt aber außerordentlich gruselig sich vorzustellen, daß Trump tatsächlich US-Präsident werden könnte.
Und wer will das schon ausschließen angesichts der in weiten Teilen der Bevölkerung als unwählbar geltenden Hillary Clinton, der auch noch Bernie Sanders so schwer zusetzt, daß Menschen wie Susan Sarandon leider komplett den Verstand verlieren.
Susan Sarandon! Das linke Gewissen aller Schauspieler, Vorkämpferin für den gesellschaftlichen Fortschritt seit Dekaden.
Sie würde möglicherweise Trump statt Clinton wählen.

Dem Sender MSNBC sagte die 69-Jährige, sie gehe davon aus, dass der US-Demokrat Sanders die Wähler dazu aufrufen würde, Clinton zu wählen, sollte er im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur unterliegen. Nach ihrem eigenen Votum für den Fall befragt, dass Clinton gegen den Republikaner Donald Trump antritt, sagte sie: "Ich weiß es nicht."
"Ich werde sehen, was passiert", sagte Sarandon und fügte nach dem sichtlichen Schock des Interviewers hinzu: "Wirklich." Sie glaube, dass es vielen Anhängern von Sanders so gehe, dass sie sich nicht überwinden könnten, für Clinton zu stimmen - auch wenn die frühere Außenministerin gegen den umstrittenen populistischen Geschäftsmann Trump antritt.

Was für ein Horrorszenario. Linke Demokraten sind so verärgert über Hillary Clinton, daß sie zu den GOPern überlaufen und Trump wählen?

Wenn das passiert, wird es hohe Zeit sich einen anderen Planeten zu suchen.

Allerdings liegt Clinton auch nach den jüngsten Vorwahlerfolgen Sanders‘ im head-to-head-Vergleich deutlich vor ihm.

Zweitens steuern die Republikaner auf eine „contested convention“ zu und so ein politisches Massaker würde in jedem Fall ihre Wahlchancen drastisch verringern.

Drittens scheint die Mehrheit der Amerikaner doch über genügend Restverstand zu verfügen, um sich den Irren Trump-Anhängern zu widersetzen.
Bei den „Normalos“ ist der Orangehaarige derart unbeliebt, daß die GOP wohl eine drastische Niederlage mit ihm erlitte.

In recent head-to-head polls with one Democrat whom Mr. Trump may face in the fall, Hillary Clinton, he trails in every key state, including Florida and Ohio, despite her soaring unpopularity ratings with swing voters.
In Democratic-leaning states across the Rust Belt, which Mr. Trump has vowed to return to the Republican column for the first time in nearly 30 years, his deficit is even worse: Mrs. Clinton leads him by double digits in Wisconsin, Michigan and Pennsylvania.
Mr. Trump is so negatively viewed, polls suggest, that he could turn otherwise safe Republican states, usually political afterthoughts because of their strong conservative tilt, into tight contests. In Utah, his deep unpopularity with Mormon voters suggests that a state that has gone Republican every election for a half-century could wind up in play. […] Nationally, Mrs. Clinton leads Mr. Trump by about 10 percentage points in most head-to-head polls — the widest margin at this point in a presidential campaign in 16 years.
If Mrs. Clinton somehow loses the Democratic race — unlikely given her delegate advantage — Mr. Trump could fare even worse in a general election against Senator Bernie Sanders of Vermont, who has higher margins than Mrs. Clinton in head-to-head polling against Mr. Trump in most swing states.

Samstag, 2. April 2016

Uneigenständigkeit.



Die 1970er Jahre sind vorbei.
Da machte man als Sozi Wahlkampf und mit einem populären Kandidaten waren durchaus absolute Mehrheiten denkbar.
Zur Mobilisierung der potentiellen Wähler gab es einerseits die höchst abschreckende Alternative und andererseits klare außenpolitische und sozialpolitische Ziele, die klein Lieschen auf der Straße verstand.

Daß diese klare Unterscheidbarkeit der Parteien nicht mehr da ist, liegt nur zum kleinen Teil in der Verantwortung der (ehemaligen) Volksparteien.
Viele Probleme wurden auf die supranationale Ebene promoviert. Ein Kanzler oder ein Minister kann schon lange nicht mehr all das durchsetzen, das er möchte.
Für noch gravierender halte ich aber den Informationsoverkill mit 100 TV-Sendern und dem Internet.
Selbst wenn man wie Peer Steinbrück 2013 mit recht klaren Alternativen zur Merkel-Westerwelle-Politik ins Rennen geht, werden sie trotz der allgemeinen Veröffentlichung gar nicht wahrgenommen.

Gerade wird wieder einmal die dramatische und hoch gefährliche Ungleichverteilung des Vermögens beklagt, aber als die SPD 2013 mit einem darauf ausgerichteten Programm antrat, in dem Vermögensteuer und Erhöhung der Erbschaftssteuer standen, war der Urnenpöbel ganz verschreckt davon und wählte die CDU mit fast absoluter Mehrheit, also die Kanzlerin, die schon acht Jahre massiv von unten nach oben umverteilt hatte.

Der Wähler ist eben nicht nur ein scheues Reh, sondern auch ein dummes Reh, welches sich lieber Germanys Next Topmodel und Fußball-Bundesliga ansieht, statt mal ein Wahlprogramm zu lesen.
Eine Wahlentscheidung wird so zum Affekt; die Konsequenzen ausgeblendet.

Lehman Brothers, fast 30.000 Angestellte, fast 700 Milliarden Dollar Bilanzsumme, gingen am 15. September 2008 in Insolvenz. Die weltweite Superfinanzkrise war da, die gesamte Spekulations/Privatisierungs-Ideologie kollabierte. In der gesamten westlichen Welt mußten die Steuerzahler für aberwitzige an den Börsen verzockte Summen geradestehen.
Und was tut der deutsche Urnenpöbel? Wählt im September 2009 genau die Partei mit Rekord-15% in die Bundesregierung, die wie keine andere für Privatisierungen und Investmentbanking stand, so daß in den nächsten vier Jahren massive Geschenke an die Finanz-, Pharma- und Versicherungsindustrie von den FDP-Minister durchgeboxt wurden.
Absurd, denn in der GroKo von 2005-2009 hatte der SPD-Finanzminister Steinbrück eine keynsianische Politik mit massiven Konjunkturprogrammen durchgesetzt, von der Deutschland heute noch profitiert – im Gegensatz zu den EU-Ländern, denen das gegenteilige Austeritäts-Konzept aufgezwungen wurde.
Wie sehr das in die Hose ging konnte man sehr schön an der schwarzgelben Periode 2009-2013 erkennen. Europaweit wurden die Staatsschulden dem Steuerzahler aufs Auge gedrückt, während die spekulationsgierigen Banker, die das erst verursacht hatten, von Merkel und Schäuble das Geld zugeschoben bekamen.



Im Wahljahr 2013 entschied der Wähler, er wolle noch mehr Merkel.

Politisch links denkende Menschen verzettelten sich unterdessen in SPD, Grüne, Linke und Piraten.
„Links“ waren früher mal eindeutig SPD-Anhänger.
Heute kann „links“ alles Mögliche heißen.
Und diejenigen, die die Aufspaltung praktizieren, indem sie beleidigt zeternd nicht/nie mehr SPD wählen, sind dann groteskerweise die ersten, die R2G als einen Block ansehen und meinen so könnte die CDU abgewählt werden.
Was für ein Schwachsinn.
Wer keine rechte, neoliberale Regierung möchte, muß sich auf eine linke Partei einigen und nicht immer weiter sektieren.

Es ist nicht so abwegig, daß der SPD-Chef Gabriel aus den Bundestagswahlergebnissen 2009 und 2013 den Schluß zieht, daß linke, nachfrageorientierte Finanz- und Wirtschaftspolitik offenbar vom Wahlvolk absolut nicht gewollt wird.
Höheren Steuern für Millionäre und Konjunkturprogrammen wurden an den Wahlurnen klare Absagen erteilt.

Es ist naheliegend daraus Konsequenzen zu ziehen und den Kurs gen Mitte zu ändern. Die Sozi-Freunde aus den 1970ern, die sich über Schröders Agenda 2010 geärgert hatten, waren ja ohnehin längst zu Linken, Piraten und heute auch zur AfD abgewandert.
Um den Kuchen konnte sich Gabriel also gar nicht mehr bemühen.
Taktisch gedacht, muß man als Parteipolitiker fast zu dem Schluß kommen, mehr in die merkelige Mitte zu rutschen.

In der Praxis führte das aber offenbar zu so viel Verwirrung, daß die letzten SPD-Wähler nun auch noch verschreckt werden. Sie bleiben zu Hause oder wählen gleich die in allen Lagern so überaus beliebte Angela Merkel.

Und nun?

Da hilft nur noch ein Neuanfang!
Desaströse Wahlergebnisse, kaum Problembewusstsein: Die SPD hat ihren Tiefpunkt erreicht. Wenn sie sich nicht bald grundlegend ändert, wird sie nicht mehr benötigt.

Das schreibt Yannick Haan, Sprecher des Forums Netzpolitik der Berliner SPD und Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Berlin Alexanderplatz, am 29.03.2016 in der ZEIT und führt aus, wie er sich eine Zukunft seiner Partei vorstellt.

Den Haan, gerade mal 30 Jahre alt, finde ich äußerst sympathisch. Es ist lobenswert sich einzusetzen und Konzeptionen zu überlegen.

Statt aber selbstbewußt auf originäre SPD-Politik zu setzen, schwebt ihm ein irgendwie geartetes, überpolitisches, europäisches Konglomerat aus allen erdenklichen Gruppen vor. Das Internet soll es möglich machen.

Warum also nicht einen europäischen Parteitag einberufen, auf dem wir debattieren, wie eine linke Wirtschaftspolitik aussehen soll? Warum nicht einen Plan schmieden für einen New European Deal. Der muss endlich die neoliberalen Reformen und die derzeitige ökonomische Abwärtsspirale in Europa beenden. Eine linke europäische Bewegung muss dafür sorgen, dass Europa kein Elitengebilde bleibt. Hierfür müssten wir die Gewerkschaften, die NGOs, die Sozialverbände, die Netzaktivisten, die Kirchen und andere gesellschaftlichen Akteure mit ins Boot holen.

Ich teile die politischen Zielsetzungen Haans, aber sein Weg dahin scheint mir zum Scheitern verurteilt zu sein.

Netzaktivisten?
Diese Rudimente der Chaos-Piraten, die sich bundesweit lächerlich gemacht haben?
Gewerkschaften?
Diese ultrabürokratischen Schnarcher, die auf Kohlestrom setzen und so altbackenen Modellen anhängen, daß ihre Mitglieder noch viel schneller davon rennen, als die der SPD?
Kirchen?
Die Fortschrittsbremsen, Kinderfickervertuscher, Handaufhalter, ultrareichen CDU-Klienteliker, Homohasser, Patientenverfügungsgegner und Arbeitsrecht-Verweigerer?

Nein danke.
Ich wünsche mir eine SPD, die sich genau von solchen Typen emanzipiert und eigene Konzepte entwickelt.öHö