Donnerstag, 16. Januar 2020

Predigende Musiker


Wenn man den Bandnamen „Coldplay“ erwähnt, bekommen eingefleischte Musikliebhaber, die durch die Alternative-Szene mäandern, in der Regel Ausschlag.
Mehr Mainstream als Chris Martins Jungs geht nicht.
Natürlich sind die Briten liebe, gute Jungs, die sich politisch engagieren und ein gewaltiges Publikum erreichen.
2018 wurden sie nur knapp von U2 als bestverdienende Musiker der Welt geschlagen und spielten knapp 120 Millionen Dollar ein.
Wer wie ich die  Band schon kannte, bevor sie Megastars wurde, ist natürlich etwas pikiert nun zu so einem durchschnittlichen Geschmack zu gehören.
Inzwischen sind sie ein Synonym für kommerziellen Erfolg.
Ich erinnere mich an nette Indie-Bands wie Keane oder Aqualung, die nach einigen sperrigen Alben und wenig Erfolg „hörbarer“ wurden, ein größeres Publikum erreichten und dann von nörgelnden Kritikern im „Rolling Stone“ attestiert bekamen nun allerdings so gefällig wie Coldplay zu klingen.
Es stimmt aber, dem netten Matt Hales von Aqualung stand ich bei Konzerten im winzigen INDRA-Club 2002 und 2003 genau gegenüber als er vor den anwesenden 30 Leuten musizierte. Es war grandios. 2007 erschien dann „Memory Man“ mit reinen Popsongs. Der Coldplay-Effekt.
Es fragt sich, ob kommerziell erfolgreich auch schlecht sein muss.
Zu den Topverdienern der Branche zu gehören, bedeutet definitiv nicht, daß man auch zu den besten Musikern gehört.
Lady Gaga, Katy Perry, Justin Bieber und Taylor Swift, die sich ebenfalls in den Top Ten der Bestverdiener tummeln, sind eher durchschnittliche Musiker mit keinen weltbewegenden Stimmen. So sympathisch ich Madonna finde, aber natürlich ist sie durch ihren genialen Geschäftssinn so erfolgreich. Eine große Sängerin ist sie nicht und seit vielen Jahren gab es kein Album mehr von ihr, das man gern gehört hätte. Man kauft die CD, weil es eben „die neue Madonna-CD ist“, hört sie einmal, denkt sich nur „das ist wieder nichts“ und stopft sie zum Vertauben ist CD-Regal. Bei Depeche Mode ist es genauso.
Die international supermegaerfolgreiche Adele hat allerdings wirklich eine Jahrhundertstimme und ist eine begnadete Songwriterin. Auch wer mit dieser Art der Musik gar nichts anfangen kann, wird nicht bestreiten, daß sie ein echtes Goldkehlchen ist.
Auch Top Verdiener Elton John ist zweifellos extrem talentiert, kann komponieren und Piano spielen wie kaum einer.

Coldplay und U2 verdienen weltweit so gut, weil sie begnadete Stadionspieler sind. Sie haben einen charismatischen Sänger, dessen Stimme Wiedererkennungswert hat, verfügen über so gutes Songwriting und so perfekte Produzenten, daß sie es verstehen 50.000 Menschen mit Hymnen-artigen Songs in einen gemeinsamen Rausch des Mitsingens und Mitgrölens zu versetzen.

Alternde Musik-Redakteure schimpfen natürlich wie die Rohrspatzen. Nichts hassen sie so sehr wie Erfolg.

[…..] Man muss es so hart sagen: Coldplay haben in den vergangenen Jahren eine furchtbare Entwicklung genommen. Der Weg in die Stadion-Liga wurde gepflastert mit einem  hyperaktiven Konzeptalbum („Mylo Xyloto“), einer unsäglichen Trennungschmerzplatte („Ghost Stories“) und zuletzt mit Songs, die ein amerikanischer Kritikerkollege polemisch mit tröpfelndem Elefantensmegma verglich. […..]

Aber grundsätzlich ist Stadiontauglichkeit kein Verbrechen. Das verschafft große Erlebnisse für die Fans.
Jim Kerr von den Simple Minds kann das auch, ebenso wie David Gahan (Depeche Mode).
Begnadete Hymnen-Performer sind aber auch Gerard Way (My Cemical Romance), Jared Leto (Thirty Seconds To Mars) oder Brandon Flowers (Killers).
Man sollte die Fähigkeit Hymnen zu performen nie unterschätzen, wenn es um kommerziellen Erfolg geht. In der Disziplin sind Coldplay maßstabbildend.


Ich halte nichts von der Arroganz der Indie- und Alternative-Liebhaber, die Bands wegen ihres Erfolgs verachten.
Coldplay-Live-Konzerte sind beeindruckende Erlebnisse – auch wenn man damit leider zu einer Masse von vielen Millionen gehört, die das genauso empfinden.
Insofern rate ich auch durchaus dazu das aktuelle Album „Everyday Life“ zu kaufen.
Da gibt es prima Songs.
Voraussetzung, um die neuesten Coldplay-Werke zu genießen, ist allerdings daß man kein Wort Englisch versteht.
In jedem zweiten Satz geht es nämlich um Gebete, Kirchen, Kathedralen und den Herrgott. Wie konnte das denn passieren? Hatte Martin vielleicht Sex mit Xavier Naidoo und sich dabei mit Religion angesteckt?
Das Album ist sehr abwechslungsreich, aber alles ist hochspirituell. Es gibt Gospel, Klosterchöre und viel Halleluja.
Ich mag Weltmusikeinflüsse, auch wenn es nicht ganz so genial wie bei Peter Gabriel klingt.
Viele Instrumente und Straßenmusikattitüde wie Arcade Fire begrüße ich ebenfalls, aber muss es so dermaßen religiös sein?

[……] In „Church“, einem Klagegesang, der sich dann doch noch zu einer hochtrabenden, wenn auch melancholisch gebrochenen Euphorie steigert. Doch dieser so typische Coldplay-Song wird zum Abschluss mit arabischem Gesang aufgemotzt. [….]

Für mich ist das zunächst einmal ein sehr gelungener Popsong mit einer hellen und klaren Martin-Stimme.


Ich kann aber nicht verstehen, wie politisch so engagierte Menschen wie Coldplay, die nun sogar auf dreistellige Millioneneinnahmen verzichten, weil sie aus Sorge um den Klimawandel nicht mehr so viel fliegen wollen, die sich gegen Waffengewalt und für Flüchtlinge einsetzen, so sehr der Kirche an den Hals werfen.
Spiritualität klingt euphemistisch, aber Martin singt in Wahrheit viel profaner von der Kirche. Also der Institution, die all die korrupten rechten Umweltzerstörer und Kriegstreiber – Bolsonaro, Trump, Orban, Assad – unterstützt.
Leider verstehe ich genügend englisch, um die Textzeilen in Songs wie „Church“ nicht zu überhören. 

[…..] What can't I get through?
And for everyone everywhere
You're answering every prayer
[…..]
'Cause when I'm hurt
Then I go to your church
'Cause when I'm hurt
Then I go to your church
[…..] أبي يا الله يا قادر، لماذا تركتني؟
ابي يا الله ياقادر
حرية يا الله
محبة يا
محبة يا الله
I worship you in church, baby
Always
I worship you in church
All the seven days
I praise and praise

Mittwoch, 15. Januar 2020

Kausalkette


Wenn etwas „kausal“ genannt wird, geht es immer um den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung.
Kausalität ist dementsprechend die Abfolge von Ereignissen, die einander bedingen.  So eine Abfolge könnte beispielsweise der Verzehr von zwei Kilo Rosenkohl mit Zwiebeln und den späteren Flatulenzen sein.
Kausalität gibt es in monokausaler und multikausaler Ausführung.
Monokausal ist logischerweise eine Abfolge von Ereignissen, in der eins klar das nächste bedingt.
Wenn also beispielsweise Boris Becker in einer Londoner Besenkammer in ein schwarzes Zimmermädchen ejakuliert ist das die Ursache und die daraus resultierende Wirkung ist seine bizarre rothaarige kugelköpfige Tochter – monokausal.
Die Ursache Volksverdummung hat als Wirkung die Präsidentschaft Trumps.
Der Wahlsieg des senilen Psycho war aber durchaus multikausal, da Idioten als Wähler dafür nicht ausgereicht hätten. Es brauchte außerdem noch ein anachronistisches, die GOP extrem bevorzugendes Wahlsystem, russische Bots, haufenweise Lügen in den social media, tief in der Gesellschaft verankerten Rassismus, eine unbeliebte Gegenkandidatin, einen speichelleckenden FOX-Sender, das Totalversagen der klassischen Medien und eine besondere demographische Situation, in der bestimmte blue-collar-Arbeiter unter Zukunftsängsten leiden. Das nennt man „multikausal“, bzw „da kam so einiges zusammen!“
Kausalität verknüpft aber nicht immer nur zwei Ereignisse – Ursache und Wirkung. Oft ist die Wirkung ihrerseits auch Ursache für eine weitere Wirkung und diese wiederrum löst eine weitere Wirkung aus.
Diesen Fall nennt man dann Kausalkette. Klingt kompliziert, daher möchte ich ein Beispiel nennen.

Ursache:
Joseph Ratzinger, geboren Anfang 1927 in einem kleinen konservativen bayerischen Kaff, ab 1941 Hitlerjunge, konnte mit Mädchen nicht viel anfangen und fühlte sich verloren, als 1945 das so schön geordnete „dritte Reich“ endete.

Wirkung: Theologiestudium, Priesterweihe 1951, Homophobie, Papst
= Ursache für die Wirkung, daß überdurchschnittlich viele ungeoutete Schwule, sexuell unterentwickelte, dauergeile, verklemmte Männer, die nicht wissen wie sie mit ihrer Sexualität umgehen sollen, Priester werden.
= Ursache für die Wirkung, daß so viele katholische Geistliche kleines Jungs sexuell missbrauchen.

[…..] In einem Prozess um Kindesmissbrauch durch einen früheren katholischen Priester in Frankreich hat der Angeklagte mit seinem Geständnis schockiert. Er habe als Leiter von Ferienlagern zeitweise „vier bis fünf Kinder pro Woche“ missbraucht, sagte der bekannte Ex-Priester Bernard Preynat am Dienstag zum Auftakt seines Verfahrens in Lyon. Er gab sexuelle Übergriffe auf Jungen über einen Zeitraum von 20 Jahren zu.
„Für mich stellte es sich damals nicht als sexuelle Gewalt dar, sondern als Zärtlichkeit und Liebkosung“, sagte der heute 74-Jährige. „Ich habe mich getäuscht. Erst durch die Anklagen der Opfer habe ich verstanden", sagte er über die Jungen im Alter von damals sieben bis 15 Jahren.
Der Mann ist angeklagt, zwischen 1971 und 1991 als Leiter von Pfadfinder-Gruppen dutzende Jungen sexuell missbraucht zu haben. Nach seiner Aussage liegt die Dunkelziffer aber offenbar deutlich höher. […..] Der Fall ist zu einer Art Sinnbild des sexuellen Missbrauchs in der französischen Kirche geworden. Obwohl viele in der Kirche von den Vorwürfen gewusst haben sollen, war Preynat einfach immer wieder nur versetzt worden. […..] (Tagesspiegel, 14.01.2020)

Die Wirkung „Massenmessdienermissbrauch“ ist Ursache für Folgendes:

[…..]  Katholische Kirche verschiebt in den USA Vermögen, um es vor Missbrauchsentschädigungen zu schützen.
Nachdem die Vertuschung nicht mehr funktioniert, hat die katholische Kirche in den USA, wo einige Bistümer vor ruinösen Schadenersatzforderungen von Missbrauchsopfern stehen, eine neue Taktik gefunden ihr Vermögen zu schützen:
Mehr als zwei Milliarden US-Dollar an Vermögenswerten sollen in den letzten Jahren übertragen oder umklassifiziert worden sein, damit diese nicht dem Topf aus dem Entschädigungen für den Missbrauch durch Kleriker bezahlt wird zur Verfügung stehen. Durch das Abschirmen des Geldes von der Insolvenz habe die katholische Kirche wie ein Unternehmen gehandelt und sich nicht „wie eine Religion verhalten, die nach den Regeln lebt, die sie vertritt“, so der Präsident einer Opferorganisation. […..]

Die Wirkungen Missbrauch und Milliardenverschiebungen sind ihrerseits Ursache für die Wirkung des Massenaustritts.

   […..] Die Zahl der Kirchenaustritte ist in diesem Jahr in Köln erneut deutlich gestiegen. Bis zum Ende des dritten Quartals wurden 7457 Austritte gezählt, hochgerechnet auf das ganze Jahr werden es 9943 sein. Das hat das Kölner Amtsgericht am Donnerstag beim Jahrespressegespräch mitgeteilt. [….]

[…..] Die Zahl der Austritte aus der katholischen Kirche in Deutschland ist dramatisch angestiegen. Im Jahr 2018 haben 216.078 Gläubige vor den staatlichen Behörden ihren Austritt erklärt, teilte die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) am Freitag in Bonn mit. Gegenüber zum Vorjahr (2017: 167.504) stiegen die Kirchenaustritte um nahezu 29 Prozent an. [….]

[…..] Die Zahl der Kirchenaustritte in Deutschland wird sich 2019 nochmals dramatisch erhöhen. Umfragen in der bisher stets repräsentativen 300.000-Einwohnerstadt Augsburg und einigen kleineren Kommunen der Umgebung ergaben, dass bereits Mitte Oktober der Vorjahresstand erreicht wurde. Am Jahresende ist demnach mit einer Zunahme um 15 bis 20 Prozent zu rechnen. Dies hat auch Auswirkungen auf den Mitgliederschwund in den beiden großen Kirchen.
Zwischen 1990 und 2013 hatten katholische und evangelische Kirche zusammen jährlich ziemlich konstant eine halbe Million verloren. Seit 2014 nahm der Schwund aber immer größere Ausmaße an und erreichte schon 2017 und 2018 jeweils neue Rekordmarken (663.000 bzw. 704.000). Für 2019 müssen die Kirchen nun mit einem Gesamtverlust von rund 800.000 Mitgliedern rechnen. […..]

Die Geburt des kleinen homophoben Hitlerjungen Joseph Ratzinger (und seines sadistischen älteren Prügelbruders Georg) sind selbstverständlich keine monokausale Ursache für den Millionenfachen Exodus aus der RKK neun Dekaden später. Aber man kann eine Kausalkette aus vielen multikausalen Zusammenhängen erstellen.

Dienstag, 14. Januar 2020

Geronten-Zickenkrieg


Das Papstamt steht für maximale Machtfülle.
Er wird direkt vom Heiligen Geist (=Gott) ausgesucht, amtiert folglich auf Lebenszeit als Stellvertreter Gottes auf Erden.
Weltlich betrachtet ist es ein absolutistisches Amt. Ein Papst ist nicht nur oberster Chef der Exekutive, Judikative und Legislative, sondern er ist praktischerweise auch noch unfehlbar.
Noch beindruckender ist seine kirchenrechtliche Stellung.

Franzi verfügt über Primatialgewalt (der Primatsanspruch des Papstes ergibt sich aus Matthäus 16 : Als Nachfolger des Apostels Petrus, irdischer Stellvertreter Jesu Christi und Hirte der Universalkirche verfügt der Papst in der römisch-katholischen Kirche „über höchste, volle, unmittelbare und universale ordentliche Gewalt, die er immer frei ausüben kann“ (can. 331 CIC).
Der Papst ist Träger der Höchstgewalt (potestas suprema); es steht also nichts und niemand über ihm; und der
 Vollgewalt (potestas plena), also maximale Gewaltenfülle in materieller und formeller Hinsicht. Materiell meint, daß sich päpstliche Gewalt über absolut alle Sachgebiete der Kirche erstreckt. Formal heißt Amtsgewalt des Papstes über Exekutive, Legislative und Judikative umfasst.
Franzi ist oberster Richter der Kirche und zwar ohne sich selbst an kirchliches Recht halten zu müssen (prima sedes a nemine iudicatur). Was er entscheidet ist daher automatisch letztinstanzlich und unanfechtbar.
Die Primatialgewalt ist unmittelbar (potestas immediata), so daß sich der argentinische Einlunger willkürlich in alles was ihm beliebt einschalten kann ohne irgendwelche Vorinstanzen abwarten zu müssen.
Ferner verfügt Bergoglio über Universalgewalt (potestas universalis), kann also seine Primatialgewalt auch auf alle Teile wie Bistümer, Klöster, Pfarren anwenden; und:
bischöfliche Gewalt (potestas vere episcopalis) und frei ausübbare Gewalt. Kein Kardinal, kein Kirchengericht, noch nicht mal alle 4.000 Bischöfe der RKK zusammen können Franzi bei seinem Machtgebrauch hindern.

Verständlicherweise ist der Begriff „Papst“ auch als Metapher in den Sprachgebrauch eingegangen.
Wer in einer Hamburger Wohnung mit Schwammbefall zu kämpfen hat, geht am besten zum Hamburger Holzsachverständigen Manfred Eichhorn, weil er hier als der „Schwamm-Papst“ bekannt ist. Wenn Eichhorn so eine Sanierung begleitet sind alle beruhigt.
Marcel Reich-Ranicki war über Jahrzehnte Deutschlands Literatur-Papst, weil er unbestritten der größte und kenntnisreichste Literaturkritiker war.
„Der SPD-Vorsitz ist das schönste Amt nach Papst“ kalauerte einst Franz Müntefering.

Es gibt übrigens derzeit nicht nur die beiden Päpste Bergoglio und Ratzinger, an die jeder sofort denkt, sondern noch etwa ein Dutzend weitere religiöse Führer, die als Papst verehrt werden, aber die absolute Macht der RKK-Papstes über 1,3 Milliarden Menschen macht es natürlich kaum möglich diese Gewalt aufzuteilen. Die Kirche machte fürchterliche Erfahrungen mit Gegenpäpsten. Das führt zu einem Kirchenschisma, ruiniert die Einheit der Gläubigen.
Daher war auch seit einem halben Jahrtausend kein Papst mehr zurückgetreten. Woytila amtierte noch mit all seiner universellen Macht, als er schon geistig und physisch so krank war, daß er beim besten Willen nicht mehr arbeitsfähig war.
Entsprechend entsetzt waren auch alle konservativen Katholiken, als Ratzi im Frühjahr 2013 sagte „ihr könnt mich mal, ich werfe den Mist hin!“
Als Tenno hätte er sich wenigstens mit einem Seppuku ehrenhaft verabschieden können und dem Neuen das Feld überlassen.
Aber Ratzi blieb einfach als Faktotum mit seinem geliebten Galan Gänsi mitten im Vatikan sitzen, als Bergoglio zu seinem Nachfolger bestimmt wurde.
Um die Kirche nach dem Wirbeljahr 2013 nicht zu zerreißen, musste Ratzi natürlich versprechen fürderhin auch wirklich die Klappe zu halten und nicht mehr aus seinem kleinen Kloster rauszukommen.
Nun sollte dem Neuen die Bühne gehören. Es konnte nur funktionieren mit einem stummen Ratzinger im inneren Exil. Denn als Unfehlbarer rüttelt jede auch noch so leise Kritik an Franziskus an dessen Unfehlbarkeit.
Wenn zwei Unfehlbare unterschiedliche Meinungen vertreten, wird sofort für jeden deutlich was für ein unsinniges Konzept die Unfehlbarkeit ist, die Pio Nono einst einführte.

Vertrauen ist allerdings Glückssache. Insbesondere im Intrigantenstadl Vatikan. Und niemand kennt sich mit kardinalen Intrigen so aus wie Papst Benedikt XVI, der es in drei Jahrzehnten Kurie vermochte so viel Einfluss zu kulminieren, daß sie ihn trotz seiner fast 80 Jahre noch zum Papst wählte.

Ratzinger hatte zwar keine Lust mehr selbst Papst zu sein, wollte lieber seine verbleibende Zeit mit sexy Gänsi verbringen. Aber er ist eben auch ein absoluter Herrscher, der nicht zu Solidarität und Unterordnung fähig ist.
Kaum ein Papst des 20. und 21. Jahrhunderts liebte Prunk und Protz so sehr wie Benedikt. Ganz anders als seine drei Vorgänger und sein Nachfolger, konnte es ihm nie goldig und prächtig genug sein. Mit Vergnügen trug er Juwelen und Hermelin. So einer tritt natürlich nicht gern in den Schatten.
So wie Ratzinger seit vielen Jahrzehnten aktiv Kinderficker, Diktatoren und Frauenfeinde schützte, kann er es auch heute nicht lassen gemein zu sein.


Wann immer Papst Bergoglio Autoritätsprobleme bekommt, kann man versichert sein, daß der alte Ratz wieder die Fäden zieht, um seinen Nachfolger schlecht aussehen zu lassen.
Der alte Papst weiß genau, daß die Ultrakonservativen der Welt nur zu begierig jeden Krumen aufklauben, den er ihnen hinwirft, um den aus ihrer Sicht zu liberalen Franz ans Bein zu pinkeln.
Rechtsextreme Hetzer wie der AfD-Verschwörungstheoretiker David Berger verweisen immer wieder auf den Papa Emeritus, wenn sie ihrem Hass auf den aktuellen Papst freien Lauf lassen.

[….] Schon lange bemerkt man das Grummeln, das aus dem Umfeld Benedikts und seiner engsten Mitarbeiter gegen den neuen Kurs von Franziskus herrscht. Jüngst erst zeigte eine Dokumentation des BR, dass Benedikt zwar körperlich gebrechlich, aber geistig nach wie vor sehr wach und aktiv ist. Nun scheint mit den Plänen von Franziskus, das Priesteramt bald für verheiratete Männer zu öffnen, das Fass übergelaufen, die Geduld Benedikts angesichts der Tiraden seines Nachfolgers endgültig zuende zu sein.
„Ich kann nicht [länger] still bleiben!“ schreibt er in dem Buch, aus dem die französische Zeitung „Le Figaro“ bereits vorab Auszüge veröffentlichte. Die Aufhebung des Zölibats komme überhaupt nicht in Frage. [….]
(David Berger, Pipi-Blog, 13.01.2020)

Aber es braucht gar keinen katholischen Fanatiker wie Berger um Salz in die Wunde zu reiben.

Auch seriöse Quellen reagieren höchst verwundert über die bösen Fouls aus dem Vatikan.

[….] Intrigantenstadl Vatikan? Zwei Päpste im Clinch
Von «Verleumdung», «Lügen» und «Manipulation» ist die Rede. Der Skandal um die Äußerung von Ex-Papst Benedikt zum Zölibat nimmt eine absurde Wende. Auch wenn Ratzinger zurückrudert, das Drama zeigt: Zwei Päpste sind einer zu viel. [….]

[…..] Der emeritierte Papst Benedikt XVI. ist vehement gegen eine Lockerung des priesterlichen Eheverbots eingetreten. Damit ist er einer in der Zölibatsdebatte erwarteten Entscheidung von Nachfolger Franziskus zuvorgekommen. […..] Benedikt und Kardinal Sarah warnen in dem Buch weiter, dass sich die katholische Kirche nicht von "schlechten Einlassungen, Theatralik, diabolischen Lügen und im Trend liegenden Irrtümern" beeinflussen lassen dürfe, "welche den priesterlichen Zölibat entwerten wollen". Sie warnen auch, dass Priester durch die "ständige Infragestellung" des Zölibats "verwirrt" würden.
Das Buch von Benedikt und Sarah kommt zu einem heiklen Zeitpunkt: Franziskus will bald ein Dokument zur Frage vorlegen, ob das Priesteramt für verheiratete Männer geöffnet werden soll. [….]

Wer sich ein bißchen mit dem Charakter beider Ratzingers beschäftigt hat, wundern sich nicht darüber wie hinterhältig und durchtrieben der Bayer handelt. Natürlich lügt er auch.

[…..] Alles an dem Zwiespalt zwischen dem amtierenden Papst Franziskus und seinem zurückgetretenen Vorgänger Benedikt XVI. ist ungewöhnlich. Erstens die Tatsache zweier Päpste in einem auf Lebenszeit angelegten wahlmonarchischen System; zweitens die konkrete Ausgestaltung dieses Nebeneinanders; und drittens der Umstand, dass der gewesene Papst sich zu einer konkreten Frage mit einer Äußerung gegen seinen amtierenden Nachfolger vernehmen lässt.
Denn Benedikts Intervention fürs Festhalten an einem kompromisslosen Zölibat erscheint unmittelbar vor einer angekündigten Stellungnahme von Franziskus zu diesem Problem. Zwar hat Benedikt die Co-Autorschaft bei einem Vorwort zu dem am Mittwoch erscheinenden Buch des afrikanischen Kurienkardinals Sarah zu dieser Frage geleugnet. Doch dass der in das Buch aufgenommene Text von ihm selbst stammt, bleibt unbestritten. Außerdem hat Kardinal Sarah dem Dementi Benedikts (oder seiner Entourage) auf dem schnellsten möglichen Weg widersprochen, nämlich auf Twitter. Dort publizierte er einen Briefwechsel vom letzten Oktober, der Benedikts Zustimmung zu Sarahs Redaktion der Einleitung dokumentiert. […..]

Auf purem Egoismus und Machtgeilheit schadet ein Papst der ganzen Kirche.
Ich sage dazu: BRAVO!
Weiter so, Ratzi! Der deutsche Papst war immer der beste Helfer des Atheismus.


Montag, 13. Januar 2020

Nach unten durchregieren


Je komplexer die Probleme, desto unterkomplexer die Antworten.
Und alle passen sich an.
Zeitungstexte werden kürzer, Tagesschauberichte schneller und bunter.
Passiert schlagartig etwas Schlimmes, oder bahnt sich über Jahre ein Problemberg an – immer lässt es sich mit „schärfere Gesetze“ oder „mehr Geld“ wegwischen.
Dabei sollte sich doch eigentlich rumgesprochen haben, daß Deutschland nicht gerade unter einem Gesetzesmangel leidet.
Hat sich schon einmal ein Jura-Student über die dünnen Heftchen beklagt, die er als Gesetzbücher bekommt? Bezeichnenderweise ist es gar nicht leicht zu ergoogeln wie viele Gesetze und Vorschriften es insgesamt gibt. Belastbare, aktuelle Zahlen finde ich nicht.

 […..]  Allein der Bund hat 1817 Einzelgesetze mit 55.555 Einzelnormen. Es gibt überdies 2728 Rechtsverordnungen mit weiteren 44 689 Einzelvorschriften. Nicht zu vergessen: EU und Länder produzieren noch mal so viel. [….]

[….] Wir haben einfach zu viele Gesetze. Im Augenblick gelten für Sie und mich 2197 Bundesgesetze mit 46 777 Einzelvorschriften und 3131 Verordnungen mit 39 197 Einzelvorschriften. Hinzu kommen Landesgesetze und Regelungen der Europäischen Union. Insgesamt schätze ich die Zahl aller Einzelvorschriften, die einen Deutschen derzeit binden, auf rund 150 000. [….]

Man könnte meinen, 150.000 Einzelvorschriften reichen knapp aus.
Fragt sich nur, welcher potentiell Kriminelle so genau über jede Vorschrift Bescheid weiß.
Es stellt sich wohl eher die Frage, ob es in Deutschland auch nur annähernd so viele Staatsanwälte, Richter, Steuerfahnder, Zöllner, Schöffen, Polizisten, Sozialfahnder, Ordnungsamtsmitarbeiter, Gefängniswärter, Sozialarbeiter, Bewährungshelfer, Gutachter, Psychologen gibt, um all die Vorschriften auch durchzusetzen.

Wenn der Ruf nach mehr Gesetzen und Verboten nicht ausreicht, preisen sich Parteien und Politiker gern damit an wie viele Milliarden sie dafür bereitstellten irgendeine Situation zu verbessern.

Sicher ein guter Plan, denn Deutschland leidet nicht nur unter einer enormen Investitionslücke, sondern in den Zeiten von „Kapitalismus kaputt“, in denen es Minuszinsen, als Strafen für Sparsamkeit gibt, muss Staat das Geld ausgeben.

Es gibt genügend Aufgabenfelder. Energiewende, Stromtrassenausbau, Schulen, Kitas, Breitband.
Ein Minister, der vom Finanzminister Geld für sein Ressort ertrotzt, gilt als erfolgreich und durchsetzungsstark.
Insbesondere bei einem neuen Amtsinhaber muss die Kanzlerin dafür sorgen, daß er/sie ein paar Extramilliarden bekommt, um sich vor den Mitarbeitern als potent heraus zu stellen.
Ursula von der Leyen verstand es sehr gut PR-wirksam mehr und mehr Milliarden
Für die marode Bundeswehr rauszuholen.
Zwar sind Kriegseinsätze in Deutschland in Deutschland extrem unpopulär, aber wenn so gar kein Hubschrauber, Panzer, Schiff, Jet funktioniert, sind auch Pazifisten geneigt den Jungs auf der Hardthöhe mehr Geld zuzuschieben.

Allein, von der Leyen verkündete öffentlichkeitswirksam die Milliardenströme und verfiel off-camera sofort in den Schlafmodus.
Die Milliarden wurde nie abgerufen, weil ihr Ministerium nach all den Jahren immer noch dysfunktional ist.

Leider sind die Unions-Minister alle kaum besser. Sie verkünden großen Geldsegen und kümmern sich anschließend nicht weiter darum, was damit passiert.
Oft sind Zuschüsse vom Bund so gestaltet, daß Land oder Kommune einen Teil (meist 50%) aufbringen müssen.
Das bedeutet in der Praxis, daß die ärmsten Gemeinden, in denen die Investitionen besonders dringend sind, die Bundeshilfen gar nicht in Anspruch nehmen können.
In diesen Fällen ist das von Helmut Schmidt so sehr propagierte „verwalten statt regieren“ gefragt. Oder aber „Regierungskunst“. Da müsste ein Minister nachhaken und Lösungen finden.

Die Gesundheitsministerin Ulla Schmidt lernte es immerhin während ihrer Amtszeit.
Eine neue Regelung im mächtigen „gemeinsamen Bundesausschuss“ gBA auf den Weg zu bringen, ist zwar der Zeitpunkt sich feiern zu lassen, aber noch lange nicht die Garantie, daß die dort sitzenden Krankenhaus- und Kassenvertreter das von der Ministerin Gewünschte auch umsetzen.
Ulla Schmidt machte in den Folgejahren entsprechend mehr Druck.

Aber von Pfeifen wie Andi Scheuer kann man das nicht erwarten.

[….] Trotz des schwachen Wirtschaftswachstums hat der Bund auch das Jahr 2019 mit einem unerwartet hohen Überschuss abgeschlossen. Das Plus im Bundeshaushalt beläuft sich laut dem am Montagmittag vorgestellten Jahresabschluss auf einen bereinigten Rekordwert von 13,5 Milliarden Euro. Zur Verfügung stehen dem Finanzminister sogar insgesamt 17,1 Milliarden Euro, aufgrund von nicht ausgegebener Rücklagen. […..] Die Steuereinnahmen fielen wieder höher aus als erwartet; die Zinszahlungen für den Schuldendienst wegen der extrem niedrigen und teilweise sogar negativen Zinsen dagegen um einige Milliarden Euro niedriger. Schließlich flossen erneut einige Milliarden Euro aus verschiedenen Sonderfonds der Bundesregierung nicht ab; das betrifft den Energie- und Klimafonds, die beiden Kommunalinvestitionsfonds, die unter anderem für Schulsanierungen aufgelegt sind, den Fonds für den Kita-Ausbau sowie den Digitalfonds, der für Schulen sowie den Glasfaserkabelausbau eingerichtet worden ist. Oft fehlen in den Kommunen die Voraussetzungen, um die Gelder verbauen zu können. […..]

Merke, Überschüsse zu erwirtschaften ist ganz hübsch.
Aber gute Minister müssen auch die Kunst beherrschen die vielen Milliarden wieder auszugeben und dafür sorgen, daß die Moneten dort ankommen wo sie gebraucht werden.

[…..] Die hohen Überschüsse sind kein Grund zur Freude. Sie sind das Ergebnis schlechter Mittelabflüsse, vor allem bei Investitionsmitteln. Das heißt, dass zu wenig Geld ausgegeben wurde für eine moderne und zukunftsfähige Infrastruktur. Die Verantwortung für den schlechten Mittelabfluss liegt bei der Bundesregierung. Die Überschüsse müssen jetzt gesichert werden für Investitionen in die Zukunft. Investitionen in den Klimaschutz, in Digitalisierung in Bildung und eine moderne und saubere Verkehrsinfrastruktur müssen jetzt Vorrang haben.
Die Bundesregierung hat keine Investitionsstrategie. Investitionen gibt es immer nur nach Kassenlage. Der Bundesregierung fehlen das Konzept und die Verlässlichkeit, deswegen bleiben auch viele Investitionsmittel liegen. Die Bundesregierung muss es endlich schaffen, die veranschlagten Mittel für Investitionen auch auszugeben. Die Investitionsprogramme müssen so gestaltet werden, dass die Kommunen sie auch wirklich nutzen können. Die Probleme liegen unter anderem bei zu hohen Anforderungen bei der Ko-Finanzierung, bei undurchschaubaren Anforderungen für die Förderung und fehlenden Planungskapazitäten vor Ort. Alles Probleme die der Bund durchaus ändern kann. […..]
(Pressestelle BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, 13.01.20)