Sonntag, 9. August 2015

Die arme SPD!



Peer Steinbrück verweist angesichts der dramatischen Warnungen von internationalen Ökonomen gerne auf den Wahlkampf 2013.
Genau das was jetzt unter Merkel so furchtbar aus dem Ruder läuft, hatte er tatsächlich kommen sehen und eine Alternative angeboten.
Finanztransaktionssteuer, Schuldenschnitt, Bürgerversicherung, Gleichberechtigung, Vermögenssteuer, Abschaffung des Zweiklassengesundheitssystems.
Das wurde plakatiert, kommuniziert und multipliziert. Für die Doofen wurde das SPD-Wahlprogramm 2013-2017 sogar in „leichter Sprache“ stark vereinfacht veröffentlicht.

Für die gleiche Arbeit soll jede Frau und jeder Mann den gleichen Lohn bekommen. Egal, ob man in einer Firma einen festen Arbeitsplatz hat. Oder ob man in einer Firma für eine kurze Zeit aushilft.

Die Firmen und Banken, die die Krise gemacht haben, sollen nun auch die Kosten bezahlen.   Deswegen wollen wir Steuern auf Geld-Geschäfte. Das bedeutet: Auch wenn man nur mit Geld handelt, muss man Steuern bezahlen

Sehr reiche Menschen sollen mehr Steuern bezahlen. Manche reiche Menschen bezahlen keine Steuern, obwohl sie das müssen. Das ist Betrug.  Wir wollen mehr gegen den Betrug machen

Viele ausländische Menschen leben schon lange in Deutschland.
Und sie arbeiten oft schon lange hier.  Aber einen deutschen Pass haben sie nicht.  Denn man darf nur einen Pass von einem Land haben.  Man muss sich für einen Pass entscheiden.  Das finden wir ungerecht.
Darum wollen wir:  Ausländische Menschen dürfen zwei Pässe haben:
Den ausländischen Pass und den deutschen Pass.

Alle Menschen in Deutschland sollen Geld in eine Bürgerversicherung einzahlen.
Das ist eine Kranken-Versicherung und eine Pflege-Versicherung.
Wer mehr verdient, zahlt mehr in die Versicherung ein.
Wer weniger verdient, zahlt weniger ein.

Das alles wollte die Mehrheit der Wähler aber offensichtlich keinesfalls. Das beweist der enorme Stimmenzuwachs von fast acht Prozentpunkten für Merkel und die CDU, die auf 41,5% kamen und um ein Haar die absolute Mehrheit schafften, da mehr als 15% der Stimmen (Piraten, AfD, FDP und NPD) unter der 5%-Hürde hängenblieben.

Offensichtlich verwechselt der Urnenpöbel Mehltau, Phlegma, Entscheidungsschwäche und Stillstand mit Kontinuität und Stabilität.
Aus lauter Angst etwas könne sich ändern, womöglich werde einen etwas abverlangt oder gar weggenommen, scharen sich die Wähler hinter der stets schweigenden Merkel. Regierende Parteien einfach abwählen??? Das mag der obrigkeitshörige Deutsche gar nicht! Bei 18 Wahlen zum deutschen Bundestag wurde nur ein einziges mal – nämlich 1998 – eine bestehende Regierung komplett abgewählt und durch neue Parteien ersetzt. In den anderen 17 Fällen wurde mindestens eine Regierungspartei wiedergewählt.

Es gärt in Europa. Der politische Protest ist zurück, bei den Griechen, Italienern, Briten. Nur in der Bundesrepublik nicht. Hier ist die Demokratie eingeschlafen. Denn die Deutschen verwechseln Apathie mit Stabilität.
[….] Die Mitte ist der Ort der politischen Korruption. Die Demokratie stirbt in der Mitte. Wir vergessen leicht: Mit der reinen Demokratie haben wir es im Westen ohnehin nicht zu tun. Sondern mit gemischten Staatsformen, in denen die Macht von Repräsentanten des Volkes und einer neuen Aristokratie gemeinsam ausgeübt wird. Das erfordert eine feine Balance. [….] Ja, die deutsche Politik hat einen zu engen Horizont. Unter dem bleiernen Himmel der "Alternativlosigkeit" erstickt die Demokratie. Wenn das Volk von einem Machtwechsel immer weniger hat, dann bleibt ihm nur, der Politik den Rücken zu kehren oder sich gegen die ganze Politik zu wenden. Beides geschieht.
[….] Bislang gelingt es in Deutschland nicht, die Unzufriedenheit in produktive Politik umzumünzen. AfD und Pegida sind der Aufstand der Ohnmächtigen, die Renaissance des Ressentiments. Da wird das "Nein" zur einzig schöpferischen Tat. Und das Netz, das anderswo zur Quelle des Protests wurde, hat in Deutschland nur das gescheiterte "Piraten"-Projekt hervorgebracht. [….]

Seitdem Merkel und Schäuble die Axt an Europa anlegen und der Rassismus immer mehr auflebt, sind die C-Parteien sogar noch beliebter.
Der Urnenpöbel steht auf Merkel und will sie liebend gern in eine vierte Legislaturperiode schicken – diesmal mit absoluter Mehrheit.

Die Verzweiflung der SPD ist angesichts dieser Merkelphilie verständlich.
Schadet man sich nicht selbst am meisten, wenn man ausgerechnet diese in Deutschland so ungeheuer beliebte und geachtete Frau angreift?
Das wäre in etwa so, wie zu gestehen, daß man Fußball und Hunde hasst.
Damit macht man sich auf jeden Fall bei der Mehrheit der Leute fürchterlich unbeliebt.

Vielleicht ist also ein Frontalangriff auf Merkel eher etwas für unabhängige Blogger, während SPD-Spitzenpolitiker mehr Respekt zollen sollten.

Das ist aber alles noch kein Grund dafür Merkel zu imitieren und gar in die Lobeshymnen einzufallen.
Politiker anderer Parteien müssen stets die inhaltlichen Differenzen aufzeigen, die alternativen Konzepte hochhalten – gerade in einer Zeit, in der die Kanzlerin von der „Alternativlosigkeit“ lügt.

Es gibt immer Alternativen.

Es darf aber nicht SPD-Politik sein gescheiterte und falsche CDU-Politik zu übernehmen, nur weil man davon einen wahltaktischen Vorteil erhofft.
Anders als bei den Rechten, für die Glaubwürdigkeit kaum eine Rolle spielt – Merkel und insbesondere Seehofer vertreten zu jedem Thema mindestens zwei sich diametral widersprechende Meinungen. Machterhalt gilt in dem Obrigkeit-fixierten Kanzlerwahlverein alles.
Bei den Anhängern des eher linken Spektrums ist es aber genau umgekehrt.
Dort ist „Zickzack-Siggi“ ein böses Schimpfwort, weil Gabriels Kurswechsel bei TTIP oder der Vorratsdatenspeicherung überhaupt gar keine inhaltlichen Begründungen bekamen.
Im SPIEGEL von gestern (08.08.2015) kann man in dem Artikel „Die Geheimniskrämer“ (s.24 ff) detailliert über das Mauern und Versagen der deutschen Geheimdienste nachlesen, wie sie von Regierung und Parteien dabei unterstützt werden möglichst alle Skandale zu vertuschen und nun sogar gegen kritische Journalisten, die im Aufklärung bemüht sind, unter Druck setzen.

So geht es nicht. Die SPD darf sich hier nicht wegducken und den Kurs des Kanzleramts unterstützen.
Gerade wenn die SPD es aus eigener Macht nicht durchsetzen kann, sollte sie jeden Tag offensiv vortragen, daß sie anders als die CDU Snowden nach Deutschland holen möchte, daß sie Julian Assange befragen möchte, daß sie die Selektorenliste veröffentlicht haben möchte, daß Maaßen sofort entlassen werden muß und daß der USA mit harschen Reaktionen gedroht werden muß, wenn sie nicht augenblicklich alle ihre Ausspähungspraktiken offenlegt.

Und dann gibt es noch den Bereich Waffenexport, der sogar wie TTIP ausdrücklich in Gabriels Verantwortungsbereich liegt.
Da einfach die Schleusen wieder zu öffnen und die Krisenwelt mit deutschen Waffen zu versorgen ist moralisch untragbar. Den Konflikt mit der CDU muß Gabriel aushalten, indem er wieder mehr Waffenexporte stoppt.
Wieder einmal hat der verdienstvolle Hamburger Linke Jan von Aken nachgefragt und damit Gabriel geärgert.

Neben den Gesamtsummen hat das Ministerium auch den Wert der genehmigten Exporte in die arabischen Staaten und Nordafrika veröffentlicht. Mit insgesamt 587 Millionen Euro liegt die Summe für die Region im ersten Halbjahr 2015 mehr als doppelt so hoch wie im Vorjahreszeitraum. Dafür sorgen unter anderem Genehmigungen für Algerien, Kuwait und Saudi-Arabien.

In den ersten sechs Monaten des Jahres 2015 wurden schon mehr Waffenexporte genehmigt als im gesamten Jahr 2014. Darunter 12 Spürpanzer Fuchs an die absolute Diktatur Kuwait und ein Dolphin-U-Boot an das Land, das als einziges der Welt wie besessen eine Entspannung mit dem Iran blockiert: Israel.

"Die deutschen Waffenexporte sind völlig außer Kontrolle", kritisierte der Oppositionspolitiker. Die Grünen-Verteidigungsexpertin Agnieszka Brugger warf dem zuständigen Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) vor, mehr "Wert auf die Interessen der Rüstungslobby als auf Menschenrechte und Frieden" zu legen.
[….] Nach Angaben des Magazins "Der Spiegel" ist der Wert der sogenannten Einzelgenehmigungen von Januar bis Juni 2015 um rund 50 Prozent auf 3,31 Milliarden Euro gestiegen. Rechnet man die Sammelausfuhrgenehmigungen hinzu, zumeist Kooperationen mit NATO-Partnern, ergibt sich der Gesamtwert von 6,35 Milliarden Euro.
[….] "Das sind dramatische Zahlen, die vor allem für Sigmar Gabriel und seine SPD hochnotpeinlich sind", sagte van Aken. Daran zeige sich, "dass diese Regierung genau so hemmungslos Waffen in alle Welt liefert wie ihre Vorgänger". Grünen-Politikerin Brugger erklärte, "das wahre und hässliche Antlitz der schwarz-roten Bundesregierung bei den Waffengeschäften" werde deutlich. Gabriel habe Waffenexporte zwar als Geschäft mit dem Tod bezeichnet, "jenseits von markigen Sprüchen und leeren Versprechen aber kaum geliefert".

[….] Ungeachtet der Euro-Krise steigert die deutsche Industrie ihre Ausfuhren in neue Rekordhöhen und profitiert dabei insbesondere vom boomenden Geschäft mit den USA. Hatten deutsche Firmen bereits im Jahr 2014 Produkte im Wert von 1,134 Billionen Euro und damit mehr denn je zuvor ins Ausland verkauft, so liegen die Exportbeträge in diesem Jahr bislang sogar noch deutlich höher als im Vorjahreszeitraum. [….] Ungeachtet der Euro-Krise strebt die deutsche Industrie neuen Exportrekorden zu. [….] Dabei sorgen allein die Exporte dafür, dass die deutsche Industrie weiter wächst. So sind die Aufträge, die deutsche Unternehmen aus dem Inland erhielten, im Juni um zwei Prozent gefallen. Damit zieht die Bundesrepublik ihren Profit weiterhin aus Verkäufen in andere Staaten, die sich letztlich dafür verschulden müssen; in den ersten fünf Monaten des laufenden Jahres stiegen etwa die deutschen Lieferungen in Krisenstaaten wie Griechenland (+1,1 Prozent), Italien (+4,6 Prozent), Portugal (+8,3 Prozent) und Spanien (+9,9 Prozent) teilweise deutlich an. Diese werden damit tendenziell noch weiter in die Verschuldung getrieben. Die deutschen Exportgewinne verschärfen damit nicht nur aktuelle Krisen, sie drohen auch zu Treibern für Verschuldungskrisen von morgen zu werden. [….]

Womit haben wir so einen Parteivorsitzenden verdient? Die arme SPD.
Es gibt wieder einmal viel Gelegenheit sich intern zu streiten – und damit die schweigende Kanzlerin des Nichtstuns gut aussehen zu lassen.

[….] Die nächste Bundestagswahl findet 2017 statt. Das ist nach Berliner Maßstäben noch eine halbe Ewigkeit. Nun kann aber keine Partei nach innen gerichtete Ewigkeitsdebatten so intensiv führen wie die SPD; die NRW-Spitzenfrau Hannelore Kraft nennt das "wir gegen uns" (wgu). Dass die jüngste Wgu-Urwahl-Diskussion von einer aus Bayern stammenden Juso-Politikerin befeuert wurde, überrascht wenig. Kein SPD-Landesverband hat so viel Erfahrung in der Organisation erfolgloser Wahlkämpfe wie die Bayern-SPD.
Die Urwahl-Nummer ist ziemlich wgu, weil sie sich nicht nur wegen des Zeitpunkts in erster Linie gegen Gabriel richtet. Den mag einerseits die Parteilinke nicht, die unter Funktionären nicht unterrepräsentiert ist. Andererseits herrscht in der SPD auch Frust über die missliche Stabilität der Umfragewerte im Bund. Die Partei kommt nicht über 25 Prozent hinaus. [….] Die Intellektuellen vom Dienst erklären das gerne damit, dass Merkel angeblich kaum ernsthaft politisch attackiert werde. Das ist, mit Verlaub, Kappes. Seit Monaten zum Beispiel sind die alten und die neueren Medien voll mit Kritik an Merkels angeblichem Europa-Imperialismus. Dennoch sind ihre (und Wolfgang Schäubles) Zustimmungswerte noch mal gestiegen. Ihre Politik wird von vielen abgelehnt, jedoch nicht von der Mehrheit.   Das Problem derer, die Merkel stürzen wollen, wird nicht durch die Urwahl eines Kandidaten gelöst. Aber wahrscheinlich gibt so eine Debatte im Sommer ein gutes Gefühl. Das ist ja auch schön.


Samstag, 8. August 2015

So nicht, Abendblatt.

Neiddebatten sind die Knallerbsen unter den politischen Diskussionen.
Laut, nervig, sinnlos.

Es zeigt nur, daß Menschen nicht über ihren Tellerrand hinausdenken können, wenn sie Politikern ihre Dienstwagen und Flugzeuge missgönnen.
Eine nicht funktionierende Regierungslogistik aus Angst vor den Neidgefühlen der eigenen Wähler ist Missachtung des Amtseides.
Natürlich sollen Bundesminister eine funktionierende Flugbereitschaft haben.
Lange Jahre saßen Fischer und Schröder immer wieder irgendwo fest, weil der uralte Regierungs-Airbus aus Honeckers Zeiten mal wieder verreckt war. Auf Landstreckenflügen mochten die Firmenchefs nicht in der Kanzlermaschine mitfliegen, weil die zu langsam war und dauernd zwischenlanden mußte, während die Firmenjets 20 Jahre jünger waren.
Gerhard Schröder ließ sich nach Gipfeln in Südamerika und Asien gelegentlich von anderen Staatschefs mitnehmen, wenn er schnell wieder in Berlin sein mußte.
Es ist eine der ganz wenigen Taten der Bundeskanzlerin Merkel, die ich wirklich begrüße, daß sie auf das Genöle in der Presse pfiff und neue Jets für die Bundesregierung anschaffen ließ.
(Das bedeutet freilich nicht, daß sämtliche 600 Bundestagshinterbänkler auch nach Herzenslust in der Welt herumfliegen sollen!)

Für Minister ist Fliegen lästig und kein Vergnügen, wie es der Urnenpöbel missdeutet.
Da schließen sie von sich auf andere. Sie verkennen, daß prominente Bundespolitiker allesamt eben gerade nicht wegen des Geldes in der Politik sind.
Mit ihrer Bekanntheit könnten sie mit einem Bruchteil der Anstrengung ein Vielfaches verdienen.
Bizarrerweise kritisieren Linke auch genau das, wenn jemand abgewählt wird.
Politiker sollen demnach also gar nichts verdienen – weder als aktiver Politiker, noch danach in der freien Wirtschaft. Absurd.

Etwas anderes ist es natürlich, wenn Ex-Politikern hochdotierte Posten in Staatsbetrieben verschafft werden – etwa für Ronald Pofalla oder Otto Wiesheu, die siebenstellige Summen im Bahnvorstand kassieren.
Etwas anderes ist es natürlich, wenn Ex-Politiker nachgelagerte Bestechung annehmen und wie von Klaeden oder Hildegard Müller Jobs bei denen Firmen annehmen, für die sie zuvor als Merkels Staatsminister passende Gesetze gemacht haben.

Wer Kanzlern ihren Verdienst missgönnt und meint sie bekämen zu viel Geld, kann sich ja gerne mal selbst um das Kanzleramt bemühen, wenn er meint, das wäre so ein lockerer Job.

In Wahrheit lachen Manager natürlich über die kleinen Gehälter der Bundesminister.
Kein Dax-Vorstand würde für Gabriels und Schäubles Gehalt morgens aufstehen.
Ich wäre natürlich offen für eine Begrenzung von Managergehältern.
Zumindest würde ich mir wünschen, daß diese a) offengelegt werden und daß Manager b) auch mit ihren Einkünften haften, wenn sie die Firma ruinieren.

Etwas anderes sind die hohen Gehälter in den Chefetagen der kommunalen Unternehmen.
Als Olaf Scholz 2011 Regierungschef in Hamburg wurde, legte er als erster Ministerpräsident überhaupt die Gehälter der Geschäftsführer öffentlicher Unternehmen offen.
Man staunte nicht schlecht.
Er selbst steht als Regierungschef mit rund 170.000 Euro im Jahr weit hinter dem Hochbahnchef (360.000 Euro), dem Flughafen-Chef (355.000 Euro) oder gar dem UKE-Chef Martin Zeitz mit 455.000 Euro Grundgehalt ohne Zuschläge.
Deutlich mehr als Olaf Scholz kassieren auch die Geschäftsführer der Saga, von Hamburg Wasser, der Hafenverwaltung HPA oder der Messe, die schon mit ihrer festen Vergütung alle klar oberhalb von 200.000 Euro liegen:
255.000 Michael Beckereit, Hamburg Wasser, 185.000 Bernd Aufderheide, Hamburg Messe und Congress, 230.000 Willi Hoppenstedt, SAGA Hamburg, 265.000 Lutz Basse, Saga Hamburg. (Zahlen von 2012)
Da es sich hier um öffentliche Unternehmen handelt, kann man ein Missverhältnis diagnostizieren. Entweder die Jungs verdienen zu viel oder Bürgermeister und Kanzlerin mit der ungleich größeren Verantwortung verdienen zu wenig.
Auch hier ist eine Neiddebatte allerdings kaum angebracht, da die Summen insgesamt zu vernachlässigen sind – verglichen mit den 9- und 10- und 11-stelligen Summen, die durch falsche politische Entscheidungen und Steuergeschenke verprasst werden.

In Hamburg wehrte sich Hans-Jörg Schmidt-Trenz besonders lange gegen die Veröffentlichung seines Gehaltes.
Hier bin ich, als ZWANGSMITGLIED der Hamburger Handelskammer gewissermaßen direkter betroffen, denn Schmidt-Trenz ist Handelskammerchef.
Zur Erinnerung: Mein direkter Bundestagsabgeordneter Johannes Kahrs (SPD) kämpft seit vielen Jahren intensiv gegen diese Zwangsmitgliedschaften in Innungen und Kammern, scheiterte aber immer an CDU und FDP, die auf diesen planwirtschaftlichen Prinzipien (Meisterzwang u.ä.) beharren.

Diese Woche stellte sich heraus, daß Schmidt-Trenz mindestens 475.000 Euro im Jahr verdient – aufgebracht von den Zwangskammermitgliedern wie mir – das sind mehr als doppelt so viel wie Merkels Gehalt und das dreifache Gehalt von Scholz.
Und das alles für….
An dieser Stelle muß ich passen. Ich weiß tatsächlich nicht was ein Handelskammerchef eigentlich tut. Offenbar nichts Weltbewegendes, wenn ich das als Kammermitglied noch nie bemerkt habe.
Zeit für eine Neiddebatte?

Da sei das konservative Abendblatt vor, das sich in seinem heutigen Leitartikel vor Schmidt-Trenz stellt.
Kein Grund für Neid" prangt in großen Lettern über dem Leitartikel von Oliver Schirg. Man müsse auch die Leistung und Verantwortung beachten!

Der Präses der Handelskammer, Fritz Horst Melsheimer, veröffentlichte an diesem Tag die Einkünfte seines Hauptgeschäftsführers Hans-Jörg Schmidt-Trenz. 370.000 Euro verdient der Manager demnach im Jahr. Bis zu 105.000 Euro können als Tantiemen hinzukommen.
Nun ist die Debatte darüber, was ein anderer verdient, stets eine heikle Angelegenheit. [….]
Es überrascht nicht, dass einer der einflussreichsten Interessenvertreter der Hamburgischen Wirtschaft ein so hohes Einkommen erhält. Schließlich ist die Handelskammer ein wichtiger und notwendiger Faktor bei der politischen Willensbildung in Hamburg. Zudem arbeitet die Kammer unabhängig und ist damit natürlich frei, über die Bezahlung ihrer leitenden Angestellten zu entscheiden.
[….] Führungskräfte, das ergaben Untersuchungen, sind sehr von dem Gedanken des Leistungsprinzips durchdrungen. Sie rechtfertigen ihr Einkommen unter anderem damit, dass sie überdurchschnittlich viel Verantwortung für andere Menschen tragen. Das hohe Einkommen empfinden sie daher als Belohnung für ihre besondere Rolle und ihre Tätigkeit.
Unabhängig davon, wie man im Einzelfall die Leistungen des Hauptgeschäftsführers der Handelskammer bewerten mag: Wer darüber diskutiert, der sollte das Leistungsprinzip im Hinterkopf behalten. Denn dieses Prinzip ist für eine demokratische Gesellschaft unverzichtbar. In letzter Instanz bedeutet dieses Prinzip das Versprechen, dass Anstrengung sich lohnt und belohnt wird.

Sehr geehrter Herr Schirg; es tut mir Leid, aber Sie sind ein Depp.
Die Handelskammer ist eben nicht die „freie Wirtschaft“, sondern ein Zwangskonstrukt, in das jeder Kioskbetreiber oder Ein-Mann-Fensterputzer gezwungen wird.
Schmidt-Trenz generiert sein Gehalt aus den Zwangsabgaben der Pflichtmitglieder, die weitüberwiegend Kleinstunternehmer sind.

Die Lobbyistenleistung Schmidt-Trenz‘, der beispielsweise die Einführung des Mindestlohns von € 8,50 als viel zu hoch kritisiert, ist erkennbar nicht dreimal so viel wert wie die des Wirtschaftssenators Horch (knapp € 130.000 jährlich).

Völlig absurd ist Schirgs Hinweis auf die hohe Verantwortung des Handelskammerchefs. Im Vergleich zur Privatwirtschaft muß sich die Handelskammer eben NICHT auf dem Markt behaupten und sie ist auch NICHT insolvenzfähig. Schmidt-Trenz trägt überhaupt gar kein unternehmerisches Risiko.
Er hat keine „hohe Verantwortung“, sondern er ist geradezu völlig verantwortungslos.

Zudem verdient die Führungsriege der Handelskammer Hamburg mit insgesamt über zwei Millionen Euro weit mehr als die Kollegen in allen anderen Städten.

Dieser Leitartikel ist wirklich absurd.
Man muß schon ideologisch ziemlich verblendet sein, wenn man sich wie Abendblatt-Redakteur Schirg willfährig vor den Mann stellt, der auf Kosten der Kleinsten eine knappe halbe Millionen im Jahr einstreicht.



Freitag, 7. August 2015

So nicht, SZ!



Oh Herr Jesus!  Kurt Kister und Heribert Prantl haben aus unerfindlichen Gründen wieder Matthias Drobinski von der Leine gelassen, um zu demonstrieren, daß auch Deutschlands beste überregionale Zeitung, die SZ, durchaus eindrucksvoll darstellen kann, wie Journalismus NICHT sein sollte:
Distanzloses, liebesdienerisches Stichwortgeben statt eines Interviews.

Das ist einer der von mir immer wieder beklagten Presse-Missstände.
Alle Kirchenthemen werden von frommen Gläubigen behandelt.
Dafür hat Springer Badde und Englisch, der Tagesspiegel die unvermeidliche Claudia Keller, die Zeit Frau Finger und die SZ eben Matthias Drobinski.
(Matthias Matussek vom SPIEGEL lasse ich in dieser Aufzählung mal außen vor, weil er erstens absolut nicht zurechnungsfähig ist und zweitens wenigstens nicht der einzige Kirchenfuzzi der Hamburger ist)
Man stelle sich vor über die CDU würden nur noch CDU-Mitglieder schreiben. Oder nur noch Soldaten über die Bundeswehr. 

Geht es um die Grundfrage des Christentums in Deutschland – was geht da eigentlich so sagenhaft schief, daß jedes Jahr Hunderttausende aus der Religionsgemeinschaft flüchten, während aus anderen Kontinenten ein reger Zulauf herrscht – wird es bei den großen Zeitungen ganz gediegen.

Schon vor zwei Jahren blamierte sich der fromme SZ-Theologe mit einem verbrämlichen Interview des damaligen deutschen RKK-Chefs Zollitsch.

Ich staune immer wieder über die Naivität von schreibenden Christen. Drobinski steigt hier regelrecht auf Käßmann-Niveau herab.

Mitten im Sommerloch souffliert der katholische Theologe aus Gießen nun dem Religionssoziologen Dr. Dr. Detlef Pollack, 59, aus Münster.
Der Professor soll dem frommen SZ-Redakteur erklären wieso die Kirchen so viele Mitglieder verlieren.

Die katholische Kirche verzeichnete einen Rückgang von 230 000 Gläubigen, die evangelische Kirche von 410 000 - das zeigen neue Zahlen.

Der Erkenntnisgewinn ist kaum messbar, da sich beiden Männern gar nicht erst die Frage stellt, ob es positiv sein könnte, wenn Menschen die Kirchen verlassen.
Beide sind perspektivisch so verengt, daß sie es als ganz selbstverständlich voraussetzen die Kirchenaustritte zu bedauern.
Es geht in beider Denken nur darum FÜR die Kirchen zu argumentieren.
Gänzlich ungeniert stellt Drobinski Fragen, die offensichtlich von strenggläubigen naiven Messdienerchen erdacht wurden:

MD: Dabei tun die Kirchen viel, um Mitglieder zu halten. Das hilft nichts? Nicht einmal der nette Papst Franziskus?

DP: Das alles hilft wenig. Es kommt gar nicht so sehr darauf an, was die Kirchen tun, wie sie öffentlich präsent sind, was ihre Repräsentanten sagen. Die Zahl der Austritte macht sich meist an Faktoren fest, die gar nichts mit den Kirchen zu tun haben.

MD: Zum Beispiel die Einführung des Solidaritätszuschlags 1992 oder jetzt die Reform der Abgeltungsteuer.

Man muß sie lieben, die Religioten! Da beklagen beide Kirchenaustrittsgründe, die gar nichts mit den Kirchen zu tun hätten und nennen als Beispiele die horrenden Mitgliedbeträge von über 10 Milliarden Euro, die jedes Jahr einkassiert werden. Was könnte MEHR mit der Kirche zu tun haben, als ihre Raffgier, die in Deutschland sogar so weit geht, daß man automatisch exkommuniziert wird, wenn man nicht zahlen will?
Hätte Drobinski nicht so einen fanatischen Tunnelblick, würde er nun auf die 99% der Staaten verweisen, in denen die Kirchen keine Zwangsgebühr vom Staat eintreiben lassen.
Drobinski stehen beim Fragen die Tränen in den Augen… O Gottogottogoott! Wo soll das alles nur hinführen??? Sind nicht vielleicht die bösen Atheisten und Religionsfeinde an allem schuld? Kirchen selbst machen ja keine Fehler.

MD: Andere Dinge sind wichtiger geworden?

DP: Das ist ein zentrales Motiv für den Kirchenaustritt. Andere Lebensbereiche zählen mehr: der Beruf, die Familie, Freizeit. Wenn wir fragen, was den Leuten wichtig im Leben ist, liegt die Religion ziemlich weit hinten. Die Abkehr von Religion und Kirche ist weniger ein entschiedener Schritt als ein schleichender Prozess.

MD: Viele Kirchenvertreter beklagen eine zunehmende Religionsfeindschaft.

DP: Das gibt es. […]

MD: Wo wird dieser Prozess hinführen?

DP: Die Kirchenmitglieder werden zur Minderheit, auch im Westen. Unter den Jugendlichen in Westdeutschland verstehen sich nur noch 50 Prozent als Kirchenmitglieder. […]


Drobinski befürchtet nun das Schlimmste:

MD: Wie sehr wird der Islam die religiösen Landschaften in Deutschland verändern?

DP: Bei Muslimen ist die Bindung an die Religion wesentlich stärker als bei Christen, auch unter den Jugendlichen. Die spannende Frage ist, welche Auswirkungen das aufs Christentum haben wird, ob das dort einen Selbstbesinnungsprozess auslöst, ob man sich wieder stärker an die eigene Religion bindet.

[…]
MD: Die Christen werden lasch, die Muslime frommer - werden da die Konflikte zwischen säkularer Mehrheit und religiös gebundener Minderheit zunehmen?

DP: […] Und ja, da sind Spannungen zu befürchten, auch innerhalb der muslimischen Gemeinschaft.

MD: Welche Auswirkungen werden diese Wandlungsprozesse auf das gegenwärtige Staat-Kirche-Verhältnis haben?

DP: Das Staat-Kirche-Verhältnis steht vor ganz großen Herausforderungen. Das Religionsrecht muss die muslimischen Gemeinschaften integrieren, es muss sich in einer Gesellschaft bewähren, in der die Christen langfristig nicht mehr in der Mehrheit sind. Aus meiner Sicht wären die Kirchen gut beraten, dieses Feld offensiv anzugehen. […]

Jetzt ist Drobinski völlig fertig und stellt die Frage der Fragen – sein absoluter Alptraum:

Und am Ende steht die Trennung von Kirche und Staat?

Na hoffentlich wird es zu so etwas Verfassungsfeindlichen niemals kommen, Herr SZ-Redakteur!

Man sieht, daß nicht nur das erbärmliche geistige Niveau der Theologen und Geistlichen die Menschen in den Kirchenaustritt treibt. Die Kirchen-affinen Politiker wie Nahles (liebt nur Jesus noch mehr als die Eifel) regen ebenfalls den Fluchtimpuls an.
Und wie eben gesehen, die frommen Kirchenjournalisten sind genauso schwach. Intellektuelle Leerstellen.
Wer so über Kirche schreibt, muß sich nicht wundern, daß diejenigen, die ihr Gehirn benutzen, aus den Vereinen austreten wollen.

Schließlich leidet die Evangelische Kirche nachhaltig unter dem intellektuell dürftigen Niveau ihrer Top-Kleriker.
Offensichtlich wird jeder, auch wenn er in der Schule nur Singen und Klatschen belegt hat, zum Theologiestudium zugelassen und umso schneller zum Pastor gemacht, je mangelhafter seine Allgemeinbildung ist.
(…….)
Möglicherweise ist es tatsächlich so, daß der intellektuelle Niedergang der evangelischen Theologie, der in Huber und Käßmann ihre Apotheose fand, die eigentlich noch absurderen Katholiken (Zölibat, Primat des Papstes, Frauen-Ausschluss,..) in Relation gut dastehen läßt.

Im aktuellen SPIEGEL (15/2015 vom 04.04.2015) gibt es ein vierseitiges Doppelinterview mit dem EKD-Chef Bischof Heinrich Bedford-Strohm und dem Präsidenten des Zentralrats der Juden, Josef Schuster unter anderem zum Thema „militanter Islam“.
Gratulation auch an die morialogische Glanzleistung des SPIEGELS zum Thema Gewalt im Islam von Juden und Christen nur ÜBER den Islam zu sprechen und nicht MIT ihm; ein muslimischer Vertreter darf gar nicht erst mitreden.
An einen Humanisten oder Atheisten wird ohnehin gar nicht gedacht.
Die Redakteure Frank Hornig und Katja Timm stellen die üblichen harmlosen Fragen nach Integration und Glaubensferne.
Ein Freifahrtschein für die beiden Top-Religioten zu überzeugen und für sich zu werben.
Schuster, als Vertreter einer in Deutschland sehr kleinen Minderheit schlägt sich nicht schlecht, fällt zumindest nicht durch besondere Doofheiten auf.
Aber der Nachfolger von Huber, Käßmann und Schneider gibt Plattitüden von sich, daß man immerhin wunderbar Heinz-Werner Kubitzas Essay wider die Theologie als „Wissenschaft“ bestätigt bekommt.
Bedford-Strohm ist Professor und demonstriert eine Anti-Intellektualität, daß er jeden Denkenden aus der Kirche treiben muß. (…..)

(……….) Der Niedergang des deutschen Protestantismus ist vermutlich unaufhaltsam.
Der Grund ist, daß es einfach keine sympathischen Führungspersönlichkeiten in der EKD gibt.
Die Laien werden von Politikern dominiert, die sich aus dem unsympathischsten Bodensatz ihrer jeweiligen Parteien rekrutieren: Volker Kauder, Hermann Gröhe, Günther Beckstein, Kathrin Göring-Kirchentag, Irmgard Schwätzer (FDP), Christoph Matschie (SPD), Kerstin Griese (SPD), Josef Philip Winkler (Grüne), Pascal Kober (FDP) oder Stefan Ruppert (FDP) sind die schlimmen Namen.

Bei den Theologen der EKD sieht es sogar noch düsterer aus: Huber, Schneider, Käßmann, Bedford-Strohm oder gar Petra Bahr heißen die Menschenschrecker, die meistens in die Talkshows geschickt werden.
Kein Wunder, daß die Gläubigen schneller aus der EKD flüchten als aus der zölibatären Kinderficker-RKK. (………….)

Konsequenterweise wurde Plapperista Käßmann als BILD-Kolumnistin genau dort geparkt, wo sie intellektuell hingehört  - bei F.J. Wagner und Kai Diekmann.
Wenn man es gut mit der EKD meint, könnte man hoffen, daß Käßmann bei der enthirnten BamS-Leserschaft auch keinen Schaden mehr anrichten kann.