Mittwoch, 14. August 2013

Die Politik und die Meme



Angela Merkel und ich haben durchaus auch Gemeinsamkeiten.
Wir mochten beispielsweise beide in der Schule „Mathe“.
Das war immer eins meiner Lieblingsfächer, weil ich es so logisch und einfach fand. Da mußte man nie lernen und bekam immer eine gute Zensur.
Als ich in die Oberstufe kam, wußte ich gleich, daß Mathe mein Abifach werden würde. Üblicherweise wählte man dann in der VS (11.Klasse) einen sogenannten „Ergänzungskurs“ als Vorbereitung auf den Leistungskurs.
Zu Mathe gab es aber nur das öde „Mathe-Ergänzung“ bei diesem unglaublich aus dem Mund stinkenden Typ, der noch ein Kriegsversehrter mit zerschossenem Kiefer war.
Der nuschelte so in seinen Bart, daß man ihn nie verstand. Der zweite Ergänzungskurs war „Informatik“, in dem die latent übergewichtigen Schulstreber saßen, die auch alle in der JU waren.
Die interessierten sich alle für Computer, jene sinnlosen Rechenmaschinen mit dem albernen TV-Bildschirm dran.
Der Sinn dieser Apparate erschloß sich mir überhaupt nicht. Daran herum zu programmieren konnte ja keinen Sinn machen.
Also ging ich doch zu dem Blödmann mit dem zerschossenen Kiefer und verdrängte diese JU-Typen in den Markensweatshirts vor ihren Bildschirmen.
Noch während des Grundstudiums war ich überzeugt davon auch ohne Computer zu Recht zu kommen.
Langsam gab es zwar Professoren, die keine handgeschrieben Protokolle mehr annahmen, aber meine Handschrift ist sehr sauber und insbesondere in Organischer Chemie sahen meine Moleküle immer sehr hübsch und dreidimensional aus.
(Bis heute bilde ich mir ein, daß man das räumliche und chirale Denken bei komplexeren organochemischen Reaktionen besser lernt, wenn man die Moleküle selbst zeichnet.)
Widerstrebend mußte ich mir dann aber auch einen Drei-Sechsundachtziger anschaffen und mir mühsam von Kommilitonen erklären lassen wie das funktionierte.
Der Funke sprang aber nicht über. Ich benutze das Ding als bessere Schreibmaschine und schaltete es immer so bald wie möglich wieder aus.
Als irgendwann die ersten Leute immer von diesem eigenartigen „Internet“ erzählten, wurde ich endgültig bockig. Damit wollte ich nun echt nichts zu tun haben. Das stiehlt Zeit und außerdem las ich doch so gern. Schon den Computer fand ich doof. Auf keinen Fall brauchte ich noch Internet dazu.

Nun ja, wir wissen ja wo das endete.
Heute kann wohl kein vernünftiger Mensch mehr das Internet in toto ablehnen.
Es bietet einfach zu viel, das die Offline-Welt nicht ersetzen kann.
Aus eigener Erfahrung weiß ich aber wie skeptisch man sein kann. Und man sollte auch nicht blind alles mitmachen.
 In den sozialen Netzwerken beobachte ich ganz deutlich, daß sich die Menschen meiner Generation (und älter) viel vorsichtiger bezüglich ihrer Daten verhalten, während viele Teenager ungeniert von Telefonnummer über Schwanzgröße bis zu Psychoproblemen alles der Welt mitteilen.

Heute störe ich mich nicht mehr daran viele Aspekte der großen weiten Welt des Webs nicht zu verstehen und nicht mitzumachen.
Ich habe noch nie ein Computerspiel gespielt, habe keinen Twitter-Account, keine Digitalcamera, kein Smartphone und verspüre keinerlei Drang bei Datingwebsites mitzumischen. 
Ich lese ja auch Zeitungen, ohne den Sportteil wahrzunehmen und gucke Fernsehen, ohne jemals eine Daily-Soap angesehen zu haben.

Dennoch ist meine Aufmerksamkeitsspanne üblicherweise so breit, daß ich auch Ereignisse, die mich gar nicht interessieren zumindest peripher wahrnehme.
Ich würde beispielsweise niemals sportives Kräftemessen beim 50 km Gehen oder Diskuswerfen der Frauen angucken. 
Dennoch weiß ich, daß just im Moment die Leichtathletik-WM in Moskau stattfindet.
Man „bekommt das eben irgendwie mit“ beim Überfliegen der Überschriften oder als Hintergrundrauschen, wenn im Supermarkt ein Radio läuft.

Obwohl ich Twitter überflüssig finde und Boris Becker nicht leiden kann, weiß ich dennoch, daß er als aktiver Twitterer mit sagenhaften Peinlichkeiten auffällt.
Die Onlinewelt dringt eben auch in die nichtvirtuelle Realität vor.

Ich weiß nicht wie Photoshop funktioniert oder wie man ein Youtube-Video schneidet.
Aber man müßte schon grenzdebil sein, um nicht mitzubekommen, daß diese Methoden existieren.
Es ist fast nicht möglich online zu sein, ohne von diesen sich blitzartig verbreitenden Internetmoden tangiert zu werden.
Seit beinahe 40 Jahren schon gibt es den Begriff „Mem“, worunter man heutzutage ein schnelllebiges Internetphänomen versteht.
Aber für eine genauere Definition reicht schon ein Klick zu Wikipedia.
Ein Mem bezeichnet einen einzelnen Bewusstseinsinhalt (zum Beispiel einen Gedanken), der durch Kommunikation weitergegeben und damit vervielfältigt werden kann. Dies trägt zur soziokulturellen Evolution bei. [….]

Die englische Bezeichnung meme wurde 1976 vom Evolutionsbiologen Richard Dawkins vorgestellt; er nannte als Beispiele dazu: „Ideen, Überzeugungen, Verhaltensmuster“. Mit diesem kulturellen Pendant zum biologischen Gen (englisch gene) veranschaulichte er das Prinzip der natürlichen Selektion, deren Grundeinheit Replikatoren von Informationen sind. Die Bezeichnung Mem beschrieb er als selbst gewähltes Kunstwort, das sich auf den griechischen Terminus μίμημα, Mimema („etwas Nachgemachtes“) beruft.

Als Memetik wird das daraus abgeleitete Prinzip der Informationsweitergabe bezeichnet.
(Wikipedia)
Ich habe keine Ahnung wie sich so etwas genau entwickelt, aber natürlich kennt man Mem-Beispiele, wie die Harlem-Shaker-Videos, „2girls1Cup-Reactions“ oder das „Catbearding“. Sie sind zwar sehr unterschiedlich lustig, doch kaum zu übersehen.

Ich finde nicht, daß man so was wissen muß und habe volles Verständnis dafür, daß beispielsweise wahlkämpfende Spitzenpolitiker nicht die Zeit dafür haben Facebook-Accounts zu bestücken oder mit Memen zu spielen.

Dafür engagieren die Parteien verständlicherweise Profis.
Ich würde es gar nicht wollen, wenn ein veritabler Minister sich persönlich mit diesem Quatsch abgibt. 
Ignorieren kann man Meme aber auch nicht, weil sie die kostbare Ware Aufmerksamkeit generieren.
Wer Wahlkampf macht, will in die Köpfe der Wähler. Will deren Aufmerksamkeit. Will seine Botschaften möglichst breit unters Volk bringen. Am populärsten sind die sogenannten Polit-Meme aus dem „Neuland“ Internet: Bilder oder kleine Videos, die witzig sind, skuril – oder jedenfalls irgendwie spektakulär.
Grüne, SPD und CDU haben es nun aber tatsächlich geschafft sich WERBEPROFIS für ihre Wahlkampagnen zu engagieren, die noch nicht einmal den Begriff „mem“ kennen.
Gratulation! 
Dieses Maß an Parallelrealität muß man erst mal erreichen!
Meme können zur Waffe im Wahlkampf werden – wissen das die Werbeberater der Parteien?

Die Agentur der Grünen:

O-Ton Frontal21:

Was ist ein Mem?

O -Ton Benjamin Minack, Agentur ressourcenmangel:

Einfach übersetzt: ein Sprichwort. Etwas kürzer gefasst.

Dann die SPD-Agentur.

O-Ton Frontal21:

Was ist ein Mem?

O-Ton Karsten Göbel, Agentur Super J + K:

Tja, das weiß ich in Zusammenhang mit politischer

Kommunikation auch nicht.

O-Ton Frontal21:

Oder Meme im Plural?

O-Ton Karsten Göbel, Agentur Super J + K:

Das ist nicht so wirklich das Thema.

Der CDU-Werber sagt lieber gar nichts. Die Volks-Parteien scheinen mit Memen nicht viel am Hut zu haben. Warum nur?

O-Ton Prof. Thorsten Faas, Politikwissenschaftler Universität Mainz:

Internetzugang ist weit verbreitet in Deutschland, aber es ist immer noch, gerade wenn wir Richtung Facebook-Communities, YouTube auch schauen, immer noch ein sehr junges Phänomen, während die Masse der Wähler einfach nicht in diesem jungen Segment zu holen ist.


Naja, dafür lösen Politiker wie Merkel („Internet ist Neuland“) oder Ronald Pofalla („NSA-Affäre ist beendet“) zuverlässig neue Meme aus.
Vom Tisch oder unterm Teppich?

Wie Pofalla die Öffentlichkeit beim NSA-Skandal in die Irre führt.

[…] Um zu verschweigen, was Deutschlands Bürger wissen sollten, brauchte [Pofalla]  gerade mal sieben Worte: 'Es gibt in Deutschland keine millionenfache Grundrechtsverletzung', sagte er nach der jüngsten Sondersitzung des Parlamentarischen Kontrollgremiums am Montag - und verschwieg damit, dass einer der größten Bürgerrechtsskandale noch längst nicht aufgeklärt ist.

Tatsächlich brauchen die Spione von Amerikas Geheimdienst National Security Agency (NSA) gar nicht deutsche Grundrechte verletzen, indem sie auf deutschem Boden Mails und Telefonate abgreifen. Denn die NSA hat bereits Zugriff auf die Daten von Firmen wie Microsoft, Google, Facebook, Yahoo und Apple. Das ist der Kern des Spionageprojekts Prism. So war es in einigen Dokumenten des Whistleblowers Edward Snowden nachzulesen, und so hat es die National Security Agency (NSA) auch nicht bestritten. Doch zu Prism sagte Pofalla am Montag: nichts.

[…]  Kanzleramtsminister Pofalla hingegen wollte am Montag reden, ein bisschen zumindest: Die amerikanischen und britischen Dienste hätten zugesichert, dass sie auf deutschem Boden keine Operationen durchführen. Das klingt nach: Deutschland, du kannst aufatmen, alles halb so schlimm, nichts passiert.

Tatsächlich haben NSA und GCHQ außerhalb der Bundesrepublik genügend Möglichkeiten zur Überwachung deutscher Bürger: So sind die wichtigsten Internetfirmen amerikanisch. Die meisten Internetnutzer verwenden mindestens ein Produkt jener Firmen, auf deren Daten die NSA Zugriff hat. Auch laufen die wichtigsten Glasfaserkabel durchs Meer oder gar über britischen oder amerikanischen Boden, über Infrastruktur kooperierender Unternehmen. Selbst Mails, die innerhalb Deutschlands verschickt werden, verlassen auf ihrem Weg zum Empfänger häufig die Bundesrepublik.

Pofalla hätte am Montag auch sagen können, dass überhaupt keine Daten deutscher Bürger gesammelt werden. Das wäre eine klare Aussage gewesen. Stattdessen sagte er, die Vorwürfe seien 'vom Tisch', es gebe keine 'flächendeckende Datenauswertung'. Das lässt Spielräume offen. Gibt es einen Unterschied zwischen Datensammlung und Datenauswertung? Wo beginnt 'flächendeckend' und wo endet es? Auf die Bitte, dies doch zu erklären, antwortete Pofalla am Dienstag nicht.

Dienstag, 13. August 2013

Unser Guido - Teil IV



Bald bin ich nicht mehr Abonnent einer Springer-Zeitung, weil das „Hamburger Abendblatt“ an den Funke-Konzern verscheuert wird. 20 % Rendite, die Springer noch beim PRINT erwirtschaftet sind Merkels Busenfreundin Friede zu wenig.
Nun ja, mir soll es recht sein. Am „HH Abla“ hängt mein Herz nicht.
Liebend gerne würde ich eine andere Hamburger Zeitung abonnieren, denn mindestens EINE seriöse Zeitung mit Hamburger Regionalinformationen brauche ich.
Aber hier gibt es nur Springer. Traurig aber wahr – der bedeutende Medienstandort Hamburg (STERN, SPIEGEL, ZEIT,..) hat keine einzige vernünftige Tageszeitung zu bieten. Schon gar nichts Überregionales wie Frankfurt oder München.

Anyway. Da das HH Abla NOCH zum Springerkonzern gehört und die politischen Artikel aus einem zentralen Pool kommen und schon lange nicht mehr individuell von Journalisten für eine Zeitung geschrieben werden, hatte ich heute das zweifelhafte Vergnügen an den Profi-Beleidiger Hendryk M. Broder und seinen AchGut-Blog erinnert zu werden.
Spätestens nach Anders Breivik Bezugnahme auf Broder, die dieser mit kokett und mit einen gewissen Stolz kommentierte, nimmt man eigentlich automatisch eine leicht grüne Gesichtsfarbe an, wenn Broder gegen Linke, Muslime oder Sozialschwache agitiert.
Es kommt allerdings, in seltenen Fällen, auch vor, daß Broder gegen jemanden schießt, den ich zufällig genauso übel finde wie er.
In dem Moment finde ich mich plötzlich in dieser bizarren „der Feind meines Feindes ist mein Freund“-Situation wieder und sitze temporär mit Broder in einem Boot. 
Das kann durchaus amüsant sein, weil Broder nicht so blöd wie andere rechte Pöbler ist und in seiner extrem polemischen und sarkastischen Art durchaus humorvoll bleibt.
Das kann mal einen Bischof treffen; das trifft aber auch immer wieder Westerwelle, den ich für einen der unangenehmsten Politiker halte, die Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg hervorgebracht habe.
Vor genau drei Jahren konnte ich mir schon einmal nicht verkneifen Broder deswegen lobend zu erwähnen.

Henryk M. Broder ist ein Sonderfall.
Ich habe bisher leider erst zwei seiner Bücher durchgelesen.
Die Irren von Zion. Hoffmann und Campe, Hamburg 1998 ist brillant. Kann ich nur empfehlen.
Kein Krieg, nirgends. Berlin Verlag, 2002 ist auch brillant formuliert. Kann ich aber nicht empfehlen. Inhaltlich ist das eine echte Pest. Dabei habe ich mich fast schwarzgeärgert.

So scheint es mir immer bei Broder zu sein - er ist so extrem polemisch und provokant, daß man es kaum aushält, wenn er zufällig anderer Meinung als man selbst ist.
Einfach gruselig was er beispielsweise über die Erderwärmung denkt.

Hat man ihn allerdings zufällig auf seiner Seite, sind seine Formulierungen ein absoluter Genuß.
Wenn er in seiner ruhigen Art in einer Talkshow sitzt und anwesenden Bischöfe zur Weißglut bringt, gefällt mir das natürlich.

Unvergessen, als er im Februar 2009 in Illners Schwatzrunde die „affirmative Schleimerei“ des Papst-Bewunderers Nathanael Liminski (23) von der "Generation Benedikt" beklagte.

Der anwesende Bischof (ich glaube es war Jaschke) warf ihm vor den „interreligiösen Dialog“ zu sabotieren, worauf Broder entgegnete er müsse sich diesbezüglich keine Vorhaltungen machen lassen, er führe den „interreligiösen Dialog“ jeden Tag, da er mit einer Katholikin verheiratet sei - das solle der Bischof ihm erst einmal nachmachen.

Gestern pupte Herr Broder in seiner Eigenschaft als SPIEGEL-Kolumnist Guido Westerwelle an.
Natürlich ist das auch kein Artikel ohne zweifelhafte Sätze, die ganz offensichtlich nur untergebracht sind, um ein paar seiner Kritiker auf die Palme zu bringen.
Im Großen und Ganzen hat er aber völlig Recht.
Es gibt einiges, worauf man als Deutscher stolz sein kann. Zum Beispiel die Tatsache, dass der Regierende Bürgermeister von Berlin ein bekennender Schwuler ist. Ebenso der derzeitige Außenminister. Wer sich noch an den Muff der fünfziger und sechziger Jahre erinnern kann, an das Geraune um den damaligen CDU-Außenminister Heinrich von Brentano, der als "unverheirateter Katholik bei seiner Mutter" lebte (Wikipedia), oder an den Satz von Franz Josef Strauß "Ich will lieber ein kalter Krieger sein als ein warmer Bruder" aus dem Jahre 1970, der weiß, dass die Einstellung gegenüber Homosexuellen ein Maßstab für den Zivilisationsgrad einer Gesellschaft ist.
Dabei geht es nicht um Toleranz, denn Toleranz ist ein Gnadenakt, der ebenso schnell widerrufen werden kann, wie er gewährt wurde. Den meisten Deutschen ist es egal, ob ein Politiker Homo, Hetero, Vegetarier oder Radfahrer ist; Guido Westerwelle wurde nicht zum Außenminister gewählt, weil er schwul ist, auch nicht, obwohl er schwul ist. Seine sexuelle Disposition war den Wählern einfach wurscht. Und daran wird sich - hoffentlich - nichts ändern, bis er eines Tages aus seinem Amt wieder rausgewählt wird.
(H.M. Broder am Freitag, den 13. August)
Geradezu ätzend polemisch wird Broder bei der Bewertung von Guidos Entschluß künftig seinen Herrn Mronz nicht mehr in Länder mitzunehmen, die homophobe Gesetze haben.
Denn:
"Wir wollen den Gedanken der Toleranz in der Welt befördern. Aber wir wollen auch nicht das Gegenteil erreichen, indem wir uns unüberlegt verhalten." Man muss diesen Satz nicht zweimal lesen, um zu begreifen, was in ihm steckt: Toleranz ist eine feine Sache, aber wir sollten es mit ihr nicht zu weit treiben. Das ist mehr als eine der üblichen Politiker-Sprechblasen, es ist moralisches Harakiri in Zeitlupe, eine Schande.
(H.M. Broder am Freitag, den 13. August)
Recht hat er, der Broder.

Hat man jemals seit Ribbentropp so eine Fehlbesetzung auf dem Stuhl des Außenamtschefs gesehen?
Broder kann der dümmlichen und unerwünschten Anwesenheit Westerwelles in Israel und Palästina genauso wenig abgewinnen wie ich.
Der Friedensprozess wird auch mit Guidos Hilfe nicht einfacher werden.

Zwanzig Jahre nach den Verträgen von Oslo, mit denen ein Schlussstrich unter die Geschichte gezogen und der Grundstein für einen "neuen Nahen Osten" (Schimon Peres) gelegt werden sollte, heißt es wieder: Alles auf Anfang! Yitzhak Rabin wurde ermordet, Jassir Arafat starb eines wie auch immer gearteten Todes, deren Nachfolger machen sich gegenseitig für das Scheitern des "Friedensprozesses" verantwortlich.

Man fühlt sich wie in dem Film "Und täglich grüßt das Murmeltier", wacht jeden Morgen zu derselben Melodie auf und weiß schon im Voraus, wie der Tag zu Ende gehen wird. Das gilt auch für die Diskussion auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung, zu der kein Palästinenser gebeten war, denn erst einmal sollen sich die Israelis darüber klar werden, was sie eigentlich wollen. Und dabei möchte die KAS, ebenso wie alle anderen deutschen Parteistiftungen, die in Israel aktiv sind, behilflich sein.
(Broder 10.08.13)

Der Zorn des exklusiven SPRINGER-Schreiberlings Broder trifft aber nicht nur die unmittelbaren Akteure im „Heiligen Land“, sondern zu Recht auch die Wichtigtuer des Schlages Westerwelle, die NICHTS ausrichten, außer sich selbst für das heimische Publikum in Szene zu setzen.
Gut, daß die gemäß Satzung zur klaren proisraelischen Stellung verpflichteten SPRINGER-Zeitungen auch das abdrucken.

 Außenminister Westerwelle ist wieder in Nahost. Dabei hat er weder neue Erkenntnisse noch bahnbrechende Lösungsansätze für den Konflikt im Gepäck. Sind wir Zeugen eines Rituals vergangener Zeiten?  Zum zweiten Mal in diesem Jahr besucht der deutsche Außenminister, Guido Westerwelle, Israel. Warum? Um alte Freunde zu treffen? Um neue Kontakte zu knüpfen? Um Premier Netanjahu, der soeben operiert wurde, eine rasche Genesung zu wünschen?

Dafür müsste er sich nicht persönlich auf den Weg machen. Die deutsche Post bietet noch immer Telegramme als "unvergessliche Nachricht für den besonderen Anlass" an, das "Mini" für 15,20 Euro, das "Maxi" für 18,35 Euro. Es gibt vier Schmuckblätter zur Auswahl. Der besondere Service dabei ist: Man kann das Telegramm online aufgeben, muss also nicht zum Postamt laufen und vor dem Schalter Schlange stehen. [….]

[….] Der Auswärtige Dienst funktioniert noch immer so wie zur Zeit des Wiener Kongresses vor 200 Jahren. Diplomaten und Politiker reisen durch die Welt und treffen sich zu Gesprächen mit anderen Politikern und Diplomaten.

Und egal, wen sie getroffen und worüber sie geredet haben, sie kommen immer mit guten Nachrichten zurück. Die Gespräche hätten in einer "freundschaftlichen und offenen Atmosphäre" stattgefunden, man habe vereinbart, "den Gedankenaustausch sehr bald fortzusetzen".

[….] Warum also kommt der deutsche Außenminister Guido Westerwelle zum zweiten Mal in diesem Jahr nach Israel? Warten nicht auch in Damaskus alte Bekannte und neue Herausforderungen auf ihn? Nun, es geht wie immer um die besonderen deutsch-israelischen Beziehungen, um den Friedensprozess und die deutsche Angst, tatenlos zuschauen zu müssen, wie Geschichte geschrieben wird.

Ein unvergleichlicher Platitüden-Reigen.

Und das hört sich am Ende dann so an: Man wolle unsere guten und konstruktiven Möglichkeiten nutzen, um die Verhandlungen zu gestalten; es läge im Interesse der Palästinenser und der Israelis, den Nahostkonflikt, diese Mutter vieler Schwierigkeiten, in einen Prozess zu führen, dessen Ende zwar nicht absehbar sei, der aber geführt werden müsse.

Dabei habe, trotz der jüngsten EU-Beschlüsse, kein Politikwechsel gegenüber Israel stattgefunden; man müsse darüber nachdenken, wie man eine Brücke der Vernunft zwischen Europa und Israel bauen könne; das sei keine große Zauberkunst, wenn man alle Fragen praktisch und pragmatischen angehe.

[….] Es sei zu früh, den neuen iranischen Präsidenten Rohani einzuschätzen, man solle ihm aber eine Chance geben; die atomare Bewaffnung des Iran müsse verhindert werden, nicht nur im Interesse der Israelis, sondern der Region und der ganzen Welt; vor allem dürfe es rund um den Golf nicht zu einem atomaren Wettrüsten kommen.

[….] Nun sind das alles nicht unbedingt brandneue Erkenntnisse, und der Bundesaußenminister ist nicht zum ersten Mal im Nahen Osten unterwegs. Ein wenig kommt er einem vor wie ein Partygast, der erst zum Nachtisch dazukommt und gleich damit loslegt, eigene Rezepte zu verteilen.

Westerwelle weiß, wie wenig es darauf ankommt, was die Bundesrepublik tut oder unterlässt. Aber seit Bernhard von Bülow, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, im Jahre 1897 für das Kaiserreich "unseren Platz an der Sonne" einforderte, zieht es deutsche Politiker in den Nahen, Mittleren und Fernen Osten. Wenn man schon nicht mitmachen darf, will man wenigstens dabei sein.
 (Henryk M. Broder, 12.08.13)

Montag, 12. August 2013

Unser Guido - Teil III



Konservative Politiker mit eingeschränktem Horizont bekommen gelegentlich hektische Flecken im Gesicht, wenn ihre Regierung mit „Feinden“ spricht.
Paradebeispiel dafür ist das „Vaterlandsverräter“-Geschrei der CDU, mit dem sie in den 1970ern die SPD wegen der Ostpolitik überzog.
Dasselbe dümmliche Gepöbel erlebte Kissinger als er mit dem Vietcong sprach und Kurt Beck, als er vorschlug mit den Taliban zu verhandeln. 
Das zeige ja seine ganze Naivität hieß es unisono in der Journaille. 
(Als Verteidigungsminister v.u.z. Guttenberg anderthalb Jahre später ebenfalls vorschlug mit den Taliban zu reden, bejubelte man ihn allerdings.
Nicht weil sich die Umstände geändert hatten, sondern weil er eben Guttenberg war, dem damals alle mit abgeschaltetem Hirn zu Füßen lagen, während Beck grundsätzlich nur gebasht wurde – wie jetzt Steinbrück.)

Der Friedenspolitiker Egon Bahr („Frieden ist nicht alles. Aber ohne Frieden ist alles nichts.“) war wegen seiner diplomatischen Kontakte in die Sowjetunion und die DDR bei den Rechten besonders verhasst.
Darüber konnte er immer nur den Kopf schütteln, denn wer Frieden erreichen will, MUSS mit dem Feind sprechen. „Mit wem denn sonst?“
Diese geopolitische Binsenweisheit hatte aber beispielsweise die GWB-Administration nie verstanden. Präsident Bush sprach grundsätzlich nur mit Regierungen, die ihn 100% unterstützten („Wer nicht für uns ist, ist gegen uns!“). Mit dieser Kindergarten-Mentalität richtete er die außenpolitischen Desaster an, unter denen wir heute noch leiden und die vermutlich über eine Million Tote gebracht haben.

Als Diplomat muß man dahin gehen, wo es weh tut.
Und man muß Integrität besitzen.
Joschka Fischer gelang dieses Kunststück im Nahen Osten.
Wie kein anderer Außenminister seiner Zeit war er gleichermaßen hoch anerkannt auf der arabischen, wie auf der israelischen Seite. Ein Kombination, die es selten gibt.
Israel rechnete ihm seinen Einsatz für das Existenzrecht Israels und das glaubwürdige Lehren-ziehen aus dem Holocaust an, während bei Palästinensern und Irakern sehr wohlwollend Fischers intensiver Kampf gegen die US-Kriegspläne beurteilt wurde.
Die damalige Rotgrüne Regierung war für alle Seiten gleichermaßen engagiert und taugte geradezu idealtypisch als Nahostvermittler.
Ich bin überzeugt davon, daß Schröder und Fischer viel für den Friedensprozess erreicht hätten, wenn sie nicht ausgerechnet die extrem kriegslüsterne Bush-Administration mit ihren Helfern Blair, Berlusconi und Aznar als Gegner gehabt hätten.

Außenminister Westerwelle ist in jeder Hinsicht das diametrale Gegenteil. 
Er gilt als desinteressiert und wenig engagiert.
Bevor er Außenminister wurde, war er noch nie in Washington oder Paris und hatte sich aufgrund seiner Faulheit auch nie in die Konfliktherde unserer Welt eingelesen.
Legendär seine vollkommen irrsinnige Ansicht das Außenamt sei ein Schön-Wetter-Spaß, welches kaum Arbeit erfordere, weswegen er sich nicht darauf beschränken werde, sich „ein paar schöne Jahre im Außenamt“ zu machen, sondern sich auch weiterhin in der Innenpolitik engagieren werde.
Besser kann man seine komplette Ignoranz nicht zeigen.
Immerhin, das muß man zugeben, hat Guido erkannt, daß seine früheren naiven Sprüchlein von der „werteorientierten Außenpolitik“, der „geistig-politischen Wende“ völliger Unfug sind.
 Daß er als Oppositionspolitiker tönte als Außenminister werde er die Entwicklungshilfe für homophobe Regime streichen, ist längst vergessen.
Seine 2009 großspurig angekündigten Pläne er werde sich international für ein atomwaffenfreies Europa und insbesondere den Abzug der Atomraketen aus Deutschland einsetzen, gerieten vollends in Vergessenheit. Zuletzt begrüßte er sogar die Modernisierung der US-Atomwaffen in Deutschland.
Tja, wie sich rausstellt, ist internationale Diplomatie doch ein bißchen anspruchsvoller, als es sich der Polit-Azubi aus Bonn-Bad Honnef vorgestellt hatte. 
Mal eben in ein paar Minuten läßt sich nichts erreichen.
Spätestens 2010 wurde allgemein anerkannt, was für eine Fehlbesetzung Westerwelle war. Er verlor seinen Vizekanzlerposten und den Parteichefsitz.

Auch off-camera ist unser Guido einfach nur eine Fehlbesetzung.
Zum Beispiel während der Afrikareise im April 2010:
Westerwelle steht in einem Besprechungsraum des Ocean Road Hospital von Daressalam und soll ein paar Worte zur Begrüßung sagen. In dem deutschen Kolonialbau hat Robert Koch vor rund hundert Jahren an Malaria geforscht. Es war für lange Zeit das einzige Krebskrankenhaus in Ostafrika.
Westerwelle könnte jetzt einiges zur interessanten Geschichte des Hospitals sagen, aber er legt ein fast aufreizendes Desinteresse an den Tag. Er habe über das Krankenhaus gelesen, sagt er und murmelt etwas von Respekt und harter Arbeit. Westerwelle weiß offenbar wenig über das Haus. Es ist heiß und schwül. Er will schnell weg. […]
Westerwelle liebt seinen Status, er schätzt es, von Staatschefs und Ministern empfangen zu werden. Leider hat man selten den Eindruck, er interessiere sich für das, was seine Aufgabe ist. […]
"Ich will mir nicht ein paar schöne Jahre im Auswärtigen Amt machen und die Welt kennenlernen", hat Westerwelle auf dem Höhepunkt des innenpolitischen Streits um Hartz IV gesagt. Ein paar schöne Jahre, das ist Westerwelles Idee von Außenpolitik. Im Auswärtigen Amt kam das nicht gut an.
Die Beamten haben registriert, dass Westerwelle sich selten länger für ein Thema interessiert. Er will nur Dinge wissen, die ihm über das nächste Gespräch, die nächste Pressekonferenz hinweghelfen: Wo sind Streitpunkte, was ist die deutsche Position, die offensichtlichen Fragen eben. Im Amt heißt es, dass er auf dem Flug nach Peking im Januar zum zuständigen Referenten gesagt habe: "Sie haben sieben Minuten Zeit, mir China zu erklären."
China ist für den Mövenpickparteichef ein unwichtiges Land mit nur 1,3 Milliarden Menschen, einer gerade mal 6000 Jahren alten Geschichte.
Es ist ja auch nur eine Atommacht, eine UN-Sicherheitsrat-Vetomacht und der Exportweltmeister.
Guido weiß aber nur, daß da irgendwas mit den Menschrechten zu sagen ist.
Nicht, weil das irgendeinen Chinesen interessierte, was der groteske deutsche Vizekanzler dazu zu sagen hat, sondern weil das zuhause als Gradmesser dafür dient, ob man Eier hat.

Und weil er Westerwelle ist, weiß er nicht welcher Tonfall angebracht ist.
Er kann nur schrill und immer eine Umdrehung zu viel.
So wie in Ankara, als er bereits deutlich gesagt hatte, daß er im Gegensatz zu Merkel für eine EU-Mitgliedschaft der Türkei ist. Jeder hatte verstanden.
Er kann sich aber nicht zügeln und schob dann zunächst ein „Was ich hier sage, zählt!“ nach und als alle schon peinlich berührt waren, kam dann noch sein „Ich bin schließlich nicht als Tourist in kurzen Hosen hier!“
Es gibt einen richtigen Weg der Diplomatie und es gibt das diametrale Gegenteil davon - Westerwelles Methode.
So also auch in Peking.

Eier will Guido unbedingt haben - also haut er dem chinesischen Amtskollegen bei der Abschlußpressekonferenz das Thema Menschenrechte und Tibet gleich um die Ohren.
Aber Westerwelle schafft es selten, die Dinge im rechten Moment gut sein zu lassen. Also sprach er noch einmal Menschenrechte und Minderheitenschutz an, und damit es auch der Letzte begriff, noch ein drittes Mal. Die Kritik an der chinesischen Menschenrechtspraxis wirkte plötzlich wie ein Ritual. Man kann eine Botschaft auch durch Wiederholung schwächen.
(Ralf Neukirch, Spiegel, 12.04.10)

Da Guido aber den öffentlichen Auftritt liebt und gerne schrill und belehrend in Erscheinung tritt, hat er sich mittlerweile auf das große Warnen verlegt.
Das ist komplett irrelevant, weil sich keine Kriegspartei eine Mikrosekunde darum schert was ein Guido auf Pressekonferenzen erklärt, aber der deutsche Außenminister kann sich beim heimischen Publikum in Erinnerung bringen. Eine erfolgreiche Methode. Längst hat sich der Paria der Deutschen Politik von 2009 und 2010 wieder in die Liste der zehn beliebtesten Politiker zurückgekämpft.
Vor einem halben Jahr war ich noch sicher, Guido werde im September 2013 endgültig von der Berliner Bühne verschwinden, aber dank der unterirdischen Performance des Urnenpöbels erscheint es nun durchaus möglich, daß Westerwave noch weitere vier Jahre Außenminister bleibt. Zumindest wenn er ordentlich weiter warnt.
Aber irgendwie ist es auch schade zu wissen, daß er ab September 2013 in der Versenkung verschwinden wird und dort nur noch ab und zu in Rückblicken gemeinsam mit Christian Wulff als total Gescheiterter ausgelacht werden wird.
Bis dahin sind wir noch in der glücklichen Position Westerwelles absolute Unfähigkeit täglich in den Medien bewundern zu können.

 Er warnt eben grundsätzlich.
Und wenn es anschließend schief geht, kann er darauf verweisen wenigstens gewarnt zu haben. Geht es gut, ist es umso besser, dann kann er behaupten man hätte sich nach seinen Warnungen gerichtet.
Eine Win-Win-Situation im politischen Paralleluniversum des kleinen Diplomaten-Azubis Guido.

Westerwelle warnt Iran: Zeit der Manöver ist vorbei
(ZEIT online, 20.2.2012)

Westerwelle warnt vor weiterer Gewalt in Ägypten
(ZEIT online, 7.12..2012)

Westerwelle warnt vor Kollaps in Syrien
(Kreiszeitung, 4.9.2012)

Westerwelle warnt vor Bürgerkrieg im Jemen
(Hannoversche Allgemeine, 29.5.2011)

Westerwelle warnt vor Kämpfen im Libanon
(Hamburger Abendblatt, 7.6.2012)

Westerwelle warnt vor chaotischem Machtvakuum in Afghanistan
(zeitong.de, 5.12.2012)
Westerwelle warnt vor Flugverbotszone über Libyen
(Welt online, 15.3.2011)
Westerwelle warnt vor Bürgerkrieg an der Elfenbeinküste
(Spiegel online, 7.3.2011)

Mali: Westerwelle warnt vor Militäreinsatz
(Mitteldeutsche Zeitung, 26.10.2012)

Afghanistan: Westerwelle warnt vor Wettrennen beim Truppenabzug
(Welt online, 4.11.2011)

Westerwelle warnt vor atomar bewaffnetem Iran
(Welt.de, 4.12.2012)

Westerwelle warnt vor Debatte über Angriff auf Iran
(Welt online, 24.3.2012)
Westerwelle warnt vor Flächenbrand im Nahen Osten
(Zeit online, 18.11.2012)

Westerwelle warnt vor “Grausamkeiten” durch Syriens Führung
(Zeit online, 5.12.2012)
Außenminister Westerwelle warnt Assad-Regime
(Focus online, 11.4.2012)

Westerwelle warnt Palästinenser vor einseitiger Staatsausrufung
(ZEIT online, 14.6.2011)

Westerwelle warnt Israel vor Iran-Angriff
(Handelsblatt, 10.9.2012)

Westerwelle warnt vor übereilter Schuldzuweisung
(tagesschau.de, 19.7.2012)

Westerwelle warnt vor Atomwaffen in Terroristenhand
(rp-online, 23.3.2010)

Nahost: Westerwelle warnt vor Sprachlosigkeit
(dw-de, 14.6.2011)
Konflikt zwischen Türkei und Syrien:
Westerwelle warnt vor Flächenbrand in der Region
(tagesspiegel, 13.10.2012)

Westerwelle warnt vor Jahrzehnt der Aufrüstung
(liberale.de, 17.10.2010)

Westerwelle warnt auf WDR Europaforum:
Europa nicht in Gut und Böse teilen
(Presseportal, 26.5.2011)

Westerwelle warnt vor rascher Hilfe für Griechenland
(ZEIT online, 26.4.2010)

Westerwelle warnt vor Mobbing Griechenlands
(Merkur online, 25.8.2012)

Westerwelle warnt Griechen vor Populisten
(wallstreet-online, 3.6.2012)

Westerwelle warnt vor neuer Gewalt im Kosovo
(wz-online, 11.8.2011)

Westerwelle warnt Ukraines Präsidenten Janukowitsch
(Focus online, 2.5.2012)
Westerwelle warnt Dänemark
(n-tv.de, 15.6.2011)

Westerwelle warnt vor Belastung von deutsch-russischem Verhältnis
(Zeit online, 16.11.2012)

Westerwelle warnt vor Belastung der Beziehungen zur Schweiz
(tagesanzeiger, 3.2.2010)

Westerwelle warnt vor Überforderung bei Euro-Rettung
(N24, 4.8..2012)

Westerwelle warnt vor „teutonischer Dominanz“
(Focus online, 12.5.2012)

Westerwelle warnt vor Ansehensverlust Deutschlands
(N24, 4.9.2012)

Westerwelle warnt bei Abkehr Italiens von Reformen vor “Turbulenzen”
(ZEIT online, 10.12..2012)

Westerwelle warnt Berlusconi vor Anti-Deutschland-Wahlkampf
(Focus online, 11.12.2012)

Westerwelle warnt vor „DDR light“
(Bild, 25.2.2009)

Westerwelle warnt vor “Dagegen-Republik”
(Merkur online, 15.9.2010)

Westerwelle warnt vor Vollversorgerstaat
(Spiegel online, 11.2.2010)

Westerwelle warnt vor Linksruck in NRW
(focus online, 25.4..2010)

Urheberrecht: Westerwelle warnt vor Piraten
(tagesspiegel, 16.4.2012)

Westerwelle warnt deutsche Unternehmen
(onvista.de, 23.9.2012)

Westerwelle warnt vor zu frühem Wahlkampf
(Spiegel online, 8.10.2012)

Westerwelle warnt vor Radikalen im eigenen Land
(Rheinische Post, 18.9..2012)

Westerwelle warnt vor “Titanic"-Heft
(Welt online, 21.9.2012)
(Zitiert nach Claudio Casula 13.12.12)
Zu lustig. Und vollkommen merkbefreit wie Guido ist, liefert er zuverlässig nach. 
Außenminister Westerwelle warnt London davor, den Zusammenhalt der Europäischen Union aufs Spiel zu setzen
[…] Man dürfe 'das, was errungen worden ist, nicht dadurch riskieren, dass man den Geist aus der Flasche lässt', warnte Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) am Freitag in Berlin. Wer den Geist herauslasse, laufe Gefahr, ihn vielleicht nicht wieder in die Flasche hineinzubekommen.
(Cerstin Gammelin, SZ, 12.01.13)
Nimmt man die bisherigen Erfolge dieser verbal-alarmistischen Politik Warnserwelles als Maßstab, ist davon auszugehen, daß alle Euroskeptiker Englands nun für immer verstummen werden, Cameron die Zahlungen nach Brüssel verdoppelt, die Londoner Banken verstaatlicht und sofort den Euro einführt.
Westerwelle wagt es inzwischen sogar mit anderen Außenministern um die schönsten Bilder zu konkurrieren und gibt sich stets Mühe „der Erste“ zu sein.
Die „werteorientierte Außenpolitik“ hat er dafür ganz aufgegeben.

Problem Ägypten:
Deutschland vertritt international den „Wert“ Demokratie. Herr Mursi wurde zweifellos demokratisch gewählt. Also müßte Deutschland seinen gewaltsamen Sturz druch das Militär verurteilen. 
Tatsächlich findet Guido den Sturz Mursis aber gut und wollte seinen Kollegen in London und Paris wieder mal eins auswischen, indem er als erster Europäer das post-Mursi-Kairo besucht. Es ist schließlich Wahlkampf in Deutschland und dafür braucht es spektakuläre Bilder.
Schade, daß man als Politiker aber auch REDEN muß.
Weniger stört es ihn, daß ihn niemand dahaben wollte, daß er nicht helfen kann und alle nur belästigt, während die ganz neue ägyptische Regierung ganz andere Sorgen hat.
Seit dem Sturz des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi vor einem Monat war die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton schon zweimal da und kurz vor dem Eintreffen zweier Abgesandter von US-Präsident Barack Obama ist nun auch der deutsche Außenminister Guido Westerwelle nach Kairo gereist. 'Wir haben mit großem Interesse angehört, was der Herr Bundesminister vorgetragen hat', sagt nach der Unterredung am Donnerstagmorgen Interims-Außenminister Nabil Fahmy. Der Mann ist streng genommen durch nichts legitimiert, jedenfalls durch keine Wahl, aber er ist erfahrener Diplomat. Viele Jahre war er Botschafter Ägyptens in den USA. Wenn einer wie er sagt, er habe den Vortrag seines Gastes mit Interesse gehört, heißt das: Er fand ihn sonderbar.

Westerwelle hatte in Ägypten jedenfalls schon freundlichere Gespräche. Beim ersten Besuch im Mai 2010 empfing ihn noch Präsident Hosni Mubarak. Er war gerade erst in Heidelberg operiert worden; alle Sorgen galten seiner Gesundheit. Würde der Alte weiter für Stabilität sorgen? Was würde aus dem Frieden mit Israel werden ohne ihn? Nach dem Gespräch lobte der Minister Mubarak als 'Mann mit enormer Erfahrung, großer Weisheit' und als Persönlichkeit, die 'die Zukunft fest im Blick' habe. Gut drei Jahre in herkömmlicher Zeitrechnung liegt das zurück und eine Ewigkeit im Angesicht jener Ereignisse, die Ägypten und die arabische Welt verändern.

'Deutschland, Ägypten zusammen', skandierte die Menge kaum ein Jahr später auf dem Tahrir-Platz. Westerwelle wurde gefeiert. Wieder ein gutes Jahr danach, die islamistischen Parteien hatten gerade die Parlamentswahlen gewonnen, sprach er den Ägyptern Mut zu. Es sei ein Fehler,  'islamisch per se mit antidemokratisch' gleichzusetzen. Die Hoffnung, der politische Islam könnte sich zu so etwas wie einer korantreuen Spielart der Christdemokratie entwickeln, wurde zum Credo des Ministers. Als erster europäischer Politiker besuchte er im Juli 2012 den neugewählten Präsidenten Mursi und begrüßte 'das klare Bekenntnis des ersten demokratisch gewählten Präsidenten zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Pluralität und religiöser Toleranz'.

Nun, da alles anders gekommen ist, muss Westerwelle gewissermaßen von vorne anfangen hier im 33.Stock des Außenministeriums. […]

Der Deutsche wird zwar leidlich höflich empfangen, aber es hat niemand wirklich auf ihn gewartet in Kairo. Andernorts darf die Limousine eines deutschen Außenministers aufs Rollfeld. In Kairo muss Westerwelle nach der Landung am Mittwochabend erst einmal in einen Flughafenbus steigen. […]

In einem recht leeren Luxushotel am Nil trifft der Minister zunächst Leute der Tamarod-Bewegung. Sie standen im Zentrum der Massenproteste gegen Mursi und verübeln Westerwelle, dass er nach dessen Absetzung von einem 'Rückschritt für die Demokratie' gesprochen hatte. Nun konfrontieren sie ihn mit einem in Ägypten neuerdings gerne bemühten Vergleich. Die Deutschen hätten es nicht vermocht, dem demokratisch gewählten Adolf Hitler rechtzeitig die Macht zu entreißen. In Ägypten habe man es nicht so weit kommen lassen.
 (SZ vom 02.08.2013)
Großsprecher Westerwelle ist nun krampfhaft bemüht zwar vor jeder Fernsehkamera zu erscheinen, aber bloß nichts mehr zu sagen.
In Kairo hat der Minister sich nun ausdrücklich geweigert, den Sturz des demokratisch gewählten ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi, einem Islamisten, irgendwie zu bewerten. Es scheint nicht mehr im Interesse Deutschlands oder des Westens zu liegen, rückwirkend auf den Wert der Demokratie zu pochen.

Das ist so, obwohl Westerwelle selbst noch direkt nach dem Sturz einen 'schweren Rückschlag für die Demokratie' in Ägypten beklagt hatte. Mittlerweile findet er es verfrüht, in den 'ersten Minuten einer historischen Stunde' zu urteilen. […]

So nachvollziehbar sie also ist, diese vornehme Zurückhaltung hat ihren Preis. Zu zahlen in der Währung Glaubwürdigkeit beim nächsten Militärputsch irgendwo in der Welt.
(Daniel Brössler, SZ vom 02.08.2013)
Komplizierte Sache für unseren Guido.
Seine peinlichen Auftritte in Kairo versucht er vermutlich inzwischen zu verdrängen und verlegt sich stattdessen wieder auf das Warnen.
Während seine Bundesregierung und der Bundessicherheitsrat, in dem er sitzt in 19 Tagen Rüstungsexporte in den Nahen Osten im Wert von 1,9 Milliarden Euro auf den Weg gebracht hat, um ordentlich Öl ins Feuer zu gießen, spielt er für die Presse wieder den Mahner.
Außenminister Westerwelle versucht mal wieder, im Nahost-Friedensprozess mitzumischen. Doch viel ausrichten kann er nicht. […] In diesen Tagen der sanft aufkeimenden Friedenshoffnung hat sich auch Bundesaußenminister Guido Westerwelle wieder einmal auf den Weg in den Nahen Osten gemacht, um Israelis und Palästinenser zum Dialog zu ermuntern. […]

"Ich glaube, dass die Friedensgespräche jetzt an einer entscheidenden Klippe sind", erklärte Westerwelle. Er verwies darauf, dass es auf beiden Seiten Kräfte gebe, die einen Erfolg der Verhandlungen zu verhindern suchten. Und während er noch mahnte und warnte, türmten jene Kräfte schon wieder weitere Hindernisse auf dem Weg zum Ausgleich auf.

[…] Westerwelle bekam den Ärger direkt zu spüren. Präsident Schimon Peres und Justizministerin Tzipi Livni forderten gleich am Sonntag zum Auftakt der zweitägigen Gespräche, dass die EU sich aus dem Streit um den Siedlungsbau heraushalten und auf die Verschärfung ihrer Förderrichtlinien verzichten solle. Westerwelle rettete sich in die vage Formulierung, dass man "mit gutem Willen und einer pragmatischen Haltung Lösungen finden" könne.
So eine ungeheure Peinlichkeit hätten uns rotgrüne Außenminister nie eingebrockt, aber der Urnenpöbel steht ja auf Schwarzgelb und will weitere vier Jahre Westerwave.