Mittwoch, 17. April 2024

Lügen versus bullshitten

Als Donald Trump 2015 auf der Rolltreppe des Trumptowers in die marode Lobby hinabschwebte, um seine Präsidentschaftskandidatur zu verkünden, war das eine dieser typische US-amerikanischen Wahlkampfkuriositäten. Vermutlich dachte nicht einmal er selbst daran, je im Oval Office zu landen. Zu dem Zeitpunkt war er international bereits als Skandalon auf zwei Beinen bekannt. Der Typ mit den schmutzigen Scheidungen und Milliardenpleiten.

Seine politische Ausrichtung war durch seine rassistische Vergangenheit und die fortwährenden Birther-Attacken auf den schwarzen Präsidenten Obama bekannt, aber irrelevant. Ja, er würde durch sein Geld und die Medienaufmerksamkeit eine Zeit lang im republikanischen Vorwahlkampf mithalten können, dann aber unweigerlich an den Politprofis Rubio oder Bush scheitern.

Wie so viele andere, hatte ich aber nicht damit gerechnet, daß neben den bekannten rechten Sendern, wie FOX, auch alle anderen Medien absolut verantwortungslos handeln und von reiner Gier nach Aufmerksamkeit (also Werbeeinnahmen) getrieben, alle Hemmungen und jeden seriösen Anstrich verlieren würden. Sie schenkten dem orangen Irren Werbezeit im Wert von über zwei Milliarden Dollar, unterbrachen sofort ihr Programm, wann immer der Rassist Lust hatte, in einen TV-Sendung hinein zu telefonieren.

Es war das ganz große Medienversagen, das diesen antidemokratischen Kriminellen groß machte.

Zwei Aspekte Trumps lernte ich erst im Wahlkampf richtig kennen. Einerseits die bisher von keinem Präsidentschaftskandidaten auch nur annähernd bekannte Vulgarität – „grab’em by the pussy, knock the crap out of him, Heidi Cruz is ugly“ und andererseits das für mein Gefühl so ungeschickte Lügen.

Daß GOPer im Wahlkampf lügen, war natürlich bekannt. Schließlich hatte George W. Bush mit seinen Republikanern der Welt von 2001 bis 2003 hunderte Lügen aufgetischt, um Saddam Hussein für das Word Trade Center Attentat zu strafen, obwohl der Mann erstens rein gar nichts damit zu tun hatte und zweitens auch keinerlei Massenvernichtungswaffen besaß.

Aber Cheney, Rice, Rumsfeld und GWB versuchten sich immer an einer gewissen Stringenz. Ihr Lügengebäude sollte plausibel wirken, weil sie damit einen bestimmten Zweck erreichen wollten.

Trump hingegen lügt so schlecht, daß jeder ihn binnen kurzer Zeit, aufgrund seiner Widersprüche, als Lügner ertappen kann. Er lügt über Dinge, die einfach nachprüfbar sind, indem er beispielsweise prahlt, sein Trump Tower habe 68 Stockwerke (es sind 58), oder die Größe seines Penthouses mit 2.800 m2 angibt (es sind 1000 m2).

2015 erlagen viele Beobachter (genau wie ich) dem Irrtum, es schade Trump zwangsläufig, wenn er immer wieder beim Lügen ertappt würde.

Erste Medienhäuser begannen mit Factcheckern Listen seiner Lügen zu dokumentieren. Die Washington Post kam in seiner Amtszeit auf über 30.000 Trump-Lügen.

Fast Forward in den April 2024: Trump behauptet auf seinen Rallys der „wahrscheinlich ehrlichste Politiker der Welt“ zu sein und zig Millionen Fans bejubeln ihn dafür.

[…..] Donald Trump on Saturday called himself “perhaps the most honest guy almost in the world,” a claim his critics didn’t buy given the former president’s extensive history of lying.

Trump made 30,573 false or misleading claims during the four years of his presidency, according to a Washington Post tally. He was also convicted of fraud in February in a case that could ultimately cost him nearly half a billion dollars in fines, penalties and interest. [….]

(Ed Mazza, 15.04.2024)

Wie kann das sein?

Wieso verliert der Mann nach neun Jahren der ununterbrochenen Lügen  keine Unterstützung seiner Fans, wenn sie so offensichtlich von ihm belogen und verarscht werden?

Man konnte es damals noch nicht fassen und nahm selbst nach seinem schockierenden Sieg über Hillary Clinton, in den knapp drei Monaten bis zu seiner Amtseinführung an, Trump schalte sicher den Wahlkampfmodus aus und werde sich als US-Präsident seriöser verhalten. Immer noch konnte man sich nicht vorstellen, ein Staatsoberhaupt, noch dazu das Mächtigste der Welt, würde so frech und in einer solchen Gossensprache, die Welt anlügen.

Auch ich staunte noch in den ersten Hundert Amtstagen Trumps.

Der Kolumnist Charles Blow registrierte als einer der Ersten, wie sehr wir uns alle täuschten.

[….] Trump does not simply have “a running war with the media,” as he so indecorously and disrespectfully spouted off while standing on the hallowed ground before the C.I.A. Memorial Wall. He is in fact having a running war with the truth itself. [….]

Donald Trump is a proven liar. He lies often and effortlessly. He lies about the profound and the trivial. He lies to avoid guilt and invite glory. He lies when his pride is injured and when his pomposity is challenged.

Indeed, one of the greatest threats Trump poses is that he corrupts and corrodes the absoluteness of truth, facts and science. [….]

(Charles Blow, New York Times, 26.01.2017)

Blow beschreibt Trumps Lügerei zutreffend, aber er kann sie noch nicht recht erklären. Der Begriff „Lüge“ an sich, scheint aber unzutreffend zu sein. Darunter versteht man gemeinhin, daß jemand wissentlich etwas Falsches sagt, um einen bestimmten Zweck zu erreichen. Eine Lüge kann enttarnt werden und daraufhin kennt der Belogene die Wahrheit und versteht, vom Lügner belogen worden zu sein.

Tatsächlich lügt Trump nicht nur, sondern er ist ein „Bullshitter“. Alberto Brandolini hilft weiter.


[….] Im Internet, aber auch in anderen Medien wie dem von Russland gegründeten Auslandsfernsehsender RT (ehemals Russia Today) gehören Unsinn und gezielte Falschmeldungen spätestens seit der Covid-19-Pandemie zum traurigen Alltag. Die sogenannten Fakenews umfassen harmlosen Blödsinn („Elvis lebt“), unwahre Informationen („die Erde ist eine Scheibe“), aber auch potenziell gefährlichen Verschwörungstheorien („die BRD ist in Wirklichkeit eine GmbH“).

In den letzten Jahren wurden deshalb Initiativen wie Correctiv gegründet, die versuchen Fakenews mithilfe von wissenschaftlichen Informationen zu widerlegen. Oft sind diese Versuche jedoch erfolglos. Doch wieso ist es für Fact-Checking-Seiten so schwer, Menschen davon zu überzeugen, dass es sich bei Fakenews und Verschwörungstheorien nicht um die Wahrheit handelt?

Eine Erklärung dafür liefert Brandolinis Gesetz, das auch als Bullshit-Asymmetrie-Prinzip bekannt ist.

    „Das Widerlegen von Schwachsinn erfordert eine Größenordnung mehr Energie als dessen Produktion (The amount of energy needed to refute bullshit is an order of magnitude bigger than to produce it.)“

Die Lebensweisheit des italienischen Informatikers Alberto Brandolini beschreibt demnach, dass der Aufwand zur Widerlegung von Blödsinn und Fake News deutlich mehr Aufwand erfordert als dessen Produktion.

Erdacht hat Brandolini das Bullshit-Asymmetrie-Prinzip bereits im Jahr 2013, also lange bevor Begriffe wie „Filterblase“ und „Fakenews“ in der Allgemeinheit verbreitet waren. Die Inspiration dafür war laut Brandolini eine Fernsehdiskussion mit Silvio Berlusconi, der ähnlich wie Donald Trump in seinen politischen Diskussionen oft sehr kreativ mit der Wahrheit und Fakten umging. [….] Menschen, die bei Facebook oder in anderen sozialen Netzwerken Diskussionen verfolgen, erscheint Brandolinis Gesetz intuitiv richtig. Es ist offensichtlich, dass Menschen, die gezielt Fakenews verbreiten, aber auch Menschen, die irrtümlich Fehlinformationen teilen, nur mit hohem Aufwand überzeugt werden können. Problematisch ist dabei vor allem, dass vielen Personen so stark an Fakenews glauben, dass die Gegenargumente prinzipiell ablehnen. Auch Menschen, die Gegenargumenten offen sind, können oft kaum überzeugt werden, weil Menschen laut Studien schlecht darin sind, ihre bereits gefestigte Meinung zu ändern. [….]

(Forschung und Wissen)

Es ist eine Frage der Quantität der Trump-Lügen und keine Frage der Qualität. Trump muss nur genug lügen und wird damit unweigerlich den Wettkampf gegen die Enttarnung seines Bullshits gewinnen, weil es ihn viel weniger Energie kostet Bullshit zu produzieren. Bei zigtausenden Lügen wächst der Energieaufwand, das alles zu widerlegen exponentiell und ist nicht mehr zu leisten. Das Debunking kollabiert. Trump hat die Welt erfolgreich mit Lügen zugeschissen.

Soziale Medien und Internet sind auf seiner Seite, da an Emotionen appellierende Falschinformationen eine vielfach größere Reichweite, als ihre Richtigstellung haben.

Factchecker hängen hoffnungslos hinterher. Auch Söder, Merz und die AfD sind daher vom Lügen zum Bullshitten übergegangen und behaupten einfach so ausdauernd, die Grünen würden alles verbieten, die Ampel zwinge kleine Jungs zur Geschlechtsumwandlung, oder Atomenergie sei billig und sicher, daß es nicht mehr möglich ist, die Masse des Schwachsinns zu widerlegen.

Tatsächlich glaubt heute eine deutliche Mehrheit der Deutschen - fälschlicherweise – Atomenergie sei günstig und will wieder in den AKW-Wahn einsteigen.

Dabei sind die CDUCSUAfDP-Lügen vom Zusammenbruch der Energieversorgung ohne Atomkraft für jeden ersichtlich alle von der Realität widerlegt worden.

[….] Wissenschaftliche Studien haben Brandolinis Beobachtungen bestätigt. Eine in der renommierten Fachzeitschrift PLOS ONE (Öffnet in neuem Fenster) veröffentlichte Studie untersuchte, wie rund 50 Millionen Menschen im Internet mit wahren und erfundenen Informationen umgehen. Die Ergebnisse waren aufschlussreich: Es bildeten sich klar abgegrenzte Gruppen, von denen die einen fast ausschließlich wissenschaftliche Informationen verarbeiteten, während die anderen sich fast völlig in unwissenschaftlichen Informationen verloren.

Unbeugsamer Widerstand gegen Korrekturen

Die Studie zeigte auch, dass die Gruppe, die sich hauptsächlich mit unwissenschaftlichen Informationen beschäftigte, die Richtigstellungen fast vollständig ignorierte. Der enorme Aufwand, der für die Erstellung und Verbreitung der Richtigstellungen betrieben wurde, war umsonst. In einigen Fällen führte der Versuch, Fehlinformationen zu korrigieren, paradoxerweise sogar zu einer verstärkten Beschäftigung mit den problematischen Inhalten. [….]

(Mimikama, 02.11.2023)

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