Sonntag, 4. Februar 2024

Wo soll das bloß enden?

Krieg war sicher immer grauenvoll, aber es gab Zeiten, als Kämpfe weitab der Zivilbevölkerung auf eigens eingerichteten Schlachtfeldern stattfanden und die Dörfer heil blieben.

Die Männer rasten Schwerter-schwingend auf einer großen Lichtung aufeinander zu, hacken sich gegenseitig die Gliedmaßen ab und gewonnen hatte man, wenn von den anderen keiner mehr übrig war.

Klare Sache, Gegner physisch vernichtet, die Witwen heirateten die Mörder ihrer Männer oder wurden in die Sklaverei verkauft. Die Ordnung war wieder hergestellt. Es gab aber auch Eroberungskriege, bei denen Dschingis Khan, die Inka, Alexander der Große oder die muslimischen Mauren in Spanien, geschickt die bestehende Kultur adaptierten und mit ihrem Wissen deutliche Verbesserungen für das einfache Volk einführten, so daß nach der Eroberung eine Blütezeit mit kultureller Co-Existenz und Multikulti anbrach.

Nicht, daß es schön gewesen wäre, wie Mutter Courage immer dem Gemetzel hinterher zu fahren und dabei Kattrin, ihre stumme Tochter, Eilif, den älteren Sohn und Schweizerkas, den Jüngeren zu verlieren. Aber 1618-1648 gab es auch keine klaren Fronten und keine haushoch überlegenen Eroberer. Im Dreißigjährigen Krieg wurde Europa am Ende nahezu entvölkert und komplett verwüstet.

 Ab dem Vietnamkrieg wurden Kriege zunehmend asymmetrisch. Der Angreifer verfügte, wie die Amerikaner oder die Sowjetunion, über eine gewaltige Waffen-Übermacht, inklusive Atombomben, wollte aber nicht den gesamten Planeten ausrotten, sondern ein genehmeres Regime oder eine andere Herrschaftsform einführen. Der Plan war nicht, sich Gebiete einzuverleiben und zu bleiben. Die Afghanen, Iraker, Vietnamesen, Syrer, Jemeniten, Somalier hätten sich ergeben, den Eroberern danken sollen und eine freundliche Satellitenregierung bilden müssen, die Ruhe bewahrt und die Angreifer freundlicherweise mit billigen Rohstoffen beliefert, um die Kosten für den Militärschlag wieder reinzuholen. Diese dachten aber gar nicht daran.

Verblüffender weise versuchen militärische Supermächte sich immer wieder an dieser naiven Strategie, obwohl sie noch nie funktionierte.

Netanyahu erlebt es in Gaza, Putin in der Ukraine und Biden womöglich bei den Huthis.

Die Logik des Krieges scheint meistens darauf hinauszulaufen, daß man den Schwächeren, Ärmeren zwar von außen enorm wehtun kann, ohne daß man selbst um sein Leben fürchten muss.

Aber umgekehrt führt der Angegriffene dann Krieg in seinen eigenen Städten, hat nichts mehr zu verlieren und wehrt sich entsprechend garstig. Sie verstecken sich im Dschungel, im Gebirge, in Tunneln, oder zwischen Zivilisten, unter Krankenhäusern. Dagegen taugen im 21. Jahrhundert keine Mini-Nukes oder MOABs, weil damit „Kollateralschäden“ so gewaltig wären, daß im Internetzeitalter automatisch der PR-Krieg verloren ginge.

Es bleibt nur übrig, mit einer enormen zahlenmäßigen Übermacht von Soldaten selbst reinzugehen, aber das erhöht, erstens, die eigenen Verluste exponentiell und führt, zweitens, im Erfolgsfall unweigerlich zum Guerillakampf und noch schlimmer; Selbstmordterror. Dagegen ist gar kein Kraut mehr gewachsen.

Es braucht natürlich eine lange Zeit, bis der Angreifer sich eingesteht einen riesigen Fehler gemacht zu haben, in eine Falle gelaufen zu sein oder schlicht und ergreifend zu schwach zu sein, um sein Ziel zu erreichen. Das erfordert manchmal erst einen Regierungswechsel. Außerdem werden nicht alle Kriege aus purer Bosheit und Verblendung begonnen. Es gibt, wie im Falle Israels nach dem 07.10.2023, durchaus nachvollziehbare Gründe für eine große Militäroperation, was sich schon allein daran zeigt, daß so viele westliche Demokratien das Vorgehen unterstützen.

Dennoch ist ein Punkt erreicht, an dem es nur noch darum geht, wie man aus der Sache bloß wieder rauskommt. Möglichst, ohne dem eigenen Volk einzugestehen, daß alle Verluste völlig umsonst waren.

Im Falle Bibi kommt erschwerend hinzu, daß er ohne Ausnahmezustand und Kriegsrecht, irgendwann wieder Wahlen abhalten lassen muss, weil Israel eine echte Demokratie ist.

Bibi war aber schon vor dem Krieg unbeliebt. Inzwischen ist er bei einem Großteil der Wähler so verhasst, daß er nicht wiedergewählt würde. In seinem Fall hieße das aber (weil er nicht nur Premier, sondern auch hochkriminell ist), anschließend im Gefängnis zu verrotten.

[….] In Israel haben erneut Tausende Menschen für die Freilassung der Geiseln im Gazastreifen demonstriert. Laut einem Medienbericht ist das Militär selbst für ein Waffenruhe. Netanyahus Position wird dadurch weiter geschwächt.

Die Wut der Demonstranten auf Premierminister Benjamin Netanyahu wird größer und deutlicher: "Du bist verantwortlich für den 7. Oktober", ruft der Vater eines Opfers in Jerusalem vor Netanyahus Residenz. "Und jetzt versuchst du, anderen die Schuld zu geben. Schäm Dich!"

In Tel Aviv gehen drei ehemalige Armeesprecher vor Tausenden Menschen auf die Bühne. Einer ist Avi Benayahu. Er hält dem Regierungschef vor, er stelle sein eigenes politisches Überleben über das Leben der Geiseln. "Der Premierminister wird sich bald zwischen seiner radikalen Koalition und seiner Verantwortung für die Bürger Israels entscheiden müssen", sagt er. "Die Geiseln sind nicht der Preis, der für den Krieg gezahlt werden muss. Die Geiseln zahlen den Preis für eine Politik, die versagt hat. Und wenn es jetzt keinen Deal gibt, werden sie sterben."  […..]

(Tagesschau, 04.02.2024)

Für den Israelischen Kriegsherren sind das nur extrem unangenehme Optionen.

Wie weiter Krieg führen, wenn nicht nur kein Erfolg in Sicht ist, sondern sogar die eigenen Militärs für ein Ende der Kämpfe plädieren?

Zudem befindet sich die globale Solidarität im freien Fall, nachdem Israel nun schon seit drei Monaten täglich 250 Palästinenser tötet.

[….] Israel’s military is killing Palestinians at an average rate of 250 people a day which exceeds the daily death toll of any other major conflict of recent years, Oxfam said today, as the escalation of hostilities nears its 100th day.

In addition, over 1,200 people were killed in the horrific attacks by Hamas and other armed groups in Israel on 7 October and 330 Palestinians have been killed in the West Bank since then. Sally Abi Khalil, Oxfam’s Middle East Director, said: “The scale and atrocities that Israel is visiting upon Gaza are truly shocking. For 100 days the people of Gaza have endured a living hell. Nowhere is safe and the entire population is at risk of famine. “It is unimaginable that the international community is watching the deadliest rate of conflict of the 21st century unfold, while continuously blocking calls for a ceasefire.”

15 January 2024 CLARIFICATION:  Using publicly available data, Oxfam calculated that the number of average deaths per day for Gaza is higher than any recent major armed conflict including Syria (96.5 deaths per day), Sudan (51.6), Iraq (50.8), Ukraine (43.9) Afghanistan (23.8) and Yemen (15.8).

The aid agency is warning that people are being increasingly forced into smaller areas due to constant bombardment, as they are forced to flee from places they have previously been told are safe, but nowhere in Gaza is truly secure. Over one million people - more than half the population – have been forced to seek shelter in Rafah on the Egyptian border. Oxfam staff in Rafah report massive overcrowding, with very little food and water, and essential medicines having run out. This crisis is further compounded by Israel's restrictions on the entry of aid, closing borders, imposing a siege, and denying unfettered access. Currently, only 10 percent of the weekly food aid needed is getting in. [….]

(Oxfam, 11.01.2024)

Nachdem die Hamas am 07.10.2023 über 1.200 friedliche Israelische Zivilisten ermordete, tötete Israels Militär 27.000 Palästinenser. Mehr als die zwanzigfache Zahl. Es ist aber weder ein Plan bekannt, was aus Gaza nach dem Krieg werden soll, noch ist die Hamas zerschlagen.

Für jeden toten Israeli mehr als 20 tote Palästinenser. Die meisten davon Frauen und Kinder. Wie lange soll das so weitergehen? Bis zu einem 1:40-Verhältnis?
1:100?

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Feedback an Tammox