Donnerstag, 15. März 2012

Auf dem Land leben.



Einige mögen Berge, einige mögen lieber Meer.
Ich finde, das eine schließt das andere nicht aus - würde aber für mich selbst immer einen Wohnort in Küstennähe bevorzugen, weil der Blick auf das Meer grundsätzlich das Gefühl der Beengung nimmt.

Mag es auch noch so ein kleines Nest sein; man ist immerhin irgendwie mit dem Rest der Welt verbunden.
 Blöd sind allerdings die elende Fischfresserei und die unweigerlich auftauchenden Urlauber, die sich bei Temperaturen über 15°C sofort entblättern und ihre welken Körper ins Wasser halten. 

In den Bergen hat es dafür den unerträglichen Skitourismus samt Anziehungskraft auf Schickimicki-Touristen, Après-Ski-Klischees, gerne mal latent verblödete Inzest-tolerierende Ureinwohner und weit verbreitet konservativ-religiöse Grundeinstellungen.

Ideal ist das alles nicht.

Die kleine, 27.000 Einwohner zählende Stadt Nordenham stelle ich mir aber durchaus liebenswert vor. Sie gehört in die Region Oldenburg, liegt also an der Wesermarsch und somit am „richtigen“ Meer, der Nordsee. 
Nichts gegen die deutsche Alternative, die Ostsee, aber irgendwie schockt das da nicht so richtig. 
Es gibt keine Gezeiten und riecht auch noch nicht mal richtig nach Meer, weil der Salzgehalt so gering ist.

Nordenham aber klebt genau gegenüber von Bremerhaven im Marschland. Also ganz günstig gelegen. Küste, schön ruhig, aber Bremen ist immer in Reichweite, wenn man mal was aus der Zivilisation braucht.

Da es in Nordenham noch sehr viele Industriearbeitsplätze gibt, ist die politische Landschaft eher links gefärbt - mit ein paar Ausrutschern nach ganz rechts. 
Der zur Zeit glücklicherweise tote NPD-Großszampano Jürgen Rieger stammt aus dem Nordenhamer Stadtteil Blexen.

Bei den Bürgermeisterwahlen von 2008 gewann mit fast 60% der Sozi Hans Francksen und auch im Stadtrat dominiert die SPD deutlich mit 17 Sitzen vor der CDU mit 9 Sitzen und den Grünen mit 4 Sitzen.
 Ähnlich wie in der roten Hochburg Hamburg, gab es aber auch mal einen CDU-Ausrutscher.
 Mit den zu erwartenden Resultaten:

Der 2003 gewählte Vorgänger Dr. Georg Raffetseder (CDU) wurde am 19. Juli 2007 vom Landgericht Oldenburg wegen versuchter Erpressung und Bestechlichkeit zu einer Freiheitsstrafe von 15 Monaten auf zwei Jahre Bewährung verurteilt. Im Zuge dieser Vorgänge wurde er im April 2007 suspendiert und am 14. Oktober 2007 bei einem Bürgerentscheid mit 93,6 % der Stimmen (bei 46 % Wahlbeteiligung) abgewählt, noch bevor sein Revisionsantrag beim Bundesgerichtshof (Az.: 3 StR 480/07) schließlich abgelehnt wurde.
Ebenfalls typisch für die Küste:
 Mäßiger Kirchgang. Wenig Katholiken, diverse Evangelisch-lutherische Kirchengemeinden.
Auch dort geht alles seinen ganz üblichen gemächlichen Gang:

Wie geht das? In unserer Kirche normalerweise so: wir werden als Kinder getauft, bekommen Patinnen und Paten an die Seite gestellt, die uns mit dem christlichen Glauben bekannt machen, dann folgt mit Beginn der siebten Klasse der Konfirmandenunterricht und mit 14 die Konfirmation.
Es geht aber auch anders. Manchmal kommen Erwachsene zu uns und möchten getauft werden. Nun haben einige Erwachsene angefragt, die getauft sind aber sich nachträglich konfirmieren lassen möchten.
Woher bekommen sie Orientierung, ohne Paten und Konfirmandenunterricht? Wir bieten für diese Gruppe von Erwachsenen, die sich taufen oder konfirmieren lassen möchten ab Mai Glaubenskurse für Erwachsene an. Alle Pastorinnen und Pastoren aus Nordenham und Blexen werden je eine Einheit übernehmen.

Wer sich erst als Erwachsener zu Taufe und Konfirmation durchringt, muß aber auf einen besonderen kirchenmusikalischen Service verzichten, der nur Kinder vorbehalten ist; nämlich das Durchgefickt-werden.

In der Nordenhamer Kirchengemeinde Blexen war es ein 45-jähriger Kirchenmusiker, der in den letzten drei Jahren mindestens 20 Mal kleine Jungs vergewaltigt hat.

Ein Mann, der sooooo nett war; "ein lieber Kerl einfach"!

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg hat ein Ermittlungsverfahren gegen den Mann eingeleitet. In mindestens 20 Fällen soll sich der Mann an drei Jungen vergangenen haben. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hat er die Taten gestanden, die ihm vorgeworfen werden. "Wir sind alle völlig fassungslos", sagte Gemeindepastor Hartwig Dede. Der 45-Jährige sei sehr engagiert gewesen. "Ein lieber Kerl einfach", so zumindest dachte Dede über den Mann, bis die Eltern Anzeige bei der Polizei erstatteten und die Ermittlungen am Montag begannen. Zuvor habe es keinerlei Anhaltspunkte für einen Verdacht gegeben, sagte Dede.
 […] Erst im vergangenen Oktober war in der oldenburgischen Kirche ein ehemaliger Küster aus Wilhelmshaven wegen sexuellen Missbrauchs zu einer Haftstrafe von vier Jahren verurteilt worden. Oberkirchenrätin Annette-Christine Lenk sicherte den Opfern über die Polizei die Hilfe der Kirchengemeinde und des Oberkirchenrates zu.
Im Gegensatz zu Atheisten und Konfessionslosen können sich Berufsreligioten immer noch nicht vorstellen, daß sowas überhaupt vorkommt und sind total überrascht.

"Bis gestern war er für mich ein Mitarbeiter, wie man ihn sich nur wünschen kann", sagte der sichtlich bewegte Pastor. Die Gemeinde stehe unter Schock. Es habe zuvor keinerlei Anhaltspunkte für einen Verdacht gegeben. "So etwas haben wir uns von ihm nie, nie vorstellen können."
(Welt 14.03.2012)

Kommentare:

  1. Andererseits kann sich dieser heilige Mann vorstellen "in den Himmel zu kommen" - nein - daran glaubt er felsenfest.

    Gleichwohl muss ich den Mann irgendwie in Schutz nehmen, denn: wie - bitte - sieht ein Kinderficker aus?

    "Kirchenmusikalischer Service" ist eine zauberhafte Metapher.

    LG

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  2. Tja, Satirgay,

    "denn: wie - bitte - sieht ein Kinderficker aus?"

    Das ist eine schwierige Frage, aber wenn es um mein King ginge, wäre ich bei Typen vorsichtig, die in langen Kleidern rumlaufen und dicke Kreuze um den Hals tragen!

    LGT

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