Heinrich war dieser Freund meiner Eltern, den ich am liebsten mochte. Nach meiner Erinnerung, war der dauernd bei uns. Die anderen Erwachsene, die nur da saßen und tranken, fanden wir langweilig, aber Heinrich beschäftigte sich mit uns Kinder erzählte uns die lustigsten Geschichten, so daß wir uns vor Lachen am Boden kringelten. Ich erinnere mich, wie ihn andere „Grown Ups“ gelegentlich fragten „wieso hast du eigentlich keine eigenen Kinder? Dir liegt es doch im Blut, Kinder zu unterhalten?“ Darauf entgegnete er mit gespielter Empörung stets ‚ja, mit DIESEN Jungs. Aber wenn es ein Wechselbalg wird?‘ Ich verstand damals; Kinder zu bekommen, ist ein Risiko, möglicherweise wird auch ein ganz schreckliches Kind geboren. Heinrich war Werbetexter, hatte aber ein enormes Sprachtalent und war wegen seiner Storys und seines schnellen Humor der beliebteste Gast.
Viel später erfuhr ich den wahren Grund, weswegen er nie eigene Kinder hatte. Sein Vater war Jude und er wurde von den Nazis sterilisiert. Meine Eltern wußten das natürlich, aber man sprach damals nicht öffentlich darüber.
Noch später lernte ich, was „egoistische Gene“ sind und wie Evolution funktioniert.
Wenn ein Löwenmann ein neues Rudel erobert, beißt er alle Löwenbabys tot, die von dem vorherigen Rudelherrscher stammten, der aber offenbar zu alt und damit zu schwach wurde, sein Rudel zu verteidigen. Der neue Chef will aber keine fremden Gene verteidigen, sondern seine eigenen. Die Löwinnen versuchen ihre Jungen zu schützen, gehen aber nicht alle gemeinsam gegen den neuen Mann vor, sondern werden nach dem Gewalttod ihrer Kinder sehr schnell rollig, bieten sich dem neuen Chef an und tragen seine Gene aus. Das Bild von dem faulen Löwenmann, der nur da liegt und Sex hat, während die Frauen jagen, stimmt nicht. Denn er ist ihre Lebensversicherung gegen fremde Löwen, frisst deswegen zuerst, weil er stark und fit sein muss. Es liegt unbedingt im Interesse der Damen, den Pascha durchzufüttern. Ohne ihn wären sie zu schwach, um in der brutalen Natur gegen Angreifer zu überleben.
Und so setzen sich die Gene durch.
Menschen beißen üblicherweise nicht (mehr) die Kinder anderer Menschen tot, aber sie bevorzugen sehr stark ihre eigenen Gene. Es sterben jeden Tag 10.000 – 20.000 Kinder an Hunger. Sinnvollerweise würden Menschen, die Eltern werden möchten, adoptieren.
Aber evolutionär gilt Adoption als „zweite Wahl“ und so werden bei ungewollter Kinderlosigkeit, enorme finanzielle und medizinische Härten auf sich genommen, um eigene Kinder zu bekommen.
Heinrich hatte schon Recht, es werden auch viele Wechselbälger geboren. Eher unangenehme Kinder, die auch später unangenehme Erwachsene werden. Vieles ist zwar edukativ bedingt, aber Menschen sind heterogen. Es gibt immer Exemplare, die dümmer und häßlicher, als andere sind.
Obschon es die längste Zeit der Menschheitsgeschichte durchaus üblich war, missgestaltete oder schwächliche Kinder gleich zu ersäufen und auf ein besseres nächstes Kind zu warten, gilt so ein Verhalten zivilisatorisch natürlich nicht mehr als akzeptabel. In Indien und China gibt es allerdings einen deutlichen Jungs-Überschuss, weil bei strenger Geburtenkontrolle („EinKindPolitik“) Mädchen als weniger wertvoll gelten und eher abgetrieben werden.
Evolutionär bedingt lieben allerdings Eltern ihre Kinder. (Mit Ausnahmen natürlich). Sie verteidigen ihre eigenen Kinder, lieben sie und finden sie hübsch.
Das ist auch gut so, denn ohne diese emotional-evolutionäre Komponente, würde man bei 100% rationaler Betrachtung, in vielen Fällen das eigene Kind als mangelhaft ansehen und ihm nicht die volle Zuwendung und Unterstützung geben, die ein Kind nun einmal braucht.
Man hört nie von einer Mutter, die ihr eigenes Kind eher für dämlich oder häßlich hält. Im Gegenteil, „in den Augen einer Mutter“ hat durchaus sprichwörtlichen Charakter.
Markus Söder ist eben nur in den Augen seiner Mutter schön. Das ist völlig normal und richtig.
Dubios wird es, wenn sich eine Mutter, wegen ihrer Kinderliebe überhöht; sich als guten oder gar zu bevorzugenden Menschen darstellt, weil sie ihre Kinder liebe.
Deswegen Vorzugsbehandlungen zu erwarten, ist absurd. Jeder Mensch ist ein Kind von jemanden und (fast) jeder Mensch wird auch von seinen Eltern (zunächst) geliebt. Sein eigenes Kind zu mögen, ist keine Errungenschaft, nichts auf das man stolz sein kann, sondern eher evolutionärer Egoismus.
Völlig absurd wird es, wenn eine mutmaßliche Kriminelle, wie Christina Block, die angeklagt wird, ihren Kindern schwere Gewalt angetan zu haben (indem sie deren gewaltsame Entführung in Auftrag gab), sich zu ihrer Verteidigung, als „Löwenmama“ präsentiert.
Erstens sind Löwen eine denkbar schräge Metapher, siehe oben. Zweitens liegt es in der Natur (fast) jeder Mutter, um ihre eigenen Kinder zu kämpfen.
Eltern springen ihren Kindern ins Meer hinterher, selbst wenn sie selbst nicht schwimmen können; schützen sie mit ihrem eigenen Leib gegen Flammen oder Steinschlag, stellen sich angreifenden Kampfhunden/Bären/Schlangen in den Weg.
[…] Christina Block ergreift gleich zu Beginn an diesem Mittwochmorgen das Wort. Als „leibliche, liebende Mutter“ richtet sie sich direkt an ihre Kinder. Sie hofft, dass die den Prozess am Liveticker verfolgen. Sie weiß, dass ihre bebende Stimme die Zuschauer hinter dem Sicherheitsglas den Atem anhalten lässt. […] Christina Block kann eine einnehmende Frau sein. Immer wieder hat sie beteuert, wie groß die Liebe zu ihren vier Kindern sei, von denen sie drei bis auf Weiteres nicht wiedersehen wird. Außer vielleicht hier, in Saal 237 des Hamburger Landgerichts. Als „Löwenmama“ hat Block sich inszeniert, bereit, bis zum Äußersten zu gehen für ihr Fleisch und Blut. Dann wieder als verzweifelte, gebrochene Mutter, von den Behörden im Stich gelassen, verdammt, in einer kaputten Familie zu leben.
An diesem Verhandlungstag wird dieses Bild Risse bekommen. […]
Alle Mütter sind in dem Sinne „Löwenmamas“; das ist nichts, das als juristische Verteidigung taugt.
Reiche Prominente, die ihre Liebe zu den eigenen Kindern, als Entschuldigung für ihre Missetaten vorschieben, verdienen einen besonderen Platz in der Hölle.
Unangenehme Erinnerung an Ted „Cancun-Cruz“ werden wach, der seiner Tochter die Schuld für seine Flucht aus dem Eis-Texas und vor seiner Verantwortung, als zuständiger US-Senator, in die Schuhe schob.
Im Dschungelcamp erlebten wir gestern den wegen einer mutmaßlichen Antisemitismus-Geschichte sehr tief gesunkenen Gil Ofarim, mit der gleichen peinlichen Masche. Auf seinen Prozess angesprochen, packte auch Ofarim seine Kinderliebe als „Argument“ aus.
[….] Schuld und Bühne I: Ulkig, dass ausgerechnet diese beiden Camper Gil Ofarim beim ersten Kennenlernen tadelnd und abschätzig auf seinen Skandal ansprechen. Jene Kandidaten, die sich in ihren letzten TV-Formaten selbst nicht gerade als Botschafter des respektvollen Miteinanders hervorgetan haben, sondern eher als Sorte Reality-Eskalationspersonal, bei der man sich fragt, ob »Beziehungsfähigkeit« im Castingprozess für manche Formate als Risiko gilt.
Umut Tekin und Patrick Romer haben entweder an der Büffeluniversität auf moralischen Grenzposten umgeschult oder sind einfach nur sehr erleichtert, dass es da im Ensemble einen anderen gibt, auf den sich die Zuschauerwut sauber fokussieren lässt. Ein Empörungs-Windschatten, in dem die eigenen Altlasten ein bisschen geräuschloser mitreisen. Gil selbst macht es ihnen leicht, weil er auf eine spätere, ruhige Nachfrage von Hardy Krüger nicht etwa klar reagiert, sondern in den Nebel ausweicht: Er sagt sinngemäß, er könne dazu nichts sagen, er dürfe es nicht, er habe eine »Verschwiegenheitserklärung« unterschrieben. Wenn er über den von ihm erst behaupteten, dann vor Gericht widerrufenen Antisemitismus-Vorfall spräche, würde »alles wieder aufgerollt«. Dazu raunt er eine Satzstückelei, die gleichzeitig maximal dramatisch und maximal unpräzise ist: Er habe Angst, »seine Kinder zu verlieren«. [….] Halbwegs klar scheint jedenfalls zu sein, dass er mit reichlich stimmlich performativer Betroffenheit suggeriert: Vielleicht war alles doch ganz anders, nämlich so, wie von ihm ursprünglich behauptet.
Er könne die öffentliche Kritik nachvollziehen, sagt er, »vor allem, wenn ich auch nur das wüsste, was die Öffentlichkeit weiß«. Entschuldigen könne er sich »für die Art und Weise, wie ich es gemacht habe«, also wohl für die Stilform der Instastory-Anklage – aber nicht für den Inhalt? Gils vages Geraune klingt nach Recht, ist aber vor allem Rhetorik. Das macht seine Camp-Verpflichtung noch ärgerlicher. [….]
Zum Mitschämen. Welcher Vater liebt denn nicht seine Kinder und würde nicht allerhand unternehmen, um sie zu schützen?

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Feedback an Tammox