Montag, 17. September 2018

Polyvölkisch

In manchen Ländern kann man leicht definieren welches Volk dort lebt.
Japaner zum Beispiel sind ein Volk von Japanern, weil ihr Land durch die Insellage relativ isoliert und homogen ist, über Tausende Jahre nie fremdbeherrscht war.
Andere Länder sind ganz klar Vielvölkerstaaten mit unterschiedlich starker familiärer Vermischung der verschiedenen Gruppen. Sowjetunion, Jugoslawien, Irak. Manchmal leben diese Gruppen wie in einer Apartheit getrennt, so daß ein ganzes Volk wie die muslimischen Rohingya in Myanmar abgeschlachtet und/oder vertrieben werden können.
Manchmal werden die innerstaatlichen Zentrifugalkräfte so groß, daß sie bei kleinsten Schwächen der Zentralregierung zu Abspaltung, Aufspaltungen und Abtrünnigkeiten führen. Der Südsudan spaltete sich ebenso vom Sudan ab, wie Eritrea von Äthiopien. Lettland, Estland und Litauen verließen die Sowjetunion und auf dem Balkan brach ein regelrechter Vielvölkerkrieg aus.
Manchmal werden Subvölker der eigenen Bevölkerung zwar eindeutig von einer starken Nationalregierung in Schach gehalten, kommen aber nie zur Ruhe und entwickeln ihre separatistischen Ideen immer weiter.
Spanische Basken, spanische Katalanen, britische Schotten, belgische Flamen, belgische Valonen, italienische Tiroler, französische Korsen, italienische Sizilianer, deutsche Bayern, türkische Kurden oder chinesische Tibeter – sie alle dringen mal mehr und mal weniger auf Selbstständigkeit.
In konzentrierter Form erlebt man das polyvölkische Problem in dem kleinen Israel. Araber und Juden sind sich so spinnefeind, daß alle halbwegs vernünftigen Regierungen auf eine Zweistaatenlösung setzen.
Mal abgesehen davon, daß die Zentralregierung strikt dagegen ist, gibt es da aber vor allem ein geographisches Problem, weil sie alle wild durcheinander leben. Ausgerechnet die fanatischsten und friedensfeindlichen Israelis, die Siedler, leben gern mitten in rein arabischen Gebieten.
Wie auch immer man die Grenzen ziehen würde – Hunderttausende würden anschließend auf der falschen Seite leben.
Geographisch eher möglich wäre es auf dem Staatsgebiet der Türkei, Jordaniens, Syriens, des Iraks und des Irans drei relativ homogene Länder aus 1. Kurden, 2. Schiiten und 3. Sunniten zu bilden. In dem Fall stehen aber die nationalen Grenzen dagegen. Niemals würde Erdogan ein Stück der Türkei einem neuen Staat Kurdistan abtreten.
Unterschiedliche Volksgruppen müssen sich natürlich nicht hassen wie die Pest. Im Gegenteil, sie können sich erheblich „vermischt“ haben und erst zum Problem werden, wenn sich nationale Separatisten durchgesetzt haben.
Ja, die Ukraine ist seit Dezember 1991 unabhängig. Aber es leben dennoch 8 Millionen Russen im Land – das sind knapp 20% der Bevölkerung. Dazu kommen weitere einhundert Ethnien.
Anfang der 1990er dürfte es den zur Minderheit in der Ukraine gewordenen Russen relativ egal gewesen sein, was auf ihrem Pass stand. Aber als dann im Putin-Russland ein gewaltiger ökonomischer Aufschwung stattfand, die Renten beim östlichen Nachbarn um ein Vielfaches höher lagen und in Kiew Chaos herrschte, mögen einige neu nachgedacht haben.
Aber das Wechseln der Nationalität ist nicht unbedingt leicht, wenn schon Bürgerkrieg herrscht und welche Nationalität hat man eigentlich, wenn man aus russisch-ukrainischen Ehen stammt?
30% der Bevölkerung in Lettland versteht sich als russisch. In Estland sind es 28%.
Paradoxerweise gibt es keine Beispiele von erfolgreichen separatistischen Bewegungen in der nördlichen Hemisphäre. Wann immer sich irgendwas ab- oder aufspaltete, wurde es später bitter bereut. Und dennoch wird Separatismus immer populärer. Angeheizt von rechten Medien von Fakenews wollen sich die Völker immer mehr voneinander abgrenzen und aus größeren Einheiten rauslösen. Solche Pläne entspringen fast immer einem gefährlichen Bauchgefühl und führen zu einer entsprechend heftigen Bauchlandung. Frau May erlebt das mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr bald, wenn es einen Brexit ohne Deal gibt.
Junge, Junge, war das eine blöde Entscheidung die EU zu verlassen!

Wie lange müssen wir noch beobachten wie sich Menschen mit ihrem Volksreinheitswahn ruinieren?
Und liebe Zentralregierungen, facht den Unsinn nicht auch noch unnützerweise an, indem ihr regionale Eigenheiten wegreguliert, indem ihr beispielsweise in der Türkei verbietet kurdisch zu sprechen.

Die Erfahrung zeigt, daß mannigfache kulturelle Einflüsse dem Wohl aller dienen, weil man weniger engstirnig denkt und das Beste aus vielen Welten adaptieren kann.

Ich halte es mit Peters Ustinov:
"Ich bin ethnisch sehr schmutzig und sehr stolz darauf."

Es ist nicht nur unsinnig, sondern falsch und sehr destruktiv, wenn konservative Politiker behaupten Kinder aus multinationalen Ehen müssten sich zu irgendwas entscheiden.

[…..] Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) will eine doppelte Staatsbürgerschaft grundsätzlich nicht erlauben. Er sprach sich damit gegen Überlegungen in der SPD aus, den Doppelpass dauerhaft zuzulassen. […..] Unions-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach ging noch einen Schritt weiter: "Wir wollen zurück zum alten Staatsangehörigkeitsrecht von vor 1999, weil es eben keine doppelte Loyalitäten bei der Staatsangehörigkeit geben kann", sagte er. […..]

Was für ein unglaublicher Schwachsinn, den Bosbach da von sich gab!


Ich fühle keine Loyalität zu einer Nation, wüßte auch nicht wozu das gut sein sollte oder wer mich dazu zwingen könnte.


(…) Loyalität ist positiv konnotiert und damit klingt auch die Forderung danach gut.
Eine praktische oder rechtliche Bedeutung gibt es dafür aber nicht.

Was soll Loyalität zu Deutschland eigentlich sein?

Muß ich ein Gauck-Portrait über meinem Bett aufhängen?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich immer der deutschen Fußballnationalmannschaft die Daumen drücken?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich jeden Tag Sauerkraut und Eisbein essen?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich Gartenzwerge auf meinen Balkon stellen?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich schwarzrotgüldene Wimpel an mein Auto kleben?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich die Nationalhymne singen?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich die Regierungspartei mögen?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich kurze Hosen mit Treckingsandalen tragen?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich Schlagermusik hören und Musikantenstadl gucken?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich Deutschland lieben?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich mir das 1000-Jährige Reich zurückwünschen?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich meine Kinder Peter und Ursula nennen?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich einen Schäferhund haben?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich schlechten Geschmack haben?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich zur Lorelei pilgern?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich VW Golf fahren?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

Muß ich „Leitkultur“ leben?

Nein, das tue ich nicht und werde es nicht tun.

So wie man eine deutsche Staatsbürgerschaft nicht entzieht, wenn ein Deutscher dauernd Koreanisch isst, nur spanische Musik hört oder englische Bücher liest, wird sie auch nicht als Gnadenakt gewährt, wenn man sich loyal zu CDU, Kirche und Merkel verhält.

Die deutsche Staatsbürgerschaft steht jedem zu, der hier geboren wurde, oder aber eine bestimmte Zeit hier lebt. Ob er/sie/es durch familiäre Verstrickungen noch einen weiteren Pass in der Schublade hat, ist irrelevant.


Nationale Identitäten und nationale Loyalitäten sollten überwunden werden wie Religion. Sie sind schädlich.
Die Zukunft ist polyvölkisch und darauf können wir dann stolz sein.

Kommentare:

  1. "Was soll Loyalität zu Deutschland eigentlich sein?"

    Dass man sowohl in Friedenszeiten wie im Krieg dieses Land, sein Rechts- und Wertesystem verteidigt.

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    1. reichlich archaische Sichtweise.
      Im Krieg verteisige ich gar nichts.
      Rechtssysteme verteidige ich völlig unabhänguig davon zu welchem Land sie gehören.
      Und ein WERTESYSTEM müsste erst mal definiert werden.
      Was soll das sein in dem Land, in dem der Verfassungsminister verkündet er würde gern mit Pegia auf der Straße demonstrieren und freue sich über kriminelle Ausländer?

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    2. Morgen werden wir womöglich sehen, dass ein Verfassungsminister das nicht folgenlos tun darf. Immerhin hatte er die Freiheit dazu. Selbiges ist möglicherweise ein Beleg dafür, dass in Deutschland jeder alles werden kann.

      Ich denke an die vielen Deutschen mit türkischen Wurzeln, die sich mehr als Türke fühlen, weil sie hier nicht wirklich integriert sind. Bei denen kann man sich nicht sicher sein, ob sie in einem Konfliktfall tatsächlich die deutsche Uniform tragen würden.

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    3. Das ist sehr sympathisch von ihnen. Typen, die in Uniformeb steigen, zu den Waffen greifen, um eine künstliche Sinnlosigkeit wie eine NATION zu verteidigen, kann ich ohnehin nicht leiden.
      Ich würde das auch nicht tun.

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  2. Niemand will soetwas tun. Aber wenn du dienen musst (zu meiner Zeit war das noch so) hast du keine Wahl. Heute würde ich auch verweigern. Damas war ich zu faul.

    Grenzen hätte ich auch gern weg. Aber was schützt dann noch von fremden Mächten, die das Recht und die Freiheit einschränken wollen? Wenn ein Putin über Fragen der Toleranz (z.B. zur Homosexualität) mitreden könnte? Wenn Vertreter der Christen und Moslems überall ihren Einfluss geltend machen könnten?

    Es hat also nicht nur Nachteile, dass es Länder und Grenzen gibt. So entstehen Oasen der Liberalität, in der z.B. die Legalisierung von Cannabis ausprobiert werden kann.

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    1. ist ja auch irre wahrscheinlich, daß Österreich, Belgien oder Dänemark in Deutschland einmarschieren.

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