Neben den Ossis, haben auch andere Volksgruppen ein
katastrophales Image. Die Bayern zum Beispiel. Oder Tschetschenen. Die
negativsten Konnotation löst im Moment wohl die Volksgruppe aus, zu der ich
zufällig gehöre: Die (US-)Amerikaner.
Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht kopfschüttelnd sage
„die sind so scheiße, die Amis!“ Es liegt in der Natur der Sache, daß es sich
bei der Reduzierung von 330 Millionen Individuen auf ein „DIE…“ um eine
drastische Pauschalisierung handelt.
Aber Pauschalurteile bedeuten eben gerade nicht, jeden
einzelnen der Gruppe zu meinen. Sonst wäre es ein Individualurteil.
(….) Die Verwendung solcher
Stereotype bedeutet bei halbwegs gebildeten Menschen, die korrekte
Rechtschreibung beherrschen keineswegs, daß sie wirklich jeden so
abqualifizieren.
Tatsächlich bilden die
US-Amerikaner selbst auch die stärkste Opposition gegen Trump, sind abgestoßen
von dem NRA-Waffenwahn und setzen sich vehement für Klimaschutz ein. Meines Erachtens kann man daher auch nie
Opfer von Pauschalurteilen sein.
Wer stereotype, abfällige
Klischees über Gruppen verbreitet, zu denen ich zufällig gehöre – Amerikaner,
Hamburger, Sozi, weiße Männer, digital imigrants – kann mich nie persönlich
treffen, da diese negativen Assoziationen immer auf einige Mitglieder der
Gruppe zutreffen. Nur ein total Verblödeter kann aber behaupten alle, also
jeder einzelne Hamburger liefe den ganzen Tag im Maßanzug rum und esse Fisch.
Nur ein total Verblödeter kann behaupten jeder weiße Mann wäre ein
frauenfeindlicher Sexist.
Man muss aber total Verblödete
nicht ernst nehmen. (….)
(Die Ossis, 26.08.2019)
Im Gegensatz zu Bayern, zu Hamburgern, oder zu Amis,
können Ossis aber nicht zwischen Pauschalisierungen und individuellen Beschreibungen
unterscheiden. Sie fühlen sich immer persönlich angegriffen.
Niemand ist so schnell und so radikal beleidigt wie „die
Ossis“.
Was Hamburg einfach an sich abtropfen lässt, führt in
Ossiland gleich zu kollektiver Depression.
(….) Es käme mir nie
in den Sinn persönlich beleidigt zu sein, wenn jemand gegen „die Amerikaner“
oder auch „die Hamburger“ Position bezieht.
Die Erdoğansche
Wehleidigkeit der Ossis ist
erbärmlich.
Mit vollem
Recht empören sich überall in der Welt jeden Tag Menschen über Amerika. Na und?
Amerika ist ein riesiges heterogenes Gebilde.
Wie kann man
nur so egomanisch sein, jeden antiamerikanischen Verbalangriff auf sich selbst
zu beziehen? Ich habe einen US-Pass und meinetwegen kann jeder so viel an den
USA kritisieren, wie er lustig ist.
Muss denn immer
dieses Übermaß an political correctness herrschen, daß ich bei jeder spitzen
Formulierung gegen „die Sachsen“ gleich ein devotes Sorry liebe aufrechte Sachen, die sich für Flüchtlinge engagieren; ihr
seid natürlich nicht gemeint hinterher aufsagen muß?
Ein
pauschalverurteilender Satz wie „ich hasse die Bayern!“ ist zwar unfein, aber
andererseits ist es auch albern, so eine offensichtlich dahingerotzte Aussage
auf die Goldwaage zu legen und daraus abzulesen, daß man damit jeden einzelnen
der 12 Millionen Bayern persönlich hasst. (….)
(Säxit Now, 02.06.2016)
Ich kann mich nicht als Amerikaner schämen,
weil ich emotional nichts mit den Trumpmerikanern gemein habe. Also Feuer
frei!
Ich bin offen für alle Beleidigungen wider die Amerikaner, die
Deutschen, die Heterosexuellen, die Weißen, die Männer, die Europäer,
die Reichen, den Westen!
Wir haben es verdient.
DEN Ossis gemeinsam ist eine stark viktimologische
Grundhaltung.
(….) Hinzu kommt der ekelhafte
jammerige Opfermythos der Sachsen, die sich immer benachteiligt fühlen, stets
glauben mehr als andere zu leiden.
Das ist immer das Erste, da
man nach Nazi-Aufmärschen hört: „Sachsenfeindlichkeit“ – alle sind gegen uns. Die Presse, die Wessis, die Ausländer, wir haben
es so schwer.
(….) Ich halte den
psychohistorischen Ansatz des SPIEGELs für sinnig. Seit August, dem Starken
halten sich die Sachsen für das auserwählte Volk, die für Hochkultur, Reichtum
und Schönheit stehen. Die sächsischen Kulturschätze
konterkarieren allerdings schon damals die politische und militärische
Bedeutungslosigkeit. Den mächtigen Königshäusern
der Hohenzollern und Habsburger hatten sie nichts entgegenzusetzen, wurden nach
Belieben vom ungeliebten Preußen dominiert. Mitte des 18. Jahrhunderts
mußte Sachsen hilf- und tatenlos zusehen, wie Friedrich, der Große
einmarschierte. Schließlich fiel am Ende des Siebenjährigen Krieges auch noch
Schlesien an Preußen, welches doch für Sachsen die langersehnte Landbrücke zu Polen
bilden sollte.
Erst 1806 wurde das
Kurfürstentum Sachsen durch Napoleon auch zum Königtum erhoben, verlor aber in
der Leipziger Vielvölkerschlacht von 1813 an der Seite Frankreichs erneut
schmachvoll gegen Preußen und konnte nur mit knapper Not verhindern wieder zum
Fürstentum abzusteigen, indem es die Hälfte des Gebietes an Preußen abtrat.
1866 stand Sachsen an der Seite Österreichs im „Deutschen Krieg“ gegen Preußen
und verlor erneut. Nur fünf Jahre später ging es dann endgültig als deutscher
Kleinstaat im Kaiserreich der Preußen auf.
Die Sachsen entwickelten einen
ausgeprägten regionalen Minderwertigkeitskomplex, der durch eine Mischung aus
Opferkult und Größenwahn kompensiert wird.
Im 20. Jahrhundert setzte sich
das nahtlos fort. Sie waren besonders
Hitler-treu, stellten den Großteil der NSDAP-affinen Deutschen Christen und
fühlten sich erneut betrogen, als Dresden am Ende des zweiten Weltkrieges
zerstört wurde.
Und sie erlebten Bombenangriffe auf die Hauptstadt, die so massiv waren
wie etwa in Hamburg und Köln; aber nur die Sachsen entwickelten daraus einen
Trauerkult, der bis heute anhält. „In Dresden spürt man bis heute diesen
Identitätsverlust im und nach dem „Dritten Reich“, sagt [Martin] Roth, [der zehn Jahre lang die
Staatlichen Kunstsammlungen Dresdens leitete] „Was bleibt ist diese Selbstherrlichkeit, dieses
Im-eigenen-Saft-schmoren und gleichzeitig glauben, man sei der Größte.“
(DER SPIEGEL,
20.02.2016, s.50)
Das stimmt natürlich; Hamburg
wurde fast komplett zerstört. Bei der Operation Gomorrha 1943 kamen mehr Leute
in 48 Stunden um als in Dresden. Aber hier wird darüber
überhaupt nicht lamentiert. Völlig unvorstellbar, daß es
Aufmärsche am Jahrestag gäbe. Das begreift jeder in Hamburg: Wir hatten selbst
schuld, wir haben den Krieg angefangen und wir haben die Bombardierung von
Zivilisten angefangen. Wir haben diesen Krieg in die Welt getragen und wollten
nicht aufhören, als schon längst alles verloren war. Man kann doch nicht im Ernst
70 Jahre später immer noch schmollend durch Dresden paradieren und die Briten
deswegen hassen. (…)
(Pimmelköppe, 27.08.2018)
Diese kollektive Jammerei der Ossis ist umso
unerträglicher, als andere Regionen Deutschlands faktisch in schwierigeren
Verhältnissen leben, ohne sich unablässig zu beklagen.
[…] Ein Dienstag im
November, Wilhelmshaven in Niedersachsen. Der Himmel ist blau, Möwen schreien.
Mehrere Betriebe haben hier in den vergangenen Jahren dicht gemacht. Die
Arbeitslosenquote lag 2021 bei 10,9 Prozent, höher als in jeder kreisfreien
Stadt im Osten. Das verfügbare Pro-Kopf-Einkommen liegt nach einer Studie der
Hans-Böckler-Stiftung bei 19.050 Euro. Wilhelmshaven rangiert damit unter 401
untersuchten Landkreisen und kreisfreien Städten auf Platz 396 – deutlich
hinter dem brandenburgischen Cottbus, dem sächsischen Chemnitz oder dem
thüringischen Gera. Anders als dort geht in Wilhelmshaven montags niemand gegen
steigende Energiepreise oder die Unterbringung von Geflüchteten demonstrieren. Miguel Schaar wundert das
nicht. Der 54-Jährige stammt von der Nordseeküste, kam als Ordensbruder viel
rum in der Welt und fand irgendwann seine Heimat in Wilhelmshaven. Er sagt, wer
hier unzufrieden sei, der packe lieber selbst an, anstatt zu meckern. Das sei
das Ergebnis einer starken Zivilgesellschaft, gepaart mit nordischer
Muss-halt-Haltung. [….]
(DER SPIEGEL 2/2023,
06.01.2023)
Bei den Ossis hingegen wird das Heft nicht selbst in die
Hand genommen. Die Schuld wird immer bei anderen gesucht. Und es werden auch
Sündenböcke gefunden, auf die gnadenlos eingedroschen wird, weil Zivilität und
Mitleid unterentwickelt sind.
[….] Hier sollen zehn junge
Geflüchtete unterkommen – aber die Mehrheit ist dagegen. [….]
SPIEGEL: Frau Euchler, Sie
haben eine Petition mit fast 260 Unterschriften erhalten, die eine
Unterbringung von jungen unbegleiteten Flüchtlingen in Kriebethal ablehnt. Mehr
als die Hälfte aller Erwachsenen im Ort gegen zehn alleinstehende Minderjährige
– wie haben Sie reagiert?
Euchler: Mit Verständnis.
Das sind Bedenken, die ich sehr ernst nehme und auch teile. [….] Ich
will diesen jungen Leuten keine Unterstützung verwehren. Die Frage ist doch, wo
und wie sie die am besten erhalten können. Kriebethal ist nicht der richtige
Ort dafür. [….]
(Spon-Interview,
06.01.2023)
Ja, sicher, in Hamburg gibt es auch eine (sehr kleine)
AfD-Fraktion und rechtsradikale Arschlöcher, die gegen Minderheiten und Menschen
in Not agitieren.
Der Unterschied ist aber, daß unser Bürgermeister dafür
kein Verständnis erklärt und daß die unbeteiligten Bürger genügend zivilen
Anstand aufbringen, um sich gegen rechtsradikale Demonstrationen zu wehren. Bei
jedem Pegida-Aufmarschversuch in Hamburg, gab es so große Gegendemonstrationen,
daß die xenophoben Rechtspopulisten, Schwurbler und Covidioten irgendwann
aufgeben mussten.
In Ossiland sind aber eben nicht nur die rechtsextremen
Ossis das Problem, sondern die indolenten Normal-Ossis, die Pegida
achselzuckend hinnehmen und immer wieder einen CDU-MP wählen, der die Menschenhasser
hofiert.
Können die sächsischen AfD-Fans etwas dafür, daß sie so
denken, wie sie denken?
Können evangelikal indoktrinierte Menschen in Alabama,
die nur FOX-News glotzen, etwas dafür, Schwule oder Latinos zu hassen und Trump
zu wählen?
Würde ich mich, in Kansas-City oder Bautzen aufgewachsen,
genauso verhalten?
Ich weiß es nicht. Ich hoffe nicht. Immerhin sind nicht
alle Menschen in Sachsen oder Missouri rechtsradikale Widerlinge. Es gibt auch einzelne
mit sehr viel mehr Anstand und Bildung und Mitgefühl.
Allerdings prozentual weniger, als in San Francisco oder
Bremen.
Bei der Ursachenforschung, bei der Suche nach Erklärungen,
kann man aber nicht jeden einzelnen der vier Millionen Sachen einzeln gründlich
psychologisch analysieren.
Damit wären wir wieder bei Pauschal-Analysen.
[…] Es ist kein Zufall,
dass der Protest im Osten größer und lauter ist. Der Kulturwissenschaftler
Mathias Berek arbeitet am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin und
befasst sich mit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt der Wendezeit.
»Im Osten gibt es eine
weniger gefestigte demokratische Kultur, kaum Raum für Diskussionen und
Aushandlungsprozesse«, sagt Berek. Soll heißen: Viele Menschen im Osten haben
es nach dem Ende der Diktatur nicht gelernt, politisch zu streiten, Meinungen
auszufechten. [….] »Viele haben nach der Wende eine krasse
Selbstwirksamkeitserfahrung erlebt«, sagt der Forscher, »mit den Montagsdemos
hat man gemeinsam ein Regime zu Fall gebracht«. Dann sei dieses Gefühl rasch
verpufft, das institutionelle Misstrauen gegenüber Stasi und SED wurde
übertragen auf die Nachwendeparteien und die Westler, die »rüber« kamen und
wichtige Posten übernahmen. »Den Spruch, schon immer ›verarscht‹ worden zu
sein, hört man im Osten überall.« [….] Berek attestiert jenen, die auf
die Straße gehen, noch eine weitere Motivation: die Angst vor dem »Verlust von
Dominanz«, wie er es nennt. »Es gibt in Teilen der Gesellschaft einen
ausgeprägten Hass auf alles, was von der eigenen Norm abweicht«, sagt Berek.
Auf Geflüchtete, die Hilfe brauchen, auf Frauen, die hohe politische Ämter
einnehmen, auf Queere, die sichtbar sein wollen.
»Auf den Straßen berauscht
sich dann ein Mob am Gefühl, allein das Volk zu vertreten und eine
Homogenisierung wiederherzustellen, die es so eigentlich nie gab.« Diese Gruppe
werde immer weiter in die bürgerliche Mitte vordringen, wenn es der Politik
nicht bald gelinge, den großen Teil der Unentschlossenen und Schweigenden im
Osten anzusprechen, warnt Berek. Zudem sei die Zivilgesellschaft in den
östlichen Bundesländern viel schwächer aufgestellt. [….]
(DER SPIEGEL 2/2023,
06.01.2023)