Montag, 4. März 2013

Periodika in der Peripherie


So ein Mist!
Ich werde es wohl nie mehr schaffen die Berge von Artikeln und aktuellen Sachbüchern zu lesen, die sich auf meinem Nachtschrank und Schreibtisch türmen.
Das würde ich so gerne mal alles gelesen und im Hirn abgespeichert haben, so daß ich guten Gewissens wieder zu einem Roman greifen kann und in eine ganz neue Welt eintauche.
Die literarische Begegnung mit einem Autoren und seiner Welt, die er dem Leser ausbreitet, ist schließlich etwas sehr Intimes und Interaktives. 
Gewissermaßen der Sex der Sozialphobiker.
Aber die Zeit für solche Begegnungen muß man sich stehlen, weil dauernd neue Politskandale auf einen einprasseln, weil die abonnierten Periodika stets bemüht sind einen zu erschlagen.

Aber jetzt gibt es ja das dämliche Internet, welches einen zwingt zu interagieren und reagieren.
Trotzdem blättere ich mal eben durch das neue Heft. Hab zwar gestern schon im E-Paper rumgeklickt, aber da war ich geistig schon abgeschaltet und kann mich an gar keine Themen mehr erinnert.
Was bietet also der SPIEGEL von heute?
Titelgeschichte „DIE SUCHTMACHER – Fettig, salzig, süß: Wie Lebensmittelkonzerne uns verführen.“
Ein gelungen-beeindruckendesTitelbild zeigt dazu eine McDoof-Pommes-Packung, die wie eine Zigarettenschachtel arrangiert und mit dem Warnhinweis „Essen kann tödlich sein“ versehen ist.
Haben die Graphiker hübsch gemacht.
Nur: Lesen muß man das ja wohl nicht!
Die Story kommt doch 20 Jahre zu spät. Wer wüßte denn noch nicht, daß Lebensmittelkonzerne uns mit allen erdenklichen Tricks Fastfood unterjubeln?
Pizza, Chips, Cola, Pommes und Burger sind keine ideale Ernährungsgrundlage?
Die speziellen Kinderprodukte sind reine Zuckerbomben?
Wow. Ist ja ganz was Neues.
Klasse, Acht Seiten Text, die ich mir sparen kann.

Mal sehen, was die aktuelle Innenpolitik zu bieten hat. Von Parteipolitik kann ich eigentlich nie genug kriegen.
UNION: Merkels Chef. Ob Homo-Ehe oder NPD-Verbot - die Kanzlerin kann sich nicht zu klaren Ansagen durchringen. Stattdessen erklärt Verfassungsgerichtspräsident Andreas Voßkuhle der Politik, was sie zu tun hat.
(DER SPIEGEL Nr. 10, 04.03.2013, s.20)
Sach’ma‘…Geht es noch?
Das schreibe ich seit Jahr und Tag mindestens einmal die Woche in meinem Blog:
Merkel laviert, mogelt sich durch, bezieht keine Position, um nirgendwo anzuecken.
Wo haben die Redakteure Hubert Gude, Christiane Hoffmann und Peter Müller denn diese bahnbrechende neue Erkenntnis ausgegraben?

Es geht weiter mit zwei Seiten Volker Kauder im Interview.
Guten Morgen.

Merkel, Kauder,..kann es noch schlimmer kommen?
Ja, es kann. Der SPIEGEL wartet auf Seite 34 mit einem ganzseitigen Gauck-Kopf und einem langen Interview auf. Grusel.
Ich kenne keinen anderen Prominenten, der dermaßen von sich selbst begeistert ist und sich trotz dürftiger Allgemeinbildung für generalkompetent hält. 
Er nimmt auch die Außenwelt als eine ihn stets Lobpreisende wahr.
Daß er von sich in der dritten Person spricht, darf bei Gauck schon als Zeichen von übertriebener Bescheidenheit gelten. 
Eigentlich drängt es ihn den Pluralis Majestatis zu verwenden.
SPIEGEL: Herr Bundespräsident, zu Ihrer Wahl vor einem Jahr haben wir nach einem langen Gespräch mit Ihnen geschrieben: "Gut möglich, dass er bald abgeschliffen sein wird wie ein Kieselstein. Er ahnt, dass er bald schon an den goldenen Stäben des Schlosses rütteln wird." Rütteln Sie?
Gauck: Ja, das tue ich gelegentlich. Aber natürlich mit der Einsicht eines älter gewordenen Mannes, der das politische Leben kennengelernt hat und deshalb nicht ungeduldig an diesen Stäben rüttelt.  […..] Wo ich auch hinkomme, sagen mir die Leute: Behalten Sie bloß diese Fähigkeit zu zugespitzten Formulierungen! .  […..]  Dieser Präsident betreibt keine Neben-Außenpolitik und auch keine Neben-Innenpolitik. Er betreibt auch nicht die eigentliche, die gute, die schöne, die edle Politik, während sich die gewählten Politiker mit den schwierigen und schmerzhaften Dingen auseinandersetzen müssen. Das ist der Hintergrund für meine Vorsicht, nicht die Angst, etwas Falsches zu sagen. […..]
SPIEGEL: Wenn Sie morgens aufwachen - wie lange brauchen Sie, um sich vom Bürger in den Bundespräsidenten zu verwandeln?
Gauck: Ich stehe als Joachim Gauck auf. Wenn ich mich dann rasiere, kommt so langsam der Umschwung. Ich weiß, in einer Stunde steht unten das Auto, dann geht es ins Büro, und da bin ich Präsident.
(DER SPIEGEL Nr. 10, 04.03.2013, s.35)
Auch das reicht.
Wieder ein schönes Beispiel dafür wie Gauck das Gauck-Sein an sich in Beschlag nimmt.
Gott ist ja auch Gott und niemand würde erwarten, daß ER noch nebenbei Knöpfe annäht oder Differentialgleichungen löst.  Ernüchterung ergreift die FDP, nachdem sie nun bemerkt, daß Gauck gar keine FDP-Werbung betreibt.
Der Präsident suche weder den Austausch mit der Partei, noch binde er systematisch das Parlament ein, heißt es. Gauck sehe vor allem Gauck. Ein Liberaler, der in unterschiedlicher Funktion mehrfach in Schloss Bellevue zu Gast war, berichtet, dass Gauck ihm versichert habe, wie schön es gewesen sei, sich endlich mal persönlich kennengelernt zu haben. Bei jeder der vier Begegnungen. Seitdem fragt sich der Liberale, ob Gauck so sehr mit seinem Gaucksein beschäftigt ist, dass er andere kaum wahrnimmt. Jedenfalls keine Liberalen.

Mehr ertrage ich nicht heute; dazu ist meine Magenschleimhaut zu sensibel.
 
Na schön, nur noch den Katholiken-Artikel. Schließlich bin ich ein radikaler Vatikan-Fan und stürze mich mit Vorliebe auf Kurien-Interna.
Aber abgesehen von meiner persönlichen Passion, ist die Sedivakanz tatsächlich eine ungemein spannende Angelegenheit. 
Mal sehen, was der SPIEGEL Neues ausgegraben hat. Wer wird denn nun nächster Papst.
Peter Wensierski, der ein tatsächlicher Kenner der RKK in Deutschland ist, schreibt über Georg Gänswein.
Der Ratzinger-Toyboy wird kaum seine beiden Aufgaben als Ratzi-Privatsekretär UND Präfekt des Päpstlichen Hauses auf Dauer behalten können. 
ACH WAS?
Wensierski prophezeit eine Karriere des telegenen Erzbischofs in Deutschland.
 Auch das ist recht naheliegend, denn in vielen Bistümern sitzen Wackelköppe, die schon kurz vorm Einsargen sind und dennoch immer weiter machen müssen, weil sich kein Nachfolger findet.
Köln, Mainz, Freiburg sind zu nennen. In Passau herrscht sogar schon Sedivakanz, weil Wilhelm Schraml (geb 1935) emeritiert ist und ein neuer Diözesanbischof noch nicht gefunden ist.
Richtig erkennt Wensierski aber, daß der weltberühmte Gänswein wohl kaum in so ein kleines einfaches Bistum wechseln würde.
Was käme sonst in Frage?
Im bayerischen Bistum Passau ist zwar gerade ein Bischofsposten frei. Doch für einen Erzbischof kommt nur eines der sieben deutschen Erzbistümer in Frage. Angesichts ihres Alters könnte der Freiburger Erzbischof Kardinal Robert Zollitsch, 74, oder dessen Kölner Amtskollege Kardinal Joachim Meisner, 79, in diesem oder im nächsten Jahr abtreten. Der prominente Posten in Köln wäre vielleicht sogar ein Sprungbrett zum Chef der Bischofskonferenz.
(DER SPIEGEL Nr. 10, 04.03.2013, s.42)
Da kann man doch nur schreien!!
Zollitsch ist eben KEIN KARDINAL! 
Das ist gerade das Bemerkenswerte, daß er zum Zuge kam, als ein Nachfolger für den Vorsitzenden der DBK Kardinal Lehmann gesucht wurde.
Gerade in der Zeit unmittelbar vor der Papstwahl werden täglich die wahlberechtigten deutschen Konklave-Teilnehmer aufgezählt. 
Man findet die gerade mal sechs Geronten täglich in der Presse:
Paul Josef Cordes, 78, Walter Kasper, 79, Karl Lehmann, 76, Joachim Meisner, 79 und natürlich die beiden Kardinalsküken Marx und Woelki.

Und der SPIEGEL dichtet fälschlicherweise Zollitsch dazu.

DAS NERVT. 

Muß das immer wieder sein?

Sonntag, 3. März 2013

Weinen mit den Konservativen.



Ach sie haben es schon schwer, die ideologisch Braun-schwarzen in der Union.
Nun schleift das BVG auch noch die über so viele Jahrhunderte selbstverständliche Homophobie.
Das kann doch nicht richtig sein, wenn man über so viele Zeitalter geltende Regeln einfach wegwirft.
Sklaverei, Rassentrennung, Apartheit, alle diese schönen konservativen Ideologien gingen schon verloren.
1974 wurde sogar das Frauenwahlrecht in der Schweiz eingeführt. Das kann doch nicht richtig sein, daß Weiber mitbestimmen.
Die Strafe folgte auf den Fuß – schon mokieren sich die Emanzen, wenn Rainer Brüderle auf 5 Promille sich von ungehorsamen Hühnern, die aber „ein Dekolleté gut ausfüllen“ können, „die Tanzkarten“ vorlegen läßt.
Und jetzt soll man noch nicht mal mehr über Tunten und Leckschwestern ablästern, weil das BVG seine irren Ansichten auf das Volk pressen will?

"Wer schützt eigentlich unsere Verfassung vor den Verfassungsrichtern?"
- Erika Steinbach.

Die armen Konservativen haben unter schleichender Erosion zu leiden.
 Insbesondere seit die kinderlose, geschiedene Ost-Protestantin Merkel die Parteispitze okkupiert, fallen die konservativen Merkmale immer schneller. 
Wehrpflicht weg. Mindestlohn kommt. Atomausstieg. Schuldenübernahme anderer Länder. Homoehe? Gibt man womöglich bald auch noch das Hanf frei?
Was ist eigentlich Konservatismus? 
Wodurch unterscheidet sich das konservative Weltbild zum Beispiel von einem Mittigen, wie es die Kanzlerin zu haben vorgibt?
Um diese Frage zu klären bildete sich innerhalb der CDU der sogenannte Berliner Kreis.
Dieser Kreis um "Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen"-Wolfgang Bosbach, Hessens Rechtsaußen Christean Wagner und Stahlhelm-Steinbach kreiste um sich selbst; kreißte schließlich eine Kapitulation.
Die Veröffentlichung des groß angekündigten „konservativen Manifests“ im August 2012 mußte abgesagt werden, da den Ewiggestrigen außer „wir sind dagegen“ nichts eingefallen war.
Was „konservative Politik“ bezüglich der Mehrwertsteuer, der Bundeswehrauslandseinsätze oder der Windenergie sind, konnten sie auch nicht sagen.

Konservativismus ist eine Grundstimmung, die man nicht positiv formulieren kann, weil sie sich aus ihrer negativen Sicht auf Minderheiten heraus definiert.

Konservative sind nicht zufällig fast immer extrem religiös. 
Sie folgen der gleichen „wir sind besser als die“-Ideologie und steigern ihr Selbstwertgefühl nie aus sich selbst, sondern durch Erniedrigung „der anderen“. 

Konservative sind notorische Minderheiten-Basher. 

Sie mögen keine Ausländer, keine Farbigen, keine Schrillen, keine Ökos, keine Müslis, keine Homos, keine Punker, keine Rocker, keine Nonkonformisten.
 Sie mögen gar nichts, das nicht so denkfaul verknöchert ist, wie sie selbst.
Dieses konservative Odeum in wohlklingende Worte zu fassen, fällt naturgemäß schwer.
Es fällt umso schwerer, wenn einem die neue öffentliche Moral verbietet Schwule, Zigeuner, Zivis oder Langhaarige zu verdammen.
Es fällt umso schwerer, wenn einem (anders als in England) eine Historie fehlt, auf die man sich berufen könnte.
Joachim Käppner fasst das Kernproblem der deutschen Konservativen sehr schön zusammen.

Bei dieser Debatte wird eines meist vergessen: Der deutsche Konservativismus ist lange schon tot.
Er starb nicht als Held unter den Guillotinen des Zeitgeistes. Er hat sich selbst umgebracht, weil er sich - bis auf tapfere Ausnahmen - den Nazis auslieferte, sich zu ihrem Pudel machte und 1945 mitunterging. Der konservative Geist in Deutschland, so vielfältig er war, verstand sich seit der Französischen Revolution als Gegenentwurf zur Moderne, zum Parlamentarismus, zur westlichen Welt.
Die Weimarer Republik bekämpfte er mit enormer Destruktivität, 1931 hieß es in einer typischen Kampfschrift der Deutschnationalen: "Autorität, Gottesgnadentum, Treue, Vaterlandsliebe, Achtung vor fremdem Hab und Gut wurden in die Rumpelkammer verwiesen - neue Götter wurden auf dem Throne erhoben: Demokratie, Nacktbewegung, Kameradschaftsehe, schrankenloser Libertinismus."

Konservativ zu sein, heißt sich denkerisch einzuschränken.
 Man muß Teile der Realität ausblenden.
 Nur indem er viele theologische und historische Entwicklung grundsätzlich ignoriert, oder aber ziemlich dreist fälscht (Beispiel Kant) kann er konservativ sein.
Wer sich der Realität annimmt und ohne Scheuklappen Informationen aufnimmt, kann nicht konservativ bleiben.
Gerade in deutschen Medien wird Benedikt XVI. gern als ein überaus gebildeter, feinsinniger Gottesgelehrter geschildert. Doch Bildung ist in der theologischen Wissenschaft ein deutungsoffener, umstrittener Begriff. Weder die katholische noch die evangelische Universitätstheologie kennen einen klar umrissenen, allseits akzeptierten Bildungskanon. Joseph Ratzinger entwickelt nicht nur einen ganz eigenen, platonisierend unhistorischen Denkstil, sondern entwirft sich auch einen höchst individuellen Kanon theologischer Klassiker, die er gern affirmativ liest.
[…] Sehr schlecht ist es um seine Kenntnis der modernen politischen Ideengeschichte und der deutschsprachigen Philosophie um 1800 bestellt. Die 'Kantische Revolution der Denkungsart' ist ihm völlig fremd geblieben, und wo er Kant überhaupt zu Wort kommen lässt, sind die Zitate nicht korrekt - selbst in der amtlichen Fassung der berühmten 'Regensburger Rede' nicht. Von Robert Spaemann, dem für ihn wichtigsten lebenden Philosophen, übernimmt er die Kritik am 'Banal-Nihilismus' eines Richard Rorty und diverser Pluralismustheoretiker. Sieht man von einzelnen Verweisen auf Gierkes Genossenschaftsrecht ab, nimmt Ratzinger moderne sozialwissenschaftliche Theorien nicht zur Kenntnis.
Dieser teils alteuropäisch weite, teils irritierend enge Bildungskanon erlaubt es ihm auch im Papstamt, die Geschichte der konfessionellen Pluralisierung des Christentums seit dem 16. Jahrhundert und damit zugleich die Ideen- und Kulturgeschichte der Moderne primär als eine Verfallsgeschichte zu deuten - aber in Begriffen, die er aus protestantischen Debatten aufgreift und dann umformt.
(Professor Friedrich Wilhelm Graf, SZ, 01.03.13)
Wer sich aber geistig nicht so einschränkt wie Bosbach, Katharina Reiche, Kauder, Hasselfeld oder eben Ratzi, muß seinen Konservatismus irgendwann über Bord werfen.

Dieser Erkenntnisschritt kann individuell durchaus als schockierend empfunden werden.
Der (ehemals) stramm konservative Kulturchef und FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher hat ihn dennoch durchgeführt.
„Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“
Im bürgerlichen Lager werden die Zweifel immer größer, ob man richtig gelegen hat, ein ganzes Leben lang. Gerade zeigt sich in Echtzeit, dass die Annahmen der größten Gegner zuzutreffen scheinen.
Bitter.

 Aber nach dem Coming Out fühlt man sich besser!

Samstag, 2. März 2013

Linke Depression.




Wenn man auf die Zahlen der Bundestags-Sonntagsfrage-Umfragen guckt, sieht es für die Konservativen immer besser aus, als es die reine Mathematik hergibt.
CDU/CSU und FDP werden addiert, obwohl die FDP meist unter 5% liegt und damit gleich Null zu setzen ist.
Auf der anderen Seite addiert man Grüne und SPD, läßt aber stets Piraten und Linke unter den Tisch fallen, obwohl die Linke mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in den Bundestag einziehen wird.

Ganz so abwegig sind diese journalistischen Betrachtungen aber dennoch nicht, da die Erfahrung; zuletzt in Niedersachsen; zeigt, daß die FDP bei ernsthaften Siegchancen für Schwarzgelb immer einen ordentlichen Schluck aus der CDU-Pulle dazu bekommt.
Ihre Chancen die 5%-Hürde zu überspringen, ist damit vermutlich größer als es die blanken Zahlen ausdrücken.
Die LINKE andererseits wird mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht an einer rotgrünen Bundesregierung beteiligt sein, obwohl das rechnerisch möglich wäre.
Schuld daran ist hauptsächlich die Hasenfüßigkeit der SPD, die im Auschließeritis-Wahn den Konservativen auf den Leim geht und sich selbst die Wahlchancen ruiniert.
Wie sagte schon Dieter Hildebrandt:
„Die Sozialdemokraten scheißen in jede Hose, die man ihnen hinhält!“
Ich könnte drei Stunden ununterbrochen darüber schreiben wie sehr mich dieses Verhalten ärgert; aber so ist es nun mal. 
Eine Stimme für die Linken ist eine Stimme, die Rot/Grün fehlt und damit eine Stimme, die Frau Merkel und der FDP zu Gute kommt.

Allerdings kann man auch die Linke selbst nicht völlig freisprechen.
 Sie geben mit stümperigen und unprofessionellen Verhalten an der Parteispitze dem Affen Zucker. 
Diejenigen, die wie Steinbrück ein Regieren mit Linken Stimmen ausschließen, haben immer wieder Anlass zu glauben im Recht zu sein.
Das betrifft die Außenpolitik-Totalverweigerung der Linken. 
Das betrifft aber vor Allem das Chaos an der Parteispitze.

Da war Oskar Lafontaine, der einen persönlichen Rachefeldzug gegen die SPD führte und schließlich meinte demokratische Regeln wären für ihn irrelevant, daher trete er nur zur Wahl als Vorsitzender an, wenn es keinen Gegenkandidaten gäbe.
Das Spitzenduo Gesine Lötzsch und Klaus Ernst (15. Mai 2010 bis 2. Juni 2012) bemühte sich dann akribisch darum keinen Fettnapf auszulassen und stolperte von Fehlleistung zu Fehlleistung. 
Ihre Abwahl, bzw Rücktritt löste ein derartiges Gegacker im Hühnerhaufen aus, daß die einzig prominente und kompetente Lösung Wagenknecht scheiterte. Auch weil sie unglücklicherweise mit Lafontaine verpartnert ist, den man sich nicht durch die Hintertür zurückholen wollte. 
Stattdessen gibt es nun autoritätsbefreite Farblose, die ohnehin niemand kennt.
 Katja Kipping und Bernd Riexinger dürften die mit Abstand ineffektivsten Parteichefs Deutschlands sein.
Das ist alles so Schade, da gerade Wagenknecht eine so gute Figur machen kann und in den aktuell so wichtigen finanzpolitischen Fragen große Kompetenz erworben hat.

Es gibt auch in der Bundestagsfraktion Fachpolitiker der Linken, von denen sich Grüne und SPD durchaus mal eine Scheibe abschneiden sollten
Der UN-Biowaffenexperte Jan von Aken ist sogar zu einem meiner Lieblingspolitiker von allen Bundestagsparlamentariern avanciert.
Wenn man die Newsletter aller Bundestagsparteien abonniert, sind die Meldungen von der Linken oft die Bestformulierten und Interessantesten. 
Ich wünschte, die SPD nähme sich bei ihrer Luschen-Öffentlichkeitsarbeit ein Beispiel daran.

3,3 Milliarden für Waffenexport, 137 Millionen für internationale Flüchtlingshilfe

"Während die Bundesregierung Waffenexporte in Krisenregionen mit milliardenschweren Bürgschaften stützt, bleiben für die Flüchtlingshilfe nur Brotkrumen", kommentiert Ulla Jelpke, innenpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE, die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage (BT-Drucksache 17/12311). Ulla Jelpke weiter:

"Mit 137 Millionen Euro hat die Bundesregierung im vergangenen Jahr die Tätigkeit von Flüchtlingshilfsorganisationen wie dem UNHCR oder dem Internationalen Roten Kreuz unterstützt. Sie kamen in Krisengebieten wie dem Südsudan oder der Region um Syrien zum Einsatz. Die Kriege, vor denen die Menschen dort geflohen sind, werden auch mit deutschen Waffen geführt. Diese Waffenexporte werden durch die Bundesrepublik mit Hermes-Bürgschaften gestützt, um die Waffenschmieden vor Zahlungsausfall zu schützen. Die Hermes-Bürgschaften von heute produzieren das Flüchtlingselend von morgen - zu dessen Linderung die Bundesregierung dann mit vergleichsweise kleiner Münze beiträgt. DIE LINKE fordert einen Stopp von Waffenexporten in Krisenregionen der Welt und eine deutlich bessere Unterstützung der internationalen Hilfsorganisationen."
(Pressemitteilung der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag 01.03.2013, Ulla Jelpke)

Kommt jetzt Aigners Eier-Aktionsplan ?

"Der Pferdefleisch-Skandal ist noch in aller Munde, schon stehen die Verbraucherinnen und Verbraucher vor dem nächsten Lebensmittelbetrug. Der bandenmäßige Missbrauch der Eierkennzeichnung zeigt, wie verkommen das auf Dumpingpreisen gegründete Geschäft mit unserem Essen mittlerweile ist. Es läuft grundsätzlich etwas falsch in der Lebensmittelwirtschaft. Wir brauchen einen vollständigen Neustart zwischen Acker und Ladentheke", erklärt Karin Binder, Verbraucherpolitikerin der Fraktion DIE LINKE, zu Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Niedersachsen und anderen Bundesländern gegen hunderte Eierbetriebe. Binder weiter:

"DIE LINKE fordert Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) auf, die Lebensmittelaufsicht mit Verantwortung beim Bund sofort neu aufstellen oder ihren Hut zu nehmen. Wir müssen das Vertrauen der Verbraucherinnen und Verbraucher zurückgewinnen. Mit immer neuen Aktionsplänen und Selbstlob ist dem systematischen Lebensmittelbetrug nicht beizukommen.

Der staatlich geförderte Kuschelkurs mit der Lebensmittelindustrie ist zu beenden. Unternehmen müssen verpflichtet werden, alle Daten der Eigenkontrolle und Qualitätssicherung offen zu legen. Essen ist kein Betriebsgeheimnis."
(Pressemitteilung der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag 25.02.2013, Karin Binder)

Westerwelle ist Netto-Aufrüstungsminister

„Unter Merkel und Westerwelle hat sich Deutschland zu einem der größten Waffenexporteure der Welt entwickelt. Unter dem Strich rüsten sie weltweit auf und keinesfalls ab“, so Jan van Aken, außenpolitischer Sprecher Faktion DIE LINKE, zur Vorstellung des Jahresabrüstungsberichts der Bundesregierung für das Jahr 2012 heute in Berlin. Van Aken weiter:

„Der Bericht ist ein Armutszeugnis. Global gesehen hat die Bundesregierung ein Vielfaches mehr an Waffen in alle Welt geliefert, als sie mit ihren unzulänglichen Abrüstungsbemühungen unschädlich gemacht hat. Sie gibt auch mehr Geld für Aufrüstung als für Abrüstung aus. Im Jahr 2012 hatte sie ganze 40 Millionen Euro für Abrüstungsprojekte übrig, gleichzeitig sicherte sie Rüstungsverkäufe mit Hermes-Krediten in Höhe von rund 3,3 Milliarden Euro ab.

Das ist auch das ganz persönliche Scheitern eines Außenministers, der 2009 gestartet war, um alle Atomwaffen aus der Bundesrepublik abzuziehen. Erreicht hat er auch da bislang nichts.

 Ich finde, Herr Westerwelle sollte sich jedes Mal schämen, wenn er als Aufrüstungsminister das Wort Abrüstung in den Mund nimmt.“
(Pressemitteilung der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag 27.02.2013, Jan van Aken)

Freitag, 1. März 2013

Impudenz des Monats Februar 2013.


Und schon wieder einmal zeigt der Kalender eine „1“ - hohe Zeit für mich den Blödmann des Monats zu küren.

Heute ist die Entscheidung leicht. Angesichts der politisch-journalistischen Gleichschaltung zum Papst-Rücktritt.
Hiermit erkläre ich die Journaille und die Parlamentarier zu Idioten des Monats Februar 2013, weil 95% von ihnen vollkommen versagt haben.
Natürlich erwarte ich keinesfalls, daß jeder so papstkritisch wie ich ist, aber kann man nicht auch von den Papaphilen verlangen wenigstens nicht ganz grob die Unwahrheit zu schreiben?
Es ist unverzeihlich, daß geistig abgeschaltete Parlamentarier wie Frank-Walter Steinmeier pawlowsch sabbernd um das Wort „Respekt“ kreisen, den Ratzinger verdiene.
Bundespräsident Joachim Gauck hat sichtlich bewegt auf die Ankündigung von Papst Benedikt XVI. reagiert, sein Pontifikat am 28. Februar zu beenden. Für die historisch höchst seltene Entscheidung „sind großer Mut und Selbstreflexion nötig. Beides findet meinen außerordentlichen Respekt“, sagte Gauck am Montag in Berlin. […]    Der CDU-Bundesvize Volker Bouffier nennt den angekündigten Rücktritt Papst Benedikts. XVI. eine „historische Entscheidung, die nicht nur katholische Christen zutiefst berührt“. Er habe großen Respekt vor der Lebensleistung des Papstes.
[…] Rainer Brüderle, nahm die Entscheidung von Papst Benedikt XVI. mit Respekt auf. […] Der SPD-Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier hat großen Respekt vor der Rücktrittsentscheidung von Papst Benedikt XVI. geäußert. „Papst Benedikt hat sein Amt in einer durch vielfältige Umbrüche gekennzeichneten Zeit angetreten und seiner Kirche mit seiner großen geistlichen und intellektuellen Autorität Orientierung gegeben und Maßstäbe gesetzt“, sagte Steinmeier.
RESPEKT??????????????????

WOFÜR DENN BITTE???

Für seine antihumanistische Homohetze?
Für seine islamophoben Vorträge?
Für seine Reaktivierung von Holocaustleugnern?
Für seine sofortige Einladung nach seinem Amtsantritt an Pius-Chef Felley ins Castelgandolfo?
Für seine Förderung des faschistoiden Opus Dei?
Für seine Frauenfeindlichkeit?
Für seine Ratschläge in HIV-Hochburgen KEINE Kondome zu benutzen?
Für seine Vertuschung Myriaden-fachen Kindermissbrauchs?
Für seine mafiöse Personalpolitik bei dem IOR?
Für seine achtjährige Dauerverschleierung der Vatikanbankgeschäfte?
Für seine Absage an die Ökumene?
Für seine brutale Sicht auf Geschiedene und Gemischtkonfessionelle?
Für seine Entscheidung gleich mehrere Hundert faschistische Franco-Anhänger selig zu sprechen?
Für seine Fortführung der Pädophilen-anlockenden Priesterseminarstrukturen?
Für seine seit Jahrhunderten nicht mehr gesehene persönliche Prunkentfaltung?
Für seine ultrareaktionäre Personalpolitik, die aus dem Konklave eine Vereinigung von homophoben Rechten gemacht hat?
Für seine bösartige Hetze gegen Atheisten?

 Von den Vollblutreligioten, die eigentlich automatisch anfangen zu lügen, wenn sie über den Papst reden, will ich nur Nervensäge Nahles erwähnen.
SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles sprach von einem „herausragenden Wirken“ Papst Benedikts. „Aus tiefster christlicher Überzeugung heraus setzt er sich für die weltweite Achtung der Menschenrechte ein“, betonte die gläubige Katholikin. „Er suchte die Brücken zwischen Religionen und Weltanschauungen und zwischen säkularer und christlicher Welt.“
Noch mehr als dieser diametral der Wahrheit widersprechende Unsinn, den Nahles von sich gibt, ärgert mich allerdings das denkerisch schlichte Argumentationsmuster der Mainstreamjournalisten, die zwar das Unübersehbare einräumen – nämlich Ratzingers rückwärtsgewandte Politik, die deutsche Katholiken zutiefst enttäuschte, dafür aber reflexhaft die Mär vom Supertheologen Ratzinger aufsagten.
OK, Benedikt habe nicht ganz das menschfischerische Charisma Woytilas, aber dafür sei er eben der „Gelehrte auf dem Papstthron“. Ratzinger, der ungeheuer gebildete Philosoph und Theologe, dem wissenschaftlich niemand das Wasser reichen könne.
Aber auch das ist mutmaßlich nur eine Schutzbehauptung, die ein Journalist ungeprüft vom anderen abschreibt.
Wer hört denn schon so genau hin was Ratzinger sagt? 
Wer liest seine theologischen Schriften?
 Ja sicher, das Jesus-Buch ist immer ganz oben auf der Bestsellerliste, aber das bedeutet noch lange nicht, daß es auch gelesen wird.
Ein Extrembeispiel war sicher Ratzinger Bundestagsrede, die das gesamte Auditorium zu Standing Ovations veranlasste und klar zeigte, daß offensichtlich keiner hingehört und verstanden hatte. 
Wer das tat, fasste sich an den Kopf und konnte die Doofheit der Parlamentarier nicht fassen.
Dr. theol. habil. David Berger, früher Herausgeber der Zeitschrift „Theologisches“ mit einer Professur an der Päpstlichen Akademie des Heiligen Thomas von Aquin, kommentiert die Rede des Papstes im Deutschen Bundestag: „Die Rede Papst Benedikts XVI. im Bundestag hat quer durch fast alle Parteien und Medien sehr schnell großen Zuspruch gefunden. Man zeigte sich erleichtert, dass der Papst nicht durch antisemitische, homophobe oder frauenfeindliche Thesen aufgefallen und ganz im akademisch-ruhigen Ton theoretischer Erwägungen geblieben ist. Auf der Basis dieser Erleichterung blieb eine kritische Sicht auf die vom Papst in den Mittelpunkt gestellte klassische Naturrechtslehre weithin aus oder sie wurde gar völlig falsch als Plädoyer für die ökologische Bewegung interpretiert. Die Rede war alles andere als das. Sie war eine große Apologie für das klassische, vormoderne Naturrecht, das die Basis aller politischen Entscheidungen sein muss – und zwar jenseits aller demokratischen Meinungsfindung. Dabei wurde bewusst mit dem sehr weiten Begriff des Naturrechts gespielt, der – wie der Begriff “Natur” auch – äußerst dehnbar ist. So ist allbekannt, dass etwa das antike Naturrecht, das der Papst hoch leben lässt, die Sklaverei als im Naturrecht verankert sieht. Dass diese mittelalterlich-frühneuzeitliche Naturrechtslehre, die heute kein ernst zu nehmender Wissenschaftler mehr vertritt, für Benedikt die wichtigste Argumentationsbasis in fast allen heiß umstrittenen Fragen ist, hat offensichtlich keiner bemerkt: die Minderbewertung der Frau in der Kirche, die Ächtung der Homosexuellen, die Verteufelung der künstlichen Verhütungsmittel usw. So wird besonders im Bereich der Homosexualität vom Papst und anderen kirchlichen Dokumenten immer wieder deren Widernatürlichkeit unterstrichen. Die Berufung auf das Naturrecht bildet sogar die Basis nicht mehr nur praktizierte Homosexualität, sondern sogar die Veranlagung strikt abzulehnen: Schon die homosexuelle Veranlagung ist für den Papst etwas, was gegen die von Gott ursprünglich gewollte Natur steht (Licht der Welt, 180). Dass diese in staatlichen Zusammenhängen nicht mit der Bibel, sondern mit dem Naturrecht begründet wird, macht die Sache umso gefährlicher. Denn dieses vom Papst postulierte Naturrecht ist nicht demokratischen Abstimmungen anheim gegeben und völlig unabhängig von religiösen Bekenntnissen. Es bindet alle Menschen und Völker aller Zeiten vor jeder demokratischen Abstimmung. Wo ein Staat sich nicht an diese von Benedikt favorisierte Rechtsbasis hält und z.B. gleiche Recht für gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften einführt, wird er zur “Räuberbande” (Benedikt zitiert hier Augustinus). Das Naturrecht bildet die ideologische Basis für den Vatikan, auf der er auf völkerrechtlichen Konferenzen mit Staaten wie Saudi-Arabien und dem Iran eng zusammen arbeitet, um dort einen Abbau von Frauen, Religionskritiker und Homosexuelle diskriminierenden Gesetzen zu verhindern. Wenn man diese Zusammenhänge bedenkt, die sich eindeutig aus dem gesamten Denken Benedikts und den Interventionen des Vatikans in den letzten Jahren in gesellschaftlichen Fragen ergeben, ist man sehr verwundert, wie positiv diese Rede auch von jenen aufgenommen wurde, die seit vielen Jahren eben jene menschenverachtenden Aktionen des “Heiligen Stuhls” hart kritisieren.“[...]
Auffällig ist jedenfalls, daß die wenigen Journalisten und Theologen, die sich tatsächlich mit der Theologie Ratzingers und seinen Schriften als Wissenschaftler beschäftigen zu ganz anderen Urteilen kommen.
Da macht sich dann ganz schnell Ernüchterung über ein unterkomplexes Weltbild mit wissenschaftlich nicht einwandfreien Techniken breit.

Man erinnert sich auch wieder an Ratzingers Kommilitonin Uta Ranke-Heinemann, die ihm klar überlegen war und ihm Nachhilfe in Latein und Griechisch geben mußte.

Neue Gedanken entwickelte Ratzinger aber wohl eher nicht, sondern drehte sich philosophisch im Kreis. 

Ich glaube an Gott. Ich glaube außerdem vernünftig zu sein. Also ist Glauben vernünftig.
Wenn Wissenschaftler zu dem Schluß kommen die Erde könne ohne Zutun von Gott entstanden sein, überschreiten sie ihre Kompetenz und sind unvernünftig, weil sie sonst an Gott glauben müßten. Ein Zirkelschluss ohne Überzeugungskraft.
Auch seine Augsburger Rede zum Islam 2006 war kein intellektueller Wurf, sondern vor allem eine Beleidigung durch die Blume.   Und so faszinierend es war, dass sich ein Papst ohne Anspruch auf Unfehlbarkeit mit theologischen Büchern auf dem Markt zu behaupten wagte, so ernüchternd war meist die Lektüre etwa seines Jesus-Buches: Der Glaube an den Auferstandenen erschloss sich da in einem Zirkelschluss nur dem Glaubenden, nicht dem Glaubensfernen, der Rationalistin. Auch hier: Unnahbarkeit.    Die große Missbrauchskrise der Katholischen Kirche mag Benedikt XVI. persönlich betroffen gemacht und zu relativ scharfen Worten geführt haben – aber er blieb dabei stets ein Mann des Apparates, der in dem Skandal mehr an die Kirche dachte als an ihre Opfer. Mal davon abgesehen, dass er als Chef der Glaubenskongregation viel früher als die meisten von den Missbräuchen wusste. Die Einsicht in die Sprengkraft dieser Krise blieb ihm fern. 
Das Enfant Terrible der WELT-Gruppe, Alain Posener, bemühte ich bereits zum fünfjährigen Papstjubiläum Ratzingers:
Ein weiteres Beispiel sind die just zum fünfjährigen Pontifikatsjubiläum myriadenfach aufgewärmten Lobeshymnen darüber, daß Ratzinger „ein Theologe auf dem Heiligen Stuhl“ sei.
Donnerschlach! Was wir als Nächstes enthüllt? Daß der Papst womöglich auch noch Katholik ist?
Welcher Papst oder Kardinal der letzten hundert Jahre war denn NICHT Theologieprofessor?
Machen üblicherweise habilitierte Mathematiker oder Ägyptologen im Vatikan Karriere?

Letzte Woche bei „West.art am Sonntag“ (Ist die katholische Kirche noch zu retten?) sang Ansgar Wucherpfennig (Jesuit Professor für Exegese des Neuen Testaments an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen) mal wieder dieses Lied.
Der Papst könne sich sogar auf Augenhöhe mit Küng und Habermas unterhalten.
Erstaunlich; ein Papst, der etwas von Kirche versteht!
Daß Ratzinger ein wissenschaftliches Großhirn sei, wird munter weiterverbreitet, ohne daß mal jemand genauer hinsieht.
Alan Posener hat das dann doch mal getan bei seinen Recherchen für das Buch „Benedikts Kreuzzug. Der Angriff des Vatikans auf die moderne Gesellschaft“ (Ullstein 2009, Preis: 18 Euro).
Das Ergebnis war erschreckend.
Ratzinger ist alles anderes als wissenschaftlich korrekt, er fälscht Zitate und presst sich bei seinem großen Thema „Vernunft und Glaube“ Immanuel Kant auch mal so hin, wie es ihm gerade passt.
Offenbar kommt aber kaum einer der bei Papst-Vorträgen andächtig Lauschenden überhaupt auf die Idee mal Zitate nachzuschlagen und auf Korrektheit zu überprüfen.
 Posener schreibt drei Jahre später wieder über den Bayern mit der Tiara.
Der große Gegner Papst Benedikts XVI. war der Rationalismus des Westens. Beim Versuch, diesen zu überwinden, kam es zu erheblichen Absurditäten.

[…] Nicht zufällig wurde er als Professor in Regensburg und als Erzbischof in München zum Förderer einer radikalen katholischen Psychosekte, der "Integrierten Gemeinde", die wüst gegen die "Konkordatskirche" polemisierte und eine Art urchristlichen Fundamentalismus predigte. Die Eiferer der "Integrierten Gemeinde" und anderer "charismatischer" Organisationen wurden auch von Papst Benedikt XVI. protegiert.

[…] [Den westlich-positivistischen Rationalismus] zu überwinden war das Ziel jener "benedittinischen Wende", die seine Anhänger nach der Wahl ihres Mannes zum Papst verkündeten.[…] An Absurditäten hat es beim Versuch, den westlichen Rationalismus zu überwinden, nicht gefehlt. Da wurde der eben erst von Benedikts Vorgänger Johannes Paul II. rehabilitierte Galilei Galileo kritisiert, weil er "die Büchse der Pandora geöffnet" und "Verhängnissen" wie der Atombombe den Weg gebahnt habe. Da wurde der "Evolutionismus" Charles Darwins kritisiert und ausgerechnet der von fundamentalistischen Protestanten entwickelten Pseudotheorie des "Intelligent Design" das Wort geredet.  Da stellte sich der Vatikan im Streit um die Mohammed-Karikaturen auf die Seite beleidigter und randalierender Muslime und forderte zusammen mit sunnitischen Autoritäten ein Verbot der "Verspottung religiöser Symbole". Da wurde mit Vertretern des schiitischen Mullah-Regimes in Teheran eine "gemeinsame theologische Erklärung" verabschiedet, in der behauptet wird, der Glaube könne zwar der Vernunft gar nicht widersprechen, stehe aber im Konfliktfall denn doch "über der Vernunft".

[…] Auch Benedikts Jesus-Bücher, gemeinhin – meistens von Leuten, die sie nicht gelesen haben – als Werke eines Gelehrten betrachtet, der sich zur Erholung in die Studierstube zurückgezogen haben, sind im Gegenteil Kampfschriften. […]   Für den deutschen Papst musste der Besuch in Auschwitz eine theologische und politische Probe Bewährungsprobe darstellen. Benedikt XVI. bestand sie nicht. Politisch stellte er sich als Sohn eines Volkes vor, "über das eine Schar von Verbrechern … Macht gewonnen hatte, so dass unser Volk zum Instrument ihrer Wut des Zerstörens und des Herrschens gebraucht und missbraucht werden konnte".

Dass diese "Schar" 1933 die stärkste politische Kraft in Deutschland war; dass ihr von den herrschenden Klassen die Macht in die Hände gelegt wurde; dass auch die katholische Zentrumspartei für das Ermächtigungsgesetz stimmte, das Hitler die diktatorische Gewalt übertrug: Dazu sagte Joseph Ratzinger kein einziges Wort.

Soweit Benedikts politisches Versagen in Auschwitz. Sein theologisches Versagen war gravierender. Verstieg sich doch der Papst zur Anklage gegen Gott: "Warum hast du geschwiegen?" Als ob es nicht laut und vernehmlich von Sinai hinab hieß und heißt: Du sollst nicht morden! Gott schwieg nicht; anders als Papst Pius XII. Weil er aber Pius schützen wollte, klagte Benedikt Gott an.
Der beste Artikel zu Ratzingers mehr als fragwürdiger Philosophie und seiner Angst vor den Naturwissenschaften stammt von Markus C. Schulte von Drach und ist glücklicherweise online.

Ich empfehle seinen Text dringend zur Lektüre und zitiere deswegen wenige Sätze.
[…] Auf der Grundlage seiner Glaubensgewissheit fühlte sich Ratzinger als Benedikt XVI. sogar frei, weitere Behauptungen aufzustellen: "Nicht die Elemente des Kosmos, die Gesetze der Materie und der Evolution herrschen letztlich über die Welt und den Menschen, sondern ein persönlicher Gott herrscht über das All; nicht die Gesetze der Materie und der Evolution sind die letzte Instanz, sondern Wille, Verstand, Liebe - eine Person. Und wenn wir diese Person kennen, sie uns kennt", erklärte der Papst in seiner Enzyklika Spe salvi 2007, "dann ist wirklich die unerbittliche Macht der materiellen Ordnungen nicht mehr das Letzte, dann sind wir nicht Sklaven des Alls und seiner Gesetze, dann sind wir frei."

[…]  Einen weiteren Hinweis auf die Existenz Gottes, der nicht mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zusammenpasst, betonte Benedikt XVI. im September 2011 bei seiner Rede im deutschen Bundestag: Auch die moralischen und ethischen Normen gingen ihm zufolge auf den Schöpfergott zurück. Hinweise auf Gottes Einfluss, so erklärte Benedikt XVI., hatte schon Paulus erkannt. Denn, so schrieb der Apostel, auch Heiden, die das jüdische Gesetz nicht kannten, taten manchmal von Natur aus, was im Gesetz gefordert ist. Nach Paulus zeigten sie so, dass ihnen die Forderung des Gesetzes von Gott ins Herz geschrieben ist.

Nun kommen Naturwissenschaftlicher, die das Sozialverhalten des Menschen untersuchen, ebenfalls zu dem Schluss, dass Verhaltensweisen, die über verschiedene Kulturkreise hinweg zu beobachten sind, mit der menschlichen Natur selbst zu tun haben dürften. Diese allerdings gilt ihnen als Produkt der Evolution, als Folge einer Reihe von Anpassungen an die Umwelt inklusive des sozialen Umfelds. Auch Verhaltensweisen, die "moralische" Fragen betreffen, gehören offenbar dazu.

Dieses "positivistische Verständnis" von Vernunft lehnt Ratzinger jedoch grundsätzlich ab. […]  "Die Natur könnte folglich Normen nur enthalten, wenn ein Wille diese Normen in sie hineingelegt hat. Dies wiederum würde einen Schöpfergott voraussetzen, dessen Wille in die Natur miteingegangen ist."  Und von hier war es für den Papst naheliegend, eine Lobrede auf das von Gott kommende Naturrecht zu halten. Dem Naturrecht im Sinne des Vatikans zufolge entstammen allerdings auch Normen wie jene, dass homosexuelle Handlungen als Verstoß gegen das 'natürliche Sittengesetz' - also als widernatürlich - abgelehnt werden.
Ein Lob auf Berger, Posener, Torck und Markus C. Schulte von Drach. 
Aber sie waren die ganz großen Ausnahmen. 
95% der Journaille hielten es nicht für notwendig das Gehirn anzuschalten und brachen in infantile Lobeshymnen aus.