Mittwoch, 8. September 2021

Zahlenspiele zur Bundestagswahl.

Irgendjemand wird seinen Kopf dafür hinhalten müssen, wenn es so kommen sollte, wie es inzwischen sämtliche Umfrageinstitute prognostizieren:

Am 26.09.2021 werden CDU und CDU einen historischen Absturz erleben, mehr als zehn Prozentpunkte des ohnehin schon schlechten Ergebnisses von 2017 abgeben.  Zum Verständnis: Wenn die CDU von 32,9% (2017) auf beispielsweise 21% herniederkrachte, also um gute zehn Prozentpunkte, wäre das ein Verlust von 36% des vorherigen Ergebnisses.

Schockierende Zahlen für Markus Söder kommen aus Bayern.  Nur noch 29% der Bayern wollen nach einer Erhebung des CSU-Hausinstituts GMS die Söder-Partei wählen.


Damit wird die CSU das erste Mal in der Geschichte der Bundesrepublik unter die 5%-Hürde rutschen und nur durch die Sonderregelung über gewonnenen Direktmandate im Bundestag vertreten sein – so wie einst die PDS nach 1990.  Im tiefschwarzen Bayern werden Rote und Grüne zusammen die CSU überholen. Tiefe Trauer und Resignation legt sich über die FJS-Nachfolge-Organisation.

[….] In der CSU gibt es ja praktisch niemanden, der die neuesten Umfragewerte nicht in erster Linie am Kanzlerkandidaten der Union festmacht. "Die Umfragen sagen deutlich: Laschet ist nicht der richtige Kandidat", findet etwa Elisabeth Koch, die Garmisch-Partenkirchener Bürgermeisterin. "Mir blutet mein schwarzes Herz", sagt Koch über die 29 Prozent, ein "fundamentaler Abwärtstrend". Dieser Trend, sagt Uwe Brandl, CSU-Bürgermeister in Abensberg, "war absehbar, schon seit einem halben Jahr".  Aus Brandls Sicht gibt es noch mehr Gründe für den Trend, die nicht unmittelbar mit der CSU zu tun haben. [….] Das Hauptproblem im Wahlkampf sieht aber auch er in der "Schwäche des Spitzenkandidaten", der die CSU mit nach unten ziehe. Für die Bundestagswahl gehe es jetzt vor allem um eines: "Augen zu und durch, es hilft ja nichts." [….]

(SZ, 08.09.2021)

Ich bin sicher, in Zukunft werden noch einige Bachelor-Arbeiten über die sagenhafte Pleiten-, Pech- und Pannenserie des Armin Laschet geschrieben.

Einen der schönsten Analyse-Artikel liefert Sascha Lobo.

Viel Hoffnung auf eine Trendwende bleibt der CDUCSU nicht, weil anders als bei früheren Wahlen, zweieinhalb Wochen vor der Wahl eben doch schon sehr viel entschieden ist. Corona-bedingt werden mutmaßlich mehr als die Hälfte der Wähler per Briefwahl abstimmen und die läuft bereits. Viele haben also schon gewählt; knapp 80% haben ihre Entscheidung bereits getroffen. Das Unions-Kind Armin liegt schon im Brunnen. Wegen der peinlichen Schacherei der CDUCSU gab es keine taugliche Wahlrechtsreform. Der Bundestag könnte auf eine gewaltige Zahl von 800 bis 1000 Abgeordneten aufgebläht werden; daher werden nicht so viele C-Männer auf den Listen enttäuscht werden, wie es eigentlich bei einem Verlust eines Drittels der Stimmen sein müsste.

Ihnen wird aber bald der Machtverlust aufgrund der neuen Stimmenverhältnisse bewußt werden, wenn nämlich viel mehr Grüne und viel mehr Sozis im Plenum sitzen. Sie werden sich fragen, wie es eigentlich dazu kommen konnte, nachdem die SPD vier Jahre lang nur halb so stark wie die CDUCSU war und alles andere als ein CDU-Nachfolger in Merkels Kanzleramt gar nicht gedacht wurde.

Ein kleiner Trost mag es ihnen sein, daß auch die Journalisten so kolossal und kollektiv irrten. Bei allen hatte sich das Narrativ von der ohnehin verlierenden SPD so eingeschliffen, daß sie anderslautende Aussagen einfach auslachten.

 […..] Die SPD, eben noch wie eingemauert bei 14 Prozent, steht nun bei 25 Prozent und wie es aussieht, kann es noch weiter nach oben gehen. Die Frage stellt sich: Warum hat das niemand kommen sehen? Warum haben vor allem die professionellen Beobachter der Politik, die Journalisten, mit ihren Erwartungen so danebengelegen? [….] Vielleicht, weil der Wunsch der Vater des Gedankens war? [….] Es geht gar nicht so sehr um frisierte Lebensläufe oder ein Lachen im falschen Moment. Also nicht um die Schwäche der Kandidaten von CDU und Grünen, die gemeinhin als Hauptgrund für die derzeitige Stärke der SPD genannt wird. Stattdessen könnte es tatsächlich um das Programmatische gehen, auch um Erfahrung und Kompetenz. [….] War diese naheliegende Erklärung vielen Kommentatoren deshalb zu langweilig, weil ihnen Scholz und seine Partei zu langweilig waren? Zu spießig, irgendwie 20. oder gleich 19. Jahrhundert? Im Hype um die für möglich gehaltene erste grüne Kanzlerschaft reichten meist ein paar spöttische Nebenbemerkungen, dann hatte sich das Thema SPD erledigt.  [….]

(Matthias Naß, ZEIT, 08.09.2021)

Natürlich, Jamaika mit einem Bundeskanzler Laschet ist immer noch eine realistische Option, aber es wird den Grünen immer schwerer fallen, ihrer Basis zu erklären, wieso sie ausgerechnet den Mann, der so offensichtlich nicht von den Wählern gewünscht wird, zum Kanzler machen.

Da müßte erst ein anderer Unions-Kai aus der Kiste springen – Röttgen oder Söder – während sich Laschet freiwillig in sein Schwert stürzt. Die CDU müsste den Grünen enorme Zugeständnisse machen und das wäre wiederum problematisch für die FDP.

Daher halte ich Ampel oder RRG für wahrscheinlicher. Es sei denn, die SPD zieht noch so stark an, daß es für RotGrün reicht. Die stramm konservativen Allensbacher messen heute schon 27% für die SPD.   In dem Fall müssten sich CDU und CSU mit ihrer totalen Entmachtung und Demütigung beschäftigen. Ich halte es für wahrscheinlich, daß Laschet als Sündenbock auserkoren wird und sich zu seinem großen Bedauern wie Andrea Nahles ganz aus der Politik verabschieden muss. 

Wer dann der starke Mann der Union wird, ist schwer vorherzusagen.

Sicher, der Kanzlerkandidatenwunschmann ist Markus Söder. Aber warum eigentlich? Er hat durch seine Gegenkandidatur den Laschet-Kanzlerambitionen schwer geschadet, weil sich durch das Begehren des CSU-Chefs alle Unions-Wahlkämpfer anhören müssen, ihre Parteien glaubten noch nicht mal selbst an Laschet.

Zudem ist Söder notorisch illoyal und eitel, schafft es nie, ein Interview zu geben, in dem er nicht gegen die große Unionsschwester stichelt und durchscheinen lässt, für wie viel besser er sich selbst hält.

Der CSU-Chef trug also erheblich zum mutmaßlichen Total-Machtverlust bei.

In CDU und CSU wird man sich außerdem erinnern, daß unter Söders Ägide die CSU nicht nur mit vermutlich um die 29% das schlechteste Bundestagswahlergebnis aller Zeiten holte, sondern auch am 14.10.2018 mit Markus Söder als Ministerpräsident mit 37% das schlechteste CSU-Ergebnis bei einer Landtagswahl holte.

Söder wird chronisch überschätzt und das könnte nach dem 26.09. auch den Unions-Mitgliedern klar werden.


 […..] Woher nimmt Markus Söder nur die Chuzpe, sich als Retter der Nation aufzuspielen, der von imaginierten Mehrheiten landauf, landab herbeigesehnt wird? Und, viel interessanter noch: Warum um alles in der Welt kommt er damit durch?   Weil kaum jemand ein Interesse hat, darauf hinzuweisen, dass der Kaiser nackt ist – und weil die wenigen, die das sehr gern täten, es nicht tun können. Armin Laschet zum Beispiel.  [….]

(Bettina Gaus, 02.09.2021)

Wer aber könnte dann die Unionssuppe auslöffeln?

Merz scheidet aus, weil er zu alt ist und zudem so zuverlässig jede Wahl verliert, daß mit ihm kein Neuanfang möglich ist.

Auch Spahn ist inzwischen politisch viel zu angeschlagen, hat sich viel zu viele Fehler als Gesundheitsminister geleistet.

Aber 2000 könnte sich wiederholen: Die Union in einer so üblen Lage, daß keiner der Granden Parteichef werden will und man daher eine Übergangslösung wie Merkel einsetzt, von der jeder annahm, sie wäre nur kurz als Punchingball in der Konsolidierungsphase da, um bald von dem richtigen CDU-Chef ersetzt zu werden.

Dienstag, 7. September 2021

Ernährungsfanatismus

Gerade esse ich Blumenkohl-Roquefort-Salat nach Art meiner Amerikanischen Oma. Roquefort-Käse mit einer Gabel kleinkrümeln, Quark und Joghurt dazu, Zucker, schwarzer Pfeffer, grob verrühren und einen rohen Blumenkohl reinschneiden. Eine geniale Kombination. Jeder, der einmal Blumenkohl roh gegessen hat, wird ihn nie wieder kochen. Als Hamburger achte ich darauf, einen Blumenkohl aus dem Alten Land zu kaufen. Das ist die regionale und damit nicht nur besonders Ressourcen schonende, sondern auch die feldfrische und damit wohlschmeckendste Variante.  Das gibt eine üppige, gesunde Mahlzeit, die nur zwei Minuten Zubereitungszeit kostet. Käse gut!

Ich kaufe gern vegange Produkte, gehe zu einer veganen Friseurin, aber ohne diese Kuhmilchprodukte möchte ich nicht leben.

Für mich persönlich ist es inakzeptabel Tiere unter zumeist elenden Bedingungen zu züchten, um sie möglichst schnell zu töten und anschließend das Aas zu fressen.

Ich gehe aber nicht so weit, wie Veganer, die Milchviehwirtschaft, generell zu verdammen. Den Turbo-Kuh-Massenbetrieb à la Klöckner, in dem die Wiederkäuer mit Fischmehl-Abfällen und Pharma-Cocktails gemästet werden, lehne ich selbstverständlich ab.

Aber ich denke schon, daß Bio-Bauern Kühe so halten können, daß diese sich auch wohlfühlen. Auch eine sehr glückliche Kuh, die frei auf saftigen Wiesen umherstreifen konnte, Massagestände mit rotierenden Bürsten aufsuchen konnte und nach ihren eigenen Bedürfnissen Melkstationen aufsuchte, wird aber irgendwann eines natürlichen Todes sterben.

Ihren Körper aus Pietät zu vergraben, halte ich allerdings für aberwitzige Ressourcenverschwendung. Im Gegensatz zu Veganern halte ich es für akzeptabel, ihr Fleisch dann zu essen und die Haut zu Schuhen zu verarbeiten. Ich selbst würde zwar kein Rindersteak verspeisen, aber verbieten sollte man es nicht.

Als großer Vogelliebhaber denke ich auch, daß Enten oder Hühner, die sich frei im Garten bewegen und liebevoll behandelt werden, so „glücklich“ leben, daß es durchaus ethisch ist, ihre Eier zu essen und sie auch selbst zu verspeisen, wenn sie eines natürlichen Todes sterben. Zufälligerweise ekele ich mich vor Eiern und kann sie daher gar nicht essen. Aber wenn ich im Lotto gewinne, mir ein großes Haus mit riesigem Garten anschaffe, würden da auch ein paar Hühner und Enten leben, deren Eier ich wie Fynn Kliemann verschenken würde.

Im so gern in den sozialen Medien inszenierten Konflikt zwischen den angeblich verbissenen und freudlosen Veganern mit den inkonsequenten Vegetariern, ergreife ich gern Partei für Vaganer, weil sie meines Erachtens geradezu aberwitzig mit Häme überzogen werden. Man sollten ihr Engagement für den Tierschutz viel mehr würdigen.

Ich selbst bin aber nicht so konsequent, esse gern Käse und Joghurt. Außerdem erspare ich mir damit die Mühe auf mögliche Mangelernährung achten zu müssen, da ich ohnehin genügend Proteine und Calcium zu mir nehme.

Natürlich behalte ich mein Leder-Portemonnaie und trage meinen Ledergürtel. Wenn ich aber die Auswahl habe, greife ich zum veganen Produkt, um die tierquälerische Massenhaltung nicht zu fördern. Vegane Sorbas-Schuhe aus Berlin mit Kautschuk-Sohle sind sagenhaft bequem; da kann ich mir auch mal ein paar Lederschuhe sparen.

Es darf aber nie in Fanatismus ausarten. Wer Kuhmilch ablehnt, muss sie nicht trinken. Wer tatsächlich keine Lactose verträgt, kann auf Mandel- oder Hafermilch ausweichen.

Der Massentrend Mandelmilch schadet aber unserer Umwelt eher, als er hilft, weil Mandeln leider hauptsächlich da angebaut werden, wo es viel zu trocken für sie ist. 80% der Mandeln des Weltmarktes stammen aus  Kalifornien.

Zur Produktion von 1 kg Mandeln werden etwa 16.000 Liter Wasser benötigt. Der gewaltige Bundesstaat im Westen der USA muss die Mandelplantagen derartig bewässern, daß der halbe Kontinent ausgetrocknet ist und nun quasi kontinuierlich brennt, weil das Grundwasser Kaliforniens für die Mandelbäume verplempert wird.

Eine aktuelle WWF-Studie sieht daher in Vegetariern und insbesondere Veganern größere Klimasünder, als in Flexitariern.

[….] Besonders viel Wasser benötigen etwa Zitrusfrüchte und Mandeln. Zitronen, Orangen und Mandarinen brauchen pro Person im Jahr etwa 6,9 Kubikmeter Wasser, was 58 Badewannen entspricht. Bei Mandeln sind es rund 2,5 Kubikmeter pro Person jährlich – also 20 Badewannen. [….]

(20Min.ch, 06.09.2021)

Man kann Mandeln so erzeugen, daß die Herstellung eines Liters Mandelmilch „nur“ 80 Liter Wasser verbraucht, statt der 120 Liter Wasser, die für einen Liter Kuhmilch verbraucht werden.

[….] Dass die vegane und vegetarische Ernährung einen höheren Wasserverbrauch verursacht, liegt laut WWF daran, dass der Grossteil der pflanzlichen Nahrungsmittel aus wasserarmen Regionen stammt. Tierische Lebensmittel brauchen mehr Wasser, werden aber in Regionen mit genug Wasser erzeugt. Futtermittel für Nutztiere müssen also anders als Gemüse und Obst nicht künstlich bewässert werden. So stammen 80 Prozent der weltweit verkauften Mandeln aus Kalifornien. Um ein Kilo Mandeln zu erzeugen, braucht es dort 2028 Liter Wasser. Nach Europa kommen Mandeln fast ausschliesslich aus Kalifornien und Spanien. Beide Regionen leiden unter Wasserknappheit.. [….]

(20Min.ch, 06.09.2021)

Aber da die Mandeln in den falschen Gegenden angebaut werden, steigt der Wasserverbrauch um ein Vielfaches.

Zudem werden die Mandeln dann 9.500 km Luftlinie nach Deutschland geflogen, statt, so daß ich beim Einkauf eines Liters Mandelmilch eine gewaltige Menge Kerosin in der Atmosphäre verbrenne, während es Milchvieh auch in Hamburg gibt. Und wir fliegen jedes Jahr über 100.000 Tonnen Mandeln nach Deutschland ein.

[…..] Im Jahr 2019 wurden insgesamt 102.500 t nach Deutschland importiert, 37 % mehr als noch vor zehn Jahren. Die in Deutschland konsumierten Mandeln stammen fast ausschließlich aus Kalifornien und Spanien. Beide Regionen sind von Wasserknappheit betroffen. Umso schwerer wiegt es,  dass die Mandel als eine bewässerungsintensive Anbaukultur gilt. In Kalifornien entfällt auf die Bewässerung der überwiegende Anteil des benötigten Wassers. Dem hohen Bewässerungsbedarf stehen schrumpfende Wasservorräte in Kalifornien gegenüber. Auch die vielfach angewandte  Präzisionsbewässerung hat die Situation noch nicht entschärft, unter anderem wegen der weiteren Expansion von Anbauflächen. Dies zeigt, dass eine  Optimierung der Bewässerungssysteme nicht die alleinige Antwort auf die sich verknappenden Wasserressourcen sein kann. Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass der Wasserverbrauch von Mandeln aus Kalifornien wesentlich höher ist als jener aus Spanien. Liegt der Wasserverbrauch zur Bewässerung bei der Erzeugung von Mandeln in Spanien bei 1.000 l pro kg, fällt er mit 2.038 l pro kg in Kalifornien doppelt so hoch aus. Dies ist auf die unterschiedlichen klimatischen Bedingungen  zurückzuführen. Im Unterschied zu Kalifornien findet der Mandelanbau in Spanien in einem dafür geeigneteren Klima statt – mit einem im Vergleich zu Kalifornien feuchteren Klima und höheren Niederschlägen.  [….]  

(WWF-Studie, s.31)

Das sind wahrlich keine Erkenntnisse, die mich erfreuen. Zumal ich selbst besonders gern Mandeln esse und gegen viele andere Nüsse allergisch bin.

Aber deswegen kann ich die Tatsachen nicht ignorieren, werde also weiterhin zur Kuhmilch greifen und darauf achten, nach Möglichkeit wenigstens keine kalifornischen Mandeln zu kaufen. Außerdem gilt es regionale Erzeuger zu unterstützen. Lieber deutsches als südamerikanisches Obst zu essen.

[…..] Tatsächlich wächst vieles, was in Deutschland gern gegessen wird, auf Äckern und in Plantagen rund um den Globus, oft muss dort zusätzlich bewässert werden. Die Einfuhrquote bei Obst liegt der WWF-Studie zufolge bei 80 Prozent, bei Gemüse sind es 63 Prozent. "Fast nicht vorhanden ist der heimische Anbau von Nüssen. Obwohl etwa Haselnüsse in Deutschland heimisch sind, stammen 98 Prozent derzeit aus dem Ausland", sagt Tanja Dräger, Mitautorin der Studie. Das gelte auch für viele andere Obst- und Gemüsesorten. Erbsen und Bohnen, die im heimischen Klima ebenfalls gut gedeihen, kommen zu 80 Prozent aus dem Ausland. Beim Lieblingsgemüse der Deutschen, der Tomate, liegt der Selbstversorgergrad bei nur vier Prozent. Zu den in größeren Mengen importierten Sorten mit besonders hohem Bewässerungsbedarf zählen laut Studie unter anderem Zitrusfrüchte, Avocados, Reis, Bananen oder Walnüsse. […..]

(Silvia Liebrich, 02.09.2021)

Montag, 6. September 2021

Streisand – Teil II

Raphael Brinkert ist einer dieser urbanen neuen CDU Fans, der die unprätentiöse Merkel-Art mochte, sogar in die CDU eintrat, um seine Kanzlerin zu unterstützen.

Die konservativen Werteunion-Haudraufs, die Ploß‘, Merze, Bosbachs und ostdeutschen AfD-affinen CDU-Landespolitiker, die ständig den Ausverkauf der rechten Themen beklagten, schreckten ihn allerdings ab.

Als Anfang 2020 die CDU in Thüringen gemeinsam mit der AfD einen Ministerpräsidenten wählte, die sachsen-anhaltinische Landtagsfraktion ein Papier lancierte, in dem die „Versöhnung des Nationalen mit dem Sozialen“ gefordert wurde und die CDU in Magdeburg mit der AfD zusammen populisierte, um den Rundfunkstaatsvertrag zu kippen, hatte „Rapha“ Brinkert endgültig genug. Er trat aus der Partei aus. Mit der Otte-Maaßen-CDU wollte er nichts zu tun haben.

Der Austritt eines CDU-Mitglieds ist für das Konrad-Adenauer-Haus normalerweise zu verkraften.

In diesem Fall sollte sich der Schritt aber als fatal herausstellen, denn Brinkert hatte mit seiner Agentur 2017 und 2019 Werbung für die CDU gemacht, orientierte sich nun um; wirbt mit BRINKERTlück seit 2020 für Olaf Scholz.

Er hatte sich selbst aktiv um den Auftrag der SPD-Bundestagswahlkampagne beworben, als Olaf Scholz und er selbst die einzigen beiden Menschen der Erde waren, die glaubten, erst im August 2021 werde den Wählern schlagartig bewußt, daß Merkel gar nicht mehr antrete und dann käme der große Aufschwung der SPD.

Zum großen Unglück der CDU ist Brinkert ein sehr intelligenter Werber. Der eigentlich auf Sportler spezialisierte Scholzmacher erfindet eingängige Slogans und verpasste den Sozis eine sehr auffällige und wiederkennbare Optik, die um Welten professioneller als die CDU- oder Grünen-Kampagne daher kommt.

Ohrenkrebserregende Peinlichkeiten wie das Kein-Schöner-Land-Debakel des Baerbock-Teams unterlaufen ihm nicht.

Simpel und effektiv sind die Brinkertschen SPD-Kürzel „Scholz Packt Das an“ oder #SozialePolitikfürDich!

Die SPD hat die mit Abstand beste Kampagne, loben Werbe-Profis.

Als echter PR-Profi weiß der SPD-Werber um die Unterschiede zwischen einer Wahlkampagne für eine Volksbank oder den DFB und einer politischen Partei.   Letztere schafft es, wenn sie gut gemacht ist, zuverlässig in die Top-Nachrichten und wird bei HEUTE, TAGESSCHAU oder FAZ kostenlos multipliziert.

Eine effektive Brinkert-Methode ist es, auf die zuverlässig von der Union gelieferten Dümmlichkeiten zu setzen.

So empört sich Armin Laschet voller Emphase, daß die SPD ihre Linken – Kühnert und Esken – vor dem Wähler verstecke. Die SPD-Kampagne schneidet dies flugs mit den vielen Talkshow-Auftritten der Gescholtenen zusammen und verkündet ironisch „wir brauchen bessere Verstecke!

Scholz und Esken, die seit zwei Jahren eng und vertrauensvoll mit Angela Merkel zusammenarbeitet als kommunistische Wählerschrecks darzustellen, wird von SPD-Politikern effektiv gekontert.

Eiskalt setzte Brinkert auf den Streisand-Effekt beim inzwischen berühmten Matrioschka-Werbeclip der SPD.

(….) Als Barbra Streisand unbeabsichtigt 2003 den nach ihr benannten Effekt inventete, war möglicherweise wirklich noch nicht jedem digital immigrant klar wie der Schwarm des Internets funktioniert.

Mrs. Streisand hatte damals die die Website Pictopia.com verklagt, weil diese zwischen 12.000 anderen Bildern auch ihr Haus veröffentlicht hatte.

Nicht jeder Mensch klickt täglich auf Pictopia und selbst von denen, die es tun, macht sich kaum einer die Mühe nachzuvollziehen, wer die Besitzer der einzelnen Häuser sind.   Nachdem Streisand aber eine 50-Millionen-Dollar-Klage darüber angestrengt hatte, machte der Fall Schlagzeilen, so daß das inkriminierte Bild rasend schnell im Netz verbreitete und nun wirklich jeder wußte in welchem Haus die Kult-Sängerin und demokratische Aktivistin wohnte.  Sie erreichte also das diametrale Gegenteil dessen, was sie wollte.

Die Diva lernte daraus und tat es nie wieder. (….)

(Streisand extrem, 28.03.2019)

Es ist schwer und vor allem teuer einen politischen Werbespot einer breiten, potentiell desinteressierten Öffentlichkeit bekannt zu machen.

Es sei denn, man setzt auf die überwältigende Doofheit mächtiger Gegenspieler, wie Bischöfin Käßmann oder Papst Ratzinger.

(…..)  (…..) Erinnert sich noch jemand an die Madonnas World-Tour „Confessions“ von 2006, als sie ein Lied wie Jesus ans Kreuz geschlagen sang und runde 200 Millionen Euro durch den Ticketverkauf einnahm?
Eine Eintrittskarte kostete durchschnittlich 200 Euro, so daß auch echte Fans gut umworben sein wollten, um so tief in die Tasche zu greifen.
   Madonna ist aber ein Marketing-Genie und konnte sich auf ihre treuen Helfer auf den Kirchenkanzeln verlassen.  Die dümmste Bischöfin der Welt, Margot Käßmann, sprang bereitwillig ein, um Madonnas Kartenverkauf anzuheizen.

Käßmann kann aber auch richtig dumm - wie sie in der causa „Madonna“ bewies, als sie sich wie Hein Doof in der Marketing-Maschine der Groß-Sängerin verhedderte:
Während der vorletzten Madonna-Europa-Tournee konnte die Bischöfin kein Mikrofon auslassen und musste permanent ihren Senf zur Show abgeben.
Das ist an sich schon lächerlich und offenbart nur ihren Neid auf die ungleich erfolgreichere Kollegin, aber vor allen geht sie damit dem ältesten Madonna-Trick überhaupt auf dem Leim: Madonna hat immer Grenzen überschritten und genau so viel provoziert, bis die religiösen Eiferer zum Boykott aufriefen und damit den CD-Verkauf anheizten.
Nur Frau Käßmann hat es nach einem Vierteljahrhundert immer noch nicht begriffen.

Ich zitiere:
„Mich empört ihre (Madonnas, Red) anmaßende Selbstinszenierung, sich an die Stelle Jesu zu setzen. Das Kreuz ist für alle Christen das zentrale Symbol für das Leiden und Sterben Jesu. ... Es ging ihr um eine spektakuläre Bühnenshow, mit der sie 200 Millionen Dollar verdient hat, wie es heißt. ... Die arme Madonna! Sie sagt doch, sie sei tief religiös! Ich denke, Madonna hat das alles wenig interessiert. ...“

 (Plappermäulchen 27.12.2009) (….)

(Doof und dreist, 03.08.2015)

Den gewaltigsten Streisand-Effekt löste vermutlich Papst Ratzinger aus, als er gegen die Titanic vorging, um ein satirisches Bild von ihm zu unterdrücken.   Er persönlich, das Staatsoberhaupt, der Stellvertreter Gottes auf Erden, Herr über 1,3 Milliarden Katholiken, Hüter unermesslicher Reichtümer und Chef einer ganzen Armada von Diplomaten und Juristen verklagte eine winzige Dreimann-Redaktion in Frankfurt. Die Nischen-Satiriker konnten ihr Glück nicht fassen, als sie erfuhren Papst Benedikt XVI mache Werbung für sie.

[…..] Des Papstes peinliche Posse um ein Blättchen mit gerade mal 70.000 pro Monat verkaufen Exemplaren verbieten zu lassen, erbrachte das, was jeder Menschen mit mehr als drei Gehirnzellen sich schon vorher vorstellen konnte: Einen gigantischen PR-Boost für die Kleinstredaktion und eine Verdoppelung der Auflage auf über 140.000 Hefte.  Gratulation Ratzi - Du hast es geschafft das Bild, das Du mit aller Macht aus der Öffentlichkeit verweisen wolltest, richtig populär zu machen.   Dank des dummerhaften Eingreifens des Vatikans kennt nun jeder das Pipi-Bild und lacht über Dich.

(Ich sage ja schon lange: Danke Darwin für diesen Papst! Möge Ratzi über 100 Jahre alt werden! Er ist der beste Helfer der atheistischen Sache.  Der Vatikan hat hier wieder einmal vorgeführt, wie man es NICHT macht. Sich als tumber Goliath über Schwächere hermachen! [….]

(Schick ist schick, 02.09.2012)

Selbstverständlich brachte die Titanic nach dem grandiosen Erfolg im folgenden Monat noch ein derberes Papst-Bild auf den Titel. (….)

(Streisand extrem, 28.03.2019)

Paul Ziemiak und Armin Laschet stolperten auch 2021, nachdem mindestens 18 Jahre lang die kontraproduktiven Interneteffekte des Verbieten-wollens bekannt sind, tumb und hilflos in die Brinkert-Falle, als er das Anti-Laschet-Video lancierte, das den CDU-Kandidaten als Hohlkörper verunglimpfte, in dem in Wahrheit Maaßen und der homophobe Hardcore-katholische Opus-Dei-Mann Liminiski steckten.

CDU-General Ziemiak machte sich nicht allein daran, das SPD-Video erst richtig populär zu machen. Auch die deutsche Bischofskonferenz, die konservative Springer-Presse und der sehr fromme Grüne Religiot Konstantin von Notz empörten sich öffentlich über die SPD.

Einen größeren Gefallen hätten die Konservativen und Grünen der SPD gar nicht tun können.

Olaf Scholz konnte generös erklären, das Video nicht mehr zu verwenden und wird anschließend herzlich mit seinem „Rapha“ über die kostenlose Wahlkampfhilfe der Schwarzgrünen gelacht haben.

Die SPD musste kein Geld mehr für die Platzierung des Videos ausgeben, weil die Angegriffenen selbst für die rasende Verbreitung sorgten.

Die SPD 2021 ist eindeutig smarter als Grün und Schwarz.

Sonntag, 5. September 2021

Wahlen haben Konsequenzen.

Wenn ich eins nicht leiden kann, dann ist das die Masse der indolenten und phlegmatischen Politikfernen, die sich vier Jahre lang nicht für die Vorgänge in Parlament und Regierung interessieren, noch nicht einmal die Minister den richtigen Parteien zuordnen können und dann kurz vor Wahltag debil grinsend bei Straßenumfragen in die Kamera plappern, sie könnten sich nicht entscheiden, weil ihnen beide (oder im Falle 2021 alle drei) Kandidaten nicht gefielen.

Ein Blick ins Grundgesetz verrät:

Artikel 21

(1) Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit. Ihre Gründung ist frei. Ihre innere Ordnung muß demokratischen Grundsätzen entsprechen. Sie müssen über die Herkunft und Verwendung ihrer Mittel sowie über ihr Vermögen öffentlich Rechenschaft geben.

Natürlich kann jeder Bürger Einfluß nehmen, indem er mit anderen diskutiert, Leserbriefe schreibt, zu Demonstrationen geht, Petitionen einreicht, sich bei Bürgerinitiativen engagiert und dergleichen mehr.

Aber letztendlich muss eine parlamentarische Mehrheit gefunden werden und das funktioniert nur, wenn Parteien überzeugt wurden.

Daher empfiehlt es sich als Mitglied eine Partei ganz direkt zu beeinflussen.

[….] Parteien wirken bei der politischen Willensbildung mit, indem sie

    die unterschiedlichen politischen Vorstellungen und Interessen in der Gesellschaft artikulieren, sie zu politischen Konzepten und Programmen bündeln und Lösungen für politische Probleme suchen,

    in der Öffentlichkeit für ihre Vorstellungen werben und die öffentliche Meinung und die politischen Ansichten der einzelnen Bürger beeinflussen,

    den Bürgerinnen und Bürgern Gelegenheit bieten, sich aktiv politisch zu betätigen und Erfahrungen zu sammeln, um politische Verantwortung übernehmen zu können,

    die Kandidaten für die Volksvertretungen in Bund, Ländern und Gemeinden und das Führungspersonal für politische Ämter stellen,

    als Regierungsparteien die politische Führung unterstützen,

    als Oppositionsparteien die Regierung kontrollieren, kritisieren und politische Alternativen entwickeln. [….]

(BPB, 15.12.2009)

Das demokratische politische Spektrum der Bundestagsparteien vom radikal pazifistischen Flügel der Linkspartei bis zum Werteunion-Flügel der CDU ist extrem weit. Wer sich darin nicht wiederfindet, kann unter Dutzenden weiteren zur Wahl zugelassenen Parteien auswählen

Dabei gilt es aber zu bedenken, daß der politische Einfluss der parlamentarischen Opposition bereits sehr gering ist. Die außerparlamentarische Opposition aber, ist nahezu wirkungslos.

Ich mag zum Beispiel das streng säkulare Programm der Partei „Die Humanisten“. Da sie aber keine Chance haben, die 5%-Hürde zu schaffen, wäre die Stimme ähnlich schädlich wie Nichtwählen.

Parteimitglieder beeinflussen auch die personelle Aufstellung einer Partei, wie ich selbst mehrfach schmerzlich erlebte.

1993 war ich ein strikter Gegner Scharpings und großer Befürworter Schröders. Daher war ich von der einfachen Mehrheit für Scharping bitter enttäuscht.

Bekanntlich war ich auch nie ein Schulz-Fan und trommelte vergeblich für Olaf Scholz, als sich die Mehrheit der Partei leider einmal für Andrea Nahles und einmal für NoWaBo und Esken entschied.

A posteriori habe ich offensichtlich Recht gehabt. Mit Schröder 1998 lief die Wahl sehr viel besser als die Scharping-Wahl 1994 und 2021 ist es Olaf Scholz, der nach vielen Leidensjahren die SPD hoffentlich zur stärksten Partei macht.

Aber es ist der Kern der Demokratie, daß nicht ein einzelner die Ausrichtung der Partei anordnet, sondern daß alle Mitglieder beteiligt sind.

Wer in „Die Grünen“ eintritt, kann entsprechend beeinflussen, ob die Partei sich erzkatholisch/CDU-affin (Kretschmann, Palmer), evangelisch-fromm (Göring-Kirchentag) oder progressiv/säkular (Roth, Trittin) ausrichtet.

Bei den Linken geht es von Oberrealo (Bartsch, Pau) über intellektuell (Gysi), pazifistisch (Dagdelen, Jelpke), Finanzexperte (Fabio De Masi) bis außenpolitisch durchgeknallt (Andrej Hunko) und völkisch-AfD-affin (Wagenknecht).

Die SPD bietet allerlei fromme Cis-Heteros, die von „Gendergaga“, Multikulti und Säkularismus nichts wissen wollen (Thierse, Nahles, Griese) bis zu Migranten (Hakverdi) oder schwulen Großstädtern (Kahrs, Kühnert) und linken Frauen (Esken) vielen Mitgliedern eine politische Heimat. Glücklicherweise sind die meisten aber ideologisch nicht verbohrte, sehr sozial und ökologisch denkende Menschen.

Die CDU reicht von liberaleren Norddeutschen (Günther*, Wersich) über völkische Rechtsaußen (Ploß, Maaßen, Amthor, Stahlknecht) bis zu gemütlichen frommen süddeutschen Bauern.

(*Daniel Günther ist erzkatholisch.)

Wem das alles noch nicht reicht, dem steht es selbstverständlich frei, selbst eine Partei zu gründen.

Wer sich beklagt, die Parlamentarier wären überbezahlt, Minister schwelgten im Luxus, ist herzlich eingeladen selbst eine Abgeordneten- oder Minister-Laufbahn einzuschlagen. Die Parteien freuen sich über neue Mitglieder und noch mehr über diejenigen, die sich auch wirklich engagieren, zu allen Basistreffen kommen, sich zu Delegierten wählen lassen und in Wahlkämpfen ihr Gesicht hinhalten.

Jeder sozial denkende und politisch interessierte deutsche Wähler ist in der Lage mit Hilfe der Umfragen, die eine vage Aussicht auf das Ergebnis bieten, eine taktische Wahlentscheidung zu treffen. Schlimmstenfalls muss er das geringste Übel wählen. Aber auch das ist angesichts von Kandidaten wie Laschet und Lindner eine sehr leichte Übung.

Was aber nicht geht, ist vier Jahre die Augen zu verschließen, das enorme parteipolitische Spektrum zu ignorieren, die unendlichen Möglichkeiten sich einzubringen außer Acht zu lassen und dann zwei Wochen vor der Bundestagswahl zu jammern, sie hätten lieber andere Kandidaten als Scholz, Laschet und Baerbock.

Dafür ist es wahrlich zu spät und wer sich über Jahre nie selbst in die Politik einbringt, hat sein Recht verwirkt, sich über diejenigen zu beklagen, die es tun.

Samstag, 4. September 2021

In die Hose scheißt Scholz nicht.

Bei der Bundestagswahl von 2009 gab es schon einmal einen extrem selbstverliebten FDP-Chef, der statt Inhalte auf Yellow-Press setzte, vor dem kein PR-Event sicher war, der nie auch nur das geringste Regierungsamt besetzt hatte, der in der Privatwirtschaft keinerlei Erfahrungen hatte, weil er überhaupt noch nie irgendetwas außerhalb der Politik gemacht hatte und der in seinem absoluten Größenwahn meinte, er könne nahezu ohne Sachkenntnis das zweiwichtigste Amt in der Bundesregierung ausführen.

So kam Deutschland zu seinem Außenminister und Vizekanzler Westerwelle, der rein gar nichts über den diplomatischen Dienst wußte und schon vor Amtsantritt zum Mitschämen anregte, als er mit dem Spruch „es ist Deutschland hier!“ verweigerte englisch zu sprechen.

Er wurde eine wandelnde deutsche Blamage, die geradezu hysterisch darauf bestand mit allen Ehren behandelt zu werden, die er glaubte sich verdient zu haben. Als Bad Honnefer TVE flippte er schon bei seinem Antrittsbesuch in der Türkei aus, als sein türkischer Kollege Ahmet Davutoglu nach den (damals noch sehr viel realistischeren) Beitrittschancen zur EU fragte und insbesondere die Sicht der neuen Bundesregierung erfahren wollte.

[…..] Auf Nachfragen von Journalisten erklärte Westerwelle: "Ich bin hier nicht als Tourist in kurzer Hose unterwegs - ich bin der deutsche Außenminister, und was ich sage, zählt." [……]

(ntv, 07.01.2010)

Es kam wie es kommen musste mit einer FDP, die über keinerlei Programmatik verfügte, außer dem Drang den Millionären Wohltaten zuzuschieben und sich für die reichsten Lobbyisten zu prostituieren.

Alle fünf FDP-Minister waren hoffnungslos überfordert, Westerwelles Generalsekretär, ein gewisser Christian Lindner, tat das was er immer tut, wenn es schwierig wird: Er rannte weg. Die Minister beschimpften sich gegenseitig als „Gurkentruppe“ und „Wildsäue“, am Ende führte es die 15%-Partei von 2009 unter die 5%-Grenze ins parlamentarische Aus.

Olaf Scholz ist ein kluger Stratege; das zeigt wieder einmal sein Wahlkampf.  Mit viel Glück reicht es am 26.09.2021 wieder zu Rot-Grün.  Wahrscheinlicher ist aber eine Dreier-Konstellation.

Jamaika, RRG oder Ampel.

(Rot-Schwarz-Gelb wäre für CDU und FDP wünschenswert, aber eine Zustimmung der SPD gilt als ausgeschlossen)

Habeck, Özdemir und Baerbock gelten als sehr CDU-affin, daher war bis vor ein paar Wochen Jamaika eine wahrscheinliche Koalition. Grüne und FDP wären gegenüber 2017 sehr gestärkt in die Verhandlungen gegangen; Laschet gilt als kompromissbereit. Die ewige Verliererpartei SPD wäre aus der Regierung geflogen. Der Monat August brachte aber den entscheidenden Umschwung.

Laschet drückte mit seiner unterirdischen Performance die CDU gen 20%-Marke.

In allen aktuellen Umfragen liegt nur die SPD sehr deutlich vor CDU/CSU. Olaf Scholz ist mir riesigem Abstand der beliebteste Kanzlerkandidat. Die Grünen, die noch vor ein paar Monaten doppelt so stark wie die SPD waren, liegen nun zehn Prozentpinkte hinter den Sozis.

Sie hätten in einer Jamaika-Koalition nun viel weniger Gewicht und müssten ihrer Parteibasis erklären, wieso sie klar den Wählerwillen nach einem Kanzler Scholz missachten. Sogar die konservative fromme Merkel-Freundin Kathrin Göring-Kirchentag lässt auf einmal verlautbaren, sie wünsche sich die SPD als Regierungspartner. Lindner und Laschet müssten sagenhafte Zugeständnisse an die verhassten Ökos machen, um sie ins schwarzgrüngelbe Boot zu locken.  Es dreht sich also was bei den Grünen.

Ohne Jamaica ist Scholz der entscheidende Mann.

Ginge es nach den konservativen Medien, nach den Wünschen der Wirtschaft, nach Frau Merkel, nach der CDU, nach Herrn Laschet, nach der CSU, nach Herrn Lindner, müsste die SPD getreu des Hildebrandt-Mottos „die SPD scheißt in jede Hose, die man ihr hinhält“ auf die Knie sinken und dem Volk schwören nie-nie-niemals mit der Linken zu koalieren.

Olaf Scholz könnte dann überhaupt nur mit Lindner Bundeskanzler werden, wäre den FDP-Forderungen alternativlos ausgeliefert.

Er müsste genau wie Merkel 2009 einem FDP-Luftikus ohne jede Erfahrung ein Kernministerium überlassen.

Linder wäre in dieser Logik der Königsmacher; der Schlüssel zu jeder Regierung – als Rettung vor den Kommunisten.

[…..] Helmut Schmidt […..] reifte im Kanzleramt zum Weltökonomen. Ausgerechnet dieser Helmut Schmidt wurde damals, im Bundestagswahlkampf von 1976, von der Kohl-CDU mit dem Slogan "Freiheit oder Sozialismus" und von der Strauß-CSU mit "Freiheit statt Sozialismus" traktiert. CDU und CSU taten seinerzeit so, als paktiere die Regierung Schmidt mit dem Weltkommunismus.[…..] Das verfing durchaus, die Union hatte deutlichen Stimmenzuwachs. […..]  45 Jahre später versucht die Union, Scholz so zu attackieren, wie sie damals Schmidt attackierte: Sie schüttet einen neuen Aufguss der alten Slogans in den Wahlkampf. Sie warnt also, auch wenn es den Weltkommunismus und den Ostblock nicht mehr gibt, vor Rot-Grün-Rot, dem Linksrutsch und einer Linksfront; sie tut so, als stünde die Auferstehung Erich Honeckers bevor. Sie verlangt vom SPD-Kanzlerkandidaten, einem Bündnis mit Grünen und Linken apodiktisch […..] Taugt der Antikommunismus, der jahrzehntelang ein Kitt der westdeutschen Gesellschaft war, noch immer zu politischer Instrumentalisierung? Wirtschaftswunder, Westbindung, Integration der Funktionäre des NS-Regimes - das alles funktionierte in der alten BRD auf der Basis eines parteiübergreifenden Antikommunismus. […..]  Das Bundesverfassungsgericht beugte sich vor 65 Jahren, am 17. August 1956, nach fünfjährigem Widerstreben, dem Druck der Adenauer-Politik: Karlsruhe erklärte die damals schon unbedeutende KPD für verfassungswidrig und verordnete deren Zwangsauflösung. […..] Daraufhin begann in Westdeutschland eine Welle der Verfolgung; Kommunist zu sein galt, auch rückwirkend, als Straftat. Die alten roten Widerstandskämpfer gegen Hitler, dem KZ entronnen, fanden sich in den Gefängnissen der jungen Republik wieder, verurteilt von den alten Richtern, die das Hakenkreuz von der Robe gerissen hatten. Diese Verfahren zählen nicht zu den Ruhmesblättern der bundesdeutschen Justiz. […..]

(Heribert Prantl, 04.09.2021)

Insbesondere 1994 und 1998 startete die CDU wieder massive Rote-Socken-Kampagnen, weil der fromme SPD-Ministerpräsident Höppner in Magdeburg, der später Präsident des Evangelischen Kirchentags wurde, mit Stimmen der Linken gewählt wurde.

Die Verlogenheit der Schwarzen und Gelben bleibt bis heute sagenhaft. Denn nur die SPD war eine neue Ost-Partei. Die Grünen fusionierten mit den frommen Bündnis90-Regimegegnern, während CDU und FDP gleich mit vier DDR-Blockparteien fusionierten, die vorher Mauer und Schießbefehl abgesegnet hatten.

FDP und CDU verleibten sich alle Blockparteimitglieder, Immobilien und das Vermögen ein und sprachen nie wieder über die Vergangenheit, während sich die damalige PDS sehr sorgfältig mit ihrem Erbe beschäftigte.

Reinhard Höppner war der erste Ministerpräsident, der mit Hilfe Linker Stimmen ins Amt des Sachsen-Anhaltinischen MP kam.

Später regierten die Linken aber auch durchaus erfolgreich in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Thüringen, Berlin und Bremen.

Anders als von CDU, CSU und FDP prognostiziert, ging nicht die Welt unter, es kam zu keinen stalinistischen Säuberungen, die Wirtschaft brach nicht zusammen, die Unternehmer flohen nicht, es kam zu keinen Verstaatlichungen, Investoren wurden nicht abgeschreckt, Freiheiten wurden nicht eingeschränkt und auch die Kinder wurden keiner Zwangsgeschlechtsumwandlung unterzogen.

Im Gegenteil, heute stehen Schwarz und Gelb für das Abschaffen von Freiheitsrechten (Videoüberwachung, Staatstrojaner), können nicht vernünftig mit Geld umgehen und die wahnhafte Privatisierung von staatlichen Versorgungsunternehmen, Krankenhäusern und Landesbanken, hat sich als gewaltiger Fehler erwiesen, den Ministerpräsidenten mühsam wieder rückgängig machen; sofern das überhaupt noch möglich ist.

Die über 100 Filet-Immobilien der Stadt Hamburg, die die CDU-Regierung vor rund 15 Jahren an Investoren vertickte, sind heute ein Vielfaches wert und zwingen der Stadt aberwitzige Mietzahlungen auf. Es ist ein Desaster.

Olaf Scholz weiß das besser als jeder andere, weil er sich als Nachfolger der CDU-Chaotenregierung in Hamburg ab 2011 damit beschäftigen musste, das Chaos aufzuräumen und die finanziellen Löcher wieder zu füllen.

Er wird also wenig Lust haben, sich als möglicher Kanzler einem Finanzminister-Greenhorn Guidean Lindnerwelle auszuliefern.

Wenn er auch möglicherweise ein RRG-Bündnis sehr skeptisch sieht, weil die Linke tatsächlich rechtspopulistische Covidioten wie Sahra Wagenknecht in ihren Reihen hat und hanebüchene außenpolitische Sprüche von sich gibt, so sind das in einem Koalitionsvertrag lösbare Probleme – insbesondere wenn die SPD sehr stark und die Linke sehr schwach wird.

Noch wichtiger ist RGG aber als Drohkulisse gegenüber Lindner.

Er wäre nicht mehr alleiniger Königsmacher, der nach Gutdünken Maximalforderungen stellen kann, sondern könnte froh sein, überhaupt mitregieren zu dürfen. Dann käme es aber sicher nicht zu Steuergeschenken für die Superreichen in zweistelliger Milliardenhöhe. Scholz wird also den Konservativen nicht den Gefallen tun, vor Angst schlotternd sofort in die hingehaltene rote Hose zu scheißen und RRG kategorisch ausschließen….

[…..] was Scholz schon deswegen nicht tun will, weil er das rot-grün-rote Bündnis als Option und Drohung braucht, um die FDP für eine rot-grün-gelbe Koalition zu gewinnen. Wenn Rot-Grün-Rot zumindest rechnerisch möglich ist, müsste Christian Lindner fürchten, seine FDP wieder nicht in die Regierung führen zu können. Das macht ihn, so rechnet Scholz, in Koalitionsverhandlungen kompromissbereiter. [….]

(Heribert Prantl, 04.09.2021)

Freitag, 3. September 2021

Spritze im Arm

Olaf Scholz, aber insbesondere Annalena Baerbock mochten beim ersten Triell die Frage nach einer Impfpflicht nicht beantworten. Armin Laschet sowieso nicht. Sie alle haben Angst davor, Leerdenker und Covidioten zu verschrecken.

Also erklärte Baerbock, die Frage stelle sich gar nicht, weil eine Impfpflicht rechtlich nicht möglich wäre. Ich sage ganz ohne Gehässigkeit, daß ich ein gewisses Verständnis dafür aufbringe, wenn Politiker in der heißen Wahlkampfphase nicht gern Wahrheiten aussprechen, die Wähler verschrecken.

Aber natürlich log Baerbock.

[…..] Aussage: Baerbock sagte, eine allgemeine Impfpflicht sei in Deutschland rechtlich nicht umsetzbar.

[…..] Bewertung: Stimmt nicht!

Begründung: Baerbock bezieht sich vermutlich auf das im Grundgesetz festgelegte Recht auf körperliche Unversehrtheit. Paragraf 20 Absatz 6 des Infektionsschutzgesetzes erlaubt es dem Bundesgesundheitsministerium jedoch, »durch Rechtsverordnung anzuordnen, dass bedrohte Teile der Bevölkerung an Schutzimpfungen teilzunehmen haben, wenn eine übertragbare Krankheit mit klinisch schweren Verlaufsformen auftritt und mit ihrer epidemischen Verbreitung zu rechnen ist«. […..] Das Masernschutzgesetz etwa, das am 1. März 2020 in Kraft trat, sieht eine Impfpflicht für alle Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr spätestens zum Eintritt in die Schule oder den Kindergarten vor. Zudem werden laut Gesundheitsministerium Personen, die in Gemeinschaftseinrichtungen oder medizinischen Einrichtungen tätig sind (soweit diese Personen nach 1970 geboren sind) sowie Asylbewerber und anerkannte Flüchtlinge in Gemeinschaftsunterkünften zur Masernimpfung verpflichtet. […..] Außerdem gab es im Verlauf der deutschen Geschichte eine zeitweise Impfpflicht unter anderem bei Pocken. [….]

(SPON-Faktencheck, 30.08.2021)

Das ist keine unwichtige Richtigstellung, denn all unsere Corona-Orakel warnen uns vor einem fiesen Herbst, der wieder drastische Einschränkungen erfordern könnte.

Das einzige Mittel dagegen ist eine deutliche Erhöhung der Impfquote.

Tatsächlich stagnieren wir aber in Deutschland. Die Spahnsche Impfkampagne funktioniert nicht.

[…] Keine Strategie, keine Fantasie: Die Bundesrepublik hat von den vier größten EU-Staaten die mit Abstand niedrigste Erstimpfungsquote. Für den Herbst sind das schlimme Aussichten. [….]

(Der SPIEGEL-Leitartikel von Claus Hecking, 03.09.2021)

Erst 60% der Deutschen sind geimpft. 75% in Bremen mit der tüchtigen Linken Gesundheitssenatorin Claudia Berhard, bis hin zu den Schlußlichtern Sachsen und Thüringen; den Bundesländern mit dem höchsten AfD=Covidioten-Anteil. Dort sind nur gut 50% geimpft.

(BTW Linke Bernhard: RRG gut, CDU Spahn schlecht! Liebe Rote-Socken-Paniker der Union: Die von einem bösen Linksbündnis Regierten können froh sein, wenigstens keine CDU-Politiker in ihrer Regierung debakulieren zu sehen.)

[…..] Die vierte Welle in der Corona-Pandemie nimmt durch Infektionen unter jungen Erwachsenen weiter an Fahrt auf. Sie breite sich zunehmend auch in den mittleren Altersgruppen aus, heißt es im jüngsten Wochenbericht des Robert Koch-Instituts.  Gleichzeitig macht sich zusehends Impfmüdigkeit breit. [….]

(SZ/dpa, 03.09.2021)

Merkel und Spahn tun schon wieder so, als sei das Corona-Problem vorbei. Markus Söder macht Bayern locker. Deutschlands angeblich liebster Kanzlerkandidat handelt völlig verantwortungslos. Mit genau dieser katastrophalen Haltung, haben wir uns schon die dritte Welle mit Myriaden Toten in Deutschland eingehandelt.

[….] Der Berliner Charité-Virologe Christian Drosten ist pessimistisch, dass Deutschland allein durch Impfangebote eine akzeptable Impfquote in der Corona-Pandemie erreichen kann.  Hauptgrund sei eine gewisse Gleichgültigkeit in der Bevölkerung, sagte Drosten im am Freitag veröffentlichten Podcast "Das Coronavirus-Update" von NDR Info. Er gehe nicht davon aus, dass Deutschland über Ansprache der Bevölkerung noch viel weiter komme mit der Impfquote. "Und darum glaube ich, dass die Politik eine schwere Aufgabe vor sich hat und konsequent auch Entscheidungen treffen muss bald."  [….]

(dpa, 03.09.2021)

Nur im Scholz-Bundesland Hamburg leitet die Regierung mit der 2G-Option die richtigen Schritte ein. Das was empörte AfD-Pandemioten als „Impfpflicht durch die Hintertür“ kritisieren, soll aber genau das: Druck auf die Ungeimpften ausüben, sich nun endlich solidarisch zu verhalten.

Die Corona-Chaos-Bundesländer Bayern und NRW sollten endlich dem Hamburger Beispiel folgen.

Generell ist mein Mitgefühl für die Aluhüte, die durch eigene Doofheit von Covid19 erledigt werden, kaum noch messbar.

Aber diese Seuchenfreunde bringen sich leider nicht nur selbst in Gefahr, sondern stellen eine potentiell tödliche Bedrohung für diejenigen dar, die sich nicht impfen lassen können (zum Beispiel Kleinkinder und Schwangere).

Sie belasten aber auch das Solidarsystem durch die hohen Krankenhauskosten, die sie verursachen.

Moralisch noch verwerflicher; sie muten dem nach anderthalb Jahren Pandemie völlig erschöpften medizinischen Personal Unzumutbares zu.

[….]  Krankenschwester: Ich bin es leid, Ungeimpfte zu pflegen!  Corinna Peth arbeitet in der Notaufnahme und macht Impfverweigerern große Vorwürfe – denn immer wieder gebe es Zufallsbefunde. [….]

(Abendblatt, 03.09.2021)

Ich wünsche mir von der nächsten Bundesregierung neben den gestern genannten Sofortmaßnahmen also auch eine allgemeine Corona-Impfpflicht.

Schritt 1.

Statt der dritten Impfung in der ersten Welt, sollte man aus pandemischer Sicht lieber die erste Impfung in der dritten Welt organisieren.

Donnerstag, 2. September 2021

Simples und Kompliziertes.

Es gibt enorm wichtige, hochkomplizierte Probleme in der Politik, bei deren Lösung es auf die Kompetenz der beteiligten Politiker ankommt. Schwierigkeiten, die eben nicht mit den simplen Ja/Nein-Thesen des Wahlomats abzudecken sind.

Selbst die größten Denker und erfahrensten Experten wie Helmut Schmidt befinden zum Thema Afghanistan, der Konflikt sei unlösbar.

Da ist es wohlfeil, dem im Jahr 17 des NATO-Krieges am Hindukusch ins Außenamt gekommenen Heiko Maas die ganze Schuld für das Desaster in die Schuhe zu schieben.

Der Sozi wurde mit der diplomatischen Verantwortung vertraut, als längst sämtliche Kinder ganz tief im Brunnen steckten.

Regierungschefin Merkel hatte sich nie um das Thema gekümmert und ließ es desinteressiert dahinplätschern, als sich Verteidigungsministerin gegen Charterflüge aus Kabul wehrte, Innenminister Seehofer und Entwicklungshilfeminister Müller sträubten Ausreisepapiere für die Ortskräfte zu erstellen. Und Maas, gestützt auf die BND-Einschätzung im Kanzleramt, seine nun so berüchtigte Fehleinschätzung über die Übernahme Kabuls durch die Taliban abgab.

Es ist auch verdammt kompliziert sich innerhalb der EU auf ein Asylsystem und Verteilung von Flüchtlingen zu einigen.

Niemand weiß eine praktikable Lösung für die Pflegekatastrophe.

Selbst wenn man sagenhaft viel Geld in die Hand nähme, scheiterten wir daran, alle alten Menschen in Deutschland menschwürdig zu betreuen, weil es die Pflegekräfte gar nicht gibt.

Das Abrechnen über Fallpauschalen im Krankenhaus ist ein offensichtlicher Fehler, der zu vielen unnötigen Operationen und mangelnder Nachsorge führt. Aber wie soll man es besser machen? Das vorherige System, als Krankenhäuser finanziell von jedem einzelnen Tag profitierten, den ein Patient länger ein Bett belegte, hatte ähnlich viele Schattenseiten.

Natürlich sollten Ärzte viel mehr Zeit mit den Patienten verbringen, statt endlose Stunden mit Bürokratie und Dokumentationen, mit Akten und Krankenberichten zu verbringen. Aber wir sind auch mündige Bürger geworden und wollen nicht mehr wie 1950 blind den Anweisungen des Halbgotts in Weiß folgen. Wir wollen auch nicht auf Myriaden neu entwickelte Therapien und OP-Techniken und Medikamente verzichten.

Eine Steuerreform auszutarieren ist extrem kompliziert.  Wolfgang Schäuble war acht Jahre Bundesfinanzminister und saß das Thema trotz breiter Bundestagsmehrheiten einfach aus.

Olaf Scholz hat dafür offenbar fertige Pläne in der Schublade, erkannte aber, daß sie mit einer mauernden CDUCSU nicht durchsetzbar sind und bekam zu allem Übel nach einer halben Amtszeit einen totalen Pandemie-Lockdown ab, der ein Etat-Loch von 400 Milliarden Euro riss.

Wir wissen alle, daß wir aus Kohle- und Atomstrom, aus Verbrennungsmotoren und Heizungswärme-Verschwendung aussteigen müssen.

Aber wie soll das gehen, wenn die großen Bundesländer NRW und Bayern den Bau von Windkrafträdern mit ihren 1km-Abstandregeln nahezu unmöglich machen, wenn man keine Stromtrassen von den Küsten nach Süddeutschland legen kann, weil jeder Grüne, der eben noch nach Ökostrom schrie, sofort auf die Barrikaden geht, wenn eine Stromtrasse durch seinen Garten gelegt werden soll?
Mit welchen Autos sollen wir fahren, wenn die einzig wirklich Sauberen mit ihrem Wasserstoff-Antrieb 100.000 Euro pro Stück kosten und Elektromodelle a) erst mal eine E-Säulen-Infrastruktur brauchen und b) mit Batterien fahren, die ethisch und ökologisch auch eine Katastrophe sind?

Die Union mit ihrer beim Urnenpöbel so extrem beliebten ewigen Kanzlerin, verschob die Lösung zu komplizierter Probleme einfach auf den St. Nimmerleinstag. Daher hängen wir natürlich hoffnungslos beim Klimaschutz hinterher.

[….] Erneuerbare Energien müssen von Lasten befreit werden, ihr Ausbau muss zum gesellschaftlichen Großprojekt werden, bei dem Bürgerinnen und Bürger und Kommunen mitziehen. Genehmigungsverfahren müssen schneller werden, ebenso der Ausbau von Stromnetzen und -speichern. Flächen müssen effizient genutzt werden, für Wind- und Solarparks. Stimmt alles - nur eine Frage bleibt: Warum erst jetzt?  De facto ist die Beharrungskraft in der Union seit Jahren stärker als jede Kraft der Natur. Ausgerechnet im größten Klimapaket der Koalition verlangte die Union 2019 Mindestabstände für Windräder. Sie hielt bis zur letzten Minute an einer Deckelung für die Solarkraft fest, die deren Ausbau um ein Haar abgewürgt hätte. Feste Ausbaupfade, auf die sich Windkraft-Investoren für die nächsten Jahre hätten einstellen können, scheiterten am Widerstand der Unionsfraktion. Statt über die Chancen der Energiewende redeten ihre Abgeordneten und Minister lieber über Kosten und fehlende Akzeptanz. Wo die Union nun den Turbo anwerfen will, stand sie zuletzt lieber auf der Bremse. Da macht der Kandidat leider keine Ausnahme. In Nordrhein-Westfalen, wo Armin Laschet regiert, vereinbarten Union und FDP einen Mindestabstand für Windräder von 1000 Metern. [….] Was solche Vorgaben langfristig bewirken, kann Laschet bei Markus Söder in Bayern besichtigen. Nur sieben Windräder wurden dort im ersten Halbjahr errichtet, Abstandsregeln haben ganze Arbeit geleistet. [….]

(Michael Bauchmüller, 01.09.2021)

Es bleibt zu hoffen, daß in der nächsten Bundesregierung möglichst wenig CDU, CSU und FDP enthalten sind, so daß all diese Megathemen endlich angefasst werden.

Als Wähler-Erfreuungsaktion empfehle ich aber parallel, all die Dinge durchzudrücken, die sich vergleichsweise mit einem Federstrich regeln lassen.

Ende der Eintreibung der „Kirchensteuer“ durch den Staat. Die Christoban sollen sich bitte schön selbst um ihre Mitgliedsbeiträge kümmern. Das geht in jedem anderen Land der Erde auch.

Generelles Tempolimit 130 km/h.

Homöopathie, Akkupunktur, germanische Medizin, Heilpraktiker, Esoterik und Co sind ab sofort keine Leistungen der Krankenkassen mehr.

Aushändigen von Natrium-Pentobarbital an die Menschen, denen es höchstrichterlich zugestanden wurde.

Vollständige Entkriminalisierung von Cannabis für alle Menschen über 18 Jahren.

Streichung des § 219a StGB (Informationsverbot Schwangerschaftsabbrüche)

Streichung des § 166 StGB (Blasphemieverbot)

Totale Offenlegungspflicht von Lobbyismus, also Lobbyregister und exekutiver Fußabdruck.

Der Schwangerschaftsparagraph 218 muss auch ersatzlos verschwinden. Sofort.

[….] Die Entkriminalisierung und Entstigmatisierung des Schwangerschaftsabbruchs sind Voraussetzung für die Bereitschaft seitens der Ärztinnen und Ärzte, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen. Nur so kann der zunehmenden Verschlechterung der Versorgungslage entgegengewirkt werden. Zudem muss die Praxis des Schwangerschaftsabbruchs in den Lehrplan des Medizinstudiums sowie in die Facharztausbildung und die Weiterbildung von Ärztinnen und Ärzten aufgenommen werden. Die flächendeckende Versorgung mit kostenlosen Zugangsmöglichkeiten zu Beratungsangeboten und Schwangerschaftsabbruch und die dazu nötige Aufnahme in den Leistungskatalog der Krankenkassen sind damit verbundene Forderungen. Dazu gehören auch Aufklärung, die kostenlose Beratung über Verhütungsmittel und Sicherstellung des Zugangs zu modernen Verhütungsmitteln. Die konsequente Entwicklung und Durchführung von Maßnahmen gegen sog. „Gehsteigberatungen“ und Belästigungen vor Praxen und Beratungsstellen durch Abtreibungsgegner ist ein unverzichtbarer Beitrag, den Länder und Kommunen leisten müssen, um Schwangere, Beratungsstellen und Praxen zu schützen. [….]

(KORSO)


Mittwoch, 1. September 2021

Impudenz des Monats August 2021

Und schon wieder einmal zeigt der Kalender eine „1“ - hohe Zeit für mich den Blödmann des Monats zu küren.

Deutschland ist ein konservatives Land, in dem meistens die CDU regiert, weil die Mehrheit der Bürger keine Veränderungen möchte. 16 Jahre regierte eine CDU-Frau, die diesem Wunsch entsprechend so ziemlich alle Entwicklungen verschlief, um sie sich ein guter Kanzler hätte kümmern müssen. Sie geht mit einer Rekordzustimmung von 80%. Dann kam auch noch in Form der Corona-Pandemie eine Groß-Krise, die das Wahlvolk hinter der regierenden CDU versammelte und die demoskopischen Werte der Konservativen so enorm anhob, daß sie mehr als dreimal so stark wie die Konkurrenz von der SPD wurde.

GMS

FORSA
 

Die Sozis waren derartig demoralisiert, daß ihr männlicher Vorsitzender überlegte, gar keinen eigenen Kanzlerkandidaten aufzustellen. So aussichtslos schien ihm das Rennen gegen den nahezu sicheren Sieg der CDU. CDUCSU 40%, SPD 14%. Welcher Sozialdemokrat würde da ein Jahr vor der Bundestagswahl nicht gern weinend alles hinwerfen und einfach aufgeben?

Was für Traum-Voraussetzungen für den Kanzlerkandidaten der CDU, der nicht nur von der scheidenden Regierungschefin das Amt des CDU-Bundesvorsitzenden übernahm, sondern auch noch habituell und innerparteilich als der Merkel-Ähnlichste gilt.

Aber dann kam Laschet, der mit einer unglaublichen Serie von Pannen, Pleiten und Peinlichkeiten „CDU40 zu SPD14“ innerhalb des Augusts in ein „CDU20 zu SPD25“ verwandelte und dabei CDU und CSU gleichermaßen demoralisierte.

Für diese Leistung gebührt Armin Laschet natürlich der Titel Impudenz des Monats August 2021.

Der Monatstopblödmann Laschet hatte aus dem NRW-Debakel des Norbert Röttgen von 2012 lernen wollen, wie man nicht seine politische Karriere vollkommen verspielt, indem er die Tür zu seiner Karriere als Ministerpräsident in NRW zuschlug. Das sollte Tatkraft und Überzeugung demonstrieren.

[….] Anfang Mai hatte Laschet alle Spekulationen um ein Rückfahrticket nach Düsseldorf im Fall einer Wahlniederlage in der FAZ beendet: "Mein Platz ist nach der Bundestagswahl in Berlin." Doch nun, da der CDU ein Debakel und dem 60-jährigen CDU-Chef gar das Ende seiner Karriere droht, befallen einige Parteigranden "zweite Gedanken". Laschet, dem Landesvater, stehe sein Platz in der Heimat zu - "wenn er denn will".   Will er? Aus Laschets Umfeld raunt es, der Chef bleibe dabei: Nein, es gebe "kein Zurück." Einen Wahlkampf nach dem Motto "Zu schlecht für Berlin, aber gut genug für NRW" - das mag er sich nicht antun. [….]

(Christian Wernicke, 31.08.2021)

Zu allem Übel verzichtete Laschet auch noch auf die Direktkandidatur in einem Wahlkreis, ließ sich lediglich auf Platz 1 der CDU-Landesliste setzten. Ganz offensichtlich nicht ahnend, daß er seine Partei so schrumpfen könnte, daß niemand über die Landesliste in den Bundestag einzieht

Kanzler könnte er zwar auch ohne Sitz in Berlin werden, aber das wäre eine weitere Schmach.

Ein weiteres gigantisches Problem ist die Macht im mit Abstand bevölkerungsreichsten Bundesland NRW. Die einstige „Herzkammer der Sozialdemokratie“ spielt eine enorme Rolle im CDU-Machtgefüge.
Laschet, Spahn, Merz, Röttgen – alle sind NRWler. Gut möglich, daß im Abwärtssog des MP nach der Bundestagswahl auch noch die Landtagswahl in Düsseldorf in einer Katastrophe endet.

[….] Die NRW-CDU trifft diese Misere gleich doppelt hart. "Zwischen depressiver Verzagtheit und blinder Wut" beschreibt ein Landtagsabgeordneter die christdemokratische Seelenlage an Rhein und Ruhr, "uns drohen zwei Blamagen auf einen Streich". Laschet könnte nicht nur den Kampf ums Kanzleramt verlieren. Nein, der Ministerpräsident könnte seine Christdemokraten nach nur fünf Jahren Regierungszeit obendrein um die Macht am Rhein bringen: Mitte Mai 2022 lauern Landtagswahlen in NRW - und noch wissen die Christdemokraten nicht, wer Laschets Lücke ausfüllen und sie führen soll in die Wahl nach der Wahl. [….]

(Christian Wernicke, 31.08.2021)

Die Impudenz des Monats August ist als Urnengift so effektiv, daß auch die Schwesterpartei mit in den Abgrund gezogen werden könnte.  Die entsöderte CSU sackt ebenfalls auch nie für möglich gehaltene Tiefstwerte.

[….] Die jüngste Bayern-Umfrage im Auftrag der »Augsburger Allgemeinen« sieht sie bei 34,5 Prozent – es sollen acht Punkte weniger sein als noch vor einem Monat.  Das führt zu dem interessanten Nebeneffekt, dass die CSU, falls es so weitergeht, erstmals in ihrer Geschichte bei einer Bundestagswahl die Fünfprozenthürde reißen könnte. Als Ein-Bundesland-Partei müsste sie je nach Wahlbeteiligung und der Gesamtzahl der gültigen Stimmen bundesweit und in Bayern mindestens auf etwa 32 Prozent im Freistaat kommen, um die Hürde im Bund zu überwinden. Blöd, dass die CSU sich bisher schwerpunktmäßig mit Obergrenzen (für Geflüchtete) befasst hat, denn diese Untergrenze rückt nun gefährlich nahe. Man stelle sich vor, die CSU als Partei würde es nicht in den Bundestag schaffen – gut, dass Franz Josef Strauß das nicht mehr erleben müsste. [….]

(Melanie Amann, SPON; 01.09.2021)

Das dürften interessante Diskussionen in den Unionspräsidien werden, wenn es so kommt, wie es jetzt aussieht.

 Erwin Huber und Günther Beckstein wissen, wie ihre so obrigkeitsfreundliche Partei mit Führern umgeht, die Wahlen verlieren.

Dienstag, 31. August 2021

2000 Jahre unabänderliche Moral

Frauen können nicht katholische Priesterinnen werden, weil Jesus und die Bibel das schon vor 2.000 Jahren so festgelegt haben.

Gott (=Jesus=HeiGei) ist aber allmächtig, unfehlbar und allwissend; also kann nicht nach ein paar Tausend Jahren Elfriede Meier daher kommen und feststellen, Gott habe sich damals aber gründlich geirrt, sie wisse es besser und daher müsse man einige seiner Aussagen nun umschreiben.

Das wäre Blasphemie und Gott mag das bekanntlich gar nicht, schickt einen dafür in die ewige Verdammnis, in der man am Spieß gegrillt wird.

[….] Die Öffnung des katholischen Priestertums für Frauen wäre ein gravierender Traditionsbruch [….] Das sagte der Salzburger Erzbischof Franz Lackner in einem Interview für die ORF-Sendung "Radio Salzburg Café" am Sonntag. Er verglich die auf Jesus zurückgeführte Regelung, nur Männer zu Priestern zu weihen, mit einem Flussbett, das heute nicht mehr umleitbar ist.  [….]

(Kath.net, 12.02.2014)

Die RKK will aber nicht nur, keine Frauen ordinieren, weil das immer so war, sondern unfehlbare Päpste stellten fest; er könne gar keine weiblichen Priester einführen, selbst wenn er wollte.

[….] Paul VI. beauftragte die Glaubenskongregation, die Argumente genauer zu prüfen, und veröffentlichte das Ergebnis am 15. Oktober 1976 unter dem Titel „Inter insigniores“. Dort wird ausführlich dargelegt, dass und warum „die Kirche, die dem Beispiel des Herrn treu bleiben möchte, sich nicht die Vollmacht zuschreibt, Frauen zur Priesterweihe zuzulassen.“ Damit erkennt das Lehramt seine eigenen Grenzen an und erklärt: Es gibt Grundlagen der Kirche, welche ihrer Kompetenz entzogen sind, weil sie diese als von ihrem Stifter vorgegeben erkennt; und dazu gehört die ungebrochene Praxis, Frauen nicht zu Priestern zu weihen. [….]

(Marianne Schlosser, 30.03.2020)

Auch die Nummer Drei des Vatikans, der Chef der Inquisitionsbehörde sieht keinerlei Spielraum.

[….] Das Nein der katholischen Kirche zur Priesterweihe für Frauen gehört zum unfehlbaren Lehramt der Kirche. Das erklärt der Leiter der Glaubenskongregation, Erzbischof Luis Ladaria, in einem ausführlichen Beitrag der Vatikanzeitung «Osservatore Romano» von Mittwoch. […..]

(Kath.che, 30.05.2018)

Das Genörgel liberalerer Katholikinnen in der westlichen Hemisphäre kann der Vatikan bequem aussitzen. Die zahlenmäßig größere Gruppe der Katholioten interessiert sich nicht für feministischen Schnickschnack. Im Gegenteil, die Faszination Katholizismus besteht genau darin, daß sich eben seit 2.000 Jahren nichts ändert. Gott hat alles einmal festgelegt und zwar PERFEKT. Daher gewinnt die RKK global immer mehr Mitglieder und wird immer reicher.

So wird es für die Kirchenchefs auch leichter, sich durch das politische und diplomatische Gestrüpp zu manövrieren.  Wenn die Kirchenlinie mal nicht positiv rezipiert wird, schiebt man es auf flüchtige Moden, denen man nicht folgen müsse. Das ethische Grundgerüst der RKK ist zementiert und göttlich. Da kann gar nichts schlecht sein.

Deswegen hisste das österreichische Episkopat auch im Mai 1938 die Hakenkreuzfahne am Wiener Stephansdom.

[….] Anbiederung, Zustimmung, Bedrohung, Opposition: Ein Kardinal, der zu Hitlers Ankunft in Wien die Kirchenglocken läuten lässt. Ein mit „Heil Hitler“ unterzeichneter Hirtenbrief der österreichischen Bischöfe, der den Gläubigen empfiehlt, für den ,Anschluss‘ zu stimmen. [….]  Noch am 10. März hatte Kardinal Theodor Innitzer Kanzler Kurt Schuschnigg volle Unterstützung der Kirche für die geplante Volksabstimmung über Österreichs Unabhängigkeit zugesichert.  [….]

(ORF, 2018)

Den Katholiken Adolf Hitler unterstützte die RKK damit demonstrativ; schließlich kann Jesus die Juden auch nicht ausstehen. Dafür muss man nicht ins finstere Alte Testament zurückgehen, das steht auch im Neuen Testament.

[……]  Denn, Brüder, ihr seid den Gemeinden Gottes in Judäa gleich geworden, die sich zu Christus Jesus bekennen. Ihr habt von euren Mitbürgern das Gleiche erlitten wie jene von den Juden. Diese haben sogar Jesus, den Herrn, und die Propheten getötet; auch uns haben sie verfolgt. Sie missfallen Gott und sind Feinde aller Menschen; sie hindern uns daran, den Heiden das Evangelium zu verkünden und ihnen so das Heil zu bringen. Dadurch machen sie unablässig das Maß ihrer Sünden voll. Aber der ganze Zorn ist schon über sie gekommen. [….]

(1 Thess 2,14-16)

In Österreich und besonders in der Millionenstadt Wien mit seiner zu knapp 10% jüdischen Bevölkerung tobten die Novemberpogrome wochenlang und außerordentlich grausam. Nahezu alle Synagogen wurden vollständig zerstört, 4.000 Wiener Juden in das KZ Dachau verschleppt. Die Täter waren Katholiken.

[….] Das Novemberpogrom in Wien war von besonders großer Brutalität gekennzeichnet. Mehr als ein Fünftel der Todesopfer des Novemberpogroms dürften auf Wien entfallen sein, nicht zuletzt weil eine verbreitete antisemitische Stimmung bereits vor der nationalsozialistischen Machtergreifung bestand und der Vermögensentzug der jüdischen Bevölkerung noch nicht soweit fortgeschritten war, um nicht die Bereicherung an jüdischem Eigentum als lohnend erscheinend zu lassen. Es war für Jüdinnen und Juden lebensgefährlich auf die Straßen zu gehen. Sie mussten sich vor brutalen Misshandlungen, willkürlichen Verhaftungen und Hausdurchsuchungen unter dem Vorwand, nach Waffen und politischem Material zu suchen, fürchten und waren völlig vogelfrei. In der Literatur ist die Zahl von 27 ermordeten, 680 Selbstmorden und 88 schwer verletzten Juden angegeben, jedoch sind diese Angaben nicht gesichert, da sie in verschiedenen Publikationen voneinander differieren. Die über 6.500 aufgegriffenen Juden wurden in das Polizeigefängnis in Wien 9, Roßauer Lände und zwei extra eingerichtete Behelfsgefängnisse, auch "Notarreste" genannt, in Schulen in Wien 7., Kenyongasse 2 und Wien 20., Karajangasse 14 eingeliefert. Dort kam es laut Zeitzeugenaussagen zu grausamen Übergriffen auf die dort Festgehaltenen, darunter in Wien 20 auch auf 200 Frauen, die besonderen Quälereien ausgesetzt waren. Zwischen 3.500 und 4.800 jüdische Männer wurden in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Ca. 70% der Wiener Juden waren von Hausdurchsuchungen betroffen. Mehr als 4000 jüdische Geschäfte und Gewerbebetriebe wurden größtenteils von SA-Formationen und Parteidienststellen an einem einzigen Tag geplündert, verwüstet und enteignet.  [….]

(Wien.gov.at)

Nach der Pogrom-Nacht vom 09.11.1938 verlor die Österreichische RKK demonstrativ auch kein Wort zu Gunsten der Juden. Christen sind eben an längerfristige ethische Grundüberzeugungen gebunden.

Eigenartigerweise kam die RKK Österreich aber nach nur 75 Jahren (sic!), also geradezu blitzartig, im Jahr 2013 auf die Idee, daß es vielleicht doch irgendwie nicht so nett war, wie man sich 1938 in Wien verhalten hatte.

[…..] In einer Erklärung anlässlich der Novemberpogrome von 1938, die sich heuer zum 75. Mal jähren, haben Österreichs Bischöfe die Mitverantwortung der Kirche an den damaligen Übergriffen gegen Juden und ihre Einrichtungen bekannt. [….]"Wir sehen heute klar, dass auch die Kirche durch Akzente ihre Verkündigung im Sinn einer Verachtung des Judentums mitverantwortlich für jenes Klima war, in dem sich der nationalsozialistische Antisemitismus ausbreiten konnte", wird darin erklärt. 1938 habe die Kirche in Österreich nicht erkannt, dass sich ihr christlicher Glaube aus jüdischen Wurzeln nähre. Und dies, obwohl die Kirche beim Sturm auf das Erzbischöfliche Palais in Wien kurz vor dem Pogrom selbst Ziel des Naziterrors geworden sei.  "Die Kirche hat auch in ihrer damaligen Theologie versagt", weil sie den "ungekündigten Bund" Gottes mit dem Volk Israel ignorierte. "Und sie hat in der Liebe versagt, denn es waren unsere Nächsten, die unschuldig Opfer des gewalttätigen Antisemitismus wurden", so die Bischöfe weiter. […..]

(DS, 08.11.2013)

Den Katholiken von 1938, am selben Moralgerüst orientierten Laien, Priestern, Bischöfen, Kardinälen und dem Papst, war es aber mit all ihren Bibeln, mit denselben Worten, auf die sie sich 2021 stützen, nicht einsichtig, daß es irgendwie falsch sein könnte, Millionen Juden zu massakrieren.