Samstag, 27. Juli 2019

Indolent – Teil II


Demokraten, Humanisten, Bürgerrechtler, Liberale, Linke, Aufrechte, Anständige, Moralische, Nette finden vielfach nicht die Mittel sich gegen am rechtskonservativen Rand entspringende Formen faschistoiden Autokratismus zu wehren.


Je offensichtlicher Trump und seine GOP kriminell, hochverräterisch und verfassungswidrig agieren, desto paralysierter scheinen Opposition und seriöse Medien auf die Schlange zu starren.


[…..] Die Rassismusvorwürfe gegen Donald Trump. Die Robert-Mueller-Anhörung. Dazu die täglichen Turbulenzen. Trotzdem ist die Stimmung im Weißen Haus ein Jahr vor der Wahl offenbar sehr okay. Wie kann das sein?
[…..] Während sich Robert Mueller am Mittwoch durch die Anhörungen kämpfte und es nach Kräften vermied, auch nur eine einzige halbbrisante Aussage zu treffen, sich genau genommen nicht einmal zu einer viertelbrisanten Aussage hinreißen ließ und zwischendurch auch noch den Eindruck eines tüdelig gewordenen Onkels vermittelte, der beim Weihnachtsfest innerhalb von drei Stunden viermal denselben Witz erzählt, veröffentlichte die Präsidentengattin Melania Trump auf Twitter vier Fotos, die sie beim angelegentlichen Prüfen von Stoffen und Blumen zeigten, beim kritischen Studium eines Blattes Papier, im Gespräch mit einem jungenhaften Mitarbeiter in einem etwas zu blauen Anzug. Dazu der Text: "Die Weihnachtsplanung hat begonnen im Ostflügel des Weißen Hauses."
Gleich, was man von ihm hält: Kaum jemand wird bestreiten, dass Donald Trump ein Meister der Kommunikation ist. Doch was seine Frau da getan hatte, spielte noch einmal in einer ganz anderen Liga. Es war beinahe erhaben.  Auch diese Woche lehrt: Trump erlaubt sich, was er will. Und warum? Weil er es kann[…..] Die kleine Episode ist beispielhaft für die Präsidentschaft Trumps und den Umgang der Demokraten mit Trump.
Wieder und wieder empören sie sich, wieder und wieder sagen sie, dass er jetzt aber wirklich zu weit gegangen sei, wieder und wieder sagen sie,
dass es nun endlich Konsequenzen geben müsse. Mal soll er um   Entschuldigung bitten, was er niemals tut, mal muss nun dringend das Amtsenthebungsverfahren eingeleitet werden, mal stellen sie ihn als grenzdebilen Psychopathen dar, mal als berechnenden Rassisten, als Frauenfeind, als Diktatorenfreund, sie beschwören die amerikanische Geschichte, und gleich, wie viel Sinn in den Forderungen steckt und wie viel Wahrheit in den Anwürfen: Es macht einfach überhaupt keinen Unterschied. Immer steht am Ende doch bloß Weihnachten vor der Tür.
[…..]

Nicht nur östliche und ganz ferne Länder mit wenig demokratischer Erfahrung driften ganz ganz nach rechts und holen sich Autokraten in die Regierungspaläste – Philippinen, Brasilien, Russland, Türkei, Tschechien, Polen, Ungarn – sondern auch etablierte Demokratien der klassischen „westlichen Welt“ brechen weg: Die USA, Italien, Österreich und nun auch noch Großbritannien.

Für diese grauenvolle Entwicklung gibt es zwei tieferliegende Ursachen.

1.) Die generelle Schlechtigkeit des Menschen.
2.) Die ungehinderte Ausbreitung Derselben durch soziale Medien und die Schwächung seriöser Medien mit ihrer Gatekeeperfunktion.

Rassismus, Argwohn, Neid, Vorurteile, Hass, Verschwörungstheorien, Xenophobie, Antisemitismus, Misogynie, Bösartigkeit, Aufwiegelung – all das funktioniert von ganz allein, breitet sich Lawinen-artig im Internet aus.

Die Antonyme dazu, also humanistische Überzeugungen, Mitgefühl, Toleranz, Rücksicht, Besonnenheit, Akzeptanz hingegen müssen immer gegen große Widerstände erkämpft werden.
Solche Werte bleiben auch nicht bestehen, wo sie erst einmal erreicht wurden, sondern müssen stets verteidigt und gepflegt werden, weil sie sonst wieder verschwinden.


In Deutschland gibt es natürlich die inzwischen quasi auf NPD-Niveau abgeglittene AfD, um die sich womöglich bald das Verfassungsgericht kümmern muss.

[…..] Die AfD ist eine Partei i.V., eine Partei in Verwandlung. Sie verwandelt sich seit ihrer Gründung, aber jetzt nähert sie sich mehr und mehr dem finalen Stadium. Das finale Stadium ist - braun.
Die AfD rückt immer mehr dorthin, wo einst, weniger erfolgreich, die NPD ihren Platz hatte: dorthin, wo der Verfassungsbogen nicht mehr hinreicht. Die AfD wird zu einem völkischen Kampfverband, der von Björn Höcke, dem Fraktionsvorsitzenden in Thüringen, und von Andreas Kalbitz, dem Parteivorsitzenden in Brandenburg, repräsentiert wird; beide stehen für eine Art Radikal-Salvinisierung der AfD. […..]  Wenn Neonazis sich nun das Fell der AfD überziehen und so deren parlamentarisches Gewicht für sich nutzen, dann ist es an der Zeit, die Waffen des Grundgesetzes zu schärfen. Besser wäre es freilich, wenn es gelänge, eine gefährliche Potentialität dieser AfD bei und mit den Wahlen zu verhindern. Die deutschen Farben sind Schwarz-Rot-Gold. Daraus darf nicht Schwarz-Rot-Braun werden. […..]

Aber es sind nicht nur die Fanatiker am Rand, die Sorgen bereiten.
Mehrere Minister von Merkels „den christlichen Werten verpflichteter“ Bundesregierung haben sich schon in humanistischer Hinsicht sehr problematisch geäußert, auf Minderheiten eingedroschen und an Grundfesten der Verfassung gerüttelt:
Spahn, Seehofer, Kramp-Karrenbauer und Scheuer.


Die deutsche EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen reist auf radikal-evangelikalem Ticket und kam mit Stimmen der rechtsextremen Babiš, Orbán und Morawiecki ins Amt, bei denen sie sich auch sofort erkenntlich zeigte, als in ihren Ländern die Rechtsstaatlichkeit weiter abgebaut wurde.
Im pfälzischen Frankenstein bildet die CDU-Gemeinderätin Monika Schirdewahn bereits eine Fraktionsgemeinschaft mit der AFD.

Wie in den USA, England oder Polen sind die Linken und Liberalen auch in Deutschland zu schwach die AfD aufzuhalten.
Daß die Braunen anders als Salvini noch nicht regieren, liegt nicht an deutscher Widerständigkeit, sondern nur an der eigenen Doofheit der AfDler.


Die Ultrarechten blockieren und bekämpfen sich gern auch gegenseitig.
So bilden sie anders als die in den USA artig und homogen Trump unterstützende GOP immer noch einen heterogenen Haufen.
Im Osten ist sie stärker und  viel radikaler, aber im Westen gibt es wesentlich mehr Wähler.

[…..] Vor den Wahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen: Wenn es etwas gibt, das der AfD wirklich gefährlich werden kann, dann ist es die AfD. […..] Der 47-jährige Höcke und der ein Jahr jüngere Kalbitz sind beim deutschnationalen "Flügel" die zentralen Akteure des Machtkampfs, der die AfD mehr erschüttert als alle Angriffe ihrer politischen Gegner. Er bringt die Spitze um Parteichef Jörg Meuthen in Not. […..] Die AfD, da sind sich beide einig, soll erst den Osten und dann den Westen erobern. Für einige Parteifreunde im Westen ist das eine Drohung. Sie fürchten, dass der rechte Aufschwung Ost bei ihnen bürgerliche Wähler verschreckt. Auf Facebook rechnen sie vor, dass wegen der geringen Einwohnerzahl im Osten selbst die größten Erfolge dort nicht so viel wert seien. […..] Aus der Berliner AfD kommen regelmäßig Appelle zur Mäßigung, die regelmäßig überhört werden. […..]
Höcke [ließ sich beim Kyffhäuser-Treffen] mit einer Fahnenzeremonie begrüßen, über die sogar sein Parteifreund Gauland sich entsetzt äußerte, der ihn sonst stets verteidigt. In einer langen Rede verdammte Höcke innerparteiliche Kritiker. Er nannte sie "Feindzeugen", weil sie Parteikollegen kritisieren und so dem politischen Gegner dienten. […..]  (Jens Schneider, SZ vom 26.07.2019)

Freitag, 26. Juli 2019

Wer vögeln will, muss freundlich sein


Der im Titel genannte Banal-Zusammenhang ist offensichtlich.
Aber dieser alte Spruch wurde durchaus auch wissenschaftlich untersucht.
Sinnlose Studien gibt es für alles.

[….] Eine kanadische Studie belegt nun, dass freundliche Menschen als attraktiver wahrgenommen werden und dadurch auch mehr Sex haben.
Die große Frage, der Wissenschaftler der Universitäten von Guelph und Nipissing nachgingen, war dabei recht simpel: Wer hilft anderen Menschen regelmäßig und wer nicht.
Rund 800 Männer und Frauen machten bei der Studie mit, berichtet „sciencedaily.com“. Sie sollten angeben, ob sie Geld oder Gewinne für gute Zwecke abgeben oder Blut spenden würden, ob sie Fremden über die Straße helfen oder für ihre Kameraden da seien.
Das Ergebnis: Je hilfsbereiter die Menschen, desto häufiger haben sie Sex, desto mehr Sexpartner haben sie und desto attraktiver wirken sie grundsätzlich auf das andere Geschlecht. […..]

Bei der Partnersuche im Bereich der Fauna gibt es neben den Männchen, die sich als besonders stark und schön präsentieren, daher auch diejenigen, die durch Fürsorglichkeit überzeugen.
Sie bringen dem Weibchen ein Geschenk, bauen eine Höhle oder versuchen mit einem schönen Nest  zu beeindrucken.

Außerdem gibt es bei Tieren Sexualdimorphismus, so daß die Männchen schöner oder aber sehr viel kräftiger sind, wie bei Robben und Rindern.
(Seltener sind die Weibchen größer; das kommt bei Eulen, Reptilien, Kröten und Gliederfüßern vor.)
Wenn die Kraftverhältnisse so heterogen sind wie bei Seeelefanten, muss Herr Seeelefant auch nicht mehr nett sein.  Ein Bulle kann 6½ Meter lang und 3500 Kilogramm schwer werden, eine Kuh nur 3½ Meter und 900 Kilogramm.
Der Bulle poppt alles, das er kriegen kann und muss sich nicht erst einschmeicheln.

Eine Unterart des Sexualdimorphismus gibt es auch in der Politik.
Der Bremer Bürgermeister und der Regierungschef von NRW sind beide Ministerpräsidenten und gehören somit zur gleichen Gattung.
In Wahrheit ist aber Laschet so viel mächtiger als Sieling, daß er die Interessen seines Bundeslandes leicht durchsetzen kann.

Das gilt auch für die internationale Ebene. Deutschland ist in der EU die stärkste Macht, die USA sind es in der NATO.
Die beiden können sich oft ohne Rücksichtnahme auf die Kleinen durchsetzen.
Deutschland kann Griechenland vögeln und die USA können Polen vögeln.

Üblicherweise benehmen sich demokratische Nationen aber nicht ganz so wie ein mit Testosteron vollgepumpter Seeelefant.
Sie führen zwar an, lassen die anderen aber mitreden und berücksichtigen Partikularinteressen.
So schoss die Sowjetunion 1978 Sigmund Jähn in der Raumkapsel Sojus 31 zusammen mit Waleri Fjodorowitsch Bykowski zur sowjetischen Raumstation Saljut 6.
Natürlich hätte die damalige Weltraum-Supermacht das alles einfacher haben können, indem sie nicht extra Hobby-Astronauten aus der minikleinen DDR mitschleppt.
Aber es hatte strategisch gesehen auch viele Vorteile Jähn diese Ehre zu erweisen.
Die DDR war wahnsinnig dankbar, die beiden Länder fühlten sich einander noch verbundener und schließlich war es auch ein Stellvertreter-Erfolg, weil damit ein Sozialist aus der DDR erster Deutscher im All war und nicht etwa ein kapitalistischer BRD-Deutscher.
Wenn Große Kleinen gegenüber freundlich sind, hebt das die Stimmung und außerdem kann man vielleicht eines Tages einen Gefallen einfordern.

Frühere Bundeskanzler haben sich innerhalb der EU stets große Mühe gegeben nicht als größte Wirtschaftsmacht zu protzen, sondern sich einzubringen, Achsen zu bilden, gemeinsame Interessen zu formulieren.
Angela Merkel ist die erste Nachkriegsregierungschefin, die diesen Pfad verließ und bei der Frage der sogenannten „Euro-Rettung“ mit Gewalt den Berliner Willen durchsetzte.
Ihr Intimus Kauder betonte „Man spricht wieder deutsch in Brüssel“ und Finanzminister Schäuble zwang die überschuldeten Süd-Länder auf gnadenlosen Austeritätskurs.
Das war zwar ökonomischer Irrsinn, der nur Banken und Gläubiger befriedigte, aber der griechischen Wirtschaft schwer schadete, aber es war populär bei den Wählern. Was sollte es das große reiche Deutschland kümmern, wenn Athen genervt war und sein Tafelsilber verkaufen musste?
Genauso verhielten sich die deutschen Bundesinnenminister Friedrich und de Maizière in der Frage der Flüchtlingspolitik, als Griechenland und Italien ächzten, weil natürlich die vielen Bürgerkriegsflüchtlinge bei ihnen ankamen und nicht etwa im von EU-Staaten umgebenen Deutschland.
Jahrelang baten sie um Hilfe, jahrelang lachte Berlin sie aus und verwies auf „Dublin“ – sorry, das Land, in dem die Asylsuchenden das erste mal EU-Boden betreten muss sich um sie kümmern.

Es ist nicht so, daß Merkel und die CSU-Minister nicht gewarnt worden wären.
Eindringlich und vollkommen einig sprachen sich die Vorgänger Schmidt, Kohl und Schröder, aber auch Außenpolitik-Großkenner wie Horst Teltschik immer wieder dafür aus, die innereuropäischen Beziehungen zu pflegen, Rücksicht zu nehmen, auf Frankreich zuzugehen.
Merkel und die Unionsgrößen war es egal. Man fühlte sich so mächtig, daß man es nicht mehr nötig hatte auf andere zu hören.
Aber dann kam 2015.
Nun hatte auf einmal Berlin die Probleme, mit denen es zuvor Jahrelang die griechischen und italienischen Inseln allein gelassen hatte.
Plötzlich wollte Deutschland Solidarität, einen EU-Verteilerschlüssel und erntete ein herzliches „ihr könnt uns mal!“

Wenn man als 3,5 Tonnen schwerer Deutschelefantenbulle jahrelang alle kleinen Kühe vergewaltigt, wird man ausgelacht, wenn man eines Tages einen Splitter in der Flosse hat und die kleinen Damen aus dem Süden bittet ihn rauszuziehen.

Mächtig wie ein Bulle fühlt sich auch Boris Johnson.
Die anderen 27 EU-Staaten sollen nach seiner Pfeife tanzen und wenn sie das nicht täten, werde man eben vertragsbrüchig und behalte die 39 Milliarden Euro Schulden ein, die London noch bei Brüssel hat.
Ätsch. Der neue Insel-Premier glaubt damit der Stärkere zu sein.

Besonders weit denkt er aber nicht.
Denn erstens haben die anderen 27 Jahrzehnte unter britischen Sonderwünschen und Großmannssucht gelitten. Immer waren es die Vertreter Londons, die sich auf EU-Gipfeln quer stellten, Sonderrabatte und Extra-Konditionen verlangten.
Nun stehen sie da wie Merkel 2015, die auf einmal gequält lächelnd die anderen bat doch mal nett zu sein, als sie Sex wollte.
England war auch nicht nett zur EU und nun will keiner mehr mit ihnen Geschlechtsverkehr haben.

Das ist umso bedauerlicher, da Großbritannien nach dem Austritt aus der EU dringend andere Handelsabkommen braucht, um den Verlust der Absatzmärkte zu kompensieren.
Noch nicht mal elementarste Hausaufgaben konnte London erledigen

[….] Die EU unterhält mehrere Hundert Abkommen mit Drittstaaten, über den Luftverkehr, Nuklearsicherheit und -forschung, Fischerei, Industrie- und Lebensmittelstandards oder den Umweltschutz. Der wichtigste Teil aber sind die rund 40 Freihandelsverträge. Bis zum Brexit-Termin am 29. März, das hatte der britische Handelsminister Liam Fox noch im Herbst 2017 versprochen, werde er jeden einzelnen von ihnen neu abgeschlossen haben. Man müsste die Verträge mit den Drittstaaten einfach nur auf Großbritannien umschreiben. Ein Klacks.
Doch die Operation Copy-and-paste kommt kaum vom Fleck - das beweist ein Schreiben der britischen Regierung an die EU-Kommission, das dem SPIEGEL vorliegt. [….] Demnach konnte die britische Regierung bisher lediglich sechs der 40 Handelsverträge umschreiben. Einig sind sich die Briten mit:

    Chile,
    der Schweiz,
    dem ost- und südafrikanischen Handelsverbund ESA,
    den Färöer-Inseln,
    Israel,
    Liechtenstein,
    der Palästinensischen Autonomiebehörde.

Damit ist klar, wie schwer die Briten es haben, andere Länder zum Kopieren ihrer Abkommen mit der EU zu überreden. [….] Zudem zählen die bisherigen sechs Partner nicht gerade zu den Giganten des internationalen Handels. Entsprechend wenig könnten sie dabei helfen, die Folgen eines No-Deal-Brexits für die britische Wirtschaft zu dämpfen. Bei den größeren EU-Handelspartnern kommen die Briten dagegen kaum weiter. Im Gegenteil: Mit zweien - der Türkei und Japan - sind die Gespräche inzwischen gescheitert, wie aus Barrows Tabelle hervorgeht. Mit Mexiko, Kanada und Südkorea verhandelt London noch.
Mit den USA geschieht derzeit nicht einmal das. Unter "Handel" tauchen auf Barrows Liste keine Gespräche mit Washington auf. Der US-Handelsbeauftragte Robert Lighthizer hat aber kürzlich schon ein paar Bedingungen diktiert. Sollte er sich damit durchsetzen, müssten sich die Briten nicht nur auf Chlorhühnchen gefasst machen. Sie könnten womöglich auch keine Handelsverträge mehr mit Ländern ohne freie Marktwirtschaft abschließen - etwa mit China. "So viel zum Thema, die Kontrolle zurückzugewinnen", lästerte der "Guardian" über das "Taking back control"-Mantra der Brex [….]

Das große ehemalige Weltreich, das Empire will also in Zukunft im Zollchaos seinen Außenhandel auf die Färöer-Inseln, Liechtenstein, und die Palästinensische Autonomiebehörde stützen.

Wie soll Johnson eigentlich weitere Handelsabkommen schließen, wenn er mit der 39-Milliarden-Erpressungsdrohung jedem zukünftigen ökonomischen Partner beweist:
Ich bin nicht seriös, ich lüge, ich halte keine Handelsverpflichtungen ein, ich erpresse, auch mich kann man sich keinesfalls verlassen?

Johnson ist nicht nur nicht freundlich, sondern er ist verglichen mit den USA, China und Japan auch keineswegs ein übermächtiger Seeelefantenbulle, der sich zum Vögeln einfach ohne Rücksicht auf Verluste aufdrängen kann.

London wird gewaltig gegen die Wand krachen.

Donnerstag, 25. Juli 2019

Geniale Tipps und bahnbrechende Erkenntnisse.


Es muss wohl an der Hitze liegen, daß einige Medien gerade in den Nanny-Modus verfallen sind.
Zunächst einmal wird doch ernsthaft darauf verwiesen, daß es wirklich sehr heiß ist.
 Hochleistungssport und Alkoholexzesse sollte man nicht in der glühenden Mittagssonne verrichten.
Dabei gibt es einen ungeahnten Zusammenhang zu erklären, der eine ganze Kaskade komplizierter Folgen auslöst:

 Erstens, bei großer Hitze schwitzt man, dabei geht erstaunlicherweise zweitens Flüssigkeit verloren, die man idealerweise trickreich nachfüllt, indem man drittens mehr Wasser als sonst trinkt.
Potzblitz. Gut, daß das auch endlich mal erklärt wird.
Die meisten Wetterberichte hingegen verkünden wie debile Leitathletikreporter die neuen Temperaturhöchstleistungen: 40,3°C, 40,5°C, 41,5°C und nun sogar 42,6°C in Lingen. Dazu immer die gleichen Bilder fröhlicher im Freibad planschender gesunder Kinder und als Widerpart ein Bauarbeiter, der auf der Straße gerade dampfenden Teer verteilt.

Das ist die manichäische Welt der Wetterredakteure.
Es gibt einerseits die schönen, jungen, schlanken, gesunden Menschen, die alle nie arbeiten und den ganzen Tag am Strand liegen oder im Freibad schwimmen. Und andererseits gibt es paar wenige bedauerliche harte Kerle, die im Straßenbau schuften.

Die 80% der Bevölkerung, die nicht in das Raster passen, werden auch nicht erwähnt.


Das bedeutendste europäische Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL, “Sturmgeschütz der Demokratie“, kommt seiner Aufklärungspflicht nach, indem es mir wertvollen Content zum Thema „Bedienung einer Autoklimaanlage“ gibt.
Offensichtlich handelt es sich dabei um eine Form von Raketenwissenschaft.
Man kann nicht einfach ins Auto einsteigen, den Motor starten und dann den An-Knopf der Klimaanlage drücken.
Nein, dazu sind umfangreiche Recherchen notwendig, so daß man die Profitipps erfährt. Offensichtlich kann sich der Innenraum dunkler Autos, die in der Sonne geparkt sind, aufheizen. Donnerschlach, wer hätte damit gerechnet?

[….] Bei Außentemperaturen von bis zu 40 Grad wird es im Auto schnell heiß. [ECHT???? –T.] Abhilfe schafft die Klimaanlage - mit ein paar Tricks besonders gut.
Wer dieser Tage in der Sonne parken muss, würde angesichts der Hitze am liebsten wohl gar nicht mehr ins Auto steigen. Gut, dass es Klimaanlagen gibt - mit ein paar Kniffen kühlen die den Innenraum sogar noch schneller.
Wer möglichst rasch ein kühles Auto will, sollte vor Fahrtbeginn Türen und Schiebedach öffnen, um die Temperatur im Auto zu senken, so eine ADAC-Sprecherin. Anschließend sollten Fenster und Schiebedach geschlossen bleiben. [Geniale Idee, trotz Klimaanlage bei 40°C die Fenster schließen??]
Die maximale Kühlleistung entfalten klassische Anlagen, wenn eine besonders niedrige Temperatur eingestellt wird. [Ach, ich dachte, kühlen klappt am besten, wenn man auf Heizen stellt!] Anders sieht es bei einer Klimaautomatik aus, erklärt die ADAC-Sprecherin. Bei jener Technik könne man bedenkenlos die Zieltemperatur eingeben. [….]

Wie ich soeben lerne, spüren nicht nur Erwachsene die Hitze, sondern auch Kinder und sogar Babys sollen temperaturempfindlich sein. Wer ahnt denn sowas???
Angeblich trifft das auch auf Hunde zu, aber das ist sicher eine Verschwörungstheorie.

[…..] Nicht nur für Erwachsene sind die momentanen Temperaturen unerträglich, auch Kinder leiden besonders unter der aktuellen Hitzewelle. [….] Eltern sollten das Thema keinesfalls unterschätzen, denn werden Babys oder Kleinkinder zu lange Sonne und Hitze ausgesetzt, drohen neben einem Sonnenbrand auch weitere schwere gesundheitliche Risiken wie ein Hitzschlag oder Sonnenstich. [….] Besonders gefährlich wird es, wenn ein Kind im Auto zurückgelassen wird – was niemals passieren sollte. In der prallen Sonne könne sich das Innere des Wagens schon nach einer Stunde bis zu 60 Grad aufheizen, warnt ein Sprecher des ADAC. Ab 46 Grad wird es lebensbedrohlich für Kinder, die im Auto sitzen. [….] (Tagesspiegel, 26.06.2019)

Unglaubliches berichtet auch die Hamburger Morgenpost in einer dreiseitigen Titel- und Enthüllungsstory:

Wenn man in einer kurz vor dem Verkehrsinfarkt stehenden Großstadt, in der Fußgänger, Fahrradfahrer, Busse, Taxis, Moias, Motorräder und eine Million private Autos alle mit Enge und Stau kämpfen, ist es keine gute Idee auch noch eine Unzahl schneller E-Scooter kreuz und quer durch das Verkehrsteilnehmerknäuel zu jagen.
Dabei hat doch die größte Blitzbirne des Bundeskabinetts, CSU-Minister Scheuer extra die kleinen unübersichtlichen Raser zugelassen. Der Mann weiß doch immer was er tut und ist völlig verlässlich.

[….] Seit drei Wochen sind in Hamburg E-Scooter unterwegs und schon schlagen die Unfallkliniken Alarm. Bei Asklepios in St. Georg wurden bereits mehr als 15 Patienten behandelt, die mit E-Scootern verunglückten. Viele mit Verletzungen im Schädel- und im Hirnbereich.
„Die Bilanz ist erschreckend, vor allem, weil viele Kopfverletzungen dabei waren und die Fahrer in keinem Fall einen Helm trugen“, sagt Prof. Dr. Christian Kühne, Chefarzt des Chirurgisch-Traumatologischen Zentrums St. Georg. […..]

Wie? Wenn ein 75-kg-Mann ohne Schutzhülle auf einen 2.000-kg-Mercedes mit Fahrgastzellenerstärkung prallt, gewinnt der Autofahrer?
Damit kann doch kein Mensch rechnen.
Also ich habe in den vergangenen drei Wochen erst zweimal eine scharfe Vollbremsung machen müssen, weil mir so ein Irrer auf seinem Raketen-Skateboard vor das Auto auf die Straße schoss.

[….] Seit dem 15. Juni sind Elektro-Tretroller, sogenannte E-Scooter, in Deutschland erlaubt. Fünf Wochen später sage ich: Verbietet sie sofort wieder! Am besten morgen! Diese Dinger sind die Pest. Sie sind unglaublich gefährlich – sowohl für die, die damit durch die Stadt sausen, als auch für die übrigen Verkehrsteilnehmer. Und ökologisch bringen sie überhaupt nichts.
Schon jetzt ist der Verkehr in einer Großstadt wie Hamburg gefährlich, sogar lebensgefährlich. Bei 67.000 Unfällen in der Hansestadt wurden 2018 fast 10.000 Menschen verletzt, 29 getötet. Ich prophezeie: Die Unfallzahlen werden in den kommenden Jahren rapide in die Höhe schnellen, wenn die Politik diese teuflischen Dinger nicht ganz schnell aus dem Verkehr zieht. [….]  E-Scooter-Fahrer tun sich durch besonders anarchisches Verhalten hervor. [….] Die Polizei ist in höchster Alarmbereitschaft. Erste Kontrollen haben gezeigt, dass es dazu allen Grund gibt. Sehr verbreitet ist unter E-Scooter-Fahrern die Unsitte, dass zwei auf einem Gerät unterwegs sind – was streng verboten ist. Und am Sonntag kam es zum ersten schweren Unfall, als eine 41-Jährige mit ihrem E-Scooter in nahezu selbstmörderischem Leichtsinn bei Rot über die Ampel fuhr – und mit einem Pkw kollidierte. Sie liegt mit schweren Kopfverletzungen im Krankenhaus.
[….] Es war das Bundesverkehrsministerium, das unbedingt den E-Scooter nach Deutschland bringen wollte. Das hehre Ziel: Elektromobilität fördern und Autofahrer zum Umstieg animieren. Eigentlich konnte sich jeder denken, dass am Ende nichts Gutes dabei herauskommt – denn der Chef des Bundesverkehrsministeriums ist der wohl unfähigste Politiker, der derzeit auf der Berliner Bühne zu finden ist: Andreas Scheuer (CSU). [….]

Mittwoch, 24. Juli 2019

Indolent.


Wenn man in amerikanischen Oppositions-Foren chattet, stößt man immer wieder auf Memes, die Trumps rassistische Pöbeleien und das Schweigen der GOP-Größen im Parlament thematisieren.
Dazu erscheint der Satz „Falls ihr euch je gefragt hattet, wie in der deutschen Demokratie das faschistische Nazi-Regime entstehen konnte….“
Der Gedanke ist zutreffend. In der Tat erleben wir coram publico, wie humanistische Werte kontinuierlich abgeräumt werden und der Präsident selbst immer xenophober und rassistischer tönt.

Wie in den Jahren vor 1933 in Deutschland gelingt es auch in den USA nicht die widerständigen Kräfte dagegen zusammen zu führen.
Während die andere Hälfte der Bevölkerung genau die Menschenhetze und die rassistischen Tiraden bejubelt, wird die andere indolent. Die Presse stumpft entweder ab, findet keine Weg mehr mit den Trump-Skandalen die angemessene Empörung zu generieren, oder ist sogar gleichgeschaltet, fungiert in Goebbels-Manier als Einpeitscher des Herren.

In gewisser Weise sind die USA moralisch sogar noch verkommener als die späte Weimarer Republik.
Anders als in Weimar verfügt man über

a.) eine Jahrhunderte alte demokratische Erfahrung
b.) enormen ökonomischen Wohlstand
c.)  historisches Wissen wohin der Faschismus führt.

Der vielzitierte Satz, nachdem die weit nach 1945 geborenen Deutschen natürlich nicht für die Nazi-Gräuel, wohl aber aufgrund der nationalen Erfahrungen für ein Verhindern der Wiederholung verantwortlich sind, ist richtig.

Gerade unter diesem Aspekt blicken wir besonders schaudernd nach Nordamerika: Wären so ein Wahlkampf, so ein Präsident und so eine Regierung in Deutschland möglich?

Anfang der 1990er Jahre, als wir Wessis entsetzt mit fremdenfeindlichen Mobs in der ehemaligen DDR konfrontiert wurden, als Rostock-Lichtenhagen brannte, hätte ich die Frage verneint.
Zu massiv und kollektiv war das Entsetzen über die neuen Mitbürger aus dem Beitrittsgebiet.
Es gab eine gewaltige Gegenbewegung.
Allein 450.000 Menschen versammelten sich in Hamburg zum „Alsterleuchten“ unter dem Motto „stoppt den Hass“.
Buchstäblich die ganze Stadt war aufgerüttelt und in Brandenburg wählten 55% der Menschen die SPD. Der Souverän war bereit für demokratische Werte einzutreten. Massenhaft.

(….) Am 10. Oktober 1981 fanden sich fast 400.000 Menschen im Bonner Hofgarten ein, um gegen die Atom-Nachrüstung in Deutschland zu protestieren.
Die Regierung Helmut Schmidt überlebte das nicht sehr lange, aber als Helmut Kohl Kanzler wurde und die Menschenmassen noch anschwollen, „stand er“ und holte mehr Atomraketen ins Land.

22. November 1983: Am Tag, als der Bundestag die Aufstellung von US-Raketen in Deutschland beschließt, demonstrieren im Bonner Hofgarten bis zu 500.000 Menschen gegen die Nachrüstung mit US-Raketen.
In Hamburg sind es 400.000 Demonstranten, über die schwäbische Alb bildet sich eine 108 Kilometer lange Menschenkette zwischen Stuttgart und Neu-Ulm. Bereits in den Jahren zuvor war es zu Massenprotesten gekommen.
Die US-Raketen vom Typ Pershing II wurden trotz der massiven Proteste in der Bundesrepublik stationiert.

Im Juli 1986 demonstrieren in Bayern mehr als 100.000 Besucher am "Anti WAAhnsinnsfestival" gegen die atomare Wiederaufarbeitung.
 Die Bundesregierung sitzt es wieder aus.

26. Januar 1991: In Bonn demonstrieren 200.000 Menschen gegen den zweiten Golfkrieg, an dem sich auch Deutschland beteiligt, vor allem finanziell.
Dezember 1992: In Hamburg demonstrieren am 13.12.1992 bis zu 450.000 Menschen gegen Ausländerfeindlichkeit, in München waren es eine Woche zuvor 300.000 Teilnehmer. Die Bürger wollen mit Lichterketten ein Zeichen gegen Fremdenhass setzten, der sich in Anschlägen auf Asylbewerberheime und Häuser von Ausländern in Deutschland manifestiert. […]

Es folgten eine Reihe riesiger Demonstrationen gegen die harte Asylpolitik der CDU-Kohl-Merkel-Regierung.
100.000 Menschen in Essen 01.01.1993 "Das Ruhrgebiet sagt Nein!", gegen Gewalt und Rassenhass. Noch einmal genauso viele am 30.01.1993 bei der "Lichterspur" in Berlin unter dem Motto "Aufstehen und widerstehen“ und am selben Tag 120.000 Menschen in Düsseldorf beim "Lichterfest des Friedens und der Menschlichkeit."

15. Juni 1996: In Bonn demonstrieren 350.000 Menschen gegen Sozialabbau in Krankenversicherung und Arbeitsrecht. Die CDU/CSU-FDP-Bundesregierung gibt dem Druck der Straße nicht nach

09.11.2000: Berlin, 200.000, "Für Menschlichkeit und Toleranz", gegen Ausländerhass.

15. Februar 2003: Rund 500.000 Menschen demonstrieren in Berlin gegen den sich abzeichnenden Irak-Krieg. In Stuttgart sind es 50.000 Demonstranten.

Die nächsten Demonstrationen mit deutlich sechsstelligen Teilnehmerzahlen gibt es Ende 2003 und im Jahr 2004 gegen die Hartz-Gesetzgebung; leicht kommen eine Viertelmillion Menschen dazu in Berlin zusammen, aber auch in Stuttgart sind es 140.000 am 03.04.2004 und noch einmal 100.000 am selben Tag in Köln.

Bei allen diesen Demonstrationen geht es aber um Werte wie Frieden, Solidarität und Bürgerrechte – also etwas, das die CDU in ihrer Regentschaft stets eingeschränkt hat. (…..)

20 Jahre später, im Zeitalter der sozialen Medien leben die Deutschen in ihren eigenen Filterblasen, lesen keine Zeitungen mehr, verlieren sich in Partikularinteressen.
Kommen 5.000 Menschen zur Klimademo zusammen, sind wir schon baff erstaunt.
Rassistische Morde, pogromartige Zustände, tausende fremdenfeindliche Übergriffe, Kriegsrhetorik oder auch 4.000 durch EU-Politik im Mittelmeer krepierte Frauen Kinder erregen kaum noch Aufmerksamkeit.
Die offen rassistische AfD sehen Demoskopen in mehreren Bundesländern als stärkste Partei. In Sachsen schafften die Flügel-Hetzer das bereits zwei Mal – bei der Bundestagswahl 2017 und der Europawahl 2019 gingen sie als erstes durchs Ziel.

Der Bedeutungsrückgang der klassischen Medien führt zu immer geringerem Interesse sich zu engagieren und zu informieren. Immer mehr Menschen sind verblödet und kurzsichtig wie Herr Meister. Mögen wir noch lange von der direkten Demokratie verschont bleiben.

Möglicherweise sind wir in ein paar Jahren auch bereit für einen Trump.
Mehrere osteuropäische Nationen haben sich bereits rechtsradikalen Autokraten verschrieben.
Mit Italien und heute auch England marschieren zwei große westeuropäische Länder ebenfalls in den rechtspopulistischen Orkus.
Angesichts dieser Weltlage sollten wir der Groko täglich auf Knien für ihre Vernunft und ihre zu 50% sehr vernünftigen und umsichtigen Minister danken.

Unsere Antennen für Rassismus sind nämlich bereits abgebrochen.
In Deutschland können Rechtsradikale inzwischen Flüchtlinge und diejenigen, die sich für Flüchtlinge engagieren, ermorden, ohne daß es noch zu nennenswerter Gegenwehr des Staates kommt. Die Gesellschaft nimmt es indolent hin.

[…..] Die zögerliche Reaktion von Politikern auf Bombendrohungen und Angriffe aus dem rechten Spektrum schützt Strukturen wie damals den NSU. Innenminister Seehofer muss jetzt handeln.
In Duisburg, Mannheim und Mainz wurden am Montag Moscheen nach Bombendrohungen geräumt. In der Zentrale der Linkspartei in Berlin ging ebenfalls eine Drohung ein, unterschrieben mit "Combat 18", dem Namen einer militanten Neonazigruppe. Im hessischen Wächtersbach schoss am gleichen Tag ein Autofahrer auf einen Mann aus Eritrea. Mutmaßliches Motiv: Rassismus. Der Terror meldet sich zurück in Deutschland, diesmal von ganz rechts. Die Politik aber wirkt sonderbar teilnahmslos.
Schon nach der Ermordung des CDU-Politikers Walter Lübcke kam öffentliches Entsetzen nur zögerlich in Gang. […..]
Es ist diese Gleichgültigkeit, die rechtsextremistische Mörderbanden wie den NSU lange vor Entdeckung geschützt hat. […..]

Was soll man auch erwarten, wenn der zuständige Superinnenminister ein Laie ist, der seit Jahren ebenfalls gegen Flüchtlinge hetzte?
Ein Mann, der in seinem vorherigen Job als bayerischer Ministerpräsident von einem sogar noch extremeren Hetzer ersetzt wurde, der wiederrum mit dem Nachbar-MP von den Grünen ein Herz und eine Seele ist. Die überzeugten Christen Kretschmann und Söder sind sich politisch einig.

[…..] Ein Mann setzt sich an einem warmen Julivormitttag in der deutschen Provinz ins Auto, um im Vorbeifahren jemanden zu erschießen. Irgendjemanden, es gibt nur ein Kriterium: Das Opfer soll schwarz sein.
So geschah es laut Polizei am Montag im südhessischen Wächtersbach - und man muss sich die Ungeheuerlichkeit dieser Tat klarmachen, diese erschütternde Beiläufigkeit rassistischer Gewalt: Da fuhr jemand einfach los, um einen arglosen Menschen aufgrund eines hasserfüllten Weltbilds zu töten.
Was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn wenige Wochen nach dem mutmaßlich rechtsextrem motivierten Mord an einem CDU-Politiker eine solche Tat geschieht? Und was verrät uns der Umgang mit diesem Anschlag über den Zustand von Demokratie und Debattenkultur?
[…..] Eine gesamtgesellschaftliche Debatte über rechtsextreme Gewalt scheint gerade jedenfalls nicht neu entfacht zu werden.
Vielleicht liegt das daran, dass der Anschlag kein Mitglied der Mehrheitsgesellschaft traf und vielen schon deshalb nicht nah geht. […..]  Wie weit ist die kollektive Abstumpfung bereits fortgeschritten?
Offenbar ziemlich weit, wenn man bedenkt, dass dieser Fall an frühere Anschläge erinnert: Auch die NSU-Rechtsterroristen suchten ihre meisten Opfer nach heutigem Wissensstand willkürlich aus - Hauptsache, sie waren Migranten. Und auch im Fall Walter Lübcke ereignete sich die Gewalttat eines Neonazis in der hessischen Provinz, auch in diesem Fall stand wohl kein Terrornetzwerk dahinter. […..]

Das Deutschland des Jahres 2019 bewegt sich gemütsmäßig auf die USA des Jahres 2016 hin. Kaum einer stört sich noch an Nazi-Übergriffen, fremdenfeindlichen Morden und rechtsradikaler Wählerschaft.

[….]Das Problem der deutschen Politik heißt Nazi-Ignoranz
Im Internet kursieren Todeslisten gewalttätiger Nazis - und oft bekommen die aufgeführten Personen keine angemessene Hilfe durch die Behörden. Dabei können selbst vermeintlich dilettantische Listen gefährlich werden. […..]