Dienstag, 26. Juli 2016

Erster DNC-Tag.



Das war gut. Nach Monaten des puren Wahnsinns aus dem GOPer Lager und dem blanken Hass, der von ganz links bis ganz rechts auf Hillary Clinton einprasselt, hatte ich offensichtlich schon in meinem Unterbewußtsein abgespeichert, daß alle Amis irre sind.

Aber ich habe mir letzte Nacht den ersten Tag der demokratischen Convention in Philadelphia von A bis Z, inklusive der obligatorischen a posteriori CNN-panels angesehen.
Jede einzelne Rede.
Warren war etwas schwächer als ich erwartete.
Ohnehin bin ich kein Freund von Bernie Sanders als Redner. Ich finde ihn rhetorisch grauenhaft.
Er beschränkte sich aber nicht auf die simple Argumentation - Hillary ist wenigstens nicht so schlimm wir Trump - sondern listete en Detail inhaltlich auf, wieso er stolz für Hillary stimme.
Die Partei habe sich unter dem Einfluss seines „Struggles“ und seinen 13 Millionen Wählern weit bewegt.
Eine ganze Kaskade von klar progressiven und liberalen Ansichten sind nun offizielle Parteilinie.

This election is about overturning Citizens United, one of the worst Supreme Court decisions in the history of our country. That decision allows the wealthiest people in America, like the billionaire Koch brothers, to spend hundreds of millions of dollars buying elections and, in the process, undermine American democracy.

Hillary Clinton will nominate justices to the Supreme Court who are prepared to overturn Citizens United and end the movement toward oligarchy in this country. Her Supreme Court appointments will also defend a woman’s right to choose, workers’ rights, the rights of the LGBT community, the needs of minorities and immigrants and the government’s ability to protect the environment.

If you don’t believe this election is important, if you think you can sit it out, take a moment to think about the Supreme Court justices that Donald Trump would nominate and what that would mean to civil liberties, equal rights and the future of our country.

This election is about the thousands of young people I have met who have left college deeply in debt, and the many others who cannot afford to go to college. [….]

This election is about climate change, the greatest environmental crisis facing our planet, and the need to leave this world in a way that is healthy and habitable for our kids and future generations. [….]

This campaign is about moving the United States toward universal health care and reducing the number of people who are uninsured or under-insured. [….]

Sehr wichtig auch, daß Sanders noch einmal klar machte, wie viel besser die Lage in Amerika nach siebeneinhalb Jahren demokratischer Regierung geworden ist – verglichen zu den GWB-Jahren.

This election is about remembering where we were 7 1/2 years ago when President Obama came into office after eight years of Republican trickle-down economics.
The Republicans want us to forget that as a result of the greed, recklessness and illegal behavior on Wall Street, our economy was in the worst economic downturn since the Great Depression. Some 800,000 people a month were losing their jobs. We were running up a record-breaking deficit of $1.4 trillion and the world’s financial system was on the verge of collapse.
We have come a long way in the last 7 1/2 years, and I thank President Obama and Vice President Biden for their leadership in pulling us out of that terrible recession.
Yes, we have made progress, but I think we can all agree that much, much more needs to be done.

Es sind eben nicht nur Personen, sondern die Demokraten stehen inhaltlich in fast jedem Aspekt für etwas ganz anderes als die GOPer.

Die große Sanders-Unterstützerin Sarah Silvermann nannte es völlig zu Recht lächerlich, wenn jetzt immer noch Feel-the-Bern-Leute aus Frust über ihre Niederlage Clinton die Unterstützung verweigerten und dann lieber Trump im Weißen Haus sähen.

Abgesehen von Warren und Sanders waren alle anderen Redner richtig gut.

Durch die über 60 Beiträge zog sich ein ganz klarer Gegenentwurf zum Hass-Parteitag der GOPer, auf dem jede inhaltliche Aussage vermieden und dafür nur der Gegner dämonisiert wurde.


Der erste DNC-Tag war eine gelungene Veranstaltung, bei der positive und inhaltliche Signale gesetzt wurden.
Man hat sich nicht auf das Niveau der Gegenerbeschimpfung herabgelassen.
Das war keine Negativ-Convention wie bei den GOPern, sondern es wurden positive, perspektivische Signale gesetzt.

US-Senator Cory Booker, 47, aus New Jersey begeisterte mit seiner optimistischen Rede das Convention Center wie 12 Jahre zuvor ein unbekannter Jungsenator namens Barack Obama.

Nicht viele Zuschauer konnten unberührt bleiben von Michelle Obamas persönlicher Empfehlung für Hillary Clinton.

Für europäische Verhältnisse war die Ansprache der First Lady sehr emotional und eher unpolitisch. Aber in Amerika dürfte sie genau den richtigen Ton getroffen haben. Jeder Ami, der kein Hardcore-Republikaner ist, lag ihr anschließend zu Füßen.


Ich gebe zu, daß auch ich beeindruckt davon bin, wenn ein Kandidat Amerika zurück in die 1950er Jahre führen will, als Schwule, Schwarze und Frauen noch nichts zu melden hatten, von einer schwarzen First Lady belehrt wird, daß die USA eben nicht total runtergekommen sei wegen der Diversität, sondern größer als je zuvor wäre.

The story that has brought me to this stage tonight. The story of generations of people who felt the lash of bondage, the shame of servitude, the sting of segregation, but who kept on striving and hoping and doing what needed to be done so that today, I wake up every morning in a house that was built by slaves. And I watch my daughters, two beautiful, intelligent, black young women, playing with their dogs on the White House lawn. And because of Hillary Clinton, my daughters and all our sons and daughters now take for granted that a woman can be president of the United States.

Die Parteitags-Inszenierung war durchaus beeindruckend.
Wie man illegalen Immigranten, Behinderten und Schwulen eine Stimme gab und sie im direkten Kontrast zu Trumps Abscheulichkeiten bejubelte.
Stronger together.

Da bleiben kaum Augen trocken, wenn man direkt nacheinander sieht, wie Trump sich über Behinderte lustig macht und anschließend die Demokraten Anastasia Somoza die Bühne bereiten.


Es sagt schon viel über die charakterliche Verkommenheit der Millionen Trump-Fans aus, daß sie ihm seine Widerwärtigkeit gegenüber NYT-Mann Serge F. Kovaleski durchgehen lassen.



Wenn das so weiter geht, wähle ich im November nicht nur aus Mangel an Alternative Hillary, sondern voller Überzeugung und Begeisterung.

Nur Paul Simon ist irgendwie außer Form...

Montag, 25. Juli 2016

Geschichtsstunde – Teil II



…oder
Wie die Nahostwelt verrückt wurde.

Vier bis fünf Jahre störte der Bürgerkrieg in Syrien eigentlich niemand in den Hauptstädten Europas und Amerikas.
War weit weg und wer blickt da im Nahen Osten überhaupt noch durch?
Solange wir in der Gegend noch billig Öl kaufen konnten und ordentlich was mit Rüstungsexporten dahin verdienten, wollte sich angefangen vom „kleinen Mann auf der Straße“ bis hinauf ins Kanzleramt niemand damit beschäftigen.
Aufgeschreckt wurden wir erst so richtig als Millionen von Kriegsopfern nicht mehr elendig in anatolischen, libanesischen und jordanischen Flüchtlingscamps vegetierten oder im Meer ersoffen, sondern in EU-Länder flohen.

Ach Du Schreck. Merkel und ihre diversen Innenminister hatten in Brüssel immer auf dem Dublinverfahren beharrt.  Deutschland, als nördliches und von anderen EU-Staaten umgebenes Gebilde verlangte, daß alle in die EU einreisenden Flüchtlinge in dem Land bleiben, in dem sie europäischen Boden betraten.
Kategorisch lehnten Schäuble, Friedrich und de Maizière in Brüssel die Bitten um Hilfe Griechenlands und Italiens ab.

Und dann auf einmal standen die Flüchtlinge bei uns vor der Tür.
Aus heiterem Himmel. Konnte ja keiner wissen. Ganz überraschend. De Maizière hatte die Kapazitäten gerade richtig runtergefahren, die dringenden Ersuchen des BAMF auf Personalaufstockung abgelehnt.
Woher sollte man auch ahnen, daß da irgendwas in Syrien schief ging?
Viele Deutsche begriffen dann auch erst 2015 was diese abstrakten Zahlen – 500.000 Bürgerkriegstote, Millionen Vertriebene – in der Realität bedeuteten.

Ähnlich verhielt es sich mit dem Daesh, der 2016 scheinbar allgegenwärtig ist.
Urplötzlich erschien der im Irak und Syrien. Damit konnte ja keiner rechnen.
Hatten nicht George W. Bush und Tony Blair unter demonstrativem Beifall Angela Merkels und Wolfgang Schäubles 2003 erklärt, daß nach dem Ende Saddams eine friedliche und prosperierende Demokratie unter dem Jubel der Iraker entstünde?

Das ist die Stunde der Populisten.
Trump, AfD, Le Pen, Farage, Wilders und Co können nun das Unbehagen gegenüber „des Islams“ schüren und mit jedem IS-Anschlag in neue demoskopische Höhen klettern.

Von der ganz linken und ganz rechten Seite im Westen hört man seit Jahren die Forderung sich aus dem Nahen Osten rauszuhalten.
Da könne man nichts erreichen. Sollen die sich doch gegenseitig die Köpfe einschlagen.

Demokratie ist schließlich auch keine Lösung.
Man erinnere sich daran als 1991 die Algerier ihr Parlament frei wählen durften.
Da bekommt doch tatsächlich die „islamische Heilsfront“ die Mehrheit.
Oder 2012 in Ägypten. Da wählt eine Mehrheit die Muslimbrüder nach 80 Jahren in der Opposition - und damit Mursi zum Präsidenten.
So geht es nicht: Demokratisch wählen, aber andere Parteien an die Macht wählen, als EU und USA geplant hatten.
In beiden Fällen unterstützte der Westen anschließend schnell einen Militärputsch, der die demokratischen Ergebnisse abschaffte.
Alle Appelle der rechtmäßig gewählten Parteien an den Westen man möge doch das demokratische Wahlergebnis respektieren, schlugen die werteorientierten Westdemokratien aus.

Verdammte Demokratie.

Man wählt Rajoy statt Zapatero, George W. Bush statt Gore, immer wieder Berlusconi und 16 Jahre Kohl.
Amerikanische Volksabstimmungen über Waffenrecht, Drogenkonsum und Homoehe waren in der Vergangenheit fast immer von Vorurteilen und nicht von Fakten beeinflusst.
Der Westen propagiert Demokratie, aber nur vor der Kamera.
Eigentlich hat man lieber eine schöne Diktatur mit einem verlässlichen Diktator/König/Papst/Führer, der alles im Griff hat.
So wie es vor der Arabellion war.
Oder Palästina. Jeder lobt Israel, als die „einzige Demokratie des Nahen Ostens“.
Als die Palästinenser auch wählten, fand man das dann nicht mehr so toll.
Insbesondere nicht mehr, nachdem 2006 die Hamas die Wahl gewann; also die sunnitische Befreiungsorganisation Palästinas, die sich quasi als Tochter der Muslimbruderschaft gegründet hatte.
Ähnlich sah es in Ägypten aus, nachdem die Hamas-Mutter „Muslimbrüderschaft“ die Präsidentenwahl gewonnen hatte und ihr Mann Mursi das tat, was er versprochen hatte.
Das gefiel Merkel und Obama überhaupt nicht und sie begrüßten den höchst antidemokratischen Regierungsumsturz, der nichts anderes als ein Militärputsch war und nun zu einer Gewaltorgie geführt hat.

Deswegen ist der Westen übrigens so unbeliebt in Nordafrika und im Nahen Osten: Die Glaubwürdigkeit der Nato-Staaten, die von Demokratie und Frieden reden, aber dann die Diktatoren bevorzugen und die Gegend mit Waffenexporten überziehen, ist nicht mehr messbar.

Warum geht seit Jahrzehnten alles so schief im arabischen Raum?
Können die nicht mal allein für Ruhe sorgen?
Was haben wir guten, aufgeklärten, fortschrittlichen, zivilisierten Westler mit dem jüdisch-christlichen Wertesystem eigentlich damit zu tun?

Alles.

Wir sind die Wurzel des Übels.
Wir, der christliche Westen, haben im zerstörerischen Kolonialisierungswahn vor genau hundert Jahren die gewachsenen arabischen und persischen Strukturen zerschlagen und eine auf westliche Ausbeutung angelegte künstliche Struktur auf einen halben Erdteil gepresst.
Das konnte nicht funktionieren.

Im Mai 1916, die Schlacht um Verdun war in vollem Gange, schlossen Frankreich und Großbritannien ein geheimes Abkommen, mit dem sie den Nahen Osten unter sich aufteilten. Noch waren die Gebiete der heutigen Staaten Syrien, Irak, Jordanien, Libanon und Israel unter osmanischer Herrschaft. Doch für die Zeit nach einem vorhersehbaren Sieg der westlichen Alliierten vereinbarten diese schon einmal die Verteilung des Territoriums.
Auf britischer Seite verhandelte der konservative Unterhausabgeordnete Sir Mark Sykes. Für Frankreich saß der Diplomat François Georges-Picot am Verhandlungstisch. Sie zogen eine Linie von Akko am Mittelmeer bis nach Kirkuk im heutigen Irak. Südlich davon sollten die Briten herrschen, nördlich davon die Franzosen. Zunächst wurde das Abkommen geheim gehalten. Als sein Inhalt 1918 veröffentlicht wurde, kam es zum politischen Aufruhr in der arabischen Welt, die sich bis dahin Unabhängigkeit erhofft hatte. [….]

In über 400 Jahren hatten die christlichen Mächte rein gar nichts dazu gelernt und fanden immer noch, es stünde ihnen zu willkürlich den Rest der Welt unter sich aufzuteilen.
Schließlich zählten nur Christen als Menschen. Alles andere waren Wilde, die man besitzen konnte.

Da war viel los. Das Mittelalter ging zu Ende, das Zeitalter der Kolonialisierung begann.  Mein Lieblingspapst Alexander VI. hatte 1494 im Vertrag von Tordesillas mal eben die gesamte Welt und alle ihre Besitztümer zwischen Portugal und Spanien aufgeteilt. Das ist ja das Schöne an den Christen; sie sind so überhaupt nicht anmaßend.

Die willkürlichen Grenzziehungen der Europäer und die noch Dekaden währende Ausbeutung, sowie exzessive Gewalt gegen Maghrebiner und Araber, die Entrechtung von zig Millionen Menschen, das Verweigern von Souveränität führte bis in die jüngste Zeit dazu, daß vielen Völkern nur zwei Alternativen blieben:
·       
Entweder sich unter brutale Autokraten pressen zu lassen, die in Syrien, dem Irak, Algerien oder in Ägypten Myriaden einfache Bürger folterten, massakrierten, umbrachten, verschleppten.
·        Oder sich der einzigen Bewegung anschließend, die seit 80 Jahren dagegen aufbegehrt: Den Islamisten.

Eins haben die Menschen in Nordafrika und Arabien gelernt: Auf den Westen kann man nicht zählen.
Der Westen unterstützte immer die brutalsten Militärdiktatoren, die jegliche Menschenrechte mit Füßen traten.
In den wenigen Fällen, in denen es doch mal zu Wahlen kam, sorgten EU und USA dafür, daß die Wahlergebnisse nicht anerkannt wurden; Stichwort Hamas, Muslimbrüder, Islamische Heilsfront.

Der Westen legte aber nicht nur 1916 mit der Sykes-Picot Linie die Wurzel des Übels, sondern sorgte in den nächsten 100 Jahren auch durch ständige militärische Eingriffe für die brutale Niederschlagung aller Freiheitsbewegungen, bombte sogar noch 2003 den Weg frei für Al Kaida.

Der junge Hamburger Islamwissenschaftler Benham T. Said stellt dazu ganz nüchtern fest:

Ohne Gesellschaften, die für einen gewissen sozialen Ausgleich sorgen, die politische Partizipation ermöglichen, werden wir Bewegungen wie al-Qaida oder den IS immer wieder sehen. Gewalttätige nichtstaatliche Akteure entstehen hauptsächlich in Staaten, die autoritär gelenkt werden.

Said tritt auch auf als Erklärbär in der Arte-Dokumentation „100 Jahre Krieg in Nahost - Das Sykes-Picot-Geheimabkommen und seine fatalen Folgen“ von Alexander Stenzel, die ich jedem dringend empfehle.


100 Jahre hochkomplexe Geschichte eines ganzen Erdteils in 52 Minuten kann natürlich nicht alle Aspekte zeigen.
Selbstverständlich ist Islamistischer Terror nicht monokausal nur als Reaktion auf christliche Krieger zu sehen.
Aber ohne die extrem kontraproduktiven Eingriffe des christlichen Westens kann man die Lage in Nahost nicht verstehen.

Der Regisseur und ARD Nahost-Korrespondent Alexander Stenzel ist sicher keiner, dem man eine zu antiamerikanische Sichtweise vorwerfen kann.
Im Gegenteil; die echten amerikanischen Schweinereien verschweigt er.

So wird der Aufstieg bin Ladens mit Geldgebern aus Riad erklärt….

…Bin Laden, der mit Brüdern im Geiste gegen die sowjetische Besatzung kämpft. Ihre wichtigste Geldquelle, das saudische Königshaus, das damals die Gefahr ignoriert, daß die Militanten irgendwann eines Tages heimkehren könnten.

…ohne mit einer Silbe zu erwähnen, daß es die amerikanische CIA war, die bin Laden über Jahre aufrüstete und in Afghanistan unterstützte.

Nach Stenzels Darstellung überfällt Saddam Hussein aus heiterem Himmel und ohne Rechtfertigung im Jahr 1990 das kleine, aber reiche Kuwait.

Der Golfkrieg von 1980-1988, bei dem Saddam maßgeblich von den USA angetrieben den Iran angegriffen hatte, wird in dieser Dokumentation mit keiner Silbe erwähnt. Daß Donald Rumsfeld persönlich in den Irak reiste, um Saddam aufzurüsten, kommt ebenso wenig vor, wie das nicht gehaltene Versprechen der Amerikaner dem Irak bei den Kriegskosten zu helfen.
Dabei spricht viel dafür, daß Saddam aus finanzieller Not und Wut über nicht eingehaltene Finanzzusagen Kuwait besetzte.
Stenzel erklärt selbstverständlich auch nicht, daß Kuwait im Jahr 1922 tatsächlich durch die Briten vom Irak abgeknapst wurde und somit Saddams Ansicht Kuwait gehöre historisch zum Irak nicht ganz abwegig ist.

Dafür wird in der Arte/ARD-Doku der Schwarze Peter übermäßig Russland zugeschoben. Von Neutralität kann keine Rede sein, wenn amerikanische Aktionen verschwiegen oder beschönigt werden, während die im Nahen Osten sehr viel selteneren sowjetischen, bzw russischen Aktionen klar negativ beschrieben werden.

Zur militärischen Unterstützung des Nassar-Regimes, das sich nur mit der Unterstützung Nikita Chruschtschows von den Briten unabhängig machen konnte, heißt es:

Für das kommunistische Imperium in Moskau gilt die eiserne Regel des kalten Krieges: Expandieren, wo es nur geht.

Als ob es nicht die Amerikaner, Briten und Franzosen gewesen wären, die sich seit Jahrzehnten im Nahen Osten ausgebreitet hätten und dabei im Gegensatz zur Sowjetunion gewalttätig und gegen den Willen der Bevölkerung vorgingen.
Die ägyptische Regierung hatte Chruschtschow hingegen 1964 eingeladen.
Der Generalsekretär der KPdSU wurde dabei so sehr von allen Ägyptern bejubelt, daß sein ganzer Staatsbesuch einem Triumphzug glich.
Anders als Stenzel suggeriert, lieferte Russland nicht etwa nur Waffen, sondern gab Ägypten überlebenswichtige Kredite und half mit über 3.000 Ingenieuren den Assuan-Staudamm zu bauen, durch den sich die landwirtschaftlich nutzbare Fläche um ein Drittel erhöhte.

In der ARD wird aber auch das moderne Russland nur negativ gesehen.

Zudem wirft sich ein weiterer Akteur in das Schlachtfeld, der nicht als Vertreter demokratischer Rechte gelten kann. Russland will für sich den Rang einer Weltmacht zurück erobern und ergreift damit Partei für die Syrische Regierung unter Assad.

Als ob Putin den großen Schaden im Irakkrieg angerichtet hätte!
Putin war neben Chirac und Schröder der größte Gegner des Irakkrieges von 2003, setzte sich intensiv für eine friedliche Lösung ein, während Italien, Spanien, Polen, England und die USA – und Merkel – völkerrechtswidrig ein beispielloses Desaster anrichteten, bei dem mindestens 500.000 Iraker ums Leben kamen.

Verschwörungstheoretiker werden durch so eine einseitige Betrachtungsweise natürlich animiert wieder von „Lügenpresse“ zu sprechen.
Aber der Vorwurf ginge dann doch zu weit.

Stenzels Doku hat zwar in einigen Teilen etwas Schlagseite, aber grundsätzlich ist sie dringend zu empfehlen für jeden, der sich für die Ursachen der ewigen Nahostkrise, welche nur die ganze Welt beeinflusst, interessiert.

Sonntag, 24. Juli 2016

Marxens Milliarden – Teil II



Im Leitartikel des ganz neuen SPIEGELs beschreibt Christiane Hoffmann den „Zeitenbruch“, in dem sich die Welt gegenwärtig befinde.

Es gibt Zei­ten, in de­nen die Welt­ge­schich­te un­ter er­höh­ter Tem­pe­ra­tur zu ar­bei­ten scheint. Dann herrscht jene über­hitz­te At­mo­sphä­re von Ge­reizt­heit und Streit­lust, jene Nei­gung zu Hys­te­rie und Ver­wir­rung, wie sie Tho­mas Mann im „Zau­ber­berg“ be­schrie­ben hat, am Vor­abend des Ers­ten Welt­kriegs, mit dem eine alte Welt­ord­nung un­ter­ging und eine neue ent­stand. Es sind Zei­ten des Epochenwan­dels. [….]
(DER SPIEGEL 30/2016 s.8)

1989/90 war wieder so eine Umbruchszeit.
Aber auch die Weltfinanzkrise 2008/2009 in Kombination mit dem arabischen Frühling/Aufstieg des IS 2013 stellt wieder alles in Frage.

Der gegenwärtige Umbruch erfasst anders als 1990 auch die westlichen Länder, die sich wie die USA damals bequem zurücklehnend ihren Sieg genossen.

Es gibt Krieg in Osteuropa, die EU entwickelt noch vor zehn Jahren für unmöglich gehaltene Zentrifugalkräfte.
Russland und die Türkei, vor zehn Jahren auf dem demokratischen Weg in den Westen, gleiten in Autokratien ab.
In Kerneuropa und den USA wuchern Populismus, Nationalismus und brutale Fremdenfeindlichkeit.

Es ist etwas gründlich schief gelaufen.
Wir reiten und gerade so massiv in den Mist, daß jeder dringend gefordert ist sich für liberale Werte, Demokratie und Transparenz einzusetzen.
Einfach ausruhen und starr auf die eigenen gewohnten Privilegien beharren, ist das was wirklich nicht mehr geht.

Da der Urnenpöbel immer noch viel zu phlegmatisch ist und statt sich mal über die Lage in der Welt zu informieren, lieber Pokemon spielt, wäre es schön, wenn irgendwer voranginge, um für grundsätzliche Veränderungen unserer Politik und Gesellschaft zu werben.
Aber wer sollte das sein?

Die Gewerkschaften schrumpfen sich selbst in die Bedeutungslosigkeit, die Konservativen verharren in Schreckstarre vor der AfD, allgemein akzeptierte Wegweiser und Intellektuelle sind ausgestorben, Künstler äußern sich kaum noch politisch, Linke biedern sich ebenfalls bei den Xenophoben an, die Sozis verzweifeln an Zickzack-Sigi.
Das Schlimmste ist vermutlich die totale Indolenz der Jugend und der Studenten. Die junge Generation sehnt sich wie nie zuvor nach totaler Anpassung, kann sich noch nicht mal aufraffen überhaupt wählen zu gehen.
Von allen gesellschaftlichen Kräften verfügen die deutschen Kirchen immer noch über den mit Abstand höchsten Organisationgrad, die gewaltigsten Reichtümer und den größten Einfluss.

Aber auch bei ihnen das gleiche Bild.
Sie krallen sich an ihre Privilegien, schotten sich ab, versuchen gar nicht erst ihre Kumpanei-Parteien mit dem „C“ im Namen bei ausländerfeindlichen Sprüchen zu stoppen.
Gelebte christliche Werte bedeutet in der RKK, daß man gegenüber den Opfern des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker knausert und zu den eigenen Top-Geistlichen, die über die Jahrzehnte für den Schutz der Kinderficker sorgten, umso großzügiger ist.
Aber es gibt auch RKK-Gruppen mit sozialem Gewissen.

Die Bamberger Joseph-Stiftung kümmert sich um Bedürftige, die kein Obdach haben.

Der Erzbischof von Bamberg hat das Unternehmen 1948 gestiftet. Insbesondere Heimatvertriebene, Flüchtlinge und Ausgebombte, die in sein Bistum nahe der innerdeutschen und tschechischen Grenze strömten, sollten wieder ein Zuhause finden. […] Wir sind ein der katholischen Kirche zugeordnetes Wohnungsunternehmen. Zweck der Stiftung ist eine angemessene und sozial vertretbare Verbesserung der Wohnungsversorgung, insbesondere in der Erzdiözese Bamberg. Die Stiftung ist christlichen Grundwerten verpflichtet.
Der Stiftungszweck soll gezielt durch die Initiierung, Förderung, Entwicklung, Durchführung und Auswertung von Modellprojekten, Maßnahmen und Konzepten im Wohnungswesen, insbesondere mit sozialer und ökologischer Signalwirkung, umgesetzt werden. Die Bewahrung der Schöpfung für künftige Generationen und der demographische Wandel stehen dabei für uns im Mittelpunkt.

Die frommen Katholiken arbeiten auch heute noch eifrig an ihren Stiftungszielen.
Aufgrund ihrer rührenden Vorsorge nahmen sie sich zuletzt eines ganz besonders Bedürftigen an: Der Bamberger Alt-Erzbischof Karl Braun, 85, gilt selbst beim konservativen Katholisch.de* als stramm rechts.

*In seinen aktiven Bischofsjahren sah sich Braun dem Vorwurf ausgesetzt, er sei "erzkonservativ". Dieses Etikett mag seiner Geradlinigkeit, marianischen Frömmigkeit und Grundsatztreue geschuldet gewesen sein.

Seine Amtsnachfolger in Eichstätt (Mixa) und Bamberg (Schick) dürften ganz nach seinem Geschmack gewesen sein.

Der Bamberger Bedürftige (monatliches Ruhegehalt EUR 9.700,- netto) kann sich natürlich nicht selbst eine Wohnung leisten.
Muß er auch nicht.
Bischöfe residieren in Residenzen.
Ex-Erzbischof Braun besitzt ein Haus mit eigener Kapelle (und genügend Platz für drei bei ihm wohnende Ordensschwestern, die den Greis rund um die Uhr kostenlos versorgen) in Wildensorg.
Ganz bescheiden.
Der arme Mann muß eingepfercht auf 375 Quadratmetern Wohnfläche auskommen. Bezahlt hat die Bistums-eigene Stiftung, deren Vorstand Braun zuvor selbst eingesetzt hatte.

[…] Die karitative Joseph-Stiftung hat dem früheren Bamberger Erzbischof Karl Braun für 1,2 Millionen Euro einen Alterssitz hingestellt.
[…] Am 3. Juli 2001 erscheinen vor einem Bamberger Notar Erzbischof Braun und Reinhard Zingler. Braun, 70 Jahre alt, ist am Tag zuvor von Papst Johannes Paul II. vom Amt entbunden worden; Braun hat Herzprobleme. Der Emeritus braucht nun eine Wohnung; das Bischofshaus soll schließlich seinem Nachfolger zur Verfügung stehen. In Bamberg gibt es, wie in den meisten Bistümern, für solche Fälle in der Nähe des Doms Wohnungen für verdiente pensionierte Kleriker. Nicht alle verdienten Kleriker allerdings möchten unter den Blicken der anderen verdienten Kleriker wohnen - auch Braun nicht. […]
"Der Vorstand der Stiftung besteht aus einem oder mehreren Mitgliedern, die vom Erzbischof von Bamberg berufen oder abberufen werden", heißt es in der im Juli 2001 gültigen Satzung; gleiches gilt für den Aufsichtsrat. Der Erzbischof kann sich also den Vorstand und dessen Kontrolleure aussuchen, die Leute also, die über den Kauf entscheiden.
[…] Wildensorg ist nicht Limburg, der Bau im Fränkischen ist solide, aber nicht protzig. Drei Zimmer für die Schwestern, ein Aufzug, ein ausgestattetes Büro, das ist kein obszöner Luxus. Allerdings auch nicht billig. Die Stiftung beziffert die Baukosten mit 820 000 Euro - das stimmt, wenn man die Kosten nur für den Bau nimmt. Insgesamt aber, das geht aus den Unterlagen hervor, hat die Joseph-Stiftung fast 1,2 Millionen Euro ausgegeben, bis der Erzbischof einziehen kann. […]

Ich bin immer wieder gerührt, wenn ich von dem sozialen Engagement der Kirchen für Bedürftige höre.