Montag, 21. März 2016

Wie es hier so läuft – Teil VIII



Der große Helmut Schmidt sagte einst, als Hamburger Bürgermeister wäre eher ein guter Verwalter als Politiker gefragt.
Das stimmt natürlich.
Der kleine Mann auf der Straße ärgert sich über Baustellen, fehlende Parkplätze, verschobene Buslinien, Ticketpreise und ähnliches.
Gefühlte 99% der Hamburger sind davon überzeugt, daß es noch nie so viele Baustellen gab.
Wenn wir uns einen Ideal-Politiker backen würden, könnte dieser auch nicht mehr erreichen. Straßenbau nervt alle und ist teuer. Schlimmer ist nur noch nichts zu tun (wie unter der CDU-Regierung von 2001-2011). Dann sind die Leute irgendwann richtig genervt, wenn Brücken nicht mehr befahrbar sind, alles voller Schlaglöcher ist und dadurch noch viel teurer wird, als wenn man gleich saniert hätte.
Und klar, es gibt noch ein paar Myriaden Flüchtlinge in der Stadt. Auch das ist weniger ein politisches als ein verwaltungstechnisches „Problem“. In Hamburg gibt es kaum bezahlbare Wohnungen* und als Stadtstaat gibt es natürlich wenig freies Bauland, das man benutzen könnte.

* (Unter von Beust 2001-2010 wurde der soziale Wohnungsbau komplett eingestellt. Erst seit Olaf Scholz regiert, werden wieder pro Jahr über 10.000 Wohnungsbaugenehmigungen erteilt)

Die Stadtregierung muß diese Flüchtlinge nicht nur unterbringen, sondern auch versorgen, eingliedern und mit argwöhnischen Anwohnern verhandeln.

Am 07. März 2016 veröffentlichte unser Bürgermeister Olaf Scholz in der ZEIT eine „Positionsbestimmung“ zum Thema, die ich nur als hochvernünftig ansehen kann.
Genau so wünsche ich mir den Chef einer Stadtregierung.

Die erbärmliche Flüchtlingspolitik der Bundesregierung, die abscheulichen Nachrichten aus Sachsen und Bayern, das kollektive außenpolitische Versagen, die Krisenunterfütterung durch noch mehr Waffenexporte, die rasant zunehmende xenophobe Gewalt, der von den C-Parteien gepushte Siegeszug der AfD und die allgemeine Anfälligkeit für Verschwörungstheorien der krudesten Art – all das weckt in mir den Wunsch nach sehr starken Antidepressiva.

Da muß man zur eigenen psychischen Gesundheit bewußt auf die wenigen Dinge blicken, die ausnahmsweise ganz gut funktionieren.

Während sich Regierungschefs anderer Bundesländer mit Dummheit und dreisten Sprüchen gegenseitig überbieten, können wir Hamburger nach wie vor recht zufrieden sein mit Olaf Scholz.


Während also Oppositionspolitiker wie Katja Suding damit beschäftigt sind den Boulevard zu bedienen, indem sie ihre Liebes-Affären und Frisuren in die Kamera halten, wird wenigstens das Bundesland Hamburg ordentlich regiert.
Schaudernd denkt man Schill, Beust und Kusch zurück, die erst gestiegene Kriminalität verdammten und dann, selbst an der Regierung, die Polizei zusammensparten.

Der heutige CDU-Fraktionschef André Trepoll behauptet, Scholz spare an der Polizei.
Er kann das aber nur sagen, weil er ein Lügner ist.

Tatsächlich sank unter der rotgrünen Regierung Hamburgs die Kriminalität auf den niedrigsten Stand seit 30 Jahren.
Zahlen von denen die selbsternannten Law-and-order-Politiker von Schill-Partei und CDU nur träumen konnten.
Das muß auch das konservative Hamburger Abendblatt zerknirscht einräumen.

Früher war nicht alles besser: Es gab in den 90er-Jahren deutlich mehr Straftaten als heute. Sieht man sich die Statistik jeweils im Abstand von zehn Jahren an, ist die Kriminalität in Hamburg insgesamt auf dem niedrigsten Stand seit 1985. [….]
Bei den Autoaufbrüchen waren es vor 20 Jahren mit 39.917 noch mehr als doppelt so viele Taten wie heute. 16.725 Fälle wurden im Jahr 2015 angezeigt. Und auch beim Einbruch lagen die Zahlen 2015 ein deutliches Stück hinter den hohen Zahlen von 1995, damals gab es 11.214 Einbrüche, rund 400 weniger als 1985.
Insgesamt war die Diebstahlskriminalität auf einem hohen Stand: 1985 und 1995 wurden in Hamburg jeweils gut 40.000 Diebstähle mehr angezeigt als im vergangenen Jahr. [….]
(Hamburger Abendblatt, 16.03.2016)

An dieser Stelle die Frage, was eigentlich die Opposition macht – außer lügen und posieren.

Vom Nachbarbundesland Schleswig-Holstein kennen wir ja schon ideale Oppositionsarbeit.
Zunächst versank die CDU-Landespartei in einem Betrugsskandal. Wieder einmal gab es illegale Tricksereien und Rücktritte bei der Wahl-Aufstellung.
Das ist aber üblich; drei Mal in Folge stolperte ein CDU-Landesvorsitzender in Kiel über einen Skandal. Christian von Boetticher, Jost de Jager und Reimer Böge mußten jeweils innerhalb eines Jahres zurücktreten.
Nun aber macht die CDU SLH wieder Furore mit hochkarätigen politischen Vorschlägen. Sie will Schweinfleischpflicht in Schleswig-Holsteinischen Schulkantinen einführen.

CDU erntet Hohn und Spott
Die schleswig-holsteinische CDU sorgt sich offenbar um die kulinarische Vielfalt. "Die Landesregierung wird aufgefordert, sich dafür einzusetzen, dass Schweinefleisch auch weiterhin im Nahrungsmittelangebot sowohl öffentlicher Kantinen als auch in Kitas und Schulen erhalten bleibt", heißt es in einem Antrag der CDU-Landtagsfraktion für die Parlamentssitzung in der kommenden Woche. "Der Minderheitenschutz - auch aus religiösen Gründen - darf nicht dazu führen, dass eine Mehrheit aus falsch verstandener Rücksichtnahme in ihrer freien Entscheidung überstimmt wird." Schweinefleisch als ein Muss? Lachhaft - finden viele Politiker anderer Parteien und Kommentatoren auf Twitter, Facebook und Co. [….]

Aber zurück zur CDU-Hamburg.

Der Bürgermeister hatte in der schon genannten „Positionsbestimmung“ ein Angebot gemacht und um Mitarbeit gebeten.

[….] Die größte Herausforderung ist es im Moment aber, allen Flüchtlingen ein festes Dach über dem Kopf zu verschaffen. Um ein Gefühl für die Dimension zu bekommen, erinnere ich an das Jahr 2011. Als ich ins Amt kam, reichten für die Erstaufnahme knapp 400 Plätze. Heute, fünf Jahre später, betreiben wir fast 40 Erstaufnahme-Unterkünfte mit circa 20.000 Plätzen. Zusätzlich noch einmal fast genauso viele Plätze stellen wir, über die Stadt verstreut, in 100 größeren und kleineren Folgeunterkünften zur Verfügung. [….] Setzt sich der bisherige Trend fort, wovon wir angesichts der beschriebenen Lage ausgehen müssen, wird Hamburg im laufenden Jahr 40.000 zusätzliche Plätze schaffen müssen. Sonst laufen wir Gefahr, dass im Dezember mehr als zehntausend Flüchtlinge in unserer Stadt obdachlos sind. Das dürfen wir nicht riskieren. [….] Die HafenCity Universität Hamburg hat ein interaktives Stadtmodell entwickelt, das wir dazu nutzen können, geeignete Flächen für Flüchtlingsunterkünfte zu identifizieren und verschiedene Modellrechnungen durchzuführen. Es wird moderierte Veranstaltungen geben, zu denen interessierte Bürgerinnen und Bürger sowie Vertreter von Initiativen eingeladen werden. [….]
(Olaf Scholz, 7. März 2016)

Scholz erklärt sehr genau welche Unterbringungsmöglichkeiten es gibt und welche anderen aus welchen Gründen nichts taugen.
Es gilt nun als freie Flächen zu finden.
Dazu ist jeder Gutmeinende eingeladen. Die Bürger sollen sich beteiligen.
Wie kann Integration am besten gelingen?

Ja, und dann gibt es eben noch die CDU, die ehemalige Regierungspartei, die auch einen tollen und hilfreichen Vorschlag hat.

Ich sollte es vielleicht vorher dazu schreiben: Nein, genau wie beim Schweinefleischvorschlag handelt es sich im Folgenden nicht um Satire!

Die Hamburger CDU fordert angesichts der Flüchtlingsunterbringungsproblematik an den Schulen die Deutschlandflagge zu hissen! Schwarz-Rot-Gold für die deutschen Schüler.

Flagge zeigen, ganz buchstäblich: Die Hamburger CDU ­plädiert dafür, Deutschland- und Europaflaggen an allen Schulen der Hansestadt anzubringen. Die Partei sieht dies als Beitrag zur besseren Integration von Flüchtlingen.
"Es ist zunehmend klar geworden, dass wir bei Aufnahme so vieler Menschen aus anderen Kulturkreisen mit unterschiedlichster politischer und gesellschaftlicher Vorprägung von Anfang an großen Wert auf die Vermittlung unserer deutschen und europäischen Grundwerte und unserer rechtlichen und demokratischen Grundordnung ­legen müssen", sagte die stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende und Schulpolitikerin, Karin Prien, dem Hamburger Abendblatt. [….]
(Hamburger Abendblatt 21.03.16)

Sonntag, 20. März 2016

Judentum ist verdammt anstrengend



Mein Gemüsemann versucht mir jetzt wieder ständig Granatäpfel zu verkaufen.
Ich mag die sogar, aber kaufe sie so gut wie nie, weil ich die Frucht übermäßig umständlich finde. Das spritzt immer so und anschließend klebt alles.
Er gibt mir natürlich die besten Tipps. Er selbst pult die Kerne in einer Schüssel unter Wasser ab und gießt es dann in ein Sieb.
OK, das könnte ich natürlich auch mal probieren.

Aber bei Granatäpfeln muß ich auch immer an die armen Juden denken.
Angeblich hat jeder Granatapfel genau 613 Kerne und diese Anzahl entspricht genau den 613 Lebensregeln der Mitzwot, die bekanntlich Gott auf dem Berg Sinai Mose übergab.
Hätte Gott sich nicht bei der Regelanzahl nach Apfel- oder Mandarinenkernen richten können? Das wäre in der Praxis wesentlich einfacher für strenggläubige Juden.
(Nein, es stimmt übrigens nicht, daß alle Granatäpfel genau 613 Kerne haben.)

Aber die Juden machen ihrem Ruf besonders intelligent zu sein alle Ehre, indem sie die Vielzahl der Regeln nutzen, um eine mit der anderen abzuschwächen.
Freitags darf man nur Fisch essen. Und eben auch Hühnersuppe. Denn beim Kochen schwimmt das Huhn ja im Wasser und alles was schwimmt, gilt laut einer anderen Regel als Fisch.

Das ist offenbar das gleiche Prinzip wie bei der deutschen Steuergesetzgebung. Es gibt dermaßen viele Paragraphen zu Präzisierung, daß ein findiger Steuerberater sie auch benutzen kann, um einige Sachverhalte unpräzise zu machen.

Das Judentum ist eine eigenartige Religion.

·        Als einziger abrahamitischer Zweig missioniert sie nicht und bekommt dafür von mir extra Sympathiepunkte. Mission ist für mich das Hauptübel der Religionen.

·        Nur das Judentum bringt neben Orthodoxen auch noch Ultra-Orthodoxe und Ultra-Ultra-Orthodoxe hervor, obwohl mehr als orthodox gar nicht geht; denn die Thora gilt im orthodoxen Judentum als autoritatives Wort Gottes und darf daher nicht uminterpretiert werden.

·        Das Judentum zählt ausdrücklich auch Nicht-Religiöse zu ihrer Religion.

Marcel Reich-Ranicki verstand sich stets als 100%iger Jude, obwohl er durch und durch Atheist war und kein bißchen an irgendeinen Gott glaubte.

Ich bin jüdisch aufgewachsen. Aber wie die meisten Israelis bin ich völlig säkular. Atheist trifft es am ehesten, ich mag Religion eigentlich nicht. Was ich sehr mag, ist die jüdische Kultur, das ist etwas anderes, und mir liegt eine Menge daran, dem verschlossenen, exklusiven, orthodoxen Judentum, das in Israel leider bedenklich an Macht gewinnt, einen humanistischen, weltoffenen liberalen Umgang mit dieser Kultur entgegenzusetzen. Zum Beispiel mag ich es sehr, mit meiner kleinen Familie in Berlin das Schabbat-Abendessen zu feiern.

Bei 613 Regeln gibt es natürlich mehr oder weniger schwer einzuhaltende.
In jeder erfolgreichen Religion werden nicht einzuhaltende Forderungen postuliert, denn nur ein Gläubiger mit schlechtem Gewissen ist für die Obrigkeit leicht zu gängeln. Daher ist das christliche Konzept generell die Sexualität zu verdammen – vom Gedanken über Masturbation bis zum Geschlechtsverkehr - auch so genial.
Jeder verstößt irgendwann dagegen und bedarf dann der Kirche, um nicht in der Hölle zu landen.

Der Islam hatte aber auch eine brillante Kernidee, indem er ausgerechnet dort wo in der Spätantike die besten und kostbarsten Weine gekeltert wurden mit einem totalen Alkoholverbot Furore machte. Das war ungefähr so als ob man mit einem sexlosen Puff Werbung macht.

Arabien in der Spätantike, das ist kein Ort der Askese, Syrien und Palästina gelten zu dieser Zeit als die Weinländer schlechthin. Ägypten, Mesopotamien - selbst das trockenere Jemen hält sich auf seine hochwertigen Weine etwas zugute, 78 Rebsorten zählt der Geograf Ibn Rusta dort allein in der Region der heutigen Hauptstadt Sanaa. Die Riojas und Merlots ihrer Zeit heißen al-Schamsi ("der Sonnige", dessen Gärung man durch Sonneneinstrahlung verstärkt hat), al-Schamul ("vom Nordwind gekühlt") oder al-Qarqaf ("der einen erbeben lässt").
Orient-Wein ist ein kostbares Handelsgut. Er wird per Karawane exportiert, die syrische Stadt Palmyra dient dabei als internationales Wein-Drehkreuz, wie in den islamischen Überlieferungen, den Hadi-then, nachzulesen ist.

Aber auch der Koran ist interpretierbar, weil es sich widersprechende Suren gibt – und das obwohl Allah den Koran bekanntlich selbst diktiert hat.
So dauerte es bis ins 19. Jahrhundert, um das heutige strenge Alkoholverbot im Islam durchzusetzen.
Weit über tausend Jahre zechten die Muslime weiter.

Das Christentum ist eigentlich eine Säuferreligion, oder wie soll man sonst eins der bekanntesten Wunder Jesu interpretieren?

Bei der Hochzeit zu Kana war der Alk ausgegangen (Joh 2,1-12) und Jesus von Nazareth als Gast ist schon so angepisst, daß er seine Mami Maria wütend an grölt, als sie ihn bittet zu helfen.
Schließlich verwandelt er aber den Inhalt der Wasserfässer für die rituelle Waschung in besten Stoff, so daß alle weiterzechen können.

Auch im Christentum wurde man mit den Jahrhunderten strenger, führte das Gebot der Mäßigung ein. Ganz aufhören mit dem Alkohol wie zum Beispiel die Mormonen, kann man aber nicht, weil man im Gottesdienst Messwein verwendet, um dem bizarren Kannibalen-Kult um Jesu Körper zu huldigen.
Aber eben nur einen Schluck.
Nor oinen wönzigen Schlock.

Das Judentum als die älteste der drei Religionen ist entsprechend noch die Trinkfreudigste.
Selbst die Säkularen, wie der Berliner DJ Cobretti, schätzen die Saufgelage, wie sie beim Purim-Fest sogar Pflicht sind.

Purim, ein freudiger Gedenktag, dessen Beachtung nicht biblisch vorgeschrieben ist, wird am 14. Adar (bzw. Adar II) zur Erinnerung an die Errettung der Juden in Persien gefeiert, die im Buch Esther beschrieben ist. [….] Purim ist als freudiger Gedenktag ein Arbeitstag. Als Besonderheit des synagogalen Rituals ist vor allem zu erwähnen, daß sowohl nach dem Abendgebet als auch morgens nach der Toravorlesung das Buch Esther gelesen wird. [….]  Bereits im Buch Esther wird von der Festlegung berichtet, daß der Freude über die Rettung durch ein Festmahl, durch gegenseitiges Beschenken mit Speisen und durch Spenden für die Armen Ausdruck verliehen werden soll. An Purim ist es erlaubt, viel zu trinken, sogar sich zu betrinken, denn im Buch Esther ist das Mahl, das man zur Erinnerung an das Ereignis einnehmen soll, als Trinkgelage bezeichnet.
[….][….]

Tja, das ist die offizielle Beschreibung.
In der Praxis heißt es eher Komasaufen.

Die Geschwister meines Vaters kamen einst als bettelarme Einwanderer aus Libyen nach Israel, als orientalische Juden. Es gibt eine Redensart in Israel: Als diese Gruppe kam, waren alle Türen schon verschlossen. Nur nicht die Tür zur Synagoge. So sind sie orthodox geworden, ernste, ergriffene Leute. Als Kind in Israel war ich fasziniert davon, wie sie zum Purim-Fest trotzdem völlig ausflippen können. Da sah ich die Verwandten plötzlich betrunken, sie sangen Lieder, alberten herum wie kleine Kinder, weil der Talmud einen dazu ermuntert, bei dieser Gelegenheit einen draufzumachen.

Daß orthodoxe Juden alle Hemmungen verlieren, überrascht wenig, wenn man die entsprechenden Regelungen streng einhält.
Auch bei anderen Festen müssen sie sich ordentlich einen hinter die Binde gießen und so entwickelt sich die Leber eines Strengreligiösen entsprechend kräftig.

Wenn mit dem Pessach-Abendessen des Auszugs der Juden aus Ägypten gedacht wird, dann stehen für jeden Erwachsenen vier Gläser Wein auf dem Speiseplan. Wenn mit dem jüdischen Tu-bi-Schwat-Fest im Frühjahr die wiedererwachende Natur begrüßt wird, sollen die Gäste ihre vier Gläser sogar in wechselnden Farben trinken: Es beginnt mit Weißwein, dann folgt eine Rotwein-Weißwein-Mischung, die mit jedem Becher dunkler wird. Das soll die Natur ehren für ihren Wandel von Winter (weiß) zu Sommer (rot).

Juden sind also geübte Trinker und müssen den üblichen Weinkonsum gelegentlich auch gottgewollt bis zum Exzess treiben.

Interessanterweise beschäftigen sich Koran und Talmud schon mit Promillegrenzen.
Was ist angemessener Alkoholkonsum, ab wann beginnt der Vollrausch?

Aus den widersprüchlichen Koran-Stellen destillieren die anfangs vorherrschenden Koran-Exegeten kein strenges, sondern nur ein abgestuftes Alkohol-Verbot. Ein Mittelweg. Geistige Getränke seien zulässig - solange man nicht betrunken werde. Dem Gedanken nach führen die Gelehrten damit eine Art Promillegrenze ein. Wann beginnt Trunkenheit? In dem Moment, da man zwischen Himmel und Erde nicht mehr unterscheiden könne, so lautet eine gängige Definition dieser Zeit; womit die Schwelle durchaus recht hoch liegt, recht liberal.
 (Die jüdische Lehre definiert den Vollrausch übrigens auf ähnliche Weise: als den Zustand, in dem man nicht mehr unterscheiden kann zwischen einem Fluch und einem Lob; bloß dass diese Definition nicht eine Sünde umschreibt, sondern die Zielmarke beim Purim-Fest.)

Holla, die Waldfee. Vollrausch als von Gott befohlene Zielmarke.
Wieso gibt es im Vergleich zum prüden Christentum und zum abstinenten Islam nur so wenig Juden?


Samstag, 19. März 2016

Politik und Persönlichkeit



Deutsche Politiker der allerersten Reihe, also Kanzler und Präsidenten, können ihre Familie nicht ganz aus der Öffentlichkeit halten.
Man erfährt von ihren Partnern, auch ihre Familie wird in die Öffentlichkeit gezerrt.
Das ist der Preis für ein so hohes Staatsamt.

Eine Reihe weiter hinten, auf der Ebene der Bundesminister und Ministerpräsidenten, ist man immer noch sehr prominent, hat aber durchaus die Wahl wie man mit der Presse umgeht.
Selbst so ein Kamera-affiner Mann wie Horst Seehofer zeigt seine vier Kinder wenig hervor.
Eine Extremform von Politkern dieser Ebene ist Jürgen Trittin, der sieben Jahre Bundesminister, jahrelang Landesminister und Parteichef war und dennoch überhaupt gar keine privaten Dinge preisgibt. Man weiß lediglich, daß er als Hobby-DJ auftritt. Über seine Frau und Kinder ist so gut wie nichts bekannt. Sie kommen nie in die Öffentlichkeit, sie werden nicht erkannt und niemals würde Trittin die BUNTE zu einer Homestory ins Haus lassen.
Am anderen Ende der Skala stehen Blender-Politiker wie Karl-Theodor zu Guttenberg oder Ursula von der Leyen, die regelrecht die Yellow-Press suchen, sich immer wieder mit irgendwelchen persönlichen Geschichten beliebt machen wollen.

Das kommt zwar meistens gut an, weil sie die Majorität des Wahlvolkes ohnehin nicht für Politik interessiert, sich aber mit Familienmenschen solidarisieren.
Aber es kann auch schief gehen. Das mußte Christoph Ahlhaus 2010 erleben, als er sich kaum daß er ein paar Tage im Amt des Bürgermeisters befand mit seiner grinsenden Frau in der BUNTEn als glamouröses First-Couple in einem Schloss inszenieren ließ und der Presse entgegen flötete, er nenne seine Simone privat immer „Fila – von First Lady“.
Das im hanseatischen Understatement-Hamburg führte zum Amtsverlust in Rekordzeit mit einem CDU-Rekordverlust.

In der dritten Politebene, Landesminister, bekanntere Bundestagsabgeordnete, ebbt das natürliche Interesse der Medien schon ab. Die Präsenz-Süchtigen wie Erika Steinbach, Wolfgang Bosbach oder Katja Suding müssen da schon einiges unternehmen, um im Gespräch zu bleiben.
Sie bombardieren die Medien regelrecht mit Kommentaren zu allem; stets in der Hoffnung Aufmerksamkeit zu erregen.
Es gibt Kollegen, die erheblich wichtigere Arbeit leisten und dennoch öffentlich nahezu unbekannt sind.

Ganz am Rande bemerkt: Bei TV-Journalisten gibt es ähnliche Extreme. So vergeht keine Woche, in der ich nicht in einer der Hamburger Zeitungen die Tagesschau-Sprecherin Judith Rakers vorfinde, die offenbar manisch von Klatsch-Event zu Klatsch-Event rast.
Es gibt Kollegen von ihr, Susanne Daubner zum Beispiel, die das niemals tun.

Wenn einer so bekannt ist wie die Politiker der ersten Kategorie, kann sich auch der Polit-Konsument nicht dem Sog entziehen eine persönliche Sympathie oder Antipathie zu entwickeln.
Natürlich sickern immer mal wieder Details aus dem persönlichen Umfeld durch, die zwar politisch völlig irrelevant sind, die man aber unbewußt doch mitbewertet.

So war mir Helmut Schmidt schon deswegen immer etwas sympathischer als üblich, weil er so unprätentiös war. Luxus interessierte ihn nicht. Er ließ sich nie mit Titeln anreden und behandelte die Zeitungsverkäuferin genauso höflich wie einen Staatspräsidenten. Seine Ehefrau sah er ganz offensichtlich als geistig ebenbürtige Diskussionspartnerin an.
Was man über seinen Nachfolger im Amt aus dem persönlichen Umfeld weiß, ist so ziemlich das Gegenteil. Kohl behandelte seine ganze Familie mies, entwickelte im Umgang mit Untergebenen eine sadistische Freude an der Demütigung, beharrte energisch auf förmlichen Ehren. Noch als er schon lange in Schimpf und Schande im Spendensumpf versunken war, reagierte er demonstrativ nicht auf die Anrede „Herr Kohl“ und belehrte lang vertraute Journalisten er kenne keinen „Herrn Kohl“, sondern lediglich einen „Herrn Bundeskanzler Kohl und einen Herrn DOKTOR Kohl“.

Streng genommen sagt auch das wenig bis nichts über die politische Eignung aus, aber es fällt mir schwer auszublenden, daß ich eins sehr viel sympathischer als das andere finde.

Im Umgang mit der Presse war der gestern gestorbene Guido Westerwelle sicher einer von der Sorte Guttenberg/Leyen, der geradezu exzessiv nach Aufmerksamkeit gierte.
Die BUNTE war jahrelang Westerwelles einziger Maßstab.

Das Fachblatt für Seichtes, Sachfremdes und Verblödung, die BUNTE aus dem Hause Burda, ist das erfolgreichste Klatschmagazin Deutschlands.
Mit einer Reichweite von über vier Millionen Lesern kann Chefradakteurin und Markwort-Lebensgefährtin Patrizia Riekel mit ihren oftmals fernab der Wahrheit angesiedelten Berichten durchaus politisch relevant sein.

Nur mit ihrer maßgeblicher Hilfe konnte Lügenbaron von und zu Guttenberg (Kunduz!) zum beliebtesten Politiker Deutschlands aufsteigen.
Die stets perfekt in Szene gesetzten Brüste seiner Ehefrau Stefanie - eine geborene Gräfin von Bismarck-Schönhausen wie BUNTE nie vergisst demütig zu erwähnen - kompensieren die fehlenden politischen Erfolge ihres Mannes.

Eine endlose Folge von Hochglanzphotos des adeligen Promi-Paars dürfte auch den konservativen Verleger und CDU-Bundespräsidentenwahlmann Hubert Burda erfreut haben, der seinen Parteien stets eine große Hilfe ist.

Frau Riekel geht nicht unkreativ vor.
Eine ihrer besten Ideen war das vor einigen Jahren eingeführte „Promi-Register“, das in jeder Ausgabe des Yellowpress-Flaggschiffs alle erwähnten Möchtegern-Wichtigen alphabetisch aufzählt.
So muß ein Pressesüchtiger nicht erst umständlich das ganze Heft durchblättern, sondern kann auf einen Blick erkennen, ob er wieder „drinsteht“!

König dieser Disziplin ist zweifelllos Guido Westerwelle, der seit Jahren in keiner einzigen BUNTE-Ausgabe fehlt.
Mögen seine Kollegen auch noch so viel Akten studiert und Hintergrunddiskussionen geführt haben - Guido raste wie besessen von einem Ball zur nächsten Eröffnung.
Kein Boulevardevent, keine Friseursalon-Einweihung, keine Gala, die ohne den FDP-Chef stattfand.
Erst nachdem er Außenminister wurde, kam es einmal zu einem Register-Novum: unter dem Buchstaben „W“ kein Guido!
Es blieb aber bei einer Ausnahme.
Auch in der aktuellen Ausgabe ist wieder ein Westerwelle-Bild.

Das Eventleben des Guido W. war die logische Entsprechung seiner politischen Konzeptionslosigkeit. Außer „Steuern runter“ hatte er rein gar nichts anzubieten. Dafür war er aber privat immer presse-präsent.
Die Antipode Trittin hielt sich privat aus den Medien fern, grübelte stattdessen über politischen Lösungen.
So gibt es von Trittin ein wegweisendes und kluges Buch „Stillstand made in Germany“, so wie sich auch sein Kollege Joschka Fischer mehrere Jahre vor 1998 intensiv in die Außenpolitik eingearbeitet hatte und seine Erkenntnisse in Buchform Für einen neuen Gesellschaftsvertrag. Eine politische Antwort auf die globale Revolution vor der Bundestagswahl vorgelegt.
Inzwischen veröffentlichte Fischer weit über ein Dutzend politische Bücher.

Westerwelle tat nichts dergleichen. Er war so von sich überzeugt, daß er im höchsten Maße ahnungslos ins Außenamt stolperte und dort zu allem Übel auch noch verkündete er werde sich nicht darauf beschränken sich ein paar schöne Jahre im Außenamt zu machen, sondern auch Innenpolitik betreiben. Westerwelle hielt Außenpolitik also offensichtlich für ein minderwichtiges Hobby, das man nebenher betreiben könne.

Nachdem mein gestrigen Posting auf FB hart kritisiert wurde, habe ich noch mal intensiv nachgedacht, ob er eigentlich IRGENDETWAS GUTES POLITISCH bewirkt hat.
Aber mir will nichts eingefallen. Westerwelle hatte keinen positiven Einfluss auf die deutsche Politik.

Er kann natürlich theoretisch dennoch ein ganz lieber freundlicher Ehemann gewesen sein.

Erstaunlich viele der Nachrufe beschwören seine menschliche Güte, daß er privat so anders gewesen wäre.

Aber die Privatperson G.W. kenne ich nicht und es steht mir nicht zu sie zu beurteilen.
Für mich ist nur der Politiker relevant.
Und ich halte es für positiv den Politiker Westerwelle nicht mehr als relevante Kraft in der Bundespolitik zu haben.