Donnerstag, 12. Juni 2014

Homo Shitstormus.



Der Ausdruck „geil“ wurde zunächst als so drastisch empfunden, daß man ihn selbst nicht benutzen mochte und dann erlebte man, wie er völlig in den normalen Sprachgebrauch einging.

Den Neologismus „Shitstorm“ fand ich anfangs auch überexkrementell deutlich.
Aber inzwischen ist er zu einer unverzichtbaren Vokabel geworden.
Damit wird ein unheimliches, nicht wirklich erklärbares Phänomen beschrieben und die anonyme Masse der Internetuser als etwas sehr Bedrohliches dämonisiert.
Scheißestürme scheinen völlig willkürlich über einen hinein zu brechen.
Wie Sandstürme. Einem bleibt dann nur die Möglichkeit abzutauchen und in der Ecke verbarrikadiert abzuwarten bis „es“ vorbei ist.
Der Shitstorm ist die Windhose des Social-media-Zeitalters.
Gewaltig, schmutzig und erbarmungslos können sie jeden treffen.

Inzwischen gibt es eine regelrechte journalistische Kultur des Shitstorm-Opfer-Bedauerns. Warmherzig und mitfühlend berichten beispielsweise die SZ-Feuilletonisten über den armen, armen Christian Wulff, der mit seinem just vorgestellten Buch „Ganz Oben, Ganz Unten“ wieder einem Shitstorm trotzen muß.

Hätte er doch bloß geschwiegen. Das Buch "Ganz oben, ganz unten" von Christan Wulff war noch nicht gelesen, da wussten viele schon, dass es schrecklich sein würde. Was ist das für eine Medienlandschaft, die so unbarmherzig reagiert? […]  Dazu noch ein paar Auszüge aus den Kommentarspalten und den "sozialen" Netzwerken, alle anonym abgesetzt vor Verkaufsstart des Buchs:
"Osnabrücker Würstchen." "Idiot." "Keine Einsicht, kein Rückgrat." "Nimm deine Rente und verkrümel dich." "So ein Schund." "So langsam sollte er sich mal in Behandlung begeben." "Wenigstens hat er jetzt mit seiner hohlen Ex-Frau gleichgezogen, was Peinlichkeit angeht."
[…] In ihrer ersten Reaktion schlagen viele Medien die Einladung Wulffs zur Diskussion aus. Sie gestatten sich kaum einen Moment des Innehaltens [….]  Und jetzt: wurde schon der Titel des Buchs verrissen, bevor überhaupt eine Seite davon im Umlauf war, weil einer wie er mit fast 200 000 Euro Ehrensold nie "ganz unten" sein kann.  Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes klagt sogar, der Titel sei "ein peinlicher Fehlgriff, der bestenfalls noch Kopfschütteln auslöst", er verhöhne Hartz-IV-Empfänger. […]

Einen Tag später springt Wiegands Kollege und Chef Heribert Prantl ihm bei, indem er die Fähigkeit zur Selbstkritik des Mannes preist, der sich mit seinem 218.000-Euro-Ehrensold auf Lebenszeit „ganz unten“ wähnt:

Christian Wulffs Buch ist gewiss keine Selbstanklage; aber das Buch ist selbstkritisch gesprenkelt. Die Selbstkritik wird dort nicht in Kübeln ausgegossen; aber sie ist deutlicher als in zehn anderen Politikerbüchern zusammengenommen. Das macht das Buch genießbar und lesenswert, sehr viel lesenswerter jedenfalls als viele Kommentare, die über dieses Buch schon vor und gleich nach seinem Erscheinen geschrieben wurden.

Heute steht allerdings schon der nächste Shitstorm ins Haus. Es trifft, wie in 90% der Fälle, wieder einmal einen CDU-Politiker.

Nun umweht die Scheiße den Kopf des Rheinland-Pfälzischen Bürgermeisters (Herschbach) und JU-Politikers Sven Heibel.
Er hatte sich an das Thema „Schwule“ gewagt und auf den „man wird doch wohl noch sagen dürfen, daß…“-Effekt gehofft.
Heibel mag nämlich keine Schwulen, weil sie, frei nach Kreuznet, die Kinder verderben.

Der Ortsbürgermeister von Herschbach im Westerwald, Sven Heibel, wirbt auf Facebook für den Paragrafen 175, der abgeschafft wurde, weil er Homosexualität unter Strafe stellte. Nun hagelt es Rücktrittsforderungen.
[…] Noch ist Sven Heibel Ortsbürgermeister von Herschbach, macht aber mit einem Facebook-Post einen großen Schritt rückwärts: "Vor 20 Jahren wurde die Strafbarkeit der Homosexualität, § 175 StGB, abgeschafft. Ich weiß nicht, ob das ein Grund zum Feiern ist", lautete sein Eintrag in dem sozialen Netzwerk, den Heibel mittlerweile gelöscht hat.
Dazu stellte er ein Foto von einem aufgeschlagenen Strafgesetzbuch. Darin: ein gefalteter Zettel mit der Gesetzesfassung vom 25. Juni 1969, in der noch Paragraf 175 aufgeführt ist. Unzucht zwischen Männern wurde damals noch mit einer Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren bestraft. In den Kommentaren muss sich der CDU-Politiker nun als "Hinterwäldler" oder "dummer Typ" beschimpfen lassen. "Wir leben im 21. Jahrhundert, nicht im Mittelalter", heißt es etwa.
[…]   Mehr als 500-mal wurde sein Post innerhalb von sechs Stunden auf Facebook geteilt, versehen mit den Kommentaren "Immer wieder peinlich…", "Kein Scherz!" oder schlicht: "Trottel". […]

Ich habe ja nichts gegen Schwule, aber…
Nach den ersten Tiefausläufern des Shitstorms verschlimmbesserte Heibel seine Aussagen noch einmal, indem er, rechtschreibgeschwächt die Opferrolle einnahm.

Liebe Freunde und vor allem nicht-Freunde, zur Klarstellung:
Der von mir heute morgen veröffentlichte Poste:

"Vor 20 Jahren wurde die Strafbarkeit der Homosexualität, § 175 StGB, abgeschafft. Ich weiß nicht, ob das ein Grund zum Feiern ist. In einem Seminar fragte mich mein Strafrechtsprof mal, ob dies mein Ernst sei? Ich sagte natürlich: klar! - in meinem StGB immer noch vorhanden...und es bleibt es auch!"

bleibt so in der Welt. Er spiegelt meine e i g e n e Meinung wieder, und diese ist von der Meinungsfreiheit unserer Verfassung gedeckt. Diese lasse ich mir auch nicht verbieten, auch nicht von der eigenen Partei, in deren Namen ich nicht gesprochen habe. Was allerdings von der Meinungsfreiheit nicht gedeckt ist, sind Beleidigungen und Diffamierungen, die ich zuhauf bekommen und gelesen habe. Dies zeigt mir wie weit es mit der Toleranz "anderer Meinungen" in unserer Gesellschaft bestellt ist. Viele denken: Meinungsfreiheit ja, aber nur soweit auch die eigene Meinung abgedeckt wird. So ist es nicht!
Mit meinem Poste wollte ich auch nicht Homosexuelle diskriminieren, sondern vielmehr zum Ausdruck bringen, dass man nicht alles in unserer (angeblich so liberalen) Gesellschaft auch gut finden muss. Toleranz ja, aber Toleranz heißt nicht, dass man alles gut heißen muss.
Wenn man seine Meinung nicht mehr sagen darf, dann gute Nacht Deutschland!
(SH via Facebook 12.06.14)

Der arme Heibel.
Und der arme Wulff.

Ich bin bekanntlich auch kein Anhänger von Plebisziten, ich glaube nicht an Schwarmintelligenz, sondern an Schwarmdummheit und ich halte den Urnenpöbel auch keineswegs für weise.

ABER:

In den sozialen Netzwerken erregen sich schließlich nicht die Durchschnitts-Phlegmatiker, sondern diejenigen, die zumindest ein Grundinteresse am Thema mitbringen.

Bei Wulff und Heibel kann es schwerlich zwei Meinungen geben. Die beiden haben es nicht besser verdient.
Wer sich dumm, dreist und diskriminatorisch an die Öffentlichkeit wendet, muß nun einmal damit rechnen, daß diese Öffentlichkeit reflektiert.
Scheißestürme können durchaus sinnvoll sein!

Mittwoch, 11. Juni 2014

Kein dritter Käßmann-BILD-Post.



Seit die Top-Plapperistin Käßmann ihre intellektuelle Heimat wieder bei der BILD gefunden hat, läßt es sich trefflich über sie bloggen.

Das unmoralischste Blatt Deutschlands mit der morologischen Ex-Bischöfin. Das ist gewissermaßen die Hochzeit im Himmel.

Sofort legte sie nach und bewies ihre sagenhafte Ahnungslosigkeit, indem sie den Menschen mit psychischen Erkrankungen empfahl lieber beichten zu gehen, als Therapeuten aufzusuchen.
Grandios. Damit unterbot sie selbst ihre eigene Doofheit und stieß weit in den Bereich der Beleidigung und Fahrlässigkeit vor.

Offenbar wild entschlossen ihre beeindruckende Ignoranz jedem zu beweisen, schlug sie sofort den nächsten Pflock ein, indem sie als Hobby-Historikerin debakulierte und den Untergang der „Wilhelm Gustloff“ als Beleg dafür verwendete, daß auch der alliierte Krieg gegen Hitlerdeutschland nicht gerecht gewesen sei.
Eine riesengroße Klatsche ins Gesicht der befreiten KZ-Häftlinge gelang der Käßmann damit ausgerechnet am 70sten Jahrestag des „D-Days.“

Dies sollte eigentlich der Aufhänger für den dritten Teil der „Jetzt wächst zusammen was zusammen gehört“-Reihe über BILD und Kässi werden.

Allerdings müßte ich dazu im Original lesen, wie die umjubelte EX-EKD-Chefin ihre „Kein gerechter Krieg“-These begründet.
Wie kommt sie auf die „Wilhelm Gustloff“?

Wenn Käßmann nicht so fundamental ungebildet und massiv anti-intellektuell wäre, könnte man jetzt annehmen, sie hätte vielleicht Günter Grass‘ „Im Krebsgang“ gelesen. Jene Novelle von 2002, die seit langer Zeit mal wieder zu den Grass-Büchern gehört, welches ich zu Ende gelesen habe.
„Im Krebsgang“ ist definitiv eins seiner besseren Werke, in dem er den Untergang der Gustloff und die bizarren zeitlichen Zusammentreffen diverser Nazi-Eckdaten analysiert.
Solange davon noch keine Comic-Version erschienen ist, halte ich es allerdings für ausgeschlossen, daß sich Margot Käßmann mit dem Stoff beschäftigt.

Ihre steile These kenne ich allerdings nur aus dem Focus Online, der wiederum aus einem Käßmann-Interview in ihrem Hausblatt BILD am Sonntag zitiert.

Da ich mich aber niemals auf Burdas Focus als Quelle verlasse, müßte ich das Original-Interview bei Bild.de lesen.
Wie ich feststellte, handelt es sich dabei um einen „Bild+“-content. Also ein kostenpflichtiges Stück.
Ich hätte dafür 99 Cent zu entrichten und so Leid es mir tut – ich gebe keinen einzigen Cent an Springers BILD!
Hier befindet sich meine moralische Grenze. So etwas tue ich grundsätzlich nicht.

Wie es der Teufel will, lacht sich eben heute BILD-Experte und BILD-Blogger Stefan Niggemeier über die zahlungspflichtigen Springer-Inhalte kaputt.


Wer für exklusive „Bild“-News bezahlt, ist nur zu blöd zum Googeln!
Die Leute von „Bild“ scheinen ernsthaft überzeugt davon zu sein, dass sie im Streit gegen „Focus Online“ und den „Content-Klau“ die Guten sind. Dabei sind sie vor allem: die Blöden.
[….]  Nun gibt es bestimmt Leute, die an dieser Stelle auf die Formulierung „Diesen Artikel gibt es nur bei BILD+“ hereinfallen, das Portemonnaie zücken und zahlen. Paid Content funktioniert hier wie eine Dummen-Steuer: Es bezahlt nur, wer so blöd ist, nicht darauf zu kommen, dass die Enthüllung der „VERTRAGS-SENSATION!“ natürlich an anderer Stelle längst frei im Netz steht. Über eine Suchmaschine finden sich schnell ungezählte Quellen, darunter auch die Online-Ausgabe der „Welt“, die ebenfalls im Springer-Verlag erscheint.
[….] Grundsätzlich kommt nur ein sehr kleiner Anteil der Bild.de-Leser über Google auf die Seite. […]  Es ist aber auch Ausdruck davon, wie ungeschickt sich „Bild“ mit seinen exklusiven Inhalten anstellt und wie blind die Bezahl-Strategie umgesetzt wird.

Diese Piraten-affine Sichtweise erbost nun wiederrum den multimillionenschweren Verlagserben Jakob Augstein.
Wo kämen wir denn dahin, wenn alles umsonst ist und Journalismus gar nichts mehr „wert“ sei?

Stefan Niggemeier macht sich über die Bild-Zeitung lustig, die versucht mit paid-content im Netz Geld zu verdienen. Er schreibt, nur Doofe zahlten Geld, wenn eine exklusive Meldung von BildPlus wenige Minuten später kostenlos über andere Seiten verbreitet wird.
Das ist egoistisch logisch gedacht. Aber auch entmutigend. Denn egal was man von der Bild-Zeitung halten mag - irgendwoher muss das Geld für den Journalismus künftig kommen und eine Pay Wall ist eine mögliche Variante. Allerdings nur wenn genügend große Medien mitmachten und wenn das Trittbrettfahrer-Verhalten von anderen Seiten und von Lesern nicht auch noch ermutigt würde – wie durch solche Artikel ...
(Jakob Augstein via Facebook 11.06.14)

Augstein verteidigt die BILD?
Jener Augstein, der sich im Gegensatz zu seiner intellektuellen Halbschwester Franziska Augstein deutlich für den BILD-Vizechefredakteur Blome als SPIEGEL-Vize aussprach.
Wachsen BILD und SPIEGEL etwa auch zusammen?
 Bisher gehörten sie nicht zusammen.
Ich mag mich aber nicht für die Niggemeier-Sicht entscheiden, da ich den Drang der User alle Informationen umsonst zu bekommen für eine Ursache der inhaltlichen Ausblutung des Printjournalismus‘ halte.
Man spart sich Dokumentare und Quellenüberprüfungen – aus Geldmangel. Und daher sind nun auch längere Geschichten in SPIEGEL oder ZEIT voller Fehler.
Man sollte also unbedingt für guten Journalismus zahlen. Da hat Augstein Recht.
Ich zahle aber genau deswegen eben nicht für die BILD. Denn das ist nicht nur ganz grauenhaft schlechter Journalismus, sondern eigentlich gar kein Journalismus, sondern tumbes politisches Kampagnen-Inszenieren mit dem einzigen Zweck möglichst viel Geld zu verdienen. Dabei geht man über Leichen und hebt rechte Politiker in ihre Ämter, so daß diese wiederum exklusiv der BILD verpflichtet sind.
Das ist Dreck. Abschaum. Auswurf.
Also genau das, wohin Frau Käßmann ganz gut passt.

Petra Sorge, die für den Cicero auch schon beschrieb, wie außerordentlich wohlwollend Merkel im Wahlkampf von fast der gesamten Presse hofiert wurde, widmet sich nun einer Studie der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung, die von Hans-Jürgen Arlt (Professor Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin) und Wolfgang Storz (Sozialwissenschaftler, ehemaliger Chefredakteur der Frankfurter Rundschau) durchgeführt wurde.
Die gesamte Studie ist übrigens frei zugänglich; also kostenlos als gedrucktes Exemplar bestellbar und als pdf-download verfügbar.
Wer beispielsweise Niggemeier und/oder den BILD-Blog kennt, wundert sich wenig über die Ergebnisse.

[…] Dass Selbstvermarktung, Willkür und Gewinnmaximierung so etwas wie die DNA der Springer-Produkte sind, behauptet die Studie „Missbrauchte Politik“ der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung. […] Im Wahlkampf hieß das zunächst: Parteilichkeit. Während Angela Merkel von Bild und BamS demnach „hofiert“ wurde, wurde Peer Steinbrück durchgängig als Verlierer und Lachnummer dargestellt. Entsprechend der konservativ-liberalen Weltanschauung behandelten die Springer-Zeitungen Union und FDP wohlwollend bis euphorisch, die Grünen nahezu feindselig. […] Die Befunde sind schlagkräftig. So erschien die Bundeskanzlerin als Mensch, meist „gut gelaunt“ und „verständnisvoll“, sogar „umjubelt“. Die Bild machte ihre „Schlandkette“ – die schwarz-rot-goldene Halskette, die sie im TV-Duell trug – zum Symbol. Die 130 Beiträge, die im Untersuchungszeitraum über Merkel veröffentlicht wurden, griffen Kritik entweder gar nicht auf oder nur, um sie zurückzuweisen. Mitunter wurden Ereignisse im Fall Merkel so dargestellt, „dass sie das Image des Blattes und das politische Wohlergehen der Kanzlerin fördern“. […] Auch im NSA-Skandal habe es die Bild versäumt, hart nachzuhaken. Als die Kanzlerin für ihre Aussage, das Internet sei für alle noch Neuland, einen Shitstorm erntete, sprang die BamS ihr zur Seite: Als „dumpfes Stammtischgedröhn“ qualifizierte ein Kommentator die Kritik im Netz (23.6.2013) ab. In einem anderen Artikel bewertete die Bild die Aussagen des damaligen Kanzleramtschefs Ronald Pofalla vor dem Parlamentarischen Kontrollgremium positiv: sein Auftritt sei ein „entschlossener“ gewesen, und nach Bild-Interpretation „widerlegte“ er dort den Vorwurf der millionenfachen Ausspähung der Deutschen (13.8.2013).
[…] Peer Steinbrück hatte dagegen keine Chance. Im Mittelpunkt standen die „Pleiten, Pech und Pannen“ des SPD-Kanzlerkandidats – sein Glühbirnen-Bunker, die Putzfrau-Erpressung oder der Stinkefinger, der sich in der Bild zum Hit und Leitmotto entwickelte: Von insgesamt 94 Steinbrück-Fotos zeigen ihn 18 mit der legendären Geste aus dem SZ-Magazin. […]  Die Berichterstattung über die FDP ist „sympathisierend“, es fällt kaum ein böses Wort. [….]
Während die Linke, vor allem aber die AfD regelrecht ignoriert wurden – die Autoren vermuten hier, dass Bild und BamS nicht ihre eigenen, möglicherweise AfD-affinen Leser verprellen wollten – wurden die Grünen heftig kritisiert. Bis auf einen Namensbeitrag Cem Özdemirs sei die Partei „ausschließlich in negativen Zusammenhängen erwähnt“ worden. Teilweise habe es sogar „denunziatorische Grauzonen“ gegeben. Stichworte waren hier die „Kindersex“-Affäre und die „Verbots-Partei“: eine Bild-Erfindung, die auf einem geschickten Wahlkampfmanöver des CDU-Politikers Michael Fuchs basierte. Am 17. Juli erschien seine Verbotsliste unter dem Titel: „Was uns Trittin & Co. alles verbieten wollen“. [….] Brutal auch die Urteile gegen das grüne Spitzen-Personal: Volker Beck wurde zum „Verlierer des Tages“. Katrin Göring-Eckardt musste sich – anders als bei den Spitzenkandidaten-Interviews anderer Parteien – gegen ihren Willen hartnäckige Fragen nach ihrem Privatleben gefallen lassen. Und in „Post von Wagner“ wurde Jürgen Trittin als „Besserwisser“, „Egomane“ und „verbissener, furchtbarer, ideologischer Mann“ abqualifiziert. [….]

Es bleibt außerordentlich erbärmlich, daß die geistig und geistlich leichtgewichtige Margot Käßmann sich diesem Blatt zur Verfügung stellt.
Möglicherweise versucht sie sich an der Aufgabe sogar noch Franz-Josef Wagner intellektuell zu unterbieten.

Dienstag, 10. Juni 2014

Atheismus als Religion.


Es ist nun schon über einen Monat her, daß ich über das religiotisch verflachte Gefasel der ZEIT so in Rage geriet, daß ich in einem 12-seitigen, eng bedruckten Brief mein Abo kündigte.

Die ZEIT bestätigte mir den Eingang des Schreibens, reagierte aber dann die nächsten vier Wochen nicht.

……  Als Textchefin und Leserbriefbeauftragte der ZEIT freue ich mich, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, sich mit unserer Arbeit auseinanderzusetzen. Kritik und Lob sind uns gleichermaßen willkommen – denn nur so können wir für Sie das bestmögliche Blatt machen.
Sie können versichert sein, dass wir Ihre Zeilen aufmerksam lesen werden. Geben Sie uns dazu nur bitte ein wenig Zeit, denn inzwischen erreichen uns – online, per Mail oder ganz klassisch – per Brief monatlich mehrere Tausend Leserbotschaften. Und in der Regel arbeiten all die, die am Entstehen einer Ausgabe beteiligt gewesen sind, längst an der nächsten, wenn die ersten Reaktionen bei mir eintreffen...
Es grüßt Sie derweil herzlich aus Hamburg
Anna von Münchhausen
Textchefin/Redaktion
(ZEIT 12.05.14)

Daß die gute Frau „von Münchhausen“ heißt, passt gut mit meiner Erwartungshaltung bezüglich einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit meinen Anmerkungen zusammen.

(Und da Ironie ohne große Warnschilder manchmal nicht erkannt wird:
Nein, ich rechne NICHT damit, daß der Chefredakteur einer großen Wochenzeitung mit über 500.000 Auflage persönlich meinen Brief liest und womöglich gar die Ausrichtung seines Blattes deswegen ändert!)

Betrachtet man DIE ZEIT unter religiotischen Gesichtspunkten, ist sie in den letzten Wochen sogar noch extremer geworden.

In der aktuellsten ZEIT-Ausgabe ist die Rubrik „Glauben und Zweifeln“ übrigens mal wieder auf den doppelten Umfang ausgedehnt worden. Nur das „Zweifeln“ hat di Lorenzo  - wie üblich – vergessen.
Zunächst gibt es ein Interview mit Leonardo Kardinal Sandri, der aber nicht etwa korrekt in der Form „(Vorname) Kardinal (Nachname)“ beschrieben wird, sondern tumb Kardinal Leonardo Sandri genannt wird.
Aber das kennen wir ja vom „klugen“ die Lorenzo – seine Kirchenbejublungsseiten strotzen vor Fehlern.
Außer dem äußerst untertänig geführten Kardinal-Interview gibt es noch einen Aufsatz von stramm Papst-treuen Chef der Katholischen Nachrichten Agentur (KNA) Ludwig Ring-Eifel und schließlich eine ganze weitere Seite voll des Lobes über Papst Franzens Nahost-Reise.

Die Pfingstausgabe titelte sogar durch und durch fromm und widmete gleich drei ganze Seiten dem Kirchismus.
Verpackt in die scheinbar kritische Überschrift „Suche Segen ohne Gott“ berichten am 05.06.14 die stramm christliche Chefin Evelyn Finger und ihre Kollegen über die segensreiche Wirkung von christlichen Ritualen, nach denen sich angeblich auch Atheisten vor Sehnsucht gieren.

Der fromme Giovanni di Lorenzo bejubelt die Renaissance der religiösen Rituale.

Suche Segen ohne Gott: Immer mehr Menschen feiern Taufen Hochzeiten und Begräbnisse jenseits der Kirche. Manchmal helfen sogar Pfarrer mit. Ein Blick in die neue ZEIT-Ausgabe….

Nur zwei Tage später am  Samstag, den 07.06.14 erschien, vorgezogen durch Pfingsten der neue SPIEGEL mit der Titelgeschichte „Ist da jemand? Die Zukunft der Religion: Glaube ohne Gott.“

Wenn plötzlich mehrere große Periodika mit derselben Geschichte titeln, haben sie in der Regel einen gemeinsamen Anlass.
Diesmal war es aber nicht das Datum der Ausgießung des HeiGei (08.06.2014 & 09.06.2014), sondern das posthum erschienene Buch des Philosophen Ronald Dworkin, der sich an eine Art Synthese zwischen Atheismus und Religiotismus macht.


Natürlich sind alle Religioten, die sich gar fürchterlich über das Schrumpfen des deutschen Kirchismus grämen, schwer begeistert von der These. Atheisten sind in Wahrheit eigentlich auch religiös. Ätschi!
Badde, Englisch, Keller, Finger, Kässmann, Spaemann, Mosebach, Lohmann, Matussek, Hahne und Co, die seit vielen Jahren trotz des pausenlosen Schlagens der Werbetrommel hilflos der Abkehr vom Christentum zusehen mußten, haben endlich einen Ausweg.

Die naheliegenden Gründe für die Abkehr vom Christentum kommt den Frommen leider nicht in den Sinn:

1.) Ihr Ideologie ist antihumanistischer Mist
2.) Sie schreiben lahm und langweilig.

Deutsches Christentum 2014 ist leider weitgehend unerträglich, wenn man sein Hirn nicht komplett abgeschaltet hat.


Buchbesprechung Andreas Englisch: "Franziskus. Zeichen der Hoffnung"
Auch in seinem neuen, bestenfalls eine wirre Anekdotensammlung zu nennenden Machwerk verwechselt der Boulevardschreiber Andreas Englisch sein unappetitliches Schnüffeln am Rock des neuen und des alten Papstes mit Journalismus.


Andreas Englisch: "Franziskus – Zeichen der Hoffnung"
Wie schwer es ist zu lügen, wenn man die Wahrheit nicht kennt, lässt sich aus diesem sagenhaft zusammengestoppelten Machwerk des gläubigen Vatikan-Hofberichterstatters Andreas Englisch erkennen. "'Wisst ihr denn auch, warum kein Mensch einen Reporter braucht'", lässt er darin Papst Benedikt 16. einen ihn begleitenden Journalistentross fragen und auch sogleich die Antwort geben: "'Weil vor 2000 Jahren genau hier am Berg der Seligpreisungen ein Mann stand, der gesagt hat, Selig sind die Barmherzigen … Kein Reporter hat damals mitgeschrieben, und doch hat die Zeit dieses Wort nicht auslöschen können.' … Als er das sagte, dachte ich, er hat recht." Leider hat Andreas Englisch daraus die Konsequenz gezogen und hat von Reporter auf Apostel umgesattelt.

Üblicherweise schreibt der SPIEGEL wesentlich bessere Artikel über Religion als die ZEIT. Das kann sehr kurzweilig zu lesen sein, wenn beispielsweise Peter Wensierski der Autor ist.
Zumal Matthias Matussek nun zu seinen Freunden von der stramm rechten WELT gewechselt ist.

Um es vorweg zu nehmen: Diesmal ist das leider überhaupt nicht gelungen.
Man hätte schon allein deswegen skeptisch sein müssen, weil zur Titelgeschichte ein zweiseitiges Interview mit dem ultrafundamentalistischen Topreligioten Robert Spaemann gehört, der sich spätestens mit seinen blind hetzenden Hassattacken gegen Konfessionslose während der Beschneidungsdebatte als ernstzunehmender Philosoph endgültig disqualifizierte.


Als Christ des Tages Nummer 64 ist Spaemann immer wieder durch groteske Verwünschungen aufgefallen.
Wieso Spiegel-Autor Roman Leick ein devotes Interview mit ihm im Zusammenhang mit der Titelgeschichte führen durfte wird wohl das ewige Geheimnis des neuen Chefredakteurs Wolfgang Büchner sein.

Roman Leick ist zusammen mit Susanne Beyer auch der Autor der Titelstory, die sich wesentlich am Pastor Johann Hinrich Claussen aus Hamburg Harvestehude und eben Ronald Dworkins Buch „Religion ohne Gott“ orientiert.

Für diejenigen, die sich noch nicht mit Dworkin beschäftigt haben, sei auf die Buchkritik von Thomas Assheuer verwiesen. Assheuer berichtet wohlwollend über Dworkin, zeigt aber auch die eklatanten Schwächen des Buches auf.

Hauptkritikpunkt ist die mangelnde Allgemeingültigkeit des Dworkin-Ansatzes. Er argumentiert aus einer sehr amerikanischen Perspektive und hat die dortigen Ausprägungen der alltäglichen Volksfrömmigkeit vor Augen.

Hätte George W. Bush die Al-Kaida-Terroristen nicht foltern lassen, wenn er zuvor Religion ohne Gott gelesen hätte? Würden Islamisten, die ihre Religion zur Waffe machen, sich beim Blick in den Sternenhimmel mit Andersgläubigen verständigen können? Natürlich nicht, aber vermutlich hatte Dworkin eher jenen geistigen Bürgerkrieg in den USA im Blick, in dem liberale Atheisten und konservative Evangelikale sich wechselseitig den Teufel an den Hals wünschen. Dworkin ist jedenfalls die Bestürzung über den heillosen Streit um das Heil anzumerken, dieser scheint sogar seine Theorie des Liberalismus zu verdunkeln.


Leick und Beyer haben offensichtlich auch Assheuer gelesen. Aber ob sie Dworkin richtig verstanden haben, ist mehr als fraglich.

Dessen Thesen be- oder widerlegen sie nicht, sondern setzen sie einfach voraus.
Ein Atheist muß laut der SPIEGEL-Titelgeschichte frustriert davon sein, daß seine Weltsicht so gar keinen Platz für Schönheit und „Erhabenes“ hat. Deswegen sehnt er sich nach Metaphysik.
So einfach ist das.
Als Beleg wird die seit Jahren immer wieder zitierte Bertelsmannstudie herangezogen, nach der große Teile der Gesellschaft religiös sind – auch wenn sie aus der Kirche ausgetreten sind.
Es handelt sich um jene methodisch fragwürdige Studie, in der Interesse am Phänomen Religion mit Religiosität verwechselt wird. Schon Michael Schmidt-Salomon beklagte sich, daß er nach Ausfüllen des Bertelsmann-Fragebogens als hochreligiös gezählt wurde.

Leick und Beyer nehmen es aber nicht so genau mit der Wissenschaft und versteigen sich sogar zu der abstrusen Aussage die Naturwissenschaften wendeten sich von der reinen Vernunft ab, da sie erkannt hätten wie viele „Irrationalismen“ (Laut Dworkin also letztendlich auch „religiöse Phänomene“) die Rationalität bestimmten.
Das, Entschuldigung lieber SPIEGEL, ist natürlich blanker Unsinn.

Vollends grotesk werden Leick und Beyer aber erst, wenn sie Nichtgläubigen ohne überzeugende Herleitung einfach als „religiös“ abstempeln, indem sie ihnen andichten sich unerfüllt zu fühlen. Sie hätten „ein Problem.“

So haben nicht nur die Christen zu kämpfen mit den Zumutungen ihres Glaubens, auch Atheisten haben ein Problem: Die Ratio absolut zu setzen, das funktioniert nicht mehr. [….] Die Rationalität fordert ihr Recht, aber eben auch das Gefühl. Niemand will in einer total entzauberten Welt leben. Außerdem lauert in der Gottlosigkeit, so haben es schon viele Dichter und Denker gesehen, allen voran Friedrich Nietzsche und Fjodor Dostojewski, der Nihilismus, die totale Verneinung. Eine Gesellschaft aber kann nicht auf Nihilismus bauen, sie braucht verbindliche Werte, Menschen, die eine Einsicht haben in die Notwendigkeit ethischen Verhaltens. Wenn also Gläubige Schwierigkeiten haben mit der überkommenen Bilderwelt und Atheisten den drohenden Nihilismus fürchten, könnte eine „Religion ohne Gott“, über die Claussen in seiner Predigt nachdenken will, ein gemeinsamer Nenner sein, auf den sich Theisten und Atheisten einigen. […] Fordern nicht der Glaube und der Unglaube ein Bekenntnis und auch die gegenseitige Konfrontation, damit sich die jeweiligen Positionen schärfen und weiterentwickeln können?
(DER SPIEGEL 24/2014 s.61)

Was für ein Unsinn. Hier sprechen Religiöse, die sich nicht aus ihrer eingeschränkten Weltsicht lösen können.
Wer nicht metaphysisch tickt, fürchtet sich vor Nihilismus und betreibt totale Verneinung.
Geradezu absurd, daß dem Unglauben „ein Bekenntnis“ abverlangt wird.
Hier dringt die uralte Mär von den Atheisten ohne Werte durch.
Dabei ist es genau umgekehrt.
Unsere Menschenrechte wurden weitgehend gegen den erbitterten Widerstand der Religionen erkämpft.

Und nur weil ein Atheist nicht an das Hirngespinst „Gott“ glaubt, ist er deswegen kein bißchen emotional oder ethisch eingeschränkt. Ganz im Gegenteil; erst der „evolutionäre Humanismus“ befähigt zu einer Ethik ohne religiöse Beschränkungen.
Und schon gar nicht bedeutet Rationalität den Ausschluß von Kunst.
Kunst gibt dem Atheisten Empfindungen, Emotionen und die Erhabenheit, die sich die SPIEGEL-Autoren in ihrer verengten Sicht der Dinge offenbar nicht ohne Religion vorstellen können.

Aber es wird noch schlimmer.

Wenn man Dworkin folgt, gibt es für Gottesgläubige und Ungläubige, für Theisten und Atheisten, keinen Grund, einander zu bekämpfen. Sie wären wahlweise in einem religiösen oder allgemeinen Humanismus vereint. Der säkulare Humanismus wäre selbst eine Spielart der Religion, weil er auch ein Glaube ist: eben an diese unveräußerlichen Werte, an deren Wahrheit, Gültigkeit.
(DER SPIEGEL 24/2014 s.62)

Der SPIEGEL deutet den Humanismus säkularer Prägung also zu einer „Spielart der Religion“ um, obwohl es gerade die Religion war, die den Humanisten über Jahrhunderte feindselig gegenüber stand. Noch heute sind es die Religiösen, die sich in erster Linie gegen Frauen- oder Schwulenrechte, also HUMANISTISCHE Anliegen wehren.

Über die letzten Zitate Leicks und Beyers möge man sich allein weiter ärgern. Atheisten und Wissenschaftler kämen ob ihrer Eingeschränktheit an Grenzen und da beträten sie automatisch die religiöse Welt.
Es erübrigt sich ob der offensichtlichen Idiotie ein Kommentar.

Die Entzauberung der Welt durch die Wissenschaft, die Technik und die Rationalität ist eine geistige Leistung. Der reduktionistische Materialismus greift zu kurz.  Das menschliche Denken, die Erkenntnisfähigkeit, bleibt in sich selbst gefangen. So hat der Geist aber keinen Ausdruck für das, was dem Menschen immer wieder begegnet: die Erfahrung des Erhabenen. Diese Erfahrung ist eine des Gefühls. Und hier beginnt die religiöse Dimension. […]
Der Blick auf die Schönheit des Universums ist ein unwissenschaftlicher Blick – und insofern ein religiöser. Die Physik kann selbst nicht erklären, warum das Universum als schön erkannt wird. Das religiöse Empfinden bleibt der Erklärung der Wissenschaft einen Schritt voraus.
[….] Was Unsterblichkeit, das Leben nach dem Tod, wirklich bedeutet, lässt sich ausmalen, aber nicht ernsthaft denken. Dennoch ist es ein attraktives Angebot derjenigen Religionen, etwa des Christentums und des Islam, die es verheißen. Es nimmt die Furcht vor dem Nichts, der vollständigen Auslöschung.
(DER SPIEGEL 24/2014 s.63)

Oh Dear. SPIEGEL goes Finger. Wenn nicht sogar Englisch.