Freitag, 19. April 2013

Deswegen SPD – Teil V



 Zu Beginn dieser lockeren Reihe versuchte ich die Ausgangslage zu schildern. Das publizistische Jaucheloch, in dem die Sozis stecken.

Wenn es eine Ministerin gibt, die als absolute Fehlbesetzung feststeht, dann ist es sicherlich Kristina Schröder.
KITAS, Quoten, Herdprämie, Gesinnungs-TÜV bei der Rechtsextremismus-Prävention, Aufklärung des massenhaften Kindesmissbrauchs in kirchlichen Einrichtungen – was das Regierungs-Küken anfasst, misslingt.

Die Frau, die genauso sicher jedes ihrer Projekte in den Sand setzt, Ursula von der Leyen, sieht es übrigens genauso. 
Sie hasst ihre Nachfolgerin als Familienministerin wie die Pest und versucht sie bei jeder Gelegenheit bloßzustellen.
Wie so eine offensichtliche Stümperin in die Regierung eines der wichtigsten Industriestaaten des Planeten gelangen konnte, ist wenig geheimnisvoll.
Zu Beginn dieser Legislaturperiode überraschte Merkel die journalistische Szene mit der Personalie Jung. Der dröge Hesse war zuvor als Verteidigungsminister allgemein als größte Pleite der Großen Koalition (2005-2009) angesehen worden. 
Jeder Artikel, der sich mit der zukünftigen Politik beschäftigte, sagte Jungs Ende voraus. 
So einen pannenanfälligen Totalausfall könne sich Merkel ganz bestimmt nicht länger leisten. Das ganze Jahr 2009 über hatte es schon Rauswurf-Spekulationen gegeben. Aber die Kanzlerin schien im Wahljahr eine Kabinettsumbildung zu fürchten und schleppte Jung widerwillig mit durch.
Zunächst herrschte Fassungslosigkeit, als Merkel dem stramm katholischen Ex-General der Hessen-CDU ausgerechnet den größten Etat, nämlich den des Arbeitsministeriums anvertraute.
Offensichtlich hatte man irrigerweise immer noch gemutmaßt es ginge der Kanzlerin um inhaltliche Politik.
 Ergebnisse sind ihr aber herzlich egal. 
Wichtig ist ihr nur die parteiinterne Arithmetik. Jung war Roland Kochs U-Boot in der Bundesregierung. Koch war damals noch ein ernstzunehmender Konkurrent der Kanzlerin und konnte beanspruchen im engsten Zirkel der Macht vertreten zu sein. 
Er schuldete außerdem dem Mitglied des Andenpaktes und der Tankstellenconnection Jung einen Gefallen, nachdem dieser im Jahr 2000 als Bauernopfer für Koch während des CDU-Megaspendenskandals als Generalsekretär und Staatskanzleichef zurück getreten war.

Jung ist der Connection-Mann, der alles durch tiefes Eintauchen in Roland Kochs Rektum erreicht hatte. Seine fachlichen Qualitäten hingegen sind erbärmlich.
Nach nur 33 Tagen im neuen Amt als Bundesarbeitsminister mußte er wegen der berühmten Kundus-Affäre doch noch endgültig aus dem Kabinett geschmissen werden. So schnell war noch keine Bundesregierung eines Ministers verlustig gegangen.
Mit von der Leyen fand sich zwar schnell eine Nachfolgerin, aber nun fehlte in Merkels Macht-Arithmetik ein Hesse und ein ganz Rechter.
Die kleine Kohl- und Koch-Bewunderin hatte sich in den Jahren zuvor schon als ultrarechts profiliert und bei ihrer berühmten Suada wider die „Deutschenfeindlichkeit“, welche die bösen Multikulti-Ausländer zu Straftaten anrege, als wahre Erbin Kochs gezeigt. 
Die Quellen auf die sie sich bezog waren erlogen. 
Bräunlich, auf Kriegsfuß mit der Wahrheit, Hessin, jung, weiblich – das passte perfekt ins Merkels große Austrahierung.
Die Hessen-CDU stand schon immer für den rechtesten Rand der Union überhaupt.
Nur in den ultrakonservativen Niederungen Hessens, wie z.B. Fulda können Typen wie Martin Hohmann, Roland Koch, Alfred Dregger, Manfred Kanther und Volker Bouffier entstehen.
Kristina Schröder, geborene Köhler, ist ebenfalls in diesem braun-schwarzen Habitat geprägt worden. 

Allerdings leistet sie sich einen Ausrutscher. Sie hasst Schwule NICHT!
 Schröder würde die „Homo-Ehe“ sogar rechtlich aufwerten.

Da biegen sich der Hessen-CDU-Basis die Fußnägel hoch vor Grauen. So eine Meinung bleibt nicht folgenlos.
Man setzt nun lieber wieder auf Jung.
Die hessische CDU wird Kristina Schröder voraussichtlich nicht zu ihrer Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl machen. Als Bundesfamilienministerin hätte es der 35-jährigen Wiesbadenerin zugestanden, Nummer Eins der Landesliste zu werden. Schröder hat darauf jedoch verzichtet und konzentriert sich nun auf das Direktmandat in ihrem Wahlkreis Wiesbaden. Grund für ihre Absage seien die unterschiedlichen Meinungen zur Gleichstellung homosexueller Paare gewesen, die Schröder befürwortet, die Mehrheit der Hessen-CDU aber ablehnt, hieß es.

Als Spitzenkandidaten der Landespartei wird Ministerpräsident Volker Bouffier nun Franz Josef Jung vorschlagen, meldet die Nachrichtenagentur dpa. Jung hat die Liste bereits 2009 angeführt, damals noch als Verteidigungsminister im Bundeskabinett.
Die Wiesbadener Parteifreunde sind sauer auf die Familienministerin und kreiden ihr die entscheidenden fehlenden Stimmen bei der OB-Wahl an, als der langjährige CDU-Amtsinhaber völlig überraschend die Wahl gegen den jungen, schwulen Sozi Sven Gerich verlor.

Und damit komme ich endlich auf den großen Unterschied zwischen CDU und SPD in dieser Angelegenheit.

Während es die CDU in sehr konservativen Gebieten versucht sich mit noch bräunlicheren Sprüchen dem Wählerbodensatz anzubiedern, kümmert sich die Sozialdemokratie nicht um die Ewiggestrigen und setzt erst recht auf moderne und linkere Themen. Der hessische SPD-Landesverband gilt als besonders progressiv und hat die Ikonen des linken Parteiflügels hervorgebracht. Heidemarie Wieczorek-Zeul, Andrea Ypsilanti und Christine Lambrecht sind die Prominentesten Namen aus Hessen.
Statt sich also im vermeidlich so konservativen Wiesbaden dem Wahlvolk anzupassen, zeigten die Sozis Rückgrat und stellten den quasi unmöglichen Kandidaten Gerich bei der Bürgermeisterwahl auf.
Und siehe da; wer wagt gewinnt. Wiesbaden hat einen neuen Oberbürgermeister und der 60-Jährige bisherige Amtsinhaber Helmut Müller (CDU) ist seinen Job los.
Für die im Land zusammen mit der FDP regierende CDU ist dies sechs Monate vor der Landtagswahl ein herber Rückschlag. […] Hessens Ministerpräsident und CDU-Landeschef Volker Bouffier sagte, es gebe nichts drumherumzureden: "Das ist bitter für die Union." […] Gerich schien vom Sieg über den Favoriten Müller selbst überrascht. "Ich habe knapp eher in die andere Richtung getippt", sagte er. Der gelernte Drucker und SPD-Stadtverordnetenvorsitzende kündigte an, sich von seinem Vorgänger abzusetzen. "Die Stadt ist kein Konzern, die Stadt ist ein Gemeinwesen." Man könne eine Stadt "nicht nur mit Kennziffern" führen.

Es ist höchst erfreulich, daß die SPD nun in fast allen großen Städten den Bürgermeister stellt und sich anschickt auch noch die letzten CDU-Amtsinhaber zu vertreiben.
Das Besondere ist aber, daß sie sich traut auf Außenseiter zu setzen.

Sie ging in Berlin 2001 mit dem ersten offensiv geouteten Schwulen ins Rennen, schickte in Frankfurt einen Juden in Rampenlicht und auch Pit Clausen, der SPD-Bürgermeister Bielefelds ist mit einem Mann verheiratet.
Bei den Kommunalwahlen 2008 im Bayerischen Bodenmais gewann der erst 23-jährige schwule, evangelische Sozi Michael Adam. Im Dezember 2011 wurde Adam gar im tiefsten Bayern zum Landrat von Regen gewählt.
Die trauen sich was, die Sozis.
Als 25-Jähriger wurde Stefan Rottmann im März zum jüngsten Bürgermeister Bayerns gewählt. […] Tatsächlich geben sich prominente Sozialdemokraten dort die Klinke in die Hand, seit Rottmann im März als 25-Jähriger zum jüngsten Bürgermeister in Bayern gewählt wurde. Ein halbes Jahr später ist Rottmann diesen Titel nun los, aber abermals kommt der neue Rekordhalter aus Franken - und abermals ist er Sozialdemokrat: Zum neuen Bürgermeister im oberfränkischen Städtchen Bad Rodach im Kreis Coburg wurde am Sonntag der 25 Jahre alte Tobias Ehrlicher (SPD) gewählt.  Mit 68,86 Prozent der Stimmen gelang es ihm, sich im ersten Wahlgang gegen zwei parteifreie Mitbewerber durchzusetzen. Ehrlicher ist zehn Tage jünger als sein künftiger Kollege Rottmann.
Der Wiesbadener Sozi-OB Gerich hatte vermutlich die schlechtesten Voraussetzungen, um so eine Karriere zu machen.
Aber in der SPD geht das eben doch, weil man NICHT glattgebügelt sein muß.
Als Sven Gerich, 39, im vergangenen Jahr als SPD-Kandidat für das Oberbürgermeisteramt in Wiesbaden antrat, waren die Erfolgsaussichten bescheiden. Er ist Heimkind, homosexuell, war weitgehend unbekannt und kandidierte in der Hauptstadt jenes Landes, in dem die SPD seit dem Ypsilanti-Debakel 2009 eigentlich nichts mehr zu melden hat. […]
SZ: Herr Gerich, wenn über Ihre Karriere berichtet wird, kommen oft die Worte 'trotzdem' und 'obwohl' vor.
Sven Gerich: Ich habe im März die OB-Wahl in Wiesbaden gewonnen, obwohl mein CDU-Gegenkandidat seit mehr als sechs Jahren im Amt war und obwohl mich fast niemand in der Stadt kannte.
[…] Ich bin kein klassischer Parteipolitiker.
SZ: Sie sind gar kein klassischer Politiker: Sie sind ein später Quereinsteiger. Gelernter Tischler. Sie bekennen sich in einem konservativ geprägten Land offen zu Ihrer Homosexualität. Und Sie sind im Kinderheim aufgewachsen.
Gerich: […] Ich war sechs, als ich aus der Familie geholt wurde. Aber die Betreuer haben versucht, eine familiäre Atmosphäre zu schaffen. Und man lernt früh, dass man sich behaupten und für Dinge kämpfen muss.
[…] Wenn es sein muss, kann ich auch Ellenbogen. Und vielleicht kommt durch das Heim, dass ich gruppendynamische Prozesse gut kannte, als ich in die Politik kam.
SZ: Die kennen andere Jungpolitiker aber wahrscheinlich besser. Philipp Mißfelder ist in der Jungen Union, seit er 14 ist. Philipp Rösler kam mit Anfang 20 in den Vorstand der Niedersachsen-FDP.

Gerich: Solche Netzwerke sind nichts für mich. So sehr ich Sozialdemokrat bin, so sehr versuche ich, auch von außen auf die Partei zu blicken. […] Ich bin erst mit 29 zur Politik gekommen. Damals war ich so ein Stammtischtyp mit Sprüchen wie: Politiker lügen alle. Durch Zufall habe ich den früheren Wiesbadener OB Achim Exner kennengelernt. Der hat gesagt: Wenn du alles besser weißt, mach doch selbst. Drei Wochen später habe ich bei der SPD angefangen.
[…] Ich bin ein Heimkind. Da lernt man früh, wie es ist, nicht dazuzugehören - das geht schon los, wenn man nicht die richtige Jeans trägt. Ich konnte mir solche Musthaves nie leisten. Aber ich habe nie zurückgesteckt, weil ich eine billige Hose trug.
[…] Von Schröder ist doch das Zitat 'Ich will hier rein!' Das sagt nur, wer draußen ist. Schröder hat wahrscheinlich wirklich so viel bewegt, gerade weil er von unten kam. […] Ich bewundere ihn für den Mut, die Agenda 2010 durchzusetzen. Klar, sie hatte Fehler. Aber dass viele in der SPD heute nicht zu den Erfolgen stehen und die Reform den Bürgern nicht erklären: Das ist schade.

SZ: War es in Ihrer Partei jemals ein Thema, dass Sie homosexuell sind?
Gerich: Überhaupt nicht. Die Gesellschaft ist da sehr weit. Das Thema ist durch. […]
 (SZ vom 06.04.2013)

Nur nicht in der CDU.

Donnerstag, 18. April 2013

Deswegen SPD – Teil IV



Zu Beginn dieser lockeren Reihe versuchte ich die Ausgangslage zu schildern. Das publizistische Jaucheloch, in dem die Sozis stecken.

Die CDU und die Möchtegern-Merkel-Nachfolgerin von der Leyen haben heute bei der Abstimmung über die Frauenquote gezeigt, daß sie unwählbar sind.
Die Initiative des Bundesrats, eine feste Frauenquote einzuführen, wurde von allen Frauen der Union im Bundestag abgelehnt.
Man erinnert sich an die FDP und den schwulen Außenminister, die geschlossen gegen den Antrag der Opposition die „Homo-Ehe“ rechtlich gleich zu stellen, stimmten. Taktik und Pöstchen sind alles in der Regierungskoalition, Inhalte sind irrelevant. 
Dabei hatten sich die CDU-Frauen vorher ungeniert als moderne Politikerinnen verkauft.
Mit der „Berliner Erklärung“ gab es ein parteiübergreifendes Bündnis von Frauen aller Fraktionen, die zusammen mit sämtlichen wichtigen Frauenverbänden für eine feste Quote in Aufsichtsräten kämpften. Von der Leyen hatte sich als Verfechterin einer festen Quote feiern lassen.

Umso größer war nun die Enttäuschung bei der Opposition. „Dies hätte ein historischer Tag sein können“, klagte Dagmar Ziegler von der SPD und konstatierte: „100 Prozent Umfallerinnen“ bei der Union. Ekin Deligöz von den Grünen sekundierte: „Sie lassen uns im Stich. Das nehme ich Ihnen persönlich übel.“ Beide hatten die Berliner Erklärung mit ins Leben gerufen.

Die gewohnheitsmäßige Lügnerin von der Leyen verfuhr einmal mehr nach ihrem einzigen Politikmuster: Erst in der Öffentlichkeit aufblasen und Behauptungen aufstellen und dann, wenn es um konkrete Politik geht: Wegducken, drücken, Arbeitsverweigerung.
Die Quoten-Fans der Union [waren] einer nach dem anderen eingeknickt. Prominentestes Beispiel ist Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen. Erst lotete sie im Hintergrund die Chancen für einen fraktionsübergreifenden Vorstoß aus - und erklärte dann, "so schwer es mir fällt", sie könne die Initiative der Opposition nicht mittragen.

Die Quoten-Befürworterinnen der Union haben ihre Überzeugung für ein paar lose Versprechen eingetauscht. Die feste Frauenquote soll zwar ins Wahlprogramm von CDU und CSU geschrieben - aber nicht vor 2020 angegangen werden. Das Rebelliönchen verpuffte, sobald man den Damen einen mauen Deal servierte. Von Glaubwürdigkeit und Charakterstärke zeugt das nicht.
Merkel zeigte, wieder einmal, eine erbärmlich schwache Performance und die Kommentatoren wittern erhebliche Demokratiedefizite der CDU.
Es ist wohl die lapidarste Kehrtwende unter den vielen Kehrtwenden, die die CDU unter der Führung von Angela Merkel vollzogen hat. Ein paar Sätze in einem Interview mit der Bild-Zeitung sollen wohl reichen, damit die Parteibasis ihr folgt: "Als Vorsitzende dieser Volkspartei nehme ich es ernst, wenn das quer durch alle Gruppierungen so viele meiner Kollegen bewegt."

Das ist es also. Merkel nimmt es "ernst", wenn die Frauenquote ihre "Kollegen bewegt". Wen meint sie damit eigentlich? Und vor allem: Kann das als Grund reichen, mal eben Parteitagsbeschlüsse über Bord zu werfen, die seit kaum fünf Monaten existieren?       Nein, kann es nicht. Wenn das reicht, um einen radikalen Kurswechsel wie diesen von der mehr oder minder freiwilligen Flexi-Quote zur starren Pflichtquote zu begründen und durchzusetzen, dann hat das mit Demokratie nur noch am Rande zu tun.   Zumal ja niemand weiß, ob die Partei wirklich für eine starre Quote einsteht. Nur Parteivorstand und Präsidium haben den Deal abgesegnet. Das sind nicht einmal 50 Personen, die im Zweifel einen offenen Konflikt mit Merkel eher scheuen. Einen Parteitag wird es dazu vor der Wahl nicht mehr geben. Dennoch soll die neue Quotenlinie im Wahlprogramm verankert werden. Auch das wird nicht von einem Parteitag verabschiedet und debattiert. Was kratzt mich die Partei, mag Merkel denken. Ihr Motto: Solange ich Kanzlerin bin, mache ich, was mir gefällt.

[…]   Einer Partei, die sich so von der eigenen Chefin vorführen lässt, können Parteitage in Zukunft auch egal sein.
Es sind wenige Stimme in der Presse, die Merkels demokratiewidriges und frauenfeindliches Verhalten klar als das benennen was es ist; nämlich ein Desaster.

Die übergroße Mehrheit der Journaille schließt sich dem derzeit herrschenden Trend an und spart es sich das eigene Hirn zu bemühen.
Als ob alle die gleiche imaginäre Schablone benutzten, wird das Bild von der schwankenden SPD, dem Pannen-Peer und der monolithisch führenden Merkel gezeichnet. 
Nur sie wisse wo es längs ginge.

Dabei ist diese Darstellung schlicht und ergreifend falsch.
Die CDU/CSU/FDP-Koalition ist es, die um die heißen Eisen mäandert und die Bürger im Stich läßt.
Frauen wie Kristina Schröder, Ursula von der Leyen und Angela Merkel sollten lieber daheim am Herd bleiben, statt das Volk mit ihrer Polit-Imitation zu belästigen.
Ursula von der Leyen hat die Quotenregelung immer wieder als Gretchenfrage bezeichnet. Dies ist also nicht irgendeine Frage der Tagespolitik. Es geht um Grundsätzliches und damit auch um die Glaubwürdigkeit der Ministerin selbst. Von der Leyen hat oft mit großer Geste gefordert, dass es eines Gesetzes bedürfe, wenn sich in Sachen Frauenanteil auf der Top-Ebene der DAX-Konzerne nichts täte.  Sie ließ sich feiern als eine, die Klartext spricht. Die unabhängig von Bundeskanzlerin Merkel für mehr Geschlechtergerechtigkeit kämpft. […] Doch jetzt dürfte mit der Selbstinszenierung als unbestechliche Kämpferin Schluss sein. Übrig bleibt das Bild einer Umfallerin, die als Löwin startete und als Bettvorleger endet.

Recht hat sie, die Frau Pohl. 
Doch wer liest schon die taz?
Die 100 mal so große renommierte Wochenzeitung „DIE ZEIT“ titelt heute mit einem halbseitigen von der Leyen-Bild und bejubelt sie in einem langen Artikel als „Frau für alle Fälle“, die geradezu „unerträglich perfekt“ sei, als „zähe Kämpferin“ brilliere und eines Tages „Angela Merkel beerben“ könne.


Eine Lügnerin und Dauerumfallerin, die bei all ihren Kernanliegen – Betreuungsgeld, Frauenquote, Internetsperren, Bildungsgutscheine, Kita-Ausbau, Geburtenzahlzunahme, Lebensleistungsrente, …- stets eine Bauchlandung hinlegte und immer scheiterte, wird als Macherin inszeniert.

Ein Witz.
Image ist alles. 
Seriöse Politik zählt offenbar gar nicht mehr im Land der großverlegerischen Meinungsmacher. Wozu eigentlich noch wählen? 
Lasst doch die Chefredakteure von Bauer, Burda, Holtzbrinck und Springer einen Bundestag ausknobeln.
Gerhard Schröders Staatsminister Schwanitz, den man schon allein wegen seines engagierten Kampfes für den Laizismus lieben muß, gab gestern seine Einschätzung des Sachverhaltes.

Hinter diesem Hoch- und Runterschreiben steckt noch etwas mehr - und es geht nur am Rand darum, wie sich ein Politiker zu einzelnen Medien verhält und umgekehrt. Zum einem ist nicht nur in Italien, sondern auch im deutschen Journalismus seit einigen Jahren eine klar negative Entwicklung zu beobachten, dass politischer Journalismus immer stärker in Richtung Infotainment, Kampagnen- und Herdentrieb abdriftet. Egal wie man das politisch sieht: Guttenberg hoch und runter, Wulff hoch, runter und wieder hoch, Grüne- und Piratenhype oder das allgemeine Peer-Bashing, das bei "Schubladenjournalisten" fast schon ein Muss zu sein scheint, sind nur einige wenige Beispiele. Das trifft dann auf die altbekannte "Vorliebe", dass in Wahlnähe mit der SPD in der Regel recht zünftig, mit der CDU dagegen eher recht verhalten umgegangen wird (schließlich könnte man über Merkels Stil monatelang mit persönlich abwertende Artikeln viele Zeitungsspalten füllen, vorausgesetzt man wollte es). Diese Kombination, der neue Kampagnen-Infotainment-Herdenjournalismus und die altbekannten Vorlieben, verbinden sich zu einer Mischung, die nicht nur heute für die SPD schwierig, sondern langfristig für die Demokratie gefährlich ist. Darum geht es.
(Rolf Schwanitz via Facebook, 17.04.13)

Merkel und von der Leyen gelten immer noch als die beliebtesten Politikerinnen Deutschlands.
Wer diese ewiggestrige Politik nicht will, sollte Steinbrück wählen.

Klipp und klar kristallisiert sich wieder einmal der Unterschied zwischen Rot/Grün und der Noch-Koalition heraus.



(Peer Steinbrück auf Facebook 18.04.13)

Mittwoch, 17. April 2013

Glauben wie Gott in Frankreich.




Liest man die ZEIT-Rubrik „Glauben und Zweifeln“ kann man den Eindruck gewinnen bei einem völlig rückwärtsgesinnten Blatt gelandet zu sein, welches intellektuell in einer mittelmäßigen Liga spielt.
Gesellschaftspolitisch geht es in der altehrwürdigen Redaktion des Pressehauses, Speersort 1, nur ein paar Schritt hinter dem Hamburger Rathaus gar nicht so altbacken her, wie es Katholikiot di Lorenzo vermuten läßt.
Sie können durchaus auch auf der Höhe der „Zeit“ schreiben. 
So rechnete Heinrich Wefing in einem prominent platzierten Artikel vor zwei Wochen mit dem lächerlichen Anti-Homo-Kulturkampf der Konservativen ab.
Die Konservativen fürchten sich vor dem Zerfall der Normalfamilie – und suchen die Schuld bei Lesben und Schwulen.

Einen solchen globalen Kulturkampf hat es lange nicht gegeben. Der Streit um die Rechte von Homosexuellen entfesselt die Leidenschaften rings um die Welt, peitscht die Emotionen auf, in Russland, in Afrika ebenso wie in Europa und den USA. Fast scheint es, als sei dies die Frage, an der sich die Zivilität und Liberalität einer Gesellschaft entscheidet, wie einst an der Frage nach der Emanzipation der Juden. In Frankreich gehen Hunderttausende auf die Straße, um gegen die Homo-Ehe zu protestieren und gegen das Recht von Schwulen und Lesben, Kinder zu adoptieren. [….]

Die Empörung ist noch weniger verständlich, wenn man zum Zweiten daran erinnert, dass die Sache eigentlich durch ist. In zehn Jahren wird sich niemand mehr über die Homo-Ehe aufregen, in Frankreich nicht, in Deutschland nicht und wohl auch nicht in Amerika. [….] Die tief katholischen Regionen Sizilien und Apulien werden, vor wenigen Jahren noch undenkbar, heute von homosexuellen Regionalpräsidenten regiert. [….] Und warum tobt dieser Kampf jetzt in drei großen westlichen Demokratien zugleich, in Frankreich, den USA und – weniger heftig – auch in Deutschland? Ein finales Aufbäumen der Konservativen? Ein letzter, verzweifelter, homophober Protest gegen eine Liberalisierung, die längst unumkehrbar ist?

[….] Der Protest gegen die Homo-Ehe ist ein Protest gegen die Realität der modernen Familie.  [….]  "Die Befürworter der Homo-Ehe können nur erreichen, was sie erreichen wollen", schrieb [der konservative Publizist David] Frum, "indem sie Amerikas Bindung an die traditionelle Familie weiter schwächen" und damit den Prozess der sozialen Auflösung beschleunigten, der in den sechziger und siebziger Jahren begonnen habe.

Die Schwäche des Arguments ist offenkundig. Schwulen und Lesben die Schuld an steigenden Scheidungsraten und der wachsenden Zahl von Alleinerziehenden zu geben ist eine bizarre, wenn nicht böswillige Verwirrung von Ursache und Wirkung. Keine heterosexuelle Ehe geht in die Brüche, nur weil Homosexuelle heiraten dürfen. Es waren Heterosexuelle, die das klassische Familienbild aufgegeben haben, lange bevor zum ersten Mal vor einem Standesamt Reis für ein schwules Paar geworfen wurde. Die heterosexuelle Mehrheit selbst hat neu definiert, was Familie sein kann, hat die Ehe entkoppelt von Fortpflanzung und Dauerhaftigkeit, weshalb es keine Rechtfertigung dafür gibt, homosexuellen Paaren zu verweigern, was heterosexuellen selbstverständlich zugestanden wird. 
Wie so viele Länder entspricht Frankreich dem Klischee, das so viele von der Grande Nation haben und beinhaltet dennoch auch das genaue Gegenteil der Klischees.

Seit vielen Jahren schon zeichnet sich die französische Kulturszene durch deftige, weit ins Pornographische reichende Sexdarstellungen aus.
Wie viele Jungs meiner Generation bin ich ein großer Fan der Philippe-Djian-Romane („Rückgrat“ von 1991 ist mein Lieblingswerk).
 Er konnte mal so nett schreiben, aber die Sexszenen wurden immer extremer. „Schwarze Tage, weiße Nächte“ von 2002 ist ein echter Porno und man weiß nicht wozu das noch gut sein soll.
Die Regisseurin Catherine Breillat brachte mit ihrem berühmt-berüchtigten Werk „Romance“ Hardcore-Sexszenen ins Mainstreamkino. 
Heute kommt keine französische TV-Produktion mehr ohne das ausführliche Zeigen von Penissen und diversen homoerotischen Geschichten aus.
Frankreich scheint das diametrale Gegenteil des prüden Amerika zu sein.
Unser Nachbarland im Westen gilt vielen Amerikanern als so sittenlos, daß der GOP-Herausforderer Barack Obamas verschämt verschwieg der französischen Sprache mächtig zu sein – er fürchtete um Stimmen aus dem rechten Lager.
Mitt Romneys zweijährige Missionsreise in Paris muß dem Mormonen, der Tabak, Alkohol, Sex und Kaffee gleichermaßen streng verdammt, vorgekommen sein wie Sodom und Gomorrha. Amerikanische Austauschsoldaten sollen sich kaum aus ihren Kabinen getraut haben, als sie auf dem französischen Flugzeugträger Clemenceau eingesetzt waren. In der Kantine gab es WEIN zum Essen und noch nicht mal Sex unter den Matrosen und Matrosinnen war verboten.

Das passt nur zu gut zum streng laizistischen Staatsverständnis, welches es dem Präsidenten sogar verbietet sich in einer Kirche blicken zu lassen.
Welch ein Unterschied zu Köhler, Wulff und Gauck, die sich so oft wie möglich betend zeigten.

Die Franzosen waren quasi prädestiniert dafür einen linken Senat und eine linke Nationalversammlung zu wählen, die ein für alle Mal sämtliche rechtlichen Unterschiede zwischen Heteros und Homos aufhebt.
Und nun diese Demos dagegen. Wie passt das zusammen?

Die Antwort lautet „Katholizismus“.

Eindeutige Zahlen gibt es zwar nicht, aber Frankreich ist sowohl eine Hochburg des Atheismus als auch eine Hochburg des Katholizismus. 
30 bis 40 Millionen Franzosen sind römisch-katholisch und stellen damit mehr Mitglieder als Deutschland. Inklusive der Überseegebiete gibt es mehr als hundert katholische Bistümer in Frankreich – in Deutschland sind es gerade mal 27.
Die Église catholique mit ihren acht Kardinälen ist neben den Italienern und den Spanischsprachigen die dritte große Macht im Vatikan.
Sie gilt als stramm konservativ und ist die Hauptantriebskraft in der antihumanistischen Homophobiebewegung des Landes. 
Angesichts des traditionell starken Säkularismus‘ reagieren die Rotröckchen geradezu hysterisch auf Gewährung von Minderheitenrechten.

Nach Einschätzung Kardinal Andre Vingt-Trois, verliert das Christentum an gesellschaftlicher Bedeutung. Beispiel dafür sei die geplante Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe und des Adoptionsrechts für Homosexuelle.

Das christliche Konzept der Menschenwürde sei in Frankreich nicht mehr als ethische Referenz anerkannt.

Da hat jemand die Soutane gestrichen voll, weil er um seinen Einfluß fürchtet.

Mit immer schrilleren Tönen eskaliert die katholische Kirche in Frankreich den Konflikt um die Öffnung der Ehe für Schwule und Lesben. Der Pariser Erzbischof warnt nun vor Gewalt, sollte das Gesetz beschlossen werden.

Der ranghöchste französische Vertreter der katholischen Kirche hat am Dienstag erklärt, dass die Öffnung der Ehe für Schwule und Lesben zu einer "gewalttätigen Gesellschaft" führen könne. Kardinal André Vingt-Trois, als Erzbischof von Paris und Vorsitzender der französischen Bischofskonferenz der mächtigste Katholik im Lande, sieht laut "Le Figaro" den Gesetzentwurf zur Gleichstellung von Homosexuellen im Eherecht als Zeichen an, dass die französische Gesellschaft auseinander bricht.

"So entsteht eine gewalttätige Gesellschaft", sagte der 70-Jährige bei einem Treffen der französischen Bischöfe. "Die Gesellschaft kann nicht mehr integrieren und die unterschiedlichen Meinungen in ein gemeinsames Projekt zusammenführen."