Sonntag, 10. Juni 2012

Wenn nicht sein darf was ist.



Als Chemiker ist das Denken ganz furchtbar leicht.
Man überlegt sich ein Atommodell, macht seine praktischen Versuche und guckt, ob die Realität das Modell bestätigt. 
Fällt die Realität anders aus, ist offenbar das Modell falsch und man muß sich etwas Neues, Passenderes ausdenken.
Über die Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte kommt man so zu ziemlich präzisen Modellvorstellungen, die einem das Verständnis der Natur erheblich erleichtern.

Religioten gehen den umgekehrten Weg.
Sie haben eine feste Vorstellung wie etwas sein muß, beobachten dann die Realität und wenn diese von ihrer Theorie abweichen sollte, versuchen sie die Realität anzupassen.

Christliche Wissenschaft ist eine Art Pippi Langstrumpf-Methode: 
„Ich mach‘ mir die Welt - widiwidiwitt - wie sie mir gefällt!“

Wie man sich unschwer vorstellen kann, wird die Christliche Methode auf die Dauer in Konkurrenz mit dem naturwissenschaftlichen Ansatz verlieren.
Der flache Planet, der Geozentrismus, der Kreationismus, Masturbationsverdammung, … - solche Nonsens-Konstrukte konnten nur über so viele Jahrhunderte überleben, wenn Christen über erhebliche weltliche Macht verfügten, um diesen Unsinn mit Gewalt durchzusetzen. 
Wer widersprach wurde auf den Scheiterhaufen geworfen. Roma Locuta, Causa Finita.

Unter Maurischer Herrschaft lief es hingegen absolut fortschrittlich. Erst mit der Machtübernahme der Christen steuerte Spanien zurück in finsterste Zeiten.

Wer forschte, tüftelte, las, lief Gefahr, auf dem Scheiterhaufen zu landen. Als in Mitteleuropa während der Aufklärung die Naturwissenschaft erblühten, stritten sich spanische Gelehrte darüber, ob Engel beim Fliegen Seelen transportieren können. 

Unglücklicherweise haben die vielen Jahrhunderte offensiver Christlicher Verblödung dazu geführt, daß auch mit abnehmender weltlicher Macht der destruktiven Christen die Schere im Kopf bestehen blieb.
Naturwissenschaftler stießen bei ihren Beobachtungen immer wieder auf Phänomene, die sie nicht zu veröffentlichen wagten, weil sie durch dekadentes Christen-Denken konditioniert waren.

Der Biologe George Murray Levick (1876-1956) hockte von 1910 bis 1913 mit der berühmten Scott-Expedition in der Antarktis fest und beobachtete mit äußerster Akribie Adélie-Pinguine. 
Was er dort lernte gefiel dem im Viktorianischen England geprägten Gentleman so wenig, daß er seine Beobachtungen zur Sicherheit nur in Griechisch aufschrieb und verfügte, die anrüchigen Teile dürften nicht veröffentlicht werden. Als "verdorbenes Verhalten verbrecherischer Vögel“ deutete er das Gesehene.
Ein volles Jahrhundert später wurden Levicks Schock-Beobachtungen über das Sexualverhalten der antarktischen Frackträger nun aber doch ans Licht der Öffentlichkeit gebracht. 
Man darf annehmen, daß Ratzi not amused ist.

Was Levick als Erster beobachtete:
scheinbar nekrophiles Sexualverhalten: Versuche von männlichen Jungvögeln, sich mit toten Weibchen zu paaren; offenbar sexuell motivierte Attacken auf Jungvögel; autosexuelles Verhalten: Selbstbefriedigung? Homosexualität; nicht auf Fortpflanzung ausgerichtete sexuelle Aktivität!
Mit einem Wort: Unaussprechliches! Was Verhaltenswissenschaftler heute einordnen und interpretieren können, schockierte Levick und seine Zeitgenossen zutiefst. Es erschien ihm unnormal, unnatürlich. Er musste die beobachteten Verhaltensmuster als sinnlos begreifen, weil sie dem Sinn von Sexualität, so wie er diesen verstand, zuwiderliefen.
Zudem vermochte er es nicht, seine wissenschaftlichen Beobachtungen von seinem moralischen Empfinden zu trennen. Was er sah, war für ihn im Sinne des Wortes böse. […]  
Vier eng beschriebene Seiten füllte Levick mit seinen in griechischer Sprache kodierten Beobachtungen. Er bemerkte "kleine Gruppen von Hooligans" von "erschreckender Verdorbenheit" am Rand der großen Schwärme. Sie belästigten jedes Küken, das ihres Weges kam. Mitunter wurden so attackierte Jungvögel verletzt oder sogar getötet. Levick schrieb: "Die Verbrechen, die sie begingen, sind von einer Art, wie sie in diesem Buch keinen Raum finden soll. Doch ist es tatsächlich interessant zu bemerken, dass, wo die Natur ihnen Beschäftigung zudenkt, diese Vögel wie Menschen durch Faulheit degenerieren."
Kurzum: Wo keine Zucht und Disziplin, da keine Ordnung, stattdessen unnatürliches Verhalten. Ohne Zweifel, diese Vögel waren keine Gentlemen.

Hundert Jahre nach George Murray Levick stellt sich Joseph Ratzinger allerdings immer noch in den Bundestag und redet vom antiquierten „Naturrecht“, nach dem nur der heterosexuelle und auf die Zeugung gerichtete Akt „natürlich“ ist.

Homosexualität gilt bis heute laut KKK als widernatürlich. 
Menschen mit homosexueller Veranlagung haben enthaltsam zu leben und damit basta. Selbstverständlich betrifft das auch alle andere sexuellen Spielarten außerhalb der Ehe, die nicht ausschließlich zum Kinderkriegen dienen.
Analverkehr, Sex mit Verhütungsmitteln, Oralverkehr, Petting, Sex nach der Menopause, Masturbation und alles Außereheliche ist „widernatürlich“ und hat zu unterbleiben.

Wie den Geozentrismus zieht die Kirche diese Absurd-Theorie über Jahrhunderte durch, obwohl sie immer mehr mit der Realität kollidiert.

„Sex zum Spaß“ ist zwar für Katholiken unnatürlich, aber offenbar kommt das in der Natur überall vor.

"Man kann über Homosexualität denken, was man will. Aber man kann nicht sagen, dass es widernatürlich ist", sagt Geir Söli, der Ausstellungsleiter, der nach dreijähriger Vorbereitungszeit im Naturkundemuseum von Oslo 2006 die weltweit erste Ausstellung zur Homosexualität im Tierreich eröffnete.
Die Tiere haben Spaß am Sex – in welcher Konstellation auch immer. Insbesondere treffe dies auf höher entwickelte Tierarten zu: Wale, Delfine, Primaten.
Überall gebe es Beispiele für homosexuelles Verhalten.
Es ist völlig natürlich und biologisch, daß bei allen Spezies Homo-Sex vorkommt.
Die kruden krassen Thesen, von radikal fundamentalistischen Christen à la Kreuznet, daß so ein Verhalten schädlich sei oder gar die Art gefährden würden, kann man getrost verneinen.
Lesbische Schwäne, schwule Giraffen und Zebras, schwule – aber monogame Geier ausgerechnet im Zoo von Jerusalem – all das ist inzwischen breit dokumentiert.
Im Oktober 1999 hatte der damalige CSU-Generalsekretär Thomas Goppel noch voller Emphase über Rot/Grüne Pläne in der Wochenzeitung "Die Woche" geschrieben:

„Die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften wird es mit der CSU nicht geben. Im Biologiebuch kann man lesen, daß das nicht geht“ 
Aber seit wann kümmern sich auch konservative Politpolterer um so etwas Nebensächliches wie Fakten – sie sind auch meistens einfach nur lästig, weil sie so schwer in das christlich-verblendete Weltbild passen. 

Spaß am Sex – bezog sich der Norweger Forscher Geir Söli dabei noch auf Homo-, Bi- und Gruppensex innerhalb einer Art, beobachtete nun der Forscher Nico de Bruyn von der University of Pretoria wie es ein Seelöwe mit einem Königspinguin trieb – nachzulesen im Fachblatt Journal of Ethology.
Dies ist ein natürliches Phänomen – in dem Sinne, daß es in der Natur vorkommt.

Man fragt sich nur wie das in den KKK, den Katechismus der Katholischen Kirche passt.

"Gleichgeschlechtliche Liebe ist unter mehr als 1.500 Tierarten nachgewiesen. Die Wissenschaft hat das nur früher immer schamhaft verschwiegen", sagt Petter Bckman bei der Vorführung der "eindeutigen" Fotos, Modelle, ausgestopften Tiere und erläuternden Texte. Viele Besucher verharren beim Foto der schmusenden Killerwal-Männchen oder unter dem schwebenden Modell der Delfin-Dame, die das Geschlechtsorgan ihrer Partnerin zärtlich mit der schmalen Schnauze stimuliert. Dass Tiere Sex nur zu Zwecken der Fortpflanzung betrieben, sei kompletter Unsinn. "Wir wissen ja nicht, was sie denken. Aber es ist wohl eindeutig, dass all das hier viel mit Spaß zu tun hat."

Ein christlicher Biologe hat es schon schwer. 

Denn die Natur ist so fürchterlich unnatürlich.

Forscher berichten von weiblichen Koalas, die andere Weibchen besteigen. Von männlichen Flussdelfinen ist bekannt, dass sie sich durchs Atemloch penetrieren. Die Frage ist bloß, ob das natürlich ist oder nicht? Wie Biologen, Moralisten und Aktivisten das Sexleben der Tiere für ihr Weltbild nutzen.  […]
Weibliche Koalas besteigen andere Weibchen und geben "rülpsende Laute" von sich, wie ein Forscher schrieb. Von männlichen Flussdelfinen weiß man, dass sie sich durchs Atemloch penetrieren.
Über 100 Jahre lang sind solche Beobachtungen als Kuriositäten behandelt worden. Biologen versuchten wegzuerklären, was sie sahen, oder haben es als belanglos abgetan – als Panne im ansonsten eleganten Universum Darwins, in dem jede Facette tierischen Verhaltens auf Reproduktion ausgerichtet ist. Ein Primatologe vermutete gar, dass der Antrieb für Fellatio unter Orang-Utan-Männchen im Bereich der Ernährung liege.
Vor zwei Jahren entschied sich [die Biologin Lindsay C.] Young, einen kurzen Artikel über die weiblichen Albatross-Paare zu schreiben. "Ich war dabei sehr vorsichtig, ich beschrieb nur, was wir sahen", sagt sie. Aber "Biology Papers", die Zeitschrift, die den Artikel publizierte, schickte eine Presseerklärung raus, nur wenige Tage nachdem der Oberste Gerichtshof von Kalifornien die Homo-Ehe legalisiert hatte. Um sechs Uhr in der Früh wurde Young von einem Reporter von "Fox News" angerufen.
Die Zeitungen druckten eine Geschichte nach der anderen, und im Internet wurde Young wahlweise als Kämpferin für Schwulenrechte gefeiert oder ihre Arbeit als "Propaganda und dümmste Ausprägung tendenziöser Wissenschaft" gegeißelt. Viele Kommentatoren wiesen darauf hin, dass es Tiere gibt, die vergewaltigen und ihre Jungen essen; solle man das auch tolerieren, nur weil es "natürlich" sei?
[…] Tom Coburn, ein republikanischer Senator aus Oklahoma, wies auf seiner Website auf Youngs Arbeit hin und titelte: "Bezahlt von Ihren Steuergeldern" – dabei wurde Youngs Forschung gar nicht durch Steuern finanziert.
Der Komiker Stephen Colbert warnte auf Comedy Central davor, dass Albatross-Lesben amerikanische Werte bedrohten. […]
Das Balzverhalten gleichgeschlechtlicher Tiere wurde in der Literatur als "Pseudo"-Werbung dargestellt – oder als "Training". Homosexueller Sex unter Straußen wurde von einem Wissenschaftler als "ein Ärgernis" beschrieben, "das dauert und dauert". Ein Mann, der 1987 den Rotklee-Bläuling-Schmetterling untersuchte, bedauerte es, von "besorgniserregend sinkenden moralischen Standards und schockierenden sexuellen Vergehen" berichten zu müssen.
Und ein Biologe, der sich mit Dickhornschafen beschäftige, schrieb in seinen Erinnerungen: "Ich muss immer noch bei dem Gedanken an die Schafsböcke erschaudern, die einander ständig bespringen. Von diesen herrlichen Tiere als Schwuchteln zu denken – du liebe Güte!"
 (Jon Mooallem, NYT, 19.04.12)

Samstag, 9. Juni 2012

Die Niebelleuchte.



Mit ein klein wenig Verspätung vermelden heute die Zeitungen, Frau Merkel sei „not amused“ über den neuesten Fettnapf-Volltreffer ihres angeblichen Entwicklungshilfeministers.

Der Vorgang dürfte inzwischen bekannt sein. 
Zoll und Übergepäckgebühren wollte sich der Ex-FDP-General sparen. „Wozu bin ich denn sonst Minister?“

Der FDP-Politiker [hatte] den neun Quadratmeter großen Teppich während einer Dienstreise im März in Kabul für etwa 1400 Dollar (etwa 1000 Euro) gekauft, ihn jedoch in seiner gebuchten Linienmaschine nicht mit nach Hause genommen.
Im Mai war das Stück dann mit dem Jet von BND-Präsident Schindler nach Berlin gebracht worden, wo ihn Niebels Fahrer am Zoll vorbei auf dem Flughafen abholte und zum Haus des Ministers brachte. […]  Die Opposition fordert weitere Aufklärung. "Kein deutscher Minister hat sein Amt jemals so schamlos missbraucht wie Dirk Niebel", erklärte der SPD-Entwicklungspolitiker Sascha Raabe. Erst versorge der FDP-Politiker reihenweise Parteifreunde mit hoch lukrativen öffentlichen Posten, dann stelle er den Personalrat kalt und nun lasse er auf Staatskosten Luxusteppiche einfliegen. "Wie sollen wir glaubhaft gegenüber unseren Partnerländern gute Regierungsführung einfordern, wenn sich ausgerechnet der dafür zuständige Entwicklungsminister wie ein Autokrat aufführt?", fragte Raabe.
Der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck, forderte von Niebel vollständige Aufklärung und kündigte eine Frage für die Fragestunde im Bundestag an. "Wir erwarten, dass der Minister die Informationen über den Teppichimport vor der Öffentlichkeit und vor dem Parlament offenlegt", sagte er.

Es mag sich dabei um eine eher kleine „Affäre“ handeln, die mit Sicherheit im Fußballrausch untergehen wird.
Sie taugt immerhin für ein paar Witze. 
Auch Unfreiwillige.

Erstaunt gibt sich der enge Mitarbeiter, was den Wirbel um den fliegenden Teppich aus Afghanistan angeht. Und die Verteidigung seines Dienstherrn würzt er mit unfreiwilliger Komik. "Wir kehren nichts unter den Teppich", bleibt [Niebels Sprecher Rolf] Steltemeier gleich im Bilde.

Die Mopo kommentiert:

Eines kann man Dirk Niebel wirklich nicht nachsagen: Sensibilität und Feingefühl. Seit seinem Amtsantritt sorgt er bei Auslandsreisen mit seiner olivgrünen Gebirgsjäger-Schirmmütze von Afrika bis Asien für Befremden. Wie ein Bulldozer zerschlug Niebel die Strukturen in seinem Ministerium und in der Entwicklungshilfe, installierte hier und dort, wo es passte, FDP-Politiker auf der Suche nach Versorgungsposten. […] Der Vorgang [ist] typisch für die verlotterte Selbstbedienungsmentalität einer Egoistenpartei.
(Dierk Rohwedder 09.06.12)

Die SZ portraitiert den Mauschelminister als „Ex-Fallschirmjäger mit Sinn für Fettnäpfchen aller Art“:

Mit seiner Kleiderschrankfigur in meist schlecht sitzenden Sakkos schiebt sich dann Dirk Niebel durch die Schar der Parteigänger und Journalisten, gern mit einem flotten Spruch auf den Lippen, der auch die eigenen Leute nicht schont. Niebels Lebensmotto scheint zu sein: Viel Feind, viel Ehr".  […]
Der 49-Jährige hat ein Talent, in jedes sich bietende Fettnäpfchen zu treten. Wenn jemand sich wegen eines fliegenden Teppichs aus Kabul Ärger einhandeln kann, dann ist es Dirk Niebel.
[…]  Niebel wird das Affärchen aussitzen, er hat schon ähnliche und ganz andere Stürme durchgestanden. Das fing bereits mit seinem Amtsantritt an, hat er doch ein Ministerium übernommen, das die FDP eigentlich abschaffen wollte.
(Peter Blechschmidt 09.06.12)

Alles richtig.

Aber der Kern dieser neuerlichen Niebelaffäre ist ein anderer, der so gut wie gar nicht erwähnt wird.
 Nämlich, daß sie den FDP-Mann als Heuchler entlarvt.
 Einem Mann, dem man nichts glauben darf.

Denn es war Niebel, der sich in der FDP-Heimpostille „BUNTE“ gegenüber Christian Wulff weit aus dem Fenster hängte.

NIEBEL: Politiker müssen sich an Recht und Gesetz halten wie alle anderen auch und haben eine Vorbildfunktion. 
Frage: Was war in Ihren Augen seine schlimmste Verfehlung?
NIEBEL:"Verfehlung" möchte ich in Anführungszeichen setzen, aber Christian Wulff hat im Umgang mit der Presse sicher nicht geschickt agiert. Er hat nicht deutlich gemacht, was konkret Sache ist, nachdem ein Gericht die Einsicht in die Grundbuchakten genehmigt hat. Statt sich dann mit den recherchierenden Redakteuren zusammenzusetzen, hat er taktiert in der Hoffnung, man könnte dem Thema entgehen. Da sagt die Lebenswirklichkeit: Das geht nicht! Nehmen Sie es für Ihren Berufsstand nicht despektierlich: Wenn die Meute mal auf der Hatz ist, kriegt man sie nicht mehr zurück.
Frage: Vermissen Sie Guttenberg, Ihren ehemaligen Kabinettskollegen?
NIEBEL: Ich habe nie Sehnsucht nach anderen Männern gehabt.

Herr Niebel tritt kurioserweise in jeder Hinsicht die moralische Nachfolge Wulffs an. 
Auch bei Wulff addierten die Medien dessen Lügen und kleine Verfehlungen bis die Summe selbst die Kanzlerin überwältigte.

Das größte Problem, seine extreme Heuchelei, die seine Glaubwürdigkeit längst atomisiert hatte, trat dabei in den Hintergrund.

Wie Niebel im Januar gegenüber Wulff, war es nämlich einst Wulff, der sich voller Pathos öffentlich empörte, wenn es um Petitessen-Affären anderer Politiker ging.

Schon als lediglich Gerüchte auftauchten SPD-MP Glogowski könnte einen kostenlosen Urlaub verbracht haben, nölte Wulff los. Er sprach von einer "Verflechtung und Verfilzung", die dringend aufgeklärt werden müsse.


"Mit dem Amt des Ministerpräsidenten nicht vereinbar"
Man erinnert sich nun wieder daran, dass Christian Wulff die Dinge einmal selbst ganz anders bewertet hat. 1999, Wulff war damals Oppositionsführer in Hannover, Niedersachsens Ministerpräsident hieß Gerhard Glogowski, ein SPD-Mann. Glogowski stand unter Druck. Medien hatten berichtet, Glogowski habe Urlaub auf Kosten des Reiseunternehmens TUI gemacht, das in der Landeshauptstadt ihren Firmensitz hat. Es war noch nichts bewiesen, da machte Wulff seinem Widersacher schon schwere Vorwürfe. Solch eine Vorteilsannahme sei „mit dem Amt des Ministerpräsidenten nicht vereinbar“. Glogowski verliere seine Unabhängigkeit und damit seine politische Handlungsfähigkeit. Wenig später musste Glogowski als Regierungschef zurücktreten.
(Welt.de 13.12.11)

Das reichte Wulff aber nicht, er wollte einen Untersuchungsausschuss, denn "der Schein von Abhängigkeiten" sei "ein Problem für die Würde des Amtes", erklärte Wulff damals laut "Hannoverscher Allgemeinen Zeitung".


Durch die Zuwendungen privater Firmen zur Hochzeitsfeier Glogowskis sei der "Schein von Abhängigkeit und der Eindruck entstanden, der Ministerpräsident sei ein Werbeträger", kritisierte der damalige niedersächsische CDU-Chef [Christian Wulff].
(Spon 20.12.11)

Jener Wulff, der 1988 seine erste Hochzeit von Millionär Geerkens in dessen Osnabrücker Luxus-Penthouse ausrichten ließ.

Noch heftiger zeterte Wulff gegen Amtsvorgänger Rau. Er „leide physisch darunter, dass wir keinen unbefangenen Bundespräsidenten haben."


Im Jahr 2000 ging Wulff den damaligen Bundespräsidenten an. Johannes Rau stand wegen einer Flugaffäre unter Druck. Nachdem erneut Vorwürfe gegen Rau bekannt geworden waren, forderte der CDU-Politiker dessen Rücktritt. Wulff erklärte damals im "Focus", die SPD solle "Johannes Rau zurückziehen". Damit attackierte er den Präsidenten weit schärfer als seine Parteifreunde, die sich eher zurückhielten, um das Amt nicht zu beschädigen. Wulff ruderte zurück, nachdem sich andere Unions-Politiker von seiner Rücktrittsforderung distanziert hatten.
[…] Zugleich betonte er aber, dass "wir gerade jetzt einen unbefangenen Bundespräsidenten" bräuchten und "ihn gegenwärtig nicht zur Verfügung haben".
(Tagesschau 20.12.11)

Mit der Wahrheit nimmt es Präsident Wulff nicht so genau, wie wir jetzt alle wissen.

Den Niedersächsischen Landtag hatte er angelogen.
Da passt es ja gut, daß sein Freund Maschmeyer im Jahr 2007 zur Landtagswahl das Wulff-Buch „Besser die Wahrheit“ mit einer 40.000-Euro-Anzeige bewarb.
Das findet Christian Wulff auch heute noch völlig kritikunwürdig.
Jeder darf doch Anzeigen für CDU-Politiker bezahlen!
Anders sieht es aus, wenn DERSELBE Maschmeyer eine Pro-SPD-Anzeige aufgibt.
Wulff verlor nämlich die Wahl von 1998 krachend und tobte nur einen Tag später im Niedersächsischem Landtag theatralisch klagend "Wer war das?", während er die Maschmeyerische Pro-Schröder-Anzeige in die Kameras hielt.

Christian Wulff, der Osnabrücker vom Stamme Nimm, rafft von Krediten, Werbenazeigen, sechs Luxusurlauben für lau bis hin zu kostenlosen Flug-upgrades alles an sich, das er kriegen kann.
Aber wehe ein anderer wagt Ähnliches!!!


Zu Gerhard Schröders Engagement bei Gazprom
2006 wurde bekannt, dass Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) einen Posten bei dem russischen Konzern Gazprom annehmen würde und eine Bürgschaft der Bundesregierung mit Gazprom noch während Schröders Amtszeit abgeschlossen wurde. Unter den besonders Empörten war auch der damalige niedersächsische Ministerpräsident Wulff. "Alle Umstände, die dazu geführt haben, müssen restlos aufgeklärt werden." Mitgliedern der Bundesregierung müsse es untersagt sein, kurz nach Amtsende eine Tätigkeit bei einem Unternehmen aufzunehmen, mit dem sie während ihrer Amtszeit zu tun hatten. Zu Schröders wirtschaftlichem Engagement sagte Wulff: "Es muss der Anschein vermieden werden, dass es Interessenkollisionen gibt."

Zu Ulla Schmidts Dienstwagen-Affäre.
Vor zwei Jahren musste sich die damalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) wegen ihres Dienstwagengebrauchs an ihrem Ferienort rechtfertigen. Wulff brachte es damals auf die Formel: "Was privat ist, muss privat gezahlt werden."
(Spon 20.12.11)

Freitag, 8. Juni 2012

Fußballeuropameisterschaft



Normalerweise bin ich von internationalen Ballspielmeisterschaften deswegen genervt, weil ich den allgemeinen Geräuschpegel hasse. 
Das kollektive Grölen, das man draußen überall mit anhören muß, erinnert mich zu sehr an die Primitivität der Menschen.
Außerdem hasse ich diese Mode, die es seit der 2006er WM gibt, daß die Autos alle mit schwarzrotgoldenen Fähnchen bestückt werden.
Das ist für mich der absolute deutschnationale Overkill.

Aber das Fähnchenproblem hat sich für mich erledigt, seit ich auf Facebook folgenden netten Hinweis gefunden habe.



Nun stelle ich mir immer vor, daß die armen Leute mit den flatternden Wimpelchen ihre winzigen Dinger anzeigen wollen und das stimmt mich milde.

Und überhaupt sollte ich mich nicht beschweren.
 Immerhin findet der Wahnsinn nicht in Deutschland statt, sondern gibt sinnigerweise dem neuen ökonomischen Superstar der EU, nämlich Polen, die Chance sich mal so richtig international herauszuputzen.
Im Schlepptau muß dabei das Ukrainische politische System auch mal die Hosen runter lassen und sich zumindest ein bißchen fragen lassen, wie man es dort mit Rechtsstaatlichkeit und Toleranz hält.
Kann ja auch nicht schaden.

Mit so einem Mega-Ereignis, welches die eigene Nation in den Zenit der internationalen Aufmerksamkeit rückt, kann man natürlich allerlei Süppchen kochen.
 Neben der Tourismusindustrie gibt es auch jede Menge andere pekuniäre Trittbrettfahrer, die ein Stück vom Kuchen abhaben wollen.

Ganz vorn dabei die katholische Kirche, die in der großen nationalen Wallung und Begeisterung plante die riesige neue Kathedrale vonn Warschau endlich fertig zu bauen.

Die an den Petersdom erinnernde Hauptstadtkathedrale im Süden der Stadt soll einmal die fünftgrößte Kirche Europas werden. Baubeginn war vor neun Jahren.

Im boomenden Polen schwimmt die Bevölkerung geradezu in Geld. 
Da kann die Kathedrale ruhig ein Stück größer sein, dachten sich die Kirche des Ex-Papstlandes.
 Blöd nur, daß die wohlhabender werdenden Polen nicht nur ökonomische Freiheiten erlangten, sondern bei der Gelegenheit auch herausfanden, daß man sich sehr gut von der Kirche freimachen kann.

Immer mehr weiß-rote Fahnen hängen an den Balkons in Warschau, immer mehr Fahrer haben ihre Autos beflaggt. Doch der Fahnenschmuck galt am Donnerstag keineswegs der großen Fronleichnamsprozession durch die Innenstadt, sondern der bevorstehenden EM. Früher war das anders: Da waren katholische Kirche und Weiß-Rot untrennbar miteinander verbunden. Nicht einmal jeder zehnte Warschauer hat in diesem Jahr an einer der zahlreichen Fronleichnamsprozessionen teilgenommen, das Eröffnungsspiel der EM gegen Griechenland aber wird fast die ganze Nation am Bildschirm verfolgen.  Das ganze Land ist vom EM-Fieber er-fasst, die Kirche aber begeistert immer weniger Polen.
(Thomas Urban SZ 08.06.12)

Geld für die gigantische Kathedrale der göttlichen Vorsehung blieb aus.
Nach neun Jahren ist das architektonisch fragwürde zukünftige Nationalheiligtum immer noch im Rohbau. 


Vor vier Jahren schon war das Geld endgültig ausgegangen und die Bauarbeiten ruhen seitdem.


Eine peinliche Angelegenheit für katholische Kirche in dem so besonders katholischen Polen. 
Und das in wirtschaftlich so erfolgreichen Zeiten.

Als aber im folgenden Jahr Polen und die Ukraine überraschend den Zuschlag für die EM 2012 bekamen, sah auch der national-konservative Flügel der Bischofskonferenz seine Stunde gekommen: Die Vollendung der Kathedrale wurde zur nationalen Aufgabe erklärt, nachdem die Regierung den Bau eines neuen Nationalstadions beschlossen hatte. [….] Immerhin haben die Bischöfe, die vergeblich die Gläubigen zum Spenden aufgefordert haben, mit einem Trick den Staat in die Finanzierung des Projektes eingebunden. Unter dem Dach soll ein 'Museum über die gesellschaftliche Bedeutung des Wirkens Johannes Pauls II.' seinen Platz finden. Dies sei in der Tat ein politisches Projekt, befand der Sejm mit seiner rechten Mehrheit. Eine Fertigstellung von Kathedrale und Museum ist trotzdem noch lange nicht in Sicht.   Ursprünglich sollten möglichst viele Fußballfans aus dem Ausland zu dem unfertigen Riesenbauwerk gelotst werden. Doch die Idee wurde wieder verworfen, ein überdimensionaler Fußball auf dem kircheneigenen Grundstück wurde wieder abgebaut. Das Elfmeterschießen, bei dem der Kardinal den ersten Schuss abgeben sollte, wie es die Warschauer Presse ankündigte, fand nicht statt. Die Kirchenleuten sind zu der Erkenntnis gelangt, dass eine Verknüpfung ihres Projektes mit dem Fußball bei den Landsleuten nicht gut ankäme.
(Thomas Urban SZ 08.06.12)

„Besserung“ ist nicht in Sicht und so existiert die fertig an einen Scientology-Tempel erinnernde Mega-Kathedrale weiterhin nur in der Vorstellung der konservativen polnischen Bischöfe.


An Phantasiekirchen habe ich rein gar nichts auszusetzen.

Donnerstag, 7. Juni 2012

Eviva Espana Teil II




Dann sieht Spanien mehr als verzaubert aus.
Denn es schleichen dort an Stelle der gespenster
Die Caballeros mit Gitarre um das Haus.
Dann hört man Serenaden überall
So wie auf einem Schlagerfestival.
Die Sonne scheint bei Tag und Nacht


Natürlich sind Umfragen nicht allzu ernst zu nehmen, aber ich bin nun mal ein Demoskopie-Junkie und ziehe mir daher mit wohligem Entsetzen immer wieder die neuen Zahlen rein.

Der aktuelle ARD-Deutschlandtrend zeigt, daß die beiden Griechenland-Zerstörer Merkel und Schäuble Nr. 1 und Nr. 2 der Beleibtheitsskala sind. Auf solche Typen steht der Urnenpöbel also am allermeisten.
Sollte Griechenland sich nicht dem deutschen Spardiktat beugen, befürworten 83% der Befragten den Rausschmiss Griechenlands aus dem Euro.

Und um den Wahnsinn komplett zu machen - bei der Kanzlerfrage schlägt Merkel alle vier Kandidaten der SPD deutlich (inkl Kraft).

Man staunt immer wieder über die ökonomische Unterbelichtung - nach all den Jahren. 
Nicht nur die Parlamentarier haben nicht die geringste Ahnung davon wie viel und ob überhaupt schon „deutsche Euros“ nach Athen geflossen sind (Danke PANORAMA für die erhellende Reportage), sondern es scheint immer noch nicht durchgedrungen zu sein, daß Angie und Nicolas deswegen unbedingt Griechenland „im Euro“ halten wollten, weil deutsche und französische Banken sonst Pleite gingen. 
Die haben nämlich zig Milliarden in griechischen Staatsanleihen angelegt und das ihren Kunden verkauft.
Die 83% der Deutschen würden sich vielleicht weniger bei der Vorstellung einer Drachme-Rückkehr aufgeilen, wenn ihnen ihre Lebensversicherungen um die Ohren knallen und Griechenland auf der Stelle aufhören wird für Milliarden Deutsche Panzer und andere Waffen zu importieren.

Mit einer abgewerteten Drachme könnten die Griechen vielleicht ihre Schulden besser weginflationieren. Eine Hilfe beim Aufbau eines de facto nicht vorhandenen Staats ist das aber auch nicht.

In Spanien ist das alles ganz anders. 
Die ökonomischen Kenndaten (Staatsverschuldung, Etat, ..) waren bis 2009 sogar deutlich besser als in Deutschland; sind es teilweise noch. 
Spanien hat auch ein funktionierendes Steuersystem, eine Finanz-Infrastruktur, ein belastbares juristisches System etc.
Anders als am Süd-Ost-Ende Europas muß in Madrid keineswegs erst mal nationbuilding betrieben werden.
Ich weiß nicht, ob in irgendwelchen Umfragen auch schon der „deutsche Wunsch“ nach einer Rückkehr Spaniens zur Peseta abgefragt wird.
Zutrauen würde ich dem Urnenpöbel so einiges.

Indes, auch das wäre eine miese Idee bei rund 100 Milliarden Euro, die deutsche Banken und Versicherungskonzerne in Spanien „investiert“ haben.
Gewisse Regierungen fanden es ja bisher für völlig unnötig irgendwelche Regularien für die internationalen Finanzmärkte einzuführen.

Spanien mit einer abgewerteten Peseta? 
Das dürfte auch für „uns“ Konsequenzen haben. 
Dazu reicht ein Blick auf die Basisinformationen der Bundesregierung.

In Deutschland leben heute rund 130.000 Spanier, die ein gutes Beispiel für Integration ohne Aufgabe der eigenen kulturellen Identität darstellen. Umgekehrt leben nach neueren Schätzungen weit über 500.000 deutsche Staatsangehörige dauerhaft, das heißt länger als drei Monate im Jahr in Spanien. Hinzu kommen rund 10 Millionen deutsche Touristen jährlich.
[…] Deutschland ist nach Frankreich der zweitgrößte Handelspartner Spaniens, bei den Importen Spaniens liegt Deutschland sogar auf Platz eins. Obwohl Spanien traditionell deutlich weniger nach Deutschland exportiert (Warenwert 2011: 22,52 Mrd. Euro, +2,5 Prozent) als es von dort importiert (Warenwert 2011: 34,86 Mrd. Euro, +1,8 Prozent), konnte Spanien über die letzten Jahre das bilaterale Handelsdefizit mit Deutschland verringern.   Die Bundesrepublik nimmt bei den industriellen Direktinvestitionen eine wichtige Position ein. In Spanien sind rund 1.100 deutsche Unternehmen mit Tochterfirmen oder Beteiligungen vertreten, viele davon mit eigener Produktion. Eine bedeutende Rolle in den Wirtschaftsbeziehungen spielt auch der deutsche Tourismus.

Die aktuellen Meldungen aus Spanien, welches nach dem EG-Beitritt so ungeheuer boomte und sich in Rekordzeit zu Europas viertfittester Volkswirtschaft emporarbeitete, sind allerdings deprimierend.

 Gerade erst hat eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts CIS die Stimmung auf der iberischen Halbinsel festgehalten: 90,02 Prozent der Befragten bezeichnen die Lage ihres Landes als "schlecht" oder "sehr schlecht". Schon vor einem Jahr waren die Daten mies, jetzt ging es noch weiter bergab. "Der Pessimismus der Spanier bleibt im freien Fall", stellt die angesehene spanische Tageszeitung "El País" fest.
Die kollektive Eintrübung ist kaum verwunderlich. Die Zahl der Neueinstellungen geht drastisch zurück, die Industrieproduktion sinkt seit Monaten kontinuierlich, schon jetzt sind mehr als 50 Prozent der Jugendlichen ohne Arbeit oder Ausbildung, das Land muss hohe Zinsen zahlen, um sich frisches Geld auf den Finanzmärkten zu leihen, die Immobilienkrise hat wichtige spanische Banken in die Knie gezwungen.
 […] CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder sagt: "Ich denke schon, dass Spanien - nicht wegen des Landes, sondern wegen der Banken - unter den Rettungsschirm muss."

Die Wirtschaftsdaten verschlechtern sich dabei in einem rapiden Tempo.

Der wirtschaftliche Absturz in Spanien beschleunigt sich. Im April ist die Industrieproduktion des Landes so stark eingebrochen wie seit mehr als zweieinhalb Jahren nicht mehr. Die Unternehmen stellten 8,3 Prozent weniger her als im Vorjahresmonat, teilte das Statistikamt in Madrid mit. Das war der stärkste Rückgang seit September 2009. Analysten hatten lediglich ein Minus von 6,5 Prozent erwartet.    Bereits im März hatten die Unternehmen ihre Produktion um 7,5 Prozent gedrosselt. Spanien leidet unter einer schweren Wirtschafts- und Finanzkrise. Die Arbeitslosigkeit ist die höchste in der Europäischen Union. Jeder vierte Spanier hat keinen Job, etwa jeder zweite Jugendliche ist arbeitslos.  […]
Spanien braucht immer mehr Kapital, um notleidenden Banken zu helfen. Gleichzeitig wird es für den Staat angesichts steigender Zinsen immer schwieriger, Kredite am Finanzmarkt aufzunehmen. […]  Unionsfraktionschef Kauder […] forderte Spanien nunmehr auf, sich mit einem Hilfeantrag an den EFSF zu wenden. […] Allerdings könne es dabei gemäß den Bestimmungen des Rettungsschirmes EFSF nur um Hilfen für das Land gehen, die üblicherweise mit Auflagen verbunden werden, und nicht um Direkthilfen für notleidende Banken.

Man beachte, daß „Spiegel Online“ in so einem kurzen Text zweimal in die Sprache des Jahres 2008 zurück fällt.

Aus dieser Zeit stammt auch der Begriff "Notleidende Banken", das Unwort des Jahres 2008.
Der Begriff stelle "das Verhältnis von Ursachen und Folgen der Weltwirtschaftskrise rundweg auf den Kopf", begründete Schlosser die Wahl seines Gremiums. Die Banken samt ihrer Finanzpolitik, durch die die Krise herbeigeführt worden sei, würden mit dem Ausdruck "notleidende Banken" zu Opfern stilisiert, erläuterte Schlosser. Tatsächlich sei aber der Steuerzahler das Opfer, der die Milliardenkredite mittragen müsse. Gleichzeitig gerieten ganze Volkswirtschaften in arge Bedrängnis.
(Spon 20.01.2009)

Wie kommt es nun, daß Spanien so ein Problem mit der Jugendarbeitslosigkeit und der Produktivität hat?

Die Finanzkrise war, wie wir schon gesehen haben, keineswegs hausgemacht.

Aber strukturell leidet das katholische Land eben seit 500 Jahren an seiner Katholizität. 
Der ist nämlich Gift für die kulturelle und ökonomische Entwicklung.

Die iberische Halbinsel erlebte in den sieben Jahrhunderten maurischer Herrschaft eine beispiellose kulturelle Blüte, bevor mit Isabella der Katholischen alles zerschlagen wurde, Inquisition und Judenverfolgung das Bild bestimmten.
Blüte ist durchaus wörtlich zu verstehen - die islamischen Einwanderer hatten nämlich auch den Blumentopf erfunden und brachten bunte Pflanzen nach Spanien. Sie legten Gärten an.
Ebenfalls aus Arabien importiert wurde die Gitarre - man stelle sich den Flamenco ohne Gitarren und bunte Stoffe vor - so sähe er wohl heute aus, wenn Spanien nur unter Christlichen Einfluss gestanden hätte.

Weitere heute nicht mehr wegzudenkende islamische Errungenschaften sind:
Mehrstöckige Architektur, Burgenbau, Liedgut, Farbige Stoffe, Zuckerrohranbau, Schulwesen, Übernahme der Papierproduktion aus China, Brieftaubenkommunikation, Schach, Kristallglas, golddurchwirkte Stoffe, Muster.

Im 11. Jahrhundert sind Arabische Erfindungen z.B. Uhren, Messgeräte, Hebegeräte und Energiespender, Linsen für Fernrohre und andere optische, astronomische und medizinische Instrumente und Geräte.

Die Christen sind beleidigt, ob ihrer eigenen Doofheit.

Die Araber brachten eine derartige Hochkultur hervor, daß die wissenschaftsfeindlichen Christen im Vatikan dies als eine Bedrohung ansahen, auf die sie mit Gewalt reagierten.

Die Kirche fängt an, Forschung mit arabischen Grundlagen zu verbieten und lässt Forscher deswegen in den Kerker werfen oder sogar mit dem Tod bestrafen.
Die Kirche beginnt ihre Weltzensur gegen die überlegene islamische Lebensweise und technische Entwicklung.
500 Jahre Krise nannte Sebastian Schoepp seine feuilletonistische Analyse dieses destruktiven Christlichen Debakels in Spanien.

Was ist los mit Spanien? Noch in der Regierungszeit von Ministerpräsident José María Aznar (1996 bis 2004) war es der Wachstums-Musterknabe der EU. 150 Milliarden Euro Strukturhilfe aus Brüssel flossen in die viertgrößte Volkswirtschaft des Euro-Raums. Doch statt florierender Betriebe wuchsen auf den kargen Böden Andalusiens und Kastiliens Investitionsruinen empor, die inzwischen so tot und verlassen daliegen wie die verfallenen Burgen aus der Zeit von El Cid. […]
Mit demselben Übereifer [wie durch den ersten touristischen Geldsegen - T.] begann Spanien zwanzig Jahre später das Manna auszugeben, das in Form der EU-Strukturhilfen vom Himmel fiel. Anstatt jedoch in eine Produktivgesellschaft zu investieren, wollte es schnellstmöglich dazugehören, sich modernisieren, was vor allem hieß: modern aussehen. Das Geld wurde verbaut, anfangs sinnvoll, später - befeuert durch Aznars ultraliberale Bodenpolitik - in Raserei. Trotz hektischer Aktivität verharrte Spanien dabei innerlich in seinem 'betäubenden Immobilismus'.
[…]   Der Triumphzug des Antiökonomischen begann aber schon 1492. Damals entdeckte Spanien nicht nur Amerika, es besiegte auch das letzte Überbleibsel arabischer Herrschaft in Granada und vertrieb in den kommenden Jahrhunderten Mauren und Juden. Beide Gruppen waren für Handwerk und Handel zuständig. Der christliche Hidalgo hingegen verabscheute Arbeit, sie war ihm durch einen bizarren Ehrenkodex untersagt; nur im Soldatischen sah er eine gottgegebene Aufgabe. Die Reichtümer aus den Kolonien flossen durch Spanien hindurch wie flüssiges Gold - in den Schuldendienst bei deutschen oder flämischen Kaufleuten, die sie in industrielle Prozesse investierten. Mitteleuropa wurde reich vom Inkagold, während Spaniens Edelleute auf ruinösen Latifundien dahindämmerten.  Der Inquisition verfolgte dreihundert Jahre lang alles als Ketzerei, was nach Produktivität aussah. 'Kommerzielle, industrielle und finanzielle Unternehmungen ließen jeden, der sich damit abgab, automatisch zum Juden werden', schrieb der Historiker Americo Castro. Wer forschte, tüftelte, las, lief Gefahr, auf dem Scheiterhaufen zu landen. Als in Mitteleuropa während der Aufklärung die Naturwissenschaft erblühten, stritten sich spanische Gelehrte darüber, ob Engel beim Fliegen Seelen transportieren können.  Nach dem Ende der Inquisition lebte die Fortschrittsfeindlichkeit im Nationalkatholizismus fort. […]
Dass das Pyramidenspiel mit Immobilien schiefgehen würde, konnte jeder vorhersehen, der sich die Kreditvergabekriterien spanischer Banken ansah. Doch niemand schritt ein.

Mittwoch, 6. Juni 2012

Eviva Espana



Ja nach Spanien reisen viele Europäer
Nur wegen Sonne und Wasser und Wein
Einer später doch der and're um so eher
Fährt Richtung Spanien und packt die Koffer ein
Den Regenmantel lassen wir zu Haus
In Spanien sieht es nicht nach Regen aus


Ob und wie jemand Fremdworte benutzt, finde ich immer wieder faszinierend.
Mit Fremdworten kann man sich in Szene setzen und seine Eitelkeit befriedigen (Methode Peter Sloterdijk), oder aber man präzisiert Aussagen und stellt sinnvolle Zusammenhänge her.

Interessanterweise unterliegen Fremdworte Moden. Initiiert von einer Person, kann ein bestimmter Begriff plötzlich omnipräsent werden.

Als Verteidigungsminister Scharping mit seiner neuen Geliebten im Pool auf Mallorca plantschte und die Bilder von der Bunten veröffentlichen ließ, erschien monatelang kein Artikel über ihn, in dem er nicht „erratisch“ genannt wurde. 
Eine passende Beschreibung allerdings. Tatsächlich hatte man den überwältigenden Eindruck, daß Scharping völlig der Realität entkoppelt und wirr agierte.

Im Vorlauf des Irakkrieges positionierte sich Außenminister Fischer wider des angelsächsischen „Bellizismus‘“ und fortan wurden die Grünen (Kosovo!!) bei jeder Gelegenheit bellizistisch genannt. Ganz so, als ob sie auch Jux und Dollerei gerne mal Krieg spielen wollten.

Gerhard Schröder popularisierte 2002 den Begriff „Kakophonie“, als er donnerte, mit selbiger müsse in der rotgrünen Koalition nun Schluß sein. 
Auch dieses Fremdwort griff die Journaille begeistert auf und schrieb nun bei jeder kleinen Dissonanz zwischen Rot und Grün, es herrsche wieder Kakophonie.

Irgendwie drollig die damaligen Irritationen und kontroversen Meinungsäußerungen als derartigen Missklang zu werten, daß es eines Fremdwortes bedurfte. Welch unfassbares Chaos in Kabinett und Kanzleramt auch herrschen kann lernten wir erst ab 2009.

Das aktuelle Modewort lautet „Austerität.“

Mir ist entgangen wer eigentlich damit anfing. 
Aber im Jahr 2012 kann sich niemand zur „Eurokrise“ äußern, ohne sich deutlich pro oder contra der Austeritätspolitik zu positionieren.

Wikipedia:  (engl. austerity, von lat. austeritas „Enthaltsamkeit“, „strenge Einfachheit“) ist ein Fremdwort für „Strenge“ oder „Sparsamkeit“. Es wird heute vor allem in ökonomischen Zusammenhängen gebraucht und bezeichnet dann eine staatliche Haushaltspolitik, die einen ausgeglichenen Staatshaushalt ohne Neuverschuldung anstrebt (Austeritätspolitik).

In diesem Blog wurde die Merkelsche Austeritätspolitik mehrfach scharf kritisiert. 
Verwerflich und verlogen und heuchlerisch ist dabei insbesondere wer wem mit dem Austeritätsfinger droht. 
Es sind immer die Deutschen, namentlich Schäuble, Merkel und Rösler, die von den angeblich unsoliden Staaten Irland, Italien, Spanien, Portugal und Griechenland drastische Einsparungen und Haushaltsdisziplin fordern.
 Es werde „deutsch gesprochen in der EU“ vermeldete Merkels Fraktionschef Kauder. 
Am deutschen Wirtschaftswesen solle Europa genesen.
Austerität einzufordern ist dabei hauptsächlich ein Signal an die heimischen Wähler. Billige Anbiederung.
Übersetzt heißt das nämlich: 

Guckt euch die faulen Griechen an - das hat man davon, wenn man disziplinlos rumprasst. Wir Deutschen hingegen sind sparsam und fleißig und halten unser Geld zusammen. Deswegen geht es uns auch so gut und zu verdanken ist das alles der eisernen Haushaltspolitik Merkels.

Viele Wähler glauben das vermutlich auch.
 Merkel selbst ist dabei mehrfach ertappt worden, wie sie dreist lügend behauptete die Griechen gingen früher in Rente und arbeiteten weniger als Deutsche.

Vor Allem aber macht Merkel in Deutschland das Gegenteil von Austeritätspolitik. 
Sie hat massive Konjunkturpakete verabschiedet, viele Branchen regelrecht mit Geld geflutet und die deutsche Staatsverschuldung explodieren lassen.

Die Konjunkturpakete von 2008, die noch heute ihre segensreiche Wirkung entfalten, stammen natürlich vom damaligen SPD-Koalitionspartner.
Die Deutschen sollten der SPD heute noch auf Knien dafür danken, daß damals nicht die Krisenpolitik durchgesetzt wurde, die CDU, CSU und FDP heute von allen anderen Ländern fordern.

Auch nach der 2009er Bundestagswahl schmiss Merkels Regierung mit Geld um sich. 
Keine Spur von Austerität. Unter Schwarz-GELB wird das Geld allerdings zu den ohnehin Wohlhabenden geschaufelt (Milliarden für Hoteliers und Versicherungskonzerne,..) oder wie bei der Herdprämie sinnlos aus dem Fenster geworfen, statt mit den Milliarden die Nachfrage zu stimulieren.

Aktuelles Beispiel ist der „Pflege-Bahr“.

Fünf Euro im Monat will der Staat springen lassen, wenn ein Bürger sich gegen das Risiko versichert, zum Pflegefall zu werden. So soll die Lücke zwischen den Leistungen der (erzwungenen) gesetzlichen Pflegeversicherung und den tatsächlichen Kosten geschlossen werden.
Das hört sich ganz gut an. Doch greift die Koalition das Problem an der falschen Stelle an; und sie verwendet das falsche Handwerkszeug. Um das zu verstehen, muss man Folgendes wissen: Richtig teuer wird es für den Staat und damit für die Steuerzahler, wenn immer mehr Leute nicht mehr in der Lage sind, die Pflegekosten aus der eigenen Rente zu finanzieren. Das betrifft vor allem Langzeitarbeitslose und Menschen mit niedrigem Einkommen. Doch ausgerechnet diese Gruppe wird nicht in der Lage sein, einen Pflege-Riester abzuschließen. Wer Monat für Monat kaum über die Runden kommt, macht sich mehr Sorgen um die Gegenwart als um die Zukunft. Keinesfalls zahlt er 50 oder 60 Euro im Monat für eine zusätzliche Pflegeversicherung.
Wozu auch? Denn eine zusätzliche Absicherung lohnt sich für sie gar nicht. Kann ein armer Mensch die Kosten für das Pflegeheim nicht zahlen, springt die Sozialhilfe ein. Das heißt, wer sich als Langzeitarbeitsloser oder Geringverdiener einen Pflege-Riester anschafft, mindert nicht das eigene Finanzrisiko, sondern allenfalls das staatliche.
Ganz anders stellt sich die Lage für Gutverdiener oder Vermögende dar. Wer ein komfortables Auskommen hat, kann sich eine private Pflege-Police auch ohne Zuschuss leisten. Der Pflege-Riester bedeutet für diese Gruppe demnach vor allem eines: ein aus Steuergeldern gestütztes Programm zum Schutz des Erbes.

Das ist vermutlich aber immer noch besser, als die Medizin, die Merkel in Griechenland und Spanien durchsetzen will.

Die Iberer sollen regelrecht erwürgt werden. 
Funktionieren kann das nicht. Aber was kümmert Rösler und Merkel die schnöde Realität?

Knechtung Spaniens führt ins Verderben.
"Was in Griechenland passiert ist, darf sich in Spanien nicht wiederholen", warnt Michael Schlecht, Chefvolkswirt der Fraktion DIE LINKE. "Angela Merkels Euro-Rettungspolitik ist offenkundig gescheitert. Wer versucht, Spanien durch den sogenannten Rettungsschirm zu knechten, und der spanischen Bevölkerung dafür weitere massive Kürzungen abverlangt, führt das Land ins Verderben." Schlecht weiter:
"Der Weg der konditionierten Finanzhilfen und barbarischen Kürzungsprogramme ist gescheitert. Dieser Weg führt in die Rezession und vermindert noch nicht einmal neue Schulden. In Spanien geht es im Kern um eine Banken- und Finanzmarktkrise. Wer ernsthaft dagegen vorgehen will, muss die Spekulationsmachine abschalten. Die EZB muss die Euro-Staaten direkt mit Krediten versorgen, damit die Zinsbelastung nur noch ein Prozent beträgt, statt der horrenden Zinsen von sechs bis sieben Prozent, die private Banken verlangen. "
(Pressemitteilung der Linksfraktion im Bundestag 06.06.12)

Auf den Nachdenkseiten schildert Jens Berger in einem sehr empfehlenswerten Artikel die katastrophalen Folgen des Merkel’schen Diktats und endet mit dem Satz 

„Nicht nur Spanien, sondern auch das europäische Haus brennt lichterloh und Angela Merkel ist die Brandstifterin.http://vg08.met.vgwort.de/na/9893794c09144a02accae2a2bf0aa56f
(JB 05.06.12)

Eine Wortwahl, die er offensichtlich bei Joschka Fischer abgeguckt hat.

 Dem Ex-Außenminister ist vor ein paar Tagen schon der Kragen geplatzt:

Das europäische Haus steht in Flammen, und London fordert ein vernünftiges und entschlossenes Verhalten der Feuerwehr. Freilich hat er die Rechnung ohne die Feuerwehr (uns Deutsche) und unsere Feuerwehrhauptfrau Angela Merkel gemacht. Europa, angeführt von Deutschland, löscht lieber weiter mit Kerosin statt mit Wasser, und der Brand wird so mit der von Merkel erzwungenen Austeritätspolitik beschleunigt. Genau deshalb hat sich die Finanzkrise in der Euro-Zone innerhalb von drei Jahren zu einer wirklichen Existenzkrise ausgewachsen.

Das erlebt man auch selten, daß Jens Berger, Helmut Kohl, Linkspartei, Helmut Schmidt und Joschka Fischer einer Meinung sind. 
Alle bewerten die Europa-Politik der derzeitigen „bürgerlichen“ K.O.alition gleich.

Glückwunsch Frau Merkel. 

Sie konnte zwar nicht die Kakophonie in den eigenen Reihen abstellen - aber dafür sind sich alle anderen einig in ihrer Ablehnung.


Nur der Urnenpöbel findet sie noch immer toll.