Sonntag, 22. April 2018

Verteidigung einer Religion – Teil II


Helmut Schmidt erzählte oft, daß er als Jugendlicher so aufwuchs, daß man „mit denen“ nicht verkehrt.
„Die“, das waren die Katholiken. Vor hundert Jahren waren die Konfessionen noch streng getrennt, beide Kirchen verboten Mischehen.
Eine völlig normale Sichtweise für eine Religion, die nach dem großen Schisma einen ganzen Kontinent weitgehend entvölkerte.

Die Trennung der Konfessionen war dabei mit Nichten nur ein Verwaltungsakt, nach dem man ähnlich wie CDU und CSU weiter zusammenarbeiten konnte.
Nein, die Vertreter der Nächstenliebe-Religion begannen fast sofort damit sich gründlich gegenseitig zu hassen und zu bekämpfen.
Nach 100 Jahren Streit kam es zur totalen Eskalation.
Europa wurde in ein 30 Jahre währendes Blutbad verwandelt.

"Hans Philipp Goßmann von Spachbrücken zu Tod geschlagen. Hans Gerhards schwangeren Frauen die Rippen entzweigeschlagen, dass sie bald gestorben. Jakob Hans Frau zu Tod geschändet. Hans Simon mit dem Gemächt ufgehängt und vollends erschlagen ... Summa: 18 Personen", endet die "Schadensliste", die man nach einem Überfall der kaiserlichen Soldaten auf das hessische Reinheim im Mai 1635 bei der zuständigen Obrigkeit einreichte.
Der Dreißigjährige Krieg zeigt sich in solchen Beispielen als Krieg schlechthin: erschlagene, gefolterte, vergewaltigte Unbeteiligte. Ausgebrannte Städte, verwüstete Dörfer, kahlgefegte Äcker. Hungersnöte, Seuchenzüge. Wer da noch lebte, lebte nicht mehr lange: "Wir Leut leben wie die Tier, essen Rinden und Gras", heißt es in einem Bibeleintrag aus den zerstörten Dörfern der Schwäbischen Alb gegen Ende des Krieges. Man ernährte sich von Eicheln und Kleie, briet Ratten, Katzen, Hunde und krepierte Pferde. [….]

In den letzten Tagen habe ich mich mal wieder etwas genauer in den 30-Jährigen Krieg (1618 bis 1648) hineingelesen.
Es war bekanntlich der schwerste Religionskrieg, der jemals in Europa tobte.
Protestanten und Katholiken haben so lange aufeinander eingedroschen bis das „heilige römische Reich deutscher Nationen“ entvölkert und verwüstet war.
Die Hälfte der Deutschen Gesamtbevölkerung wurde massakriert oder fiel Seuchen zum Opfer, die Zivilisation wurde um 100 Jahre zurück geworfen.
Die Bauernhöfe waren verwaist, der Viehbestand nahezu komplett ausgerottet.

Der Mega-Religionskrieg bescherte uns Begriffe wie „magdeburgisieren“.
Magdeburg war damals eine von den Bischöfen unabhängige Stadt mit 30.000 - 40.000 Einwohnern, die versuchte neutral und friedlich zu bleiben.
Das gefiel den Katholiken natürlich überhaupt nicht und so schickt im April 1631 die katholische Majestät Kaiser Ferdinand II den kaiserlichen Befehlshaber Tilly, der die Stadt bis auf die Grundmauern zerstört und seine Truppen anschließend so lange plündern, morden und vergewaltigen läßt, daß nach einer Zählung aus dem Jahr gerade noch 468 Magdeburger leben.

Es war aber auch nicht alles schlecht am 30-Jährigen Krieg.
Da es weit über 200 Jahre brauchte, bis die Bevölkerungszahl wieder auf den Stand vom Beginn des 17. Jahrhunderts angestiegen war, kam es zu einer großartigen Verwaldung der ehemals landwirtschaftlich genutzten Flächen.
Die menschengemachte Monokultur verschwand zugunsten eines intakten Ökosystems aus Urwäldern.

Und wer hat Schuld am 30-Jährigen Krieg?

Dazu gibt es selbstverständlich ein ganzes Bündel Ursachen aus unterschiedlichen Machtinteressen.

Zwei Hauptschuldige will ich aber hervorheben.

Erstens der tiefsitzende Menschenhass der Horrorreligion des Katholizismus.
Es war die katholische Kirche, die das Rad der Zeit zurückdrehen wollte und mit ihrer Marionette Ferdinand II ganz Europa rekatholisieren wollte.

Das Restitutionsedikt war eine von Kaiser Ferdinand II. am 6. März 1629 erlassene Verordnung, mit der ohne Einverständnis der evangelischen Reichsstände der Status quo des geistlichen Besitzstands im Reich wieder auf den Stand des Jahres 1552 gebracht werden sollte. Es setzte damit die katholische Interpretation des Augsburger Religionsfriedens (1555) durch.
(Wikipedia)

Die RKK war dermaßen blutrünstig, daß sie selbst nachdem schon der halbe Kontinent verwüstet war erbittert Propaganda gegen diejenigen betrieb, welche auch nur an einen Frieden dachten.
Insbesondere die Jesuiten und der Pater am Kaiserlichen Hof, Johannes Weingarten empörten sich ab dem Jahr 1633 über den katholischen Heerführer Wallenstein, der "den Krieg vernachlässige“ und nicht mehr die rechte Lust verspürte Protestanten zu massakrieren.

Als auch noch Gerüchte auftauchten Wallenstein wolle Friedensverhandlungen beginnen, hetzten die katholischen Geistlichen so gegen den Kriegsmüden, daß sie seine Ermordung durchsetzen konnten.

Die zurückhaltende Art seiner Kriegführung während des zweiten Generalates [Wallensteins], seine Friedenspolitik und die dadurch hervorgerufene Sorge um den Triumph der katholischen Idee ließen am Hofe bald eine starke Partei gegen ihn erstehen, an der Spitze der Sohn des Kaisers, der spätere Ferdinand III. Sie gewann im Laufe der Zeit einen entscheidenden Einfluß auf den schwachen und schwankenden Kaiser, zumal in ihr Männer wie der bayerische Kurfürst, der böhmische Oberste Kanzler Slawata, die Jesuitenpatres Lamormaini, der Beichtvater, und Weingartner, der Hofprediger, mit Leidenschaft gegen Wallenstein wirkten.
(Uni Giessen.de)

Die zweite Hauptschuld liegt in den Charakteren der handelnden Personen, die einfach keine netten Menschen waren.

Das betrifft die katholischen Heerführer und Kriegsverbrecher Johann t’Serclaes Graf von Tilly (1559-1632) und Albrecht Wenzel Herzog von Wallenstein, sowie auch den legendären Schwedischen König Gustav II. Adolf, (1594-1632).

Erst als Bundeskanzler lernte Schmidt durch seine großartige Freundschaft mit dem fast auf den Tag gleichaltrigen hochgebildetem Muslim und Friedensnobelpreisträger Muhammad Anwar as-Sadat die vielen Gemeinsamkeiten von Islam und Christentum kennen, erfuhr, daß es sich um Schwesterreligionen mit einem gemeinsamen Stammvater Abraham handelte.

Helmut Schmidt, der dieses Jahr 100 geworden wäre, wuchs zu einer Zeit auf, als das Bildungssystem noch so mangelhaft war, daß man kaum über seinen Tellerrand hinausblickte mit normaler Schulbildung.
Man wußte nichts über vergleichende Religionswissenschaft. Und es gab auch so gut wie gar keine Muslime in Deutschland. Ebenso weinige wie Atheisten. Man war ein Christian-only-country, das all diese Megaverbrechen beging, die im Holocaust und der Ausrottung nahezu der gesamten jüdischen Bevölkerung Europas mündete.
Schmidt stieß also bei seinen tiefen Gesprächen mit Sadat auf etwas Neues und da er sehr intelligent und wissbegierig war, lernte er nicht nur alles über das Judentum und den Islam; er sog auch alle Informationen über den Buddhismus und Hinduismus ein, wurde zu einem regelrechten Experten für den Konfuzianismus.

Im 21. Jahrhundert ist die Situation natürlich eine völlig andere.
2,7 Millionen erwachsene Muslime leben in Deutschland; alle Informationen zu den Religionen sind frei zugänglich, in unendlich vielen Büchern auf Deutsch publiziert und zudem auch seit Dekaden täglicher Gegenstand feuilletonistischer Debatten.
Für Erwachsene mittleren Alters des Jahres 2018 erfordert es anders als für die 1918 Geborenen schon eine gewaltige Portion Ignoranz und Borniertheit gar nichts über den Islam zu wissen.

Aber dafür haben wir in Deutschland die CSU-Politiker, deren Unwissen und Unwillen irgendetwas zu wissen nach wie vor unübertroffen ist.

Schwer vorzustellen, aber wahr, es gibt deutsche Spitzenpolitiker, die nach vielen Jahren als Minister immer noch tumb verbreiten, der Islam wäre irgendwas archaisch-mittelalterliches, das eben wie das Christentum vor 300 Jahren noch nicht durch die Aufklärung gegangen wäre.

Bei Alexander Dobrindt und Horst Seehofer bin ich sogar geneigt ihnen zu glauben, daß sie wirklich so ungeheuer verblödet sind und nicht etwa wider besseres Wissen dieses Zerrbild zeichnen, um ihre braune Basis zu triggern.

Zunächst einmal sollte man den CDUCSU-Herren erklären, daß die Aufklärung und die Werte der Demokratie, auf die man nun so stolz pocht, nicht etwa „aus dem christlich-jüdischen Erbe“ entstanden, sondern ganz im Gegenteil gegen den erbitterten Widerstand der Kirchen durchgekämpft werden mussten.

Ein Treppenwitz, daß es zum Beispiel einer 1978 im Münsterländischen Ahlen geborene Muslimin bedarf, um Herrn Dorbindt die elementarsten Dingen zu erklären. Schließlich liest er auch nicht meinen Blog, in dem das ebenfalls seit immer thematisiert wird.

[….] Fakt ist: Die Entwicklungen in der islamischen Welt lassen sich nicht mit denen Mitteleuropas gleichsetzen. Die Ausgangspunkte sind gänzlich anders gelagert. Die Aufklärung ist nicht aus dem Christentum heraus entstanden, sondern im harten Ringen mit dieser Religion. Im Islam war diese Konfrontation so nicht nötig. Aussagen, wonach der Islam keine Phase der Aufklärung wie Europa gehabt und sich deshalb nicht im selben Maße weiterentwickelt habe, kommen daher nur zustande, wenn man ohne islamwissenschaftliches Hintergrundwissen durch eine sehr trübe christlich-abendländische Brille blickt.
Vernunft, Erkenntnis, Naturwissenschaft, Freiheit, Toleranz: Das waren Schlagwörter der europäischen Bewegung, die Immanuel Kant in diesem Satz auf den Punkt gebracht hat: “Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ In diesem Sinne ist Aufklärung im Koran bereits enthalten, oder er widerspricht ihr zumindest nicht. Im Koran geht es stets darum, dass der Mensch lernen soll, mündig zu sein und sich vernünftig zu verhalten. [….]

Wegen dieser islamischen Grundeinstellungen konnten die Erkenntnisse der Antike überhaupt weiterentwickelt werden.
Während des 1000-jährigen dunklen christlichen Mittelalters hatte sich gezeigt, was „Kirche pur“ bedeutet: Reine destruktive Wissenschaftsfeindlichkeit.

(…..)Das Christentum ist eine derart destruktive Religion, daß es über 1000 Jahre alles zerstörte, was unsere Wurzeln ausmacht.
Wie verdanken das Wissen um unsere eigene Geschichte und unser geistiges Fundament ausdrücklich dem Islam, der rettete, als das Christentum nur zerschlug und vernichtete.

Zum Glück gibt's den Islam
 […]  Das echte "finstere Mittelalter" Europas lag etwa zwischen dem vierten und dem achten Jahrhundert nach Christus. Damals hatte das Christentum sich in weiten Teilen Europas verbreitet, und seine Verfechter und Verteidiger begannen mit etwas, das man heute eher mit den Taliban assoziieren würde als mit dem christlichen Abendland: der systematischen Vernichtung von Kulturgütern.
Christliche Herrscher und Kirchenführer sorgten beispielsweise dafür, dass in West- und Osteuropa massenweise Bücher verbrannt wurden, ganze Bibliotheken opferte man der höheren Ehre Gottes. Alles Wissen jenseits der Bibel und theologischer Abhandlungen galt als gefährlich, weil es den Glauben hätte in Frage stellen können. Viele Schriften griechischer Philosophen und Dramatiker, natur- und geisteswissenschaftliche Abhandlungen konnten nur überleben, weil Gelehrte in den Osten flohen, Wissen und Bücher mitnahmen. "Über diese verschlungenen Pfade sollten also Araber Aristoteles und all die Schätze der griechischen Wissenschaft erben", schreibt Peter Watson in seiner grandiosen Welt-Kulturgeschichte "Ideen".
Aristoteles' Dialektik etwa sei im christlichen Denken geächtet worden, "weil ein Dialog mit Gott schlicht als unvorstellbar empfunden wurde". So kam es, "dass Aristoteles' Werke - mit Ausnahme von zwei seiner Abhandlungen über die Logik - aus dem Abendland verschwanden und uns nur erhalten blieben, weil sie von arabischen Übersetzern gehortet wurden". Andere Werke verschwanden vollständig. Sophokles etwa hat wohl mindestens 123 Dramen geschrieben - ganz erhalten sind gerade einmal sieben davon, ebenso wenige von Aischylos.
Die christlichen Kulturvernichter leisteten ganze Arbeit, auch später noch einmal, als im Zuge des byzantinischen Bilderstreits im achten und neunten Jahrhundert massenweise Kunstwerke zerstört wurden, weil die aktuelle religiöse Doktrin sie als Götzenbilder verdammte. […] Hätten Araber und Perser nicht viele antike Schriften gerettet, noch weit mehr von der Geistesgeschichte des Abendlandes wäre verlorengegangen. Zu unserem Glück flossen die Ideen und das Wissen schließlich aus dem arabisch-persischen Raum zurück nach Europa. […] Anders als im christlichen Abendland herrschte in der arabischen Welt damals nämlich vergleichsweise weitgehende religiöse Toleranz. […]
Nichtmuslime standen sogar unter dem Schutz der jeweiligen Herrscher, solange sie sich an bestimmte Regeln hielten. […]

(…..) „Der Islam“ war tolerant und duldete nicht nur Andersgläubige, sondern fühlte sich verpflichtet sie aus Gastfreundschaft zu schützen.
Das berühmteste Beispiel dafür ist sicherlich die Maurische Hochkultur in Spanien, als unter Islamischer Kontrolle Wissenschaft und Kunst aufblühten, weil Christen und Juden akzeptiert waren. Dadurch konnten sich im schönsten Multikulti die Wissenschaften gegenseitig befruchten. Daher waren Astronomie, Mathematik und Medizin in Islamischen Herrschaftsbereich Jahrhunderte vor dem Christentum in Nordeuropa. (…..)

Auch diese Informationen werden seit Jahren öffentlich in Zeitungen, Podiumsdiskussionen, TV-Dokumentationen erörtert.
Man kann nur staunen wir völlig erkenntnisresistent AFDPCDUCSU-Politiker durch die Welt taumeln.

[……] In der islamischen Welt lebte der hellenistische Geist fort – mit konkreten Folgen: Während im mittelalterlichen Europa brutale inquisitorische Methoden die einzig wahre Lehre von Gott durchsetzen sollten, war in der islamischen Welt die friedliche Koexistenz unterschiedlicher religiöser Auffassungen ohne Bevorzugung einer einzigen gang und gäbe. Die Wissenschaft spricht hier von Ambiguitätstolerenz, ein Begriff, den Thomas Bauer von der Uni Münster geprägt hat: Keiner hatte die Hoheit über die Religionslehre. Streit im Guten, das Suchen nach Wissen: Das war Jahrhunderte lang Ausdruck islamischer Kultur – ganz anders als in Europa.
Auch in Sachen Toleranz irrt Alexander Dobrindt gewaltig. Im Vergleich zu Europa war die islamische Welt da geradezu vorbildlich. Daran ändert auch nichts, dass Andersgläubige von den höchsten politischen Ämtern ausgeschlossen waren. Welche frühe Kultur hätte jemals Andersgläubige in staatliche Spitzenämter gelassen? Juden zum Beispiel mögen in islamischen Ländern zwar durch die ihnen auferlegte Kopfsteuer (Dschizja) Bürger zweiter Klasse gewesen sein – aber immerhin waren sie Bürger. Ein Status, der ihnen im europäischen Mittelalter versagt wurde. Schlimmer: Dort wurden sie immer wieder brutal verfolgt. Unter der Herrschaft des Islams dagegen konnten jüdische und christliche Gelehrte in der Regel unbeschadet und geachtet wirken. [….]

Den Krieg trugen erst die christlichen Kreuzzügler in die Islamische Welt.
Sie lehrten die Welt Intoleranz.
Die Christen gingen dabei so nachhaltig zerstörerisch vor, daß man noch heute beispielsweise eine radikale und tödliche Homophobie in fast ganz Afrika erlebt, die keineswegs endemisch für den Kontinent ist. Ganz im Gegenteil, es waren die christlichen Missionare, die vor 200 Jahren voller Entsetzen über die Schwulentoleranz der afrikanischen Völker Mord und Todschlag einsetzten, um diesen Kulturen das Humane auszutreiben, sie zu versklaven und zu radikalen Homophoben umzuformen; kurz zusammengefasst: zu Christianisieren.

Was Dobrindt, Spahn und Seehofer sehen ist eine unfreie zunehmend islamistische Gesellschaft in den heutigen Golfmonarchien und nordafrikanischen Diktaturen.
Niemand kann bestreiten, daß Frauen- und Homorechte in Saudi Arabien oder Mauretanien unterentwickelter sind, als im christlich geprägten Europa.

Genauer gesagt gibt es in den säkulareren Ländern Europas die heute bejubelte Toleranz. Die Länder, die sich wie Russland, Ungarn und Polen wieder stark mit den christlichen Kirchen identifizieren, schaffen auch gleich wieder Schwulen- und Frauenrechte ab.

Diese „Rückständigkeit“ der heutigen islamischen Länder ist aber eben nicht grundsätzlich im Islam verwurzelt – die Geschichte beweist das Gegenteil.
Aber auch der Islam litt unter einem Schisma, welches die Christen insbesondere im 30-Jährigen Krieg ausfochten.
(In Nordirland ermorden sich Protestanten und Katholiken bis ins 21. Jahrhundert gegenseitig)

[…..] Ein halbes Jahrtausend des Glanzes bescheinigt de Bellaigue der islamischen Welt im Anschluss an Mohammeds Tod im Jahr 632. Der christlichen Zivilisation sei man in vielem voraus gewesen, habe nicht nur in der Mathematik, Medizin oder Baukunst brilliert. Doch die Spaltung in Sunniten und Schiiten leitete den Niedergang ein, es folgten die christlichen Kreuzzüge und damit der Zweifel an der Gunst Gottes. Die Konsequenz: der Verlust von "Originalität und Finesse" sowie eine selbst auferlegte Isolation, etwa durch das Verbot der aus Europa kommenden Druckerpresse. [….] Welche progressiven Geister die muslimische Welt dann jedoch im 19. Jahrhundert erlebte, als sie sich wieder Einflüssen von außen öffnete, führt de Bellaigue am Beispiel der Metropolen Kairo, Istanbul und Teheran vor. Erneuerer wie Rifaa al-Tahtawi, Namik Kemal oder Mirza Saleh dürfte hierzulande kaum jemand kennen, in Nahost trieben sie die Moderne entscheidend voran. Pioniere auf den Gebieten der Bildungspolitik, der freien Presse und der Frauenrechte, die etliche ihrer Ideen von Reisen nach Europa mitbrachten, sogar die Marseillaise ins Türkische und Arabische übersetzten. […..]
(SPON über „Die islamische Aufklärung: Der Konflikt zwischen Glaube und Vernunft“ von Christopher de Bellaigue, 21.04.2018)

Wäre man mal lieber nicht Untertan einer Religion gewesen.
Historisch betrachtet halte ich den Islam für besser als das Christentum.
Aber deswegen ist er noch lange nicht gut.
Gut kann nur eine religionsfreie Gesellschaft sein.

Endgültig den Garaus machten die Christen der islamischen Liberalität dann Anfang des 20. Jahrhunderts, als sie alle Länder unter islamischer Dominanz zerschlugen, ausraubten und nach purer westlicher Willkür neue Grenzen in den Wüstensand zeichneten.
Das Sykes-Picot-Abkommen vom 16. Mai 1916 halte ich immer noch für eine der ganz großen Ursünden der christlichen Welt.
Ein, oder vielleicht das entscheidende christliche Verbrechen gegen den Islam, von dem Herr Dobrindt aber offensichtlich ebenfalls nicht die geringste Ahnung hat.
Voller Ignoranz legten Europa und die USA den gesamten Nahen Osten für die nächsten hundert Jahre potentiell in Flammen.

Die muslimischen Menschen mussten zusehen, wie ihre Welt zerschlagen wurde von den Kräften, die sich als Demokratien verstanden und westliche Werte predigten.
Es gab nur eine einzige Opposition gegen die westlichen Verbrechen – angeführt von den Muslimbrüdern.

[…..] De Bellaigue nennt den Ersten Weltkrieg eine "Wasserscheide in der Geschichte der islamischen Aufklärung". Die Begeisterung für liberale Werte und einen säkularen Staat endete jäh, stattdessen formierten sich reaktionäre Gegenbewegungen - etwa zu Atatürks Reformen, die mit der Gründung der Republik Türkei eine Trennung von Religion und Staat vorsahen. Den Islamismus als radikale Form des politischen Islam sieht de Bellaigue so als Folge der Zerstückelung des Osmanischen Reichs.
Den Modernisierungsprozess des Islam vergleicht De Bellaigue mit einem Tier, das eine Lobotomie erlitten hat: Äußerlich scheint alles in Ordnung, innerlich leidet es unter schweren Störungen.
Zugleich begeht der Autor aber nicht den Fehler, die Entwicklung der islamischen Welt allein im Hinblick auf ihre Aneignung christlich-europäischer Werte zu beurteilen. Sein historischer Blick macht vielmehr deutlich, wie der Westen gerade durch die Einmischung den Nationalismus stärkte: Ägypten etwa habe sich nach dem Ende der britischen Besetzung 1922 in einen arabischen Chauvinismus geflüchtet; denn der Liberalismus war durch die Kolonialmacht diskreditiert. Islamismus geriet so zur "Widerstandsideologie". [….]
(SPON über „Die islamische Aufklärung: Der Konflikt zwischen Glaube und Vernunft“ von Christopher de Bellaigue, 21.04.2018)

Wie alle Religionen lässt sich auch „der Islam“ hervorragend zur Herrschaft und zu Gehorsam instrumentalisieren.
Das konnten wir in der Tat in den letzten hundert Jahren zur Genüge erleben.

Aber auch im 20. Jahrhundert waren islamische Länder Deutschland noch in der Frage der Frauenemanzipation voraus.

Konservative deutsche Politiker mögen die Türkei nicht.
Vor allem wegen der Türken.
Die sind so rückständig.
Frauen dürfen da nicht in der ersten Reihe der Politik mitmachen.
 In Deutschland wurde hingegen FRAU Merkel Kanzlerin.
(Das war im Jahr 2005 - also nur 17 Jahre nachdem im islamischen Staat Pakistan Benazir Bhutto Regierungschefin wurde und 12 Jahre nachdem in der islamischen Türkei Tansu Çiller Ministerpräsidentin wurde.) [….]

Samstag, 21. April 2018

Verteidigung einer Religion.

Das ist doch lächerlich.
Um mit meinem Landmann Donald T. zu sprechen: Niemand ist so hart gegenüber Religionen wie ich.
Seit Dekaden rede, schreibe und diskutiere ich täglich gegen alle metaphysischen Ideologien an, werbe für Humanismus, Aufklärung, Säkularismus und vor allem Atheismus.
Agnostiker sind für mich die albernsten Gestalten.
Gerade genug Verstand, um religiöse Gaga-Lehren anzuzweifeln, aber nicht das Rückgrat, um auf eigenen Füßen zu stehen.

Ich lehne alle Religionen ab. Aber ich räume den polytheistischen Lehren grundsätzlich ein größeres Maß an Toleranz ein, als den monotheistischen Extra-Ecclesiam-Nulla-Salus-Lehren ein.
Der spezifisch destruktive Kern der abrahamitischen Religionen liegt ja gerade in ihrem exkludierenden Geist. 
"Wir sind besser als die“ zum Dogma erhoben, muss zu dem Unfrieden und Krieg führen, den wir auch tatsächlich als Dauerzustand erleben seit Pharao Echnaton, der von 1353–1336 v. Chr. regierte, das erste mal erklärte es gäbe nur einen Gott, nämlich Aton und damit alle anderen zum Abschuss freigab.

Christentum, Islam und Judentum sind für mich die unangenehmsten Religionen.
Von den Dreien klammere ich aber oft das Judentum aus, weil es wenigstens auf den brutalsten Aspekt, die Missionierung verzichtet.
Juden sind nie losgezogen, um sich ganze Kontinente untertan zu machen, Völker zu versklaven, Genozide anzuzetteln.
Juden werfen keine Ungläubigen auf Scheiterhaufen, halten keine Auto Dafés ab, führen keine Inquisitionen durch, ziehen nicht zu Kreuzzügen los, um über 200 Jahre ganze Landstriche leerzumetzeln.

All das macht die abstrusen Leeren, nach denen ultraorthodoxe Juden leben auch nicht sympathischer. Aber der Verzicht auf Missionierung führte auch dazu, daß es mit etwa 14 Millionen Juden weltweit verglichen mit den Milliardenreligionen Christentum und Islam eine zu vernachlässigende Größe ist.

Mein kritisches Hauptaugenmerk richtet sich daher auf die letztgenannten beiden Großzweige der Abrahamiten.
Dabei beschäftige ich mich aus zwei Gründen erheblich mehr mit dem Christentum.
Erstens soll man vor seiner eigenen Haustür kehren und ich stamme väterlicherseits aus einer katholischen Familie, lebe in einem christlichen Land, das von Christen regiert wird.
Zweitens ist das Christentum über die letzten 2.000 Jahre gemittelt klar die bösartigere und destruktivere Religion, die erheblich mehr Todesopfer forderte.
Das Christentum ist klar intoleranter und menschenfeindlicher, hat unfassbare Großverbrechen im Namen Gottes begangen.
Allein 100 Millionen indigene Menschen fielen christlichen Conquistadores in Amerika zum Opfer; Christen rotteten aber auch fast alle anderen Urvölker in Afrika und Australien aus, zerstörten auf allen Kontinenten die anderen Kulturen für immer.

Die Kalifenherrschaft war hingegen sehr viel humaner, toleranter und wissenschaftsorientierter.

(…..) In den Kalifaten mit Sitz in Bagdad und Konstantinopel, denen Abu Bakr al-Baghdadi nun nacheifert wurde erheblich liberaler geherrscht, als es der IS jetzt tut. Und natürlich auch erheblich liberaler, als es Christliche Herrscher der Zeit taten.
Es gab bei Hofe berühmte schwule Dichter, jüdische Minister und Christliche Gelehrte. Deswegen haben wir ja jetzt in Syrien, Irak und Ägypten Millionen Christen!

 […] Mehr als 750 Jahre ist es her, dass zuletzt ein Kalif am Tigris regierte. […] Das Leben am Hofe der Kalifen von Bagdad hatte nur wenig gemein mit dem, was die Dschihadisten unter einer islamischen Ordnung verstehen. Die Hauptstadt des Reichs war jahrhundertelang nicht nur das Zentrum der Wissenschaften und Künste, sondern auch ein Sündenbabel.
Viele Kalifen, in deren Fußstapfen nun die ISIS-Terroristen treten wollen, liebten den Wein und junge Männer. Und sie beschäftigten Hofpoeten, die das ausschweifende Leben am Tigris-Ufer in Verse packten. Der bekannteste Dichter jener Zeit war Abu Nuwas, der Ende des achten, Anfang des neunten Jahrhunderts zu Zeiten des legendären Kalifen Harun al-Raschid lebte und ein enger Vertrauter des Herrschers war. Er verfasste viele Wein- und Liebesgedichte, zumeist in homoerotischer Form. […] Der Sohn von Harun al-Raschid und Nachfolger auf dem Kalifenthron, al-Amin, trieb es noch bunter. Laut den Überlieferungen der Hofschreiber unterhielt er einen ganzen Harem mit jungen Männern und ließ allabendlich Eunuchen für sich tanzen und singen. […] Alkohol und Glücksspiel waren keineswegs nur das Privileg der reichen Oberschicht. Auch das gemeine Volk zog es in Trinkhäuser und Cafés, in denen es Wein tranken und Backgammon spielte.
Jenseits dieser Ausschweifungen war Bagdad im achten und neunten Jahrhundert unter den Kalifen die Welthauptstadt für Astrologen und Mediziner, Philosophen und Mathematiker. Christliche und Jüdische Wissenschaftler hatten daran entscheidenden Anteil. Und die Stadt war nicht zuletzt Austragungsort erhitzter innerislamischer Debatten über den Koran. […]

„Der Islam“ war tolerant und duldete nicht nur Andersgläubige, sondern fühlte sich verpflichtet sie aus Gastfreundschaft zu schützen.
Das berühmteste Beispiel dafür ist sicherlich die Maurische Hochkultur in Spanien, als unter Islamischer Kontrolle Wissenschaft und Kunst aufblühten, weil Christen und Juden akzeptiert waren. Dadurch konnten sich im schönsten Multikulti die Wissenschaften gegenseitig befruchten. Daher waren Astronomie, Mathematik und Medizin in Islamischen Herrschaftsbereich Jahrhunderte vor dem Christentum in Nordeuropa.

Die iberische Halbinsel erlebte in den sieben Jahrhunderten maurischer Herrschaft eine beispiellose kulturelle Blüte, bevor mit Isabella der Katholischen alles zerschlagen wurde, Inquisition und Judenverfolgung das Bild bestimmten.
Blüte ist durchaus wörtlich zu verstehen - die islamischen Einwanderer hatten nämlich auch den Blumentopf erfunden und brachten bunte Pflanzen nach Spanien. Sie legten Gärten an.
Ebenfalls aus Arabien importiert wurde die Gitarre - man stelle sich den Flamenco ohne Gitarren und bunte Stoffe vor - so sähe er wohl heute aus, wenn Spanien nur unter Christlichen Einfluss gestanden hätte.

Weitere heute nicht mehr wegzudenkende islamische Errungenschaften sind:
Mehrstöckige Architektur, Burgenbau, Liedgut, Farbige Stoffe, Zuckerrohranbau, Schulwesen, Übernahme der Papierproduktion aus China, Brieftaubenkommunikation, Schach, Kristallglas, golddurchwirkte Stoffe, Muster.


Die Christen sind beleidigt, ob ihrer eigenen Doofheit.

Die Araber brachten eine derartige Hochkultur hervor, daß die wissenschaftsfeindlichen Christen im Vatikan dies als eine Bedrohung ansahen, auf die sie mit Gewalt reagierten.

Die Kirche fängt an, Forschung mit arabischen Grundlagen zu verbieten und lässt Forscher deswegen in den Kerker werfen oder sogar mit dem Tod bestrafen.
Die Kirche beginnt ihre Weltzensur gegen die überlegene islamische Lebensweise und technische Entwicklung.

500 Jahre Krise nannte Sebastian Schoepp seine feuilletonistische Analyse dieses destruktiven Christlichen Debakels in Spanien.

Es ist also unerfreulicher heute im IS zu leben als in einem christlichen Land, aber das liegt NICHT daran, daß „der Islam“ oder „der Koran“ grundsätzlich rückwärtsgewandter oder intoleranter als Christentum und Bibel sind.

Bei den Christen hingegen wurden Anders- und Ungläubige NICHT toleriert. Das konnte man wiederum perfekt nach der Vertreibung der Mauren aus Spanien erleben. Unter Isabella, der Katholischen kamen nämlich alle Ungläubigen, inkl „getaufter Juden“ gleich auch den Scheiterhaufen. (…..)

Meine politischen und intellektuellen Anstrengungen richten sich gleichermaßen gegen alle Religionen.

Da ich im Jahr 2018 aber eine so extreme Islamophobie in Amerika und Europa erlebe, beinahe jeden Tag nicht nur fanatische Rechte wie den PP-Blogger wider die Muslime hetzen höre, sondern dies von C-Politikern ebenfalls laut aufgesagt wird, fühle ich mich als Humanist natürlich veranlasst Partei für die Gescholtenen zu ergreifen.


Wenn eine herrschende Mehrheitsgesellschaft unablässig auf eine 4%-Minderheit im Lande eindrischt kann ich nicht anders als mich mit den Attackierten zu solidarisieren.
Zu meinem Verständnis von Religionsfreiheit und Liberalismus gehört es auch für die Rechte Andersdenkender und Andersglaubender einzutreten.

 [….] In Deutschland leben laut der Wochenzeitung „Die Zeit“ weniger Muslime als bisher vermutet. Nur 2,7 Millionen Erwachsene sind demnach muslimischen Glaubens. Das entspricht 4,3 Prozent der erwachsenen Bevölkerung, wie die Zeitung unter Berufung auf Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) meldete.
Gemäß der DIW-Erhebung ist der Anteil der Muslime insbesondere im Osten äußerst gering. Rund 150.000 Erwachsene in Ostdeutschland oder 1,2 Prozent der Bevölkerung geben als Religionszugehörigkeit den Islam an. Ohne Berlin sind es etwa 80.000 oder 0,8 Prozent der ostdeutschen Erwachsenen. Im Westen sind der Erhebung zufolge 2,5 Millionen oder 5,1 Prozent der Volljährigen muslimischen Glaubens. [….]
(FAZ, 18.04.2018)

Diese 2,7 Millionen Menschen sind nicht „der Islam“, sondern 2.700.000 verschiedene Individuen, die aus unterschiedlichen Gründen zu einer Religion bekennen, die sie alle höchst unterschiedlich auslegen.
Einige sind hochspirituell, für andere ist der Islam Teil der Kultur, einige zeigen sich vollverschleiert, andere kleiden sich sexy mit offenem Haar.

So unsympathisch mir die Religion sein mag, so wenig gilt das für Einzelindividuen, deren Gründe für ihre Religionszugehörigkeit ich manchmal nachvollziehen kann. Die ich manchmal auch für völlig unverständlich halte.

Einige der nettesten und fürsorglichsten Menschen, die ich kenne, sind katholisch, andere muslimisch.
Zur Toleranz gehört es ihren Glauben zu akzeptieren, auch wenn ich ihn persönlich völlig absurd finde.

Freitag, 20. April 2018

Das rechte Auge ist immer noch schwer sehgestört.


Seit meiner Teenagerzeit, seit unsäglichen Diskussionen im Politik-Unterricht mit den JU-Mitgliedern meiner Klasse, höre ich mir an, es wäre nun aber wirklich mal Schluß mit Deutschlands gebückter Haltung. „Wir“ wären ja nicht verantwortlich für die Naziverbrechen, man müsse wieder ganz normal sagen dürfen wie stolz man auf diese Nation wäre.

So ging das kontinuierlich über die folgenden Dekaden weiter. Immer wieder kamen feuilletonistische Diskussionen darüber auf, ob Deutschland nun ein Land wie jedes andere wäre.
Ob wir uns noch „aufgrund unserer besonderen Geschichte“ außenpolitisch und militärisch zurückhalten müssten, bzw dürften.
Immer wieder versuchten Rechte von NPD bis FDP ihr nationalistisches Süppchen zu kochen. Schon als Generalsekretär gefiel sich Guido Westerwelle darin scheinbar provokant zu erklären, er sei stolz ein Deutscher zu sein.
Und mit seiner Unterstützung trat Jürgen Möllemann im Jahr 2002 die zutiefst antisemitische „Man wird doch wohl noch Israel kritisieren dürfen“-Debatte los.
Der rechte Pöbel war begeistert. Die letzten echten Liberalen wie Hildegard Hamm-Brücher traten aus der FDP aus.
In schöner Regelmäßigkeit versuchten sich CDU-Generäle an der Postulierung von „deutscher Leitkultur“ und inszenierten sich als mutige Tabubrecher eines in Wahrheit nicht existierenden Tabus.
Schon 30 Jahre vor Möllemann hatte es Friktionen zwischen der deutschen und israelischen Regierung gegeben, weil Bundeskanzler Schmidt immer wieder Teile der Israelischen Politik kritisiert hatte.
Ob diese Beschäftigung mit der Vergangenheit nicht mal ein Ende haben solle, fragten in schöner Regelmäßigkeit auch Juristen angesichts des § 130 Volksverhetzung.
Brauchen wir noch ein besonderes Gesetz, welches es verbietet Unsinn zu reden?
Immer wieder poppten Schlussstrich-Forderungen auf.
Beim sogenannten Historikerstreit 1986/87 um die Singularität des Holocausts, bei Ausstrahlungen großer Fernsehereignisse wie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“ ausgestrahlt im Jahr 1979, der großartigen Dokumentation „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Der Mord an den europäischen Juden“ – ausgestrahlt in vier Folgen à 90 Minuten im Jahr 1990 folgten die obligatorischen großen TV-Runden mit verhärmten Rechtsaußen der C-Parteien, die forderten, es müsse nun mal Schluss damit sein.
Es geschah wieder bei der ersten Wehrmachtsausstellung im Jahr 1995 in der Hamburger Kampnagelfabrik. Meine Mutter, meine Tante und ich gehörten zu den ersten Besuchern und erlebten eine beeindruckende stille, zahlreiche und sehr interessierte Besucherschar.
Die Ausstellung ging Jahre auf Tour, wurde komplett überarbeitet, ging erneut auf Tour bis 2004. Während man bei mir vor der Tür friedlich und unaufgeregt diese Aufklärung begrüßte, kochte in Bayern die CSU ihr Nazi-Süppchen, blockierte und Demonstrierte die Ausstellung in München. Teile der CSU marschierten zusammen mit Neonazis auf.

[…..] Bayerns Kultusminister Hans Zehetmair (CSU) empfahl, die Ausstellung nicht zu besuchen. Florian Stumfall schrieb unter dem Titel „Wie Deutsche diffamiert werden“ am 22. Februar 1997 im Bayernkurier:
    „Die Ausstellung verallgemeinert tatsächliche Verbrechen durch Einheiten und Soldaten der Wehrmacht zum Pauschalvorwurf gegen alle ehemaligen Soldaten. Es geht also den Veranstaltern darum, Millionen von Deutschen die Ehre abzusprechen.“
Sie sei daher eine „Verschärfung der Strafmaßnahmen des Nürnberger Gerichtshofes“, deren Macher einen „moralischen Vernichtungsfeldzug gegen das deutsche Volk“ inszenierten.
Peter Gauweiler (CSU) sagte am 14. Februar 1997 beim traditionellen Fischessen der Schwabinger CSU, „Tabakmillionär Reemtsma“ habe „durch die jahrelange Finanzierung des Mobs aus der Hafenstraße sein demokratisches Grundbewußtsein nicht unter Beweis gestellt“. Er solle „einmal eine Ausstellung machen über die Toten und Verletzten von den Milliarden seiner Zigaretten, die er verkauft hat und denen er sein Vermögen verdankt.“ [….]

[….] Hunderte von Metern lange Besucherschlangen vor dem Münchner Rathaus, Mahnwachen auf dem Marienplatz, Nazis und Lokalpolitiker der CSU, die gemeinsam die Ehre des deutschen Soldaten verteidigten - als vor fünf Jahren die Wehrmachtsausstellung erstmals in München gastierte, hielt sie die bayerische Landeshauptstadt monatelang in Atem. Die Proteste gegen die »Schandausstellung« gipfelten schließlich in einem der größten Aufmärsche von Neonazis in der Geschichte der Bundesrepublik. Über 5 000 Rechtsextreme, mobilisiert von der Jugendorganisation der NPD, den Jungen Nationaldemokraten, demonstrierten am 1. März 1997 in der Münchner Innenstadt.
Fünf Jahre später ist die Wehrmachtsausstellung wieder in der Stadt, und wieder haben die Nazis mobilisiert. Keine 5 000, aber immerhin noch 500 aus dem Spektrum der Freien Kameradschaften marschierten am vergangenen Samstag durch München. Doch wie vor fünf Jahren kamen sie nicht weit. Mehrere Tausend Münchner stellten sich ihnen in den Weg und stoppten den braunen Protestzug. […..]

Ich nenne insbesondere die 1999 erschienenen „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten.“ Tagebücher Viktor Klemperers und das 1996 herausgebrachte "Hitler's Willing Executioners" (Hitlers willige Vollstrecker) des Harvard-Professors Daniel Jonah Goldhagen, den ich das Vergnügen hatte am 04.09.1996 persönlich die Hand geben zu können.

Dazu habe ich drei Bemerkungen:

1.)

Für mich sind all diese Debatten ein gutes Zeichen und das Auftauchen der immer gleichen rechten Typen vorzugsweise aus den C-Parteien zeigt wie notwendig sie noch immer sind.

2.)

Wer oder was sollte denn so einen „Schlussstrich“ ziehen und für wen sollte der gelten? Das rechte Fußvolk beschäftigt sich ohnehin nicht mit Feuilletondebatten.

(….)  In einer der unendlich vielen Talkshowrunden zu Martin Walsers Holokaust-Keulen-Gejammer von 2002 saß Prof. Eberhard Jäckel und sagte zu einem der Protagonisten der „Schlussstrich“-Fraktion, die Beschäftigung mit dem Thema „Nationalsozialismus in Deutschland“ sei schließlich freiwillig.
Keiner sei dazu gezwungen sich damit zu beschäftigen, keiner könne einen „Schlussstrich“ verfügen und niemand könne ihn, Prof Jäckel, daran hindern weiter zu dem Thema zu forschen.

Damit war die Phantomdiskussion sehr schön entlarvt.

Es gibt selbstverständlich in Deutschland keinen einheitlichen Wissensstand.
Immer mal wieder zeigen Studien; insbesondere in der ehemaligen DDR; ein dramatisches historisches Unwissen. Breite Schichten der Jugend wissen rein gar nichts über den Zweiten Weltkrieg und das Hitler-Regime.
Andererseits gibt es natürlich eine ganze Reihe Forscher und Interessierte, die immer wieder neue Forschungsergebnisse begierig aufnehmen.
Verblüffender Weise verlangen also diejenigen einen „Schlußstrich“, bei denen bisher ohnehin noch keinerlei Informationen zu dem Thema angekommen sind, während die Personen, die überdurchschnittlich gut über jene Ereignissen informiert sind, umso mehr nach weiteren Informationen gieren.

Das erinnert mich ein wenig an Bundestagsdebatten, die ich immer wieder spannend finde.
Wer am lautesten behauptet „diese Politiker kann ich nicht mehr sehen“, ist in der Regel jemand, der ohnehin nie eine Bundestagsdebatte guckt und gar nicht weiß, daß es den Sender Phoenix gibt.

Wissen geriert Interesse, Nichtwissen geriert Desinteresse.

Je mehr Bücher man liest, desto bewußter wird einem wie wenige Bücher man bisher gelesen hat, wie viel man bisher verpasst hat. (…..)

3.)

Seit Jahrzehnten und auch über einer Dekade in diesem Blog beklage ich antisemitische Vorfälle in Deutschland.
Allein, es interessiert niemand, die Bundesregierung und insbesondere die ostdeutschen Landesregierungen tun alles dafür, um diese Vorfälle runterzuspielen und zu ignorieren. Sie schadeten dem Ansehen Deutschlands, den Einnahmen der Tourismusindustrie und überhaupt, was hätten Juden eigentlich da zu suchen, wo es bekanntermaßen gefährlich ist für sie?

(…..) Deutschland ist kein normales Land, solange sich Juden hier nicht frei bewegen können, wenn sie als solche zu erkennen sind.
Tatsächlich können Menschen aber in weiten Teilen Deutschlands nicht mit Kipa oder Schläfenlocken spazieren oder im Bus fahren, ohne gewalttätige Attacken zu erleben. Jüdische Einrichtungen müssen besonders geschützt und bewacht werden.

Wird ein deutscher Jude oder Israelischer Staatsbürger in Deutschland missbraucht, verletzt, oder verprügelt, wirft man ihm mitunter sogar vor, er habe selbst schuld. Was habe er auch ausgerechnet in Sachsen, ausgerechnet im Fussballverein zu suchen?

Immer wieder ungern erinnere ich mich an den Fall Lutz Battke, den NPD-Stadtrat, Fussballtrainer im 3000-Seelen-Städtchen Laucha an der Unstrut. 
Der Rechtsextreme Battke trainiert nicht nur die Kinder der Stadt, sondern ist außerdem Lauchas Schornsteinfeger, so daß jeder ihn kennt.

Im April 2010 geschah das Ungeheuerliche. Ein 17-Jähriger, der ebenfalls beim Lauchaer Fußballklub BSC 99 mitmachen wollte, wurde von Rechtsradikalen mit der Absicht das „Judenschwein platt zumachen“ schwer verletzt.
Angestiftet waren sie offensichtlich von ihrem Hitler-verehrenden Trainer Battke, der den Neuen aus vollem Herzen hasste, da dessen Mutter aus Israel stammt.

Als der Fall Schlagzeilen macht, stellen sich der  Präsident des BSC 99, Klaus Wege und Lauchas Bürgermeister Michael Bilstein nicht etwa vor das Opfer, sondern geben zu bedenken, was denn ein Jude ausgerechnet im Fussballverein zu suchen habe. 
Jeder wisse doch wie aktiv Trainer Battke in der rechtsradikalen Szene sei.
Einen Grund Battke zu entlassen konnten sie nicht erkennen. 
Er sei schließlich beliebt und ein guter Trainer.
Erst massiver Druck der überregionalen Presse sorgte schließlich dafür, daß Verein und Bürgermeister einknickten und Battke Ende August 2010 doch noch als Trainer entließen. 

Nicht allen Lauchanern gefiel das, Hunderte solidarisierten sich mit dem Geschassten.
Ende 2010 geht Battke sogar in das Rennen um das Bürgermeisteramt. Bei den Kommunalwahlen 2009 hatte die NPD in Laucha 13,5 % erreicht. Kandidat Battke konnte das Ergebnis verdoppeln. (…..)

Solange Deutschland nicht in der Lage oder nicht willens ist die körperliche Unversehrtheit von Schwulen, Dunkelhäutigen oder Juden überall zu garantieren, ist Deutschland kein Land, welches anderen Ländern Vorhaltungen machen darf.

Selbst im liberalen Hamburg wird jüdischen Schülern dringend empfohlen auf dem Weg zu Schule keine Kipa zu tragen, weil dies zu gefährlich wäre.

In Berlin-Friedenau mußte jetzt ein 14-Jähriger die Schule verlassen, weil er Jude ist. Seine Großeltern hatten knapp den Holokaust überlebt und nun ist es wieder nicht sicher für ihren Enkel in Deutschland.
Wo leben wir denn?(….)

Kein C-Politiker fühlte sich jemals bemüßigt deswegen irgendetwas zu unternehmen. Im Gegenteil, die CSU kuschelt öffentlich und demonstrativ mit dem großen Antisemiten Viktor Orban.

Und nun passiert etwas Erstaunliches:
Ein Teil der antisemitischen Attacken wird von Muslims oder Flüchtlingen aus dem Nahen Osten begangen, die extreme Vorbehalte gegenüber der Israelischen Politik von zu Hause mitbringen.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen:
Auch ich erachte die Politik der derzeitigen konservativ-rechtsextremen israelischen Regierung unter dem korrupten Trump-Fan Bibi Netanjahu als grundfalsch und spektakulär amoralisch.
Dafür ist aber weder jeder einzelne Jude noch jeder einzelne Israeli verantwortlich und schon gar nicht ist das eine Rechtfertigung dafür Israelis oder Juden tätlich anzugreifen.

Wie viele der antisemitischen Straftaten in Deutschland von Migranten mit Muslimischen Hintergrund begangen werden ist unklar.
Ganz offensichtlich handelt es sich aber um eine kleine Minderheit.

[….] Antisemitische und antiisraelische Straftaten nehmen in Deutschland wieder zu. Wie aus einer am Freitag veröffentlichten Antwort der Bundesregierung auf eine schriftliche Anfrage der Grünen-Fraktion hervorgeht, wurden in diesem Jahr bis zum 28. August 681 Straftaten gemeldet. Im Vorjahr waren es im selben Zeitraum 654 entsprechende Straftaten. Der Grünen-Politiker Volker Beck geht allerdings von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus. Bundesfamilienministerin Katarina Barley (SPD) forderte einen entschiedenen Einsatz gegen Antisemitismus.
Den Angaben der Bundesregierung zufolge wurden unter anderem 434 Fälle von Volksverhetzung, 15 Gewaltdelikte sowie 70 Fälle, die Sachbeschädigung betreffen, gezählt. Weitere Delikte betreffen etwa die Störung der Totenruhe oder Nötigung. Mehr als 90 Prozent der Straftaten wurden von deutschen Staatsangehörigen verübt. 312 von 339 Tatverdächtigen waren Deutsche. Andere Straftäter kamen aus der Türkei, aus Tunesien, aus Algerien, Afghanistan oder Polen. [….]

[….] Pro Tag im Schnitt vier antisemitische Straftaten
Im vergangenen Jahr stellte die Polizei insgesamt 1453 antisemitische Delikte fest. "Die Dunkelziffer dürfte beträchtlich höher sein", sagt Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau. […]

Die Auseinandersetzung mit Rechtsradikalen und deren Enablern in CSU, AfD, PI, PP, JF und Co bleibt weiterhin aus.
Das interessiert immer noch keinen.
Aber die rund zehn Prozent der Täter, die islamischen Glaubens oder orientalischer Herkunft sind, kommen uns wie gerufen.
Endlich ist mal jemand anders Schuld.
Da kann man so wunderbar sein Maul aufreißen, nach harten Strafen und Ausweisungen schreien.
Da werden gleich mutige Leitartikel verfasst und Daumen in die Wunden gelegt.

[….] Schmeißt den Gürtelschläger aus dem Land! [….]
Bei uns werden Menschen, die jüdische Symbole tragen, bepöbelt oder geschlagen. Bei uns werden in vielen Moscheen antisemitische Klischees gepredigt. Bei uns brauchen alle jüdischen Einrichtungen Polizeischutz. Bei uns ist an vielen Schulen mit hohem muslimischen Anteil „Jude“ ein Schimpfwort.
[….] Wer aber gegen Juden hetzt, sie bedroht oder angreift, ist in diesem Land nicht willkommen! Konsequenterweise heißt das: Wer sich so verhält und – wie der mutmaßliche Täter von Berlin – keinen deutschen Pass hat, gehört ausgewiesen! [….]

Die anderen 1453 antisemitischen Vorfälle allein im Jahr 2017 waren ihr egal, aber nachdem ein 19-jähriger Syrer der mutmaßliche Täter ist, meldet sich sogar Merkel zu Wort.

[….] Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat nach dem Angriff auf zwei Kippa tragende junge Menschen in Berlin ihre Entschlossenheit im Kampf gegen Antisemitismus bekräftigt. Es sei ein "schrecklicher Vorfall", sagte die Kanzlerin am Mittwoch in Bad Schmiedeberg nach einem Treffen mit den Ministerpräsidenten der ostdeutschen Bundesländer. "Der Kampf gegen antisemitische Ausschreitungen muss gewonnen werden."
[….] Dagegen müsse "mit aller Härte und Entschlossenheit" vorgegangen werden. [….]