Sonntag, 18. März 2018

Haha, der Spahn

Da Guido Westerwelle nun tot ist und das auch noch relativ elendig und jung durch Krebs geschah, verbietet es sich nachzutreten.
Wie unangenehm und unseriös Westerwelle war, merkte man immer bei seinen gespreizten und affektierten Auftritten. Er schwankte stets zwischen „andere beleidigen“ und selbst „beleidigt sein“.
Seine kontinuierlich im Keller verharrenden Beliebtheitswerte, die er einmalig in der neueren Geschichte auch als Außenminister behielt, besserten sich erst ganz langsam, als er in den letzten anderthalb Amtsjahren ausnahmsweise anfing seine Aufgabe ernst zu nehmen, viel reiste und somit aus dem Dauerfokus der Öffentlichkeit verschwand.

(…..) Die BUNTE war jahrelang Westerwelles einziger Maßstab.

Das Fachblatt für Seichtes, Sachfremdes und Verblödung, die BUNTE aus dem Hause Burda, ist das erfolgreichste Klatschmagazin Deutschlands.
Mit einer Reichweite von über vier Millionen Lesern kann Chefradakteurin und Markwort-Lebensgefährtin Patrizia Riekel mit ihren oftmals fernab der Wahrheit angesiedelten Berichten durchaus politisch relevant sein.

Nur mit ihrer maßgeblicher Hilfe konnte Lügenbaron von und zu Guttenberg (Kunduz!) zum beliebtesten Politiker Deutschlands aufsteigen.
Die stets perfekt in Szene gesetzten Brüste seiner Ehefrau Stefanie - eine geborene Gräfin von Bismarck-Schönhausen wie BUNTE nie vergisst demütig zu erwähnen - kompensieren die fehlenden politischen Erfolge ihres Mannes.

Eine endlose Folge von Hochglanzphotos des adeligen Promi-Paars dürfte auch den konservativen Verleger und CDU-Bundespräsidentenwahlmann Hubert Burda erfreut haben, der seinen Parteien stets eine große Hilfe ist.

Frau Riekel geht nicht unkreativ vor.
Eine ihrer besten Ideen war das vor einigen Jahren eingeführte „Promi-Register“, das in jeder Ausgabe des Yellowpress-Flaggschiffs alle erwähnten Möchtegern-Wichtigen alphabetisch aufzählt.
So muß ein Pressesüchtiger nicht erst umständlich das ganze Heft durchblättern, sondern kann auf einen Blick erkennen, ob er wieder „drinsteht“!

König dieser Disziplin ist zweifelllos Guido Westerwelle, der seit Jahren in keiner einzigen BUNTE-Ausgabe fehlt.
Mögen seine Kollegen auch noch so viel Akten studiert und Hintergrunddiskussionen geführt haben - Guido raste wie besessen von einem Ball zur nächsten Eröffnung.
Kein Boulevardevent, keine Friseursalon-Einweihung, keine Gala, die ohne den FDP-Chef stattfand.
Erst nachdem er Außenminister wurde, kam es einmal zu einem Register-Novum: unter dem Buchstaben „W“ kein Guido!
Es blieb aber bei einer Ausnahme.
Auch in der aktuellen Ausgabe ist wieder ein Westerwelle-Bild.

Das Eventleben des Guido W. war die logische Entsprechung seiner politischen Konzeptionslosigkeit. Außer „Steuern runter“ hatte er rein gar nichts anzubieten. Dafür war er aber privat immer presse-präsent.
Die Antipode Trittin hielt sich privat aus den Medien fern, grübelte stattdessen über politischen Lösungen.
So gibt es von Trittin ein wegweisendes und kluges Buch „Stillstand made in Germany“, so wie sich auch sein Kollege Joschka Fischer mehrere Jahre vor 1998 intensiv in die Außenpolitik eingearbeitet hatte und seine Erkenntnisse in Buchform Für einen neuen Gesellschaftsvertrag. Eine politische Antwort auf die globale Revolution vor der Bundestagswahl vorgelegt.
Inzwischen veröffentlichte Fischer weit über ein Dutzend politische Bücher.

Westerwelle tat nichts dergleichen. Er war so von sich überzeugt, daß er im höchsten Maße ahnungslos ins Außenamt stolperte und dort zu allem Übel auch noch verkündete er werde sich nicht darauf beschränken sich ein paar schöne Jahre im Außenamt zu machen, sondern auch Innenpolitik betreiben. Westerwelle hielt Außenpolitik also offensichtlich für ein minderwichtiges Hobby, das man nebenher betreiben könne. (….)

Zu Jens Spahn gibt es natürlich viele Parallelitäten.
Spahn trat mit 15 der JU und mit 17 der CDU bei.
Westerwelle ging mit 18 zur FDP und gründete dort die JuLis.

Beide stammen aus NRW, beide sind schwul, beide sind überzeugte Christen, beide etablierten sich als die Lauten und Schrillen in ihrer Partei, beide versuchten mit aller Kraft ihre Parteien nach ganz rechts zu rücken, beide sind nicht als Aktenfresser oder Fachpolitiker bekannt, beide zogen in schicke Berliner Szene-Wohnungen, beide sorgten als hochbezahlte Wirtschaftslobbyisten vor allem für ihr eigenes finanzielles Wohl, beide studierten an der Fernuni Hagen, beide nahmen an Bilderberger-Konferenzen teil, beide suchen manisch nach Pressepräsenz und beide wählten sich einen Ehemann, der durch seine Kontakte ihre Promisucht bespielen kann.

Während „Herr Mronz“ seinen Guido in die reichen Schickimicki-Kreise der Pferdesportler einführte ist Spahns Mann sogar noch effektiver dabei ihn zu vermarkten.
Westerwelle hatte beste Verbindungen zur BUNTEN, aber Spahn heiratete gleich den Berliner BUNTE-Chef Daniel Funke.
Wie praktisch.

 [….] Der 36-Jährige beschreibt sich als "leidenschaftlicher Journalist" und "aufmerksamer Beobachter des (glatten) Society-Parketts". Die Trauung habe Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen (CDU) vorgenommen, der mit Spahn und Funke persönlich bekannt sei, sagte eine Sprecherin der Stadt auf Anfrage und bestätigte damit den Bericht der "Bild am Sonntag". [….]

Ähnlich wie Westerwelle, der sich auch in seinen ersten Ministertagen von seiner ekelhaftesten Seite zeigte und HartzIV-Empfängern vorwarf sie würden in „spätrömischer Dekadenz“ an den Grundfesten des Staates rütteln (was nicht nur frech und bösartig, sondern auch ein historisch grundfalsches Gleichnis war – nur die steinreiche Oberschicht Roms erging sich in Dekadenz) – beleidigte auch Spahn als erstes Arme, die auf „Tafeln“ angewiesen sind.

Genau wie Westerwelle ist auch Spahn völlig unfähig sich auch nur für wenige Tage zurück zu halten, oder gar einfach seine Arbeit im neuen Ministerium zu tun.
Stattdessen raste er am Wochenende wieder sofort zur BILD und diktierte den rechten Xenophoben neue Hetze gegen Arme, Minderheiten, sozial Schwache und Frauen in den Block.


Im Streit über das strikte ärztliche Werbungs- und Aufklärungsverbot bei Schwangerschaftsunterbrechungen, goss er ordentlich Öl ins Feuer.

 [….]  Bundesgesundheitsminister Jens Spahn warnte in der "BamS" davor, die bestehende Regelung leichtfertig zu gefährden. Zugleich provozierte der CDU-Politiker die Gegner des Werbeverbots. "Mich wundern die Maßstäbe: Wenn es um das Leben von Tieren geht, da sind einige, die jetzt für Abtreibungen werben wollen, kompromisslos. Aber in dieser Debatte wird manchmal gar nicht mehr berücksichtigt, dass es um ungeborenes menschliches Leben geht", sagte er.
Vor vielen Jahren sei "ein mühsamer gesellschaftlicher Kompromiss" gefunden worden. Schwangerschaftsabbrüche seien "keine ärztliche Leistung wie jede andere - und selbst für die gelten bei der Werbung strenge Regeln", hob der neue Gesundheitsminister hervor.
Grüne und Linke kritisierten Spahn scharf. Spahn versuche sich "schon wieder" mit "Hardliner-Positionen" zu profilieren, diesmal "auf Kosten von Frauen in Notlagen und Gewissensnöten", sagte Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter. Offenbar habe der neue Gesundheitsminister den Kern der Debatte um den Paragrafen 219a nicht verstanden, fügte Hofreiter hinzu: "Es geht darum, den Zugang zu sachlichen Informationen über Schwangerschaftsabbrüche zu erleichtern und nicht darum, kommerzielle Werbung zu erlauben." Gesundheitsminister Spahn solle lieber das Gespräch mit betroffenen Ärztinnen und Ärzten suchen, anstatt populistische Vergleiche zu ziehen, so Hofreiter.
Der parlamentarische Geschäftsführer der Linkspartei-Fraktion, Jan Korte, sagte: "Wenn ein Minister zwischen Werbung und sachlicher Information nicht unterscheiden kann, ist das ein krasses Problem." Er forderte zugleich die SPD auf, "endlich" die Mehrheit im Bundestag zu nutzen. [….]

Mal abgesehen davon, daß es immer widerlich ist, wenn konservative Katholiken ohne Uterus und Vagina den Menschen mit Uterus vorschreiben, was sie mit diesem zu tun und zu lassen haben, sollte sich die SPD nicht grämen diesen bösartigen Hardliner indirekt ins Ministeramt gehoben zu haben.
Hätte sich die SPD der Groko verweigert, wäre die Bundesregierung garantiert noch rechter geworden.
Die menschliche Unanständigkeit der Minister Seehofer und Spahn zeigt, wozu CDU und CSU fähig sind. Man mag gar nicht dran denken, welche ewig-gestrigen Typen im Merkel-Kabinett säßen, wenn keine Rücksicht auf die SPD genommen werden müsste; oder wenn AfD oder FDP beteiligt wären.
Außerdem läßt Spahn Merkels bevorzugte Strategie der asymmetrischen Demobilisierung kollabieren.
Das kann der SPD nur recht sein, um sich auch IN der Groko zu profilieren.
Umso besser können die Soziminister sich öffentlich wirksam für Frauen und sozial Schwache einsetzen, wenn ein ultrakonservativer Pöbler im Ministeramt misogyn und xenophob dampfplaudert.



Samstag, 17. März 2018

Die Sache mit dem Älterwerden

Da ich inzwischen zur ältesten Generation meiner Familie zähle, stelle ich an mir auch die Veränderungen des Alterns fest.
Würde ich in eine Zeitmaschine stiegen und in mein altes Ich von vor drei Dekaden reisen? Den Körper von damals hätte ich gern wieder. Und auch wenn ich damals schon grüblerisch und introvertiert war, sorgte ich mich damals viel weniger und um weniger.
Tauschen würde ich aber dennoch nicht, weil ich in den folgenden 30 Jahren so viel gelernt habe, daß ich dieses Wissen nicht mehr aufgeben möchte.
Mal abgesehen von dem physischen Verfall, der jeden trifft, auch wenn es heute enorm viele Möglichkeiten gibt das Unvermeidliche zu kaschieren, bleibt der geistige Aspekt des Alterns der Entscheidende.
Das ist sehr eigenartig und wenig vorhersagbar.
Meine Mutter war eine der intelligentesten Personen, die ich kannte. Sie wurde zudem immer scharfsinniger, zeigte nicht die geringsten Anzeichen von Vergesslichkeit oder gar Demenz. Bis ganz zum Schluss, als der Körper schon so gut wie ganz tot war, war sie völlig klar und behielt die Übersicht.
Bei meinem gleichaltrigen Vater das genaue Gegenteil. Schon etwa zehn Jahre vor seinem Tod wurde er immer desinteressierter und vergesslicher. Das war keine ausgewachsene Demenz; er erkannte jeden, wußte wo er war, aber das Hirn verlor offensichtlich an Kapazität. Wenn ich ihn dazu brachte mal eine halbe Stunde am Stück eine TV-Sendung anzusehen, war das schon eine enorme Leistung.

In der öffentlichen Welt gibt es/ gab es hochintelligente Menschen, die mit zunehmenden Alter immer weiser werden und mit über 90 auf so einen gewaltigen Wissensschatz verfügen, daß sie jeden Gesprächspartner mit ihrem virtuosen Umgang mit all den Erkenntnissen verblüffen.
Es ist wohl tatsächlich diese Kombination aus Intelligenz und Neugier, die es in einigen Fällen möglich macht bis ins Greisenalter immer schlauer zu werden.
Die Altersforschung an über 100-Jährigen ergibt unter anderem die Erkenntnis, daß diese Menschen gar nicht wie eigentlich erwartet besonders gesund sind, sondern durchaus von schwersten physischen Einschränkungen durch ihr Alter betroffen sind. Sie empfinden das aber weniger lästig, als die meisten anderen Menschen, die unter objektiv gleichen Beschwerden leiden.
Sie lehnen sich nicht dagegen auf und neigen nicht zum Selbstmitleid. Sie verströmen eine gewisse Gelassenheit.
Vielleicht kann man das auch auf den geistigen Aspekt übertragen; wer gelassen und offen weiterhin neugierig auf die Welt ist, bleibt auch im Kopf gesünder, als diejenigen, die verbissen an Vorurteilen, Religionen und anderen geistigen Einschränkungen festhalten.

Marion Gräfin Dönhoff, Nelson Mandela, Marcel Reich-Ranicki, Peter Scholl-Latour, Helmut Schmidt und Egon Bahr sind solche Fälle.

(….) Es gibt so eine besondere Klasse von intellektuellen Menschen, die im sehr hohen Alter (>90) immer noch schlauer und interessanter werden.

Sie haben ihr Gehirn auf eine solche Weise zu benutzen gelernt, daß sie kontinuierlich Informationen aufsaugen und dadurch permanent ihren Horizont erweitern. 
Man kann sie schon ein Dutzend mal in TV-Diskussionen oder Interviews gesehen, bzw gehört haben und sie sind immer wieder faszinierend.
Dazu gehören Egon Bahr, Marion Dönhoff, Carl-Friedrich von Weizsäcker, Freya von Moltke, Helmut Schmidt, Loki Schmidt, Margarethe Mitscherlich, Sebastian Haffner und Marcel Reich-Ranicki.
Zu einer solchen Intellektuellen, die heute vor 90 Jahren geboren wurde, habe ich persönlich ein sehr enges Verhältnis. Sie ist nur nicht bekannt, oder gar prominent. Es gibt aber eben auch solche hellwachen Denker, die nie an die Öffentlichkeit streben.

Hildegard Hamm-Brücher, 91, die zu dem einen Promille der besten Nachkriegspolitiker gehört, räumte kürzlich bei einem gemeinsamen Auftritt mit der kurz danach verstorbenen Mitscherlich ein, daß sie sich sehr auf ihre Kernthemen Freiheit und Demokratie konzentriere und immer nur dann ihr Wort erhebe, wenn sie „ihre Themen“ bedroht sehe. Ihre Fixierung darauf würde aber innerhalb ihrer Familie zu Stirnrunzeln führen. Die eigenen Kinder könnten es manchmal gar nicht mehr hören und verdrehten inzwischen die Augen, wenn Mutti wieder „damit“ anfange.

Die meisten normalen Menschen werden im Alter „im Kopf“ leistungsschwächer. So wie man auch körperlich kontinuierlich abbaut.
Das bedeutet natürlich auch, daß diejenigen, die in ihrer „aktiven“ Berufszeit schon keine großen Leuchten waren, nicht durch weiße Haare und Falten im Gesicht zu Intellektuellen mutieren.

Genscher, Scheel, Kohl oder Bernhardt Vogel sind heute genauso uninteressant wie damals.

Joschka Fischer und Bill Clinton waren schon mit 60 Jahren weltweit geachtete „Elder Statesmen“, denen man in Washington, genauso wie in Moskau oder Jerusalem zuhört.

Vollkommen versagt das „Altersweisheitskonzept“ als Produkt aus Intellekt und Alter, wenn der Multiplikant zwar gigantisch groß ist (zB 107 = Jopi Heesters), aber der Multiplikator Null bleibt.

Guido Westerwelle, George W. Bush oder Fipsi Rösler werden im Alter von 90 oder 70 Jahren genauso verblödete Deppen wie mit 30 oder 50 sein. 

Schließlich gibt es eine Kategorie der Alten, bei denen sich die natürlich zunehmende Demenz in Form von politisch immer abwegigeren Äußerungen und Verbohrtheit äußert. Selbst wenn man sie ursprünglich mal durchaus geschätzt hat, kann man sie jetzt leider nicht mehr ernst nehmen. 

Beispiele für diese verfallenden Geister sind Klaus von Dohnanyi, Ralph Giordano, Rolf Hochhuth, Arnulf Baring und Charlotte Knobloch. (…..)

Als Beispiel für ein sehr schlichtes Gemüt präsentiert sich Bundesinnenminister Seehofer, der bereits mit 68 Jahren als der senile uneinsichtige Opa des Kabinetts dasteht.

Obwohl spätestens bei der letzten Bundestagswahl bewiesen wurde, daß die Unions-Landesparteien, die sich am stärksten an die AfD heranwanzten auch am stärksten verloren, versucht es Geronto-Horst nun erneut damit Gauland nachzuplappern.

Wie nennt man die Typen, die immer wieder gegen die Wand laufen, sich dabei schwere Kopfschmerzen holen und es dennoch immer wieder versuchen, weil sie ein anderes Ergebnis erwarten?

(…..) Von 16 Bundesländern gibt es zwei, deren Regierungen deutlich ungenierter als andere braune AfD-Parolen übernahmen.
Einerseits die sächsische CDU-Regierung, die stramm rechts agiert, völkisch redet und enge Kontakte zu Nazis pflegt.
Andererseits natürlich die CSU-Regierung in München. Außer den Sachsen-CDUler hat niemand so dezidiert fremdenfeindliche Politik betrieben wie die CSU-Spitzen.

Es ist ein tiefsitzender Reflex des rechten Randes der CDU/CSU beim Auftauchen Rechtsextremer selbst auch rechtsextremer werden zu wollen.
Wie Pawlowsche Hunde schworen heute Herrmann, Dobrindt, Seehofer und Scheuer nun aber die „offene rechte Flanke“ zu schließen und noch mehr Härte gegen Einwanderer zu praktizieren.

Was dieses Heranwanzen an die AfD wahlpolitisch bringt, konnten wir gestern sehen.

Von allen ostdeutschen Bundesländern hat Sachsen das höchste AfD-Ergebnis.
In Sachsen konnte die AfD auch am stärksten zulegen, nämlich um ungeheuerliche 20,2 Prozentpunkte, von 6,8% auf 27%.
Mit 27% ist Gaulands faschistoide Gang sogar stärkste Kraft in Sachsen.
Die CDU verlor sagenhafte 15,7 Prozentpunkte, stürzte von 42,6% auf 26,9%.

[….] Die AfD ist die strahlende Siegerin der Bundestagswahl in Sachsen. Für die seit der Wende dominierende CDU setzte es dagegen eine schallende Ohrfeige der Wähler. Denn sowohl bei den Erststimmen als auch bei den Zweitstimmen feierte die AfD Erfolge. [….] Sowohl im Wahlkreis Sächsischen Schweiz-Osterzgebirge (SSOE), als auch in Görlitz und Bautzen holten sich AfD-Kandidaten Direktmandate.  Am deutlichsten setzte sich AfD-Chefin Frauke Petry durch. Sie erzielte im Wahlkreis (SSOE) 37,4 Prozent der Stimmen und deklassierte damit ihren Konkurrenten, den bisherigen CDU-Bundestagsabgeordneten Klaus Brähmig. [….] Auch aus den Wahlkreisen Bautzen I und Görlitz schicken die Wähler AfD-Kandidaten direkt in den Bundestag.[….]

 In Westdeutschland erzielte die AfD ihren größten Zugewinn in Bayern.
Die AfD gewann in Bayern seit 2014 ungeheuerliche 632.594 Wählerstimmen hinzu und holte mit 12,4% ihr bestes Ergebnis aller westdeutschen Bundesländer. Den größten Absturz gab es im Wahlkreis Ingolstadt, der Heimat Seehofers, mit Einbußen von 13,9 Prozentpunkten.
Wenn das in dem Bundesland passiert, dessen Regierungschef sich so brutal und unversöhnlich wie niemand anders gegen Merkels Flüchtlingspolitik stellte, bestätigt das die simple Regel „man wählt lieber das Original“.

Die AfD nachzuäffen hat Tillich und Seehofer die höchsten Verluste an die AfD beschert.

[….] Dann muss sich Joachim Herrmann aber auch die Frage nach seiner eigenen Rolle und der Ausrichtung der CSU in den vergangenen Monaten gefallen lassen. Nur wenige Tage vor der Bundestagswahl hat sich der bayerische Innenminister mit falsch interpretierten Zahlen zu Sexualdelikten und Flüchtlingen heftige Kritik eingehandelt, weil es ein misslungener Annäherungsversuch an AfD-Sympathisanten war. [….]

Es bleibt das Geheimnis der CSU wieso sie nach diesem wuchtigen Aufprall von Kopf auf Wand diese gescheiterte Strategie weiter ausbauen zu wollen.

Auf die Frage, wie er sich eigentlich eine Koalition mit der CSU vorstelle, die unisono ankündigte weiter nach rechts zu rücken, sagte Jürgen Trittin gestern in der ARD, diese Strategie sei eben „genau falsch“.
Recht hat er, der Trittin. Ganz offensichtlich.
Ob ihm Seehofer da inhaltlich folgt ist allerdings fraglich.

Zur Freude Storchs und Weidels plapperte Seehofer gleich am ersten Tag als Bundesminister das AfD-Sprech nach, beharrte auf christliche Kultur und sagte der Islam gehöre nicht zu Deutschland.

Die Bundeskanzlerin gab ihm eine zwar richtige, aber nicht hinreichende Antwort.

[….]Die Prägung des Landes sei "sehr stark durch das Christentum" sowie das Judentum erfolgt, sagte Merkel am Freitag in Berlin. "Aber inzwischen leben vier Millionen Muslime in Deutschland." Diese Menschen übten in Deutschland ihre Religion aus. "Und diese Muslime gehören auch zu Deutschland. Und genauso gehört ihre Religion damit zu Deutschland, also auch der Islam", sagte Merkel bei einer Pressekonferenz mit dem schwedischen Ministerpräsidenten Stefan Löfven. [….]
(Tagesspiegel, 16.03.2018)

Opposition und SPD äußern sich wesentlich empörter über den devoten Knicks des Innenministers vor den Rechtsradikalen.

[….] Der innenpolitische Sprecher der SPD, Burkhart Lischka, erinnerte Seehofer an seine eigenen Worte: "Er hat mal gesagt, dass es im Berliner Politikbetrieb zu viele Mundwerker, aber zu wenig Handwerker gebe. Vielleicht sollte er diesen Satz beherzigen." Seehofer solle sich um die "wirklich wichtigen" Themen in seinem Haus kümmern.
Widerspruch kam auch vom Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek. Nach einer Serie von Angriffen auf muslimische Einrichtungen und einer anonymen Morddrohung gegen ihn selbst seien Seehofers Worte bedrückend. Der Innenminister sei "offensichtlich schon jetzt überfordert", sagte die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt der Süddeutschen Zeitung. "Als Verfassungsminister hätte er wissen müssen: Vor dem Grundgesetz sind alle Religionen gleich gestellt." Als Heimatminister wiederum sei es nicht klug, "unser Land in Gruppen aufzuteilen, von denen die einen dazugehören und die anderen nicht". Dies bringe Menschen gegeneinander auf. "Zum Auftakt seiner Amtszeit betreibt Horst Seehofer rechte Hetze und bekommt prompt den gewünschten Applaus von Rechtsaußen", sagte Linken-Chefin Katja Kipping.
Gemeint war die AfD, deren Bundestagsabgeordnete Beatrix von Storch den Innenminister auf Twitter lobte: "Horst Seehofer liest das Programm der AfD".[….]

Der geistig offenbar schon sehr eingeschränkte Seehofer liegt so offensichtlich falsch, daß es ärgerlich ist überhaupt darauf zu reagieren. Was gibt der Mann erst von sich, wenn er 90 oder 95 ist?

[….] Da kann Minister Horst Seehofer sagen, was er will - der Islam gehört natürlich zu Deutschland. Ohne ihn wüssten wir Deutschen gar nicht, wer wir sind. Und am wenigsten wüssten es die Rechten.
Stellen Sie sich vor, das Telefon klingelt, Sie heben ab und ein Meinungsforschungsinstitut will Ihre Sicht der Dinge erfahren: "Gehört das Judentum zu Deutschland?" Ja? Nein? Warum werde ich das überhaupt gefragt? Werden Sie natürlich nicht. Diese Umfrage hat es, zum Glück, noch nie gegeben. Ebenso wenig wie zum Buddhismus, zur serbisch-orthodoxen Kirche oder zur Heilsarmee.
Zum Islam allerdings schon. Sehr oft sogar. Bei der Frage, ob der Islam zu Deutschland gehöre, antwortet seit Jahren eine Mehrheit der Befragten mit "Nein". Das ist eigentlich faszinierend, denn es wirkt wie ein pathologischer Abwehrreflex gegen eine unangenehme Tatsache.
Denn wenn der Islam nicht zu Deutschland gehört, wie kann er das erste Thema der neuen Bundesregierung sein? Warum nahm der Islam im Kanzlerduell so viel Raum ein? Warum ist eines der prägendsten Bilder vom Wahlkampf eine Karikatur der Rechten, die Angela Merkel verhüllt in einem schwarzen Niqab zeigt?
Der Islam beschäftigt die Deutschen. Fast schon zwanghaft. Er ist Teil ihrer Identität geworden: Die Abgrenzung zum Islam macht das Deutschsein erst aus. Nur so lässt sich erklären, warum ein ständiger Gegensatz zwischen "Deutschen" und "Muslimen" hergestellt wird, obwohl das der gesellschaftlichen Realität widerspricht: Ein großer Teil der hier lebenden Muslime sind Deutsche.
Und es gibt eine Gruppe, die dem Islam besonders viel verdankt: Was wären die Rechtspopulisten ohne ihren Islam? Ihrem Feindbild Nummer eins. Der Islam ist in ihren Augen das Böse, der Antipol zu Demokratie und westlichen Werten. Wären nur Geflüchtete aus christlichen Ländern gekommen - die AfD wäre vermutlich weiterhin eine Splitterpartei. So gesehen gehört der Islam zur AfD, wie das Holzbein zum Pirat. […..]

Was SPD, Kanzlerin und Ataman aber vergessen sind zwei weitere Aspekte.

1.)

Das Christentum ist eine derart destruktive Religion, daß es über 1000 Jahre alles zerstörte, was unsere Wurzeln ausmacht.
Wie verdanken das Wissen um unsere eigene Geschichte und unser geistiges Fundament ausdrücklich dem Islam, der rettete, als das Christentum nur zerschlug und vernichtete.

Zum Glück gibt's den Islam
 […]  Das echte "finstere Mittelalter" Europas lag etwa zwischen dem vierten und dem achten Jahrhundert nach Christus. Damals hatte das Christentum sich in weiten Teilen Europas verbreitet, und seine Verfechter und Verteidiger begannen mit etwas, das man heute eher mit den Taliban assoziieren würde als mit dem christlichen Abendland: der systematischen Vernichtung von Kulturgütern.
Christliche Herrscher und Kirchenführer sorgten beispielsweise dafür, dass in West- und Osteuropa massenweise Bücher verbrannt wurden, ganze Bibliotheken opferte man der höheren Ehre Gottes. Alles Wissen jenseits der Bibel und theologischer Abhandlungen galt als gefährlich, weil es den Glauben hätte in Frage stellen können. Viele Schriften griechischer Philosophen und Dramatiker, natur- und geisteswissenschaftliche Abhandlungen konnten nur überleben, weil Gelehrte in den Osten flohen, Wissen und Bücher mitnahmen. "Über diese verschlungenen Pfade sollten also Araber Aristoteles und all die Schätze der griechischen Wissenschaft erben", schreibt Peter Watson in seiner grandiosen Welt-Kulturgeschichte "Ideen".
Aristoteles' Dialektik etwa sei im christlichen Denken geächtet worden, "weil ein Dialog mit Gott schlicht als unvorstellbar empfunden wurde". So kam es, "dass Aristoteles' Werke - mit Ausnahme von zwei seiner Abhandlungen über die Logik - aus dem Abendland verschwanden und uns nur erhalten blieben, weil sie von arabischen Übersetzern gehortet wurden". Andere Werke verschwanden vollständig. Sophokles etwa hat wohl mindestens 123 Dramen geschrieben - ganz erhalten sind gerade einmal sieben davon, ebenso wenige von Aischylos.
Die christlichen Kulturvernichter leisteten ganze Arbeit, auch später noch einmal, als im Zuge des byzantinischen Bilderstreits im achten und neunten Jahrhundert massenweise Kunstwerke zerstört wurden, weil die aktuelle religiöse Doktrin sie als Götzenbilder verdammte. […] Hätten Araber und Perser nicht viele antike Schriften gerettet, noch weit mehr von der Geistesgeschichte des Abendlandes wäre verlorengegangen. Zu unserem Glück flossen die Ideen und das Wissen schließlich aus dem arabisch-persischen Raum zurück nach Europa. […] Anders als im christlichen Abendland herrschte in der arabischen Welt damals nämlich vergleichsweise weitgehende religiöse Toleranz. […]
Nichtmuslime standen sogar unter dem Schutz der jeweiligen Herrscher, solange sie sich an bestimmte Regeln hielten. […]

(…..) „Der Islam“ war tolerant und duldete nicht nur Andersgläubige, sondern fühlte sich verpflichtet sie aus Gastfreundschaft zu schützen.
Das berühmteste Beispiel dafür ist sicherlich die Maurische Hochkultur in Spanien, als unter Islamischer Kontrolle Wissenschaft und Kunst aufblühten, weil Christen und Juden akzeptiert waren. Dadurch konnten sich im schönsten Multikulti die Wissenschaften gegenseitig befruchten. Daher waren Astronomie, Mathematik und Medizin in Islamischen Herrschaftsbereich Jahrhunderte vor dem Christentum in Nordeuropa.

Die iberische Halbinsel erlebte in den sieben Jahrhunderten maurischer Herrschaft eine beispiellose kulturelle Blüte, bevor mit Isabella der Katholischen alles zerschlagen wurde, Inquisition und Judenverfolgung das Bild bestimmten.
Blüte ist durchaus wörtlich zu verstehen - die islamischen Einwanderer hatten nämlich auch den Blumentopf erfunden und brachten bunte Pflanzen nach Spanien. Sie legten Gärten an.
Ebenfalls aus Arabien importiert wurde die Gitarre - man stelle sich den Flamenco ohne Gitarren und bunte Stoffe vor - so sähe er wohl heute aus, wenn Spanien nur unter Christlichen Einfluss gestanden hätte.

Weitere heute nicht mehr wegzudenkende islamische Errungenschaften sind:
Mehrstöckige Architektur, Burgenbau, Liedgut, Farbige Stoffe, Zuckerrohranbau, Schulwesen, Übernahme der Papierproduktion aus China, Brieftaubenkommunikation, Schach, Kristallglas, golddurchwirkte Stoffe, Muster.


Die Christen sind beleidigt, ob ihrer eigenen Doofheit.

Die Araber brachten eine derartige Hochkultur hervor, daß die wissenschaftsfeindlichen Christen im Vatikan dies als eine Bedrohung ansahen, auf die sie mit Gewalt reagierten.

Die Kirche fängt an, Forschung mit arabischen Grundlagen zu verbieten und lässt Forscher deswegen in den Kerker werfen oder sogar mit dem Tod bestrafen.
Die Kirche beginnt ihre Weltzensur gegen die überlegene islamische Lebensweise und technische Entwicklung.

500 Jahre Krise nannte Sebastian Schoepp seine feuilletonistische Analyse dieses destruktiven Christlichen Debakels in Spanien. (….)

2.)

Unser heutiges Deutschland ist noch mehr von der Aufklärung als durch das Christentum geprägt.
Die meisten Werte, die in unserer Verfassung gepriesen und geschützt werden, mußten erst gegen den erbitterten Widerstand des Christentums erkämpft werden.
Seehofer weiß das alles trotz seiner 68 Lebensjahre immer noch nicht.
Das wird wohl auch nicht mehr besser. Für ihn habe ich alle Hoffnungen verloren.
Für die anderen noch einmal:

(….) Christliche Werte sind nicht der Motor unserer westlichen Gesellschaft, sondern bremsen uns bis heute aus.

(….) Es geht nicht amoralischer als kirchlich.
Nahezu sämtliche moralischen und gesellschaftlichen Fortschritte des Humanismus mußten gegen den erbitterten Widerstand der Kirchen erkämpft werden. Kirchen, die mit weltlicher Macht ausgestattet Genozide, Massenmorde, Auto-Dafés, Missionierung, Hexenverbrennung, Kreuzzüge, Sklaverei, Inquisition und Pogrome veranstalteten.

Gestern mußte ich mal wieder an den stets gut gelaunten Seth McFarlane denken, der immer mal wieder bei Bill Maher zu Gast ist und dort einst einen schlauen Satz über den kirchlichen Widerstand gegen die Homoehe tat.

Seine These lautete, daß die Kirchen mit ihrem Widerstand gegen Aufklärung ihre Zeit verschwenden.
Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Pressefreiheit, Rechtsstaat, Frauenemanzipation, Folterverbot, Abschaffung der Sklaverei, Abschaffung der Todesstrafe, Freiheit der Kunst, Abschaffung der Prügelstrafe, Tierrechte, Ächtung von Antisemitismus, Schwulenrechte, Abschaffung des Verbots gemischtrassiger Ehen, Abschaffung des Verbots gemischtkonfessioneller Ehen, Verbot von Vergewaltigungen in der Ehe, etc pp - all das mußte gegen den erbitterten Widerstand der Kirchen erkämpft werden.

Die Kirchen waren dagegen und verschwendeten damit sinnlos über Dekaden ihre Kraft.
Glücklicherweise hat sich der kirchliche Widerstand üblicherweise als Mißerfolg erwiesen, weswegen Seth Macfarlane es als Zeitverschwendung betrachtet auf Seiten der Kirche zu stehen:

It is a huge waste of time; if you look back in history every civil rights-movement; the blacks or woman, they always lose. Anyone who tries to fight the advance on any particular minority-group is going to lose - whether it is now, whether it is 20 years from now.
They are wasting their time.

Kirche ist ekelhaft. Wieso wird das nicht erkannt?

Ist es nicht offensichtlich, daß 99% der Nazis Christen waren? Daß in den Kirchen für Hitler gebetet wurde, daß Kirchen Waffen segnen, daß Militärbischöfe noch heute Soldaten auf den Krieg einstimmen, daß Luther der Stammvater aller protestantischen Antisemiten ist, daß sich gerade die "C"-Parteien immer mit ausländerfeindlichen Parolen ins Gespräch bringen, daß christlich erzogene Jugendliche mehr Vorurteile haben und weniger teilen, daß Christen weit überdurchschnittlich Prügelstrafe, Folter und Militäreinsätze befürworten, daß alle gesellschaftlichen Liberalisierungen wie Frauenwahlrecht oder das Verbot von Vergewaltigung in der Ehe gegen den erbitterten Widerstand der Kirchen erkämpft werden mußten, daß Kirchen die eifrigsten Unterstützer von faschistischen Mörderregimen in Südamerika waren, daß die katholische Kirche bis 1975 fest an der Seite der Franco-Diktatur stand, daß es die Kirchen sind, die massiv in Osteuropa und Russland gegen Schwule und Lesben hetzen, daß in christlichen Kinderheimen Hundertausende Kinder verprügelt, ausgebeutet und missbraucht wurden, daß deutsche Bistümer noch heute an den Börsen Geld mit Waffenproduzenten verdienen, daß Kardinal Woelki und Bischof Bohl als erstes von Ausweisungen sprachen, daß die evangelische Kirche in Sachsen Pegida in Schutz nimmt, daß Petrys Ex-Ehemann Pfarrer ist. Daß Beatrix von Storch bibeltreue Christin ist. Daß Christen vier Kontinente kolonialisiert und ausgebeutet haben, daß Christen den Tod von 100 Millionen indigenen Menschen in Nord- und Südamerika anzettelten, daß die Päpste das bis heute als „glückliche Schuld“ schönreden, daß Kirchen die Welt mit Konfessionskriegen, Inquisition und Kreuzzügen überzogen haben, daß Religionen die Hautursache für Gewalt in der Geschichte der Menschheit sind.
Daß die katholische Kirche nach 1945 die KZ-Schlächter vor der alliierten Justiz in Sicherheit brachte, daß sich die Kirchen in Argentinien bemüßigt fühlte Adolf Eichmann zu beschützen, daß Papst Pius XII pauschal alle Angehörigen der Armee, die Auschwitz BEFREITE exkommunizierte, aber hingegen für Hitler nach seinem Tod noch ein Requiem veranstaltete, ihn bis heute nicht exkommunizierte.
Daß der Vatikan bis heute die UN-Menschenrechtskonvention nicht akzeptiert, daß Kirchen in Afrika für die Todesstrafe auf Homosexualität kämpfen, daß Kirchen den sexuellen Missbrauch von Kindern in der ganzen Welt vertuschten.

Nein, auch im Jahr 2017 sind „die Kirchen“ gut und Atheisten werden laufend als moralisch zweifelhaft dargestellt. (….)

Freitag, 16. März 2018

Auftragsmorde.


Staaten können töten.
Das ist zunächst einmal schwer zu schlucken, wenn man wie ich für Gewaltfreiheit einsteht und das Leben als unantastbar ansieht.
Niemand hat das Recht jemand anders das Leben zu nehmen, aber jeder hat das Recht über sein eigenen Leben zu bestimmen.

Wer das Leben als absolut schützenswert betrachtet, kann auch nicht zwischen mehr oder weniger schützenswerten Leben abwägen.
Im staatlichen Maßstab zu denken führt in Teufels Küche.
Ja, ich unterstütze natürlich die Befehlsgewalt des Bundeskanzlers Helmut Schmidt, der 1977 die GSG9 losschickte um vier Terroristen an Bord der „Landshut“ zu erschießen. Drei von ihnen wurden tatsächlich am 18.10.2017 im staatlichen Auftrag getötet, Zohair Youssif Akache, Nabil Harbi und Hind Alameh. Nur Souhaila Andrawes wurde nicht tödlich verwundet und lebt heute als freie Frau in Oslo.
Kaum einer hatte noch moralische Bedenken, als klar wurde, daß dadurch alle 90 verbliebenen Geiseln lebend befreit wurden.
Schwerer wog schon die Tatsache, daß Schmidt mit dieser Aktion den Tod des ehemaligen SS-Untersturmführers Hanns Martin Schleyer in Kauf nahm.
Dennoch war es juristisch vertretbar die drei Terroristen zu töten, weil diese zweifellos schwere Schuld auf sich geladen hatten.

Aber wie beurteilt man juristisch die Situation, wenn Flugzeugentführer 100 unschuldige Passagiere auf ein deutsches Atomkraftwerk stürzen lassen wollen?
Könnte Bundeskanzlerin Merkel dann die 100 Fluggäste durch einen Luftwaffentornado abschießen lassen, um möglicherweise 10.000 zu retten, die bei einem Atom-Super-GAU stürben?
Das Zahlenverhältnis wäre also ähnlich wie im Oktober 1977, allerdings würde die Bundesregierung aktiv und gezielt 100 Unschuldige töten lassen.
Unschuldige, die zwar mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ohnehin bald tot wären, aber reicht das juristisch betrachtet, um einen hundertfachen Mord zu rechtfertigen?
Ich habe nie Jura studiert, aber immerhin gehört, daß sich Jura-Studenten mit solchen Dilemmata befassen.
Darf oder soll man gar einen Menschen, der aus dem brennenden WTC springt im Flug nach unten erschießen? Er wäre ja ohnehin bald tot und vielleicht erspart man ihm einige Sekunden Todesqual? Andererseits tötet man aktiv einen gesunden Menschen.
Es ist also unklar, ob Heimat-Horst oder Foto-Uschi einen Schießbefehl geben könnten.
Vermutlich nicht, da das gegen die Menschenwürdegarantie des GG verstieße.
Wenn aber zufällig ein Privatjet vorbei käme und aus eigenem Antrieb den Passagierjet zur Explosion brächte, wäre das zwar hundertfacher Mord, § 211 StGB, der aber möglicherweise durch einen "übergesetzlicher Notstand" rechtfertigen ließe.

Abgesehen von diesen extremen Grenzfällen gibt es jeden Tag Fälle, in denen Staaten, bzw Regierungen Menschen töten oder foltern, obwohl dies keineswegs nötig wäre.

Der legendäre israelische Geheimdienst spürte beispielsweise überall in der Welt Holocaust-Massenmörder auf oder tötete Terroristen.
Adolf Eichmann wurde lebend gefangen genommen. Ihm wurde der legendäre Prozess gemacht bevor er getötet wurde.
Dabei ging keine Lebensgefahr mehr von ihm aus; man hätte ihn auch lebenslang einsperren können.
Barack Obama ließ Osama bin Laden mitsamt Familienangehörigen töten. Da dies in Pakistan stattfand, war das sicherlich völkerrechtswidrig.
Dennoch gratulierte die angeblich so von den christlichen Werten („Du sollst nicht töten!“) überzeugte deutsche Bundeskanzlerin dem US-Präsidenten zu diesem Mord.
Sie versagte damit moralisch, aber die Moral ist angesichts eines Megaverbrechens wie 9/11 schwer aufrecht zu erhalten.
Schwerer wiegt das Schweigen der westlichen Welt zum alltäglichen Dronebombing der Amerikaner, die damit jedes Jahr Hunderte töten, ohne daß jemals in einem Prozess die Schuld festgestellt wurde. Von den vielen Kollateraltoten redet ohnehin niemand.
Aber das sind auch Tote in großen Mengen; die werden grundsätzlich nicht beachtet – wie die täglich 10.000 bis 20.000 verhungerten Kinder beweisen, die letztendlich an unterlassener Hilfeleistung durch uns reiche Nationen sterben.
Darf ein Staat das eigentlich? Darf eine steinreiche Organisation wie die RKK das? Auf ihren prallgefüllten Geldspeichern sitzenbleiben und jeden Tag achselzuckend hinnehmen, wie Myriaden verhungern?
Offensichtlich ist für Staaten so etwas wie „unterlassene Hilfeleistung“ nicht strafbar.
Ihre nationale Souveränität macht es möglich.
Die USA werden auch nicht geächtet oder in Den Haag verklagt, obwohl derzeit 2.843 zum Tode verurteilte Menschen in ihren Knästen sitzen und auch fleißig exekutiert wird.

Gerade heute gab es wieder zwei Hinrichtungen in Trumpland.

[…..] In den USA ist in zwei Fällen die Todesstrafe vollstreckt worden. In Alabama starb Michael Eggers, der um seine "unverzügliche" Exekution gebeten hatte. In Georgia wurde "Strumpfhosen-Würger" Carlton Gary getötet. [….]

Allein der Bundesstaat Texas richtete seit 1976 unfassbare 546 Menschen hin.

Staaten töten und wenn sie nicht gerade Russland heißen, kümmert das niemand.

Rußland hat 1999 die Todesstrafe abgeschafft, während Merkels Christenfreund George W. Bush in seiner Amtszeit als Gouverneur 152 (sic!) Todesurteile unterschrieben hat. 

Der Staat Texas, dem GWB als Gouverneur diente hat in den letzten 30 Jahren sogar 22 Teenager hinrichten lassen

Auch geistig Behinderte werden in Amerika, dem land oft he free, hingerichtet.

2008 unterschrieb Bush noch als amtierender Präsident das Todesurteil gegen den Gefreiten Ronald Gray, einen US-Soldaten.

Tu quoque ist kein absolutes Argument und macht Putins Aktionen gegen Pussy Riot nicht besser. 

Aber wir sollten uns fragen, warum wir immer so hysterisch auf Russland losgehen und alle Augen bei Obama zudrücken.

Möglicherweise ließen staatliche russische Stellen auch den in England lebenden ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter vergiften.

Bewiesen ist nichts. Während die amerikanische Regierung mit ihren vielen Drohnentötungen und Hinrichtungen prahlt, weist Moskau diesen Giftanschlag weit von sich.
Frankreich, Deutschland und das höchst glaubwürdige Weiße Haus stellen ebenfalls Russland an den Pranger.
Die Mehrheit der Russen glaubt ihnen aber nicht. Würde überhaupt der legendäre russische Geheimdienst, wenn er den Mord geplant hätte, so stümperhaft vorgehen und so offensichtliche Spuren hinterlassen?
Sind die britischen Anwürfe nicht höchst unglaubwürdig? Will die in arge Bedrängnis geratene Frau May nicht nur ablenken?

[…..] Stattdessen gab es in den vergangenen Tagen ausführliche Berichte über die Kampagne des Westens gegen Russland. Das staatliche Fernsehen dominiert die Medienlandschaft, es ist das wichtigste Propaganda-Instrument des Kreml. Knapp 70 Prozent der Russen schauen regelmäßig fern.
Nachrichten bei Rossija 1, die Sprecherin fragt: "Warum spielt Großbritannien den Skripal-Fall so hoch? Es gibt doch keine Details, die eine Beteiligung Russlands beweisen."
Es wird nach London geschaltet, Bilder aus dem Parlament gezeigt, es redet Jeremy Corbyn. Eine Stimme aus dem Off sagt, der Labour-Parteichef habe Premierministerin Theresa May aufgefordert, darzulegen, was genau unternommen wurde, um die Schuld Moskaus zu beweisen. "Kampflustige Parlamentarier haben versucht, ihn zum Schweigen zu bringen." Eingeblendet werden Bilder johlender Abgeordneter. Weiter aus dem Off: "Aber er hat sich nicht verbiegen lassen", denn er wisse sehr genau, was sein Labour-Kollege und ehemaliger Premier Tony Blair in demselben Saal vor 15 Jahren erzählt habe. Blair wird gezeigt. Er hatte im Parlament erklärt, Großbritannien müsse gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein in den Krieg ziehen, weil dieser Massenvernichtungswaffen besitze. Bis heute wurden diese nicht gefunden.
 Der Sprecher des russischen Fernsehkanals sagt dazu: "Seine Lügen (von Blair - Anm. d. Redaktion) haben damals nicht nur den Glauben an die Worte britischer Institutionen ruiniert, sondern auch zu einer Tragödie geführt, von der sich die Welt bis heute nicht erholen konnte." [….]

Immerhin, die britischen und amerikanischen Sanktionen erfüllen einen Zweck. Sie machen Wladimir Putin glücklich. Das ist exklusive Wahlkampfhilfe und passt exakt in seine Kampagne, um sich als starker Mann zu präsentieren, der sich gegen den doppelzüngigen Westen wehren müsse.

[….] Die US-Regierung hat nun Strafmaßnahmen gegen 19 Russen und fünf Organisationen in Russland verhängt, "für destabilisierende Aktivitäten" und "böswillige russische Cyberaktivitäten". [….] So logisch die Strafmaßnahmen nun als Konsequenz des Berichtes erscheinen, so schlecht ist der Zeitpunkt, an dem sie verkündet wurden: ausgerechnet vor der russischen Präsidentschaftswahl am Sonntag. Warum haben die USA nicht bis nach dem 18. März gewartet? Denn jetzt kann der Kreml immer behaupten: Seht her, das hat Washington nur verkündet, um Putin vor der Abstimmung zu schaden.
Die russische Führung kann innenpolitisch aus der US-Ankündigung Kapital schlagen. Nicht nur, dass die Briten russische Diplomaten ausweisen und international weitere Strafmaßnahmen im Fall des vergifteten russischen Ex-Spions Sergej Skripal fordern - jetzt stellen sich auch die USA gegen Moskau. Was braucht es mehr an Beweisen, dass sich die Welt gegen Russland verschworen hat? Im Staatsfernsehen hört man dieser Tage viel von "antirussischen Aktionen" und "Provokationen" gegen das Land.
Dagegen kann natürlich nur einer Widerstand leisten: Wladimir Wladimirowitsch Putin -der starke Präsident für ein starkes Russland, wie es auf den Wahlplakaten heißt. [….]

Auch wenn es ein schwerer Fall von „Whataboutism“ ist, sei die ketzerische Frage erlaubt:
Selbst wenn es stimmte, daß Russland oder gar Putin persönlich diesen Giftanschlag befohlen hätte; wieso sollten sie nicht auch das dürfen, was in Amerika jeden Tag geschieht – staatlich angeordnet Menschen ermorden?