Freitag, 1. Juli 2016

Impudenz des Monats Juni 2016



Und schon wieder einmal zeigt der Kalender eine „1“ - hohe Zeit für mich den Blödmann des Monats zu küren.

Diesmal ist es leicht sich zu entscheiden. Großdummbatz des Monats ist natürlich England.
Nicht nur daß es ohne sich vorher zu informieren und ohne Not eine Entscheidung trifft, die das Land ökonomisch in den Abgrund stürzt und mit einiger Wahrscheinlichkeit zur Lyse Großbritanniens führt, nein anschließend zeigt sich die Insel auch noch von der pestigsten Seite: Xenophob und feige.

Premier David Cameron erlebt jetzt in Brüssel wie es ist wenn man richtig gehasst wird.
Zehn Jahre ist er der gesamten EU mit seinen europafeindlichen Tiraden auf die Nerven gegangen und nun erwartet er Milde von denjenigen, die er in all der Zeit wie Dreck behandelt hat.
Hochmut kommt vor dem Fall.
Nun dürfte er als der Premier in die Geschichte eingehen, der seinem Land wirtschaftlich so geschadet hat wie kein anderer Regierungschef vor ihm. Zusammen mit Tory-Finanzminister Osborne ruinierte er die fünftgrößte Wirtschaft des Planeten.

Schwer vorstellbar, dass jemand der Wirtschaft noch mehr schaden könnte als der Premier.

Gut möglich, daß England sich auch Jahrzehnte nicht ökonomisch erholen wird.
Aber man soll mit Prognosen vorsichtig sein – insbesondere, wenn sie die Zukunft betreffen.
Aber schon nach einer Woche sieht es böse aus.

 […] Viele Fragen sind offen eine Woche nach dem Referendum, nur eines ist sicher: die Unsicherheit. Die aber ist Gift für eine Volkswirtschaft. Unternehmen investieren nur dann, wenn sie wissen, woran sie sind. In Großbritannien wissen sie es nicht. Gerade hat Siemens auf der Insel für Aufregung gesorgt. Solange die Brexit-Frage nicht geklärt ist, wird der Münchner Konzern nicht mehr in seine Windanlagen-Produktion in der 250 Kilometer nördlich von London liegenden Hafenstadt Hull investieren. […]
Zum Beispiel sind es zu erwartende Preissteigerungen als Folge der jüngsten Pfundabwertung. Ein Faktor, der den Lebensstandard der Briten einschränken wird, weil die britische Volkswirtschaft stark auf den Import von Industriegütern angewiesen sind. Das andere ist die Furcht vor Zöllen der EU, die britische Produkte auf dem Weg von der Insel auf den Kontinent verteuern würden. Damit verbinden sich das Bangen um Arbeitsplätze und eine zunehmende Zurückhaltung bei den Verbrauchern. Erste Anzeichen sind schon sichtbar. Nach dem Referendum sind auf der Insel die Aktien von Immobilienfirmen besonders stark gefallen, einige um mehr als 25 Prozent. Zum Teil wurde der Handel der Aktien von Immobilienfirmen an der Londoner Börse sogar ausgesetzt. Man erwartet, dass die Häuserpreise sinken.
[…] Vor allem die Japaner sind alarmiert. Die Konzerne Nissan, Toyota und Honda haben Großbritannien bisher als Brückenkopf für Exporte in die gesamte EU genutzt. Sollten nach einem Brexit plötzlich Zölle für Einfuhren auf den Kontinent wirken, sind die europäischen Geschäfte direkt berührt.
[…]  "Das Referendum hat schlechte Aussichten in fürchterliche verwandelt", erklärte Analyst Samuel Tombs. "Wir erwarten nun, dass ein Zusammenbruch der Unternehmensinvestitionen, ein Einstellungsstopp und deutlich höhere Inflation die britische Wirtschaft in die Rezession stürzen werden." […]

US-amerikanische Comedians wie Samantha Bee reiben sich ungläubig die Augen.
Seit George W. Bush waren die Amerikaner sicher den Weltrekord in politischer Dummheit zu halten.
Ein Titel, der durch immer neue Morialogie-Talente fest in amerikanischer Hand blieb: GWB, Sarah Palin, Joe Barton, Rick Santorum, Christine O'Donnell, Herman Cain, Michele Bachmann, Ted Cruz und schließlich Donald Trump.

Nun aber machen Boris Johnson, Nigel Farage und die Brexiteers den Amis diesen Titel streitig.
Die Suppe, die er seinem Land eingebrockt hat, will er nun nicht mehr auslöffeln.
Er kneift und überlässt es anderen mit dem Desaster fertig zu werden.
David Cameron, sein Jugendfreund aus dem ultra-elitären Bullingdon-Club, hatte ebenfalls schon in den Sack gehauen.
Keiner will mehr englischer Premier sein.

Nicht nur die Führung der regierenden konservativen Partei befindet sich in heller Aufruhr, nein, die oppositionelle Labour-Partei zerlegt sich gleich mit.

Den englischen Wählern dämmert es nun, nach der Brexit-Abstimmung, daß sie sich selbst in den Orkus der Geschichte manövriert haben und wollen daher noch einmal wählen.
Der „Exit vom Brexit“, das „Bregret“ ist durchaus möglich.
Schließlich sei man verarscht worden, monieren diejenigen, die sich verwählt haben.

Das Referendum war keine 24 Stunden vorbei, als das Brexit-Lager zentrale Positionen seiner Kampagne kassierte - etwa die auf Bussen durchs Land kutschierte Irreführung, es flössen wöchentlich 350 Millionen Pfund von Großbritannien nach Brüssel, oder das Versprechen, die Einwanderung aus anderen EU-Staaten massiv zu senken. Die Behauptung, ein Brexit würde der britischen Wirtschaft nicht schaden, wurde von der Realität entkräftet: Das Pfund fiel auf den niedrigsten Stand seit Jahrzehnten, Großunternehmen erwägen den Abbau Zehntausender Arbeitsplätze, und die EU denkt gar nicht daran, den Briten nach einem Austritt den Zugang zum Binnenmarkt zu schenken.

Die Engländer offenbarem diese Woche aber nicht nur ihre Doofheit, sondern zeigen sich auch von der ganz häßlichen Seite.


Nach dem Brexit-Votum Briten machen Jagd auf Polen
[…] Neid, Wut, Hass, Rassismus: Nach dem Brexit zeigt Großbritanniens Gesellschaft ihre hässlichste Fratze. Rechtsextreme, aber auch stinknormale Bürger hetzen gegen Ausländer und Menschen mit ausländischen Wurzeln, machen teils regelrecht Jagd auf sie – ganz speziell auf Polen.
Mehr als 750.000 Menschen kamen seit dem EU-Beitritt des Landes 2004 auf die Insel, um zu arbeiten, eine bescheidene Existenz aufzubauen. Jetzt sind sie Ziel ausländerfeindlicher Angriffe. So giftete Nigel Farage, Chef der rechtsextremen UKIP-Partei, im Brexit-Wahlkampf gegen Polen, andere Ausländer und Muslime. Seit dem Entscheid über das EU-Aus der Briten geht seine Saat und die Hetze anderer Ausländerfeinde auf. Hunderte teils schwere Übergriffe gegen Zuwanderer wurden bisher registriert.
[…] Die britische Polizei bestätigte, dass seit  Donnerstag die rassistischen Übergriffe um 57 Prozent zunahmen. […]


Die Xenophobie greift um sich.
Auf den Straßen kommt es zu Jagdszenen auf Ausländer.

[…]  In Großbritannien ist nach dem Brexit-Votum die Zahl der registrierten Hassverbrechen deutlich gestiegen. Wie die Zeitung The Times unter Berufung auf Polizeiangaben berichtet, hat sich der Wert mehr als verfünffacht.
Demnach sind seit dem Referendum vor einer Woche 331 Vorfälle gezählt worden. Zuletzt lag der wöchentliche Durchschnitt bei 63. Führende Religionsvertreter kritisierten den Anstieg und warnten vor Fremdenfeindlichkeit. […]

Donnerstag, 30. Juni 2016

Lügengrenzen?

Sascha Lobo hat mal wieder einen rausgehauen.
Es ging um den „Bullshit 9.0“, der eine ganz neue Form der Großlüge darstellt.

In Zeiten von Donald Trump und Boris Johnson ist ein neues Kommunikationsmuster auf dem Vormarsch: der Bullshit 9.0. Dass dieser so erfolgreich ist, liegt auch am Internet - und am Publikum.
[….] Ein 1986 erschienener Aufsatz wurde als Büchlein 2005 ein internationaler Bestseller: "On Bullshit" von Harry G. Frankfurt. Elf Jahre nach dem Zweiterscheinen bräuchte es eine erweiterte, komplett überarbeitete Neufassung. Denn die Welt wird geflutet von der neuen, vergiftenden Form des Bullshit - toxic bullshit, Bullshit 9.0.
Frankfurts Bullshit bezog sich auf eine "Indifferenz gegenüber der Realität", Kommunikation als Füllschaum ohne Bezug zur Wahrheit (was nicht unbedingt "Lüge" bedeutete). Der brandneue Bullshit 9.0 erklimmt die nächste Ebene. Der fehlende Bezug zur Wahrheit wird ergänzt durch die Abwesenheit jeder Konsistenz und, wenn notwendig, verquirlt mit Selbstrelativierung.

Lügner, die sich selbst ungeniert widersprechen und zudem auch noch so willkürlich lügen, daß ihr Gerede ohnehin unglaubwürdig und absurd klingt, können heute US-Präsident werden.


Es ist beeindruckend, daß ein Lügner wie Trump sich nicht wenigstens auf ein, zwei falsche Zahlen festlegt, sondern frei oszillierend jede beliebige Zahl raushaut.

Mit jemandem, der so etwas ernsthaft sagt, ist keine Diskussion möglich. Es fehlt das Fundament der Kommunikation: Konsistenz. Und dass A wirklich A heißt und nicht zugleich auch B oder auf Twitter Y oder doch Q und morgen rückwirkend Z. Das ist Absicht, denn Bullshit 9.0 ist Bullshit plus Täuschung plus Bigotterie. Bullshit 9.0 ist damit ein Instrument, um politische Verantwortung für die eigene Kommunikation zu minimieren: strategische Wirkhülsen von Kommunikation.
Die so kommunizierende Politik bekommt dabei tatkräftige Mithilfe eines Teils der redaktionellen Medien, der ohne jede Scham dieses Kommunikationsmuster übernimmt. Politische und mediale Lügen sind natürlich nicht neu, aber die offene, funktionale Dreistigkeit ist es - in Verbindung mit der digital-sozialen Öffentlichkeit. Denn die stört sich nicht daran, sondern belohnt das Verhalten noch. Das Traurigste, Empörendste an toxischem Bullshit 9.0 ist, dass er funktioniert. Bullshit 9.0 wirkt.
Damit ist jede Klage in Form der Beschwerde über "die da oben" unvollständig falsch. Denn das Publikum trägt mindestens die Hälfte der Verantwortung für den Aufstieg dieser politischen Kommunikationsform. Das Publikum glaubt das Getöse vielleicht nicht, aber bezieht es in den Diskurs mit ein, wenn es in den Kram passt.
Mehr noch: Die halbe soziale Medienwelt interessiert sich nicht für Konsistenz und sagt in einem einzigen Satz eine Behauptung und ihr Gegenteil: "Ich habe nichts gegen Ausländer, aber sie müssen raus." Die "Washington Post" schrieb von einer "post-fact world", einer nicht mehr tatsachenbasierten Weltsicht.

Was Trump kann, können die britischen Populisten Farage und Johnson auch.
Innerhalb von Stunden nach dem Referendum haben sie ihre drei zentralen Brexit-Argumente kassiert.
Was schert mich mein dummes Geschwätz von gestern?

[….] Noch deutlicher wird die Kehrtwende bei führenden Politikern der "Leave"-Kampagne. Im Wahlkampf verbreiteten sie Lügen über die EU und falsche Versprechen über eine glorreiche Zukunft nach dem Brexit. Nicht einmal eine Woche später haben sie wichtige Punkte ihrer Kampagne bereits kassiert. Die Slogans der Umfaller im Überblick.

Vor dem Referendum:
"Wir schicken 350 Millionen Pfund pro Woche nach Brüssel. Lasst uns das Geld lieber für unser Gesundheitssystem nutzen."
Jetzt:
"Diese Aussage war ein Fehler der 'Leave'-Kampagne." (Nigel Farage, Ukip-Parteichef)
[….][….]

Vor dem Referendum:
"Lasst uns wieder die Kontrolle über unsere Grenzen übernehmen"
Jetzt:
"Wir haben nie versprochen, dass wir die Einwanderung radikal reduzieren." (Daniel Hannan, Europaabgeordneter der Konservativen)
[….][….]

Die just mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandles wohlverdient ausgezeichnete Carolin Emcke schreibt allerdings, auch Trumps Megalügen hätten eine Grenze.
Es gäbe eine Sache, die selbst seine fanatischen Fans nicht verzeihten.
Und das sind Zweifel an seiner eigenen Großartigkeit.
Bisher hatte Trump nämlich nur einen Programmpunkt: Ihn selbst. Er sei der Klügste, Beste, Schönste und Reichste. Daher stehe er auch über der Realität, zumal er auch noch den größten Penis habe!
Hat er aber womöglich doch nicht so viel Geld wie er immer behauptet?
Das wäre doch ein Scheidungsgrund für viele seiner Anhänger, mutmaßt Emcke.

[….] Es ist diese Abwandlung des Gründungsmythos, an die der Präsidentschaftskandidat Donald Trump in seinem Wahlkampf bislang hemmungslos appelliert hat: Erfolg dem Erfolgreichen. Die wesentliche Qualifikation, die Trump an Trump zu preisen hatte, war seine ökonomische Potenz. Und das schien zu reichen. Seit Anfang dieser Woche hat das One-trick-Pony, das in der kapitalistischen Manege nur das Kunststück des eigenen Reichtums aufzuführen wusste, allerdings ein Problem: Der "Federal Election Commission Report" veröffentlichte die Zahlen der Wahlkampf-Etats der beiden Präsidentschaftskandidaten, und demnach verfügte die Kampagne des Multimilliardärs Trump Ende Mai nur noch über schlappe 1,3 Million Dollar (im Vergleich zu Hillary Clintons Etat, der stolze 42 Millionen Dollar aufwies). "Ich verstehe von Geld mehr als jeder andere", suchte Trump in seiner gewohnt bescheidenen Art die Fragen nach dem finanziellen Debakel abzuwehren. Aber der Bericht der Kommission lässt daran mächtig Zweifel aufkommen. Denn offensichtlich sammelt Donald Trump nicht nur bemerkenswert wenig Spendengelder (lediglich 3,1 Millionen Dollar im vergangenen Mai), vor allem aber gibt er mehr aus (nämlich 6,7 Millionen). 2,2 Millionen Dollar lieh die Privatperson Trump zudem dem Kandidaten Trump.
[….]  Dem Präsidentschaftskandidaten wurde bislang nahezu alles verziehen: sein grobschlächtiger Machismo, sein unverblümter Rassismus, sein ausgeprägter Stolz auf seine Unbildung, ja eigentlich auf alles, wofür andere sich schämen würden. Nur, dass der Finanzmogul Trump womöglich seinen Wahlkampf in die Pleite führt, das dürfte der ihm bislang gewogene Teil der amerikanischen Gesellschaft für absolut unverzeihlich halten.  Vermutlich noch unverzeihlicher dürfte es seine Wählerklientel finden, dass Trump nun auch noch zu jammern begann und die Republikanische Partei aufforderte, ihn zu unterstützen. Er könne nicht alles allein leisten, sondern brauche auch die Hilfe der Republikaner. Trump scheint vergessen zu haben, dass dies die Kehrseite der großen Erzählung des American Dream ist, die immer nur das Individuum als historische Figur erkennen und belohnen will: Wer scheitert, ist dafür immer allein verantwortlich. [….]

Derjenige, der immer prahlt so unfassbar reich zu sein, muß nun um Spenden betteln, wie gewöhnliche Kandidaten auch. Und das tut er auch noch mit besonders wenig Erfolg. Die üblichen GOP-Milliardäre halten ihre Portemonnaies zu.
Nun mußte der presumptive candidate sogar schon illegal im Ausland um Geld betteln.

America second?

[….] Neuer Ärger für Donald Trump: Der republikanische Präsidentschaftsanwärter wurde angeschwärzt, weil er Abgeordnete im Ausland um Geld anbettelte. Im US-Wahlkampf ist das verboten.
"Bitte steuern Sie etwas bei, damit mein Vater Präsident der Vereinigten Staaten werden kann": Diese Botschaft soll Donald Trump Jr., Sohn des voraussichtlichen Präsidentschaftskandidaten der US-Republikaner, an Parlamentarier in Großbritannien, Australien und Island versandt haben. Das Problem: Trump darf für seinen Wahlkampf in den USA gar keine Spenden von ausländischen Politikern einsammeln.
Zwei Bürgerrechtsgruppen haben die staatliche Wahlkommission auf die versandten E-Mails aufmerksam gemacht. Das Anschreiben, das von der offiziellen Kampagne Trumps verschickt wurde, machte nun die schottische Abgeordnete Natalie McGarry öffentlich. Sie lehnte die Aufforderung übrigens entrüstet ab.
Der Blog "Fresh Intelligence" des "New York Magazine" kommentierte den Zwischenfall: "Wenn wir Ihnen erklären müssen, warum es für Präsidentschaftskandidaten verboten ist, ausländische Politiker um Spenden für den Wahlkampf zu bitten, sind Sie wahrscheinlich Donald Trump."   Längst ist kein Geheimnis mehr, dass Trumps Kampagne in finanziellen Schwierigkeiten steckt. Dabei hatte er selbst immer wieder stolz darauf verwiesen, dass er seine Kandidatur mehr oder weniger selbst finanziere. Er machte das "Self-Funding" zu seinem Markenzeichen, auch um seine vermeintliche Unabhängigkeit von Lobbyinteressen zu unterstreichen. [….]

Mittwoch, 29. Juni 2016

Jugendversagen.



Die Erkenntnis habe ich zwar auch schon vor ein paar Jahren gewonnen, aber für mich als Geront ist es immer noch vergleichsweise neu und verblüffend, daß Teenager von heute gar keinen Fernseher mehr brauchen.
Die kennen auch gar keine Fernsehzeitschriften, die für die drei Generationen vorher mit größter Selbstverständlichkeit in jedem Haushalt lagen.
Daß man Serien oder Filme nur nach festgesetzten Anfangszeiten nur im heimischen Wohnzimmer ansehen kann, empfinden die im 21. Jahrhundert Geborenen als absurd. Genauso absurd wie die Notwendigkeit jeden Tag zu Zeitungskiosk zu gehen, um sich eine auf Papier gedruckte Zeitung zu kaufen, oder gar ein sündhaft teures Print-Abonnement anzuschaffen.
Sie kaufen auch keine CDs mehr, geschweige denn Langspielplatten.
Man bekommt ja alles quasi kostenlos im Internet downgeloaded/gestreamt.
Diese Umsonst-Mentalität ist vielen Jugendlichen so in Fleisch und Blut übergegangen, daß ihnen die Frage womit ein Musiker eigentlich seinen Lebensunterhalt bestreiten soll, gar nicht in den Sinn kommt.
Dabei sind doch die Konsequenzen offensichtlich: Wenn man mit Musik nichts mehr verdient, wenn sich musikalische Qualität nicht mehr bezahlt macht, muß man eben Spektakel veranstalten, aberwitzige Bühnenshows veranstalten, damit auch ein Popleichtgewicht wie Justin Bieber 300 Euro für ein Konzertticket verlangen kann.
Merchandising ist der Ausweg.

Ist es schon so weit, daß ich mich altersbedingt in Kulturpessimismus ergehen muß, weil die Generationen nach mir ihr Geld für Voting-Anrufe bei RTL ausgeben, um gecastete Retorten-Sternchen zu unterstützen, statt ein Gefühl für richtig gute Musiker zu entwickeln?

Jein. Die schöne neue Internet-Medienwelt hat auch Vorteile.
Die Interessen werden internationaler, man kommuniziert mehr und das Internet nivelliert.
Während über Generationen nur die Reichen und Schönen der Highschool beliebt waren und die Kinder ohne Markenklamotten eine demütigend Schulzeit erlebten, kann jetzt jeder mit seinem Twitter-Account, Instagram-Profil oder Youtube-Channel selbst bekannt und bedeutend werden. Die Außenseiter, die Dicken, die Schwulen und die Merkwürdigen müssen nicht mehr einsam leiden, weil sie an ihrer Schule keine Gleichgesinnten finden.
Aus der Socialmedia-Trickkiste lassen sich für jeden noch so bizarr aussehenden Topf die passenden Deckel fischen.
Die einzige Lesbe an der Dorfschule? Kein Problem; mit einem Klugtelefon findet man beliebig viele Mädchen in der gleichen Situation.

Hunderte „Youtuber“ sind inzwischen so Klick-stark, daß die davon leben können, von der Werbeindustrie hofiert werden.
Da sie naturgemäß vernetzt sind, ticken sie viel liberaler und vorurteilsfreier als die Jugendgenerationen vor ihnen.
Ich bin überzeugt davon, daß der enorme gesellschaftliche Umschwung Amerikas in der LGBTI-Akzeptanz mit den vielen homofreundlichen Youtube-Helden zu tun hat, die ganz selbstverständlich täglich zig Millionen von Followern begegnen.

Nach meinem Kenntnisstand (als Geront mag ich mich da irren) sind unter den international erfolgreichsten „Youtubern“ überproportional viele Briten.
Diese haben den Vorteil der englischen Muttersprache. Im Gegensatz zu Amerikanern denken sie als Europäer aber a priori internationaler, sind reisefreudiger und kulturell offener, so daß sie sich weltweit Anhänger einsammeln können.

Die Zahlen ihrer Kanal-Abonnenten sind so gewaltig, daß jeder Fernsehmacher, der auf Einschaltquoten achten muß, vor Neid erblasst.

Die nette kleine „Zoella“ aus Brighton, bürgerlich Zoe Sugg, *1990, hat fast elf Millionen Abonnenten, die ihren Schmink- und Modetipps lauschen.
Ihr kleiner Bruder Joe, 24, bringt es als ThatcherJoe auf sieben Millionen Follower.
Das sind jeweils nur ihre Haupt-Youtube-Kanäle. Daneben betreiben sie noch Vloging-, Gaming-, Prank- und sonstige Kanäle, die es auch jeweils auf siebenstelligen Abo-Zahlen bringen.
Joe Suggs Mitbewohner Caspar Lee bringt es auf 6,4 Millionen Follower und Zoellas Boyfriend, Alfie Deyes, 22, kann auf stolze 5,2 Millionen Anhänger verweisen.
Alfies beste Kumpel sind natürlich auch alles britische Youtuber:
Marcus Butler mit 4,5 Millionen Followern, Jim Chapman (2,6 Mio), Oli White (2,4 Mio) und Joe Weller (3,5 Mio).
Jim Chapmans Frau ist Tanya Burr, der 3,5 Millionen Fans folgen.
Wayne Goss begeistert 3,5 Millionen Anhänger mit Make-Up-Tutorials; der 23-Jährige Conor Maynard, ebenfalls aus Brighton singt gern auf Youtube; vor 2,3 Millionen Fans.
Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Ihre Marktmacht ist gewaltig; ich habe jeweils nur die Abonnentenzahl ihres wichtigsten Kanals genannt.
All diesen jungen Twens aus Südengland ist gemeinsam, daß sie viel reisen und viele andere Youtuber kennen. Gerne machen sie ihre Späße in Kooperationen – crosspromotion. Es bleibt immer harmlos, oberflächlich, lustig.
Zoe, Alfi, Marcus, Joe und Caspar und wie sie alle heißen haben aber weitere Gemeinsamkeiten. Sie sind alle nett, gutaussehend, ecken nicht an, haben makellose Haut, immer gute Laune, Model-Figuren.
Sie sind allesamt Traumschwiegersöhne und Traumschwiegertöchter.
Kreativ, schön und fröhlich.
Genauso wünschen sich wohl die meisten zu sein.
Insbesondere bei ihren amerikanischen Youtuber-Kollegen, die man natürlich auch ständig besucht, um ihre Abonnenten hinzu zu gewinnen, gab es in den letzten Jahren eine große Outing-Welle.
Shane Dawson, 7,2 Millionen Follower, Joey Graceffa mit 6,3 Mio Anhängern, Ingrid Nilsen mit 4 Millionen, Connor Franta mit seinen 5,6 Millionen Freunden und natürlich der ewig kichernde Spaßvogel Tyler Oakley mit sagenhaften 8,1 Millionen Fans sind alle schwul, bzw lesbisch oder bi.

Die Jugendlichen von heute konnten diese Outings alle tränenreich miterleben und insbesondere lernen, daß die anderen Youtuber (natürlich auch alle Britischen) die schwulen und lesbischen Kollegen nun sogar noch mehr mochten, gar nicht mehr aufhören konnten sie zu herzen und küssen.

Das prägt womöglich eine Generation. LGBTI ist normal geworden und tatsächlich ist es ja auch normal LGBTI zu sein.
Dank der Youtuber gibt es eine massive gesellschaftliche Veränderung in diesen Fragen.
Rassismus, Misogynie und Homophobie haben da keine Chance mehr.

Warum sind dann aber die britischen Jugendlichen so doof und lassen den Brexit geschehen?

Die Jugend-Ikone Lili Allen fasste es am Abend des 23.06.2016 mit ihrem inzwischen weltberühmten Tweet zusammen:

„Well millennials. We're really really fucked.“

Statt sich a posteriori selbst zu beweinen hätte es allerdings eine Alternative gegeben:
Wählen gehen!
Bei den 18- bis 24-Jährigen lag die Wahlbeteiligung bei knapp über einem Drittel, während die über 65-Jährigen mit 83%-Beteiligung abstimmten.
Die Jungen haben die Zukunft verpennt, weil sie zu phlegmatisch waren, um sich zu den Wahlurnen zu schleppen.

Es wurde also wieder einmal eine Entscheidung wider das Volk getroffen, weil das Volk selbst zu doof war.

Ich habe mir die Mühe gemacht die Themen aller Videos der genannten britischen Youtuber der letzten zwei Monate anzusehen:
Kein einziger erwähnte das Brexit-Referendum.
Weit schlimmer: Es gab überhaupt keine politischen Informationen, keinerlei Problembewußtsein.
Kriege, Terroranschläge, Umweltzerstörung, Flüchtlingsströme, TTIP, Ceta, Erdogan oder Syrien kommen in der schönen hygienischen Pastellwelt der Youtuber grundsätzlich nicht vor.
Es gibt bei ihnen keine wirtschaftliche Ungerechtigkeit, keine Krankheit, keine Diskriminierung. Keine Parteien, keinen Rechtsradikalismus, keine EU, keinen IS.
Es geht allen gut, alle sehen blendend aus.
Sie sind makellos.