Donnerstag, 8. Januar 2015

Nachtrag Charlie Hebdo.




Es kam, wie es kommen mußte.
Wenn ein religiös motiviertes Verbrechen die Weltöffentlichkeit in Atem hält, stecken die Doofen und Vernagelten aller Couleur ihre Köpfe hervor und versuchen Kapital aus der Situation zu ziehen.

Am Schnellsten war die braune CDU-Pestbeule Erika Steinbach, die einen Smiley-Tweet absetzte und es unmittelbar nach der Tat angebracht fand Witze zu reißen.
So eine sitzt im Fraktionsvorstand der mit riesigem Abstand beliebtesten Partei im Bundestag; jener Partei, mit der die Wähler so zufrieden wie nie zuvor sind.

Die ganz braune Pest à la Elsässer und Gauland war ebenfalls auf Zack und nutzte die Toten als Werbematerial für ihre Pegida aus.

Die Abscheulichkeit der Vertreter des rechten Randes überrascht kaum und ist daher immerhin erträglicher, als die Heuchler, die sich nun als Hüter des Friedens und der Meinungsfreiheit inszenieren.

HuffPo entblödete sich noch nicht mal den ultrakonservativen katholischen Fundamentalisten Sean Hannity (FOX) für seine Pöbeleien gegen einen Iman zu feiern. Ausgerechnet FOX, der Sender, der 24h/day Hass und Rassismus verbreitet, wird nun indirekt als Kämpfer für den links-atheistischen Charlie Hebdo gelobt. Geht es noch?

Ein Lichtblick ist, wie immer, taz-Kommentator Yücel.

Die Leichen in Paris waren noch nicht kalt, als die Ersten in Deutschland versuchten, sie für ihre Zwecke zu vereinnahmen: Pegida, Alexander Gauland von der AfD, einschlägige Webseiten, am Ende sogar die NPD, die auf ihrer Facebookseite erklärte, nun ebenfalls Charlie zu sein. Diesen Leuten sind ein paar linksliberale Karikaturisten scheißegal, sie freuen sich nur wie Bolle, ihre Ressentiments bestätigt zu sehen.
Darum, Spackos, hört zu: Wagt es nicht, die Toten von Paris zu instrumentalisieren. Denn für euch hätten die Satiriker von Charlie Hebdo zur „Lügenpresse“ gehört. Ihr könntet ahnen, was die für euresgleichen übriggehabt hätten. Was sie für euresgleichen in Frankreich übrighatten. Was die Titanic, der Postillon oder die „heute-show“ für euch übrighaben: nüscht. Absolut nüscht. Außer Kritik, Spott und Verachtung.
Ihr habt kein Recht, euch der ermordeten Satiriker zu bemächtigen.
[…]   Kein Aber
Damit wären wir bei der anderen Seite: Ich wünsche jedem islamischen Vorbeter und seinem Nachbeter, der der Verurteilung des Mordes ein „Aber“ hinterherschiebt, lebenslang Dresden an den Hals.
Dieses „Aber“ war am Mittwoch nicht in offiziellen Stellungnahmen in Deutschland zu hören, dafür umso mehr in sozialen Netzwerken. Und es sind weniger irgendwelche Salafisten, nicht mal allein Muslime, die sagen: Ja, schlimm. Aber die haben ja provoziert. Aber man müsse die religiösen Werte und Gefühle respektieren. Aber die Islamophobie. So formulierte es beispielsweise der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu. Es ist exakt dasselbe verlogene und beschissene „Aber“, wie man es von den Klemmrassisten von der AfD und Pegida kennt: „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber ...“  […]

Ich lobe ausdrücklich die Zeitungen wie beispielsweise die Hamburger Morgenpost, die nun die Charlie-Hebdo-Karikaturen nachdrucken und sich damit a posteriori auf die Seite der Meinungsfreiheit stellen.


Schöner wäre es natürlich gewesen, wenn sie früher entsprechend mutig gewesen wären, dem Jyllands-Posten beigestanden hätten, als er von radikalen Irren wegen der Mohammed-Karikaturen angegriffen wurde.
Wenn sich all die jetzt mutigen Zeitungen jedes Mal genauso ins Zeug gelegt hätten, wenn eine Satire-Postille von Kirchenvertretern angegriffen und verklagt wurde.

Wieso sind es wieder einmal nur der einsame hpd zusammen mit einigen atheistischen Gruppen, die eine Abschaffung des Einfallstors für religiöse Gewalt, den Gotteslästerungsparagraphen fordern?
Mit dem §166 StGB wird die Schwere einer Tat in Abhängigkeit von dem Erregungspotential eines Religioten bestimmt.
Jemand kann für eine Meinungsäußerung bis zu drei Jahre in Haft kommen, wenn sich nur ein Inselverdummter findet, der sich genügend dadurch beleidigt fühlt.
Es ist ein Willkür-Paragraph, der jeder Objektivität abschwört.
Der Mist gehört SOFORT abgeschafft, wenn wir es tatsächlich ernst nehmen mit unseren westlichen Werten.

Es sind aber gerade auch Christen, die in unserer Gesellschaft wider die Meinungsfreiheit kämpfen und die gestern Ermordeten nun noch besprucken.

Nach Meinung der US-amerikanischen Lobbyorganisation «Catholic League» ist der Chefredakteur der französischen Satirezeitschrift «Charlie Hebdo», Stephane Charbonnier, nicht schuldlos an seiner Ermordung. «Wäre er nicht so narzisstisch gewesen, könnte er noch leben», erklärte der Vorsitzende der rechtskonservativen «Catholic League», Bill Donohue, am Mittwoch (Ortszeit) in New York. Das Magazin habe eine «lange und abstoßende Tradition», insbesonders religiöse Figuren zu verspotten. «Wir sollten aufhören, diese Art von Intoleranz zu tolerieren, die diese gewalttätige Reaktion hervorgerufen hat», so Donohue. […]

Nun ja, die katholische Kirche hat gerade im 21. Jahrhundert eine beachtliche Fähigkeit erlernt Täter in Opfer und Opfer in Täter umzudichten.
Das ist bei weltweit hunderttausenden Kinderfick-Fällen geradezu ihr Alleinstellungsmerkmal geworden. Die Täter vor der Justiz schützen, die Missbrauchten Kinder diffamieren und/oder anderen die Schuld geben - emanzipierte Frauen, den Schwulen, der liberalen Presse – je nach dem was gerade passt.
Nach diesem Drehbuch gehen auch die Islamhasser vor.
Sie haben eine im Kern ähnliche Ideologie wie die drei Charlie Hebdo-Killer: Hass auf andere.
Und nun nutzen sie den Hass der mörderischen selbsternannten Rächer, um ihren eigenen Hass zu etablieren.

Für was, für wen haben die ermordeten Journalisten von Charlie Hebdo gelebt? Für die Freiheit, öffentlich nach Belieben ja und nein zu sagen, für den Kampf gegen rechte und linke Ressentiments, für das Recht auf Verspottung religiöser und politischer Autoritäten. […]
Und für wen, für was sind die Karikaturisten gestorben? Für die NPD, für „Pegida“, für Alexander Gauland von der AfD, die sich der Mordopfer sogleich bemächtigten, als die Leichen noch warm waren, und sie als Zeugen aufriefen gegen die vermeintliche Islamisierung Europas, als Helfershelfer ihrer menschenfeindlichen Ressentiments in Dienst nahmen und zu Komplizen ihres Hasses erklärten.
Gauland, der „Pegida“ als „natürliche Verbündete“ seiner AfD betrachtet, betrieb öffentliche Leichenschändung, als er wenige Stunden nach den Morden beteuerte: „All diejenigen, die bisher die Sorgen der Menschen vor einer drohenden Gefahr durch Islamismus ignoriert oder verlacht haben, werden durch diese Bluttat Lügen gestraft.“ – so wie natürlich auch die Morde des islamophoben Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) die Sorgen der Menschen vor einer drohenden Gefahr durch die Islamophobie auf blutige Weise bestätigt haben. […]

Ich habe heute sehr sehr viel Zeitungen gelesen und immer wieder vorgehalten bekommen, wie groß die Ressentiments der Deutschen gegen „den Islam insgesamt“ sind - was auch immer das sein mag.

Es liest sich tatsächlich in weiten Strecken wie eine Werbekampagne für die Peginesen.

Stimmt es nicht irgendwie doch, daß die Muslime die Agenda bestimmen, daß sie die Melodie spielen, zu der der Westen tanzen muß?
Haben die Muslime in Deutschland folglich nicht irgendwie selbst schuld, wenn sie niemand leiden kann; wenn man sie am liebsten aus dem Land verweisen würde?

Solche Gedanken schwingen jetzt genauso durch die Mainstreampresse, wie durch das Internet.

In dieser verrückten Zeit lese ich dazu die sinnvollste Relativierung ausgerechnet in Springers „WELT“.
Der konservative Atheist, rückt die Furchtidee von der islamischen Weltherrschaft auf das richtige Maß zurück.

[….] Eineinhalbtausend Millionen Muslime gibt es auf der Welt. Ein winziger Bruchteil davon sind Fundamentalisten, und davon ein Winziger Teil Terroristen. In Deutschland leben vielleicht viereinhalb Millionen Muslime, die überwältigende Mehrheit von ihnen gemäßigte türkische und kurdische Sunniten. Aber nach jedem Terroranschlag verlangen die Islamfeinde von „den Muslimen“ eine Distanzierung, als stünden alle Muslime unter Generalverdacht.
Noch vor sechzig, siebzig Jahren gab es so gut wie keine unabhängigen islamischen Staaten, lebten fast alle Muslime in Kolonien, die von christlichen Ländern seit Jahrzehnten, wenn nicht jahrhunderten beherrscht worden waren. Zu Recht hätte man von der „Europäisierung“ oder „Verwestlichung“ der muslimischen Welt reden können. Da muss es einem Moslem schon merkwürdig vorkommen, wenn nun ausgerechnet Europäer die „Islamisierung“ ihres Kontinents an die Wand malen – nachdem sie selbst die Muslime als billige Arbeiter ins Land geholt haben.
Noch in den letzten 20 Jahren haben die Russen in Afghanistan und Tschetschenien, die Serben in Bosnien und im Kosovo genozidale Operationen gegen Muslime durchgeführt; die Chinesen unterdrücken seit Jahrzehnten die muslimischen Uiguren; in Indien wird der Hindu-Nationalismus von Muslimen als Bedrohung empfunden. Von den westlichen Operationen im Irak und in Libyen und vom israelisch-palästinensischen Konflikt will ich erst gar nicht anfangen. Wie muss es einem hier lebenden Moslem vorkommen, wenn nun Menschen grölend durch Dresden ziehen, „Wir sind das Volk“ rufen – und Politik und Medien, teilweise jedenfalls, statt von den Ängsten der muslimischen Bürger zu reden, die Ängste der Rassisten ernster zu nehmen versprechen? [….]

Mittwoch, 7. Januar 2015

Jetzt kochen die Süppchen.




Die Nachrichten aus Paris haben uns entsetzt: Wir trauern um Stéphane Charbonnier, den mutigen Herausgeber der
französischen Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" und seine Mitarbeiter.
Charbonnier war ein wichtiger Mitstreiter für Presse-, Kunst-
und Meinungsfreiheit. Sein Tod hinterlässt eine Lücke, die kaum zu
schließen ist.
(Michael Schmidt-Salomon 07.01.15)


Was heute in der Redaktion des Satiremagazins "Charlie Hebdo" passierte, setze ich als bekannt voraus.
Ich erspare mir auch als milliardster Menschen im Internet auszubreiten, wie „betroffen“ ich bin und wie scheiße ich die Täter finde.

Ich möchte eher darauf hinweisen wie ähnlich sich die abrahamitischen Religionen sind. Sie sind nur in Ausnahmesituationen tolerant; nämlich dann, wenn sie durch heftige Gegenwehr der Säkularen ihre weltliche Macht verloren haben.
So lange sie aber „in charge“ sind – und das Christentum hatte seine Chance, man nannte es „dark ages“ – sind Religionen für diejenigen, die unter ihnen leben und leiden müssen, pure Folter.

Nebenbei bemerkt; bevor die Han-Chinesen den Dalai Lama aus Tibet verjagten, gab es dort eine absolutistische Mönchsherrschaft mit Zwangsreligion und unfassbar drastischen Körperstrafen. Wer sich auch nur ein bißchen den Buddhisten widersetze, wurde ausgepeitscht und meistens amputiert. Die Lamas ließen zu gerne den leibeigenen Bauern Nasen, Ohren oder Hände abhacken.
Karma.
Und auch der Hinduismus beeindruckt durch Mitleidlosigkeit. Wem es schlecht geht, der ist offenbar selbst schuld, weil er im vorherigen Leben sündigte und bekommt noch einen Tritt in den Hintern. Wertlose Frauen und Kinder kann man ersäufen oder mitverbrennen, wenn Papa stirbt und wie sich das indische Kastensystem mit den Menschenrechten vereinbaren ließe, weiß ich auch nicht.
Aber das ist weit weg; kommen wir zurück zu den Abrahamiten bei uns in Europa.

Muslime, Juden und Christen sind meines Erachtens allesamt schizophren.
Sie betonen bei jeder Gelegenheit wie groß, liebend, allwissend und allmächtig ihr jeweiliger Gott ist, aber gleichzeitig benehmen sie sich ihm gegenüber wie eine Nanny. Sie pampern ihren Gott, als wäre er weniger allmächtig, sondern in Wahrheit hilflos und verletzlich.
Er ist so klein, daß er auf niederste menschliche Instinkthandlungen konditioniert ist. Man gibt ihm kleine Geschenke. Mal ein Kerzchen, oder einen hübschen goldenen Hut. Er läßt sich sehr billig kaufen.
Und ständig muß man ihn streicheln, weil er potentiell an Hospitalismus leidet und immer wieder an das erinnert werden muß, was er doch ohnehin weiß.
Gotteslästerung war auch immer strafbar, als ob der Allmächtige einen Schutz gegen Beleidigungen bräuchte, als ob er zu schwach wäre ohne die Hilfe der weltlichen Justiz zu bestehen.
Noch heute haben wir den Gummi-Blasphemie-Paragraphen im Strafgesetzbuch, der nach Ansicht katholischer Bischöfe und CSU-Politiker sogar verschärft werden sollte.

§ 166 Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen
(1) Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Ebenso wird bestraft, wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) eine im Inland bestehende Kirche oder andere Religionsgesellschaft oder Weltanschauungsvereinigung, ihre Einrichtungen oder Gebräuche in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören.

Daß heute in Deutschland oder Italien Gotteslästerer nicht mehr gefoltert und getötet werden, liegt nicht etwa an der Selbsterkenntnis der organisierten Religioten, sondern an dem 200 Jahre währenden Kampf der Ketzer (vulgo „Aufklärer“) gegen die Religion.

Der unfehlbare und „intellektuelle“ Papst höchstpersönlich bestätigte noch im Sommer 2012 was für ein hilfloses kleines Würstchen sein Gott ist, indem er ihn zu schützen versuchte und die Titanic-Redaktion verklagte.

Die römisch-katholische Kirche Frankreichs verklagte das Satiremagazin "Charlie Hebdo" sogar volle 12 Mal – und scheiterte jedes Mal.

Religioten sind so unfassbar unsouverän. Sie benehmen sich wie Sandkastenkinder, denen gerade auf den Sandkuchen gespuckt wurde, wenn jemand ihren Gott in Frage stellt.
Ganz offensichtlich glauben sie tief im Inneren also selbst nicht daran, daß ihr „Herr“ groß und allmächtig ist, sonst würde er kaum so oft beleidigt im Schmollwinkel hocken und verlangen, daß seine von ihm geschöpften Anhänger den von ihm geschöpften Nicht-Anhängern in den Hintern treten.

Da ist jemand älter als der Urknall, hat das ganze Universum und hunderte Milliarden Menschen geschöpft und dann weint er rum, weil drei Franzosen ein paar Zeichnungen machen?
Was denken sich wohl diese selbsternannten Rächer, wenn sie einen Anschlag auf Gotteslästerer planen?
Gottili ist über eine der Milliarden Ameisen auf einem der Milliarden Planeten so empört, daß er Verstopfungen bekommt, wenn nicht eine andere Ameise die ihn beleidigende Ameise umhaut?
Gottili kann sich natürlich auch nicht selbst wehren und schon gar nicht kann er vergeben, wenn jemand ihm nicht angemessen huldigt. Gott regt sich scheinbar leicht auf. Der Herr ist leicht entzündlich.
Und insbesondere Allah scheint der Choleriker unter den Göttern zu sein.

Für mich ist es immer noch nicht nachvollziehbar wie auch nur ein einziger Mensch auf der Erde an so einen albernen Gott glauben kann.
Aber ich nehme natürlich zur Kenntnis, daß es so ist.
Milliarden Menschen fühlen sich entweder wohl in einem religiösen Gestrüpp, oder aber sie sind nicht in der Lage sich daraus zu winden.
Ein Gestrüpp, das sie in himmlische Sphären erhöhen, dem sie alles zubilligen und alles zutrauen – aber ohne tatsächlich Zutrauen zu haben.
Wer einen Herzinfarkt, Bauchschuss oder Blinddarmdurchbruch hat, läßt sich in der Regel ins Krankenhaus mit rein säkular ausgebildeten Ärzten fahren und geht nicht etwa in die nächste Kirche.
Und wenn er mal in die Kirche/Moschee/Synagoge geht, dann vertraut er nicht einmal dem Herrn über alle Himmelkräfte sein eigenes Gotteshaus vor Blitzschlag bewahren zu können und stellt einen Blitzableiter auf den Kirchturm.
Der Gott, an den die Masse wirklich glaubt, ist in Wahrheit enteiert; ein kastrierter längst nicht mehr Allmächtiger, den man wie einen senilen Opa nur noch um das bittet was er gerade noch leisten kann.
Die schwierigen Operationen, das Nachwachsen amputierter menschlicher Gliedmaßen beispielsweise, bekommt der schöpferisch Impotente schon lange nicht mehr hin.
Daher beten seine Epigonen lieber für das Machbare.
„Herrgott, lass mich bitte meinen Autoschlüssel finden!“
Darum bittet man. Nicht so sehr um die augenblickliche Wiederauferstehung der verstorbenen Urgroßmutter oder die „Heilung“ eines zweifach Armamputierten.
Denn das ahnen auch Gottes glühendste Anhänger; seine Wege mögen unergründlich sein, aber sowas bekommt der alte Mann nicht mehr hin!

Das Widerliche an Anschlägen wie dem heutigen in Paris ist, daß sie „funktionieren.“

Als der ultra-orthodoxe Jude von radikalen Rabbinern getriebene Jigal Amir am 4. November 1995 in Tel Aviv den israelischen Premierminister Jitzchak Rabin tötete, erreichte er genau das was er wollte: Schluß mit dem Aussöhnungsprozess zwischen den Religionen. Zurück zur totalen Konfrontation.

Genau genommen, weiß ich noch nicht, was die drei Männer aus Gennevilliers, 18, 32 und 34 Jahre alt umtrieb, als sie heute 12 Menschen töteten.
Aber wenn sie ihre Religion in die Schlagzeilen bringen wollten, ist das gelungen. Sie sind nun weltweit berühmt-berüchtigt und jeder nimmt sie ganz furchtbar ernst.

Satire, Zynismus und Realität verschmelzen heute zu einer Einheit.
Die Meldung des Postillon zum Thema ist genauso seriös, wie eine des SPIEGELs.

Islamisten und Islamhasser auf der ganzen Welt fühlen sich derzeit angesichts eines furchtbaren Anschlags auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo mit mindestens 12 Toten einmal mehr in ihrem Weltbild bestätigt. Während Islamisten vor allem stolz darauf sind, erneut Angst und Schrecken verbreitet zu haben, genießen Islamhasser den perfekten Moment, um in den sozialen Netzwerken gegen Minderheiten und Zuwanderung zu hetzen. Beide Seiten dürfen sich auf regen Zulauf freuen.
"Allah ist groß!", ruft ein IS-Sympathisant (24) aus Bochum, der die Nachricht gerade im Internet gelesen hat und es nicht verstörend findet, dass die Attentäter seinem Gott bei Karikaturen das rachsüchtige Gemüt eines jähzornigen Dreijährigen unterstellen. "Diese Tat wird noch viele weitere Märtyrer ermutigen und den Ungläubigen zeigen, was wir von ihren westlichen Werten halten."
Ähnlich zufrieden sind Islamhasser und Rechtspopulisten: "Da sehen diese Gutmenschen endlich, dass der Islam Europa überrollt!", erklärt etwa ein leidenschaftlicher PEGIDA-Demonstrant (33) aus Dresden. "Und dann werde ich auch noch als Nazi beschimpft! Am Montag werden wir jetzt bestimmt noch mehr sein." […]

Die Ekelhaftesten der rechten Pegida-AfD-CSU-Szene setzen sehr große Suppentöpfe auf.

Der stellvertretende Bundesvorsitzende der Alternative für Deutschland (AfD), Alexander Gauland, interpretiert den Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo als Rechtfertigung für die Anti-Islam-Bewegung Pegida: "All diejenigen, die bisher die Sorgen der Menschen vor einer drohenden Gefahr durch Islamismus ignoriert oder verlacht haben, werden durch diese Bluttat Lügen gestraft", sagte Gauland.

Abgrundtiefer Dreck
Elsässer, den ich zur Zeit nicht das nennen darf, was er ist, einen … , sagte heute zu dem Anschlag gegen Charlie Hebdo in Paris:
"Wer jetzt noch gegen PEGIDA demonstriert, spuckt auf die Gräber der Toten in Paris."
Schneller sind tote Menschen vielleicht noch nie missbraucht worden.
Zehntausende zeigen Solidarität.
(Jutta Ditfurth auf Facebook 07.01.15)

Das rechteste Pack kann sich freuen über die kostenlose Werbung aus Paris.
Vermutlich werden nächsten Montag im Muslimfreien Dresden noch mehr Peginesen gegen die Opfer der radikalen Islamisten, also diejenigen, die vor dem IS aus Syrien und dem Irak fliehen, protestieren.

Aiman A. Mazyek, der Ober-Muslim-Funktionär in Deutschland, beklagt wie nicht anders zu erwarten, das falsche Licht, in das der „friedliche Islam“ gerückt werde und hat noch nicht mal völlig Unrecht.

Tatsächlich ist der Islam das Stiefkind der weltweiten PR.
Als Baruch Goldstein 29 muslimische Palästinenser tötete und 150 verletzte, sagte niemand, das läge am Judentum.
Als Timothy McVeigh in Oklahoma City rumbombte und 168 Menschen starben, sagte keiner, das Christentum sei schuld.

Für Islamisten werden hingegen gerne alle Muslime in Haftung genommen und das gnadenlos.

In Deutschland hat man wieder einmal mehr Mitgefühl für die Täterseite und sorgt sich um das Wohl der Pegida-Demonstranten.
Was diese Unterstützung für profi-xenophobe Minderintelligente bei denen ausrichtet, gegen die sie ihren diffusen Hass richten, kümmert niemand in der Politik. Jedenfalls nicht die Politiker der Parteien mit dem christlichen „C“ im Namen.

Pegida?
Und wo bleibt unsere Angst?
Immer mehr Politiker zeigen Verständnis für die “Pegida”-Demonstranten und mahnen, diese ernst zu nehmen. Ich habe auch Ängste. Große Ängste. Ängste vor diesen Nazis und den sogenannten „Nicht-Nazis“ und dieser Bewegung. Wer macht sich Gedanken darüber, möchte Ok-Hee Jeong wissen. […]

Es ist so wahr.
Während die NPD-Hooligan-affinen Peginesen vom Abendland fabulieren, werden in Wahrheit alle Minderheiten attackiert.
Übergriffe auf Schwule, auf Jüdische Einrichtungen, auf Asylunterkünfte, auf alles was „rassisch“ nicht phänotypisch deutsch ist, häufen sich.
Die Minderheiten haben tatsächlich jeden Grund Angst zu haben, aber das nimmt niemand ernst.
 Nein, man bemuttert lieber diejenigen, die Angst einflößen.

Übrigens sind nicht alle Politiker überall so widerlich.
Wir haben Heiko Maas, auf den ich wahrlich stolz bin dieser Tage und der gegenwärtige NATO-Generalsekretär machte es vor nach dem Anschlag des Anders Brejvik.

"Unsere Antwort auf Gewalt ist noch mehr Demokratie, noch mehr Menschlichkeit, aber nicht noch mehr Naivität. Das sind wir den Opfern schuldig."
(Jens Stoltenberg)

Ich wünschte, daß morgen alle Zeitungen der Welt mit "Charlie Hebdo"-Karikaturen über Mohammed und den Papst titelten.

"Je suis Charlie“

Dienstag, 6. Januar 2015

Japanese Whispers

Exzentrik ist nicht wohlgelitten in Deutschland.

(….)
Ich nehme an, daß es nun mal die deutsche Spießer-Seele so verlangt, daß man Asylantenheime, Frauenhäuser, Obdachlose, Behinderte, Kindergärten, Homo-Altenheime, Fixerstuben, Gefängnisse, geschlossene Heime, Psychiatrien zwar nicht generell ablehnt, sie aber keineswegs nebenan haben will.

Ich nehme an, daß im deutschen Wesen eine große Sehnsucht nach Geborgenheit in der Uniformität liegt. Reihenhaussiedlungen, Vorschriftenkataloge für die Bepflanzung von Schrebergärten, Trachtenvereine, Massengottesdienste, Schützenumzüge, Fankleidung, 4,5 Millionen VW-Golfs auf deutschen Straßen - all das sind die Symptome der Uniformitätsvorliebe. Man will so sein wie die anderen und es soll sich niemand abheben.

Ich nehme an, daß es geschichtlich begründete Komplexe gibt sich öffentlich zu seiner Extraordinärität zu bekennen.

Ich nehme an, daß die Individuen in den deutschen Vorstädten durchaus ihren geheimen Vorlieben frönen. Daß sie Bizarres mögen und das Abseitige schätzen. Aber das findet im Keller statt.

Ich nehme an, daß das alles gar keine so typisch deutschen Eigenschaften sind.

Sehen in Holland die bezaubernden endlosen Reihen der Gardinen-losen Stadthäuschen nicht auch alle gleich aus?
Muß die amerikanische Mittelklasse nicht auch hinter den weißen Gartenzäunen genau die gleichen Gartenmöbel und SUVs parken, wie die Nachbarn?
In Japan gibt es den erzieherischen Leitspruch „Wenn ein Nagel hervorsteht, dann schlag mit dem Hammer drauf, bis er in die Reihe passt“
Es fällt doch eher auf, wenn in einigen Gegenden der Welt Menschen ihrer Exzentrik frönen, wie es bei der englischen Oberschicht, den Isländern oder der Queer Community San Franciscos der Fall ist.

Aber es gibt auch innerhalb der Normalo-Städte Enklaven der Unangepasstheit. Kreuzberg 36 ist nicht wie Reinickendorf und Hamburg-St. Pauli nicht wie Blankenese.

Ich kann gar nicht glauben, daß ich in diesem Blog noch nie eins meiner Lieblingsbücher, „Exzentriker“, gesprochen habe.
Exzentrik ist wissenschaftlich erstaunlich wenig erforscht und so fällt es bis heute schwer gesunde Exzentrik von psychopathischen Neurosen zu unterscheiden.
Unglücklicherweise schließt das eine das andere auch nicht aus.

Der Neuropsychologe David Joseph Weeks, Leiter der klinischen Psychologie am Royal Edinburgh Hospital und sein Co-Autor Jamie James untersuchten für ihre 1995 erschienenes Werk (“Eccentrics“, Verlag Weidenfeld & Nicolson, London) die gesamte Literatur zumPhänomen Exzentrik und interviewten im Zeitraum von über einer Dekade mehr als 1000 Exzentriker. Hinzu kam eine historische Analyse von 150 Exzentrikern, die von 1551 bis 1950 lebten.
Einige Gemeinsamkeiten waren offensichtlich. Alle fühlten sich schon als Kinder „anders als die anderen“ und alle waren überdurchschnittlich intelligent.

Die Persönlichkeit des Exzentrikers passt in kein psychiatrisches Schema.
Sie stellen sich selbst nicht besonders dar, sondern sind einfach unabhängig von Konventionen und sind geistig abenteuerlustig, ohne von der Meinung anderer abhängig zu sein, so daß sie oft extreme Einzelgänger sind. Sie lassen sich ihre eigene Individualität nicht einschränken.

Wie wird man exzentrisch? Vermutlich ist es eine genetische Veranlagung, die aber durch die Umwelt verschieden stark unterdrückt werden kann.
Wird ein Exzentriker zufällig als englischer Lord irgendwo auf dem Lande geboren, hat er gute Chancen seine Veranlagung auszuleben und zu kultivieren.
Er ist ohnehin finanziell unabhängig und muß sich nicht mit seine gewöhnlichen Untertanen gemein machen.

Als Gegenbeispiel führen Weeks und James das japanische Schulsystem an, in dem Konformität als höchste Tugend gilt. Jede Individualität soll möglichst früh, möglichst endgültig ausgetrieben werden.
Dieses Denken hat eine lange Tradition und führte sowohl zur bedingungslosen Unterwerfung unter fürstlich oder kaiserliche Obrigkeiten.
Befahl ein japanischer Daimyō irgendwann im zweiten Jahrtausend irgendeinem Untertan spontan aus einer Laune heraus, er möge sein Kind köpfen oder sich die Hoden abschneiden, tat derjenige das ohne zu zögern.
Die Kamikaze-Aktionen für den Tenno aus dem Zweiten Weltkrieg sind bis heute legendär.

In Japanischen Schulen galt das Sprichwort „wenn ein Nagel hervorguckt, schlage ihn mit dem Hammer ein“. Jede Aufmüpfigkeit sollte gebrochen werden.
Es gibt Theorien, nach denen dieses gnadenlose Schulsystem mit enormen Mengen auswendig zu lernenden Stoffs dafür verantwortlich ist, daß Japaner heute über einen signifikant höheren Intelligenzquotienten als Amerikaner oder Europäer verfügen sollen (Durchschnittlich IQ 115 im Vergleich zu Europa bei IQ 100) und so auch ihren sagenhaften ökonomischen Aufstieg erreicht haben sollen.
Die Chefs japanischer Weltkonzerne verdienen maximal das Siebenfache eines einfachen Arbeiters  - und nicht das 700-fache, wie in Amerika üblich.
Man identifiziert sich vollständig mit seiner Firma, opfert seine gesamte Freizeit und bis heute kommt es vor, daß Japaner aus Gram über eine Fehlleistung in ihrem Job Seppuku begehen.
(Eine Tradition, die man angesichts totalversagender deutscher Manager à la Grube, Middelhoff oder Urban nicht so voreilig verurteilen sollte.)
Die völlige Homogenisierung der japanischen Gesellschaft war auch lange der Enge und der Bauweise mit Papierwänden geschuldet.
Papierwände waren über Jahrhunderte in einem warmen Klima mit vielen Erdbeben durchaus sinnvoll. Das baut sich  schnell wieder auf.
Privatsphäre kann dann aber nur bedingt herrschen.
Es ist also günstig, wenn die Bewohner sehr diszipliniert und völlig emotionslos sind. Wenn in den eigenen vier Wänden nicht gebrüllt, laut gefurzt oder gelacht wird, wenn Verbeugungen, Lächeln und Zeremonien die Kommunikation bestimmen.

Eine der ungeklärten Fragen in der so unvollständigen Exzentrik-Forschung ist die nach den Folgen von unterdrückter exzentrischer Veranlagung. Kann man so etwas tatsächlich vollständig ausmerzen? Oder bleibt das wie Homosexualität im Katholizismus stets virulent?
Schaffen sich unterdrückte Exzentriker eine Entsprechung zu „Schwulenklappen“, also irgendwelche unbeobachteten Nischen, in denen sie mal ausflippen können?

Man könnte fast den Eindruck haben, wenn man sich Youtube-Clips bizarrer japanischer TV-Shows oder hochgradig groteske Jugendmoden ansieht.
Herr Sugiyama, der sich Penis und Hoden abschneiden und einfrieren ließ, um sie später bei einem Festmahl mit Kräutern und Pizen zu servieren, klingt für meine Ohren schon ziemlich exzentrisch.

Am 31. März 2012 ließ sich der Japaner Mao Sugiyama seinen Penis wie auch seine Hoden operativ entfernen. Dies geschah in der Kazuki-Klinik in Matsue, westlich von Tokio. Die Urethra, die Harnröhre, sowie der Harnausgang wurden kosmetisch angeglichen, alles andere weggeschnitten.
[…] Am Abend des 13. Mai 2012 servierte Sugiyama, als Koch gekleidet, in einem gemieteten Kellerraum im Tokioter Stadtteil Suginami seine Geschlechtsteile als Abendessen. Der Rahmen war der eines Kunst-Events, geschlossene Gesellschaft. Sugiyama hatte das Fleisch aufgetaut, briet es an, servierte fünf Portionen, mit Champignons, Petersilie, Majoran, Basilikum, Rosmarin.
Jeder der fünf Beköstigten hatte 20 000 Yen dafür gezahlt, knapp 200 Euro. Außer diesen Gästen, es waren zwei Frauen und drei Männer, waren noch rund 70 Begleiter gekommen, die von der Veranstaltung gehört hatten.

Klar, das war jetzt ein Witz.
Ein einzelner Vorfall sagt nichts aus und ich bin kein Japan-Kenner.

Ich frage mich aber, ob das relativ neue Phänomen der Hikikomori nicht in Wahrheit die Kehrseite der massenhaft unterdrückten Exzentrik ist.
Gehen Millionen Japaner aus Notwehr gegen die ihnen unmögliche totale Anpassung und Unterordnung in die innere Immigration?

Als Hikikomori (jap. ひきこもり, 引き籠もり oder 引き篭り, „sich einschließen; gesellschaftlicher Rückzug“) werden in Japan Menschen bezeichnet, die sich freiwillig in ihrer Wohnung oder ihrem Zimmer einschließen und den Kontakt zur Gesellschaft auf ein Minimum reduzieren. [….]   Das japanische Gesundheitsministerium definiert als Hikikomori eine Person, die sich weigert, das Haus ihrer Eltern zu verlassen, und sich für mindestens sechs Monate aus der Familie und der Gesellschaft zurückzieht. Es gibt allerdings auch Fälle, in denen Hikikomori für Jahre oder sogar Jahrzehnte in dieser selbst gewählten Isolation bleiben.
Beschrieben wurde das Phänomen erstmals durch den japanischen Psychologen Tamaki Saitō, der auch den Begriff prägte. Er behauptete, es gäbe in Japan (ca. 127 Millionen Einwohner) mehr als eine Million Hikikomori.
(Wikipedia)

Über die Ursachen wird viel spekuliert.
Vermutlich werden Hikikomori mit dem Druck in der Schule überfordert, leiden unter Mobbing („Ijime“) und scheitern dann an dem Übergang ins Erwachsenenleben.
Erschwerend kommt hinzu, daß auch in Japan die wirtschaftliche Lage angespannt ist und Jobs schwerer zu finden sind.

Kinder, die einfach zu Hause in ihrem Kinderzimmer sitzen bleiben, bis die Eltern sterben, gibt es immer mehr.

Joe [35 Jahre] ist einer der vielen jungen Japaner, die sich von der Gesellschaft abkapseln und ganz auf sich selbst zurückgezogen leben. Er ist ein „Hikikomori“, einer, „der sich zurückgezogen hat“. Ihre Anzahl wird auf über eine Million geschätzt, vielleicht sind es auch deutlich mehr, und sie erzählen viel über das heutige Japan. [….] Und nun gehe ich mit Joe allein in sein Kinderzimmer unter dem Dach. Er richtet seine Matratze vom Fußboden auf und lehnt sie senkrecht an die Wand, damit wir Platz haben. Wir setzen uns an seinen Schreibtisch, das einzige Möbelstück. Fast komme ich mir vor wie in einer Zelle. Das liegt nicht an der Enge, die ist normal in Japan. Es liegt daran, dass Joe die Fenster mit Papier verklebt hat. „Ich möchte nicht, dass mir die Leute von den benachbarten Bürogebäuden ins Zimmer schauen können“, sagt er. Zudem will er nichts vom Berufsverkehr draußen mitbekommen. Er sagt: „Am unerträglichsten ist es, wenn ich morgens all die Pendler sehe, die vom Bahnhof kommen und zur Arbeit gehen.“ In solchen Momenten wird ihm jedes Mal bewusst, dass er die Erwartungen nicht erfüllt hat. [….] Dass er anders ist, das zeigte sich schon früh. Bei der Schulgymnastik drehte er sich nach rechts, wenn er sich nach links drehen sollte. Ständig kam er auf eigene Ideen, seinen Lehrern und Mitschülern ging er damit bald auf die Nerven. Abweichler haben es schwer in japanischen Schulen, wo das Lernziel Anpassung heißt, nicht Kritikfähigkeit. […] Japan befinde sich in einer tiefen Sinnkrise, sagt Psychiater Takagi. Spätestens nach der erfolgreichen Jobsuche würden viele Uni-Absolventen in ein Loch fallen. „Sie verstehen plötzlich nicht mehr, wofür sie gelernt haben, wofür sie überhaupt leben. Sie werden depressiv.“ Hinzu kommt, dass die japanischen Konzerne im Zuge der Globalisierung massenhaft Fabriken in Billiglohnländer wie China verlagert haben. Die lebenslange Arbeitsplatzgarantie und die automatische Beförderung gelten für immer weniger Beschäftigte. Rund 40 Prozent der Japaner arbeiten mittlerweile ohne feste Anstellung. Joe kapselte sich ab, bei seinen Eltern hat er ja alles, was er braucht: Essen, Bett, Computer. Ein Handy besitzt er nicht, aber wen sollte er auch anrufen?
(Der SPIEGEL 05.01.15 s. 89 f)

Vielleicht ist es an der Zeit eine neue Minderheit in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit zu rücken.
Nach Frauen, Schwarzen, Schwulen und Atheisten muss sich die Welt auch auf Konformitätsverweigerer, Sozialphobiker, Exzentriker und Unangepasste einstellen, die derzeit eher versteckt werden und jährlich zur Freude der Pharmakonzerne viele Millionen Packungen Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer und Neuroleptika verzehren.
Sie einfach als „irre“ abzustempeln und abzukapseln wird auf Dauer nicht funktionieren.