Montag, 25. März 2013

Geisterbahn



 Der Blick auf das bundespolitische Berlin ist ein bißchen öde im Moment. 
Die Opposition ist mit unfähigem Personal geschlagen – Nahles, Göring-Kirchentag, Kipping, Riexinger – und die Regierenden befinden sich schon seit Oktober 2009 im Winterschlaf.
Glatte Arbeitsverweigerung, die Schwarzgelb vorführt.
Egal ob Rente, Mindestlohn, Klimaschutz, Ökostrom-Reform, Gleichstellung der Homo-Ehe oder Frauenquote - Union und FDP bringen nichts Wichtiges mehr zustande. Besonders deutlich zeigt sich das bei einem für Millionen Bürger existenziellen Thema: der Altersversorgung. Es ist keine fünf Monate her, dass die Koalition beschlossen hat, noch in dieser Legislatur eine Lebensleistungsrente einzuführen. Doch davon will jetzt keiner mehr etwas wissen. Und noch vor zwei Wochen hat Unionsfraktionschef Volker Kauder einen "signifikanten Einstieg" in die Erhöhung der Mütterrenten versprochen. Auch den wird es jetzt nicht mehr geben.   Ohne die alles übertünchende Euro-Krise könnten Union und FDP das morsche Gebälk der Koalition schon lange nicht mehr verstecken. Zu groß sind die Unterschiede zwischen den Partnern geworden. Im Rentenstreit haben es CDU und CSU noch nicht einmal geschafft, sich auf eine unionsinterne Position zu verständigen - von einem Kompromiss mit den Liberalen ganz zu schweigen. [….]  Die Koalition hat kapituliert.
Das Problem ist hauptsächlich die Nullthemenpartei FDP, die in Wahrheit bloß ein vom Höchstbietenden zu mietender Lobbyverein ist.

Ein gutes Geschäft auch für die Käufer. So mußte FDP-„Spender“ Baron von Finck lediglich 1,2 Millionen Euro an die FDP-Parteikasse überweisen, um für seine Hotels eine Steuerermäßigung von über einer Milliarde Euro pro Jahr zu erhalten.
Beispiel Glücksspielautomaten.
Zum zweiten Mal hat Paul Gauselmann, der Obermufti der Geldspielmafia einen siebenstelligen Betrag in die FDP-Parteikasse bugsiert und so dafür gesorgt, daß die Bundesregierung und der Wirtschaftsminister ihn weiterhin arme Süchtige abzocken läßt.
Die Umsätze der Automatenwirtschaft - dramatisch gestiegen. Immer mehr Spielhallen, immer mehr Geldspielgeräte. Jahr für Jahr verlieren Spieler über drei Milliarden Euro. Sogar eine Studie des Ministeriums stellte schon vor Jahren fest, es fehlt an Spielerschutz, an Schutz vor Steuerhinterziehung und Geldwäsche. Die Spielverordnung müsse verschärft werden. Das Problem ist nur, trotz aller Verlautbarungen ist das nicht passiert. Zu diesem Ergebnis kommen etliche Fachleute. Sachverständige, Kriminalbeamte, Suchtexperten.


Wer nicht reich ist und ein paar Milliönchen auf die Konten der Unsympathenpartei überweisen kann, wird auch nicht bedient.
Geht man vom Schlimmsten aus, ist das Spannende an der FDP, daß sie das auch noch unterbietet.
Egal ob es nun um Guidos grottige Außenpolitik geht, die Deutschlands Ansehen nachhaltig ruiniert hat, oder um Bahrs beschämende patientenfeindliche Lobbyistenbeglückungsgesundheitspolitik, oder um Niebels nebulöse Umwidmung eines Ministeriums in ein FDP-Kader-Verwahrungsdepot, oder um Leutheusser-Schnarrenbergers schäbige Bürgerfeindlich-Justiz oder eben um Rösles rabiate Milliardär-pampernden Wirtschaftspolitik geht; wenn die FDP beteiligt ist, kann nur das Übelste daraus werden.

Völlig unverständlicherweise ist nun allerdings einem kleinen Landesverband der FDP aus Versehen ein richtiger Vorschlag rausgerutscht.
Ausgerechnet in Sachsen, wo die Hepatitisgelben zusammen mit den Schwarzen gerne die Bräunlichen fördern und gemeinsam in einer Haselnusskoalition gegen Linke, SPD und Grüne vorgehen.
Vielleicht haben sie die falschen Pillen bekommen?
Ich verstehe es nicht.
Unter dem Titel "Klare Regeln für Verhältnis zwischen Kirche und Staat - Trennung, Akzeptanz und Miteinander" wird auch verlangt, den konfessionellen Religionsunterricht in einen überkonfessionellen Ethikunterricht umzuwandeln. Das kritisiert der FDP-Bundestagsabgeordnete Kober ebenso scharf und erinnert seine ostdeutschen Parteifreunde an die DDR: "Hätten die Kirchen dort das Recht gehabt, an den Schulen konfessionellen Unterricht abzuhalten, wäre die Diktatur der SED so nicht möglich gewesen."

Die FDP in Sachsen stellt auch die im Freistaat gezahlten staatlichen Zuwendungen an die Kirchen - jährlich 23,5 Millionen Euro - in Frage. Diese seien durch die Koppelung an die Beamtenbesoldung ständig weiter gestiegen. "Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und der zukünftig sinkenden Finanzausstattung des Freistaats Sachsen gehört diese Regelung auf den Prüfstand", heißt es.
Wie der von mir schon mehrfach sehr gelobte Pascal Kober*, der Christ des Tages Nr. 58, wird der strenggläubige Katholik Fipsi Rösler, der auch im Zentralrat der Katholiken in Deutschland (ZDK) sitzt, die abtrünnigen Ost-Liberalen hoffentlich bald wieder einnorden. Überhaupt ist die FDP voll auf Religiotenkurs.
Vernünftige FDP’ler verwirren mich nämlich zu sehr.

*Zum Christen des Tages Nr. 58.

Es handelt sich um einen Pfarrer, der nebenher auch FDP-Bundestagsabgeordneter ist und zur Gruppe der 42 engagierten Christen der Fraktion gehört. 

Christ des Tages LVIII ist Pascal Kober, geb. 1971, Theologe aus Baden-Württemberg. 
Der Pfarrer vom Neckar ist auch Gründungsmitglied und Theologischer Berater der Christlichen Liberalen – Christen bei den Freien Demokraten Baden-Württemberg.
(Karl-Hermann Flach wird in seinem Grab rotieren.)


Auslöser für diesen Berufswunsch waren die Erfahrungen im Religionsunterricht der Oberstufe, in dem wir gelernt haben, die Dinge nicht einfach hinzunehmen, sondern sie zu hinterfragen und eigene Antworten zu formulieren. Mit Begeisterung habe ich damals im Unterricht die (Auszüge aus der) Schrift von der „Freiheit eines Christenmenschen“ von Martin Luther verschlungen, die wir behandelt haben. Vielleicht ist ja damals mit der Lektüre von Luthers „Freiheitsschrift“ schon ein Grundstein für mein späteres politisches Engagement bei der FDP gelegt worden.

Die FDP, die rigoros Spekulanten vor Börsenumsatzsteuer schützt und Steuergeschenke an die Reichsten weiterreicht, während Westerwelle wider die „spätrömische Dekadenz“ des Prekariats hetzt, empfindet Kober als besonders „sozial kompetent“:

Die FDP redet nicht nur von sozialer Verantwortung und instrumentalisiert sie auch nicht für ihre eigenen Zwecke. Sie macht sich ideenreich und tatkräftig an die Lösung. Dabei verletzt sie nicht die Würde der Betroffenen und gibt das Ideal einer freien Gesellschaft nicht auf. Leitbild der FDP – Sozialpolitik ist die Befähigung zu Eigenverantwortung, zu Teilhabe an der Gesellschaft und zu einem solidarischen Miteinander. Liberale Sozialpolitik begnügt sich nicht damit, die Schwächen Betroffener zu verwalten und materiell auszugleichen, sondern sie will an den Ursachen ansetzen und an den Stärken der Menschen anknüpfen.
  Wie die FDP den Armen helfen will, indem sie den Reichsten Geld zuscheffelt, erklärte der Christ des Tages 58 in der ZEIT.
DIE ZEIT: Herr Kober, wann haben Sie zum letzten Mal gebetet?
Pascal Kober: Heute Nacht. Ich bete jeden Tag.
[…] Natürlich freue ich mich darüber, dass Jochim Gauck Präsident wird.
ZEIT: Warum wollte die FDP einen Pfarrer für dieses Amt?
Kober: Pfarrer wird nur jemand, der die Menschen liebt. [sic!!! - ob das die von Priestern vergewaltigten Jungs auch so sehen? - T. ] Das gilt auch für Joachim Gauck.
[…]
ZEIT: Herr Kober, […] Gibt es zu viele Reiche in Deutschland?
Kober: Nein. Das Entscheidende für mich als Christ ist der Umgang mit dem Reichtum, nicht der Reichtum an sich.
ZEIT: »Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, da sie die Motten und der Rost fressen«, steht im Matthäus-Evangelium. Tun aber nicht viele Reiche genau das – sie sammeln Schätze, hocken darauf wie Dagobert Duck und geben nichts ab?
Kober: Wenn jemand tatsächlich zweckfrei Besitz anhäuft – dann entsteht Reichtum, wie er im Neuen Testament kritisiert wird. Man soll ihn in den Dienst einer sinnvollen Sache stellen.
ZEIT: In Deutschland gibt es massenhaft Reiche, die das nicht tun. Wie bekehrt man sie?
Kober: Ich muss ihnen die Augen für die Not der anderen öffnen und dabei wegkommen von einer Zeigefingerpolitik, die suggeriert, dass immer jemand anderes in der Verantwortung steht, meistens der Staat, die Wirtschaft oder die Reichen.
[…]
Schon Martin Luther hat festgestellt, dass es nicht sinnvoll ist, wenn der Reiche sein ganzes Vermögen hergibt und am Ende selbst nichts mehr hat.
ZEIT: Warum?
Kober: Dann habe ich ja einen neuen Armen.
[…]
Kober: Unser Wohlstand ist darauf gegründet, dass Menschen unternehmerische Ideen umsetzen. Wir möchten sie ermutigen, ihre Begabungen und finanziellen Mittel dazu einzusetzen, Arbeitsplätze und gute Produkte zu schaffen.
[…]
ZEIT: Ist Gott ein Liberaler?
Kober: […] Gott hat in jeden Menschen etwas hineingelegt, das ich gerne entdecken würde. Deshalb bin ich Liberaler. Je mehr das Leben reguliert und standardisiert ist, desto weniger gibt es zu entdecken. Institutionen werden individuellen Problemen immer nur oberflächlich gerecht. Am Ende steht eine Entsolidarisierung. Die einen kümmern sich weniger, und die anderen werden zu wenig gefordert, selbst etwas aus ihrem Leben zu machen. Ich glaube übrigens, dass Joachim Gauck ähnlich denkt. Ich habe mit ihm leider nie darüber gesprochen. Aber so verstehe ich seine Warnung, dass der Sozialstaat zu Passivität verleiten kann.
ZEIT: Wollen Sie allen Ernstes behaupten, dass die FDP christliche Nächstenliebe propagiert?
Kober: Jedenfalls finde ich es naheliegend, in einer Partei zu sein, die die persönliche Verantwortung für den Nächsten und sich selbst in den Mittelpunkt stellt.

Sonntag, 24. März 2013

Frauen – Nein Danke!



Rückblende.
 Vor über einem Vierteljahrhundert saß ich in meiner allerletzten Schulstunde. Es saß der Deutsch-LK bei einem kümmerlichen Frühstück zusammen. Die menschlich etwas verhaltene und unnahbare, aber fachlich brillante Lehrerin hatte dieses Frühstück vorgeschlagen. Der Einfachheit halber sollte jeder seine „Bemme“ selbst mitbringen. (Bemme - diesen grässlichen Ausdruck hörte ich damals zum ersten Mal und bedauerlicherweise gelang es mir niemals dieses ekelhafte Wort zu vergessen).
Natürlich waren bis auf die Lehrerin alle zu faul dazu und saßen bei einem Kaffee stumpf um sie herum, während sie ihre Bemmen aß.
Die unvermeidliche Frage was wir denn nun vorhätten, folgte wie die Strafe auf dem Fuße. Reihum erklärten wir unsere Zukunftspläne.
Heute erinnere ich mich nur noch an einmal „Schauspielschule“ und einmal „Bundeswehr – 12 Jahre verpflichtet“ des Deppen des Kurses, Sebastian, des Schlacks, dessen Körpergröße auf Kosten des Hirnes ausgebildet wurde. 
Kinder sind fies und lästern über körperliche Besonderheiten. Aber Sebastian sah auch zu komisch aus mit seinen rotblonden Haaren, den abstehende Ohren und den viel zu kleinen Füßen, die durch seine Angewohnheit quasi auf Zehenspitzen zu laufen, noch winziger wirkten.
 Ein Typ weit über 1,90, der aber nicht die Fersen aufsetzte und dadurch stets federnd durch die Gänge ging.
Er war einer der ganz, ganz wenigen der Schule, der ein eigenes Auto besaß und zu unser aller Überraschung mit enormer Mühe so gerade eben das Abi bestanden hatte. Im angeblichen „Laberfach“ Deutsch hatte er am Ende vier Punkte bekommen und das war schon eine seiner besten Noten.
„12 Jahre verpflichten“ war damals für mich das Abartigste, das ich mir vorstellen konnte und so sprachen wir noch länger über Sebastians Ankündigung. Ein anderer Mitschüler klärte mich später auf, daß einem der Junge im VW-Golf leidtun müsse. Er habe gar keine andere Wahl, da sein unglaublich strenger Vater sein einziges Kind mit Gewalt dazu dränge einmal seine gut gehende Zahnarztpraxis zu übernehmen und mit dem NC hätte er nie einen Studienplatz an einer normalen Uni bekommen.
Vor einigen Jahren habe ich übrigens festgestellt, daß dieser Plan funktioniert hat – Sebastian ist tatsächlich promovierter Dentist, hat die Praxis übernommen und einen Haufen Kinder in die Welt gesetzt. 

Die Dritte, die ich erinnere war natürlich meine beste Freundin, die notorisch unausgeschlafen und übellaunig verkündete „Ich will Kapitän werden!“
Das haute der Lehrerin glatt die Bemme aus dem Maul – vor Verblüffung spuckte sie einen halbzerkauten Brei aus Salami und Käse über ihr Pult, hustete und brach schließlich in einen Begeisterungssturm aus. 
So habe sie sich das gewünscht, daß ihre Schülerinnen zu selbstbewußten Frauen würden und sich keine Grenzen setzten.
Man sprach noch lange über diesen „Ich will Kapitän werden“-Ausspruch. Typisch für diese Deern. Aber ernst genommen hatte es natürlich niemand.
Das war einfach zu absurd. Frauen in der Seefahrt und dann auch noch Kapitän! Welcher Reeder würde schon eine Frau ausbilden?

Und das ist das eigentlich Erstaunliche, wenn ich an meine Jugendzeit zurück denke.
 Einige damals als unabänderlich und nicht hinterfragten Regeln gelten nicht mehr.
Ich wuchs noch in einer Welt auf, in der selbstverständlich viele Berufe reine Männerdomänen waren. Bischöfinnen oder Kanzlerinnen oder Seefahrerinnen gab es genauso wenig wie Stabhochspringerinnen oder Eishockeyspielerinnen.
Der so vergeblich wirkende Satz „ich will Kapitän werden!“ war das erste Mal, daß mir diese Ungerechtigkeit so richtig bewußt wurde. 
Vorher war es mir einfach nicht in den Sinn gekommen, die Frage zu stellen, ob eine Frau Kanzlerin werden könne.
Das war ebenso abwegig, wie die Vorstellung, daß zwei Männer heiraten oder einer Schwuler Außenminister sein könnte.
A posteriori bin ich selbst verblüfft, wie viel sich in dem Vierteljahrhundert geändert hat.
1992 wurde mit Maria Jepsen in HAMBURG weltweit die erste Frau Bischöfin und die konservativen Evangelen haben sich heftig dagegen gewehrt.
Vielleicht ist Hamburg aber ein gutes Pflaster für Pionierfrauen.
Die Wahl-Hamburgerin Marion Gräfin Dönhoff wurde 1968 Chefredakteurin der ZEIT und brach in eine totale Männerdomäne ein. 
Die in Hamburg geborene Angela Merkel wurde erste CDU-Vorsitzende und erste Bundeskanzlerin.
Heute können Frauen fast alle Berufe ergreifen. 
Natürlich verdienen sie etwas weniger und es gibt auch noch reine Männerclubs – Chefetagen von DAX-Unternehmen zum Beispiel. 
Frauen werden auch in Deutschland üblicherweise nicht mit den „klassischen Ministerien“ betraut. Noch nie war eine Frau Verteidigungs-, Innen- oder Finanzministerin.
Nach wie vor werden ihnen die „Gedöns“-Ressorts eher zugetraut.

Meine Schulfreundin erlebte übrigens am eigenen Leib das wirtschaftliche Umdenken. 
Sie studierte etwas ganz anderes, schloß mit der Auszeichnung für die beste Diplomarbeit des Jahres ab.
Diese Seefahrtidee ließ sie aber nie los und so warf sei eines Tages alles hin und begann in Travemünde eine Ausbildung als Schiffsmechanikerin. 
Natürlich als erste Frau.
 Ihre Mitschüler empfingen sie grölend und der Lehrer nannte sie ein Jahr lang bei jeder Gelegenheit „Schlitzmatrose“.
Richtig schwierig wurde es Praktikumsplätze auf Containerschiffen zu bekommen. Die Reeder winken fast alle ab. Sie hätten persönlich gar nichts gegen Frauen, aber wenn sie das erlaubten, würden ihre Mannschaften rebellieren.
Ähnlich sah es beim anschließenden Nautikstudium aus.
 Ja, theoretisch könnten Frauen das auch, aber die Praxis im harten Bordalltag wäre schon noch etwas ganz anderes.
Es kostete enorme Mühe und viele Tricks nach Abschluß des Studiums tatsächlich als „Dritter“ (3. Offizier) eine feste Anstellung bei einer Reederei zu bekommen.
Nachdem sie aber einmal als normale Offizierin gefahren war, setzte ein Wandel ein. Alle Offiziere bekommen ein Zeugnis vom Kapitän und bald stellte der Reeder fest, daß ihre Zeugnisse immer die besten waren.
Eigentlich wenig verwunderlich, denn als Frau in einem derartigen Männerberuf muß man besser als die anderen sein.
 Den Reedern fiel bald auf, daß in ihrem Verantwortungsbereich nicht andauernd die kleinen Katastrophen passierten, die in der unter extremen Zeit- und Gelddruck stehenden Schifffahrt üblich sind.
Sie stieg rasant auf und mußte am Ende den Seniorchef ihrer Reederei sogar einmal stoppen, als er ihr gleich ein eigenes Schiff geben wollte.
Als sie schließlich das erste mal als Kapitänin nach Singapur flog, um einen Containerriesen zu übernehmen, saß im Flugzeug neben ihr ein Mädchen, das frisch von der Uni kam und ihre vierte Offizierin sein würde. 
Das erste mal, daß sie an Bord eine zweite Frau traf. 
Und was für ein Unterschied muß es für die Berufsanfängerin gewesen sein, als Frau auf ein Schiff zu kommen, auf dem die oberste Chefin auch eine Frau ist.
Da wird die grundlegende Frage, ob eine Frau überhaupt geeignet sein kann Offizierin zu sein, natürlich nicht mehr gestellt.
So ein Glück, daß jemand anderes schon den Kampf ausgefochten hat.
Vor ein paar Jahren las ich in einer Zeitung, es gäbe in Deutschland nun schon fünf Kapitäninnen. Tendenz stark steigend, da inzwischen viel mehr Frauen Nautik studieren. 
Begünstigt durch eine Regeländerung. Die Schiffsmechaniker-Ausbildung als Zulassungs-Voraussetzung ist abgeschafft. Bei den Schiffsmechanikern herrscht nämlich noch ein deutlich rüderer Umgangston, als im Nautikstudium.

Die Reeder sind keineswegs über Nacht zu Alice-Schwarzer-Anhängern geworden.
 Sie folgten schlicht und ergreifend einer wirtschaftlichen Not, weil ihnen im Containerboom der Nachwuchs ausging. Helmut Kohl hatte Schiffsbeteiligungen zu einem lukrativen Steuermodell gemacht und so ließen die reichen Hamburger Reeder ein Schiff nach dem nächsten bauen.
Der gewaltige Warenausstoß aus China mußte bewältigt werden. 
Immer mehr und immer größere Containerriesen fuhren zwischen Europa und Asien hin und her. Irgendeiner muß die Dinger ja steuern.
Bezeichnenderweise scheinen Frauen in Männerberufe weniger aus Überzeugung aufgenommen werden, sondern eher der Not gehorchend.
So stieg 2000 auch Merkel zur Chefin der CDU auf. Es war keine Alternative mehr da und einer mußte die marode im Spendensumpf versinkende Partei ja führen.
Das bedeutete aber noch lange nicht, daß konservative Politiker Frauen in ihren Reihen schätzen. Zumindest noch nicht im Jahr 2000.

Frauen sind eher Notnagel. 

Aber man mag sie nicht wirklich.

Besonders interessant ist ein Blick auf die beiden mit Abstand bevölkerungsreichsten Länder des Planeten: China und Indien, die mit 1,4 bzw 1,3 deutlich über eine Milliarde Einwohner haben. Mit weitem Abstand folgt auf Platz drei die USA mit gut 300 Millionen Menschen.
Bei so vielen Menschen gibt es eine Menge Frauen.
 Üblicherweise deutlich mehr als 50%, weil Frauen gesundheitlich robuster sind und eine rund sieben Jahre längere Lebenserwartung haben.
Insgesamt sind gute 51% der Deutschen Frauen.
Gäbe es in Indien und China ein ähnliches Geschlechterverhältnis, müßten jeweils rund 30 Millionen Frauen „übrig“ sein.
Tatsächlich gibt es in beiden Ländern aber einen deutlichen Männerüberschuß, der nicht biologisch, sondern kulturell begründet ist.
 
Man mag einfach Jungs lieber.
Der Demografieexperte Christopher Guilmoto vom Pariser Forschungsinstitut für Entwicklung (IRD) hat ausgerechnet, dass selektive Abtreibungen und Kindesmorde allein in Asien 117 Millionen Frauenleben gekostet hätten. Ein UN-Bericht aus dem Jahr 2010 macht allein China und Indien für 85 Millionen verhinderte Frauenleben verantwortlich, mitten im dortigen Wirtschaftsboom. Indische und chinesische Forscher räumen, nachdem sie lange geschwiegen haben, diese Entwicklung mittlerweile selbst ein. Die Chinesische Akademie der Sozialwissenschaften ließ errechnen, dass im Jahr 2020 in China 30 bis 40 Millionen Frauen im Alter von 10 bis 29 Jahren fehlen würden. Indische Forscher entnahmen den Volkszählungen der letzten 20 Jahre, dass in Indien bis zu zwölf Millionen ungeborene Mädchen zwischen 1991 und 2011 durch selektive Abtreibung getötet wurden.

Dieses Wissen aber führte bisher weder in China und Indien noch im Westen zu einem Aufschrei. »Über unsere Mädchen fegt ein tödlicher Tsunami, wir erleben einen ethischen Zusammenbruch unserer Gesellschaft, aber niemand regt sich auf«, sagt die Kommissionsvorsitzende Sinha. Sie verlangt deshalb mehr Kritik, auch internationale.

Als Folge droht nach Ansicht einiger Experten noch in diesem Jahrhundert das größte Geschlechterungleichgewicht der Menschheitsgeschichte.
Bei der strikten Ein-Kind-Politik in China will man oftmals seine einzige Möglichkeit ein Kind zu haben, nicht an ein Mädchen verschwenden.
Die Lösung ist ganz einfach: Bei Schwangerschaften wird per Ultraschall das Geschlecht bestimmt und falls es sich um einen weiblichen Fötus handelt, wird es gleich abgetrieben. 
Weg damit. Und noch mal probieren. 
Notfalls so lange bis es ein Junge wird. Inzwischen sind Frauen richtig knapp geworden.
Entführungen von Frauen sind an der Tagesordnung. Sie werden gezwungen, Männer zu heiraten, die sie nicht kennen, sie werden geschlagen, vergewaltigt, gefügig gemacht, um Nachwuchs für eine fremde Sippe zu gebären. Diese Hölle auf Erden ist vor allem das Resultat der Ein-Kind-Politik in China, die ein massives Ungleichgewicht der Geschlechter verursacht hat. Es gibt einen millionenfachen Männerüberschuss, weil Mädchen abgetrieben oder als Säuglinge getötet werden.
Weibliche Föten sind in China aber noch gut dran, weil sie einfach abgetrieben werden und nicht als Geborene leiden müssen.
Ihren Geschlechtsgenossinnen in Indien geht es wesentlich schlechter, weil dort die medizinische Versorgung nicht so weit fortgeschritten ist, daß man überall vor der Geburt das Geschlecht bestimmen kann.
Mädchen werden geboren und später mies behandelt.
Getreu des indischen Mottos „Töchter sind wie Wasser in den Garten des Nachbarn zu gießen“ killt man sie anschließend. 
Man ersäuft oder verbrennt sie entweder gleich, oder läßt sie hungern, wenn das Essen nicht für alle Kinder reicht. 
Söhne sind wohlgenährt, Töchter oft abgemagert.
Man muß sie schnell loswerden. 
Das ist aber dadurch erschwert, daß Frauen generell als so minderwertig gelten, daß man hohe Mitgiften aufbringen muß, damit sie überhaupt einer nimmt.
Ehefrauen werden auch in der Familie oft nicht nur widerwillig akzeptiert, sondern geschlagen und ausgenutzt.
Interessanterweise gilt das auch für wesentlich ältere Frauen. 
Witwen gelten beispielsweise als völlig wertlose, nutzlose Esser. 
Sie werden von ihren eigenen Söhnen mit einem Tritt in den Arsch auf die Straße geschmissen.
Ich spreche nicht von Einzelfällen.
Gleichberechtigung gehört zum offiziellen Diskurs. Doch der täuscht, und Yadav weiß es genau, er kennt die Familie gut, hat sie oft besucht und das Miteinander beobachtet. »Sie haben ihrem Sohn immer mehr zu essen gegeben als ihren zwei Mädchen. Wenn Anchal oder ihre Schwester eine zweite Portion wollten, wurden sie von den Eltern weggeschubst. Doch der Junge bekam immer zweimal. Und natürlich gingen sie mit dem Jungen zum Arzt, wenn er krank war, und gaben ihm Medizin. Anchal dagegen hatte mehrmals Fieber, aber die Eltern gingen mit ihr nicht zum Arzt.« Dass Yadav die Wahrheit sagt, sieht man Anchals Familie auf den ersten Blick an: Der kräftige Vater, ein Ziegelei-Arbeiter, hält seinen gut genährten, dreijährigen Sohn im Arm und spricht mit lauter Stimme. Neben ihm steht stumm seine schüchterne Frau und wehrt beschämt die Umklammerungsversuche ihrer erstgeborenen Tochter ab. Sie geben ein typisches indisches Familienbild ab: Hier der gehegte Sohn, dort die lästige Tochter. Waren also die eigenen Eltern Anchals Totengräber? War es letztlich ein Mord am ungewollten Mädchen? Diese Fragen stellt sich Yadav in den darauffolgenden Tagen.

Für [die amerikanischen Professoren] Anderson und Ray ist Anchals Fall symbolkräftig. Die beiden Forscher kalkulieren, dass in Indien insgesamt 35 Millionen Frauen fehlen. In jedem Jahr sterben zwei Millionen Frauen mehr als Männer. Zwei Millionen, die eigentlich leben müssten, wenn es normal zuginge. Und ein Viertel davon, also eine halbe Million, stirbt bereits in der Kindheit – so wie Anchal. […] Das dafür gut belegte Beispiel war stets China mit seiner Ein-Kind-Politik, die viele Familien dazu verleitete, Mädchen abzutreiben, um nur ja noch einen Jungen zu gebären. Doch in Indien entdeckten Anderson und Ray etwas ganz anderes: »Hier geht es weniger um Abtreibungen als um lebenslange Diskriminierung als Todesursache«, sagt Anderson. Mit anderen Worten: In China kommen die fehlenden Frauen erst gar nicht auf die Welt. In Indien dagegen werden sie geboren und müssen qualvoll sterben. Den neuesten Erkenntnissen der Forscher zufolge sterben 25 Prozent der jährlich fehlenden Inderinnen in ihrer Kindheit, 18 Prozent im gebärfähigen Alter und 45 Prozent als ältere Frauen. Nur 12 Prozent gehen aufs Konto von selektiven Abtreibungen weiblicher Föten. […] Am furchtbarsten zeigt sich dies an einem für westliche Beobachter unvorstellbaren Brauch: Viele indische Familien glauben noch immer, das Recht zu haben, ihre eingeheiratete Schwiegertochter zu töten, wenn sie nicht genug Mitgift einbringt – indem sie die Braut verbrennen. Ray wird bei seiner Arbeit normalerweise nicht von Gefühlen übermannt. Einmal jedoch sei das anders gewesen, sagt er: Als Anderson und ihm klar geworden sei, dass in Indien mehr fehlende Frauen im Alter von 15 bis 29 Jahren aufgrund von äußeren Verletzungen sterben als aufgrund von Problemen mit Geburt und Schwangerschaft. Insgesamt kamen sie auf jährlich 225 000 mehr weibliche als männliche Todesopfer aufgrund von Verletzungen. Darunter vermuteten sie einen großen Anteil von Brautverbrennungen. »Auf einmal sprachen die kalten Statistiken zu uns«, sagt Ray. […] Von tödlicher Diskriminierung bedroht sind indische Frauen auch im Alter. Witwenverbrennung ist zwar heute abgeschafft, aber dessen ungeachtet, gelten Witwen immer noch als gesellschaftlich nutzlos. Sie werden von ihren Familien oft verstoßen und müssen als Einsiedlerinnen leben. Soziologen sprechen deshalb vom »sozialen Tod«, den Indiens 40 Millionen Witwen nach dem Ableben des Mannes erleiden. Rechtmäßiges Erbe wird ihnen entzogen. Niemand kümmert sich um ihre Krankenversorgung.
(DIE ZEIT No 13/2013)

Samstag, 23. März 2013

Missionierung, nein Danke.



Zehn dicke Bände füllt das Mammutwerk „Kriminalgeschichte des Christentums“; eine einmalige Lebensleistung des großen Karl-Heinz Deschner.
Es dürfte wohl keine zweite Organisation dieses Planeten geben, die eine derartige kriminelle und menschenzerstörende Energie entfaltet hat, wie das Christentum.
Das systematische Diskriminieren, Foltern und Töten von Menschen, die krank oder schwach oder einfach ganz normal waren.
Während in der säkularen Zeit Menschen mit Epilepsie, Zwangsstörungen, anderen Hautfarben und sexuellen Orientierungen, mit Depressionen, Schizophrenie oder Tourette geholfen wird, wurden zu Zeiten, als die christlichen Kirchen absolute Macht hatten, solche Menschen gefoltert und getötet.
 Bis in die 1980er Jahre sind Kinder in christlichen Heimen WELTWEIT systematisch gequält und misshandelt worden.
Nein, danke, das brauchen wir nicht noch einmal.
Religion had its chance to run the world:
It is called the Dark Ages.
Von allen Verbrechen, die offizielle Christen begangen haben, erscheint mir die kulturzerstörende Missionierung die Perfideste zu sein.
100 Millionen Menschen kamen allein in Amerika durch die Christliche Mission um. Nur weil größenwahnsinnige Vatikanisti sich anmaßten alle Nichtschristen zwangsmissionieren zu dürfen.
 Ein Mammutverbrechen, für das der selige Kinderfickerbeschützer Papst Johannes Paul II, der nun auch noch heiliggesprochen werden soll, lapidar den Ausdruck „Glückliche Schuld“ prägte.
Ja, OK, man habe 100 Millionen Indianer abgemurxt – aber die sollten sich mal nicht beschweren, schließlich sind sie dafür Christen geworden.
Unfassbare verbale Barbarei, die der Papst im Jahr 1992 von sich gab!
Der Anlass für die Konferenz war die 500-Jahr-Feier der "Evangelisierung" Lateinamerikas. Johannes Paul II. gab in seiner Eröffnungsansprache die diesbezügliche Sprachregelung vor: Die Christianisierung Lateinamerikas durch die spanischen Eroberer weise zwar gewaltsame Züge auf und sei insofern zu verurteilen. Weil aber die "bewundernswerte Evangelisierung" zu einer "Ausweitung der Heilsgeschichte" beigetragen habe, handle es sich letztlich um "glückliche Schuld".

Während die brasilianischen Bischöfe in ihren "Richtlinien für Santo Domingo" vorsahen, die Kirche müsse für die Teilnahme an der Conquista Indianer und Afroamerikaner um Vergebung bitten, enthielt das Schlussdokument der Konferenz kein Wort kirchlicher Selbstkritik.

Als im Lauf der Konferenz die Vergabe des Friedensnobelpreises 1992 an die guatemaltekische Indianerin und Katholikin Rigoberta Menchú bekannt wurde, schlug ein brasilianischer Kardinal vor, ihr eine Grußbotschaft zu schicken. Das Präsidium lehnte ab mit der Begründung, ein solcher Schritt könne ideologisch missbraucht werden. Und als einige wenige Bischöfe erwogen, aus ihren Fünf-Sterne-Hotels auszuziehen, wurden sie zurechtgewiesen: Man könne die gastgebende Regierung, die diese Hotels zur Verfügung gestellt habe, nicht derart brüskieren.
Wenn Kirchisten also von „Missionierung“, bzw „Neuevangelisierung“ reden, sollte man sofort massiv dagegenhalten.
Die Worte des neuen Papstes sind bereits erschreckend.
 Zunächst hatte er den Ungläubigen attestiert Satan anzubeten, fünf Tage später stellt er immerhin noch fest, daß man gar nicht miteinander kommunizieren könne ohne seinen Gott.
Grundlegend in diesem Werk [des Dialogs der Kulturen] ist auch die Rolle der Religion. Man kann nämlich keine Brücken zwischen den Menschen bauen, wenn man Gott vergisst. [….] Und es ist auch wichtig, die Gegenüberstellung mit den Nichtgläubigen zu intensivieren, damit niemals die Unterschiede, die trennen und verletzen, überhand nehmen.
Nach 2000 Jahren Kriminalgeschichte, empfinden Christen immer noch keinerlei Scham.

Die Evangelen sind keinen Deut besser.
Die Kirche muss sich nach Einschätzung des Theologen und Bildungsexperten Hans-Martin Lübking stärker um konfessionslose Menschen kümmern. "Die Konfessionslosigkeit wird in der Kirche unterschätzt", sagte der scheidende Direktor des Pädagogischen Instituts der Evangelischen Kirche von Westfalen am Mittwoch in Schwerte. Derzeit fühlten sich Untersuchungen zufolge etwa 70 Prozent der Menschen der Kirche zugehörig.

Der Anteil werde jedoch immer weiter abnehmen, während die Zahl der konfessionslosen Menschen zunehme. Die Kirche erreiche die Menschen auf Dauer immer weniger über die regulären Ortskirchen, sagte Lübking. Deshalb müssten verstärkt auch außerhalb der Kirchengemeinde interessierte Menschen angesprochen werden.

Der Göttinger Theologe Bernd Schröder warnte, die Kirche dürfe nicht als Selbstzweck existieren. Sie befinde sich im Wandel zu einer Einrichtung, die als Hauptaufgabe die Weitergabe des Glaubens ermögliche.
(epd 23.03.13)
Wenn ich kein Atheist wäre, würde ich beten, daß diese Wünsche nicht in Erfüllung gehen.

Möge der Anteil der konfessionslosen Menschen in der Bevölkerung schnell weiter anwachsen.

Wie es ist, wenn die Kirche bestimmt, wissen wir zur Genüge.
Aber es wird dennoch ständig Neues ans Licht kommen, das einen erschaudern läßt vor dem abgrundtief bösen Verhalten von Christen gegenüber Schwächeren.
Mögen sie nie wieder die Macht dazu erhalten psychisch kranke Kinder so zu quälen wie im St.-Johannes-Stift in Marsberg.
Schläge, Beruhigungsmittel, Einzelhaft in dunklen Zellen. Westpol hat bereits in der vorletzten Woche einen Missbrauchsskandal in der Kinder- und Jugendpsychiatrie aufgedeckt. Bis in die 70er Jahre waren Kinder im St.-Johannes-Stift in Marsberg Gewalt ausgesetzt. Und nicht nur das: Nach über 40 Jahren des Schweigens berichten Ehemalige gegenüber Westpol jetzt auch von sexuellem Missbrauch in der Einrichtung. Pfleger und Nonnen sollen sich regelmäßig an Kindern vergangen haben. Experten sehen hier Parallelen zum Missbrauchsskandal in Heimen. Doch anders als hier sind die Leiden der Kinder in der Psychiatrie bis heute nicht aufgearbeitet worden.
(WDR 23.03.13)
In der Kinder- und Jugendpsychiatrie sollen Menschen in Not Hilfe finden. Doch bis in die siebziger Jahre wurden junge Patienten im St. Johannesstift im nordrhein-westfälischen Marsberg offenbar Opfer von Gewalt und Missbrauch.

[…] Pfleger und Nonnen hätten sich regelmäßig an ihnen vergangen.

Ein früherer Patient beschreibt in der "Westpol"-Sendung, die am Sonntag ausgestrahlt wird, wie ihn eine Schwester des Ordens der Vincentinerinnen 1964 in Marsberg im Alter von 13 Jahren mehrfach in ihr Zimmer beordert habe. Dort habe er sich ausziehen müssen, und die Schwester habe sexuelle Handlungen an ihm vorgenommen. Ein anderer früherer Patient berichtet laut WDR, er sei von Nonnen regelmäßig im Genitalbereich gewaschen worden.  Experten halten die Schilderungen für glaubwürdig. "Das sind Einrichtungen, in denen Menschen über 24 Stunden des Tages einer Fremdbestimmung unterworfen sind", sagte der Sozialpädagoge und Psychotherapeut Manfred Kappeler dem WDR.

Laut Bericht waren die Patienten im St. Johannesstift in den fünfziger und sechziger Jahren zudem großer Brutalität ausgesetzt. Kinder seien tagelang in Isolationszellen eingesperrt und mit Beruhigungsmitteln vollgepumpt worden.

Dem SPIEGEL erzählte der Aachener Jürgen Schubert schon im Jahr 2003 von seinen Leiden. Er war bis zum 18. Lebensjahr im St. Johannesstift untergebracht und scheiterte beim Versuch, seine früheren Peiniger zu verklagen. Er sagte damals: "Ich wurde immer wieder misshandelt, mit Fäusten und schweren Gegenständen traktiert." Aber es gab keine gerichtsverwertbaren Beweise. […]