Mittwoch, 26. Oktober 2016

Poppen.



Sex finde ich aus zwei Gründen ganz schlecht.

·        Einerseits ist er die Ursache für die gräßliche Überbevölkerung – und wir sind schon viel zu viele Menschen auf dem Planeten.

·        Andererseits geht der Sexualtrieb oft mit Machtgefühlen einher, so daß eine in irgendeiner Weise übergeordnete Person aus einer Machtposition heraus die Andere zum Sex nötigen kann. Das beste Beispiel dafür ist Donald Trump, der ganz offensichtlich denkt aufgrund seiner Berühmtheit und seines Reichtums auch 50 Jahre jüngere Frauen beliebig an die „Pussy“ grabschen zu können. Wie ekelhaft von ihm.

Schließt man aber diese beiden Problempunkte aus, indem man a) verhütet und b) streng einvernehmlich Geschlechtsverkehr praktiziert, finde ich Sex gar nicht.

Sex entzieht sich der moralischen und allgemeinen Bewertbarkeit.

Es ist absurd eine so private und intime Angelegenheit zu preisen oder auf einer Skala zu raten. Kein Mann und keine Frau steigt in meiner Achtung, weil er/sie besonders viel Sex praktiziert.
 Angesichts der extrem breiten Fächerung von sexuellen Vorlieben erscheint es mir auch grotesk mit der Gestalt seiner eigenen Primären, Sekundären oder Tertiären Geschlechtsmerkmalen zu prahlen.
Diminuiert es nicht die menschliche Kultur, wenn den Werbern weltweit immer wieder nur Anspielungen auf Busen und Penis als selling-arguments einfallen?

Es ist selbstverständlich genauso absurd sexuelle Aktivität zu verdammen, wie es nach wie vor in den allermeisten Kulturen und Religionen geschieht.
Aus religiöser Sicht ist es sinnvoll die totale Enthaltsamkeit zu verlangen, da sich so gut wie niemand daran halten kann und nur durch das daraus resultierende schlechte Gewissen die Gläubigen ihren religiösen Führern gegenüber hinreichend hörig und spendabel bleiben.
Darüber hinaus macht der kulturelle Jungfrauenwahn aber keinen Sinn.
Es ist erstens unfair, weil nicht jungfräulichen Männern frühere sexuelle Aktivitäten nicht zu beweisen sind, während Frauen das Hymen-Problem haben.
Es ist zweitens kontraproduktiv, da Geschlechtsverkehr wie die allermeisten Tätigkeiten Übung erfordert. Glücklicherweise wird es also üblicherweise im Laufe der Zeit besser als beim „Ersten Mal“.
Insofern sind djihadische Märtyrer eher gestraft, wenn sie im Himmel bei Allah 72 mal mit einer Jungfrau schlafen sollen.

Verblüffenderweise sind die meisten Menschen im 21. Jahrhundert immer noch nicht in der Lage ein neutrales Verhältnis zum Sex zu generieren.
In der Pubertät kichert und geniert man sich, man verheimlicht vor den einen, um vor den anderen umso mehr anzugeben.
In der Öffentlichkeit, auch das zeigt der amerikanische Wahlkampf mustergültig, wird schon das Sprechen über Sex als schockierend empfunden.
Verschämt sprechen US-Anchors vom „P-Word“, als ob einen beim Aussprechen von „Pussy“ oder „Penis“ sofort der tödliche Blitzstrahl Gottes treffe.
Konterkariert wird diese bizarre öffentliche Scham aber durch das immerwährende Faszinosum, welches die sexuelle Aktivität von Celebritys aller Art darstellt.
Scottie Nell Hughes kreischte noch vor einigen Tagen bei Erin Burnett hysterisch wie sehr sie immer noch offended davon wäre, daß ihr kleiner Sohn vor 20 Jahren fragte, was ein „Oral Office“ wäre, daß Bill Clinton das Amt wie kein anderer beschmutzt habe.

Nun, ganz offensichtlich war das was zwischen Bill Clinton und einer Praktikantin vorging, einvernehmlich, bzw sogar aufgrund der enormen Schwärmerei Lewinskis für ihren Chef entstanden. Clinton tat auch sicher nichts dafür dieses Vorkommnis öffentlich zu machen. Es waren eindeutig Nell Huges‘ Republikaner, die jahrelang über nichts anderes sprachen.
Ich finde es irrelevant und unpeinlich, wenn ein Präsident oder Kanzler Oralsex mit einer Person praktiziert, mit der er/sie nicht verheiratet ist.
Relevant und peinlich ist aber, wenn sich Parteien und Kirchen auch 20 Jahre später so brennend dafür interessieren, daß sie nicht aufhören können im maximalen Hypocritenmodus darüber zu sprechen.

Ob Angela Merkel im Bundeskanzleramt (einvernehmlichen) Sex mit anderen Menschen als Prof Sauer hat, ist politisch und moralisch so uninteressant, daß ich nicht sagen könnte, ob ich gut oder schlecht darüber denke.

Die Deutschen und ihre Medien sind hingegen schon auf die Gegenfahrbahn geraten.
Nach der großen Sorge, sie könnten aussterben, folgt nun das Lamento darüber, daß hierzulange zu wenig gepoppt werde.

Neue Studie zeigt: Immer weniger Deutsche sind sexuell aktiv. Vor allem die Jungen hängen durch. [Brüllwitz-Wortspiel – T.]
Bei vielen jungen Paaren herrscht heute Smog im Schlafzimmer: dicke Luft und kein Verkehr. Das ergab eine Langzeitstudie der Universität Leipzig. Heute sind demnach nur noch 67 Prozent der Deutschen sexuell aktiv; im Jahre 2005 waren es noch fast 74 Prozent. Das liegt vor allem an der jungen Generation, die offenbar etwas durchhängt. Hatte die US-Popsirene Madonna noch vor Jahren über die einschlägigen Qualitäten junger Männer gejauchzt: "Sie wissen zwar nicht, was sie da tun, aber sie tun es die ganze Nacht", so muss nun festgestellt werden, dass fast 30 Prozent der jungen Menschen zwischen 18 und 30 Jahren nur noch ausgefallenen Sex praktizieren. Montag ausgefallen, Dienstag ausgefallen … [….]

Was für ein sagenhafter Unsinn.
Viel Sex ist genau gut oder schlecht, wie wenig Sex.

Schuld ist natürlich wieder einmal das böse Internet. Da der gemeine Millenial  jederzeit unkompliziert mit Youporn eine Masturbation einlegen kann, erspart er sich womöglich die zeitraubende Suche nach realen Kopulations-Kumpanen.
So what?
Die meiste Zeit in der Geschichte der menschlichen Zivilisation wurde Ersatz-Sex auf einseitiger Basis vollzogen.
 Prostitution gab es immer. Im 19. Jahrhundert stellten bürgerliche Familien aus Angst vor der Syphilis ein „Hausmädchen“ an, wenn sie einen pubertierenden Sohn hatten. (Stichwort Stefan Zweig: „Die Welt von gestern“). Es gab das „Ius Prima Noctis“ und wie man aus dem Kinsey-Report weiß, poppten Teenager in ländlichen Gebieten der USA in den prüden 50er Jahren mit großer Selbstverständlichkeit Kühe und Schweine.
Schließlich gab es gerade mal zwei Dekaden vor der AIDS-Krise, in denen Hippies und Kommunarden tatsächlich mehr Sex unter erwachsenen Menschen auf freiwilliger Basis hatten, aber das war den konservativen Schreiberlingen im „Hamburger Abendblatt“ schon gar nicht recht.

Kaum zu glauben; kaum poppen die Deutschen aber etwas weniger, wird das auch wieder beklagt.

WARUM INTERESSIERT DAS JEMAND???

Die Kollegen von der Süddeutschen Zeitung grübeln unterdessen wie zukünftig die „kulturelle Leistung“ der Privatpornos zu bewerten sei.

Nach Erkenntnissen einer Datenanalyse im Auftrag der Firma Vexcash hat jeder sechste Deutsche schon einen »Privatporno« gedreht. Obwohl leicht rätselhaft bleibt, was um Himmelswillen die übrigen fünf Sechstel mit ihren hochleistungsfähigen Smartphonekameras anfangen, entsteht hier eine beeindruckende Datenmenge. Selbst, wenn wir konservativ annehmen, dass also rund 10 Millionen Deutsche jeweils einen etwa fünfminütigen »Privatporno gedreht« haben, ergibt dies eine akkumulierte Privatporno-Laufzeit von fast hundert Jahren. Ist dies der wahre Datenschatz, den die Cyberarchäologinnen der Zukunft heben werden, und mit Hilfe dessen sie analysieren werden, wer wir waren? Ist es das, was am Ende von uns und unserem Zeitalter bleiben wird? [….]

WIESO INTERESSIERT DAS JEMAND???

Wir wissen von Höhlenmalereien, daß auch Onkel Neandertaler poppte.
Was für eine Überraschung.

Sofern in 1000 Jahren noch Menschen existieren und dann Speichermedien mit sexuellen Aufzeichnungen aus dem frühen Internetzeitalter auftauchen sollten, wird es ebenso wenig überraschend sein, daß schon im 21. Jahrhundert gepoppt wurde.

Im „Jetzt“, dem Jugend-Ableger der SZ, befürchtet man hingegen, die Liebe käme zu kurz.

Die Vereinbarkeit von Liebe und Leben scheint 2016 keineswegs sichergestellt. „Wenn es mehr als ein Jahr dauert, ohne Garantie, wie sollen wir uns dann bitteschön verlieben?" Und leise, aber durchdringend höre ich das Schleifen der Verantwortung auf dem Boden der Tatsachen, wie sie gerade wieder einmal von jedem einzelnen von sich weggeschoben wird. Dass es an sich legitim ist, die Knappheit der Ressource Zeit zu beklagen, dass in der Entschuldigung „keine Zeit für die Liebe“ ein Viertelkörnchen Wahrheit steckt, weil man für viele Sachen wirklich keine Zeit hat, macht diese Verteidigung nicht besser. [….]

Natürlich, Herr Karig, war es in den meisten Jahrhunderten viel einfacher, als man Liebe und Ehe synonym verwendete, als jemand anders die Auswahl des Partners übernahm.
Onkel Neandertaler schlug Tante Neandertaler aus dem Nachbarstamm vermutlich einfach mit einer Keule bewußtlos und schleppte sie dann mit in seine Höhle.
Hat auch funktioniert.

Durch das Internet ist die Auswahl bei Sex und Liebe sehr viel größer. Das macht es komplizierter als vor 300 Jahren, als für die Bauernmagd ohnehin nur der hinkende Bauernjunge vom Nachbarhof blieb.

In der Regel lebt man auch nicht mehr zusammen mit fünf Schweinen, drei Kühen und 12 Geschwistern in einem Schuppen, so daß nachts coram publico einmal über die Angetraute rübergerollt wird – egal, ob sie will oder nicht.

So einfach ist es nicht mehr.
Aber will man solche Zeiten zurück?

Dienstag, 25. Oktober 2016

Fluchtursachen bekämpfen – Teil III



Im Kanzleramt klopft man sich engagiert gegenseitig auf die Schulter.
Das hat doch gut geklappt, die Flüchtlingszahlen gehen deutlich zurück; Auffanglager können geschlossen werden und Angela Merkels Beliebtheit steigt wieder an.
Die GroKo im Glück; einer vierten Merkel-Amtszeit steht nichts im Weg. Sie wird die 16 Jahre voll machen. Vermutlich auch die 20 Jahre.

Nicht ganz so wundervoll sieht es für die heimatvertriebenen Menschen aus, die völlig verzweifelt aus den total zerstörten syrischen Städten fliehen.
Die Kehrseite von Merkels „Erfolg“ ist, daß Frauen, Kinder, Greise, Säuglinge, Männer ins Mittelmeer getrieben werden und dort ersaufen.

„Die Zunahme der Todesfälle im Mittelmeer geht direkt aufs Konto der Europäischen Union“, kommentiert die innenpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE, Ulla Jelpke, Meldungen des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR, denen zufolge bislang in diesem Jahr 3740 Flüchtlinge auf dem Mittelmeer ums Leben kamen. Das sind noch vor Beginn der stürmischen Wintermonate fast genauso viele wie im ganzen vergangenen Jahr. Jelpke weiter:
 „Die Abschottungspolitik der EU zeigt ihre tödlichen Folgen: Weniger Menschen wagen die Überfahrt in die EU, aber die Zahl der Todesfälle steigt.
Die Schließung der Balkanroute und des Fluchtweges über die Ägäis führen erwartungsgemäß zu einer Rückverlagerung der Fluchtrouten ins zentrale Mittelmeer. Die Menschen sind so verzweifelt, dass sie sich von einer Flucht nicht abhalten lassen. Doch je mehr die EU nordafrikanische Grenzschützer ausstattet, mit Frontex und Kriegsschiffen Präsenz zeigt und gegen Schlepper vorgeht, desto mehr werden Flüchtlinge dazu gezwungen, auf immer gefährlichere Fluchtwege und Schiffe auszuweichen.
Die EU hat es in der Hand, das Sterben auf dem Mittelmeer zu beenden. Sie muss den Türkei-Deal aufkündigen und endlich legale und sichere Fluchtwege eröffnen.“
(PM Die Linke, Bundestagsfraktion, 25.10.2016)

Aber in Berlin herrscht eitel Sonnenschein. So lange die Menschen in Mossul, Aleppo oder im Mittelmeer verrecken, stört es die frommen Christen der Bundesregierung nicht.
Hauptsache, sie kommen nicht (lebendig) in Deutschland an.

Man könnte natürlich theoretisch auch versuchen den Menschen zu helfen, bevor sie entweder tot, oder derart verzweifelt sind, daß sie fliehen müssen.
Ein verwegener Gedanke, der offensichtlich im Bundeskanzleramt unbekannt ist.

Merkel sorgt mit dafür, daß Fluchtursachen verstärkt werden.

Drei Beispiele dafür:

1.) In Syrien bewaffnet die Bundesregierung sowohl die Kurden, als auch die Türken, die gegen die Kurden kämpfen. Mit dem Waffennachschub für beide Kriegsparteien wird dafür gesorgt, daß der entsetzliche Krieg in Syrien weiter geführt werden kann.

2.)   Die EU intensiviert ihre Bemühungen Afrikas Landwirtschaft zu zerstören und ruiniert die Lebensgrundlagen dort so sehr, daß für Millionen Menschen nur Flucht bleibt.

[…] Die Ausbeutung eines an Rohstoffen so reichen Kontinents ist da nur ein Aspekt. Das geplante "Freihandelsabkommen" zwischen der EU und afrikanischen Staaten ist ein anderer, noch wesentlich empörender Aspekt.  Angesichts dieses "Irrsinns" gab sogar Frank Plasberg seine Äquidistanz auf, und ARD-Korrespondentin Shafagh Laghai erklärte, was die ungleiche "Partnerschaft" schon heute bedeute. Dass nämlich die EU künftig sogar zollfrei tiefgefrorene Schlachtabfälle nach Ghana exportieren könne und damit den dortigen Bauern unterbiete, der in seiner Heimat nur noch einen Markanteil von zehn Prozent halte - am Markt für Hühnerhälse, Hühnerflügel oder Hühnerfüße, wohlgemerkt. Bei Coltan oder Diamanten dürfte es nicht viel fairer zugehen.  Auch der Klimawandel, führte Bierdel aus, ist nicht eben auf afrikanische Schwerindustrie zurückzuführen - die blutigen Umwälzungen rund um den Tschad-See aber sind eine sehr konkrete Folge dieses Wandelns. [….]


Merkel ist nicht irgendeine minderwichtige Regierungsperson, die nichts ausrichten könnte.
Sie amtiert viel länger als die meisten anderen und kontrolliert die viertgrößte Wirtschaftsmacht der Erde, das mit Abstand größte Land der EU und den gegenwärtigen Exportweltmeister. (……)

Unsere grandiose Bundesregierung setzt eben andere Prioritäten.
So verkündete die allseits beliebte Angela Merkel, während sie global dafür sorgt die Fluchtursachen zu verstärken, indem z.B. neue Handelsabkommen mit Afrika die Lebensgrundlage von Millionen Armen zerstören (Stichwort: Holländische Landnahme in Äthiopien), es liege ihr daran, daß die Deutschen wieder mehr Kirchenlieder sängen.


Am besten werden Fluchtursachen aber aufgeplustert, indem wir ordentlich Waffen mitten in die Krisengebiete exportieren.

Deutschlands Rüstungsexporte steigen erneut, allein die Ausfuhr von Munition für Kleinwaffen hat sich in diesem Jahr verzehnfacht. Mit ihnen werden in Bürgerkriegen wie in Syrien die meisten Zivilisten getötet.
Insgesamt hat die Bundesregierung in den ersten sechs Monaten 2016 Rüstungsexporte im Wert von mehr als vier Milliarden Euro genehmigt - mehr als eine halbe Milliarde mehr als im Vorjahreszeitraum. Aufschlussreich sind die Einzelheiten im Rüstungsexportbericht, über den die Nachrichtenagentur dpa berichtet und der am Mittwoch im Kabinett beraten werden soll.
So hat die Bundesregierung die Ausfuhr von Kleinwaffen im ersten Halbjahr leicht zurückgefahren, doch haben sich zugleich die Exporte von Munition für diese Waffen verzehnfacht. Auffällig sind auch Verschiebungen in der Liste der wichtigsten Bestimmungsländer. So rückte etwa die Türkei seit Beginn der Flüchtlingskrise von Platz 25 auf Rang 8 vor. [….]

Herzlichen Glückwunsch, Merkel-Regierung!
Irgendwie muß man doch noch mehr Leute in die Flucht treiben und krisengeschüttelte Bürgerkriegsländer noch mehr in Chaos und Tod stürzen.

[….]  „2015 war schon ein Rekordjahr, das er in diesem Jahr offenbar nochmals übertroffen hat: Für das erste Halbjahr 2016 dürften die Zahlen noch einmal deutlich höher als die von DPA gemeldeten vier Milliarden Euro liegen, da Sammelausfuhrgenehmigungen noch nicht berücksichtigt worden sind – diese allein machen ein bis zwei Milliarden Euro aus.  Diese dramatischen Zahlen zeigen, dass das ganze System der Exportkontrolle überhaupt nicht funktioniert. Wir brauchen jetzt endlich klare, gesetzliche Verbote und als allererstes ein sofortiges Verbot von Kleinwaffenexporten. Denn die Vorstellung, dass jeden Tag irgendwo auf der Welt mit deutschen Waffen und deutscher Munition gemordet wird, ist unerträglich.
Wenn sich die von dpa gemeldeten Zahlen bestätigen, ist der Anstieg der Rüstungsexporte in kriegsführende Länder ganz besonders besorgniserregend. Saudi-Arabien führt gerade einen brutalen Krieg im Jemen - trotzdem haben sich die Waffenexporte aus Deutschland an die Saudis offenbar verdreifacht. Gleiches gilt für den massiven Anstieg der Waffenexporte an die Türkei, die gerade dabei ist völkerrechtswidrig und gegen den Willen der dortigen Regierung im nächsten Nachbarland, dem Irak, eine militärische Eskalation zu riskieren. Damit macht sich Deutschland auch mitschuldig an den Toten in Jemen, Kurdistan und dem Irak.“ 

Montag, 24. Oktober 2016

Der Mäandertaler – Teil II



Das wird schwer.
Meine Spezialdemokraten müssen sich in absehbarer Zeit für einen Kanzlerkandidaten und einen Bundespräsidenten-Kandidaten entscheiden.
OK, die Mehrheitsverhältnisse sind jeweils etwas unklar, aber wir haben schon Kanzler und Präsidenten gestellt und außerdem in 141 Jahren Parteigeschichte Zeit gehabt zu lernen, wie man parteiintern einen Kandidaten aufstellt.
Aber wie immer, wenn es um Macht geht, hat die Partei die Hosen voll und verfällt daher in den bekannten Hühnerhaufen-Modus.

[….] Alle vier Jahre widmet sich die SPD-Spitze einem sonderbaren Ritual. Zunächst versichern die obersten Genossen, sich in der Frage der Kanzlerkandidatur von nichts und niemandem unter Druck setzen zu lassen, sondern zu gegebener Zeit eine Entscheidung zu treffen. Es steigen dann allmählich Druck und Nervosität, bis am Ende alle Zeitpläne über den Haufen geworfen werden und es zur Sturzgeburt eines Kandidaten kommt. So war es vor den Wahlen 2009 und 2013. Und so könnte es nun wieder kommen.
[….][Die SPD sollte] mindestens den November abzuwarten, in dem Angela Merkel erklären könnte, ob sie noch einmal antritt. Stünde der SPD-Kandidat vorher fest, wäre er ein Herausforderer, der noch gar nicht endgültig weiß, wen er herausfordert. Doch die SPD tut gerade alles dafür, diesen von der politischen Vernunft vorgegebenen Zeitplan hinfällig zu machen.
Keine Woche vergeht derzeit, ohne dass Klagen über die Fehler und Schwächen eines möglichen Kandidaten Gabriel nach außen dringen. [….] Wenn das noch zwei, drei Wochen so weitergeht, dann hat die SPD einen beschädigten Vorsitzenden, der schon deshalb nicht mehr als Kandidat infrage kommt, weil endgültig hinterlegt ist, dass ihm nicht einmal die eigenen Leute vertrauen. Was wäre in dem Fall eigentlich, wenn Martin Schulz zwischenzeitlich zu dem Schluss kommen sollte, doch lieber in Brüssel zu bleiben? [….]

Der gelegentlich so kluge Mäandertaler Sigmar Gabriel, der sich einfach nicht entscheiden kann, wird es vermutlich auch dieses mal versaubeuteln.
Er ist gerade so schön in Fahrt, hat schon TTIP und CETA gegen die Wand gefahren; drückt sich um die eigene Kandidatur als Kanzler - da klappt es doch sicher nach der ultrapeinlichen Käßmann-Blamage noch etwas mehr Erde zu verbrennen.

Wie so oft geht es nicht nur darum das Amt des Bundespräsidenten wieder zu besetzen, sondern die Personalie zeigt auch die von der Parteiführung gewünschte Richtung an.
Die Grünen könnten sich mit der Unterstützung eines Sozialdemokraten klar zu R2G bei der Bundestagswahl 2017 bekennen oder sie wählen einen CDU-Mann und sichern sich damit eine Regierungsbeteiligung in einer Koalition mit Merkel und Seehofers CSU.
Natürlich schweigen die Grünen, weil sie zu genau dieser Entscheidung gar nicht fähig sind. Die Hälfte der Partei (Göring-Kirchentag, Özdemir, Kretschmann und die Hessen) will mit Merkel ins Koalitionsbettchen und die andere Hälfte (Trittin und Co) will gerade nicht Merkel für vier weitere Jahre zur Kanzlerin machen.

Gabriel kann nun einen bekannten SPD-Politiker auf den Schild heben, um sich damit von Merkel abzusetzen und auf R2G zu zielen, oder er kann eine profilfreie Allerweltsperson à la Gauck auswählen, mit der alle Parteien leben können, so daß ihm die Option als Juniorpartner in einer neuen GroKo ab 2017 weiter offensteht.

Letzteres versuchte Gabriel, indem er völlig unvorbereitet den Namen Käßmann auf den politischen Marktplatz warf.
Das war gleich in vielfacher Hinsicht ein Fehlschlag. Merkel, die zu Fehlern provoziert werden sollte, ließ sich nicht provozieren. Gabriel stand durch Käßmanns prompte Absage als taktischer Volltrottel da und schließlich vergraulte er auch noch all die Menschen, die über ein Gehirn verfügen und daher allergisch auf Käßmanns Strunzdummheit reagieren.

Nachdem Gabriel mit dieser Methode voll gegen die Wand geprallt war, dachte er sich offensichtlich, daß er nochmal Anlauf auf die Wand nehmen sollte, indem er nun auf einmal „Steinmeier“ schrie.

Offensichtlich wollte er nach einer Mikrosekunde des Nachdenkens wieder einmal Merkel piesacken und plapperte gegenüber des Intellektuellen-Magazins „BILD“ los:

Doch nun dreht Gabriel den Spieß um: "Alle Parteien suchen nach einem geeigneten Bewerber, der unser Land repräsentieren kann, aber auch die Herausforderungen unserer Zeit kennt und Antworten darauf hat", sagte Gabriel der "Bild"-Zeitung . "Die SPD hat bereits einen Kandidaten, auf den all das zutrifft: Frank-Walter Steinmeier." Auch andere führende Sozialdemokraten sprachen sich am Wochenende für Steinmeier als Gauck-Nachfolger aus. [….]

Hurra, und wieder griff der SPD-Chef gleich mehrfach ins Klo:

Merkel ist vergrätzt, weil sie natürlich keinem Sozi-Kandidaten zustimmen kann, bevor überhaupt einer von der CDU genannt wurde. Damit hat sich Gabriel die Option GroKo 2017 schwerer gemacht.

Die Linken sind aber auch vergrätzt, weil Steinmeier für sie das Symbol für die „Agenda 2010“ ist.

Die Linkspartei will eine mögliche Kandidatur des SPD-Politikers Frank-Walter Steinmeier für das Amt des Bundespräsidenten nicht unterstützen. Steinmeier sei für die Linke "unwählbar", sagte Parteichef Bernd Riexinger den Dortmunder Ruhr Nachrichten.
Riexinger begründete seine Absage damit, dass Steinmeier "einer der Architekten der Agenda 2010" sei. Dieses Reformpaket habe "die Armut in die Mitte der Gesellschaft gebracht und die Spaltung zwischen Arm und Reich vertieft".
Davon abgesehen bezeichnete es der Linken-Chef als "selbstherrlich, wenn die Koalitionsparteien einen der ihren ins nächste Amt schieben, während die Regierungsbank noch warm ist". Damit wäre die Chance verpasst, "eine Persönlichkeit zum Bundespräsidenten zu machen, die unabhängig als Repräsentant der Bürgerinnen und Bürger auftritt und sich glaubhaft für soziale Gerechtigkeit und eine friedliche Welt stark macht". [….]

Damit hat sich Gabriel die Option R2G 2017 schwerer gemacht.

Indem Gabriel aber den Namen ohne irgendwelche internen Absprachen in den Topf warf, also nicht vorher mit Mehrheitsbringern von CDU/CSU oder von Grünen/Linken sprach, verbrannte er auch den Namen „Steinmeier“, der nun gar nicht mehr Bundespräsident werden kann, obwohl er einer der ganz wenigen ist, die das überhaupt wollen.

Glückwunsch, Zickzack-Sigi. Das war mal wieder ein STRIKE! Mit einem Schlag das gesamte politische Porzellan auf dem Tisch zerschlagen.

Gabriel hat sich nun gleich mehrfach blamiert:
Mit der verfrühten Auswahl einer Person, mit dem Lancieren an die Presse und auch noch mit den prompten Absagen und Union und Linker.

Diesen personalpolitischen Meisterstrategen muß Merkel nicht fürchten.

Zum Glück habe ich Gabriels Probleme nicht und bleibe bei meiner Bundespräsidenten-Favoritin, von der ich nach wie vor zu 100% überzeugt bin.