Mittwoch, 2. Dezember 2015

Auf den größten Haufen scheißen – Teil II

Während die gute alte westeuropäische Nachkriegswelt wie wir sie kennen zerbröselt, gibt es doch einige Konstanten in dieser Phase der Orientierungslosigkeit: Die Kirchen und die erbärmliche Haltung des Staates zu ihnen.

In Hildesheim wehrt sich das katholische Bistum Norbert Trelles wie eh und je gegen die Aufklärung sexuellen Missbrauchs durch Geistliche an Kindern.

Das Hildesheimer Bistum sieht sich schwerwiegenden Vorwürfen ausgesetzt. Eine junge Frau gibt an, im Alter von elf Jahren von dem Pater R. sexuell bedrängt worden zu sein. Das hatte sie nach eigenen Aussagen 2010 dem Bistum mitgeteilt. Die Übergabe an die Staatsanwaltschaft erfolgte allerdings erst im November des Jahres durch die Großeltern - und nicht durch die Kirche. Ferner arbeitete das Bistum nicht mit den Behörden zusammen und verschwieg, dass der beschuldigte Geistliche sich bereits am Canisius-Kolleg an Kindern vergangen haben soll.
Die Opferinitiative "Eckiger Tisch" fordert nun den Rücktritt des mit dem Fall befassten Hildesheimer Bischofs Norbert Trelle.

Die evangelisch-reformierten Kollegen arbeiten sich unterdessen weiterhin an Schwulen und Lesben ab.
Wir befinden uns wohlgemerkt im Jahr 2015.
Sechs Jahre nachdem eine konservative Regierung einen offen Schwulen zum Vizekanzler gemacht hat.

[…] Zwei evangelische Pfarrer wehren sich öffentlich gegen die Anerkennung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften durch die Lippische Landeskirche. Peter Busse und Matthias Köhler […] haben den […] Beschluss, verpartnerte Paare zu segnen, scharf kritisiert.
Im Gemeindeblatt druckten die Pfarrer eine von ihnen mitverfasste Stellungnahme aus dem Jahr 2002 ab, in der sie unter anderem für die Homo-"Heilung" werben. Die gleichgeschlechtliche Liebe sei demnach "kein unveränderliches Schicksal, das ausgelebt werden muss". Wird sie doch ausgelebt, sei das eine "Sünde".
Auch setzten die Pfarrer Schwule und Lesben mit Menschen gleich, die sexuelle Beziehungen mit Tieren unterhalten oder sexuelles Interesse an Kindern haben: "Wenn Homosexualität als berechtigter Weg zur Sexualität anerkannt wird, besteht dann nicht die Gefahr, dass in Zukunft auch andere Arten fehlgeleiteter Sexualität (Pädophilie, Polygamie, Sodomie…) als normal anerkannt, gefördert und 'abgesegnet' werden?"
[…] In den letzten Monaten waren einige evangelische Pfarrer durch homophobe Tiraden aufgefallen: Erst im August hatte ein fränkischer Gottesdiener die Ehe-Öffnung als "dekadent und pervers" bezeichnet und mit Eheschließungen zwischen Tieren und Menschen verglichen […]. In Sachsen erklärte sogar der Landesbischof öffentlich, dass sexuell aktive Schwule und Lesben "gegen den Willen Gottes" verstießen. […]

Die Meldungen über die Rekordaustrittszahlen beider großen Kirchen in Deutschland verwundern wenig.
Organisationen, die gegen LGBTIs hetzen und ihre eigenen Pädo-Skandale vertuschen stehen im Jahr 2015 aber auch gut da. Jedenfalls finanziell.
Sie werden geradezu zugeschüttet mit Milliarden.

Die katholische und die evangelische Kirche in Deutschland haben im vergangenen Jahr einen neuen Rekord bei den Kirchensteuereinnahmen erzielt. Das gaben die Pressestellen der Deutschen Bischofskonferenz in Bonn und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Hannover am Dienstag bekannt.
Demnach übersprangen die Einnahmen bei der katholischen Kirche 2014 mit rund 5,68 Milliarden Euro zum dritten Mal in Folge die Fünf-Milliarden-Grenze. Gegenüber 2013 bedeutet das ein Plus von 4,24 Prozent. Die EKD verzeichnete erstmals Einnahmen von mehr als 5 Milliarden Euro, was einem Plus von 4,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht.
(FAZ 10.03.2015)

Die Zahlen, die jetzt langsam für das laufende Jahr eintrudeln, vermelden wieder Rekorde.

Einen besseren Abschied hätte sich Klaus Winterhoff, der für die Kirchenfinanzen zuständige Juristische Vizepräsident der Evangelischen Kirche von Westfalen (EvKW), kaum vorstellen können: Er konnte der Synode der Landeskirche verkünden, dass die EvKW in diesem Jahr einen neuen Rekord bei den Kirchensteuereinnahmen erzielen dürfte. Mit 505 Millionen Euro rechnet Winterhoff, der im April 2016 nach 20 Jahren im Amt in den Ruhestand geht. Das sind noch einmal 50 Millionen Euro mehr als ursprünglich geplant.

Fünf Milliarden Euro Einnahmen – diese stolze Summe hatte der Vorsitzende des Haushaltsausschusses, Friedrich Vogelbusch, zu verkünden. Damit sind die Einnahmen der EKD innerhalb von zehn Jahren um eine Milliarde Euro gestiegen.

Es gibt viele Gründe für den sagenhaften Reichtum der Kirchen.
So kommen klamme Gemeinden für die Ausrichtungen der Kirchentage der Multimilliardenkonzerne aus.
Und wenn man mal ein Gebäude sanieren muß, werden die hochverschuldeten Länderhaushalte und Kommunen zur Kasse gebeten, statt in die eigenen prall gefüllten Kassen zu greifen.

17,3 Millionen Euro wird die Sanierung des Schleswiger St. Petri-Doms kosten. 

Die Predigtkirche des Bischofs des Sprengels Schleswig und Holstein der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland hat einen wackeligen Turm.
Errichtet im Jahr 1894 gehörte das Gebäude zunächst dem Preußischen Staat und ging nach 1945 an das Land Schleswig-Holstein über.
Erst 1957 wurde er der Landeskirche Schleswig-Holstein geschenkt, die inzwischen in der steinreichen Nordkirche aufgegangen ist.
Das ist schon eine eklatante Frechheit so ein gewaltiges Gebäude vom Staat an einen milliardenschweren Konzern zu verschenken.
Daß dieser dann aber bei anfallenden Kosten gleich wieder beim Staat angelaufen kommt, um die Hand aufzuhalten, setzt noch einen drauf.
Und schließlich das i-Tüpfelchen: Der verschuldete Staat zahlt auch noch bereitwillig.

Der 112 Meter hohe Turm und die Westfassade des historischen Schleswiger St. Petri-Doms werde ab Ende 2016 saniert. Die Kosten sind mit 17,3 Millionen Euro veranschlagt. Der Haushaltsausschuss des Bundestages habe eine Förderung von 50 Prozent zugesagt, teilte der Schleswiger Bischof Gothart Magaard am Dienstag in Schleswig mit.
Weitere Gelder sollen vom Land, der Stadt Schleswig und der evangelischen Nordkirche kommen. [….]

Dienstag, 1. Dezember 2015

Ehre, wem Ehre gebührt.



Vor fast genau 30 Jahren wurde Boris Becker 18 Jahre alt und verkündete der erstaunten deutschen Öffentlichkeit, er müsse nicht zur Bundeswehr gehen, er habe schließlich genug für Deutschland geleistet.
Ich erinnere das noch sehr genau, weil ich zur selben Alterskohorte gehöre und viele meiner damaligen Freunde sich mit Wehrdienstverweigerung und Zivildienst plagten.
Damals war das „Verweigern“ durchaus noch nicht akzeptiert und auch nicht für jeden möglich, weil die „Gewissensprüfung“ oft schief ging. Man kann das alles sehr gut in Sven Regeners „Neue Vahr Süd“ nachlesen, wenn man ein Zeitkolorit der damaligen Bundeswehr/Zivi-Generation erleben will.
Der Zivildienst Anfang der 1980er Jahre dauerte übrigens 20 Monate (Grundwehrdienst 15 Monate) und sollte zum 01.06.1989 sogar auf 24 Monate verlängert werden.
Die nachfolgende Generation kann sich vermutlich gar nicht mehr vorstellen wie lästig es ist nach der Schule erst mal zu zwei Jahren Dienst verdonnert zu werden; ein Dienst, der durchaus an der Waffe sein konnte, wenn die Gewissensprüfung misslang.
Boris Beckers Einlassung, er müsse nicht zur Bundeswehr stieß bei seinen Altersgenossen, die zufällig keine millionenschweren Superstars waren nicht auf viel Gegenliebe.

Ich meine nach wie vor, Becker unterlag da einem fundamentalen Missverständnis: Er war schon über alle Maßen privilegiert! Konnte durch die Welt reisen, war als Teenager schon Multimillionär und Liebling der Massen.

Wenn man schon so viele Vorteile genießt, ist dies kein Grund deswegen noch mehr Belohnungen zu verlangen.
Wofür? Etwa dafür, daß er auf einem kleinen Stück Rasen stundenlang hinter einem kleinen Filzball hinterher rennt?
Das war doch seine Entscheidung sich damit zu beschäftigen, es war nicht Verteidigungsminister Manfred Wörner, der Becker darum gebeten hätte.

Höchstprivilegierte Menschen sind in der Fußballernation Deutschland natürlich die Nationalspieler.
Kaum einer von ihnen brachte es je auf mehr Bildung als den Hauptschulabschluss und doch verdienen sie alle mindestens siebenstellig.
OK, sie leiden alle am Smallpenis-Syndrom; das zeigen die grotesken Lamborghini- und Ferrari-Flotten auf den Clubparkplätzen.
Anders als die zumeist studierten Minister, die nur ein Bruchteil eines Fußballergehaltes verdienen, wird den Rasenrabauken ihr absurder Reichtum aber nicht geneidet.
Nein, sie werden überall bewundert und adoriert.
Als höchste Ehre bei ihnen gilt es Mitglied der Nationalmannschaft zu werden. Dann steigt der Marktwert ins Unermessliche, dann wird der Ruhm verewigt.
Nun könnte man annehmen ein Mensch, der höchst geehrt wird und Millionen Euro dafür bekommt Tore zu schießen, würde das erst Recht tun, wenn er im Fokus der Weltöffentlichkeit steht.
Aber weit gefehlt. Getreu des Prinzips „der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen“ verteilen DFB und Innenministerium weitere Millionen als Siegprämien, um die Gripsbefreiten mit den strammen Waden überhaupt in Gang zu setzen.

Der Deutsche Fußball-Bund und die Nationalspieler haben sich auf die Prämien für die WM 2014 in Brasilien geeinigt. Im Falle eines Triumphs bei der Weltmeisterschaft erhält jeder Kicker 300.000 Euro.
Der Spielerrat der deutschen Fußball-Nationalmannschaft um Kapitän Philipp Lahm hat mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) die Prämien für die Weltmeisterschaft im kommenden Sommer in Brasilien ausgehandelt. Bei einem Aus in der Vorrunde und im Achtelfinale würden die DFB-Stars leer ausgehen. Erst bei Erreichen des Viertelfinales bekommt jeder Spieler 50.000 Euro, für den Halbfinaleinzug 100.000 Euro und für die Endspielteilnahme 150.000 Euro. Die gleiche Regelung hatte es bereits bei der Europameisterschaft 2012 gegeben.
Auf der DFB-Homepage sagte Präsident Wolfgang Niersbach: "Die Spieler bekennen sich mit dieser stark erfolgsabhängigen Regelung wieder ganz klar zum Leistungsprinzip. Ich danke besonders Helmut Sandrock und Philipp Lahm für dieses gute Ergebnis."

Ohne die 300.000 Euro pro Nase hätte einige offenbar gar nicht gewußt wofür sie nach Brasilien fliegen sollten.

Die Prämien des Trainerteams um Joachim Löw sind nicht bekannt, dürften sich aber in einem ähnlichen Rahmen bewegen.  Im Fall des Titelgewinns würde der DFB insgesamt fast sieben Millionen Euro an Prämien ausschütten.
Bis zu 22 Millionen Euro kann den DFB das WM-Unternehmen kosten.
Die Einnahmen durch den Weltverband FIFA richten sich nach dem sportlichen Erfolg der DFB-Auswahl.
Der Weltmeister kassiert 35 Millionen Dollar (25,5). Jeder der 32 teilnehmenden Verbände erhält von der FIFA zudem einen Kostenzuschuss in Höhe von 1,5 Millionen Dollar (1,1). Die Höhe der FIFA-Preisgelder beläuft sich auf insgesamt 358 Millionen Dollar (261,1).

Profisportler sind Menschen, die sich freiwillig dafür entscheiden sich nur ihrem eigenen Ruhm zu verschreiben.
Irrigerweise meinen sie, dafür gebühre ihnen Dank.
Das haben sie mit anderen Egomanen gemein, die ohne Sinn und Verstand beispielsweise aus Flugzeugen springen, Meeresarme durchschwimmen, Berge erkraxeln, durch Höhlen robben, sich zu Fuß durch die Arktis schleppen oder mit dem Fahrrad nach China fahren.
Ich frage mich warum.
Niemand hat sie gezwungen.
Sie können das ja alles gerne tun, aber es ist ihr Privatvergnügen.
Solche sportlichen Leistungen mögen zwar im physischen Sinne durchaus bemerkenswert sein, aber es sind auch Leistungen, die purem Egoismus entspringen und keinerlei Sinn für die Allgemeinheit haben.
Es sind also Leistungen, die als allerletztes auf der Liste der vom Staat belohnten Dinge stehen sollten.
Ihnen stünde Lob und Anerkennung zu, posaunen nun Sportskanonen nach dem NEIN zu Hamburgs Bewerbung für die Olympischen Spiele 2024 aus.
Das ist reine Hybris!
Ein Hamburger Desaster - welche Vision von sportlicher Zukunft verfolgen die Menschen in dem Land für das ich kämpfe überhaupt noch? Der Vision von McDonalds und unbeweglichen Kindern, von dicken Kindern? Wahrscheinlich. Und was ist mit Geld? Geld? Ein oder zwei Milliarden - lächerlich wenn wir Hunderte von Milliarden in andere Länder investieren um deren Zukunft zu retten? Oder so ähnlich... Ich bin maßlos enttäuscht. Wirklich. Viel Spaß noch.
(Diskus-Olympiasieger Robert Harting, 30.11.15  Facebook, 12.565 anderen gefällt das.)
Harting findet es angesichts der Tausenden deutschen Soldaten im Kosovo, in Afghanistan und nun bald auch in Syrien also angebracht zu sagen, ER kämpfe für Deutschland und das solle Deutschland auch mal ein bis zwei lächerliche Milliarden wert sein?

Harting kämpft FÜR SICH!

Für Deutschland ist es völlig irrelevant, ob so ein Wurstpellenkleidungs-Fetischist irgendwelche Metallklumpen über den Acker schmeißt oder nicht.

Möglicherweise haben ihm Steroide die Synapsen verklebt, daß er sich anmaßt irgendjemand wäre ihm dafür zu Dank verpflichtet.
Deutschland müßte gar 11,2 Mrd rausprassen, damit er noch mehr im Rampenlicht stehen kann?

Herr Harting, Sie sind bereits reich und berühmt: Das Internet ist voller Bilder von Ihnen. Und das alles wegen eines Egotrips ohne Mehrwert.
Reicht es nicht?

Wenn Deutschland eine Diskussion darüber führen sollte welchen Menschen man für „ihren Kampf“ zu einem 11,2-Milliarden-Euro-Dank verpflichtet ist, fallen mir Millionen andere ein, bevor ich an so eine Muskel-Hulk denke, der manisch seine Nippel präsentiert.

Zum Beispiel jede einzelne Altenpflegerin, die 10 Stunden pro Tag für ein albernes 1000-Euro-Monatsgehalt umhersaust, um hilflose Senioren zu waschen.
Zum Beispiel jeder Straßenkehrer, der bei Wind und Wetter jeden Morgen loszieht, um die Feierrückstände zu beseitigen, die Partydeutschland auf den Straßen hinterläßt, wenn ein Fußballspiel gewonnen wurde.
Zum Beispiel jeder Krankenpfleger, der unter rasant steigendem Kostendruck auf den Stationen rotiert und versucht Menschen in Not beizustehen.
Zum Beispiel jeder freiwillige Helfer, der sich am Hauptbahnhof verängstigter Flüchtlinge aus Syrien annimmt.
Zum Beispiel jeder Bäcker und Gemüsemann, der um 4.00 Uhr aufsteht, um dafür zu sorgen, daß wir alle mit frischen Lebensmitteln versorgt sind.

Herr Harting soll sich bitte ganz hinten anstellen.

Montag, 30. November 2015

Kampagne versus Journalismus



Für einen homo politicus wie mich sind alle Wahlabende große Ereignisse.
Groß, aber selten gut.
Meistens wird es noch schlimmer als ich es befürchtet hatte und dann muß man zu allem Übel auch noch die Menschen, die man an wenigsten leiden kann beim Jubilieren betrachten.
Gestern kam es zu der angenehmen Variante, daß ich ein schlechtes Ergebnis erwartete und es dann doch ganz prima ausging.
Das schwere, dicke Damoklesschwert, das seit Monaten so bedrohlich über meinem Kopf schwebte war schlagartig verpufft. Einfach weg. Sehr erleichternd.  
Ich kommentierte mit relativ wenig Häme und wollte das Thema „Bewerbung für die Olympischen Spiele 2024“ schnell lad acta legen, weil es wirklich Wichtigeres gibt.
Ja, die Enttäuschung der Unterlegenen wurde etwas sehr ausgewalzt, aber dabei ging es hauptsächlich um Sportler und die sind ohnehin nicht für ihre geistigen Kapazitäten bekannt.

Heute staune ich allerdings nicht schlecht über das Verhalten der Hamburger Presse.
Seitenlanges Lamento und Schuldzuweisungen.
Immer noch wird wie selbstverständlich die Position vertreten, daß man vernünftigerweise nur FÜR Olympische Spiele sein könne.
Das Aus für die Bewerbung wird ausschließlich als Schmach und Schande beschrieben. Offensichtlich wurde das 52%-Dagegen-Ergebnis in den Zeitungsredaktionen als 99%-Zustimmung uminterpretiert, die aber durch irgendeine Ungerechtigkeit des Satans nicht zählte.

Der Abendblatt-Chef Lars Haider ließ sogar wissen wie sehr man sich nun für Hamburg schämen müsse. Es sei eine Blamage.

Hamburg, Helmut Schmidts "schlafende Schöne", hat wieder kurz einmal im Scheinwerferlicht gestanden. Die Stadt war die Hoffnung des deutschen Sports, aber auch die Hoffnung der deutschen Politik. Niemand hätte es dort für möglich gehalten, dass die Hanseaten diese Herausforderung nicht annehmen würden. Jetzt, wo genau das geschehen ist, wird die Wahrnehmung und die Rolle Hamburgs in Deutschlands eine andere sein. Man wird wieder viel über die Selbstzufriedenheit der Hamburger lästern, aber auch über ihren fehlenden Mut. Die Entwicklung der Hanse- zur Sportstadt wird stoppen, weil es kein gemeinsames Ziel mehr gibt. […]  Sagen wir es, wie es ist: Von außen betrachtet hat sich Deutschland mit Hamburg in einer Form blamiert, wie man es kaum für möglich gehalten hätte. […]  In die olympische Geschichte wird Hamburg eingehen als der Bewerber, der sich selbst um eine große Chance gebracht hat.

Ich bin einigermaßen verblüfft wie wenig Haider in der Lage ist über den Tellerrand hinaus zu blicken.
Offensichtlich lebt der Abendblatt-Chef in einem speziellen Biotop und begreift gar nicht, daß die Mehrheit es eben nicht so sieht, sondern stolz darauf ist, daß sich die Majorität der Hamburger eben nicht vor den Karren hochkorrupter Multimilliarden-Lobbyisten spannen ließen.

Dabei hatte es der Kampagne nicht an Unterstützung gefehlt: Mit Ausnahme der Linken standen alle Bürgerschaftsfraktionen hinter der Bewerbung. Auch der Hamburger SV und andere Profisportvereine trommelten. Und sogar lokale Medien warfen ihre neutrale Beobachterposition über Bord und warben mit Sonderbeilagen, ganzen Olympia-Zeitungen und einseitiger Berichterstattung für Olympia 2024.
(Benjamin Knaak, SPON, 30.11.2015)

Was für eine völlig absurde Wahrnehmung Sport wäre nur in Form von mit 11,2 Milliarden Euro gepamperten IOC-Veranstaltungen möglich!
Es gibt doch täglich Sportveranstaltungen, jedes Wochenende sogar sportliche Großveranstaltungen. Das kann und wird auch weiterhin stattfinden.
Was für eine völlig absurde Wahrnehmung Stadtentwicklung wäre nur möglich, wenn man sich Termine und Art der Entwicklungen vom IOC bestimmen läßt.

Bis gestern Abend hielt ich das Referendum noch für eine normale demokratische Angelegenheit.
Heute bekommt es aber doch noch einen ganz anderen Spin:
Die geballte MACHT Hamburgs; Parteispitzen, Milliardäre, Funktionäre, ausnahmslos alle Multiplikatoren aus der Medienwelt, Stars, Promis, Unternehmer und Verbände hatten sich zusammengetan und waren ob dieser Kumulation sicher ihren Willen durchzusetzen.
Daß sie nun aber doch am Votum des Souveräns gescheitert sind, können sie offensichtlich nicht glauben.

In Hamburg haben sich die Politik, allen voran Bürgermeister Olaf Scholz, und ein Großteil der Medien früh auf eine nahezu rückhaltlose Unterstützung der Bewerbung festgelegt. Seit Wochen haben sie das Motto "Feuer und Flamme" durch die Stadt getragen, gerade in den Zeitungen hatte das Züge einer Kampagne. Früher hätte dies wohl Wirkung gezeigt, heute nährt so etwas eher Unbehagen.
Ein Unbehagen, das in Deutschland möglicherweise noch etwas größer ist als anderswo. Und auch dadurch gefüttert wird, dass die Erfahrungen, die man zuletzt mit Großprojekten gemacht hat, nicht wirklich ermutigend sind. Stuttgart 21, die Elbphilharmonie, der Flughafen BER in Berlin-Schönefeld - zuletzt bewiesen deutsche Planer vor allem, dass sie es nicht können.
(Peter Ahrens, SPON, 29.11.2015)

Olaf Scholz hat gestern vorbildlich reagiert, indem er sagte, das Ergebnis entspräche zwar nicht seinen Wünschen, sei aber eindeutig und zu akzeptieren.
Dazu nannte er einige objektive Gründe, die zu dem Ergebnis geführt haben könnten.
DAS hätte der Tenor sein müssen.
Stattdessen erleben wir heute aber in der Hamburger Presse wütende Beschimpfungen. Das demokratische Votum wird oftmals gar nicht akzeptiert. Die Leute hätten ohne Verstand und „aus dem Bauch heraus“ entschieden.
Es wäre dumm, provinziell, beschämend, etc.

"Ein Hamburger Desaster" nennt Diskus-Olympiasieger Robert Harting den Ausgang des Votums und fragt: "Welche Vision von sportlicher Zukunft verfolgen die Menschen in dem Land, für das ich kämpfe überhaupt noch?"
Hockey-Olympiasieger Moritz Fürste kann seine Enttäuschung nicht verbergen. "Sport in Deutschland ist tot", schreibt er und zeigt sich enttäuscht von dem kurzsichtigen Denken seiner Heimatstadt.
Die Olympia-Gegner bekommen nun Wind von allen Seiten. Die verpasste Chance auf Olympia bringt die Stimmung vielerorts zum Kochen. In den sozialen Netzwerken lassen die Nutzer ihrem Frust freien Lauf. Harte Worte bleiben aber auch von den deutschen Sport-Prominenten nicht aus.
Der Präsident des Deutschen Volleyball-Verbandes Thomas Krone vergleicht den Ausgang des Referendums mit einem „Dolchstoß für die Entwicklung des Hochleistungs- und Breitensports unterhalb des Fußballs in Deutschland.“

Geht es noch?
Das Desaster haben die Hamburger verhindert.
Angerichtet haben das Desaster eben jene Sportfunktionäre, die jetzt am lautesten pöbeln.

Es sind die im Akkord produzierten Sportfunktionärsskandale, die abschrecken.
DOSB, Fifa, DFB, IAAF stehen symbolisch für Intransparenz und Korruption bei allen Sportverbänden.
Davon haben die Menschen nun – verständlicherweise – die Nase voll.
Das ist übrigens mitnichten ein Hamburger Phänomen, wie der irrlichternde Abendblatt-Chef Haider orakelt.

Solche Megaveranstaltungen wie zum Beispiel die Winterspiele 2022 kann man nur per order di mufti durchführen. Das Volk will das eben nicht mehr.

·        St. Moritz/Schweiz 52,66 % Nein-Stimmen
·        München 52,1 % Nein-Stimmen
·        Stockholm/SWE zu wenig öffentliche Unterstützung
·        Krakau/Polen 69,7 % Nein-Stimmen
·        Oslo/Norwegen zu wenig öffentliche Unterstützung

Die Herren Funktionäre Vesper, Hörmann und Rauball sollten also lieber mal in die Spiegel gucken, statt öffentlich rumzunörgeln.

Wenn eine Allparteien- und Allmedienkoalition statt einer Diskussion und Argumentation nur noch auf Kampagnen setzt, in der andere Meinungen völlig totgeschwiegen werden, macht das misstrauisch.
Damit haben sich Bürgerschaft, Zeitungen und Verbände einen Bärendienst erwiesen.
A posteriori machen sie es noch viel schlimmer, indem jetzt munter nachgetreten wird, weil man ein Wahlergebnis einfach nicht akzeptieren will.

Die Vespers und Hörmanns sollten ihre kapitale Selbsttäuschung und völlige Entkopplung von der Realität mal lieber zum Anlass nehmen zurück zu treten und nicht die Wähler beleidigen.

 „Das ist eine Schmach für den Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland Alfons Hörmann. Noch vergangene Woche hat er auf den entscheidenden Elan des deutschen Sports auf allen Ebenen beharrt.“
(„Le Figaro.fr“)

Stattdessen kleben die Herren Funktionäre aller Ebenen förmlich auf ihren Sitzen und nehmen noch nicht mal wahr, daß niemand ihnen noch vertraut.

Wahrlich beschämend ist etwas anderes in Hamburg:
Während man in den überregionalen Zeitungen aus München, Berlin und Frankfurt abgewogene Berichterstattung über die Olympiabewerbung findet, in der auch gute Argumente der Gegner aufgelistet sind, gibt es an der Elbe leider keine gute und seriöse Presse.
Die taz erscheint zwar mit einem Hamburg-Regionalteil, aber die Zeitung findet man ob der homöopathischen Auflage kaum.
Daneben gibt es die stramm rechten Springer-Postillen „WELT“ und „BILD“, das stramm konservative und zunehmend personell ausgeblutete „Abendblatt“ aus der FUNKE-Mediengruppe und schließlich noch das Boulevardblättchen „Hamburger Morgenpost“ (MoPo) von der Mediengruppe M. DuMont Schauberg.

Die Mopo gilt als etwas liberaler, hat sich in der causa Olympiabewerbung allerdings von der schlechtesten Seite gezeigt.

Soll das objektive Berichterstattung sein?
 
Daß jemand auch zufrieden mit dem 52%-Ergebnis sein kann, wird von der Mopo noch nicht einmal als Möglichkeit in Erwägung gezogen.
Auch nach der Abstimmung werden quasi nur Olympia-Befürworter zitiert.

Ich habe keinerlei Anlass Mopo, Abla oder gar die Welt zu verteidigen.
Aber generell ist es ein riesiges Problem, wenn sich die ohnehin auf dem absteigenden Ast befindliche Printpresse durch Schlampigkeit und Lobbyistenhörigkeit ohne Not noch unglaubwürdiger macht.

Andere Zeitungen beweisen ja, daß man auch ausgewogen und hintergründig über die Probleme einer Olympiabewerbung berichten kann.
Es sind aber leider ausgerechnet alle Hamburger Blätter, die mit ihren aufgesetzten Scheuklappen versagen.
Wenn immer mehr Menschen pauschal (und falsch) behaupten, man könne „der Presse“ generell nicht trauen, tragen Bild-HH, Welt-HH, Mopo und Abla Mitschuld durch ihre Unterperformance.

Da passt es, daß einer der blödsinnigsten Kommentare zum Thema auch von einem Hamburger Erzeugnis kommt; nämlich dem STERN:

Mit dem "Nein" zu Olympia zeigen die vermeintlich vorausschauenden Gegner, dass ihr Horizont kurz hinter dem eigenen Gartenzaun aufhört. Natürlich hätte ein "Ja" nicht bedeutet, dass die Spiele anschließend auch an die Elbe gegangen wären. Garantiert ist in diesen unsicheren Zeiten nämlich wenig. Aber wer nicht lebt, wird nichts erleben.
Hamburg sei das Tor zur Welt, heißt es, aber die Bürger haben dieses Tor verriegelt und den Schlüssel weggeworfen. Die traurigste Erkenntnis daran ist nicht, dass sie den Schlüssel womöglich nicht wiederfinden werden. Sondern dass sie ihn überhaupt nicht wiederfinden wollen.
(Tim Sohr, STERN, 30.11.15)

Genau umgekehrt wird ein Schuh draus.
Die Hamburger haben entschieden sich lieber den 50.000 Flüchtlingen in der Stadt zu widmen; ihnen die Türen und Herzen zu öffnen. Nach wie vor ist die Unterstützung für die Heimatvertriebenen enorm in Hamburg.
Da ist das Geld besser eingesetzt, als bei ohnehin steinreichen Sportvermarktern.


Sohr, setzen, sechs.

Nachtrag:

Jetzt erst entdecke ich einen sehr schönen Kommentar von Guido Pauling, den ich dringend noch empfehlen möchte; bitte lesen!
Darin heißt es unter anderem:

[….] Ganz gleich ob man nun für oder gegen Olympische Spiele im Norden ist; man muss feststellen: Die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger hat sich nicht beeinflussen lassen von dem Dauergetrommel der lokalen und überregionalen Medien, von nahezu überall prangenden Olympia-JA-Wahlplakaten, von einer Dauerberieselung pro Olympia, die selbst vor Feuer-und-Flamme-Parolen auf dem Kassenzettel des Supermarkts nicht halt gemacht hat.
[….] Und das ist die zweite überraschende Erkenntnis: Dass die Eliten in der Stadt, der Hamburger Senat, die Politiker nahezu aller Parteien, viele herausragende Köpfe der hanseatischen Gesellschaft die Wähler so falsch eingeschätzt haben.
Von gewaltiger Enttäuschung, sogar von einem Scherbenhaufen ist die Rede, als ob die Hamburger etwas kaputt gemacht haben. Hier zeigt sich eine Kluft zwischen den Meinungsführern aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und der "normalen" Bevölkerung, die nachdenklich stimmen sollte. [….]