Montag, 2. November 2015

Rosinenpicken



Das ist das Blöde, wenn man einer monotheistischen Religion angehört: Da es nur einen Gott gibt, kann man seine Autorität auch nicht in Frage stellen.

Rosinenpicken verbietet sich grundsätzlich, denn wenn man einige Lehren des einen Gottes ablehnt, stellt man ihn auch sofort insgesamt in Frage. Und genau das ist die Definition des Glaubens, daß man das eben nicht tut.

Es ist eine fundamentale religiöse Absurdität von anderen die Einhaltung bestimmter Forderungen aus Koran/Bibel/Thora zu verlangen, während man selbst solche Forderungen ignoriert.

Man kann nicht das Zinswesen akzeptieren, Schalentiere essen und Sklaverei verdammen, wenn man gleichzeitig aufgrund biblischer Texte beispielsweise Homosexualität verdammt.

Seine überragende Dummheit offenbarte Grünen-Religiot Volker Beck, als er am Bundestagsrednerpult mit der aufgeschlagenen Bibel in der Hand aus der Genesis zitierte, um die Penisbeschneidung zu rechtfertigen, während er die im gleichen Buch enthaltenen Forderungen nach Frauenunterdrückung, Sklaverei und Antisemitismus ablehnt.
Biblische Lehren haben sich als Schande erwiesen und somit ist das Gesamtkonzept Gott gescheitert.


Ein Christ, der nicht mit Sklaverei und Antisemitismus einverstanden ist, kann seine Bibel gleich wegwerfen, denn Gott hat seine Gebote gewiss nicht als unverbindliche Vorschläge verstanden.
Im Gegenteil, das Christentum lebt von DOGMEN, die eben nicht verhandelbar sind. Aufgrund dieser Dogmen wurden Millionen Menschen gequält und umgebracht.

Dem diametral entgegen gesetzt ist das Schmidt-Salomonsche Konzept des evolutionären Humanismus, welches besagt, daß sich unsere humanistischen Grundsätze in einem kontinuierlichen Wandel befinden.
Der Humanismus von vor 200 Jahren kannte keine Frauenrechte und Demokratie, vor 100 Jahren waren gleiche Rechte für LGBTs und die Ächtung der Prügelstrafe noch kein Thema. Gut möglich, daß im Jahr 2215 der Humanismus selbstverständlich Konzepte beinhaltet, die heute noch hochumstritten sind. Man denke an Tierrechte, Recht auf Selbsttötung, nationale Rechte, soziale Ungleichheiten und Ähnliches.

"Wir sind nicht die Krone der Schöpfung, sondern die Neandertaler von morgen". Die Giordano-Bruno-Stiftung vertritt die Position des „Evolutionären Humanismus“, die Mitte des letzten Jahrhunderts von dem bedeutenden Evolutionsbiologen und ersten Generaldirektor der UNESCO, Julian Huxley, formuliert wurde. […] Wie jeder konsequente Humanismus geht auch der Evolutionäre Humanismus von der Notwendigkeit und Möglichkeit der Verbesserung der menschlichen Lebensverhältnisse aus. Evolutionäre Humanisten treten entschieden für die Werte der Aufklärung, für kritische Rationalität, Selbstbestimmung, Freiheit und soziale Gerechtigkeit ein. Allerdings begreifen sie den Menschen nicht mehr als „Krone der Schöpfung“, sondern als unbeabsichtigtes Produkt der natürlichen Evolution, das sich nur graduell, nicht prinzipiell, von den anderen Lebensformen auf diesem „Staubkorn im Weltall“ unterscheidet.
 Als Kinder der Evolution sind auch wir bloß „Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“ (Albert Schweitzer), was sich in einem verantwortungsvolleren Umgang mit der nichtmenschlichen Tierwelt niederschlagen sollte.
 Ethische Grundlage des evolutionären Humanismus ist das "Prinzip der gleichen Berücksichtigung gleichrangiger Interessen". Daher sind diskriminierende Ideologien wie Rassismus, Sexismus, Ethnozentrismus oder Speziesismus sowie sozialdarwinistische oder eugenische Konzepte [….] mit dem evolutionären Humanismus unvereinbar.
(gbs)

Es ist aber zu vermuten, daß Humanisten sich in ein paar Hundert Jahren – sofern es dann noch Menschen geben sollte – nicht so entsetzlich für ihre Ursprünge schämen müssen wie es Christen schon jetzt mit Blick auf die entsetzlichen Gräueltaten der Kirchengeschichte und den explizit Mensch- und Natur-feindlichen Lehren der Bibel tun müssen.

Als Humanist verstehe ich Kultur als Angebot, strebe nach Vielfalt.
Da ich prinzipiell undogmatisch bin und an keine allmächtige und unfehlbare Instanz glaube, kann ich im Gegensatz zu Frau Käßmann sehr wohl ein kulturelles Rosinenpicken betreiben. Anders als die debile BILD-Kolumnistin will ich niemanden meine Vorlieben aufdrängen.
Die Metapher für kulturelle Vielfalt ist üblicherweise das Essen.
Noch in den 1970er Jahren zeigte Wolfgang Menge in seiner genialen Serie „Ein Herz und eine Seele“ wie abwehrend und negativ der deutsche Spießer auf die ersten Pizzas reagierte.


Zu der Zeit war meine Familie aus NY nach Deutschland gekommen und ich erinnere mich noch, daß meine Eltern immer auf der Suche nach bestimmten Lebensmitteln waren, die es hier kaum gab.
Scallions und romaine lettuce kamen damals gerade erst auf.
Ich war darauf trainiert nach Frühlingszwiebeln Ausschau zu halten und wir kaufen jedes Bund Scallions, das wir fanden.
Die tollsten Pakete aus den USA enthielten damals „Muffins“. Wir bekamen die sehr selten, weil man sie aufgrund der Haltbarkeit als Luftpost schicken mußte und das war sehr teuer.
Ich erinnere mich aber noch genau an die damaligen Verpackungen und wie wir uns regelrecht darum prügelten, wer das erste Muffin aus dem Toaster essen durfte. Vor etwa 20 Jahren (?) trauten wir unseren Augen kaum, als es auf einmal in hiesigen Supermärkten auch „Toastis“ von Harry gab, die wie Muffins schmeckten. Natürlich nicht so gut, aber immerhin. Noch länger dauerte es bis zur großen Freude meines Vaters Pastrami in den deutschen Wursttheken auftauchte – zu spät für mich; ich war da schon lange Vegetarier.
Inzwischen gibt es kaum noch Lebensmittel, die ich aus Amerika vermisse. Das Angebot in Deutschland ist groß geworden. Lediglich Lawry's seasoned salt muß ich mir noch aus den USA schicken lassen, weil ich dafür keine Alternative in Deutschland finde.

Nun ist Amerika nicht der Inbegriff der kulinarischen Kultur.
Erheblich wichtiger sind der asiatische, italienische, französische, arabische und türkische Einfluß auf das deutsche Essen.
Ohne türkische Antipasti und italienischen Balsamico und Mozzarella, ohne Sojasoße und französische Käse würde ich vermutlich verhungern.
Dabei bin ich durchaus ein „picky eater“ und mag alles Mögliche nicht.
Die meisten Waren des von mir bevorzugten Asia-Marktes VINH-LOI Hamburg rühre ich lieber nicht an. Aber das Angebot ist so reichhaltig, daß ich doch regelmäßig dahin fahre und immer mal wieder etwas Neues ausprobiere.
Das ist aber gerade das Kennzeichen kultureller Vielfalt, daß man nicht alles mag, vieles vielleicht sogar als regelrecht abstoßend empfindet.

Vor einigen Jahren eröffnete bei mir um die Ecke ein hübsches gemütliches portugiesisches Café. Die Inhaber waren wunderbare Leute, die ich liebend gern unterstützt hätte.
Leider kann ich portugiesische Backware nichts ausstehen. Zu trocken, zu süß und dann auch noch voll mit diesen widerlichen Sukade-artigen Gummiobst-Klumpen. Ekelhaft.
Zum Einjährigen veranstaltete die Betreiber ein öffentliches Grillen für die Nachbarschaft. Eigentlich wunderbar, nur leider haben die meisten Portugiesen diese unerklärliche Vorliebe für Bacalhau, der natürlich auf die Grills gelegt wurde und die ganze Gegend in einen unfassbaren Gestank hüllte.
Ich wäre beinahe kollabiert und lief mit grünem Gesicht um mein Leben.
Erstaunlich, aber wahr: Andere Menschen empfinden das anders als ich. Das Grillfest war gut besucht. Offenbar gibt es sogar Deutsche, die nicht augenblicklich Brechreiz bekommen, sondern das Zeug sogar essen.

Es sind Angebote, die nebeneinander her existieren können – in Parallelwelten.
Parallelgesellschaft ist übrigens ein zu Unrecht negativ konnotierter Begriff.
Ich schätze Parallelgesellschaften. Man kann sich zwischen ihnen bewegen und die einem extrem Widerstrebenden links liegen lassen.

So eine Parallelgesellschaft ist für mich beispielswiese die Schlager- oder Volksmusikszene.
Das sind Megatrends, die ganz große Hallen füllen und Millionen CDs verkaufen.
In Hamburg rotten sich im Sommer sogar Myriaden geistig Retardierte zum „Schlagermove“ zusammen.
Wenn so etwas stattfindet, muß man flüchten.
Jeder Hamburger hat schon Kölner und Düsseldorfer erlebt, die zur Karnevalszeit aus ihren Städten hierher fliehen, weil sie die Massen Geistesgestörter nicht ertragen können.
Aber das ist die natürliche Kehrseite eines kulturellen Angebotes, von dem wir alle viel mehr profitieren, als wir erleiden müssen.
Natürlich würde kein Biodeutscher heute noch seine Nahrungsaufnahme auf schwäbische Kutteln, bayerische Weißwurst, Hamburger Labskaus und Hessischen Äppelwoi beschränken.
Wir sind nicht nur dankbar für die vielen Alternativen, sondern haben sie in unseren täglichen Speiseplan integriert.
Was für ein Glück, daß die Geschmäcker verschieden sind und nicht alle immer nur Isländischen Hákarl, Pfälzischen Saumagen, Schottischen Häggis oder Schwedisches Surströmming essen, sondern ständig kulturell beeinflusst werden.

Natürlich praktiziere ich das Rosinenpicken keineswegs nur beim Essen, sondern generell.

Ohne angelsächsische Rockmusik, Italienische Opern, russische Literatur, Isländischen Pop, Schweizer Uhren, Belgische Schokolade, Japanische Elektronik, amerikanische Drama-Serien, Syrische Seifen, französisches Kino, Iranische Pistazien, Israelische Pomelos, Indische Software oder Italienisches Design will man nicht mehr auskommen.

Sonntag, 1. November 2015

Impudenz des Monats Oktober 2015



Und schon wieder einmal zeigt der Kalender eine „1“ - hohe Zeit für mich den Blödmann des Monats zu küren.

Den Titel bekommt im Oktober die Ideologie der Grenze.


Immer mehr Europäer glauben 30 Jahre nach „Schengen I“ an die Wiedererrichtung von Grenzanlagen, mit NATO-Draht bewehrten Zäunen und menschenundurchlässigen Sperren als Allheilmittel.

Die zugrundeliegende Idee des Grenzwahns ist die Fiktion man könne alles Fremde aussperren und dann in einer homogenen Umgebung leben.
Wir kennen das Prinzip als amerikanischen „gated communities“, in denen ein dahergelaufener Schwarzer schon mal erschossen wird, weil er dort fremd ist.
Nicht anders ist die zunehmende innerstädtische Abschottung zu verstehen. In Hamburg werden Luxuswohnhäuser mit „Concierge“ geplant, so daß Fremde nicht hereingelassen werden.

Die Methode kann schon deswegen nicht funktionieren, weil die Definition des Fremden subjektiv ist.
Da ich über keine nationalen oder patriotischen Gefühle verfüge, ist mein Maßstab am ehesten die Stadt Hamburg, die mir so vertraut ist wie kein anderer Ort.
Aber auch hier empfinde ich vieles als im negativen Sinne „fremd.“

Dazu gehören beispielsweise die vielen Bälger, die gestern in billigen REWE-Kostümen hier klingelten, weil es irgendwelchen Marketingstrategen geschafft haben zur Konsumankupplung den amerikanischen Halloween-Wahn nach Deutschland zu bringen.
Fremd sind mir auch grölende Fußballfans oder Teenager-Kohorten, die wie Zombis auf ihre Smartphone-Displays starrend durch die Straßen wanken.
Das sind für mich fremde Einflüsse, die ich nicht mag, aber selbstverständlich akzeptiere.



Hamburg ist andererseits die Stadt mit den zweitmeisten Konsulaten der Welt; durch den Hafen gibt es hier eine Jahrhundertealte Multikulti-Geschichte. 40% der Hamburger haben einen „Migrationshintergrund“ – um da widerliche Wort zu benutzen.
Ladeninhaber, Architekten oder Kardiologen im UKE-Herzzentrum sind hierzulande sehr oft relativ dunkelhäutig und mit komplizierten Nachnamen versehen. Das ist für mich sehr vertraut und im positivsten Sinne fremd.
Björn Höcke, Horst Seehofer und Lutz Bachmann sehen das sicher anders.
Was der eine als fremd und ausgrenzungswürdig empfindet, ist für den nächsten ein Wohlfühlfaktor. Ich finde es super, daß mein Blumenhändler und sein Ehemann keine Spießer sind, daß meine Gemüseverkäuferin Litauerin ist und mir viel aus dem Baltikum erzählt.
Grenzen zu ziehen muß schon deswegen misslingen, weil man sich gar nicht darüber einig werden kann, wen man eigentlich ausgrenzen möchte.
Säße ich mit den Transitzonen-Adepten Seehofer, de Maizière und Spahn zusammen, würde ich dafür plädieren Syrer, Iraner und Iraker einzugemeinden und dafür Sachsen und Bayern auszusperren.


Paula Wessely und Attila Hörbiger waren bis zu ihrem Lebensende die unumstrittenen Stars des Wiener Burgtheaters.
Als sie im Jahr 2000 im Alter von 93 Jahren starb, wurde ich von einer österreichischen Freundin fast erschlagen, weil ich ihre NS-Propaganda-Vergangenheit erwähnte.
In dem anti-polnischer Superkassenschlager-Propagandafilm „Heimkehr“ von Gustav Ucicky aus dem Jahr 1941 spielt Wessely zu Goebbels Freude eine der perfidesten NS-Rollen aller Zeiten. Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hält „Heimkehr“ daher für den übelsten Film überhaupt und widmete ihm ihr weltberühmtes Theaterstück „Burgtheater“.
Wesselys ultraberühmter Monolog, als sie im Gefängnis von deutscher Homogenität phantasiert, stellt für mich den ultimativen Alptraum dar.
Ich möchte den Youtube-Link (1:41 Minuten) ungern verlinken, weil es sich dabei um einen immer noch verbotenen Film handelt.
Aber wenn man „Paula Wessely in "Heimkehr" 1941“ bei Youtube eingibt, bekommt man den Ausschnitt sofort.

Vermutlich ist das Verbot sogar gerechtfertigt, wenn man sich vorstellt, wie Höcke, Marcus Pretzell, Festerling und Co mit genau diesem Denken reüssieren.

"... Ja da möcht ich drauf schwör'n, daß das so sein wird Leute. Heimkommen werden wir bestimmt, ganz bestimmt. Irgendwie werden wir heimkehren. Warum soll denn das nicht sein ?–, es ist doch alles möglich. Und das ist nicht nur möglich, das ist gewiß. Zuhause in Deutschland, da sind sie ja jetzt nicht mehr schwach und den Leuten dort ist es nicht egal wie's uns geht, im Gegenteil, ach das hat mir Fritz immer gesagt, sie interessieren sich sehr für uns und warum sollten wir da nicht heimkehren dürfen? –, wenn wir nur wollen!
Denkt doch bloß Leute, wie das sein wird, denkt doch bloß, wenn so um uns rum lauter Deutsche sein werden, und nicht wenn du in einen Laden rein kommst, daß da einer jiddisch redet oder polnisch, sondern deutsch. Und nicht nur das ganze Dorf wird deutsch sein, sondern ringsum rundherum wird alles deutsch sein. Und wir, wir werden so mitten im Herzen sein von Deutschland. Denkt doch bloß Leute, wie das sein wird. Und warum soll das nicht sein.
Auf der guten alten warmen Erde Deutschlands werden wir wieder wohnen, daheim und zuhause. Und in der Nacht, in unseren Betten, wenn wir da aufwachen aus dem Schlaf, da wird das Herz in seinem süßen Schreck plötzlich wissen, wir schlafen ja mitten in Deutschland. Daheim und zuhause.
Und ringsum ist die tröstliche Nacht, und ringsum da schlagen Millionen deutsche Herzen und pochen in einem fort leise; daheim bist du Mensch, daheim bei den Deinen. Und uns wird ganz wunderlich sein ums Herz, daß die Krume des Ackers und das Stück Lehm und der Feldstein und das Zittergrass und der schwankende Halm der Haselnußstaude, die Bäume, daß das alles deutsch ist, die ja alle zugehörig sind zu uns, weil's ja gewachsen ist auf den Millionen Herzen der Deutschen die eingegangen sind in die Erde und zur deutschen Erde geworden sind. Denn, wir leben nicht nur ein deutsches Leben, sondern wir sterben auch einen deutschen Tod.
Und tot bleiben wir auch deutsch und sind ein ganzes Stück von Deutschland, eine Krume des Ackers für das Korn der Enkel. Und aus unseren Herzen da wächst der Rebstock empor in die Sonne. Und ringsum singen die Vögel und alles ist deutsch, alles, Kinder, wie unser Lied. Woll'n wir's nicht singen grade jetzt, unser Lied, weil wir es grade spüren, so wie wir es in der Schule gelernt haben, hm?“
(Monolog der Marie Thomas im Gefängnis)

Das ist die Apotheose eines eingegrenzten Landes, in dem völkische Homogenität herrscht.
Und wir wissen alle wie das endete.

Und heute träumen CDU und CSU von Transitzonen, die nichts anderes als Internierungslager für alles Fremde sind und eine Totaleinzäunung Deutschlands bedeuten.

Nach dem gescheiterten Flüchtlingsgipfel hat der stellvertretende SPD-Vorsitzende Ralf Stegner der Union vorgeworfen, mit „Schäbigkeitswettbewerben“ nur Rechtsextremisten zu nützen. „Die CSU will immer noch exterritoriale Transitzonen, die, egal wie man das verbrämt, Internierungslager sind“, sagte Stegner am Sonntag.

Immerhin muß man heute Sigmar Gabriel dankbar sein Seehofer und Merkel ein klares „Nein“ zu dem Plan entgegen geschleudert zu haben.

Neben der Schwierigkeit sich zu einigen was genau man aus- und eingrenzen soll und will, bleibt bei dem Thema ein gerüttelt Maß an Heuchelei.
Denn diese Grenzen, von denen CDU, CSU, AfD und NPD träumen sollen ja nur für andere Menschen gelten.

Sich selbst wollen die Grenzbesessenen ausnehmen und weiterhin reisen, ohne irgendwo in einem Zwischenlager interniert zu werden.

Und schon gar nicht sollen diese neuen Grenzen für all die Methoden gelten, mit denen wir Deutschen anderen Länder ausbeuten und die Gründe zu fliehen exportieren.


Warum können Produktionsstätten, Finanzströme und Märkte alle Grenzen überwinden, nur Menschen und Arbeitskräfte nicht?

Und selbst das Menschen-Aufhalten klappt in der modernen Zeit nicht mehr.
Wir treiben damit Unschuldige, Darbende und Versehrte ins Meer und sehen zu wie sie ersaufen.
Oder aber wir machen Schlepper reich, die für genügend Geld Papiere und Flugtickets besorgen.

Was also spricht, jenseits des Notstands, für offene Grenzen? Seit den Achtzigerjahren wird die Idee in drei Versionen diskutiert und propagiert, in einer radikalen, einer wirtschaftlichen und einer ethisch-politischen Version. Die radikale Auffassung, um mit ihr zu beginnen, verlangt schlicht, die Grenzen vollständig aufzuheben.
Die Gründe: Migration sei nie zu verhindern, egal welche Zäune und Mauern man errichtet. Mit dem Wegfall der Kontrolle müsste keiner mehr die Flucht mit dem Leben bezahlen. Zugleich entfalle das kriminelle Schlepperunwesen und auch jede inländische Grauzone der Illegalität. Die befürchtete Masseninvasion sei eine Einbildung - historische Beispiele (Wegfall der deutschen Mauer, Öffnung der Grenze zwischen Indien und Nepal, europäische Freizügigkeit) zeigten, dass nach einem erstem Ansturm der Strom abebbt. Offene Grenzen erlaubten Migranten, problemlos zwischen Zielland und Heimatland zu reisen, sie müssten sich also nicht mehr an das einmal erreichte Zielland klammern.

Es sind praktische, technische und ökonomische Gründe, die gegen die Errichtung von Grenzen sprechen. Auch die Sozialethik verbietet es uns das zu tun, was die ganze CSU so vehement fordert: Ausgehungerten Frauen und weinenden frierenden Kinder die Tür vor der Nase zuzuschlagen.
Dahinter steckt eine höchst fragwürdige Moral, die aus der christlichen Religion stammt: Eine „Wir sind besser als die“-Ideologie, die mit größter Selbstverständlichkeit davon ausgeht, daß einem selbst etwas zusteht, das einem Bedürftigen auch mit Gewalt zu verweigern ist.
Einziges Kriterium dafür ist offenbar der Zufall der Geburt.


Weil Horst Seehofer mit weißer Haut in Ingolstadt geboren wurde, nimmt er sich das Recht die damit verbundenen Vorzüge einem anderen Menschen, der zufällig mit dunklerem Teint in Aleppo geboren wurde zu verweigern.
Dabei ist Seehofers Verdienst an seinem Geburtsort genauso wenig vorhanden wie sein Anteil an seiner Augenfarbe oder Heterosexualität.

Am unnachgiebigsten argumentieren jene, die allein auf die Universalität der fundamentalen Moral- und Rechtsgrundsätze pochen. Exemplarisch ist die berühmte Abhandlung von Joseph H. Carens aus dem Jahr 1987 unter dem Titel "Aliens and Citizens: The Case for Open Borders", auf die sich heute viele beziehen: Ethisch gesehen, gebe es keinen Unterschied zwischen "Fremden" und "Bürgern". Das Bürgerschaftsrecht, das man in westlichen Demokratien mit der Geburt erwerbe, sei das moderne Äquivalent zum feudalen Geburtsprivileg - und ebenso wenig zu rechtfertigen.

Für mich sind das bei weitem ausreichende Gründe auf Grenzschutzanlagen zu verzichten – auch wenn dafür schwere ökonomische Verwerfungen drohen.

Tatsächlich ist aber wohl eher das Gegenteil der Fall.
Zuwanderung, Migration, kulturelle Vermischung sind ein ökonomischer Segen.
Wäre man gläubig, sollte man Gott für die vielen Menschen danken, die zu uns kommen wollen.


Samstag, 31. Oktober 2015

Angela Komfortabel



Während Crazy Horst noch zetert und die CSU noch mehr zur Witzpartei mutiert, ist es interessant zu sehen, wer Frau Merkel aus ihrer eigenen Truppe beisteht.
Diejenigen, die ohnehin auf dem absteigenden Ast sitzen und nach Angela Merkel in der Bundespolitik keine Rolle mehr spielen werden, wagen sich durchaus mal so wie der Minusmann de Maizière mit Bösartigkeiten vor. Genau wie Seehofer steht er im Herbst seiner Karriere.

Die etwas jüngeren CDUler, die auf der Karriereleiter noch weiter zu klettern hoffen, wissen daß sie ohne die allmächtige Kanzlerin und Parteichefin keine Chance haben und stellen sich auffällig devot hinter ihre Führerin.
Die Vizes Julia Klöckner und Armin Laschet loben Merkel ebenso demonstrativ wie Ursula von der Leyen.

Flüchtlinge sind in der CDU aber generell unpopulär.
Wer also nicht aus naheliegenden machtpolitischen Gründen nicht auf Merkel angewiesen ist, hält sich mit Belobigungen zurück.
Unterstützung erfährt die Kanzlerin von anderer Seite.

1.   Ihr zuverlässigster Fan Katrin Göring-Kirchentag jubiliert für die Kanzlerin.
2.   Yanis Varoufakis verkündet wie stolz er auf Merkel sei.
3.   Das notorisch CDU-kritische attac-Mitglied Heiner Geißer erklärt seine Parteichefin für Nobelpreis-würdig.
4.   In der aktuellen F.A.Z. schreibt der neben Geißler letzte Arbeitnehmervertreter in der CDU, Norbert Blüm, eine flammende Lobrede auf seine Kanzlerin.

Merkel als Ikone der Linken?
Da wundert es schon weniger wie genervt der bayerische Ministerpräsident reagiert.

Tatsächlich kommen die vier genannten Merkel-Fans aus nicht überzeugenden Gründen zu ihren Lobeshymnen.

Deutschland bleibt Zahlungen für die EU und Flüchtlingslager im Nahen Osten schuldig, Deutschland verweigert Entwicklungshilfe, Merkel blockiert den Klimaschutz, sie steht für eine ausbeuterische Agrarpolitik und gießt durch rasant zunehmende Waffenexporte Öl ins Feuer.

Merkel handelt unmoralisch, indem sie auf Abschottung und Elend an den Grenzen und auf dem Mittelmeer setzt.

Merkel betreibt kontraproduktive Politik, indem sie populistischen Schwachsinn wie die Einführung von Sachleistungen statt Geldmittel propagiert und bis heute nicht für Deutsch- und Integrationskurse sorgt.

Es läuft bei ihr immer nach demselben Muster, das wir zuletzt bei Griechenland und der Ukraine kennengelernt haben:
Gipfel reiht sich an Gipfel, aber stets werden die wahren Probleme ausgeklammert, die Lösungen gar nicht erst angedacht und die Dramatik vertuscht.
Griechenland steht heute noch genauso vorm ökonomischen Kollaps durch falsche Austeritätsdiktate und Merkels Investorenschutz, wie in der Ukraine Chaos und Elend herrscht, weil sie ihre antirussischen Komplexe nicht in den Griff bekommt.

Bei der Flüchtlingskrise erleben wir wieder Merkel pur: Lavieren, durchwurschteln und Politiksimulation, die einzig und allein Merkel nutzt und den Menschen im Elend kein bißchen hilft. Sie schiebt auf und wagt keine neuen Wege zu gehen.

Merkels unmoralische Flüchtlingspolitik
[….] Denken Sie jetzt mal die Merkelsche Flüchtlingspolitik bis zu ihrem bitteren Ende. Es werden mehr Flüchtlinge kommen. Und Merkel wird natürlich nicht die Grenze zu machen. Sie wird stattdessen mit den Türken verhandeln. Mit den Griechen. Und mit den Kroaten. Sie wird enorme Summen lockermachen, um dafür zu sorgen, dass die Flüchtlinge nicht weiter in den Westen kommen. So wie die griechische Wirtschaft in einer permanenten Rezession verharrt, so werden die Flüchtlinge in permanenten Aufnahmelagern verharren.
Diese Politik lässt sich nicht schnell umsetzen. Sie wird Geld kosten. Und sie wird unsere Außenpolitik kompromittieren. Man wird mit der Türkei lange nicht über Menschenrechte reden. Merkel wird sich durch die Flüchtlingskrise genauso durchwurschteln wie durch die Eurokrise, und dabei wird weder die eine noch die andere Krise gelöst. Der einzige Gewinner dieser Politik ist Merkel selbst. Von den medialen Kulissen tobt Beifall.
Die Lösung beider Krisen hätte eine Kombination aus Großzügigkeit und Härte verlangt. Beim Euro hätte man tatsächlich eine gemeinsame Haushaltspolitik schaffen sollen mit gemeinsamer Bankenabsicherungen und gemeinsamen Staatsanleihen. Im Gegensatz dazu aber hätte man die impliziten Garantien für die Mitgliedstaaten nicht aussprechen dürfen. Jetzt sind erneut die Kurse für europäische Staatsanleihen auf Blasenniveau angestiegen. Italiens Schuldenstand beträgt 140 Prozent der Wirtschaftsleistung, doch der italienische Staat erfreut sich mittlerweile negativer Zinsen.
Wer aber wie Merkel die föderale Lösung ablehnt, braucht sich dann auch nicht zu wundern, dass andere eine föderale Lösung bei der Flüchtlingspolitik ablehnen. Gemessen an der Bevölkerung der EU - 500 Millionen - ist die Anzahl der Flüchtlinge klein. Das Problem entsteht dadurch, dass man eine Politik, die man eigentlich nur zentral ausüben kann, jetzt dezentral koordinieren muss. Das ist ungefähr so, als würden wir die Bundeswehr der Kultusministerkonferenz unterstellen. [….]