Mittwoch, 28. Dezember 2022

Abschied von einer Hamburger Institution  

Jeder, der als Kind in Hamburg lebte, verbindet viele Erinnerungen mit Hagenbecks Tierpark. Über 1.850 Tiere leben in den Gehegen und der Parkanlage. Dazu kommt das 8.000 Quadratmeter große Tropen-Aquarium mit weiteren 14.300 Tieren. Hagenbeck ist der einzige in Familienhand befindliche Tierpark Deutschlands.

Erst liebte ich die Tiere, wollte da immer hingehen. Als Teenager begriff ich aber, wie grausam das Delphinarium ist, was Hospitalismus ist, daß man Schimpansen und Gorillas nicht in winzige Glaskästen stecken darf, was artgerechnete Haltung und „Enrichment“ sind, daß es kein Vergnügen für Elefanten und Kamele ist, von lärmenden Besuchern „geritten“ zu werden.

Ein Vierteljahrhundert boykottierte ich den berühmtesten Zoo Deutschlands.

Immerhin lernten die Hagenbecker aber auch dazu. Die Schandflecken, wie das Affenhaus und Delphinarium, wurden ganz aufgeben. Leoparden wurden aus ihren kleinen Käfigen geholt. Es gab weniger Tierarten, dafür mehr Individuen, die in viel größeren Gehegen lebten. Elefantenreiten wurde abgeschafft und zum Unmut der Besucher wurde das Füttern bis auf wenige Ausnahmen verboten. Den Tieren ist nicht geholfen, wenn sie Zentnerweise Süßigkeiten fressen.

In dem neuen Tropenhaus und dem Eismeer, leben die Tiere sicherlich nicht, wie in freier Wildbahn, aber sie haben viel mehr Platz, die Gegebenheiten sind viel besser ihrem natürlichen Lebensraum angepasst. Sie werden nicht mehr bloß verwahrt und gefüttert, sondern auch einigermaßen artgerecht unterhalten.

Grundsätzlich sind Zoos moralisch sehr problematisch. Ob Publikumsmagneten wie Eisbären, Löwen und Elefanten überhaupt artgerecht gehalten werden können, bezweifele ich. Besser geeignet sind sicherlich die gerade bei Kindern beliebten kleineren Tiere – Meerschweinchen, Karnickel, Capybaras (Wasserschweine), Maras (Pampashasen), Ziegen, Pfauen, Schwäne – die auf dem riesigen Gelände weitgehend frei herumlaufen können und machen, wozu sie Lust haben. Dabei ist besonders wichtig, daß sich die Viecher zwar unter die Besucher mischen können, es aber auch geschützte, abgetrennte menschenfreie Bereiche gibt, in die sie sich zurückziehen können.

Das Gegenargument, daß dennoch für Tiger- oder Nashornhaltung spricht, sind die Arterhaltungsprogramme. Es gibt in freier Wildbahn ausgestorbene Tiere, die (fast) nur noch in Zoos vorkommen. Die Zoos sind international vernetzt, erfassen die Genome der einzelnen Individuen. Jeder Großzoo ist auf ein paar Tierarten spezialisiert, die sich bei ihm mit möglichst wenig Inzucht fortpflanzen sollen, indem ihnen andere Tierparks genetisch möglichst nicht verwandte Exemplare schicken.

Aber auch das ist ein etwas schales Argument. Nutzen die aufwändigen Transporte und die Kosten überhaupt etwas, wenn dann ein paar Dutzend Tiere einer Art überleben, die ohnehin keinen Lebensraum mehr haben und nie wieder frei und wild leben können werden?

Sollten wir nicht lieber alle Ressourcen dafür verwenden, Lebensraum zu erhalten, indem zum Beispiel Schutzgebiete aufgekauft werden?

Aber auch das funktioniert nicht bei jeder Art. Vielen Tieren macht der Klimawandel zu schaffen. Eisbären verhungern, wenn es zu warm ist, so daß das Meer nicht zufriert. Das wird man schlecht mit Geld beeinflussen.

Meine Verbindung zu Hagenbeck wuchs wieder mit der NDR-Zoo-Serie Leopard, Seebär und Co, von der zwischen 2007 und 2018 volle 200 Episoden produziert wurden.

Die Serie spielte eine große Rolle bei der Bespaßung von Alten und Dementen, die sich tagsüber langweilen, sich aber nicht mehr auf ein Buch oder TV-Geschichten mit Handlungssträngen konzentrieren können. Für sie sind Zoo-Serien ideal. Mit der Zeit bildet man sich ein, die Pfleger zu kennen, begreift die Abläufe hinter den Kulissen.

Umso trauriger also, daß die bis aufs Blut zerstrittenen zwei Hauptzweige der Eigner-Familie Hagenbeck, als letzte Gemeinsamkeit den „Diktator“ Dirk Albrecht, 73, also Zoo-Chef einsetzten.

Der Mann ist ein derartiger Tyrann, daß er einen Gerichtsprozess nach dem nächsten gegen die Angestellten führt, sie mit Schikanen überhäuft, willkürlich entlässt. Selbst die Hamburger Landesregierung mischte sich ein, nennt Albrecht „starrsinnig.“

[….] Hamburg. Die Schlammschlacht im Tierpark Hagenbeck wird erneut zum Fall für die Justiz: Wie die Hamburger Staatsanwaltschaft am Mittwoch bestätigte, hat der Betriebsrat eine weitere Strafanzeige gegen den Tierpark-Geschäftsführer Dirk Albrecht erstattet.

Der Vorwurf lautet auf Behinderung der Arbeitnehmervertreter, was nach Paragraf 119 des sogenannten Betriebsverfassungsgesetzes mit einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr bestraft werden kann.   [….]

(Abendblatt, 18.05.2022)

Ein Drittel der Tierpfleger hat bereits aus Verzweiflung gekündigt. Das ist äußert ungewöhnlich. Tierpfleger verdienen zwar eher schlecht, bleiben aber üblicherweise lebenslang bei Hagenbeck, weil sie sich den Tieren verpflichtet fühlen.

Es ist wie in einem Pflegeheim. Man muss sich immer um sie kümmern, egal ob Silvester oder Sonntag ist. Tierpfleger streiken deswegen nicht. Der Sadist Albrecht ließ ihnen aber keine Wahl, da eine Zusammenarbeit mit ihm unmöglich ist und so kam es im August 2022 erstmal zu Warnstreiks.

[….] "Die Geschäftsführung führt einen regelrechten Kampf gegen die eigenen Beschäftigten und wendet dabei Strategien des "Union Busting" an, um den Betriebsrat einzuschüchtern", sagte der gewerkschaftspolitische Sprecher der Linksfraktion, David Stoop, am Mittwoch. Unter "Union Busting" verstehen Gewerkschaften die systematische Bekämpfung ihrer Arbeit. Der Tierpark Hagenbeck wollte sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Der Streit bei Hagenbeck beschäftigt auch die Justiz. Auf eine Anfrage der Linken teilte der Senat mit, dass in den vergangenen zwei Jahren 33 Verfahren gegen die Geschäftsführung eingeleitet wurden. In drei Fällen ermittele die Staatsanwaltschaft wegen der Vorwürfe der Behinderung des Betriebsrats und wegen Betrugs im Zusammenhang mit Kurzarbeitergeld. "Die Vielzahl an Gerichtsverfahren zeigt, dass etwas gehörig schiefzulaufen scheint bei Hagenbeck", sagte Stoop. Im August dieses Jahres hatten Beschäftigte für bessere Arbeitsbedingungen bei Hagenbeck gestreikt. Bislang weigere sich der Geschäftsführer Dirk Albrecht jedoch, sich mit der Gewerkschaft an einen Tisch zu setzen, kritisierte IG-Bau-Regionalleiter André Grundmann.  […]

(dpa, 09.11.2022)

Nur die Hagenbeck-Familie könnte Dirk Albrecht rauswerfen.

Aber sie lassen lieber den ganzen Tierpark zu Grunde gehen und verzichten auf die halbe Belegschaft.

Damit wären wir beim zweiten großen Hagenbeck-Problem: Die Hagenbecks sind Arschlöcher. Sie behandeln ihre Mitarbeiter wie Dreck und wollen sich auch 2022 noch nicht von ihrem Gründer-Großvater Carl-Hagenbeck distanzieren, der mit seinen europaweiten Menschenzoos berühmt und sagenhaft reich wurde.

Die Zeiten des alten Carl Hagenbeck, der kontinuierlich neue Wildtiere und Menschen in Afrika einfangen ließ, um sie in seinem Hamburger Zoo vorzuführen, sind vorbei.

Es ist keine Hundert Jahre her, daß man hier bei mir vor der Tür in Hamburg entrechtete Menschen in Käfige sperrte und anglotze.

Gerne wurden „Schau-Neger“ auf Jahrmärkten gezeigt. Carl Hagenbeck ließ für seinen Zoo in Hamburg allerlei „wilde Afrikaner“ einfangen und zeigte sie den höchst interessierten Hanseaten in seiner „Völkerschau“.
Den christlichen Besuchern kam es gar nicht in den Sinn, daß es irgendwie unmoralisch sein könnte, neben Löwen und Antilopen auch Hottentotten und Zulus in Käfigen zu zeigen.
Die Körperlichkeit der vielen afrikanischen Völkerschauen in Deutschland faszinierte insbesondere die Frauen in Deutschland - hatten sie doch in der Regel noch nie nackte Männer gesehen.


Blütezeit der Völkerschauen in Europa war zwischen 1870 und 1940. Allein in Deutschland wurden in dieser Zeit über 300 außereuropäische Menschengruppen vorgeführt. Teilweise lebten in diesen „anthropologisch-zoologischen Ausstellungen“ gleichzeitig über 100 Menschen.

(Wiki)


Tatsächlich konnten die in Hamburg gefangenen Afrikaner noch von Glück reden. Es war nämlich durchaus auch üblich „Neger“ aus praktischen Erwägungen auszustopfen oder des einfacheren Transports halber nur ihre Köpfe auszustellen.
Noch heute lagern in den Kellern der Berliner Charité kistenweise getrocknete Köpfe von Menschen aus allen Gegenden Afrikas.

(Tammox 15.02.2011)

Auch heute weigert sich Claus Hagenbeck das Unrecht anzuerkennen.

[….] Doch Hagenbeck schweigt sich dazu konsequent aus, dabei hatte man vor zwei Jahren nach Protesten selbst eine kritische Aufarbeitung angekündigt. Wiederholt hat Panorama bei Hagenbeck angefragt. Es gibt kein Interview zum Thema, keine Antworten auf viele Fragen. Der Tierpark verweist immer wieder auf das gleiche schriftliche Statement. Darin heißt es: Die Menschen "arbeiteten als Darsteller mit Verträgen und Gage für Hagenbeck". Carl Hagenbeck habe die Teilnehmer der Völkerschauen "als Gäste" gesehen und nie misshandelt. Dessen Urenkel und heutiges Familienoberhaupt Claus Hagenbeck lehnt ein Interview ebenfalls ab. Dabei hat er sich in der Vergangenheit durchaus zu dem Thema geäußert, sieht sie offenbar aber nicht kritisch. In einer Dokumentation aus dem Jahr 2020 sagt Hagenbeck: "Völkerschauen waren ja eine Kunstform. Es wurden ja nicht Sklaven hier nach Europa geholt, sondern es waren Gaukler, die in ihrem Heimatland gegaukelt haben."  In einem früheren TV-Statement aus dem Jahr 2003 räumte er indirekt eine Inszenierung der ausgestellten Menschen als Wilde ein. Offenbar amüsiert berichtete er: "Was die Veranstalter nicht gerne sahen, war, dass die Eingeborenen in Anführungsstrichen, die sich ja hier präsentierten als wilde Menschen, dass die sich abends Schlips und Kragen umbanden und nach St. Pauli zum Tanzen gingen. Das war nicht gerne gesehen, weil dann ja der Nimbus der Wilden, Fremden etwas aufgelöst wurde." [….]

(Panorama 24.11.2022)

Es hilft alles nichts. Ich muss Hagenbeck wieder boykottieren.

Dienstag, 27. Dezember 2022

Der schwule jüdische Migrant der GOP

Der New Yorker George Santos, 34, ist eine der ganz großen Hoffnungen der Republikaner. Überraschend gewann er am 08.11.2022 den rein urbanen liberalen New York's 3rd congressional district (ich wähle in New Yorks 1. Distrikt) und zieht in das US-Repräsentantenhaus ein.

142.673 Stimmen = 54,1 % für den Republikaner Santos in dem demokratischen Wahlkeis waren eine Ansage! Demokrat Robert Zimmerman ging mit 45,9 % (121.094 Stimmen) unter.

Santos gelang dieses Kunststück mit Hilfe seiner für GOPer sehr ungewöhnlichen Vita, die im Multikulti-New York gut ankam. Aber damit nicht genug; Santos ist auch noch sagenhaft klug, besuchte Elite-Unis, entpuppte sich als genialer Geschäftsmann und deckte damit auch noch die bei GOPern beliebteste Minderheit ab: Die der Superreichen.

[….] Santos most recently worked at Devolder Organizations, which he describes as a family-owned firm that managed $80 million in assets. On his congressional financial disclosure forms, he described the company as a capital introduction consultant company, which typically serves as a liaison between investors and investment funds. But his disclosure did not reveal any clients of the firm. Santos reported a $750,000 annual salary and over $1 million in dividends from Devolder Organizations, and lent his campaign more than $700,000 this cycle. […]

(Metroweekly, 19.12.2022)

Santos Mutter beeindruckte bereits als Einwanderin in NY.

On his campaign website, Santos wrote that his mother was "the first female executive at a major financial institution" and that she worked in the South Tower of the World Trade Center and survived the September 11 attacks.

Seine ukrainischen Großeltern entkamen als Juden nur knapp dem Holokaust, schlugen sich zunächst nach Belgien durch und flohen nach Südamerika. Da George Santos auch noch der erste offen schwule Republikaner im Kongress ist, deckte er gleich vier Minderheiten ab: Jude. Migrant. Queer. 9/11-Opfer.

[….] In New York als Sohn von Einwanderern aus Brasilien geboren, führte Santos seine Karriere - laut seiner Vita zumindest - an zwei New Yorker Universitäten, wo er sich Abschlüsse in Finanzwirtschaft erwarb. Es folgten Anstellungen bei den Wall-Street-Größen Goldman Sachs und Citigroup. Seine Familie besaß angeblich einen millionenschweren Immobilienfonds, er gründete eine Firma, die ihren Umsatz binnen Monaten in Millionenhöhe schraubte. [….] Er hatte auch behauptet, vier Angestellte bei der Schießerei in einer LGBTQ-Bar in Florida verloren zu haben.[….]

(Fabian Fellmann, SZ, 27.12.2022)

Nur ein winziger Makel trübt diesen Lebenslauf und die beeindruckende Karriere: Sie ist frei erfunden; nichts davon ist wahr.

Santos hat nie eine Universität von innen gesehen, arbeitete nicht bei den Banken, besitzt keine Immobilien. Er hat Schulden, wurde in Brasilien wegen Scheckbetrugs verurteilt, ist katholisch und war zumindest bis 2019 mit einer Frau verheiratet. Seine Großeltern waren keine ukrtainischen Juden und seine Mutter keine WTC-Überlebende.


[….] “My sins here are embellishing my resume. I’m sorry,” he said on Monday, according to the New York Post, adding, “I am not a criminal… This [controversy] will not deter me from having good legislative success. I will be effective. I will be good.”

Among the falsehoods he fessed up to is the fact that he never graduated from Baruch College. “I didn’t graduate from any institution of higher learning. I’m embarrassed and sorry for having embellished my resume,” he said. “I own up to that … We do stupid things in life.” The news you care about, reported on by the people who care about you.

He also admitted that he never worked for Citigroup and Goldman Sachs. He now claims that, while working as vice president for a company called Link Bridge, he helped make “capital introductions” between clients and investors who were at Goldman Sachs and Citigroup.  [….]

(LGBTQ Nation, 27.12.2022)

Ups. Sorry. Aber macht doch nichts. Schwamm drüber.

Das einzige, das an Santos‘ Angaben stimmt, ist offenbar seine Teilnahme als Hardcore-Trumpfan bei dem versuchten Staatsstreich am 06.01.2022, als fünf Menschen starben, unzählige Polizisten schwer verletzt wurden und die frommen ReTrumpliKKKans in sämtliche Abgeordnetenbüros schissen.

[….] Santos was one of those who traveled to Washington, D.C. to attend former President Donald Trump’s rally on January 6, 2021, telling Lara Trump during an appearance on The Right View that he was at the Ellipse at the time of the rally, during which Trump contested the results of the presidential election and called on members of Congress not to certify the results due to speculations about voter fraud in states won by President Joe Biden. [….]

(Metroweekly, 19.12.2022)

In normalen Parteien wäre dieses drastische Anhäufung von Lügen und Kriminalität ein bißchen problematisch. Aber zu seinen Glück, ist Santos bei den Republikanern. Sie verteidigen ihn, lachen die Demokraten dafür aus, gegen Santos in NY verloren zu haben.

Für die GOP gibt es nur zwei Regeln:
Erstens hat man immerzu Trumps Arsch zu küssen und zweitens darf man niemals ehrlich sein.

Beide Anforderungen erfüllt Santos.

Also wird er sich zwischen Gaetz, Gohmert, Jordan, Boebert und MTG wunderbar einfügen.


 

Montag, 26. Dezember 2022

Die religiotische Zeitenwende  

Die großartige Carolin Emcke, “Friedenspreis des Deutschen Buchhandels”-Trägerin, verwies in ihrer jüngsten SZ-Kolumne auf einen unangemessenen Euphemismus, der bei Betrachtung der gegenwärtigen Megakrisen gern benutzt wird.

[….] Verlorene, ignorante, vergeudete Zeit bei der Reduktion der Treibhausgasemissionen lässt sich nicht mehr einholen. Es ist wie auch bei der Pandemie ein Leben in Wenn-dann-Funktionen, bei dem jede Unterlassung in der Gegenwart in absehbarer Zeit unweigerlich bestraft wird. Die im Abkommen von Paris beschlossene Begrenzung der globalen Temperaturerhöhung um 1,5 bis 2 Grad heißt adrett-harmlos "Klima-Ziel", als ob das nur ein beschwipster Vorsatz fürs neue Jahr wäre, an den zu halten sich ohnehin niemand verpflichtet fühlt, wenn die Promille wieder abgebaut sind, als ob es einfach eine Aufgabe wäre, an der zu scheitern ein wenig peinlich, aber nicht absolut vernichtend wäre. Aber jenseits dieser Schwelle droht nicht einfach nur ein bisschen schlechtes Gewissen des globalen Nordens, jenseits davon liegt nicht einfach der nächste gute Vorsatz, jenseits davon droht Zerstörung.

Vielleicht muss man die Sprache der Katastrophe übersetzen. Vielleicht muss das nüchtern Technizistische des Experten-Vokabulars, das den Schrecken kostümiert, einmal entkleidet werden. Es gibt ökologische Grenzen der Ignoranz, sie werden euphemistisch "Kipp-Punkte" genannt, als ob sich danach fröhlich weiter schaukeln ließe, aber es sind in Wahrheit Abgründe ohne Wiederkehr. Wenn sich die Erderwärmung unvermindert fortsetzt, wenn das 1,5-bis-2-Grad-Ziel gerissen wird, dann werden das Abschmelzen des Grönlandeisschildes, das Auftauen des Permafrosts, die Erosion des Amazonas als irreversible Prozesse immer wahrscheinlicher. Irreversibel heißt übrigens irreversibel. Unumkehrbar. Jede späte Einsicht ist dann nicht spät, sondern zu spät. [….]

(C. Emcke, 18.12.2022)

Auch der Religionssoziologe Detlef Pollack benutzt die Vokabel "Kipp-Punkt", obwohl er sie offensichtlich selbst für zu schwach erachtet. Spiegel-Interviewer Hilmar Schmundt, verwendet unterdessen den gesamten kirchenfreundlichen Konnotationsbrei bei der Formulierung seiner Fragen. Die Abkehr von einem menschenfeindlichen Kinderfic**rverein mit beispielloser Kriminalgeschichte voller Genozide, hält auch er ganz selbstverständlich für bedauerlich.

[….] SPIEGEL: Die Kirchenbänke lichten sich: Laut einer Erhebung der Universität der Bundeswehr planten 2019 noch 24 Prozent der Befragten, zu Weihnachten in die Kirche zu gehen, nun nur noch 15 Prozent. Ist das eine Ausnahme wegen Pandemie und Ukrainekrieg?

Pollack: Nein, dieser Trend hält an. Erstmals stellen die konfessionell Gebundenen der beiden großen Kirchen in Deutschland nicht mehr die Mehrheit der Bevölkerung, der Anteil von Katholiken und Protestanten ist unter 50 Prozent gesunken. [….]

SPIEGEL: Wird die Entkirchlichung sich fortsetzen?

Pollack: Ja, wir befinden uns an einer Art Kipppunkt. Denn Mehrheitsverhältnisse haben die Tendenz, sich zu verstärken. [….]  Die Unterschiede sind beträchtlich. Der Westen erreicht den Kipppunkt gerade, noch immer sind etwa 60 Prozent Mitglied einer der beiden großen Kirchen, im Osten dagegen weniger als 25 Prozent – dort stellen die Konfessionslosen mit rund 70 Prozent klar die Mehrheit. [….]  [….]  Viele Frauen haben vielleicht schlicht nicht mehr die Kraft und Zeit, um neben ihrer Erwerbstätigkeit auch noch große Energie in die religiöse Erziehung zu investieren. [….]

SPIEGEL: In einem Buch von 2012 wirkte Ihre Vorhersage zur Zukunft des Glaubens noch diffuser, inzwischen sehr deutlich: Die Säkularisierung ist unaufhaltsam, es geht bergab mit Religiosität und Kirchenzugehörigkeit. Das erinnert fast an die Klimaforschung der Achtzigerjahre, an die langen Debatten, ob der Klimawandel real ist. [….]

Pollack: Ja, in den Achtzigerjahren habe ich mich auch gefragt, was am Klimawandel dran ist – heute sind sich 90 Prozent der Wissenschaftler einig. Ähnlich verhält es sich mit der Säkularisierungstheorie. [….] [….] Ist der Glaube einmal weg, kommt er so schnell nicht wieder. Der Aufbau von Religion ist weitaus mühsamer als der Abbau. [….]

SPIEGEL: Was folgt politisch daraus, dass in Deutschland der Anteil kirchlich gebundener Menschen unter die Hälfte gerutscht ist?

Pollack: Viele Tabus werden fallen. Noch vor 20 Jahren hatten auch antiklerikal eingestellte Menschen einen gewissen Respekt gegenüber der Kirche, gestanden etwa den Bischöfe Anstand und Würde zu. Das ist vorbei. Jetzt wird vieles zur Disposition gestellt: die Kirchensteuer, der Religionsunterricht, die Sendezeit im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Neben differenzierter, kenntnisreicher Kirchenkritik hört man immer öfter eine ressentimentgeladene und vulgäre Ablehnung des Religiösen. Das ist ein kultureller Erdrutsch, der auch institutionelle Folgen haben wird. [….] SPIEGEL: Können die Kirchen sich dagegenstemmen?

Pollack: Nein, sie können das nicht mehr aufhalten und versuchen schon gar nicht mehr, ihre Besitzstände und Privilegien zu verteidigen, sonst würden sie noch mehr Menschen verlieren. Jedes Argument für die Bewahrung des Status quo wendet sich gegen sie, weil es als autoritär, undemokratisch und Verteidigung von Partikularinteressen angesehen wird. Die Kirchen müssen sich kleinmachen, um die Angriffsflächen so gering wie möglich zu halten.

[….] Vielleicht ist die Situation nicht in jeder Hinsicht aussichtslos. Es gibt immer wieder kleine Gelegenheitsfenster: In den Augen vieler leisten die Kirchen gute Arbeit, wenn es etwa um die Arbeit mit Behinderten geht oder um Hilfe für Arme und Schwache, um Beerdigungen oder die kirchliche Hilfe bei der Trauerbewältigung. Aber es schwindet die Möglichkeit, diese große Tradition, den riesigen Bestand an sozialen Konventionen, den Schatz an Lebensweisheit und geistlicher Kommunikation zu bewahren. [….]

(SPON, 25.12.2022)

Schmundt und Pollack sind Gefangene ihrer Subjektivität.

Nein, die deutschen Kirchen befinden sich nicht an einem über sie hineingebrochenen Kipppunkt, sondern sie erhalten endlich ihre (immer noch viel zu milde) Strafe, indem sie stetig ihrem Macht- und Achtungsverlust entgegentaumeln.

Das ist für die Gesellschaft, für die Menschen, für die Vernunft, für die Wissenschaft eine sehr gute Nachricht. Die Kirchen verlieren umso stärker, je gebildeter, wohlhabender und liberaler die Gesellschaft ist.

Je größer der religiöse Einfluss, desto ungerechter, intoleranter und diskriminierender geht es zu.

Donald Trump ist Liebling der Christen, während die katholische Kirche aggressiv vor der Wahl Joe Bidens warnte.

Der fromme Christ Greg Abbott, Gouverneur von Texas, ließ zu Weihnachten Busladungen voller frierender verängstigter Migranten im T-Shirt bei -8°C vor Kamala Harris‘ Residenz in Washington wie Vieh auskippen. Das sind Christen. So einer wird von Christen gewählt. Christen begeistern sich für Todesstrafe und Folter. Christen lieben Waffen und diskriminieren Queere. Christen rechtfertigen mit ihrer „Wir sind besser als die“-Ideologie Verstöße gegen Menschenrechte. Die UN-Menschenrechtscharta wird vom Vatikan nicht unterschrieben.

 [….] Several busloads of migrants were dropped off in front of Vice President Kamala Harris’ residence in Washington, DC, on Christmas Eve in 18 degree weather late Saturday.

An initial two busloads were taken to local shelters, according to an administration official. More buses arrived outside the vice president’s residence later Saturday evening. A CNN team saw migrants being dropped off, with some migrants wearing only T-shirts in the freezing weather. They were given blankets and put on another bus that went to a local church.

Amy Fischer, a volunteer with the Migrant Solidarity Mutual Aid Network, which has been receiving migrants sent to DC since the spring, said the organization had been prepared for Saturday night’s arrivals, having been informed about it earlier by an NGO working at the border in Texas.

The arrivals included asylum seekers from Ecuador, Cuba, Nicaragua, Venezuela, Peru and Colombia, according to Fischer, who told CNN the buses were supposed to go to New York but were diverted to DC due to the weather. Busloads of migrants have been arriving in Washington weekly since April. [….] “What they’re seeing is much worse than what we see here. The three buses are just a small portion of what they experience on a day to day,” Laborde said in an interview with Sara Sidner on “CNN This Morning” on Monday. [….]

The White House, however, put the blame on the Texas governor, calling it a “cruel, dangerous, and shameful stunt.”

“Governor Abbott abandoned children on the side of the road in below freezing temperatures on Christmas Eve without coordinating with any Federal or local authorities,” White House spokesperson Abdullah Hasan said in a statement.  “As we have repeatedly said, we are willing to work with anyone – Republican or Democrat alike – on real solutions, like the comprehensive immigration reform and border security measures President Biden sent to Congress on his first day in office, but these political games accomplish nothing and only put lives in danger,” Hasan said.   [….]

(CNN, 26.12.2022)     

Die christliche Kirche in Russland und ihr Oberhaupt Patriarch Kyrill sind die größten Fans von Wladimir Putin, heizen den Krieg mit der Ukraine begeistert an.

Also, Pollack und SPIEGEL, die gerechte Strafe für die Kirchen, wäre nicht bloß Machtverlust und Abkehr der Gläubigen, sondern vollständige Konfiszierung aller Vermögenswerte und Verhaftung der Geistlichen.

Die Kirche in Deutschland ist an keinem „Kipppunkt“, sondern siecht ihrem mehr als verdienten Ende entgegen.

Diesen Trend zu stoppen, ist keine „Hoffnung“, sondern eine BEFÜRCHTUNG.

Sonntag, 25. Dezember 2022

Social Media Spaß  

Twitter habe ich selbstverständlich verlassen, nachdem Elon Musk übernahm, weil es mir moralisch nicht möglich war, mit einem Twitter-Account einen rechtspopulistischen Verschwörungstheoretiker zu unterstützen. Ich habe kaum getwittert; insofern macht es für mein Wohlbefinden kaum einen Unterschied, aber meine Blog-Zugriffszahlen sind um 80% eingebrochen.

So ein Kurznachrichtendienst ist für die schnelle Reichweite relevant.

Es gibt sympathischere Alternativen wie Mastodon, aber erstens begreife ich das Einlog-Verfahren nicht und zweitens nützt eine Plattform ohne User nichts.

Zu Telegram kann ich auch nicht, weil das politisch viel zu einseitig rechts für mich ist.

Wenn es überhaupt ein neuer Dienst sein muss, hätte ich durchaus Interesse an dieser Satire-Plattform; da weiß man, daß alle User nur aktiv sind, um sich kollektiv für ihre Verblödung auslachen zu lassen.

Aber der Zugang ist von Beginn an nur für US-amerikanische und britische Mobiltelefonnummern möglich. Das wird auch ein wesentlicher Grund für die minimalen Userzahlen sein.

[….] Web analytics company Similar Web has also documented some statistics regarding Truth Social's traffic for September.  During that month, there were a total of 9 million visits to the app through desktop or mobile app. The bounce rate for the app, the proportion of users who left after viewing one page, was 45 percent. The average number of pages visited per visit was 4.8, with an average visit duration of 7:47 minutes. [….] According to Similar Web, Twitter had 6.8 billion visits in September, with a bounce rate of 32 percent. The average number of pages visited per visit was 10.4, with an average visit duration of 10:58 minutes.  [….]

(Newsweek, 19.10.2022)

Zweifellos gibt es einen Markt für eine rechtspopulistische Social-Media-Plattform in den USA. Das Problem ist aber der Truth-Social-Besitzer Donald Trump, der zwar geistig minderbemittelt ist, aber immerhin eine Superpower besitzt: Er kann jedes noch so vielversprechende Business zielsicher in die Pleite führen und dürfte einer der schlechtesten Geschäftsleute aller Zeiten sein.

(….) Buffett verachtet Trump und setzt sich intensiv für Hillary Clinton ein.

Ein schlechter Geschäftsmann und ein ungeeigneter Präsidentschaftskandidat allemal: Der US-Milliardär Warren Buffett hat sich bei einem Wahlkampfauftritt mit der Kandidatin der Demokraten, Hillary Clinton, über den Immobilienmogul Donald Trump lustig gemacht und ihm mangelnde Befähigung als Geschäftsmann vorgeworfen. Außerdem verdächtigte er ihn dubioser Steuerpraktiken. Buffett machte sich darüber lustig, dass der republikanische Präsidentschaftskandidat immer wieder bankrottgegangen sei. "Ich habe wirklich nie einen anderen Geschäftsmann kennengelernt, der mit seinen Pleiten angibt", sagte der 85-Jährige. Zudem setzte sich Buffett kritisch mit Trumps Börsengang im Jahr 1995 auseinander. In den damaligen Zeiten hätte ein Affe, "der einen Pfeil auf die Börsenseite geworfen hätte, im Schnitt 150 Prozent erzielt", spottete Buffett. Doch die Investoren, die damals auf Trumps Hotels und Casinos gesetzt hatten, hätten über die Jahre einen Verlust von 90 Prozent gemacht.

(Zeit Online, 02.08.16) (….)

(Geld spielt keine Rolle, 02.08.2016)

Dabei liegt die besondere Leistung Trump darin sogar mit Casino-Lizenzen – die gelten in den USA als Lizenz zum Gelddrucken – mehrfach pleite zu gehen.  Soviel geschäftliches Unvermögen trifft man nicht oft. Beindruckenderweise ist Trump dabei auch noch erkenntnisresistent und macht immer wieder gewaltige Verluste.  Schon blöd, denn Trump sitzt auf gewaltigen Schulden. Sehr viel Geld schuldet er der Deutschen Bank, weil JP Morgan Chase, Morgan Stanley und Citigroup sich schon lange weigern aufgrund der windigen Geschäftspraktiken mit Trump zusammen zu arbeiten. Geld besorgt sich der Potus-Kandidat daher in China und Deutschland.

 [….] Trumps Firmen haben Schulden: Mit mindestens 315 Millionen Dollar stehen sie aktuell bei mehreren Banken in der Kreide. Das belegen Unterlagen, die der Unternehmer im Mai veröffentlichte. Doch wohl kein Geldhaus gewährte ihm so gewaltige Kredite wie die Deutsche Bank. Aktuell stehen mehr als 100 Millionen Dollar aus. Einer Analyse des "Wall Street Journal" zufolge war die Deutsche Bank seit dem Jahr 1998 sogar an Krediten über mindestens 2,5 Milliarden Dollar für Projekte seiner diversen Firmen beteiligt. Die Frankfurter sind offenbar stärker in seine Geschäfte eingebunden als ihre Konkurrenten.  [….] Im Jahr 2008 kämpften die Deutsche Bank und Trump vor Gericht um die Rückzahlung eines Darlehens, das er für Immobiliengeschäfte in Chicago verwendet hatte. Trump verweigerte die Rückzahlung persönlicher Garantien in Höhe von 40 Millionen Dollar mit dem Argument, die Finanzkrise von 2008 sei eine "höhere Macht" gewesen. [….]

(Paul Middelhoff, 09.06.16)

Trump kennt das schon; seine Geschäfte laufen meistens auf eine große Pleite hinaus. Bei der Vorstellung Trump würde die USA genauso wie sein “business” regieren, gruselt sich der zehnmal so reiche Michael Bloomberg – God help us!

Zuletzt erwischte es das Casino "Trump Taj Mahal", welches völlig ruiniert ist und nun 3.000 Mitarbeiter entlässt.  (….)

(Filthy Rich, 03.10.2018)

Gemäß seiner Broke-Superpower setzt Trump, ähnlich wie bei seinen Ministern oder auch persönlichen Anwälten, auch bei Truth Social auf grotesk unqualifizierte Knallchargen, die dem Job nicht im Entferntesten gewachsen sind.

CEO ist der rechtsextreme Verschwörungstheoretiker und Trump-Meisterarschkriecher Devin Nunes, der von 2003 bis 2022 US-Kongressabgeordneter war und dort mit Marjorie Traitor Green, Matt Gaetz und Lauren Boebert um die Krone des größten Idioten der US-Politik wetteiferte.

Selbstverständlich vermag es der Depp nicht, Zugang von anderen Ländern aus technisch zu ermöglichen und fährt die User-Zahlen kontinuierlich in den Keller.

[….] Truth Social, the alternative social media platform founded by former President Donald Trump, has seen a consecutive two-month decline in unique visitors, according to a watchdog site that monitors conservative media.   TheRighting, which reports on and analyzes trends in the conservative media, found that the number of unique visitors to Truth Social dropped from 4.02 million in August — an all-time high — to 3.38 million in September, and then to 2.85 million in October.  […]

(SFGate, 29.11.2022)

Schade, so wird TS wohl Pleite gehen, bevor ich mich von Deutschland aus einloggen kann, um die Satire-Shitshow zu genießen.

[…]  Immer wieder gerät der ehemalige US-Präsident Donald Trump wegen seiner Postings auf der Social-Media-Plattform Truth Social in die Kritik. Jetzt wetterte er in einem Posting über die Vereinigten Staaten und verglich das Land mit einer Person, die an Krebs erkrankt ist.  „Unser Land ist innerlich krank, so ähnlich wie ein Mensch, der an Krebs stirbt“, schrieb der ehemalige Präsident am Samstag (17. Dezember). „Das korrupte FBI, das sogenannte Justizministerium und die Geheimdienste, die alle Teil der Demokratischen Partei und des Systems sind, sind der Krebs“, schreibt Trump weiter. „Diese bewaffneten Verbrecher und Tyrannen müssen beseitigt werden, oder unser einst großartiges und schönes Land wird sterben!!!“ [….]

(FR, 19.12.2022)

Es ist immer wieder erstaunlich, wie der orange Psychopath uns immer noch erstaunen kann, indem er das eben noch für maximal unterirdisch erachtete Niveau erneut unterbietet.






Samstag, 24. Dezember 2022

Weihnachtswundern  

Als Ketzer und Ritualverächter sind allgemeine Feiertage, wie Ostern oder Pfingsten oder Weihnachten immer willkommen. Die haben zwar keine unmittelbaren Auswirkungen auf mich, weil ich mein Verhalten selbstverständlich nicht danach ausrichte. Aber da alle anderen schon Wochen vorher in hypernervösen Stress verfallen, empfinde ich es als besonders wohltuendes Privileg, davon befreit zu sein.

Das Beste ist aber die Ruhe, die einkehrt. Während der Feiertage passiert nichts, niemand ruft einen an, es kommen keine nervigen Emails vom Steuerberater oder Versicherungen, man muss nicht raus, weil ohnehin die Läden zu sind. Der Lärmpegel der Stadt ist insgesamt runtergefahren, weil die Bauarbeiter nicht bauarbeiten, Gärtner nicht laubbläsern und Baumpfleger nicht kettensägen.

Als meine Elterngeneration noch lebte, hielten wir uns für die ganz ganz wenigen Glücklichen, die schlau genug waren, auf die Frage „Was machst du Weihnachten?“ mit „Weihnachten? Da geh‘ ich nicht hin!“ zu antworten.

Inzwischen glaube ich nicht mehr, so ein seltenes Exemplar zu sein. Im Gegenteil, in meiner Social Media-Blase, hat sich eine Mehrheit längst des Ritualzwangs entzogen. Viele sind froh, sich ebenso wie von der Kirche, auch von Massenfamilienreffen und Geschenkorgien emanzipiert zu haben.

Man muss nur etwas genauer hinsehen/hinhören, weil die Weihnachtsfeierer viel lauter und aufdringlicher sind, so daß oberflächlich nur sie zu hören sind und man den falschen Eindruck erhält; alle feierten begeistert im Familienverband.

Aber es ist wie bei den ersten Pandemie-Lockerungen, als man durch die Stadt fuhr und fassungslos Teen- und Twen-Pulks maskenlos zusammengedrängt die Außengastronomie fluten sah. Mein erster resignierter Gedanke war natürlich, daß offenbar alle verrückt geworden sind und wir Corona mit dieser Bevölkerung nie überwinden.

Aber ich sah auch nur die Regelbrecher und nicht die mutmaßlich viel zahlreicheren Menschen, die eben nicht ins nächste Bistro strömten, um Infektionströpfen zu tauschen, sondern brav zu Hause blieben.

Wenn man etwas sensibler in seinem Umfeld horcht, stellt man fest, wie genervt viele auf das hohle Familien-Blabla in den Weihnachtsbotschaften reagieren.

[…] Meine Frau und ich wünschen Ihnen ein schönes Weihnachtsfest! Ein Weihnachten, an dem Sie für einen Moment Abstand gewinnen können zu dem, was Sie in diesem Jahr erschreckt, geängstigt, aufgewühlt hat. Ein Weihnachten, an dem Sie sich freuen können über Begegnungen, das Zusammensein mit der Familie, über die Ruhe nach einem anstrengenden Jahr. An Weihnachten feiern wir Christen die Ankunft des Kindes, das Hoffnung bringt in eine düstere Gegenwart. Und auch viele Nichtchristen feiern mit und lassen sich berühren von den Verheißungen der Weihnachtsgeschichte: Wärme und Schutz, Nähe und Eintracht, Zuversicht und Frieden. […]

(Frank-Walter Steinmeier, 24.12.2022)

Diese mächtigen Plapperchristen sind notorisch unsensibel und kommen gar nicht auf die Idee, wie verletzend diese Familien-Idealisierung und Familien-Romantisierung auf diejenigen wirken kann, die keine Familie haben, oder sie womöglich gerade erst verloren haben.

Ich kann mich glücklich schätzen, diese Sorte „We do things right“-Christen stets herzlich auszulachen. Mich können sie nicht verletzen. Aber nicht jeder nimmt es so leicht, von Frömmlern wie Steinmeier, Salz in die Wunden gestreut zu bekommen.

Ich bin drei Schritte weiter und freue mich, wenn sich Bischöfinnen und Kardinäle, Pfaffen und Prälaten durch ihre dummerhaften Weihnachtsreden coram publico blamieren. Das treibt letztendlich immer die Kirchenaustrittszahlen nach oben und ist daher zu begrüßen.

Wer kann schon irgendetwas anderes als hanebüchenen Unsinn von Bischöfin Breit-Keßler erwarten?

Das wird kaum einer ernst nehmen.

Dafür lieben wir Breit-Keßlers Alters- und Geschlechtsgenossin Maren Kroymann, die allerdings im diametralen Gegensatz zur fromme Bayerin hochintelligent und humorvoll ist. Ihr Schöne-Bescherungs-Special muss man gesehen haben.

Deprimieren können mich aber nach wie vor Inselverarmte, wie Heribert Prantl.

So ein intelligenter, so ein hochgebildeter und so ein begabter Kolumnist. Das Herz auf dem rechten Fleck, linksliberal, aufmerksam, lernfähig.

Aber zu christlichen Feiertagen fällt all das von ihm ab und er verfällt in peinliches Predigen, so daß man sich beim Lesen nur mitschämen kann.

[…] Ein Kind […] 

Vielleicht ist das der Grund, warum die Weihnachtsgeschichte im Kriegsweihnachten 2022 wie eine nervige Zwischenruferin behandelt wird: Sie erinnert ans scharfe Ende. Die Meinung, dass Weihnachten auch ohne die Erzählung vom Kind in der Krippe funktioniert, wird dieses Jahr besonders süffig vorgetragen. Die Verachtung des religiösen Kerns des Festes mag eine Facette jener Kirchen- und Religionsverachtung sein, die auch zu Weihnachten nicht bereit ist, Konzessionen zu machen. Womöglich aber ist die belächelte alte Geschichte kritischer als ihre Kritiker.

Die biblischen Erzählungen, die die Grundlagen der Feiertage sind, sind alles andere als weihnachtsbräsig. Man muss sie als Nachkriegsliteratur lesen. Sie sind nach einem Vernichtungskrieg geschrieben worden - das war der jüdische Krieg im Jahr 70. Sie sind große Literatur und zum prägenden Narrativ der westlichen Kultur geworden. […] Die Intellektuellen des frühen Christentums haben den Gehalt der Geschichten in dogmatische Formeln gegossen, deren Provokation heute kaum noch verstanden wird. "Gott wird Mensch" heißt ein Glaubenssatz, radikalisiert: "Gott wird ein Kind." Man muss allen Verniedlichungen, zu denen er einlädt, eine Abfuhr erteilen.

Er lehrt: Der Mensch ist dem Menschen das höchste Wesen. Das Kind, der Ernstfall des bedürftigen und hilflosen Menschen, der Mensch in seiner schwächsten Gestalt, ist Maß aller Dinge. […] Was braucht das Kind, das Ängste um seinen Soldatenvater aussteht? Wie ist dem Kind zu helfen, das keinen Platz in der Klinik findet? Wie können wir verhindern, dass Kinder, die jetzt geboren werden, später über verdorrte Äcker in den Krieg ziehen müssen? […]  Ein Kind überzeugt nicht durch Argumente, es appelliert ans Herz; das ist seine einnehmende Macht. Darum ist Weihnachten das beliebteste aller Feste geworden. […] Ein Kind ist entwaffnend. Entwaffnend! Das ist das Wort für die Weihnachtssehnsucht 2022. Die Weihnachtsgeschichte weckt diese kindliche Kraft auf, immer wieder. Sie ist eine Widerstandskraft gegen Gewalt. Sie konfrontiert mit der entwaffnenden Präsenz eines Kindes, mit seiner Schutzlosigkeit. Das weckt das Fürsorgliche auf, das Beste im Menschen; das macht friedlich. […]

(Heribert Prantl, 24.12.2022)

Wie kann ihm das nur passieren? Redigiert das niemand? Wieso ist ihm das nicht peinlich?

Freitag, 23. Dezember 2022

Januskopf Merz  

Merz macht es wie Trump. Er lügt. Und er lügt nicht stringent.

Er bleibt nicht bei einer Linie, sondern tönt voller Emphase und Empörung immer das, was gerade beim aktuellen Auditorium am besten ankommt. Im Gespräch mit westdeutscher Presse, pfeift er seinen nördlichsten Rivalen Daniel Günther zurück, nachdem dieser verlangte, die deutschen Kernkraftwerke dauerhaft weiterlaufen zu lassen.

[….] Günther erhielt direkt Gegenwind von seinen grünen Koalitionspartnern. Und auch vom eigenen Parteichef gibt es keine Rückendeckung: Laut „Bild“ soll Friedrich Merz das „endgültige AKW-Aus im April 2023 für unumkehrbar“ halten. Als Grund gab er fehlende Brennstäbe an, die nicht bestellt wurden. Somit gebe es keine Voraussetzung für den Weiterbetrieb der Meiler über den April hinaus.   [….]

(Mopo, 21.12.2022)

Man staunt. Ein seriöser Merz, der auf technische Fakten verweist?

Aber es ging darum, Ministerpräsident Günther einzunorden. Noch vor wenigen Wochen machte Merz selbst massiv Propaganda für den Weiterbetrieb der AKWs. Und zwar völlig ohne Rücksicht auf Fakten.

[….] Der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz hat mit einer Aussage zur Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken für Verwirrung gesorgt. Kurz vor der Landtagswahl in Niedersachsen warb Merz für einen Weiterbetrieb des Atomkraftwerks in Lingen. Das Problem: Der Betrieb wurde bereits im Januar 1979 eingestellt.

„Die Entscheidung der Wählerinnen und Wähler in Niedersachsen am Sonntag ist auch eine Volksabstimmung über einen Weiterbetrieb des Kernkraftwerks Lingen“, twitterte Merz kurz vor der für CDU und SPD entscheidenden Wahl am Sonntag. Der Weiterbetrieb sei einer von drei Bausteinen, damit zehn Millionen Haushalte weiter sicher mit Strom versorgt werden könnten.  [….]

(Kölnische Rundschau, 07.10.2022)

Der CDU-Chef pöbelt wider die Schwachen und Notleidenden, wenn er (leider zu Recht) annimmt, das komme bei den Wählern gut an.

Befeuert von Springer, werden derzeit die „Klimakleber“ gehasst, wie die Pest.

Keine Talkshow, in der man sich nicht über die Aktivisten empört. Und so wettert auch Merz völlig überzogen gegen die „Klima-RAF“, während er die faschistische AfD schont und umschmeichelt.

Die AfD ist im Osten bis weit in die CDU-Kernwählerschaft sehr beliebt. Merz ist nicht interessiert an Anstand, Moral oder der Erhaltung der Demokratie, sondern nur an vielen Stimmen und seiner eigenen Macht. Da blinkt er immer wieder rechts-braun. 

Als der sächsische Ministerpräsident den inzwischen berüchtigten xenophoben CDU-Landrat Udo Witschas verteidigte, rief Merz ihn demonstrativ nicht zur Raison.

Schelte an den Sachsen kam nur in mildem Ton vom CDU-Generalsekretär.

Denn offiziell, für die Westmedien, hatte Merz eine „Brandmauer“ gegen die AfD installiert.

[….] Im Landesvorstand der sächsischen CDU gibt es Kritik am Bundesgeneralsekretär Mario Czaja. Hintergrund ist dessen klare Distanzierung von den flüchtlingsfeindlichen Aussagen des Bautzner Landrats Udo Witschas.  »Ich sage im Namen des Parteivorsitzenden, des Parteivorstandes und der Christdemokratinnen und Christdemokraten in Deutschland: Wir distanzieren uns mit Nachdruck von der Wortwahl des Bautzener Landrats«, schrieb Czaja auf Twitter. »Menschen, die in unserem Land Schutz suchen, verdienen unsere Hilfe, unsere Fürsorge und werden mit Respekt und Anstand behandelt. Wir sind Demokraten und Christen und stehen zu unserer Verantwortung.« [….] Im sächsischen Landesvorstand sorgt die Distanzierung Czajas von Witschas’ Aussagen für Unmut. Ein entsprechender Screenshot des Gruppenchats der Landesführung liegt dem SPIEGEL vor. »Was soll man von einer CDU halten bei den Äußerungen aus Berlin zu unserem Landrat aus Bautzen? Nicht alles gelesen, nicht zugehört, dem Volk nicht aufs Maul geschaut«, schreibt in dem Chat etwa Klaus Leroff, der frühere Parlamentarische Geschäftsführer der Landtagsfraktion. [….] Ebenfalls deutlich im Chat des Landesvorstands wird Matthias Grahl, Mitglied im Landespräsidium, enger Freund des Ministerpräsidenten Michael Kretschmer und Vorsitzender der Bautzener Kreistagsfraktion. »Zumindest wäre es klug gewesen, wenn man sich aus Berlin mal die Mühe gemacht hätte und eine klitzekleine Nachfrage bei den Delinquenten riskiert hätte zu Hintergründen und Tatsachen«, schreibt Grahl im Chat. [….]

(Timo Lehmann, 23.12.2022)

Aber diese Brandmauer ist eben nur eine der Merz-Lügen. In Wahrheit kooperiert die CDU dauernd mit der AfD. Und genau das kommt in Ostdeutschland gut an.

Deswegen pestet Merz gegen Günther und läßt Kretschmer Spielraum, um mit den Füßen im faschistischen Sumpf zu plätschern.

[….] Es ist mehr als überfällig, dass sich die Bundesspitze der CDU jetzt von ihren Parteikollegen in Bautzen distanziert. Besser spät als nie, aber deshalb noch lange nicht gut genug. Unter dem Kommando von Parteichef Friedrich Merz gibt es angeblich eine Brandmauer, die dort steht, wo die Grenzen zwischen konservativen und rechtsextremen Positionen verläuft. Das sollte eigentlich auch eine unverhandelbare Grenze zwischen der CDU und der AfD sein. Vor allem im sächsischen Bautzen wird sie aber mutwillig übertreten. [….] Für die CDU ist das aber mit mindestens zwei gravierenden Problemen verbunden. Erstens spielt sie mit ihrem Ruf als christliche, humane Partei, wenn sie das Bautzener Modell duldet und sich dem Verdacht aussetzt, im rechtkonservativen Lager auf Stimmenfang gehen zu wollen. Zweitens haben führende Köpfe der Union eigentlich längst begriffen, dass sie sich damit in eine strategische Sackgasse begeben würden. CSU-Chef Markus Söder brachte diese Erkenntnis einst auf die griffige Formel: Man kann das Stinktier nicht überstinken. Daran sollte sich auch Friedrich Merz jederzeit erinnern.  […..]

(Boris Herrmann, 23.12.2022)