Freitag, 21. Juni 2019

Frauenschwäche


Meinen Großvater mütterlicherseits habe ich nicht kennengelernt, da er einige Jahre vor meiner Geburt starb.
Ich habe aber im Laufe meines Lebens viel über ihn gehört, weil er, im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts geboren, offensichtlich sehr moderne Ansichten hatte.
Ihm gehörte eine kleine, aber bekannte Hamburger Firma, in der er seine soziale Verantwortung sehr ernst nahm. Als einer der Ersten führte er eine Betriebsrente ein, kümmerte sich um alle Angestellten. Wenn der Nachtwächter erkältet war, eilte er zu dessen Krankenbett und brachte heiße Hühnersuppe.
Als später die NSdAP drängelte, er möge in die Partei eintreten, verweigerte er sich, da er alle Menschen gleich behandelte und nicht daran dachte Juden auszuschließen.

Als er starb, hatte er nur noch einen Sohn, der selbstverständlich die Firma erbte. Seine Töchter, darunter meine Mutter, gingen ganz selbstverständlich leer aus. Denn das waren ja bloß Mädchen, die sich nicht für das Geschäftsleben eigneten. Die wurden auf eine Hauswirtschaftsschule geschickt. Eine höhere Bildung wäre für Menschen ohne Penis schließlich Verschwendung gewesen.
Da mein Opa privat bescheiden lebte, sollten das auch seiner Töchter und sofern ihnen die Lust nach Reichtum stand, gab er ihnen den Rat einen wohlhabenden Kaufmann zu heiraten. Sowohl meiner Mutter als auch meiner Tante stellte er jeweils einen jungen Mann aus einer guten Hamburger Kaufmannsfamilie vor, der nach seinem Geschmack war und der zuvor beim ihm um die Hand einer seiner Töchter angehalten hatte.
Daß meine Mutter die Heirat ablehnte, nur mit dem albernen Grund, daß sie diesen Mann noch nie zuvor gesehen hatte, bestätigte seine Ansicht, daß Frauen natürlich nicht für die Geschäftswelt taugen.
Überhaupt sollte er Recht behalten. Gleich Zwei heirateten einen Künstler. Nette Männer, aber keine guten Partien, sondern eher brotlose Künstler, die sich mit Buchillustrationen und Portraitmalereien mal gerade eben so über den Monat retteten.
Zum Glück hatten die Töchter meines Opas nichts geerbt. Die Wahl ihrer Gatten zeigte ja klar, daß sie damit gar nicht hätten umgehen können.

Ich musste erst erstaunlich alt werden, bis sich in mir der Gedanke manifestierte, wie ungerecht die damaligen Erbschaftsregelungen aus heutiger Sicht gegenüber meiner Mutter waren.
Dabei war mein Opa ganz sicher kein konservativer Knochen, sondern einfach ein Kind seiner Zeit.
Vielen Frauen, die heute die 80 durchschritten haben, ging es genauso. Sie erlebten den Krieg als Kinder mit und in den schwierigen Zeiten nach 1945 konzentrierte man sich ganz auf die Söhne. Der Sohn sollte es mal besser haben, was Vernünftiges lernen, womöglich studieren, vorankommen.
Für die Penisträger gab es ausgetüftelte Zukunftspläne, während für ihre Schwestern die allernötigste Ausbildung reichte. Dazu Kochen, Hauswirtschaft und natürlich einen möglichst guten Ehemann, der dann ihre Versorgung übernehmen sollte.
Es dauerte noch Jahrzehnte bis alle Zöpfe abgeschnitten wurden.

(….) Verbot gemischtkonfessioneller Ehen, Frauenwahlrecht und Homosexualität  gab es ebenso wie die legale Prügelstrafe, die Todesstrafe und Folter noch bis ins 20., teilweise sogar bis ins 21. Jahrhundert wird man verblüfft ausrufen.

Und mit unserer wunderbaren deutschen Verfassung durften Frauen weder ohne Zustimmung des Mannes eine Arbeitsstelle annehmen, noch ein Konto eröffnen. Sie durften sogar in der Ehe straflos vergewaltigt werden.

Wussten Sie, [….] dass eine Ehefrau bis in die 50er Jahre hinein nicht ohne Zustimmung ihres Mannes arbeiten durfte? Unglaublich, aus heutiger Sicht, dass wir diese Rechte erst seit ein oder zwei Generationen besitzen. Denn für uns sind das Recht auf Arbeit sowie das Wahlrecht mittlerweile selbstverständlich.
[….] Die Möglichkeit zu arbeiten und selbst über das eigene Leben zu entscheiden war in der Jugend unserer Eltern und Großeltern noch alles anderes als selbstverständlich. Großmutters Satz "Das hätte es früher nicht gegeben!" ist in vielen Fällen leider traurige Wahrheit.
So galt bis Ende der 50er Jahre das "Letztentscheidungsrecht" des Ehemannes in allen Eheangelegenheiten. Und dieses Recht hatte es in sich: Beruf, Führerschein, Kindererziehung, eigenes Geld und Konto - all das wurde per Gesetz zu Gunsten des Mannes geregelt. So hatte der Ehemann das Recht, über das Geld seiner Ehefrau frei zu verfügen. Und das betraf nicht nur ihr Einkommen, sondern auch das Geld, das sie mit in die Ehe gebracht hatte. Frauen konnten noch nicht einmal ein eigenes Konto eröffnen. Der Mann konnte sogar den Job seiner Frau ohne deren Zustimmung kündigen.
Diesen Missständen wurde erstmals am 1. Juli 1958 begegnet, als das Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau auf Grundlage des bürgerlichen Rechts in Kraft trat. Mit dem neuen Gesetz wurden unter anderem die Vorrechte des Vaters bei der Kindererziehung eingeschränkt. Es sollte jedoch noch bis zum Jahr 1977 dauern, bis Frauen ohne Einverständnis ihres Mannes erwerbstätig sein durften und es keine gesetzlich vorgeschrieben Aufgabenteilung in der Ehe mehr gab.
[….] Frauen durften  [….]  bis 1958 nur dann ihren Führerschein machen, wenn ihr Mann oder ihr Vater die Erlaubnis dazu erteilte.

(….) Auch aktuelle Koalitionspolitiker stimmten noch 1997 gegen das Verbot von Vergewaltigung in der Ehe, weil sie offensichtlich der Ansicht waren, es wäre das natürliche Recht eines Mannes die Frau sexuell zu penetrieren, auch wenn sie sich dagegen wehre.
25 Jahre sperrten sich CDU und CSU erfolgreich gegen die Strafbarkeit von Ehefrauen-Vergewaltigung. Erst 17 Jahre nach einer entsprechenden UN-Konvention folgte das deutsche Parlament.

Am 15. Mai 1997 stimmten von den anwesenden 644 Abgeordneten 471 für den Gruppenantrag und 138 dagegen, 35 enthielten sich der Stimme.

Alle Abgeordneten der Linken, der Grünen und der SPD stimmten für Ulla Schmidts Gruppenantrag.
Die Unions- und FDP-Politiker, die weiterhin Männer straflos sexuelle Gewalt anwenden lassen wollten waren: (……..)

Die Schweizer Eidgenossen führten das Frauenwahlrecht erst im März 1971 ein und ließen fast 20 Jahre vergehen bis tatsächlich in jedem Kanton ein Penis keine Voraussetzung mehr für das Abstimmrecht war.

[….] Am 27. November 1990 gab das Bundesgericht einer Klage von Frauen aus dem Kanton Appenzell Innerrhoden Recht und bestätigte damit die Verfassungswidrigkeit der Innerrhoder Kantonsverfassung in diesem Punkt. So führte Appenzell Innerrhoden als letzter Kanton das Stimmrecht für Frauen auf kantonaler Ebene ein, entgegen einem Mehrheitsentscheid der Männer an der Landsgemeinde am 29. April 1990. […..]

Die ehemalige Firma meines Opas existiert heute übrigens noch und wird von einer Frau geleitet.
Es gibt noch sehr männerdominierte Berufswelten, aber auch die beginnen sich daran zu gewöhnen nicht mehr unter sich zu sein.
Kapitäninnen befehligen Containerriesen, Frauen sind Verteidigungsministerin, führen Tischlereien, boxen und machen sogar Stabhochsprung.

Ganz sicher würde mein Opa, wenn er heute lebte nicht noch mal ein derartiges Testament aufsetzen, wie damals.
Er war schließlich liberal und neugierig auf die Moderne.
Bei den steinreichen Familie Brenninkmeyer, deren mindestens 25 Milliarden Vermögen in der Cofra Holding AG (u.a. C&A Mode KG) steckt, herrschen noch strenge katholische Sitten. Erst im Jahr 1990 wurden Brenninkmeyer-Töchtern überhaupt erlaubt in der Firma zu arbeiten. Seit dem 17. Jahrhundert blieben alle Entscheidungen den Söhnen vorbehalten.

Auch ein anderes Produkt, das ganz sicher jeder von uns schon mal in der Hand hatte, stammt aus einem Unternehmen, in dem Frauen bis heute nicht mitreden dürfen: ABUS-Vorhängeschlösser.

[…..]  Andrea Bremicker […..] stammt aus einer streng christlichen Unternehmerfamilie, das hat ihr Leben bestimmt, das private, das berufliche. […..]  Bei vielen deutschen Mittelständlern sagen die Patriarchen, wo es langgeht. Wolfgang Grupp bei Trigema, Klaus-Michael Kühne von Kühne + Nagel, Theo Müller von der Unternehmensgruppe Theo Müller. Meist ist das konservative Tradition, eher selten ist der Grund dafür christlicher Fundamentalismus. Bei Andrea Bremicker ist es Letzteres. Das Unternehmen ihrer Familie ist die Abus August Bremicker Söhne KG, ein Weltmarktführer in der Sicherheitstechnik. […..]   Die Gründerfamilie hängt der Brüderbewegung an, einer evangelikalen Glaubensgemeinschaft. Nach dem Gebot dieses Glaubens seien Erbverzichtsverträge für Frauen bei Abus seit Jahrzehnten üblich, sagt jemand, der die Firma sehr gut kennt. […..]  […..]   Welche Rolle haben Töchter im Unternehmen? Sie durfte nie Gesellschafterin werden, und auch sonst steht im Handelsregister seit Jahrzehnten keine einzige Frau, die diese Rolle bei der Abus KG dauerhaft ausgeübt hat. […..]  Zu diesen Erinnerungen passen Bibelkommentare, die Ernst-August Bremicker veröffentlichte - langjähriger Komplementär von Abus, also ein wichtiger Manager. Er schreibt in dem Text "Spannungsfeld Ehe - Fluch oder Segen", in der Bibel "verurteilt Gott gleichgeschlechtliche Liebe und damit auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Sie sind gegen Gottes Wort." Zum Umgang mit einem Werteverfall empfiehlt er: "Wenn sich diese Dinge - Unreinigkeit, böse Lust, Gier, Lustbefriedigung - bei uns breitmachen wollen, dann müssen wir sie töten. Töten heißt radikal ausreißen, ihnen den Garaus machen. Mit solchen Dingen kann man nicht spielen, sondern da muss man radikal Schluss machen. TÖTET diese Glieder, sagt uns Gottes Wort." Und in dem Text "Männer und Frauen nach Gottes Plan" schreibt er, die Frau müsse sich ihrem Mann unterordnen, komme was wolle: "So wie die Knechte nicht nur den guten und angenehmen Herren gehorchen sollten, gilt die Aufforderung der Unterordnung der Frau unabhängig von dem Charakter ihres Mannes." […..] 

Wer sich nun über ABUS und C&A ärgert, sollte aber erst einmal an das größte misogyne Unternehmen der Welt denken: Die Römisch-Katholische Kirche:
1 Papst, 120 Kardinäle, 5.000 Bischöfe, 400.000 Priester – darunter keine einzige Frau.
Für so einen Konzern werben sehr mächtige Frauen wie Andrea Nahles und Annegret Kramp-Karrenbauer.

Donnerstag, 20. Juni 2019

Interessantes Timing


Das ist keine Kleinigkeit, wenn deutsche Politiker von rechten Terroristen ermordet werden.

  Rechte Terroristen morden seit Jahrzehnten in Deutschland, aber da ihre Opfer immer die Schwächsten der Gesellschaft sind – Behinderte, Schwule, Flüchtlinge, Farbige – bringt das im Vergleich zum RAF-Terrorismus kaum Medienaufmerksamkeit.
Die Linksextremisten haben damals zwar weniger Menschen ermordet, dafür aber sehr Reiche und Mächtige. Da stand das ganze Land Kopf.

Der NSU konnte hingegen über Jahre zehn Menschen ermorden, ohne daß irgendein Innenminister oder Polizeichef sich veranlasst fühlte zu handeln. Und das obwohl V-Leute offensichtlich sehr nah an den Tätern dran waren.

Ich erinnere mich noch sehr gut an die allgegenwärtigen Fahndungsplakate mit den 12 Top-RAF-Terroristen. Die Bilder waren überall, hingen in den 1970ern und 1980ern auf jedem Postamt.

Rechtsextreme kommen hingegen nur schwer auf Fahndungslisten, da staatliche Stellen oft in einer Gedankenwelt des ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten Maaßen leben. Rechtsradikale werden von ihnen nicht als solche erkannt. Rechtsextremistische Tatmotive ignoriert und rechtspopulistische Parteien wie die AfD sogar noch kostenlos beraten.


Weniger toxische Nazis werden zwar mit Haftbefehl gesucht, aber offenbar nicht allzu intensiv.
Hunderte von ihnen laufen frei rum.

[….] Bundesweit gab es im vergangenen Herbst über 600 noch nicht vollstreckte Haftbefehle gegen Mitglieder der rechten Szene. Das teilte das Bundeskriminalamt (BKA) mit. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr mehr als 175.000 Menschen in Deutschland mit Haftbefehlen gesucht - offene Haftplätze in Gefängnissen gibt es aber kaum. […..]

Wenn konservative Politiker selbst zu Opfern rechtsextremer Taten werden – und das ist schließlich nicht neu, man erinnere sich an den Anschlag auf die Kölner Bürgermeisterin Henriette Reker am 17.10.2015 – können aber auch CDUler kaum noch schweigen.

   (…..) Vor über zwei Wochen, am 03.06.2019 wurde der bekannte CDU-Politiker und Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke erschossen. Seit einigen Tagen weiß man, daß es sich um einen rechtsextremen Mordanschlag handelte.
Wenn Politiker in Amt und Funktion von extremistischen Terroristen ermordet werden, ist das eine ganz ganz große Sache, die tout Deutschland beschäftigt. (…..)

Der ehemalige CDU-General und jetzige Staatssekretär Tauber reagierte recht deutlich auf Rechte, die Stimmungen anheizen, die zu solchen Taten führen – auch wenn es sich um Parteifreunde wie Max Otte handelt.

  […..] „Die politische Rechte kann man nicht integrieren oder einbinden“, schrieb Tauber, […..]. Die Gewaltbereitschaft von rechts nehme zu, das politische Klima habe sich verändert. „Erika Steinbach, einst eine Dame mit Bildung und Stil, demonstriert diese Selbstradikalisierung jeden Tag auf Twitter“, so Tauber über seine frühere Parteikollegin. „Sie ist ebenso wie die Höckes, Ottes und Weidels durch eine Sprache, die enthemmt und zur Gewalt führt, mitschuldig am Tod Walter Lübckes.“  

AfD-Fraktionschefin Alice Weidel entgegnete: „Enthemmt ist offensichtlich Herr Tauber, der einen Mordanschlag dazu nutzt, um den politischen Mitbewerber auf tiefste Art und Weise zu diskreditieren.“ Und: „Wer gegen illegale Masseneinwanderung kämpft, ist kein Helfershelfer von Mördern. Er nimmt nur seine Rechte im demokratischen Meinungskampf wahr.“ […..]

Otte, um seine Parteimitgliedschaft fürchtend, distanzierte sich von sich selbst.
Frau Steinbach ist hingegen ohnehin schon auf den David-Berger-Zug aufgesprungen und hat das demokratische Spektrum verlassen.

Bemerkenswert ist aber wie schwer es der CDU-Führung fällt die rechtspopulistischen Abweichler in den eigenen Reihen einzufangen.
Taubers Nachfolger Ziemiak wird durchaus deutlich.

Juni 2019

Bei einer so fahrigen Parteichefin wie Kramp-Karrenbauer ist seine Autorität allerdings gering.

Der CDU-General kann die rechten CDUler des Beitrittsgebietes nicht auf Kurs bringen.

[…..] Ulrich Thomas, CDU-Fraktionsvize in Sachsen-Anhalt, hat eine neue Debatte über den Umgang seiner Partei mit der AfD ausgelöst. "Wir sollten eine Koalition jedenfalls nicht ausschließen. Stand jetzt ist sie nicht möglich - wir wissen aber nicht, wie die Lage in zwei oder fünf Jahren ist", sagte er der "Mitteldeutschen Zeitung". In Sachsen-Anhalt wird 2021 ein neuer Landtag gewählt. Die AfD habe zwar viele radikale Politiker. Es gebe aber auch liberale Kräfte. "Wir müssen sehen, welche Strömung sich durchsetzt." […..]

Kurz nach der Ermordung eines CDU-Politikers, gegen den aus AfD-Kreisen gehetzt wurde, mahnt Ex-BuPrä Gauck zu Toleranz mit rechts.
Er ist nicht allein mit seinem AfD-Flirt. Auch das sehr aktive CDU-Mitglied Maaßen sieht es so und die Ost-Landesverbände kooperieren in den Parlamenten ohnehin schon mit den Angebräunten.



[…..][…..]  Die Partei ist zerstritten und fürchtet den Machtverlust. In drei Bundesländern - Sachsen, Brandenburg und Thüringen - stehen diesen Herbst Landtagswahlen an. Die CDU muss mit Verlusten rechnen, könnte gar hinter die AfD zurückfallen. […..] Der Stimmenverlust und die mangelnden Koalitionsoptionen bringen die Grundsatzfrage auf, wie es in der CDU nach der Ära Merkel weitergeht - und zwar vor allem, was den Umgang mit der AfD angeht.
Die zwei Fraktionsvizes im Magdeburger Landtag, Ulrich Thomas und Lars-Jörn Zimmer, machen sich mit einem internen Papier Luft über die verfahrene Situation. Das neunseitige Papier mit dem Titel "Denkschrift" liegt dem SPIEGEL vor.
 […..]      Angesichts der bevorstehenden Rezession müssten "Herkunft und Erhalt des Wohlstandes" wieder stärker thematisiert werden. Deshalb sei es an der CDU, das "Soziale mit dem Nationalen zu versöhnen", schreiben sie. "Nationale Identität, Stolz und Heimatverbundenheit" seien die Grundlage der Gesellschaft. Man habe versäumt, die Sehnsucht nach Heimat nicht verteidigt zu haben.
    Die Flüchtlingspolitik der EU und des Bundes seien gescheitert. "Ungesteuerte Migration" habe eine "Zunahme an neuer brutaler Kriminalität" zur Folge. […..]

Der Effekt ist immer gleich: Je stärker sich die CDU an die AfD heranwanzt, desto schwächer wird die CDU und desto stärker die AfD.


Mittwoch, 19. Juni 2019

Der Christ des Tages – Teil LXXXIX


Politische Indolenz der Millennials, katastrophale Medien, unbegrenzter Lobbyeinfluss durch von erzkonservativen Milliardären finanzierte Super-PACs und natürlich das spezielle amerikanische Wahlsystem, drehen über ein halbes Jahrhundert nach den großen Zeiten der Bürgerrechtbewegungen in den USA die Zeit zurück. Unglaublich, aber wahr; im Jahr 2019 leisten sich die USA einen radikal homophoben und frauenfeindlichen Vizepräsidenten und wählen sich mehrheitlich Senatoren, die steinzeitliche Schwangerschaftsregelungen wieder einführen.

Konservative Politiker, Schulen und Geistliche erklären Vergewaltigungsopfer für „selbst Schuld“ wenn sie sich nicht züchtig genug kleiden.
Vergewaltigte Frauen sollten sich ohnehin nicht beschweren, denn eine daraus resultierende Schwangerschaft wäre schließlich ein „Gottesgeschenk“.

Bei den Parlamentswahlen im November 2018 wurde die republikanische Mehrheit im US-Senat sogar noch ausgebaut.
Nun kennen die Bundesstaaten kein Halten mehr auf ihrer Reise ins Mittelalter.

[…..] Abtreibung nicht einmal bei Vergewaltigung oder Inzest
Alabama führt das bisher radikalste Abtreibungsverbot ein. Das eigentliche Ziel konservativer Aktivisten reicht aber noch viel weiter.
[…..] Die Republikaner sehen das Gesetz als Beleg dafür, dass Alabama "für den Schutz des Lebens" stehe. "Ich glaube, dass wir uns an Gottes Stelle setzen, wenn wir das Leben eines ungeborenen Kindes beenden", sagte Senator Clyde Chambliss während der Debatte. […..] Alabama ist nach Georgia, Mississippi, Kentucky und Ohio der fünfte Bundesstaat, der dieses Jahr ein Herzschlag-Gesetz beschlossen hat. In weiteren Staaten sind ähnliche Gesetze eingebracht. Mit einigen Ausnahmen zählen diese Staaten zum Süden der USA, dem Stammland der religiösen Rechten. Die Befürworter des Rechts auf Schwangerschaftsabbruch reden deshalb von einer "Abtreibungswüste", die sich von Florida bis nach New Mexico ziehe.
[…..] Seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten sehen [die konservativen Aktivisten]  sich ermutigt, alles zu versuchen, um den Supreme Court zu einer Neubeurteilung zu bewegen. […..] Mit der umstrittenen Ernennung des Juristen Brett Kavanaugh im vergangenen Jahr gibt es nun am Obersten Gericht eine klare konservative Mehrheit. […..]

Die Gesetzgebung wird derart radikal, daß selbsternannte „Lebensschützer“ die Todesstrafe für Schwangerschaftsabbrüche fordern.
Töten, um zu leben.

Der Wahnsinn konnte soweit fortschreiten wegen Männern des Schlages Stephen Bratton – dem Christen des Tages Nr. 89.
Der Southern Baptist Pastor aus Texas übt der erfolgreich Druck auf republikanische Politiker nicht nur seines Bundesstaates aus.
Im April dieses Jahres trat er im Parlament auf, um für ein extremes Gesetz zu werben, das er gar nicht extrem fand.

[…..] Republican lawmaker proposes death penalty as option for Texas women who receive abortions
[…..] In Texas, an anti-abortion bill would, if passed, make it possible for women who receive abortions to be charged with homicide and receive the death penalty. And on Tuesday, that bill was the subject of a public hearing in Austin (the state capitol).
Introduced in 2017 by Texas State Rep. Tony Tinderholt […..] Texas House Bill 896 calls for total statewide criminalization of abortion and is being pushed by the Christian right. […..]  the bill’s supporters—who include Jim Baxa (president of West Texans for Life) and Christian fundamentalist Stephen Bratton—don’t consider it extreme. Baxa, defending Texas House Bill 896, asserted, “a woman who has committed murder should be charged with murder.” And Bratton declared, “Whoever authorizes or commits murder is guilty.” [….]

Der 44-Jährige Texaner Bratton weiß eben was richtig ist, wie man sich benimmt, und wer welche von Gott gegebenen Rechte hat.
Todesstrafe für junge Frauen in Notlagen? So muss das sein, erklärt der fromme Gottesmann. Des Lo Vult.
Der Pastor der Grace Family Church aus Harris County kennt sich schließlich aus mit Gott und mit Sex. Nicht nur zeugte er mit seiner Frau bereits sieben Kinder,  sondern von 2013 bis 2015 vergewaltigte er auch kontinuierlich eine 13-Jährige. Manchmal mehrmals an einem Tag.

[….] Bratton, 44, allegedly began abusing the girl in 2013 when she was 13 years old, including sexually assaulting her multiple times a day, the Harris County Sheriff’s Office said in a statement. They did not say how the two were related. […]

Bratton ist also wahrlich moralisch dafür prädestiniert republikanischen Politikern zu erklären wie man mit Frauen und Kindern umgeht.
Die GOP beweist immer wieder ein Händchen dafür sich hinter Ethik-Experten mit vorbildlicher Vita wie Trump („Grab’em by the pussy!“) zu scharen.

[…..] The Houston Chronicle reports that Bratton told his wife that he had been sexually abusing a relative back in May. Instead of going to the police, she called the "co-pastors" to discuss his "sins."
Shortly after his confession, two of the co-pastors reported it to the Harris County Sheriff's Office, thankfully. A criminal investigation opened immediately, although he was not arrested until the investigation progressed. He lost his job and appears to no longer be living with his wife of seven children. A court records database shows that an emergency protection order was granted.
Why is it always the most fervently "religious", anti-abortion and homophobic who turn out to be the cheaters, child molesters, in the closet with 20 year old boyfriends, or funders of secret abortions? [….]

Dienstag, 18. Juni 2019

Die Macht der Worte.


Es gibt berufliche Positionen, die so eine Machtfülle beinhalten, daß man sich auch mal rarmachen kann. Regierungschef, Verfassungsrichter, Finanzminister, CEO eines Global Players, Notenbankchef oder CIA-Direktor.
In anderen Tobjobs ist man womöglich sehr bekannt, verfügt aber kaum über direkten Einfluss. UN-Generalsekretär, schwedischer König oder deutscher Bundespräsident sind solche glanzvollen Posten ohne echte Macht.
Um solche Jobs gut zu machen sollte man über Charisma und Ansehen verfügen; natürlich schadet es in diesen Repräsentationsangelegenheiten besonders extrem, wenn man zufällig wie Kurt Waldheim ein Arsch ist, den keiner leiden kann.
Idealerweise versteht man aber seine Rolle als Repräsentant. Johannes Rau beispielsweise verstand es sehr genau: Dem Amt des Bundespräsidenten wird Ehre und Respekt erwiesen; ihm persönlich aber nicht. Daher scherte er sich privat auch nicht um Privilegien, bestand nicht auf seiner eigenen Limousine, wenn er zu einem Empfang genauso gut mit irgendeinem anderen Gast mitfahren konnte. 

Köhler und Gauck hingegen waren davon überzeugt sie selbst als Person sollten verehrt werden und regten sich ganz fürchterlich auf, wenn bei abgeschalteten Kameras nicht jeder standesgemäß vor ihnen buckelte.
Ein formal relativ machtloses Amt kann man dennoch so füllen, daß man auf Augenhöhe mit Regierungschefs wahrgenommen wird.
Der Dalai Lama wird weltweit verehrt und angehört, obwohl er aus einem Miniland in abgelegen Bergen stammt, kein Geld hat und über nicht die geringste exekutive Macht verfügt.
Man kann es in solchen Berufen durch die Kunst der Worte zu sehr viel Ansehen bringen. Gustav Heinemann und Richard von Weizsäcker wurden geliebt und verehrt, während Christian Wulff in demselben Job nur als gehörnter Ehemann und Witzfigur mit ständiger Ebbe in der Kasse in Erinnerung blieb.

Die CDU vereint gerne das Amt des Bundeskanzlers und des Parteichefs in einer Person, da CDUler Autorität lieben und jemand mit dieser Doppelfunktion die Karrieren jedes einzelnen Parteimitgliedes fördern oder beenden kann.
A posteriori erscheint es mir recht schlau von Angela Merkel auf das Parteiamt und nicht das Regierungsamt verzichtet zu haben.
Denn in Letzterem kann sie brillieren und Anerkennung finden, auch wenn die Partei taumelt. Umgekehrt ginge das nicht: Fährt man die Regierung gegen die Wand, wackelt automatisch auch der Job als Parteichef.

Annegret Kramp-Karrenbauer ging ein großes Risiko ein, als sie das Amt der Regierungschefin im Saarland aufgab, um sich völlig ohne exekutive Gewalt vollständig auf die Parteiarbeit zu konzentrieren. Das spricht für großes Selbstbewußtsein und ihren Glauben an sich selbst und ihre Überzeugungskraft. Der Schritt war umso mutiger, weil sie zunächst nur den Hiwi-Job als Generalsekretärin bekam und alles weitere in den Sternen stand. Aus AKKs Sicht zahlte sich das Wagnis aber aus, da 1. Merkel früher als erwartet das Amt als CDU-Chefin aufgab und es 2. AKK gelang auf den Posten aufzurücken.

Auf den zweiten Blick war dieser Sieg aber schal, da die Hälfte der CDU gegen sie war und sie nach der Amtsübernahme erst mal ausgiebig die konservativen Merz-Fans pampern musste, statt befreit das zu tun, was ihr vorschwebte.

Zudem verfügt die Saarländerin über keine Machtbasis. Ihr CDU-Landesverband ist so winzig, das er bundespolitisch bedeutungslos ist. Sie ist weder Landesregierungschefin, noch bekleidet sie einen Posten im Bundeskabinett.
Sie hat noch nicht mal einen Bundestagssitz, sondern hockt den ganzen Tag im Konrad-Adenauer-Haus (KAH) und hat nichts zu melden.
Wäre AKK beliebt wie Guttenberg und Merkel unbeliebt wie Nahles, wäre es möglich Druck auf die Kanzlerin auszuüben, sich früher als erwartet ins Privatleben abzusetzen.
Tatsächlich aber ist Merkel im Vergleich zur Parteichefin derartig beliebt, daß AKK noch nicht mal leise Kritik an ihrer Vorgängerin wagen kann.

CDU-Chefin unter einer Sphinx-Kanzlerin zu sein, bedeutet als völlig Machtlose stets an der geballten Power Merkels abzuprallen. Die einzige kleine Einflussmöglichkeit der Kramp-Karrenbauer besteht darin zukünftige Karrieren von CDU-Mitgliedern zu beeinflussen. Aber Merkel ist dagegen selbstverständlich immun, weil sie schon längst im höchsten Punkt ihres Karrieretraumes angekommen ist und anschließend auch keiner weiteren Förderung durch das KAH bedarf.
Der CDU-Chefin bleibt in dieser blöden Lage, in der Neuwahlen durch die schlechten Umfrageergebnisse der Regierungsparteien immer unwahrscheinlicher werden tatsächlich nur noch die Macht ihrer Worte.
Wenn man schon nichts zu sagen hat, sollte man wenigstens wissen wie man etwas sagt.

Da ist es schon etwas hinderlich, dass sich ausgerechnet AKK nicht richtig ausdrücken kann und ihre Aussagen immer anschließend noch mal korrigieren und richtigstellen muss.
Redner, die nicht reden können, sind schon Mist.
AKK ist dabei nicht nur ein mieser Rhetor, sondern sie weiß einfach nicht was sie redet.
Sie ist wie ein Mathelehrer mit Rechenschwäche.

[….] Nach ihrer Rede vor der Atlantik-Brücke setzt sich Kramp-Karrenbauer in einen Sessel am Ende des Podiums, sie soll noch ein paar Fragen beantworten. Moderator Tom Buhrow ist erstaunt: Eigentlich hatte er den Platz in der Mitte für die CDU-Chefin vorgesehen, "aber bescheiden, wie Sie sind, haben Sie sich an den Rand gesetzt", sagt er. Bescheiden, sich an den Rand drücken, das sind nicht gerade die Qualitäten einer künftigen Kanzlerkandidatin.
Das ist mehr als eine Momentaufnahme. Bei einem Dinner für Stipendiaten des deutsch-amerikanischen Burns-Programms am selben Abend hält Kramp-Karrenbauer nahezu dieselbe Rede noch einmal. Sie habe fahrig gewirkt, berichten mehrere Teilnehmer. Aus einer souveränen, selbstbewussten Politikerin, die keine Nerven zeigte, als es um die Macht in der Union ging, ist binnen weniger Monate eine verunsicherte Vorsitzende geworden.
Dass die CDU nach einem halben Jahr Kramp-Karrenbauer in eine ernste Krise gerutscht ist, bestreiten nicht einmal Anhänger der Vorsitzenden. [….]

Wenn AKK das Wort ergreift, staunt man und vermutet anschließend, daß sie nicht das gemeint haben könne, was sie gerade sagte.
Und tatsächlich muss sie schon wenige Stunden später oft noch mal erklären was sie eigentlich gemeint hatte. Wir kennen das von ihrer Aussage zur Youtube-Zensur, den Transgenderwitzen und dem Trump-Lob. Stets hatte sie miserabel formuliert und missverständlich geplappert, daß auch Wohlmeinende rätselnd zurück blieben.

Im sächsischen Görlitz konnte ein breitestes Bündnis aller Parteien und Vereine außer der AfD mit Mühe und Not knapp verhindern, daß erstmals ein AfD-Mitglied Bürgermeister einer deutschen Großstadt wirkt.
Eine fürchterliche Schmach für Görlitz und insbesondere für die CDU, die auf Hilfe von Linken und Grünen angewiesen war, weil sie zu schwach war.


Nur Kramp-Karrenbauer begriff das nicht und redete sich um Kopf und Kragen, als sie den CDU-Sieg lobte und damit wieder einmal für große Empörung sorgte.

Nur um sich – wie üblich – wenige Stunden später mit einen neuen Statement selbst zu korrigieren.

[…..] Die CDU gewinnt in Sachsen nach mehreren Schlappen in Folge das Duell um den Chefsessel im Görlitzer Rathaus - gegen die AfD. Annegret Kramp-Karrenbauer verbucht das als alleinigen Verdienst ihrer Partei - und erntet prompt Kritik.
Lange hat es nicht gedauert, bis Annegret Kramp-Karrenbauer zumindest halb zurückruderte. In einem zweiten Tweet zur Oberbürgermeisterwahl in Görlitz präzisierte sie, der Sieg von CDU-Mann Octavian Ursu über den AfD-Kandidaten sei "der Sieg eines breiten Bündnisses, für das ich dankbar bin. Übrigens haben wir uns darüber heute Abend im Koalitionsausschuss parteiübergreifend gefreut".
Kramp-Karrenbauer war zuvor heftig kritisiert worden. In einer ersten Reaktion auf den Wahlsieg von Ursu hatte sie geschrieben: "Octavian Ursu und die @cdusachsen zeigen in #Goerlitz: Die @cdu ist die bürgerliche Kraft gegen die AfD. Herzlichen Glückwunsch an den neuen Oberbürgermeister von #Goerlitz!"
Kritiker hielten ihr vor, nicht erwähnt zu haben, dass die Kandidatinnen von Grünen (Franziska Schubert) und Linken (Jana Lübeck) auf ein neuerliches Antreten am Sonntag verzichtet hatten, um den AfD-Kandidaten Sebastian Wippel zu verhindern. Beide Kandidatinnen hatten dazu aufgerufen, in der Stichwahl für den CDU-Politiker Ursu zu stimmen. [….]

Görlitz war nicht das einzige AKK-Desaster dieser Woche.

Vor über zwei Wochen, am 03.06.2019 wurde der bekannte CDU-Politiker und Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke erschossen. Seit einigen Tagen weiß man, daß es sich um einen rechtsextremen Mordanschlag handelte.
Wenn Politiker in Amt und Funktion von extremistischen Terroristen ermordet werden, ist das eine ganz ganz große Sache, die tout Deutschland beschäftigt.
Das Mindeste, das Erste, das Selbstverständlichste ist es in so einem Fall, daß sich der Parteichef des Getöteten äußert, den Anschlag verurteilt, sich vor die Familie stellt.
Die CDU-Bundesvorsitzende begriff aber selbst diese simple Regel des Anstandes nicht und schwieg eisern.

[….] Ein CDU-Politiker wird mutmaßlich von einem Rechtsextremisten  
getötet - und die Parteichefin schweigt? Dafür geriet Annegret Kramp-Karrenbauer in die Kritik, nun äußert sie sich. [….]
"Der gewaltsame Tod unseres Freundes Walter Lübcke hat uns sehr schockiert. Wir trauern sehr um ihn und denken in diesen Tagen an seine Familie und Angehörigen", so Kramp-Karrenbauer. [….] In den sozialen Medien hatten viele Menschen Kramp-Karrenbauers anfängliches Schweigen zu der Ermordung des CDU-Politikers Lübcke kritisiert. [….]

Ich hätte nie gedacht, das jemals zu sagen, aber angesichts des losen Mundwerks der CDU-Chefin muss man über jeden Tag froh sein, den Merkel im Amt ist und AKK nicht Deutschland repräsentiert.