Dienstag, 3. November 2015

Arbeiten



Dieser Tage empören sich die Medien darüber, daß BILD-Vize Bela Anda gegen den auf Mallorca urlaubenden Thomas de Maizière wettert.

Mit dieser Art der Kritik tue ich mich auch extrem schwer.
Es gehört sich nicht für einen Spitzenpolitiker öffentlich über sein Arbeitspensum zu lamentieren, da er sich den Job selbst ausgesucht hat – wohl wissend, daß er wie jeder kleine auf selbständiger Basis Arbeitende möglicherweise auf Krankheiten keine Rücksicht nehmen kann, sich trotz Fiebers ins Büro schleppen muß.

Spitzenpolitikern aber generell Faulheit zu unterstellen oder ihnen Dienstwagen und Bezahlung zu missgönnen, ist allerdings unterstes PEGIDA-Niveau.
Zweifellos arbeiten Minister und Kanzler so viel, daß sie deutlichen Raubbau an ihrer Gesundheit und ihrem sozialen Umfeld treiben. Kinder leiden, Ehen zerbrechen.

Ginge es Merkel und Co nur ums Geld, könnten sie problemlos in Stellen des öffentlichen Dienstes mit wesentlich mehr Gehalt und viel mehr Freizeit wechseln – mal ganz abgesehen von den Summen, die in der „freien Wirtschaft“ gezahlt werden.
Man kann Merkel viel unterstellen - und in diesem Blog kritisiere ich sie seit über acht Jahren fast jeden Tag – aber es ist nicht die Geldgier, die sie antreibt.

In Wahrheit lachen Manager natürlich über die kleinen Gehälter der Bundesminister.
Kein Dax-Vorstand würde für Gabriels und Schäubles Gehalt morgens aufstehen.
Ich wäre natürlich offen für eine Begrenzung von Managergehältern.
Zumindest würde ich mir wünschen, daß diese a) offengelegt werden und daß Manager b) auch mit ihren Einkünften haften, wenn sie die Firma ruinieren.

Etwas anderes sind die hohen Gehälter in den Chefetagen der kommunalen Unternehmen.
Als Olaf Scholz 2011 Regierungschef in Hamburg wurde, legte er als erster Ministerpräsident überhaupt die Gehälter der Geschäftsführer öffentlicher Unternehmen offen.
Man staunte nicht schlecht.
Er selbst steht als Regierungschef mit rund 170.000 Euro im Jahr weit hinter dem Hochbahnchef (360.000 Euro), dem Flughafen-Chef (355.000 Euro) oder gar dem UKE-Chef Martin Zeitz mit 455.000 Euro Grundgehalt ohne Zuschläge.
Deutlich mehr als Olaf Scholz kassieren auch die Geschäftsführer der Saga, von Hamburg Wasser, der Hafenverwaltung HPA oder der Messe, die schon mit ihrer festen Vergütung alle klar oberhalb von 200.000 Euro liegen:
255.000 Michael Beckereit, Hamburg Wasser, 185.000 Bernd Aufderheide, Hamburg Messe und Congress, 230.000 Willi Hoppenstedt, SAGA Hamburg, 265.000 Lutz Basse, Saga Hamburg. (Zahlen von 2012)
Da es sich hier um öffentliche Unternehmen handelt, kann man ein Missverhältnis diagnostizieren. Entweder die Jungs verdienen zu viel oder Bürgermeister und Kanzlerin mit der ungleich größeren Verantwortung verdienen zu wenig.
Auch hier ist eine Neiddebatte allerdings kaum angebracht, da die Summen insgesamt zu vernachlässigen sind – verglichen mit den 9- und 10- und 11-stelligen Summen, die durch falsche politische Entscheidungen und Steuergeschenke verprasst werden.

Was man allerdings vielen Bundesministern vorwerfen muß, ist daß sie ihre eigentliche Arbeit nicht tun.
Sie setzen nicht das um, was zum Wohle des ganzen Landes offensichtlich auf der Tagesordnung steht.
Die Gründe für dieses Nichthandeln reichen von Unfähigkeit über Angst bis zu Bestechung.
Oft steht ein machttaktisches Kalkül dahinter: Wen würde eine notwendige Reform verärgern, wie stark wird der sich wehren und wie wirkt sich das auf meine Chancen aus wiedergewählt zu werden?
Schuld ist auch der Urnenpöbel, der noch viel manipulierbarer als der einzelne Abgeordnete ist und stoisch die politische Trägheit belohnt.

Dafür sind die beliebtesten CDU-Politiker Schäuble und Merkel die besten Belege. Beide beeindrucken durch ihr Ignorieren und Verschieben der Probleme.

Seit sechs Jahren ist Schäuble Bundesfinanzminister, der ohne eigenes Zutun durch die Arbeit seiner Vorgänger das seltene Glück sprudelnder Steuereinnahmen genießen kann.
Hinzu kommt, daß er sich auf riesige parlamentarische Mehrheiten stützen kann. DIE Gelegenheit endlich die überfälligen Steuerreformen anzupacken.
Aber Schäuble sagte bisher jede Reform einfach ab. Er handelt faul und feige!


Die Berechnung der Mehrwertsteuer, dieser Irrsinn im Quadrat, bleibt bestehen.

Offenbar fürchtet Schäuble, der zurzeit im Krankenhaus liegt, massive Widerstände gegen die Steuerpläne.
Der Regierung liegt ein Gutachten vor, wonach der ermäßigte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent allein für Lebensmittel gerechtfertigt sei. Die Vergünstigung beispielsweise für Schnittblumen, zahntechnische Leistungen oder Zeitungen seien dagegen steuerlich nicht zu begründen. Die Gutachter empfehlen, für diese Güter den vollen Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent zu berechnen. Der Finanzminister will dieser Empfehlung nicht folgen. In der Koalition wird Schäubles Weigerung mit Verwunderung aufgenommen, da sich der Finanzminister die Gelegenheit entgehen lasse, die Staatskasse zu füllen.
Die Regierung vertagte eine Entscheidung in dieser Frage immer wieder. Im Koalitionsvertrag wurde vereinbart, dass eine Kommission den Katalog der ermäßigten Steuersätze überprüfen soll.
(Stuttgarter Zeitung 05.10.10)

Nun bleibt es bei dem Schilda-artigen Dickicht.
7% für Hotelübernachtungen, Windeln 19%, Rennpferde 7%, Apfelsaft 19 Prozent, aber Äpfel 7%. Aufgebrühter Kaffee 19 Prozent. Auf Kaffeebohnen, Haustauben, Bienen und Chicoree, Speisesalz (aber nicht in wäßriger Lösung!) gibt es 7 %.
Die schwarz-gelbe Steuersenkungskoalition hat in ihrem ersten Gesetz das Chaos noch vergrößert - wider alle Vernunft.
Inzwischen blickt keiner mehr durch und die Merkelregierung mit ihrer dicken Bundestagsmehrheit legt tatenlos die Hände in den Schoß.
Schäuble fällt aus und sagt Vereinfachungen ab.

So bleiben die ermäßigten Mehrwertsteuersätze ein Fall für Comedians.

So ist Esel nicht gleich Esel: Denn nicht nur für Hengste, Wallache, Stuten und Fohlen gilt der ermäßigte Steuersatz von 7 Prozent, sondern auch für Kreuzungen zwischen Eselhengst und Pferdestute (Maultier) sowie Pferdehengst und Eselstute (Maulesel). Der ermäßigte Satz ist auch für reinrassige Esel fällig, aber nur für geschlachtete. Schließlich wird ja auch "Fleisch von Pferden, Eseln, Maultieren oder Mauleseln, frisch, gekühlt oder gefroren" begünstigt. Für lebende "Hausesel und alle anderen Esel" gilt der volle Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent. Reichlich Stoff für Büttenredner bietet auch diese Klarstellung: Genießbare getrocknete Schweineohren unterliegen dem ermäßigten Steuersatz von sieben Prozent, auch wenn sie als Tierfutter verwendet werden. Getrocknete Schweineohren, die nicht für den menschlichen Verzehr geeignet sind, werden mit dem vollen Satz belegt. Zum Kuriositäten-Katalog gehört ferner: Ermäßigte Mehrwertsteuer für Hausschweine, normaler Satz für Wildschweine - und Flusspferde; ermäßigter Satz für Kartoffeln aller Art, aber Regelsatz für Süßkartoffeln; ermäßigter Satz für Tomatenmark und Tomatensaft, normaler Satz jedoch für Tomatenketchup und Tomatensoße. Oder: Pilze und Trüffel, ohne Essig haltbar gemacht: ermäßigt; Pilze und Trüffel, mit Essig haltbar gemacht: normaler Steuersatz. Und so weiter.
(Evang. 2.12.09)

Diese Koalition ist ein einziger Witz - ob ein Minister mehr oder weniger arbeitsfähig ist, spielt keine Rolle mehr.

Die finanzielle Ungleichheit in Deutschland wächst rasant weiter an, weil Schäuble sich darum drückt endlich auch die überfällige Erfassung der Kapitalerträge zu regeln.

Schäuble arbeitet sicher viel, aber seine ureigentlichen Aufgaben als Finanzminister läßt er liegen.
Seine Untätigkeit hat dramatische Folgen.

[….]  Steuerausländer haben in Deutschland mehr als 2500 Milliarden Euro steuerfrei angelegt und nur ein Prozent davon bisher an die Heimatfinanzbehörden gemeldet. Das geht aus dem am Montag in Berlin veröffentlichten Schattenfinanzindex 2015 hervor. [….] Deutschland gilt nach wie vor als Steueroase. Im Ranking der weltweit "schädlichsten Schattenfinanzplätze" belegt die Bundesrepublik den achten Platz. [….] Der Schattenfinanzindex sei "das größte Projekt weltweit zur Messung von schädlicher Geheimhaltung im Finanzsektor und zeigt, wo Kriminelle, korrupte Eliten und Steuerflüchtlinge am besten mit ihrem Geld untertauchen können", sagte Markus Meinzer, Projektleiter beim Tax Justice Network und Autor des gerade erschienenen Buches "Steueroase Deutschland".[….] Meinzer zufolge spielt die Bundesrepublik politisch nicht mit offenen Karten. Auf europäischer Ebene würden Transparenzreformen wie etwa die Angabe der Eigentümer von Firmen oder zu länderspezifischen Berichtspflichten abgelehnt.

Dieses Generieren von Megaproblemen durch Unterlassung beherrscht auch der absolute Minusminister Thomas de Maizière.
Niemand würde sich darüber aufregen, wenn der Innenminister ein paar Tage auf Mallorca ausspannt, wenn man den Eindruck hätte, er habe vorher effektiv gearbeitet.
Dem ist aber nicht so. De Maizière ist der Hauptverantwortliche für den absurden Zustand, daß in Deutschland ankommende Flüchtlinge bis Sommer 2016 warten müssen, um überhaupt einen Termin für das Stellen eines Asylantrages zu bekommen. Ein Antrag, der dann noch weitere lange Monate bearbeitet wird, so daß locker anderthalb Jahre Zeit vergehen, in der der Heimatvertriebene nicht arbeiten darf und nicht gefördert werden darf.

In diesen Tagen richtet sich der Blick auf ihre Politik in den vergangenen Monaten. Und da zeigt sich, dass der erfahrensten Regierungschefin des Kontinents Fehler unterlaufen sind, die sich nur mühsam korrigieren lassen. Viel zu spät realisierte das Kanzleramt die historische Dimension der Krise. Schon im Februar riefen Kommunen um Hilfe. Im Mai bereitete sich das Transitland Serbien auf größere Flüchtlingsbewegungen vor. In Berlin tat sich nichts. Das Innenministerium verweigerte dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge neue Stellen für Asylentscheider. Tausende Altfälle blieben liegen. Später, als klar wurde, dass der zuständige Amtschef mit seiner Aufgabe überfordert war, blieb er noch wochenlang im Amt. Im Juni warnten CDU-Landräte aus Baden-Württemberg in Berlin vor einem Kollaps, doch die Regierungszentrale dachte überhaupt nicht daran, in den Krisenmodus hochzuschalten.
(DER SPIEGEL 45, 31.10.2015, s.27 f)

Genau wie der Innenminister versagte auch die Kanzlerin durch ihre Untätigkeit auf europäischer Ebene.

Ein auch nur halbwegs fähiger Innenminister würde nun endlich mal anfangen Integrationshemmnisse abzubauen und zumindest das tun, was seit 10 Jahren jeden Tag gefordert wird: Sprachkurse anbieten und akademische Abschlüsse anerkennen.
De Maizière begreift es aber einfach nicht, tut das diametral Falsche; läßt weiter abschrecken.

Doch die Flüchtlinge und Helfer scheitern oft noch an den Strukturen in Deutschland, deren Motto scheint: "Abschrecken statt einbinden". Denn in deutschen Gesetzen und Verordnungen wimmelt es noch von Paragraphen, die eine Integration schwer machen, sagt etwa Prof. Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. "Wir haben lange versucht, Asylbewerber und Flüchtlinge abzuschrecken. Menschen, die man in ihre Heimatländer zurückschicken will, versucht man gerade nicht in den Arbeitsmarkt zu integrieren, versucht man nicht auszubilden, versucht man nicht sprachlich zu fördern. Das ist alles Gift für die Integration."

Es ist wie ein schlechter Witz. Auch wenn der phlegmatische Sachse es lange zu verheimlichen suchte: Es kommen dieses Jahr 800.000 bis 1.000.000 Heimatvertriebene nach Deutschland.
Hunderttausende sind lange da und im ganzen Jahr 2015 schafft es de Maizière gerade mal Deutschkurse für 1.500 Menschen zu organisieren.

Dramatisch de Maizières Versagen beim Rechtsextremismus.
Er füttert Pegida und AfD an, statt seiner eigentlichen Aufgabe als Verfassungsminister nachzukommen.
Er sollte endlich Vorurteilen entgegen treten, statt diese aktiv zu fördern, indem er immer wieder bösartige Gerüchte („falsche Syrer“, „IS-Unterwanderung“) über die zu uns kommenden Menschen in die Welt setzt.

Was de Maizières ureigene Aufgabe wäre, ist die folgende Rede zu halten.
Aber leider mußte Monitor-Chef Restle einspringen.

Wer sich die Bilderflut der letzten Wochen angeschaut hat, kann ja tatsächlich auf den Gedanken kommen, über Deutschland sei so etwas wie eine Naturkatastrophe ungeahnten Ausmaßes hereingebrochen. Dabei reden wir von bisher rund 400.000 registrierten Flüchtlingen, die aus größter Not in diesem Jahr nach Deutschland gekommen sind. 400.000, das klingt für manche ziemlich viel. Klingt allerdings gar nicht mehr so viel, wenn man sich die Zahlen der Flüchtlinge anschaut, die Deutschland in der Vergangenheit schon aufgenommen hat. Allein in den vier Jahren nach dem zweiten Weltkrieg sind rund 12 Millionen Menschen aus den sogenannten ehemaligen deutschen Ostgebieten nach Deutschland geflohen oder vertrieben worden. 12 Millionen, die Arbeit und Wohnraum in einem völlig zerstörten Land suchten. Die zweite große Zuwanderungswelle dann in den 60er und 70er Jahren. Vor allem die sogenannten Gastarbeiter. Allein im Jahr 1973 kamen rund eine Million Ausländer nach Deutschland; insgesamt waren es zwischen 1969 und 1973 sogar 3,4 Millionen. Der nächste Höhepunkt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Fall der Mauer. Spätaussiedler und Asylbewerber aus Osteuropa, allein im Jahr 1992 waren es rund 700.000. Insgesamt kamen zwischen 1988 und 1993 3,1 Millionen Menschen nach Deutschland. Hat das Land alles gut überstanden. Auch deshalb täte uns allen ein bisschen weniger Drama vielleicht ganz gut - trotz aller Herausforderungen. Herausforderungen, auf die die deutsche und europäische Politik fast nur eine Antwort zu kennen scheint. Zäune hoch und Grenzen wieder dicht, wenn’s sein muss auch innerhalb Europas.

Wenn man so viel Arbeit nicht tut, muß man sich auch nicht wundern, daß die BILD höhnisch über den Mallorca-Urlaub berichtet!


Montag, 2. November 2015

Rosinenpicken



Das ist das Blöde, wenn man einer monotheistischen Religion angehört: Da es nur einen Gott gibt, kann man seine Autorität auch nicht in Frage stellen.

Rosinenpicken verbietet sich grundsätzlich, denn wenn man einige Lehren des einen Gottes ablehnt, stellt man ihn auch sofort insgesamt in Frage. Und genau das ist die Definition des Glaubens, daß man das eben nicht tut.

Es ist eine fundamentale religiöse Absurdität von anderen die Einhaltung bestimmter Forderungen aus Koran/Bibel/Thora zu verlangen, während man selbst solche Forderungen ignoriert.

Man kann nicht das Zinswesen akzeptieren, Schalentiere essen und Sklaverei verdammen, wenn man gleichzeitig aufgrund biblischer Texte beispielsweise Homosexualität verdammt.

Seine überragende Dummheit offenbarte Grünen-Religiot Volker Beck, als er am Bundestagsrednerpult mit der aufgeschlagenen Bibel in der Hand aus der Genesis zitierte, um die Penisbeschneidung zu rechtfertigen, während er die im gleichen Buch enthaltenen Forderungen nach Frauenunterdrückung, Sklaverei und Antisemitismus ablehnt.
Biblische Lehren haben sich als Schande erwiesen und somit ist das Gesamtkonzept Gott gescheitert.


Ein Christ, der nicht mit Sklaverei und Antisemitismus einverstanden ist, kann seine Bibel gleich wegwerfen, denn Gott hat seine Gebote gewiss nicht als unverbindliche Vorschläge verstanden.
Im Gegenteil, das Christentum lebt von DOGMEN, die eben nicht verhandelbar sind. Aufgrund dieser Dogmen wurden Millionen Menschen gequält und umgebracht.

Dem diametral entgegen gesetzt ist das Schmidt-Salomonsche Konzept des evolutionären Humanismus, welches besagt, daß sich unsere humanistischen Grundsätze in einem kontinuierlichen Wandel befinden.
Der Humanismus von vor 200 Jahren kannte keine Frauenrechte und Demokratie, vor 100 Jahren waren gleiche Rechte für LGBTs und die Ächtung der Prügelstrafe noch kein Thema. Gut möglich, daß im Jahr 2215 der Humanismus selbstverständlich Konzepte beinhaltet, die heute noch hochumstritten sind. Man denke an Tierrechte, Recht auf Selbsttötung, nationale Rechte, soziale Ungleichheiten und Ähnliches.

"Wir sind nicht die Krone der Schöpfung, sondern die Neandertaler von morgen". Die Giordano-Bruno-Stiftung vertritt die Position des „Evolutionären Humanismus“, die Mitte des letzten Jahrhunderts von dem bedeutenden Evolutionsbiologen und ersten Generaldirektor der UNESCO, Julian Huxley, formuliert wurde. […] Wie jeder konsequente Humanismus geht auch der Evolutionäre Humanismus von der Notwendigkeit und Möglichkeit der Verbesserung der menschlichen Lebensverhältnisse aus. Evolutionäre Humanisten treten entschieden für die Werte der Aufklärung, für kritische Rationalität, Selbstbestimmung, Freiheit und soziale Gerechtigkeit ein. Allerdings begreifen sie den Menschen nicht mehr als „Krone der Schöpfung“, sondern als unbeabsichtigtes Produkt der natürlichen Evolution, das sich nur graduell, nicht prinzipiell, von den anderen Lebensformen auf diesem „Staubkorn im Weltall“ unterscheidet.
 Als Kinder der Evolution sind auch wir bloß „Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“ (Albert Schweitzer), was sich in einem verantwortungsvolleren Umgang mit der nichtmenschlichen Tierwelt niederschlagen sollte.
 Ethische Grundlage des evolutionären Humanismus ist das "Prinzip der gleichen Berücksichtigung gleichrangiger Interessen". Daher sind diskriminierende Ideologien wie Rassismus, Sexismus, Ethnozentrismus oder Speziesismus sowie sozialdarwinistische oder eugenische Konzepte [….] mit dem evolutionären Humanismus unvereinbar.
(gbs)

Es ist aber zu vermuten, daß Humanisten sich in ein paar Hundert Jahren – sofern es dann noch Menschen geben sollte – nicht so entsetzlich für ihre Ursprünge schämen müssen wie es Christen schon jetzt mit Blick auf die entsetzlichen Gräueltaten der Kirchengeschichte und den explizit Mensch- und Natur-feindlichen Lehren der Bibel tun müssen.

Als Humanist verstehe ich Kultur als Angebot, strebe nach Vielfalt.
Da ich prinzipiell undogmatisch bin und an keine allmächtige und unfehlbare Instanz glaube, kann ich im Gegensatz zu Frau Käßmann sehr wohl ein kulturelles Rosinenpicken betreiben. Anders als die debile BILD-Kolumnistin will ich niemanden meine Vorlieben aufdrängen.
Die Metapher für kulturelle Vielfalt ist üblicherweise das Essen.
Noch in den 1970er Jahren zeigte Wolfgang Menge in seiner genialen Serie „Ein Herz und eine Seele“ wie abwehrend und negativ der deutsche Spießer auf die ersten Pizzas reagierte.


Zu der Zeit war meine Familie aus NY nach Deutschland gekommen und ich erinnere mich noch, daß meine Eltern immer auf der Suche nach bestimmten Lebensmitteln waren, die es hier kaum gab.
Scallions und romaine lettuce kamen damals gerade erst auf.
Ich war darauf trainiert nach Frühlingszwiebeln Ausschau zu halten und wir kaufen jedes Bund Scallions, das wir fanden.
Die tollsten Pakete aus den USA enthielten damals „Muffins“. Wir bekamen die sehr selten, weil man sie aufgrund der Haltbarkeit als Luftpost schicken mußte und das war sehr teuer.
Ich erinnere mich aber noch genau an die damaligen Verpackungen und wie wir uns regelrecht darum prügelten, wer das erste Muffin aus dem Toaster essen durfte. Vor etwa 20 Jahren (?) trauten wir unseren Augen kaum, als es auf einmal in hiesigen Supermärkten auch „Toastis“ von Harry gab, die wie Muffins schmeckten. Natürlich nicht so gut, aber immerhin. Noch länger dauerte es bis zur großen Freude meines Vaters Pastrami in den deutschen Wursttheken auftauchte – zu spät für mich; ich war da schon lange Vegetarier.
Inzwischen gibt es kaum noch Lebensmittel, die ich aus Amerika vermisse. Das Angebot in Deutschland ist groß geworden. Lediglich Lawry's seasoned salt muß ich mir noch aus den USA schicken lassen, weil ich dafür keine Alternative in Deutschland finde.

Nun ist Amerika nicht der Inbegriff der kulinarischen Kultur.
Erheblich wichtiger sind der asiatische, italienische, französische, arabische und türkische Einfluß auf das deutsche Essen.
Ohne türkische Antipasti und italienischen Balsamico und Mozzarella, ohne Sojasoße und französische Käse würde ich vermutlich verhungern.
Dabei bin ich durchaus ein „picky eater“ und mag alles Mögliche nicht.
Die meisten Waren des von mir bevorzugten Asia-Marktes VINH-LOI Hamburg rühre ich lieber nicht an. Aber das Angebot ist so reichhaltig, daß ich doch regelmäßig dahin fahre und immer mal wieder etwas Neues ausprobiere.
Das ist aber gerade das Kennzeichen kultureller Vielfalt, daß man nicht alles mag, vieles vielleicht sogar als regelrecht abstoßend empfindet.

Vor einigen Jahren eröffnete bei mir um die Ecke ein hübsches gemütliches portugiesisches Café. Die Inhaber waren wunderbare Leute, die ich liebend gern unterstützt hätte.
Leider kann ich portugiesische Backware nichts ausstehen. Zu trocken, zu süß und dann auch noch voll mit diesen widerlichen Sukade-artigen Gummiobst-Klumpen. Ekelhaft.
Zum Einjährigen veranstaltete die Betreiber ein öffentliches Grillen für die Nachbarschaft. Eigentlich wunderbar, nur leider haben die meisten Portugiesen diese unerklärliche Vorliebe für Bacalhau, der natürlich auf die Grills gelegt wurde und die ganze Gegend in einen unfassbaren Gestank hüllte.
Ich wäre beinahe kollabiert und lief mit grünem Gesicht um mein Leben.
Erstaunlich, aber wahr: Andere Menschen empfinden das anders als ich. Das Grillfest war gut besucht. Offenbar gibt es sogar Deutsche, die nicht augenblicklich Brechreiz bekommen, sondern das Zeug sogar essen.

Es sind Angebote, die nebeneinander her existieren können – in Parallelwelten.
Parallelgesellschaft ist übrigens ein zu Unrecht negativ konnotierter Begriff.
Ich schätze Parallelgesellschaften. Man kann sich zwischen ihnen bewegen und die einem extrem Widerstrebenden links liegen lassen.

So eine Parallelgesellschaft ist für mich beispielswiese die Schlager- oder Volksmusikszene.
Das sind Megatrends, die ganz große Hallen füllen und Millionen CDs verkaufen.
In Hamburg rotten sich im Sommer sogar Myriaden geistig Retardierte zum „Schlagermove“ zusammen.
Wenn so etwas stattfindet, muß man flüchten.
Jeder Hamburger hat schon Kölner und Düsseldorfer erlebt, die zur Karnevalszeit aus ihren Städten hierher fliehen, weil sie die Massen Geistesgestörter nicht ertragen können.
Aber das ist die natürliche Kehrseite eines kulturellen Angebotes, von dem wir alle viel mehr profitieren, als wir erleiden müssen.
Natürlich würde kein Biodeutscher heute noch seine Nahrungsaufnahme auf schwäbische Kutteln, bayerische Weißwurst, Hamburger Labskaus und Hessischen Äppelwoi beschränken.
Wir sind nicht nur dankbar für die vielen Alternativen, sondern haben sie in unseren täglichen Speiseplan integriert.
Was für ein Glück, daß die Geschmäcker verschieden sind und nicht alle immer nur Isländischen Hákarl, Pfälzischen Saumagen, Schottischen Häggis oder Schwedisches Surströmming essen, sondern ständig kulturell beeinflusst werden.

Natürlich praktiziere ich das Rosinenpicken keineswegs nur beim Essen, sondern generell.

Ohne angelsächsische Rockmusik, Italienische Opern, russische Literatur, Isländischen Pop, Schweizer Uhren, Belgische Schokolade, Japanische Elektronik, amerikanische Drama-Serien, Syrische Seifen, französisches Kino, Iranische Pistazien, Israelische Pomelos, Indische Software oder Italienisches Design will man nicht mehr auskommen.

Sonntag, 1. November 2015

Impudenz des Monats Oktober 2015



Und schon wieder einmal zeigt der Kalender eine „1“ - hohe Zeit für mich den Blödmann des Monats zu küren.

Den Titel bekommt im Oktober die Ideologie der Grenze.


Immer mehr Europäer glauben 30 Jahre nach „Schengen I“ an die Wiedererrichtung von Grenzanlagen, mit NATO-Draht bewehrten Zäunen und menschenundurchlässigen Sperren als Allheilmittel.

Die zugrundeliegende Idee des Grenzwahns ist die Fiktion man könne alles Fremde aussperren und dann in einer homogenen Umgebung leben.
Wir kennen das Prinzip als amerikanischen „gated communities“, in denen ein dahergelaufener Schwarzer schon mal erschossen wird, weil er dort fremd ist.
Nicht anders ist die zunehmende innerstädtische Abschottung zu verstehen. In Hamburg werden Luxuswohnhäuser mit „Concierge“ geplant, so daß Fremde nicht hereingelassen werden.

Die Methode kann schon deswegen nicht funktionieren, weil die Definition des Fremden subjektiv ist.
Da ich über keine nationalen oder patriotischen Gefühle verfüge, ist mein Maßstab am ehesten die Stadt Hamburg, die mir so vertraut ist wie kein anderer Ort.
Aber auch hier empfinde ich vieles als im negativen Sinne „fremd.“

Dazu gehören beispielsweise die vielen Bälger, die gestern in billigen REWE-Kostümen hier klingelten, weil es irgendwelchen Marketingstrategen geschafft haben zur Konsumankupplung den amerikanischen Halloween-Wahn nach Deutschland zu bringen.
Fremd sind mir auch grölende Fußballfans oder Teenager-Kohorten, die wie Zombis auf ihre Smartphone-Displays starrend durch die Straßen wanken.
Das sind für mich fremde Einflüsse, die ich nicht mag, aber selbstverständlich akzeptiere.



Hamburg ist andererseits die Stadt mit den zweitmeisten Konsulaten der Welt; durch den Hafen gibt es hier eine Jahrhundertealte Multikulti-Geschichte. 40% der Hamburger haben einen „Migrationshintergrund“ – um da widerliche Wort zu benutzen.
Ladeninhaber, Architekten oder Kardiologen im UKE-Herzzentrum sind hierzulande sehr oft relativ dunkelhäutig und mit komplizierten Nachnamen versehen. Das ist für mich sehr vertraut und im positivsten Sinne fremd.
Björn Höcke, Horst Seehofer und Lutz Bachmann sehen das sicher anders.
Was der eine als fremd und ausgrenzungswürdig empfindet, ist für den nächsten ein Wohlfühlfaktor. Ich finde es super, daß mein Blumenhändler und sein Ehemann keine Spießer sind, daß meine Gemüseverkäuferin Litauerin ist und mir viel aus dem Baltikum erzählt.
Grenzen zu ziehen muß schon deswegen misslingen, weil man sich gar nicht darüber einig werden kann, wen man eigentlich ausgrenzen möchte.
Säße ich mit den Transitzonen-Adepten Seehofer, de Maizière und Spahn zusammen, würde ich dafür plädieren Syrer, Iraner und Iraker einzugemeinden und dafür Sachsen und Bayern auszusperren.


Paula Wessely und Attila Hörbiger waren bis zu ihrem Lebensende die unumstrittenen Stars des Wiener Burgtheaters.
Als sie im Jahr 2000 im Alter von 93 Jahren starb, wurde ich von einer österreichischen Freundin fast erschlagen, weil ich ihre NS-Propaganda-Vergangenheit erwähnte.
In dem anti-polnischer Superkassenschlager-Propagandafilm „Heimkehr“ von Gustav Ucicky aus dem Jahr 1941 spielt Wessely zu Goebbels Freude eine der perfidesten NS-Rollen aller Zeiten. Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hält „Heimkehr“ daher für den übelsten Film überhaupt und widmete ihm ihr weltberühmtes Theaterstück „Burgtheater“.
Wesselys ultraberühmter Monolog, als sie im Gefängnis von deutscher Homogenität phantasiert, stellt für mich den ultimativen Alptraum dar.
Ich möchte den Youtube-Link (1:41 Minuten) ungern verlinken, weil es sich dabei um einen immer noch verbotenen Film handelt.
Aber wenn man „Paula Wessely in "Heimkehr" 1941“ bei Youtube eingibt, bekommt man den Ausschnitt sofort.

Vermutlich ist das Verbot sogar gerechtfertigt, wenn man sich vorstellt, wie Höcke, Marcus Pretzell, Festerling und Co mit genau diesem Denken reüssieren.

"... Ja da möcht ich drauf schwör'n, daß das so sein wird Leute. Heimkommen werden wir bestimmt, ganz bestimmt. Irgendwie werden wir heimkehren. Warum soll denn das nicht sein ?–, es ist doch alles möglich. Und das ist nicht nur möglich, das ist gewiß. Zuhause in Deutschland, da sind sie ja jetzt nicht mehr schwach und den Leuten dort ist es nicht egal wie's uns geht, im Gegenteil, ach das hat mir Fritz immer gesagt, sie interessieren sich sehr für uns und warum sollten wir da nicht heimkehren dürfen? –, wenn wir nur wollen!
Denkt doch bloß Leute, wie das sein wird, denkt doch bloß, wenn so um uns rum lauter Deutsche sein werden, und nicht wenn du in einen Laden rein kommst, daß da einer jiddisch redet oder polnisch, sondern deutsch. Und nicht nur das ganze Dorf wird deutsch sein, sondern ringsum rundherum wird alles deutsch sein. Und wir, wir werden so mitten im Herzen sein von Deutschland. Denkt doch bloß Leute, wie das sein wird. Und warum soll das nicht sein.
Auf der guten alten warmen Erde Deutschlands werden wir wieder wohnen, daheim und zuhause. Und in der Nacht, in unseren Betten, wenn wir da aufwachen aus dem Schlaf, da wird das Herz in seinem süßen Schreck plötzlich wissen, wir schlafen ja mitten in Deutschland. Daheim und zuhause.
Und ringsum ist die tröstliche Nacht, und ringsum da schlagen Millionen deutsche Herzen und pochen in einem fort leise; daheim bist du Mensch, daheim bei den Deinen. Und uns wird ganz wunderlich sein ums Herz, daß die Krume des Ackers und das Stück Lehm und der Feldstein und das Zittergrass und der schwankende Halm der Haselnußstaude, die Bäume, daß das alles deutsch ist, die ja alle zugehörig sind zu uns, weil's ja gewachsen ist auf den Millionen Herzen der Deutschen die eingegangen sind in die Erde und zur deutschen Erde geworden sind. Denn, wir leben nicht nur ein deutsches Leben, sondern wir sterben auch einen deutschen Tod.
Und tot bleiben wir auch deutsch und sind ein ganzes Stück von Deutschland, eine Krume des Ackers für das Korn der Enkel. Und aus unseren Herzen da wächst der Rebstock empor in die Sonne. Und ringsum singen die Vögel und alles ist deutsch, alles, Kinder, wie unser Lied. Woll'n wir's nicht singen grade jetzt, unser Lied, weil wir es grade spüren, so wie wir es in der Schule gelernt haben, hm?“
(Monolog der Marie Thomas im Gefängnis)

Das ist die Apotheose eines eingegrenzten Landes, in dem völkische Homogenität herrscht.
Und wir wissen alle wie das endete.

Und heute träumen CDU und CSU von Transitzonen, die nichts anderes als Internierungslager für alles Fremde sind und eine Totaleinzäunung Deutschlands bedeuten.

Nach dem gescheiterten Flüchtlingsgipfel hat der stellvertretende SPD-Vorsitzende Ralf Stegner der Union vorgeworfen, mit „Schäbigkeitswettbewerben“ nur Rechtsextremisten zu nützen. „Die CSU will immer noch exterritoriale Transitzonen, die, egal wie man das verbrämt, Internierungslager sind“, sagte Stegner am Sonntag.

Immerhin muß man heute Sigmar Gabriel dankbar sein Seehofer und Merkel ein klares „Nein“ zu dem Plan entgegen geschleudert zu haben.

Neben der Schwierigkeit sich zu einigen was genau man aus- und eingrenzen soll und will, bleibt bei dem Thema ein gerüttelt Maß an Heuchelei.
Denn diese Grenzen, von denen CDU, CSU, AfD und NPD träumen sollen ja nur für andere Menschen gelten.

Sich selbst wollen die Grenzbesessenen ausnehmen und weiterhin reisen, ohne irgendwo in einem Zwischenlager interniert zu werden.

Und schon gar nicht sollen diese neuen Grenzen für all die Methoden gelten, mit denen wir Deutschen anderen Länder ausbeuten und die Gründe zu fliehen exportieren.


Warum können Produktionsstätten, Finanzströme und Märkte alle Grenzen überwinden, nur Menschen und Arbeitskräfte nicht?

Und selbst das Menschen-Aufhalten klappt in der modernen Zeit nicht mehr.
Wir treiben damit Unschuldige, Darbende und Versehrte ins Meer und sehen zu wie sie ersaufen.
Oder aber wir machen Schlepper reich, die für genügend Geld Papiere und Flugtickets besorgen.

Was also spricht, jenseits des Notstands, für offene Grenzen? Seit den Achtzigerjahren wird die Idee in drei Versionen diskutiert und propagiert, in einer radikalen, einer wirtschaftlichen und einer ethisch-politischen Version. Die radikale Auffassung, um mit ihr zu beginnen, verlangt schlicht, die Grenzen vollständig aufzuheben.
Die Gründe: Migration sei nie zu verhindern, egal welche Zäune und Mauern man errichtet. Mit dem Wegfall der Kontrolle müsste keiner mehr die Flucht mit dem Leben bezahlen. Zugleich entfalle das kriminelle Schlepperunwesen und auch jede inländische Grauzone der Illegalität. Die befürchtete Masseninvasion sei eine Einbildung - historische Beispiele (Wegfall der deutschen Mauer, Öffnung der Grenze zwischen Indien und Nepal, europäische Freizügigkeit) zeigten, dass nach einem erstem Ansturm der Strom abebbt. Offene Grenzen erlaubten Migranten, problemlos zwischen Zielland und Heimatland zu reisen, sie müssten sich also nicht mehr an das einmal erreichte Zielland klammern.

Es sind praktische, technische und ökonomische Gründe, die gegen die Errichtung von Grenzen sprechen. Auch die Sozialethik verbietet es uns das zu tun, was die ganze CSU so vehement fordert: Ausgehungerten Frauen und weinenden frierenden Kinder die Tür vor der Nase zuzuschlagen.
Dahinter steckt eine höchst fragwürdige Moral, die aus der christlichen Religion stammt: Eine „Wir sind besser als die“-Ideologie, die mit größter Selbstverständlichkeit davon ausgeht, daß einem selbst etwas zusteht, das einem Bedürftigen auch mit Gewalt zu verweigern ist.
Einziges Kriterium dafür ist offenbar der Zufall der Geburt.


Weil Horst Seehofer mit weißer Haut in Ingolstadt geboren wurde, nimmt er sich das Recht die damit verbundenen Vorzüge einem anderen Menschen, der zufällig mit dunklerem Teint in Aleppo geboren wurde zu verweigern.
Dabei ist Seehofers Verdienst an seinem Geburtsort genauso wenig vorhanden wie sein Anteil an seiner Augenfarbe oder Heterosexualität.

Am unnachgiebigsten argumentieren jene, die allein auf die Universalität der fundamentalen Moral- und Rechtsgrundsätze pochen. Exemplarisch ist die berühmte Abhandlung von Joseph H. Carens aus dem Jahr 1987 unter dem Titel "Aliens and Citizens: The Case for Open Borders", auf die sich heute viele beziehen: Ethisch gesehen, gebe es keinen Unterschied zwischen "Fremden" und "Bürgern". Das Bürgerschaftsrecht, das man in westlichen Demokratien mit der Geburt erwerbe, sei das moderne Äquivalent zum feudalen Geburtsprivileg - und ebenso wenig zu rechtfertigen.

Für mich sind das bei weitem ausreichende Gründe auf Grenzschutzanlagen zu verzichten – auch wenn dafür schwere ökonomische Verwerfungen drohen.

Tatsächlich ist aber wohl eher das Gegenteil der Fall.
Zuwanderung, Migration, kulturelle Vermischung sind ein ökonomischer Segen.
Wäre man gläubig, sollte man Gott für die vielen Menschen danken, die zu uns kommen wollen.