Dienstag, 13. August 2013

Unser Guido - Teil IV



Bald bin ich nicht mehr Abonnent einer Springer-Zeitung, weil das „Hamburger Abendblatt“ an den Funke-Konzern verscheuert wird. 20 % Rendite, die Springer noch beim PRINT erwirtschaftet sind Merkels Busenfreundin Friede zu wenig.
Nun ja, mir soll es recht sein. Am „HH Abla“ hängt mein Herz nicht.
Liebend gerne würde ich eine andere Hamburger Zeitung abonnieren, denn mindestens EINE seriöse Zeitung mit Hamburger Regionalinformationen brauche ich.
Aber hier gibt es nur Springer. Traurig aber wahr – der bedeutende Medienstandort Hamburg (STERN, SPIEGEL, ZEIT,..) hat keine einzige vernünftige Tageszeitung zu bieten. Schon gar nichts Überregionales wie Frankfurt oder München.

Anyway. Da das HH Abla NOCH zum Springerkonzern gehört und die politischen Artikel aus einem zentralen Pool kommen und schon lange nicht mehr individuell von Journalisten für eine Zeitung geschrieben werden, hatte ich heute das zweifelhafte Vergnügen an den Profi-Beleidiger Hendryk M. Broder und seinen AchGut-Blog erinnert zu werden.
Spätestens nach Anders Breivik Bezugnahme auf Broder, die dieser mit kokett und mit einen gewissen Stolz kommentierte, nimmt man eigentlich automatisch eine leicht grüne Gesichtsfarbe an, wenn Broder gegen Linke, Muslime oder Sozialschwache agitiert.
Es kommt allerdings, in seltenen Fällen, auch vor, daß Broder gegen jemanden schießt, den ich zufällig genauso übel finde wie er.
In dem Moment finde ich mich plötzlich in dieser bizarren „der Feind meines Feindes ist mein Freund“-Situation wieder und sitze temporär mit Broder in einem Boot. 
Das kann durchaus amüsant sein, weil Broder nicht so blöd wie andere rechte Pöbler ist und in seiner extrem polemischen und sarkastischen Art durchaus humorvoll bleibt.
Das kann mal einen Bischof treffen; das trifft aber auch immer wieder Westerwelle, den ich für einen der unangenehmsten Politiker halte, die Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg hervorgebracht habe.
Vor genau drei Jahren konnte ich mir schon einmal nicht verkneifen Broder deswegen lobend zu erwähnen.

Henryk M. Broder ist ein Sonderfall.
Ich habe bisher leider erst zwei seiner Bücher durchgelesen.
Die Irren von Zion. Hoffmann und Campe, Hamburg 1998 ist brillant. Kann ich nur empfehlen.
Kein Krieg, nirgends. Berlin Verlag, 2002 ist auch brillant formuliert. Kann ich aber nicht empfehlen. Inhaltlich ist das eine echte Pest. Dabei habe ich mich fast schwarzgeärgert.

So scheint es mir immer bei Broder zu sein - er ist so extrem polemisch und provokant, daß man es kaum aushält, wenn er zufällig anderer Meinung als man selbst ist.
Einfach gruselig was er beispielsweise über die Erderwärmung denkt.

Hat man ihn allerdings zufällig auf seiner Seite, sind seine Formulierungen ein absoluter Genuß.
Wenn er in seiner ruhigen Art in einer Talkshow sitzt und anwesenden Bischöfe zur Weißglut bringt, gefällt mir das natürlich.

Unvergessen, als er im Februar 2009 in Illners Schwatzrunde die „affirmative Schleimerei“ des Papst-Bewunderers Nathanael Liminski (23) von der "Generation Benedikt" beklagte.

Der anwesende Bischof (ich glaube es war Jaschke) warf ihm vor den „interreligiösen Dialog“ zu sabotieren, worauf Broder entgegnete er müsse sich diesbezüglich keine Vorhaltungen machen lassen, er führe den „interreligiösen Dialog“ jeden Tag, da er mit einer Katholikin verheiratet sei - das solle der Bischof ihm erst einmal nachmachen.

Gestern pupte Herr Broder in seiner Eigenschaft als SPIEGEL-Kolumnist Guido Westerwelle an.
Natürlich ist das auch kein Artikel ohne zweifelhafte Sätze, die ganz offensichtlich nur untergebracht sind, um ein paar seiner Kritiker auf die Palme zu bringen.
Im Großen und Ganzen hat er aber völlig Recht.
Es gibt einiges, worauf man als Deutscher stolz sein kann. Zum Beispiel die Tatsache, dass der Regierende Bürgermeister von Berlin ein bekennender Schwuler ist. Ebenso der derzeitige Außenminister. Wer sich noch an den Muff der fünfziger und sechziger Jahre erinnern kann, an das Geraune um den damaligen CDU-Außenminister Heinrich von Brentano, der als "unverheirateter Katholik bei seiner Mutter" lebte (Wikipedia), oder an den Satz von Franz Josef Strauß "Ich will lieber ein kalter Krieger sein als ein warmer Bruder" aus dem Jahre 1970, der weiß, dass die Einstellung gegenüber Homosexuellen ein Maßstab für den Zivilisationsgrad einer Gesellschaft ist.
Dabei geht es nicht um Toleranz, denn Toleranz ist ein Gnadenakt, der ebenso schnell widerrufen werden kann, wie er gewährt wurde. Den meisten Deutschen ist es egal, ob ein Politiker Homo, Hetero, Vegetarier oder Radfahrer ist; Guido Westerwelle wurde nicht zum Außenminister gewählt, weil er schwul ist, auch nicht, obwohl er schwul ist. Seine sexuelle Disposition war den Wählern einfach wurscht. Und daran wird sich - hoffentlich - nichts ändern, bis er eines Tages aus seinem Amt wieder rausgewählt wird.
(H.M. Broder am Freitag, den 13. August)
Geradezu ätzend polemisch wird Broder bei der Bewertung von Guidos Entschluß künftig seinen Herrn Mronz nicht mehr in Länder mitzunehmen, die homophobe Gesetze haben.
Denn:
"Wir wollen den Gedanken der Toleranz in der Welt befördern. Aber wir wollen auch nicht das Gegenteil erreichen, indem wir uns unüberlegt verhalten." Man muss diesen Satz nicht zweimal lesen, um zu begreifen, was in ihm steckt: Toleranz ist eine feine Sache, aber wir sollten es mit ihr nicht zu weit treiben. Das ist mehr als eine der üblichen Politiker-Sprechblasen, es ist moralisches Harakiri in Zeitlupe, eine Schande.
(H.M. Broder am Freitag, den 13. August)
Recht hat er, der Broder.

Hat man jemals seit Ribbentropp so eine Fehlbesetzung auf dem Stuhl des Außenamtschefs gesehen?
Broder kann der dümmlichen und unerwünschten Anwesenheit Westerwelles in Israel und Palästina genauso wenig abgewinnen wie ich.
Der Friedensprozess wird auch mit Guidos Hilfe nicht einfacher werden.

Zwanzig Jahre nach den Verträgen von Oslo, mit denen ein Schlussstrich unter die Geschichte gezogen und der Grundstein für einen "neuen Nahen Osten" (Schimon Peres) gelegt werden sollte, heißt es wieder: Alles auf Anfang! Yitzhak Rabin wurde ermordet, Jassir Arafat starb eines wie auch immer gearteten Todes, deren Nachfolger machen sich gegenseitig für das Scheitern des "Friedensprozesses" verantwortlich.

Man fühlt sich wie in dem Film "Und täglich grüßt das Murmeltier", wacht jeden Morgen zu derselben Melodie auf und weiß schon im Voraus, wie der Tag zu Ende gehen wird. Das gilt auch für die Diskussion auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung, zu der kein Palästinenser gebeten war, denn erst einmal sollen sich die Israelis darüber klar werden, was sie eigentlich wollen. Und dabei möchte die KAS, ebenso wie alle anderen deutschen Parteistiftungen, die in Israel aktiv sind, behilflich sein.
(Broder 10.08.13)

Der Zorn des exklusiven SPRINGER-Schreiberlings Broder trifft aber nicht nur die unmittelbaren Akteure im „Heiligen Land“, sondern zu Recht auch die Wichtigtuer des Schlages Westerwelle, die NICHTS ausrichten, außer sich selbst für das heimische Publikum in Szene zu setzen.
Gut, daß die gemäß Satzung zur klaren proisraelischen Stellung verpflichteten SPRINGER-Zeitungen auch das abdrucken.

 Außenminister Westerwelle ist wieder in Nahost. Dabei hat er weder neue Erkenntnisse noch bahnbrechende Lösungsansätze für den Konflikt im Gepäck. Sind wir Zeugen eines Rituals vergangener Zeiten?  Zum zweiten Mal in diesem Jahr besucht der deutsche Außenminister, Guido Westerwelle, Israel. Warum? Um alte Freunde zu treffen? Um neue Kontakte zu knüpfen? Um Premier Netanjahu, der soeben operiert wurde, eine rasche Genesung zu wünschen?

Dafür müsste er sich nicht persönlich auf den Weg machen. Die deutsche Post bietet noch immer Telegramme als "unvergessliche Nachricht für den besonderen Anlass" an, das "Mini" für 15,20 Euro, das "Maxi" für 18,35 Euro. Es gibt vier Schmuckblätter zur Auswahl. Der besondere Service dabei ist: Man kann das Telegramm online aufgeben, muss also nicht zum Postamt laufen und vor dem Schalter Schlange stehen. [….]

[….] Der Auswärtige Dienst funktioniert noch immer so wie zur Zeit des Wiener Kongresses vor 200 Jahren. Diplomaten und Politiker reisen durch die Welt und treffen sich zu Gesprächen mit anderen Politikern und Diplomaten.

Und egal, wen sie getroffen und worüber sie geredet haben, sie kommen immer mit guten Nachrichten zurück. Die Gespräche hätten in einer "freundschaftlichen und offenen Atmosphäre" stattgefunden, man habe vereinbart, "den Gedankenaustausch sehr bald fortzusetzen".

[….] Warum also kommt der deutsche Außenminister Guido Westerwelle zum zweiten Mal in diesem Jahr nach Israel? Warten nicht auch in Damaskus alte Bekannte und neue Herausforderungen auf ihn? Nun, es geht wie immer um die besonderen deutsch-israelischen Beziehungen, um den Friedensprozess und die deutsche Angst, tatenlos zuschauen zu müssen, wie Geschichte geschrieben wird.

Ein unvergleichlicher Platitüden-Reigen.

Und das hört sich am Ende dann so an: Man wolle unsere guten und konstruktiven Möglichkeiten nutzen, um die Verhandlungen zu gestalten; es läge im Interesse der Palästinenser und der Israelis, den Nahostkonflikt, diese Mutter vieler Schwierigkeiten, in einen Prozess zu führen, dessen Ende zwar nicht absehbar sei, der aber geführt werden müsse.

Dabei habe, trotz der jüngsten EU-Beschlüsse, kein Politikwechsel gegenüber Israel stattgefunden; man müsse darüber nachdenken, wie man eine Brücke der Vernunft zwischen Europa und Israel bauen könne; das sei keine große Zauberkunst, wenn man alle Fragen praktisch und pragmatischen angehe.

[….] Es sei zu früh, den neuen iranischen Präsidenten Rohani einzuschätzen, man solle ihm aber eine Chance geben; die atomare Bewaffnung des Iran müsse verhindert werden, nicht nur im Interesse der Israelis, sondern der Region und der ganzen Welt; vor allem dürfe es rund um den Golf nicht zu einem atomaren Wettrüsten kommen.

[….] Nun sind das alles nicht unbedingt brandneue Erkenntnisse, und der Bundesaußenminister ist nicht zum ersten Mal im Nahen Osten unterwegs. Ein wenig kommt er einem vor wie ein Partygast, der erst zum Nachtisch dazukommt und gleich damit loslegt, eigene Rezepte zu verteilen.

Westerwelle weiß, wie wenig es darauf ankommt, was die Bundesrepublik tut oder unterlässt. Aber seit Bernhard von Bülow, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, im Jahre 1897 für das Kaiserreich "unseren Platz an der Sonne" einforderte, zieht es deutsche Politiker in den Nahen, Mittleren und Fernen Osten. Wenn man schon nicht mitmachen darf, will man wenigstens dabei sein.
 (Henryk M. Broder, 12.08.13)

Montag, 12. August 2013

Unser Guido - Teil III



Konservative Politiker mit eingeschränktem Horizont bekommen gelegentlich hektische Flecken im Gesicht, wenn ihre Regierung mit „Feinden“ spricht.
Paradebeispiel dafür ist das „Vaterlandsverräter“-Geschrei der CDU, mit dem sie in den 1970ern die SPD wegen der Ostpolitik überzog.
Dasselbe dümmliche Gepöbel erlebte Kissinger als er mit dem Vietcong sprach und Kurt Beck, als er vorschlug mit den Taliban zu verhandeln. 
Das zeige ja seine ganze Naivität hieß es unisono in der Journaille. 
(Als Verteidigungsminister v.u.z. Guttenberg anderthalb Jahre später ebenfalls vorschlug mit den Taliban zu reden, bejubelte man ihn allerdings.
Nicht weil sich die Umstände geändert hatten, sondern weil er eben Guttenberg war, dem damals alle mit abgeschaltetem Hirn zu Füßen lagen, während Beck grundsätzlich nur gebasht wurde – wie jetzt Steinbrück.)

Der Friedenspolitiker Egon Bahr („Frieden ist nicht alles. Aber ohne Frieden ist alles nichts.“) war wegen seiner diplomatischen Kontakte in die Sowjetunion und die DDR bei den Rechten besonders verhasst.
Darüber konnte er immer nur den Kopf schütteln, denn wer Frieden erreichen will, MUSS mit dem Feind sprechen. „Mit wem denn sonst?“
Diese geopolitische Binsenweisheit hatte aber beispielsweise die GWB-Administration nie verstanden. Präsident Bush sprach grundsätzlich nur mit Regierungen, die ihn 100% unterstützten („Wer nicht für uns ist, ist gegen uns!“). Mit dieser Kindergarten-Mentalität richtete er die außenpolitischen Desaster an, unter denen wir heute noch leiden und die vermutlich über eine Million Tote gebracht haben.

Als Diplomat muß man dahin gehen, wo es weh tut.
Und man muß Integrität besitzen.
Joschka Fischer gelang dieses Kunststück im Nahen Osten.
Wie kein anderer Außenminister seiner Zeit war er gleichermaßen hoch anerkannt auf der arabischen, wie auf der israelischen Seite. Ein Kombination, die es selten gibt.
Israel rechnete ihm seinen Einsatz für das Existenzrecht Israels und das glaubwürdige Lehren-ziehen aus dem Holocaust an, während bei Palästinensern und Irakern sehr wohlwollend Fischers intensiver Kampf gegen die US-Kriegspläne beurteilt wurde.
Die damalige Rotgrüne Regierung war für alle Seiten gleichermaßen engagiert und taugte geradezu idealtypisch als Nahostvermittler.
Ich bin überzeugt davon, daß Schröder und Fischer viel für den Friedensprozess erreicht hätten, wenn sie nicht ausgerechnet die extrem kriegslüsterne Bush-Administration mit ihren Helfern Blair, Berlusconi und Aznar als Gegner gehabt hätten.

Außenminister Westerwelle ist in jeder Hinsicht das diametrale Gegenteil. 
Er gilt als desinteressiert und wenig engagiert.
Bevor er Außenminister wurde, war er noch nie in Washington oder Paris und hatte sich aufgrund seiner Faulheit auch nie in die Konfliktherde unserer Welt eingelesen.
Legendär seine vollkommen irrsinnige Ansicht das Außenamt sei ein Schön-Wetter-Spaß, welches kaum Arbeit erfordere, weswegen er sich nicht darauf beschränken werde, sich „ein paar schöne Jahre im Außenamt“ zu machen, sondern sich auch weiterhin in der Innenpolitik engagieren werde.
Besser kann man seine komplette Ignoranz nicht zeigen.
Immerhin, das muß man zugeben, hat Guido erkannt, daß seine früheren naiven Sprüchlein von der „werteorientierten Außenpolitik“, der „geistig-politischen Wende“ völliger Unfug sind.
 Daß er als Oppositionspolitiker tönte als Außenminister werde er die Entwicklungshilfe für homophobe Regime streichen, ist längst vergessen.
Seine 2009 großspurig angekündigten Pläne er werde sich international für ein atomwaffenfreies Europa und insbesondere den Abzug der Atomraketen aus Deutschland einsetzen, gerieten vollends in Vergessenheit. Zuletzt begrüßte er sogar die Modernisierung der US-Atomwaffen in Deutschland.
Tja, wie sich rausstellt, ist internationale Diplomatie doch ein bißchen anspruchsvoller, als es sich der Polit-Azubi aus Bonn-Bad Honnef vorgestellt hatte. 
Mal eben in ein paar Minuten läßt sich nichts erreichen.
Spätestens 2010 wurde allgemein anerkannt, was für eine Fehlbesetzung Westerwelle war. Er verlor seinen Vizekanzlerposten und den Parteichefsitz.

Auch off-camera ist unser Guido einfach nur eine Fehlbesetzung.
Zum Beispiel während der Afrikareise im April 2010:
Westerwelle steht in einem Besprechungsraum des Ocean Road Hospital von Daressalam und soll ein paar Worte zur Begrüßung sagen. In dem deutschen Kolonialbau hat Robert Koch vor rund hundert Jahren an Malaria geforscht. Es war für lange Zeit das einzige Krebskrankenhaus in Ostafrika.
Westerwelle könnte jetzt einiges zur interessanten Geschichte des Hospitals sagen, aber er legt ein fast aufreizendes Desinteresse an den Tag. Er habe über das Krankenhaus gelesen, sagt er und murmelt etwas von Respekt und harter Arbeit. Westerwelle weiß offenbar wenig über das Haus. Es ist heiß und schwül. Er will schnell weg. […]
Westerwelle liebt seinen Status, er schätzt es, von Staatschefs und Ministern empfangen zu werden. Leider hat man selten den Eindruck, er interessiere sich für das, was seine Aufgabe ist. […]
"Ich will mir nicht ein paar schöne Jahre im Auswärtigen Amt machen und die Welt kennenlernen", hat Westerwelle auf dem Höhepunkt des innenpolitischen Streits um Hartz IV gesagt. Ein paar schöne Jahre, das ist Westerwelles Idee von Außenpolitik. Im Auswärtigen Amt kam das nicht gut an.
Die Beamten haben registriert, dass Westerwelle sich selten länger für ein Thema interessiert. Er will nur Dinge wissen, die ihm über das nächste Gespräch, die nächste Pressekonferenz hinweghelfen: Wo sind Streitpunkte, was ist die deutsche Position, die offensichtlichen Fragen eben. Im Amt heißt es, dass er auf dem Flug nach Peking im Januar zum zuständigen Referenten gesagt habe: "Sie haben sieben Minuten Zeit, mir China zu erklären."
China ist für den Mövenpickparteichef ein unwichtiges Land mit nur 1,3 Milliarden Menschen, einer gerade mal 6000 Jahren alten Geschichte.
Es ist ja auch nur eine Atommacht, eine UN-Sicherheitsrat-Vetomacht und der Exportweltmeister.
Guido weiß aber nur, daß da irgendwas mit den Menschrechten zu sagen ist.
Nicht, weil das irgendeinen Chinesen interessierte, was der groteske deutsche Vizekanzler dazu zu sagen hat, sondern weil das zuhause als Gradmesser dafür dient, ob man Eier hat.

Und weil er Westerwelle ist, weiß er nicht welcher Tonfall angebracht ist.
Er kann nur schrill und immer eine Umdrehung zu viel.
So wie in Ankara, als er bereits deutlich gesagt hatte, daß er im Gegensatz zu Merkel für eine EU-Mitgliedschaft der Türkei ist. Jeder hatte verstanden.
Er kann sich aber nicht zügeln und schob dann zunächst ein „Was ich hier sage, zählt!“ nach und als alle schon peinlich berührt waren, kam dann noch sein „Ich bin schließlich nicht als Tourist in kurzen Hosen hier!“
Es gibt einen richtigen Weg der Diplomatie und es gibt das diametrale Gegenteil davon - Westerwelles Methode.
So also auch in Peking.

Eier will Guido unbedingt haben - also haut er dem chinesischen Amtskollegen bei der Abschlußpressekonferenz das Thema Menschenrechte und Tibet gleich um die Ohren.
Aber Westerwelle schafft es selten, die Dinge im rechten Moment gut sein zu lassen. Also sprach er noch einmal Menschenrechte und Minderheitenschutz an, und damit es auch der Letzte begriff, noch ein drittes Mal. Die Kritik an der chinesischen Menschenrechtspraxis wirkte plötzlich wie ein Ritual. Man kann eine Botschaft auch durch Wiederholung schwächen.
(Ralf Neukirch, Spiegel, 12.04.10)

Da Guido aber den öffentlichen Auftritt liebt und gerne schrill und belehrend in Erscheinung tritt, hat er sich mittlerweile auf das große Warnen verlegt.
Das ist komplett irrelevant, weil sich keine Kriegspartei eine Mikrosekunde darum schert was ein Guido auf Pressekonferenzen erklärt, aber der deutsche Außenminister kann sich beim heimischen Publikum in Erinnerung bringen. Eine erfolgreiche Methode. Längst hat sich der Paria der Deutschen Politik von 2009 und 2010 wieder in die Liste der zehn beliebtesten Politiker zurückgekämpft.
Vor einem halben Jahr war ich noch sicher, Guido werde im September 2013 endgültig von der Berliner Bühne verschwinden, aber dank der unterirdischen Performance des Urnenpöbels erscheint es nun durchaus möglich, daß Westerwave noch weitere vier Jahre Außenminister bleibt. Zumindest wenn er ordentlich weiter warnt.
Aber irgendwie ist es auch schade zu wissen, daß er ab September 2013 in der Versenkung verschwinden wird und dort nur noch ab und zu in Rückblicken gemeinsam mit Christian Wulff als total Gescheiterter ausgelacht werden wird.
Bis dahin sind wir noch in der glücklichen Position Westerwelles absolute Unfähigkeit täglich in den Medien bewundern zu können.

 Er warnt eben grundsätzlich.
Und wenn es anschließend schief geht, kann er darauf verweisen wenigstens gewarnt zu haben. Geht es gut, ist es umso besser, dann kann er behaupten man hätte sich nach seinen Warnungen gerichtet.
Eine Win-Win-Situation im politischen Paralleluniversum des kleinen Diplomaten-Azubis Guido.

Westerwelle warnt Iran: Zeit der Manöver ist vorbei
(ZEIT online, 20.2.2012)

Westerwelle warnt vor weiterer Gewalt in Ägypten
(ZEIT online, 7.12..2012)

Westerwelle warnt vor Kollaps in Syrien
(Kreiszeitung, 4.9.2012)

Westerwelle warnt vor Bürgerkrieg im Jemen
(Hannoversche Allgemeine, 29.5.2011)

Westerwelle warnt vor Kämpfen im Libanon
(Hamburger Abendblatt, 7.6.2012)

Westerwelle warnt vor chaotischem Machtvakuum in Afghanistan
(zeitong.de, 5.12.2012)
Westerwelle warnt vor Flugverbotszone über Libyen
(Welt online, 15.3.2011)
Westerwelle warnt vor Bürgerkrieg an der Elfenbeinküste
(Spiegel online, 7.3.2011)

Mali: Westerwelle warnt vor Militäreinsatz
(Mitteldeutsche Zeitung, 26.10.2012)

Afghanistan: Westerwelle warnt vor Wettrennen beim Truppenabzug
(Welt online, 4.11.2011)

Westerwelle warnt vor atomar bewaffnetem Iran
(Welt.de, 4.12.2012)

Westerwelle warnt vor Debatte über Angriff auf Iran
(Welt online, 24.3.2012)
Westerwelle warnt vor Flächenbrand im Nahen Osten
(Zeit online, 18.11.2012)

Westerwelle warnt vor “Grausamkeiten” durch Syriens Führung
(Zeit online, 5.12.2012)
Außenminister Westerwelle warnt Assad-Regime
(Focus online, 11.4.2012)

Westerwelle warnt Palästinenser vor einseitiger Staatsausrufung
(ZEIT online, 14.6.2011)

Westerwelle warnt Israel vor Iran-Angriff
(Handelsblatt, 10.9.2012)

Westerwelle warnt vor übereilter Schuldzuweisung
(tagesschau.de, 19.7.2012)

Westerwelle warnt vor Atomwaffen in Terroristenhand
(rp-online, 23.3.2010)

Nahost: Westerwelle warnt vor Sprachlosigkeit
(dw-de, 14.6.2011)
Konflikt zwischen Türkei und Syrien:
Westerwelle warnt vor Flächenbrand in der Region
(tagesspiegel, 13.10.2012)

Westerwelle warnt vor Jahrzehnt der Aufrüstung
(liberale.de, 17.10.2010)

Westerwelle warnt auf WDR Europaforum:
Europa nicht in Gut und Böse teilen
(Presseportal, 26.5.2011)

Westerwelle warnt vor rascher Hilfe für Griechenland
(ZEIT online, 26.4.2010)

Westerwelle warnt vor Mobbing Griechenlands
(Merkur online, 25.8.2012)

Westerwelle warnt Griechen vor Populisten
(wallstreet-online, 3.6.2012)

Westerwelle warnt vor neuer Gewalt im Kosovo
(wz-online, 11.8.2011)

Westerwelle warnt Ukraines Präsidenten Janukowitsch
(Focus online, 2.5.2012)
Westerwelle warnt Dänemark
(n-tv.de, 15.6.2011)

Westerwelle warnt vor Belastung von deutsch-russischem Verhältnis
(Zeit online, 16.11.2012)

Westerwelle warnt vor Belastung der Beziehungen zur Schweiz
(tagesanzeiger, 3.2.2010)

Westerwelle warnt vor Überforderung bei Euro-Rettung
(N24, 4.8..2012)

Westerwelle warnt vor „teutonischer Dominanz“
(Focus online, 12.5.2012)

Westerwelle warnt vor Ansehensverlust Deutschlands
(N24, 4.9.2012)

Westerwelle warnt bei Abkehr Italiens von Reformen vor “Turbulenzen”
(ZEIT online, 10.12..2012)

Westerwelle warnt Berlusconi vor Anti-Deutschland-Wahlkampf
(Focus online, 11.12.2012)

Westerwelle warnt vor „DDR light“
(Bild, 25.2.2009)

Westerwelle warnt vor “Dagegen-Republik”
(Merkur online, 15.9.2010)

Westerwelle warnt vor Vollversorgerstaat
(Spiegel online, 11.2.2010)

Westerwelle warnt vor Linksruck in NRW
(focus online, 25.4..2010)

Urheberrecht: Westerwelle warnt vor Piraten
(tagesspiegel, 16.4.2012)

Westerwelle warnt deutsche Unternehmen
(onvista.de, 23.9.2012)

Westerwelle warnt vor zu frühem Wahlkampf
(Spiegel online, 8.10.2012)

Westerwelle warnt vor Radikalen im eigenen Land
(Rheinische Post, 18.9..2012)

Westerwelle warnt vor “Titanic"-Heft
(Welt online, 21.9.2012)
(Zitiert nach Claudio Casula 13.12.12)
Zu lustig. Und vollkommen merkbefreit wie Guido ist, liefert er zuverlässig nach. 
Außenminister Westerwelle warnt London davor, den Zusammenhalt der Europäischen Union aufs Spiel zu setzen
[…] Man dürfe 'das, was errungen worden ist, nicht dadurch riskieren, dass man den Geist aus der Flasche lässt', warnte Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) am Freitag in Berlin. Wer den Geist herauslasse, laufe Gefahr, ihn vielleicht nicht wieder in die Flasche hineinzubekommen.
(Cerstin Gammelin, SZ, 12.01.13)
Nimmt man die bisherigen Erfolge dieser verbal-alarmistischen Politik Warnserwelles als Maßstab, ist davon auszugehen, daß alle Euroskeptiker Englands nun für immer verstummen werden, Cameron die Zahlungen nach Brüssel verdoppelt, die Londoner Banken verstaatlicht und sofort den Euro einführt.
Westerwelle wagt es inzwischen sogar mit anderen Außenministern um die schönsten Bilder zu konkurrieren und gibt sich stets Mühe „der Erste“ zu sein.
Die „werteorientierte Außenpolitik“ hat er dafür ganz aufgegeben.

Problem Ägypten:
Deutschland vertritt international den „Wert“ Demokratie. Herr Mursi wurde zweifellos demokratisch gewählt. Also müßte Deutschland seinen gewaltsamen Sturz druch das Militär verurteilen. 
Tatsächlich findet Guido den Sturz Mursis aber gut und wollte seinen Kollegen in London und Paris wieder mal eins auswischen, indem er als erster Europäer das post-Mursi-Kairo besucht. Es ist schließlich Wahlkampf in Deutschland und dafür braucht es spektakuläre Bilder.
Schade, daß man als Politiker aber auch REDEN muß.
Weniger stört es ihn, daß ihn niemand dahaben wollte, daß er nicht helfen kann und alle nur belästigt, während die ganz neue ägyptische Regierung ganz andere Sorgen hat.
Seit dem Sturz des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi vor einem Monat war die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton schon zweimal da und kurz vor dem Eintreffen zweier Abgesandter von US-Präsident Barack Obama ist nun auch der deutsche Außenminister Guido Westerwelle nach Kairo gereist. 'Wir haben mit großem Interesse angehört, was der Herr Bundesminister vorgetragen hat', sagt nach der Unterredung am Donnerstagmorgen Interims-Außenminister Nabil Fahmy. Der Mann ist streng genommen durch nichts legitimiert, jedenfalls durch keine Wahl, aber er ist erfahrener Diplomat. Viele Jahre war er Botschafter Ägyptens in den USA. Wenn einer wie er sagt, er habe den Vortrag seines Gastes mit Interesse gehört, heißt das: Er fand ihn sonderbar.

Westerwelle hatte in Ägypten jedenfalls schon freundlichere Gespräche. Beim ersten Besuch im Mai 2010 empfing ihn noch Präsident Hosni Mubarak. Er war gerade erst in Heidelberg operiert worden; alle Sorgen galten seiner Gesundheit. Würde der Alte weiter für Stabilität sorgen? Was würde aus dem Frieden mit Israel werden ohne ihn? Nach dem Gespräch lobte der Minister Mubarak als 'Mann mit enormer Erfahrung, großer Weisheit' und als Persönlichkeit, die 'die Zukunft fest im Blick' habe. Gut drei Jahre in herkömmlicher Zeitrechnung liegt das zurück und eine Ewigkeit im Angesicht jener Ereignisse, die Ägypten und die arabische Welt verändern.

'Deutschland, Ägypten zusammen', skandierte die Menge kaum ein Jahr später auf dem Tahrir-Platz. Westerwelle wurde gefeiert. Wieder ein gutes Jahr danach, die islamistischen Parteien hatten gerade die Parlamentswahlen gewonnen, sprach er den Ägyptern Mut zu. Es sei ein Fehler,  'islamisch per se mit antidemokratisch' gleichzusetzen. Die Hoffnung, der politische Islam könnte sich zu so etwas wie einer korantreuen Spielart der Christdemokratie entwickeln, wurde zum Credo des Ministers. Als erster europäischer Politiker besuchte er im Juli 2012 den neugewählten Präsidenten Mursi und begrüßte 'das klare Bekenntnis des ersten demokratisch gewählten Präsidenten zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Pluralität und religiöser Toleranz'.

Nun, da alles anders gekommen ist, muss Westerwelle gewissermaßen von vorne anfangen hier im 33.Stock des Außenministeriums. […]

Der Deutsche wird zwar leidlich höflich empfangen, aber es hat niemand wirklich auf ihn gewartet in Kairo. Andernorts darf die Limousine eines deutschen Außenministers aufs Rollfeld. In Kairo muss Westerwelle nach der Landung am Mittwochabend erst einmal in einen Flughafenbus steigen. […]

In einem recht leeren Luxushotel am Nil trifft der Minister zunächst Leute der Tamarod-Bewegung. Sie standen im Zentrum der Massenproteste gegen Mursi und verübeln Westerwelle, dass er nach dessen Absetzung von einem 'Rückschritt für die Demokratie' gesprochen hatte. Nun konfrontieren sie ihn mit einem in Ägypten neuerdings gerne bemühten Vergleich. Die Deutschen hätten es nicht vermocht, dem demokratisch gewählten Adolf Hitler rechtzeitig die Macht zu entreißen. In Ägypten habe man es nicht so weit kommen lassen.
 (SZ vom 02.08.2013)
Großsprecher Westerwelle ist nun krampfhaft bemüht zwar vor jeder Fernsehkamera zu erscheinen, aber bloß nichts mehr zu sagen.
In Kairo hat der Minister sich nun ausdrücklich geweigert, den Sturz des demokratisch gewählten ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi, einem Islamisten, irgendwie zu bewerten. Es scheint nicht mehr im Interesse Deutschlands oder des Westens zu liegen, rückwirkend auf den Wert der Demokratie zu pochen.

Das ist so, obwohl Westerwelle selbst noch direkt nach dem Sturz einen 'schweren Rückschlag für die Demokratie' in Ägypten beklagt hatte. Mittlerweile findet er es verfrüht, in den 'ersten Minuten einer historischen Stunde' zu urteilen. […]

So nachvollziehbar sie also ist, diese vornehme Zurückhaltung hat ihren Preis. Zu zahlen in der Währung Glaubwürdigkeit beim nächsten Militärputsch irgendwo in der Welt.
(Daniel Brössler, SZ vom 02.08.2013)
Komplizierte Sache für unseren Guido.
Seine peinlichen Auftritte in Kairo versucht er vermutlich inzwischen zu verdrängen und verlegt sich stattdessen wieder auf das Warnen.
Während seine Bundesregierung und der Bundessicherheitsrat, in dem er sitzt in 19 Tagen Rüstungsexporte in den Nahen Osten im Wert von 1,9 Milliarden Euro auf den Weg gebracht hat, um ordentlich Öl ins Feuer zu gießen, spielt er für die Presse wieder den Mahner.
Außenminister Westerwelle versucht mal wieder, im Nahost-Friedensprozess mitzumischen. Doch viel ausrichten kann er nicht. […] In diesen Tagen der sanft aufkeimenden Friedenshoffnung hat sich auch Bundesaußenminister Guido Westerwelle wieder einmal auf den Weg in den Nahen Osten gemacht, um Israelis und Palästinenser zum Dialog zu ermuntern. […]

"Ich glaube, dass die Friedensgespräche jetzt an einer entscheidenden Klippe sind", erklärte Westerwelle. Er verwies darauf, dass es auf beiden Seiten Kräfte gebe, die einen Erfolg der Verhandlungen zu verhindern suchten. Und während er noch mahnte und warnte, türmten jene Kräfte schon wieder weitere Hindernisse auf dem Weg zum Ausgleich auf.

[…] Westerwelle bekam den Ärger direkt zu spüren. Präsident Schimon Peres und Justizministerin Tzipi Livni forderten gleich am Sonntag zum Auftakt der zweitägigen Gespräche, dass die EU sich aus dem Streit um den Siedlungsbau heraushalten und auf die Verschärfung ihrer Förderrichtlinien verzichten solle. Westerwelle rettete sich in die vage Formulierung, dass man "mit gutem Willen und einer pragmatischen Haltung Lösungen finden" könne.
So eine ungeheure Peinlichkeit hätten uns rotgrüne Außenminister nie eingebrockt, aber der Urnenpöbel steht ja auf Schwarzgelb und will weitere vier Jahre Westerwave.

Sonntag, 11. August 2013

Paradoxien



Auch wenn man es sich im Moment kaum vorstellen kann; es gab auch politische Phasen, in denen man gern Zeitung las und wohlwollend den Regierenden zusah.
Im Jahr 2000 gab es so eine Phase. Gerd Schröder und Joschka Fischer machten international bella figura.
Nachdem Kanzler und Vizekanzler zum Entsetzen der tobenden CDU ihre Amtseide ohne die religiöse Formel „so wahr mir Gott helfe“ geschworen hatten, gingen sie weitere bisherige absolute Tabu-Themen an. 
Den vielen deutschen Konzernen, die sich im Krieg an verschleppten Zwangsarbeitern bereichert hatten – unter anderem gehörten dazu auch die Kirchen – und bis dato keinen Pfenning Wiedergutmachung an ihre ehemaligen versklavten Arbeiter gezahlt hatten, ging es moralisch an den Kragen. 
Schröder legte einen 10 Milliarden-DM-Fonds auf erreichte es, daß über 6000 deutsche Unternehmen in die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, kurz EVZ, einzahlten. Die EVZ begann am 2. August 2000 ehemalige Zwangsarbeiter des NS-Regimes zu entschädigen.
Es wurde eine weltweit wegweisende ökologische Steuerreform begonnen, die den Energieverbrauch berücksichtigte. 
Man beendete den Anachronismus, daß 1,1 Millionen deutsche Freier TÄGLICH eine Prostituierte aufsuchen, aber die Prostitution verboten war, so daß die Huren keine Chance hatten in eine Renten- oder Kranken- oder Sozialversicherung zu kommen. 
Rita Süßmuth wurde beauftragt, um endlich ein modernes und gerechtes Staatsbürgerschaftsrecht auszuarbeiten.
Das unter Kohl und Kinkel Undenkbare geschah: Die Bundesregierung legte sich mit dem nahezu allmöächtigen Atomoligopol an. 
Umweltminister Trittin setzte am 1. April 2000 das Erneuerbare-Energien-Gesetz in Kraft, das die Stromerzeugung durch erneuerbare Energien in Deutschland entscheidend förderte.
Mit Renate Künast kam im Januar 2001 eine Verbraucherschutzministerin ins Amt, die erstmals die Biolandwirtschaft förderte und den katastrophalen Insektizid-Pestizid-Fungizid-Herbizid-Monokulturwahnsinn in Frage stellte.
 Es war eine gute Zeit.

Auf der anderen Seite des Teichs hatten sich die Vorzeichen verkehrt. 
Statt des engagierten Klimaschützers Al Gore wurde im Herbst der intellektuell und rhetorisch völlig unterbelichtete George W. Bush trotz Stimmenminderheit zum Präsidenten gewählt. Der evangelikale Frömmler verstand rein gar nichts von Außenpolitik, besaß noch nicht mal einen Pass, weil er die USA nie verlassen hatte. Das einzige, was der Möchtegern-Cowboy aus Texas je „erfolgreich“ geschafft hatte, war eine Rekordzahl von Todesurteilen zu unterzeichnen.
Nach seinem Amtsantritt im Januar 2001 begann er mit intensiver Arbeitsverweigerung und verbrachte Monate fernab vom Weißen Haus auf seiner Ranch in Texas.
Die kreuzzugsartige Politmentalität, die sich nach dem 11. September 2001 in Amerika einstellte, ließ die politischen Unterschiede zwischen Deutschland und Amerika nur noch augenfälliger erscheinen.
Bush und sein frommes Kabinett beteten gemeinsam und im Zwiegespräch mit „the lord“, erfuhr der mächtigste Mann der Welt, daß er nun den Irak, der nicht das allergeringste mit 9/11 zu tun hatte, mit Krieg überziehen mußte.
Die christliche Oppositionspolitikerin Angela Merkel unterstützte den Plan ausdrücklich, reiste dafür eigens nach Washington und kroch schleimspurziehend auf Knien in das Oval Office.

Auf der anderen Seite unternahmen die Atheisten Schröder und Fischer alles, um diesen Wahnsinn zu stoppen. 

Sie schraubten das internationale Ansehen Deutschlands auf nie dagewesene Höhen, wurden in der gesamten arabischen Welt hochgeachtet.
Die Beziehungen zu Russland und Frankreich waren exzellent. Mit dem konservativen Chirac arbeitete die rotgrüne Regierung so eng zusammen, daß sich Schröder sogar bei einem Gipfel von Chirac vertreten ließ.
Premiere auf dem Gipfel der Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union: Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac hebt die Hand für Deutschland, da Bundeskanzler Gerhard Schröder ihm vertrauensvoll die Wahrnehmung der deutschen Interessen übertragen hat.   Hinter dem Schild "Deutschland" auf dem Konferenztisch des Brüsseler EU-Gipfels ist Schröders Stuhl leer geblieben.   Wo sonst der Bundeskanzler und Außenminister Joschka Fischer sitzen, hatte am Morgen lediglich der deutsche EU- Botschafter Wilhelm Schönfelder Platz genommen. Er beobachtet das Treffen aber nur.   Chirac hat die Vertretung übernommen, damit Schröder und Fischer an der Abstimmung des Bundestags über die Reformgesetze der Agenda 2010 teilnehmen konnten. Der Franzose nimmt seine neue Rolle ernst: Entgegen seiner Gewohnheit traf Chirac am Freitag als einer der ersten am Konferenzort ein und begrüßte die später ankommenden Staats- und Regierungschefs an der Tür des Saals mit Handschlag.
Und nun ein 12-Jahre-Zeitsprung:

Die Deutschen haben inzwischen eine vollfromme Regierung gewählt.  
 100% der Minister schworen sich mit „so wahr mir Gott helfe“ ein. 
Die Kanzlerin betont immer wieder ihre Regierungsentscheidungen am christlichen Menschenbild auszurichten, der Vizekanzler ist engagiertes Mitglied des Zentralrats der Katholiken.
Die Beziehungen zu Frankreich und Russland sind weitgehend zerstört. Man hat sich nichts mehr zu sagen, stimmt sich nicht im Geringsten ab.
 Die christlichen Schwarzgelben intensivierten dafür den Waffenexport, schlagen nationalistische Töne an, lassen den Papst im Bundestag sprechen, wollen die Grenzen nach Südosteuropa zumachen.
Deutschland ist wieder richtig unbeliebt. 
Wenn sich die Regierungschefin oder der Finanzminister in Spanien, Griechenland oder Zypern blicken lassen, werden sie mit Hakenkreuz-Karikaturen empfangen und in den Zeitungen mit Hitlerbärtchen abgebildet.
Statt wie einst Schröder und Fischer im Nahost- und Irakkonflikt eine führende Vermittlerrolle zu spielen und aktiv für einen Frieden in Afghanistan zu streiten („Petersberger Konferenz in Bonn“), haben sich Merkel und Westerwelle international zu lästigen Paria entwickelt, die spätestens seit der Libyen-Entscheidung nur ausgelacht werden.
Die Deutschen sind international wieder die Blockierer geworden, die sinnvolle Entscheidungen aus Brüssel (CO2-Abgabe für übermotorisierte Autos beispielsweise) mit Vetos zu Fall bringen.

Gesellschaftliche Modernisierungen – PID, Patientenverfügung, Stammzellenforschung, Homogattensplitting, Homoadoption, doppelte Staatsbürgerschaft, selbstbestimmtes Sterben, Strafbarkeit von Abgeordnetenbestechung u.v.a.m. werden allesamt von diesem schwarzgelben Kabinett strikt abgelehnt und verhindert.

Man schämt sich jetzt wieder, wenn die tumben Deutschen - „man spricht wieder deutsch in Brüssel!“ (Kauder), „ich bin nicht als Tourist in kurzen Hosen hier. Was ich sage, zählt!“ (Westerwelle) – international in Erscheinung treten.

Das umgekehrte Bild in Amerika.
GWB wurde weggefegt. Zwei Mal schon wurde ein schwarzer Demokrat zum Präsidenten gewählt, der den Irakkrieg beendet hat, eine Art Krankenversicherung für alle durchboxte und sogar für die Schwulenehe eintritt.

Das tumbe amerikanische Volk tut auf einmal das vorher für absolut unmöglich gehaltene:
In Volksabstimmungen spricht es sich staatenweise für die sofortige Legalisierung von Marihuana oder gay marriage aus.

Und, kaum zu glauben, aber wahr: Es gibt eine deutlich steigende Anzahl von Atheisten in Amerika!
Schuld ist vermutlich dieses neumodische Internet, welches Angela Merkel despektierlich als „Neuland“ bezeichnet.


Das Internet kann ähnlich wie das TV Dumme dümmer und Schlaue schlauer machen.
Die Deutschen gehören offenbar eher zu ersten Kategorie. 
Die skandalösen Abhörpraktiken, das Milliardenfache Ausspähen durch dubiose Geheimdienstkooperationen stört sie gar nicht. 
Dafür wächst die Zustimmung für die Politverweigerin Merkel stetig an. Sogar die als offensichtlich unfähig und korrupt enttarnte FDP wird wieder in den Bundestag kommen.
Keiner kann sich vorstellen, daß der Kanzlerin die Wiederwahl zu nehmen ist. 



In Amerika hingegen regt das Internet ein, christliche Gewissheiten zu hinterfragen, sich zu vernetzen.
Religions survive by teaching young children silly stories as truths, by distorting reason and by restricting access to contrary ideas.
Now, most young people can access the internet where it is hard to avoid contrary ideas and where they will meet non-believers who are moral, intelligent, well-read and fiercely logical.
Superstition and lies cannot compete.
Now, it is not a question of IF religions will die; it is only a question of how quickly.
(Bill Flavell, University of Sussex, via Facebook)



In den USA sinkt die Zahl der Gläubigen – jeder Fünfte nennt sich in "God's own country" konfessionslos. […]

Als Atheisten und Agnostiker bekannten sich 2012 in einer Befragung des Pew Research Centers 5,7 Prozent der Amerikaner, doch immerhin zwei Prozentpunkte mehr als 2007. In derselben Erhebung gaben 19,6 Prozent der Befragten an, "religiös ungebunden" zu sein – immerhin ein Fünftel der Bevölkerung.

Das ist die Zahl, an der sich Amerikas Atheisten, säkulare Humanisten, Darwinisten, Unitarier, Agnostiker und andere Ungläubige aufrichten. Sie sehen sich als Eliten und Bürger zweiter Klasse, intellektuell überlegen und institutionell unterlaufen, zu wenige und zu einflussarm, um verfolgt zu werden. Die Zeiten spielen für sie, glauben sie. Ihr Land komme zur Vernunft, man müsse Geduld haben. Die Ungläubigen kämpfen gegen den Zusatz "under God" (unter Gott), den jedes Schulkind in der Eidesformel "Pledge of Allegiance" täglich wiederholt; sie kämpfen gegen den Segen vor Sitzungen des Kongresses; für die Einführung von atheistischen "Feldgeistlichen" in den Streitkräften. […] Es heißt in der Pew Research Studie, Politikverdrossenheit, nachlassendes soziales Engagement, später geschlossene Ehen beförderten in jungen Generationen den Trend zum Unglauben. Als sich im März 2012 rund zehntausend bekennende Gottlose im strömenden Regen zur "Reason Rally" auf der National Mall zu Washington versammelten, soll die Atmosphäre großartig familiär gewesen sein.

Es war die größte Zusammenkunft bekennender Atheisten in der amerikanischen Geschichte. Dass kaum jemand im Kongress, in Kirchen, den Medien, im Volk selbst, die "Vernunftversammlung" mitbekam, muss nichts bedeuten. Atheisten haben Zeit und setzen auf das Diesseits.
Natürlich ist die Religion in öffentlichen Leben Amerikas noch deutlich präsenter als beispielsweise in Norddeutschland, aber sie wird schwächer.
Religion to Disappear By 2041 Claims New Study - Author and noted biopsychologist Nigel Barber has completed a new study that shows Atheism is most prevalent in developed countries, and, according to his projections, religion will completely disappear by 2041. His findings are discussed in his new book “Why Atheism Will Replace Religion.” A new study that clarifies his earlier research will be published in August. His findings focus on studying trends within countries around the world and the fact that “Atheists are heavily concentrated in economically developed countries”
Schade nur, daß die Deutschen auf die rückwärtsgewandte Merkel fixiert sind.
Das politische Verhältnis zu Amerika ist natürlich auch im Eimer.
 Obama kann so gar nicht mit der Ostdeutschen Beharrungskünstlerin und sie ist abgestoßen von seinen Neuerungen.

Samstag, 10. August 2013

Fundikatholische Nachwehen


Nicht daß ich jemals einen Funken Sympathie für Kreuznet aufgebracht hätte, aber im Gegensatz zu ähnlich rechtsradikalen Hetzseiten wie PI oder Blaue Narzisse, hatten die süddeutsch-österreichisch-schweizerischen Dunkelkatholiban wenigstens Humor.
Sicher unbewußt, aber im Ergebnis hatte man durchaus etwas zu lachen.
Ich vermisse die Formulierungskunst der Kreuznetten, die „schwulen Sex“ schon mal mit „Brechreiz-Turnübungen mit seinem Unzuchtspartner“ umschrieben.
Welche Art Mensch sich solche Formulierungen ausdachte, konnte man anhand der in Moldawien beheimateten Kreuznet-Schwester Gloria-TV erahnen.
gloria.tv ist eine Art YouTube für katholische Radikale. Nutzer können Videos oder Texte hochladen und kommentieren. Herzstück ist eine selbstproduzierte tägliche Nachrichtensendung, die in mehreren Sprachen aufgezeichnet wird. Das Motto der Plattform ist Programm: "Je katholischer, desto besser."

Doch statt der "Frohen Botschaft" verbreitet die Seite vornehmlich Hass. Hass auf Homosexuelle, Hass auf Befürworter des Schwangerschaftsabbruchs und Hass auf christliche Reformer. "Die Positionen, die gloria.tv vermittelt, sind zutiefst antidemokratisch", sagt der katholische Hochschulpfarrer Burkhard Hose aus Würzburg. "Sie sind einfach gegen alles, was mit einer offenen Gesellschaft zu tun hat." Hose hat gegen gloria.tv inzwischen Anzeige wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen erstattet.

SPIEGEL TV hat sich auf die Suche nach den Hintermännern des Portals gemacht. Die Spur führt in den Schweizer Kanton Graubünden. Hier ist unter anderem der Pfarrer Reto Nay als Mitverantwortlicher der gloria TV Productions im Handelsregister eingetragen. Der Geistliche ist im christlich-fundamentalistischem Milieu kein Unbekannter. Einige seiner Texte wurden im mittlerweile abgeschalteten Portal kreuz.net veröffentlicht.
Das Gesicht des rechtsradikalen Tradi-Senders war lange Zeit die bizarr betonende Eva Doppelbauer, deren ultrakonservativer Pfarrer-Bruder Marcus ebenfalls für den Hetzsender arbeitet.

Wenn man ihre völlig grotesk betonten Endsilben hört, fängt man eigentlich schon nach dem Eingangsstatement – Laudetur Jesus Christus – an so zu lachen, daß man kaum noch folgen kann.
Es ist allerdings gefährlich Kreuz.net, Gloria.TV, K-TV und ihre nur wenig moderatere Schwester Kath.net als Witze zu euphemisieren.
Ihre Reichweite im Internet ist enorm und ihre kontinuierliche Hetze kann fundamentalistische, vereinsamte Sonderlinge durchaus so radikalisieren, daß ein Anders Brejivik entsteht.

Wozu katholische Schwulenhetze führt, haben wir 2013 in Frankreich erlebt. 
In unserem traditionell eher homophilen Nachbarland hatten sich die homophoben Übergriffe verdreifacht, seit die liebe RKK des allseits so geschätzten Papst Franz sich so massiv in die französische Gesetzgebung einmischte.
Und auch in Hamburg geschah letzte Woche das Unvorstellbare: Mehrere gewalttätige Übergriffe auf Schwule im Zuge des CSDs. Zwei Opfer liegen immer noch im Krankenhaus.

Vom deutschen BND und seinen Schwesterorganisationen ist diesbezüglich allerdings rein gar nichts zu erwarten. Ihre Blindheit auf den rechten Augen stellten sie eindrucksvoll unter Beweis.
Anders in Österreich.
In Wien klopfte diese Woche der Staatsschutz an die Türen von Gloria TV und beschlagnahmte die Unterlagen. Als die Beamten sich an Markus Doppelbauers Computer zu schaffen machen, rastete seine fromme Schwester Evääää aus und ging wie Matthias Matussek auf Speed auf die Staatsschützer los.

Eskalation bei Hausdurchsuchung in Wien

Nun wurde auch die heimische Justiz tätig und gab dem Geheimdienst grünes Licht für Hausdurchsuchungen. Wobei es in der Priesterwohnung in der Bundeshauptstadt zur Eskalation gekommen sein soll: Die Schwester des Geistlichen habe versucht, Daten auf dem Computer des Bruders zu löschen und die unerwünschten Besucher daran zu hindern, den PC mitzunehmen. Einen Beamten habe sie gar verletzt.

Während die Verdächtigen - sie wurden auf freiem Fuß angezeigt - aus ihren Kirchen abgezogen wurden, begutachtet der Geheimdienst derzeit noch die Berge an sichergestelltem Beweismaterial.

Da kann man mal sehen, was den rechten Hetzern blüht, wenn der Staat nicht wie im bräsigen Merkel-Deutschland wohlwollend alles durchgehen läßt.
Trotzdem..., Eväää Doppelbauer ist irgendwie lustig.