Mittwoch, 7. August 2013

Deswegen SPD - Teil X



Zu Beginn dieser lockeren Pro-SPD-Reihe versuchte ich die Ausgangslage zu schildern. Das publizistische Jaucheloch, in dem die Sozis stecken. 
Das ist aber verdammt ungerecht, weil die korrumpierten Parteien eindeutig die Schwarzgelben sind.

Als Hamburger, der die vollen neun eineinhalb Jahre CDU-Regierung miterleben mußte, wird man jeden Tag daran erinnert wie froh man darüber sein muß, daß endlich wieder die SPD in Hamburg regiert.

Heute stolperte ich beispielsweise in der Kardiologie der Uniklinik in ein Gespräch unter Krankenschwestern.
Daß der CDU-Bürgermeister von Beust gegen den Willen der Bürger die SCHWARZE-ZAHLEN-SCHREIBENDEN Landesbetriebe Krankenhäuser (LBK) an den Asklepioskonzern verscherbelt hatte, ist in diesem Blog wohlbekannt.
Ich habe mich heute mit einer Schwester namens Sophie in der UKE-Kardiologie unterhalten. Sie war vorher in der Kardiologie des Asklepios Barmbek – die ich auch kennen- und hassen gelernt habe. Der Asklepiosbesitzer Bernd Broermann, der mittlerweile 2,8 Milliarden Euro Privatvermögen aus seinen Kliniken abgezogen hat, macht satte Gewinne. 
Aber natürlich auf dem Rücken des Personals. Sophie war 15 Jahre Krankenschwester im AK Barmbek und sagt die Arbeitsbedingungen wären da jetzt nicht mehr zu ertragen. In der Kardiologie haben sie 34 Betten auf einer Station und dazu morgens 3 Pfleger. Abends nur 2. Oft ist es aber so überfüllt, daß noch weitere Patienten auf dem Flur liegen und mit versorgt werden müssen. Es dürfen bei Asklepios keine Kapazitäten frei sein. Belegung von 110-120% ist erwünscht.
Auf Sophies neuer Station im UKE-Herzzentrum sind sie vier Schwestern + ein Lehrling für 19 Patienten! Also hat ein Pfleger gerade mal VIER Patienten, während es bei Asklepios 17 oder 18 sind!
(Die Bezahlung ist überall gleich – nach Tarif) 
Ein Pfleger, der jetzt für einen ambulanten Pflegedienst arbeitet, (1000 Euro brutto im Monat!) erzählte mir vor drei Wochen ebenfalls, daß er gerade bei Asklepios Barmbek gekündigt hat, weil er die totale Überlastung (die arbeiten da immer zehn Tage am Stück) nicht mehr ausgehalten hat. Dann lieber weniger Geld, aber eine Pflegeaufgabe, die zu schaffen ist. 
Sophie war richtig wehmütig und sagte es wäre so ein schönes Arbeiten gewesen, als das noch die Landesbetriebe Krankenhäuser (LBK-HH) war. Ab dem Tag des Verkaufes an Broermann (gegen den 75%igen Willen der Bevölkerung!!!!) wurde es dann unerträglich. Mögen dafür Ole von Beust und Ex-Finanzsenator Peiner für ewig in der Hölle schmoren!)

Anderes Beispiel:
Von den Innensenatoren Hamburgs aus der CDU-Zeit 2001-2011 sind wir gewöhnt, daß sie politisch versagen, gegen Minderheiten hetzen und früher oder später Besuch von der Staatsanwaltschaft bekommen.
Ronald Schill (2001-2003 Anklage wegen Rechtsbeugung, zahllose Skandale, inzwischen untergetaucht in Brasilien), Dirk Nockemann (2003-2004, nach einigen Intermezzi bei rechtsradikalen Parteien nun bei der amoralischen AfD), Udo Nagel (2004-2008 schob Afghanische Flüchtlinge ab – „Die Sicherheitslage in Afghanistan ist stabil. In viele Provinzen kann man zurückkehren.“ Moderierte umstrittene RTL-II-Sendung mit Stefanie von und zu Guttenberg), Christoph Ahlhaus (2008-2010, Verdacht der Untreue), Heino Vahldieck (2010-2011, beeindruckte Hamburg durch die Anschaffung von je eine Million Euro teuren Wasserwerfern) 
Inzwischen haben wir mit dem Sozi Michael Neumann aber einen Innensenator, der integer ist und die Probleme anpackt, die angepackt werden müssen.
Er engagiert sich – bisher leider gegen den erbitterten Widerstand von den schwarzgelben Menschenrechtsantagonisten in Berlin – massiv gegen die diskriminierende „Optionspflicht für Ausländer“, die es beispielsweise mir unmöglich macht die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen und mich aufgrund meiner väterlichen Abstammung zwingt für immer Ausländer zu sein. Nach dem Willen von Merkel, Friedrich, Rösler und Co bin ich UNDEUTSCH und es nicht wert eingebürgert zu werden.


Mehr Einbürgerungen, eine leichtere Anerkennung von Auslands-Abschlüssen und die Forderung nach Mehrstaatlichkeit – der Senat hat am Dienstag einige Ergebnisse seiner Arbeit vorgestellt. Einbürgerungen: Die Zahl der Anträge für die deutsche Staatsbürgerschaft ist im Vergleich zum ersten Halbjahr des Vorjahres gestiegen – um 40 Prozent! 3747 von 3768 Antragstellern bekamen in den ersten sechs Monaten dieses Jahres den deutschen Pass. Zum Vergleich: Im ersten Halbjahr 2012 waren 2687 von 3565 Einbürgerungsanträgen erfolgreich.

[….] Problem Optionspflicht: Seit dem Jahr 2000 erhält jedes in Deutschland geborene Kind ausländischer Eltern automatisch die deutsche Staatsangehörigkeit, wenn gewisse Umstände erfüllt sind. Nach geltendem Recht müssen sich diese Kinder, sobald sie volljährig werden, zwischen der deutschen und ihrer ausländischen Staatsbürgerschaft entscheiden. Für Innensenator Michael Neumann ist das ein unhaltbarer Zustand: „Da laufen Menschen in eine Falle hinein. Die Optionspflicht ist einfach weltfremd und muss abgeschafft werden!“
Richtig so, SPD!
Immer weiter so!
Morgen ist Wahlkampfauftakt in Hamburg!
Morgen, am 8.8. um 18.00 Uhr startet unser Wahlkampfauftakt auf der Michelwiese (zwischen Michel und Gruner+Jahr am Schaarmarkt), zu dem ich noch einmal herzlich einladen möchte!

Peer Steinbrück und Olaf Scholz werden dort sein, außerdem unsere Kandidatinnen und Kandidaten und sechs Mitglieder des Kompetenzteams von Peer Steinbrück. 

Es wird ein ganz besonderer Auftakt mit Musik, Politik, Talkrunden und vielen Möglichkeiten, mit EntscheidungsträgerInnen ins Gespräch zu kommen.

Die SPD in Hamburg ist stark. Unsere Hansestadt ist bis in die Wurzeln, Grundmauern und Fleete sozialdemokratisch geprägt.

Wir lassen uns nicht von schlechter Bundespolitik deprimieren - wir kämpfen dafür, dass es besser wird: Für einen Mindestlohn, für bezahlbare Mieten und faire Renten. 

Das sollten wir der Öffentlichkeit auch zeigen. Komm vorbei!

(SPD-Hamburg)

Dienstag, 6. August 2013

Weinen mit Robby



Das ist einer der von mir immer wieder beklagten Presse-Missstände.
Alle Kirchenthemen werden von frommen Gläubigen behandelt.
Dafür hat Springer Badde und Englisch, der Tagesspiegel die unvermeidliche Claudia Keller, die ZEIT Frau Finger und die SZ eben Matthias Drobinski.
(Matthias Matussek vom SPIEGEL lasse ich in dieser Aufzählung mal außen vor, weil er erstens absolut nicht zurechnungsfähig ist und zweitens wenigstens nicht der einzige Kirchenfuzzi der Hamburger ist)
Man stelle sich vor über die CDU würden nur noch CDU-Mitglieder schreiben. Oder nur noch Soldaten über die Bundeswehr. 

Geht es um die Grundfrage des Christentums in Deutschland – was geht da eigentlich so sagenhaft schief, daß jedes Jahr Hunderttausende aus der Religionsgemeinschaft flüchten, während auf anderen Kontinenten ein reger Zulauf herrscht – wird es bei den großen Zeitungen ganz gediegen.

Im SPIEGEL vom 22.07.13 gab es ein komplett erkenntnisfreies Interview mit Margot Käßmann. Interviewer waren Rene Pfister und der neben Matussek zweite erzkonservative APIEGEL-Autor Jan Fleischhauer („Der Schwarze Kanal“), der Sätze wie
 „Sünde bedeutet für mich Gottesferne. Es ist also Sünde, wenn ich glaube, Gott nicht länger zu brauchen und stattdessen der Meinung bin, ich verdanke alles mir selbst“
 aus der schlimmsten Phrasendrescherin neben Angela Merkel rauskitzelte.
Was muß der arme Rudolf Augstein für einen fürchterlichen Drehwurm haben.

In der SZ, die als Bayerische Zeitung eher dem Katholizismus zugeneigt ist, interviewt der fromme Katholik Matthias Drobinski folgerichtig von Zeit zu Zeit den Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz Robert Zollitsch.
Auch hier ist man sich gegenseitig zugeneigt. Niemals würde ein nicht erwartbarer Satz fallen.
Zu Weihnachten 2010 klang das beispielsweise so:
SZ: Hat Sie das Ausmaß des Missbrauchs, die Tiefe der Krise überrascht?
Zollitsch: Wir wussten, dass es auch in der Kirche Gewalt gegen Kinder gibt. Aber das Ausmaß hat mich erschüttert, ebenso das Ausmaß sexualisierter Gewalt insgesamt in der Gesellschaft. Das wird uns noch lange beschäftigen.
SZ: Die Krise ist also nicht vorbei?
Zollitsch: Nein. Es ist einiges geschehen, wir haben einen Missbrauchsbeauftragten der Bischofskonferenz, wir haben unsere Leitlinien zum Umgang mit sexueller Gewalt verbessert, wir arbeiten die Vergangenheit auf, wir wollen den Opfern helfen. […]
SZ: Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller warf in diesen Wochen den Medien vor, sie betrieben eine Kampagne gegen die katholische Kirche. Waren die Journalisten fair?
Zollitsch: Die Medien haben zu Recht auf Aufklärung, Aufarbeitung gedrängt, manchmal gab es aber eine sehr einseitige und journalistisch alles andere als überzeugende Berichterstattung. Das tut vielen in der Kirche weh - auch mir. Für mich war das mein schwerstes Jahr als Erzbischof und als Vorsitzender der Bischofskonferenz.   [….]
SZ: Der Psychologe und Theologe Manfred Lütz hat von einem kollektiven Vaterproblem gesprochen: Weil die Kirche eine der letzten Autoritäten ist, die Ansprüche stellt und Grenzen verlangt, wird sie besonders angegriffen.
Zollitsch: Da ist was dran. Man kritisiert die Kirche und entlastet sich selbst.
SZ: Kann das nicht auch daran liegen, dass die Kirche sprachlos geworden ist? Dass sie den Leuten nicht mehr erklären kann, warum sie so denkt und lehrt?
Zollitsch: Das will ich nicht leugnen, auch nicht, dass das Thema Sexualmoral das schwierigste ist. Aber viele Menschen empfinden Unbehagen über die Sexualisierung ihrer Lebenswelt. Da haben wir auch die Aufgabe, prophetisch zu wirken. Sex ist kein billiges Genussmittel, sondern soll Ausdruck von Liebe sein.
[….]
SZ: Auch das gehörte zum Elend dieses Jahres: Was Sie außerhalb des Missbrauchsskandals gesagt haben, verhallte nahezu ungehört.
Zollitsch: Das ist unser Dilemma. Es gibt aber noch andere Themen als die
sexuelle Gewalt.

Nicht schlecht. Da ist in dem Jahr 2010 endlich einer größeren Öffentlichkeit bewußt geworden, daß katholische Geistliche mit Wissen der Bischöfe seit Jahrzehnten kleine Jungs missbrauchen und verprügeln und der oberste Verantwortliche in Deutschland, Erzbischof Zollitisch, bekommt im Weihnachtsinterview Gelegenheit sich selbst zu bedauern.
Ihm „tut es weh.“
 Was für ein Zynismus – angesichts der seelischen und körperlichen Schmerzen, die Myriaden Kinder unter der Kirchenknute zu erleiden hatten, ohne daß sich ein einziger Bischof bemüßigt fühlte einzuschreiten.

Zweieinhalb Jahre später hat die katholische Kirche die Aufklärungsarbeit endgültig blockiert. Der Bischof, der von allen 27 deutschen Diözesen mit Abstand am hartnäckigsten verhinderte, daß den Opfern der sexuell übergriffigen Pfaffen Gerechtigkeit widerfuhr und stattdessen seine Kritiker mit Lügen überzog, für die er einen Prozess verlor – Bischof Müller aus Regensburg – wurde zum obersten Glaubenshüter der Weltkirche ernannt. 
Die von der Bischofskonferenz beauftragte Missbrauchsstudie von Prof. Pfeiffer wurde gestoppt, Transparenz will Zollitisch nicht mehr. 
Der vom Erzbischof so hochgelobte Papst Benedikt ist in einem Skandalsumpf aus Korruption, Mafiageschäften und schwulen Seilschaften untergegangen.
Unterdessen treten weiterhin Hunderttausende jedes Jahr aus.

Wieder einmal Zeit für den frommen Drobinski den selbstmitleidigen Robert Zollitsch zu interviewen. Wieder bedauert der Frager den Befragten und gibt ihm Gelegenheit sich selbst zu bemitleiden.
Das soll Journalismus sein?

SZ: Sie werden nun 75 Jahre alt - viele sind da schon lange in Pension. Sind Sie neidisch oder sagen Sie: Gott sei Dank ist mein Leben nicht langweilig?
Robert Zollitsch: Langweilig ist es jedenfalls nicht. Aber ich merke, dass ich älter geworden bin. Die letzten zehn Jahre haben mich gefordert, als Erzbischof und Vorsitzender der Bischofskonferenz.[…]
SZ: Vor allem die Jahre als Bischofskonferenzvorsitzender dürften Sie Nerven gekostet haben. 2008 wurden Sie gewählt, 2009 kam die Debatte über die Piusbrüder, 2010 wurden die vielen Missbrauchsfälle offenbar. Vier Jahre negative Schlagzeilen - wann hatten Sie die Nase voll?
RZ: Manchmal habe ich schon gestöhnt und gedacht: Was kommt denn jetzt noch? Aber als Priester suche ich ja auch nicht einfach eine Karriere, bei der ich toll dastehe, sondern gehe davon aus, dass Gott mich in eine Zeit und eine Situation hineinstellt - und ich soll was draus machen. Das habe ich versucht. Jammern hilft nichts.   […] Als ich ein Kind war, mussten wir die Heimat im damaligen Königreich Jugoslawien verlassen, mein Bruder wurde erschossen. Seitdem habe ich die Haltung: Es hat keinen Sinn, mit etwas zu hadern, was nicht zu ändern ist, sich in Leid oder Hass zu vergraben. Und so ignoriere ich nicht, was es an Krisen und Negativem gibt. Ich frage mich aber, wie man damit umgehen kann. Und ich will auch das Gute sehen, das, was da wächst.
SZ: Was wächst in der Kirche? Wir Journalisten schreiben eher übers Schrumpfen. Zum Beispiel darüber, dass im vergangenen Jahr 118000 Katholiken aus der Kirche ausgetreten sind.
RZ: Das nehmen wir nicht auf die leichte Schulter. Aber es gibt auch eine andere Wirklichkeit der katholischen Kirche. Sie ist und bleibt die größte gesellschaftlich engagierte Gruppe des Landes. Ich erlebe in den Gemeinden so viele Menschen, die mitdenken, mitmachen, mitfeiern, dass mir um die Zukunft der Kirche nicht bange ist. […]
SZ: In Rom wohnt Franziskus im Gästehaus und lässt sich in einem gebrauchten Ford Focus fahren. Welche Auswirkungen hat das auf Sie und Ihre Amtsbrüder?
RZ: Für mich war ein Auto nie ein Statussymbol, sondern ein Arbeitsplatz. Aber dass wir schauen müssen, dass wir einen Lebensstil pflegen, der mit unserem Amt übereinstimmt, ist klar. Ein Bischof darf nicht protzen.   […]
SZ: Wie werden diese Gemeinden in der Zukunft aussehen?
RZ: Wir werden weniger werden, allein schon von der demografischen Entwicklung her.
(SZ vom 06.08.2013, Interview Matthias Drobinski)
Jetzt bin ich so viel schlauer.
Was hat Zollitsch für Steilvorlagen geliefert, um mal richtig harte Nachfragen zu platzieren (Ein Bischof darf nicht protzen...TVE??), aber der fromme Drobinski ist eben linientreu.

Montag, 5. August 2013

Deutsche Gewohnheiten - Teil III



Nun habe ich zwei Tage nacheinander mit all meiner verbalen Feuerkraft gegen Merkel polemisiert und dachte ich könne sie nun wirklich nicht noch mehr verachten und werde prompt eines Besseren belehrt.
Wer bisher dachte, die Bundeskanzlerin beschäftige sich immerhin ab und zu mal für Minuten mit Politik, wird einsehen müssen, daß die CDU-Vorsitzende ihre Wähler offenbar
für komplett verblödet hält.
Das schlimme ist: Merkel hat Recht! Plattere Slogans waren nie. Die Kanzlerin setzt auf reine Vakuum-Inhalte.
Herr Sauer möchte mehr Streusel

Achtung, Phrasenalarm! Mit inhaltsleeren Slogans wie "Starke Wirtschaft", "Sichere Arbeit" oder "Mehr für Familien" läutet die CDU ihre Plakatkampagne zur Bundestagswahl ein. In einem Werbeheftchen gibt sich Angela Merkel ganz persönlich und verrät Vorlieben ihres Gatten Joachim Sauer.

[…] Mit fast 9000 großformatigen Plakaten für Werbeflächen und rund 300.000 kleineren Postern für die Laternenmasten wollen die Christdemokraten von nun an bis zum Wahltermin am 22. September die Republik überschwemmen.

[…]  Ein junges Paar mit Motorradhelm freut sich darüber, dass die CDU sich um Wachstum und einen stabilen Euro kümmert. Eine klassische Mutter-Vater-Kind-Familie lässt in der Küche ein Omelett fliegen - offenbar aus Begeisterung, weil den Christdemokraten jede Familie "besonders wichtig" ist. Alle Darsteller sehen irre glücklich aus.

[..] Ungewöhnlich persönlich zeigt sich die "Kanzlerin für Deutschland" […] wahlweise in einer Broschüre oder im Mini-Faltblatt für die Hosentasche gibt es zahlreiche Fotos aus dem Leben und der Karriere einer meist freundlich lächelnden CDU-Chefin zu sehen, dazu kleine biografische und politische Texte, in denen es von Sätzen wimmelt wie: "Kinder sind die Zukunft unseres Landes." Oder auch: "Ich mag meine Arbeit."

Aber Merkel gewährt auch Einblicke in ihr Privatleben. Unter dem Schlagwort "Natur" sitzt die Kanzlerin am Seeufer an einem Baum und verrät: "Ich bin eine leidenschaftliche Gärtnerin und ziehe mein eigenes Gemüse." Am liebsten koche sie Rouladen und Kartoffelsuppe. Ihr Mann Joachim Sauer beschwere sich selten über das Essen. "Nur auf dem Kuchen sind ihm immer zu wenig Streusel. Er ist halt Konditorensohn."

Kann man seine Verachtung für das Volk, welches man regiert besser Ausdruck verleihen, als mit dieser Politik-Simulation, die in Wahrheit die größte Wählerverarschung in der Geschichte der Bundesrepublik ist?

Allein schon diese Frage. "Welches dieser Plakate könnte die SPD nicht kleben?", will ein Journalist wissen. Die Antwort sollte eigentlich ein Kinderspiel sein für Hermann Gröhe, den Generalsekretär der CDU. Es ist Wahlkampf, Zeit für Zuspitzung, für Wettbewerb. Die SPD ist Gröhes Konkurrent, sein Gegner. Da wird er doch wohl den Unterschied wissen?

Gröhe dreht sich um, bevor er antwortet.

Hinter ihm stehen die Großplakate, mit denen seine Partei den Straßenwahlkampf einläutet. Gröhe stellt sie im Konrad-Adenauer-Haus vor. Vier große Motive mit Menschen und Slogans. Eine Oma mit ihrer Enkelin, darüber steht: "Solide Finanzen sind wichtig. Weil wir an morgen denken." Ein Paar auf einem Motorroller: "Wachstum braucht Weitblick. Und einen stabilen Euro." Ein Vater, der mit seiner Tochter Pfannkuchen bäckt: "Jede Familie ist anders. Und uns besonders wichtig." Mann und Frau, beide im Overall, in einer Autowerkstatt: "Gute Arbeit und neue Ideen. So bleibt Deutschland stark." […] Gröhe fährt also die Motive mit den Augen ab. Solide Finanzen, Wachstum, jede Familie anders - da würden die Sozis sicher sofort zustimmen. Er sagt schließlich: "Ihnen wird auffallen, dass Sie auf SPD-Plakaten keine freundlichen Menschen finden." Ungläubiges Staunen. Ernsthaft, das ist der Unterschied? Gröhe fasst nochmal nach: "Früher hätte ich gesagt, das Plakat mit Angela Merkel, aber nicht mal da ist auf die SPD Verlass."
Wer die Umfragewerte ernst nimmt, und das muß man leider, kann nicht umhin kommen festzustellen, daß der Urnenpöbel offenbar schwer masochistisch veranlagt ist und verarscht werden WILL.
Gegen so eine Volksmasse kann man nicht ankolumnieren. 
Ich empfehle jedem denken Menschen eine Hirn-Ektomie. Anders ist das nicht mehr auszuhalten.
Deutschland vor der Wahl ist das Land der Gelähmten. Die Kanzlerin ist träge, ihr Volk furchtsam. Merkel und die Deutschen bilden ein Bündnis der Angst. Einziges Ziel: die Flucht vor der Verantwortung.

[…]   Im Jahr acht der Regierung Merkel ist Deutschland ein träges Land der Selbsttäuschung. Wir wissen, dass Politik auf den kurzfristigen Erfolg zielt. Politik redet von Verantwortung, will sie aber zumeist nicht tragen. Aber eine Politikerin, die Verantwortung derart auf die leichte Schulter nimmt wie Angela Merkel, ist selten. […]

Der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas führt im neuen SPIEGEL bittere Klage. Habermas beschwert sich über die Bequemlichkeit der Deutschen. In der Euro-Krise sehen sie dabei zu, wie die Kanzlerin den Südländern ihre Krisenagenda aufzwingt und sich gleichzeitig aus der gesamteuropäischen Verantwortung Deutschlands stiehlt: "Deutschland döst auf dem Vulkan", schreibt Habermas. Er redet von einem "historischen Versagen der politischen Eliten".

[…]   Eine Lähmung liegt über dem Land, und die heißt Merkel. Jeder Bürger weiß, wo es im Argen liegt - Steuersystem, Bildungschancen, Lohngerechtigkeit -, aber die Leute nehmen das Versagen der Regierung achselzuckend hin. "Die von FDP und Union im Koalitionsvertrag vereinbarte Arbeitsgruppe zur Reform des Mehrwertsteuersatzes schaffte es in vier Jahren nicht, auch nur ein einziges Mal zu tagen", schreibt der SPIEGEL und zitiert einen anderen Philosophen, Peter Sloterdijk, der sagt, in Deutschland herrsche eine "chronische Duldungsstimmung".

Die Verwunderung der Philosophen Habermas und Sloterdijk. Oder die Wut des Soziologen Harald Welzer, der angekündigt hat, der Wahl fernbleiben zu wollen. Oder der Ekel, den der Publizist Sascha Lobo bei Merkels Gleichgültigkeit im NSA-Skandal empfindet. Das sind Empfindungen einer intellektuellen Elite, die vom Volk nicht geteilt werden. Die Leute haben mit ihrer Kanzlerin eine Koalition der Unvernünftigen geschlossen: Kopf einziehen, Augen schließen und hoffen, dass alles irgendwie vorübergehen wird.
Augstein macht einen kapitalen Fehler, wenn er ausgerechnet führende Intellektuelle zu Rate zieht. 
Darüber wird die anti-geistige Merkel nur lachen. Sie hat die Denkfaulheit ihres Volkes erkannt und nach Kräften unterstützt. 
Ganz im Sinne ihres Ziehvaters Helmut Kohl modelliert sie Deutschland aus bräsigen, satten Geisteszwergen, die längst zu schwach geworden sind, um die volkszersetzenden Vorgänge, die Schwarzgelb ihnen einbrockt überhaupt zu bemerken – geschweige denn etwas dagegen zu unternehmen.
Tatsächlich passt die maue Vorstellung der Parteien zum dürftigen Interesse der Gesellschaft. Denn es ist ja nicht so, dass die Bundesbürger nach politischer Debatte und komplexen Problemlösungen gierten, dass sie sich von den Parteien unterfordert fühlten und deshalb an der etablierten Politik vorbei sprühende Kontroversen anzettelten. Um allein den Parteien den tristen Wahlkampf anzulasten, müsste sich die Öffentlichkeit selbst wacher und interessierter zeigen. Doch für einen spannenden Wahlkampf fehlen nicht nur die politischen Akteure, sondern es fehlt auch der gesellschaftliche Adressat. Die Republik wirkt satt und sorglos. Zu satt für die leidenschaftliche politische Auseinandersetzung.
Man kann das deutsche Phlegma politisch und soziologisch nicht mehr erklären.
  Hier sind Psychologen gefragt.
Es spricht viel dafür, dass [Merkel] Kanzlerin bleiben wird. Warum?

[….]   Was kann die Tiefenpsychologie zur Analyse des Phänomens beitragen? Was bindet ein halbes Volk so dauerhaft an eine Gestalt und belohnt sie durch derart gute Umfragewerte? Die Journalisten mögen an ihr herumnörgeln, die Volksmeinung bleibt annähernd konstant. [….] Sie verteilt gerne Küsschen, und wenn sie welche empfängt, tritt ein unnachahmliches Lächeln in ihr Gesicht. Sie erscheint nicht rachsüchtig und wenig nachtragend sowie unerschütterlich guter Stimmung. Sie ist, wie gute Mütter, ausgleichend, beruhigend, gar mit beruhigender Härte begabt. [….] Das alles bedingt eine ungewöhnlich große Loyalität der Bürger mit der Kanzlerin. Wählt man Mütter ab, die so viel Ruhe und Zuversicht ausstrahlen? Verstößt man sie, wo sie doch die Familie zusammenhält, kratzt man an ihrem Lack, wo sie doch mit der Kritik der Rivalen so umgeht, als handle es sich um voraussehbares, aber ungefährliches Kläffen?

Die Psychoanalyse arbeitet mit dem Begriff der Übertragung. Frühe Konflikte, Sorgen und vor allem der Wunsch von Kindern nach Geborgenheit heften sich auf eine Figur, von der man Beständigkeit, Überblick, Kraft, Ausdauer erhofft. Sie, die Wissende, soll in Zeiten der Unsicherheit leiten, wo die eigene Orientierungsfähigkeit nicht mehr ausreicht und keine Ideologie oder Religion mehr eindeutige Antworten verspricht. Diese Übertragung, diese Delegation der Verantwortung, gilt Angela Merkel. Sie wird es schon richten, glauben ihre Anhänger mit fast kindlicher Hingabe. In einem solchen 'regressiv' eingerasteten Vertrauen zur Mutter will man keine Veränderung, blendet eigene Zweifel aus, erhebt Vertrauen und Zuneigung zu einer weit über die Tagespolitik hinausreichenden Kategorie. Kinder verteidigen ihre Eltern, idealisieren sie, solange sie keine allzu offensichtlichen Schwächen zeigen oder gar Verbrechen begehen - selbst dies bedeutet noch lange keine Abkehr.

[….] Nimmt man das Modell der politischen Regression ernst, dann spielen tiefere Mechanismen der Bindung, der Loyalität und der Sehnsucht nach Ruhe eine wichtigere Rolle als die Inhalte der Politik. Man lässt nichts mehr auf die Zentralfigur kommen, spaltet innere Zweifel ab, fühlt sich getragen von einer unerklärlichen Zuversicht in ihre Kraft und ihre Weisheit. Ganz Fromme fühlen sich sogar geborgen unter dem Schutzmantel einer fast madonnenhaften Figur. [….] Die Psychoanalyse kümmert sich seit einiger Zeit vermehrt um die sogenannte Bindungsforschung. Sie untersucht, wie dauerhafte oder wacklige, gehorsame, liebende, verehrende oder destruktive Bindungen entstehen und warum sie oft ein Leben lang halten. [….] Es geht um das Spenden von Zuversicht und um ein tieferes Wissen um die Richtung für Menschen, die noch immer dem tröstlichen Choralvers anhängen: 'Weiß ich den Weg auch nicht, Du weißt ihn wohl, das macht die Seele still und friedevoll.'

Dass ein anderer Kanzlerkandidat vielleicht klüger ist, mehr informierte Worte pro Zeiteinheit hervorbringen kann und auf ironische Weise böse ist, festigt umso mehr die Anhänglichkeit an die unaufgeregt erscheinende Dame, die so viel Erfahrung und internationales Ansehen angehäuft hat und dem kindlichen Stolz das Bild der 'mächtigsten Frau der Welt' bietet. [….]
(Tilman Moser, SZ vom 05.08.2013)