Mittwoch, 31. Dezember 2025

New York New York

Mein Vater wurde ein paar Jahre vor dem zweiten Weltkrieg in einem erzkatholischen Kaff in Pennsylvania geboren und sollte in sehr bescheidenen Verhältnissen als frommer Dorfjunge aufwachsen. Aber Opa starb während des Krieges im Alter von knapp 30 Jahren. Oma saß mit drei Kindern ohne Ernährer da, musste nun, als mittellose Ungelernte für Vier verdienen und war den abfälligen Blicken der Katholiban ausgesetzt. Selbstständige arbeitenden Frauen, ohne Mann im Haus, wurden brutal diskriminiert. Also packte sie ihre Blagen ein und siedelte ins anonyme New York City um.

Mit den allerletzten gesparten Dollar mietete sie ein schäbiges Hotelzimmer an, stopfte ihre Jungs hinein und fuhr mit dem Bus nach Manhattan, spazierte zwischen der heute so bekannten Skyline umher, die ihr als Landmädchen ungeheuer und gewaltig vorkam. Ein Gebäude gefiel ihr besonders gut; die alt ehrwürdige New York City Bank. Sie ging hinein, nahm ihren Mut zusammen und verkündete, dort arbeiten zu wollen. Ohne irgendwelche Erfahrung oder Ausbildung. Ob sie wenigstens rechnen können, fragte sie der belustigte Schalterbeamte. Ja, in der Schule konnte sie rechnen.

Was heute nicht möglich wäre, schon gar nicht in Deutschland, geschah: Sie wurde sofort eingestellt, man würde ihr schon beibringen, was man wissen müsse.

Ein Wunder, die Familie faßte sofort Fuß, Oma blieb bis zu ihrer Pensionierung in der City Bank. Jetzt müsste der Tellerwäscher-Millionär-Teil kommen, mit der filmreifen Karriere der einfachen Frau vom Lande, der zweiten Einwanderergeneration im Glück. Das geschah aber nicht. Sie behielt einen „normalen“ Job, mit dem sie eine kleine Wohnung für sich und die Jungs in Brooklyn bezahlen, sowie die Kinder gesund ernähren konnte. Die finanziellen Verhältnisse blieben aber stets bescheiden.

Für ihre Kinder änderte sich aber alles. Nicht nur, daß sie alle drei ein Studium abschlossen, was in dem alten Kaff nie passiert wäre, sondern ihre Welt wurde unermesslich größer. Mein Vater, der Jüngste, erhielt ein Stipendium für die Kunstschule und betrachtete seine jüdischen und schwarzen Mitschüler genau – hatte doch Großonkel Francis stets mit geladenem Gewehr auf der Terrasse gesessen, wenn die kleinen Neffen und Nichten dort spielten, um „jeden N*gger, der sich nähert, sofort zu erschießen“. Noch schlimmer als „N*gger“ waren nur Juden, wie ihnen der Priester in der Kinderbibelstunde einbläute. Sie stammten alle vom Satan ab und hätten noch entsprechende Körpermerkmale, wenn man genau hinsähe.

Daher schielte mein Vater in seiner neuen New Yorker Schule genau hin; aber die jüdischen Kinder hatten gar keine Hufe, sondern völlig normale Füße. Auch war, anders als vom katholischen Pfaff behauptet, gar kein Rest eines Teufelsschwanzes am Rücken zu sehen.

Seine School Of Visual Arts war das maximal mögliche Kontrastprogramm zu seiner alten Heimat. Überdurchschnittlich viele Schwarze, Schwule, Juden und zu allem Übel mochte er sie auch noch alle. Es waren so viel interessantere Menschen. Schnell war er umgeben von einem Milieu aus Künstlern, Schauspielern, Sängern und Drehbuchautoren.

Meine Mutter hingegen entschied sich ganz bewußt für New York. Mit Mitte 20 wanderte sie aus. Schon zuvor war sie immer auf Reisen; es reifte eine Erkenntnis: Das spießige Deutschland der 1950er und 1960er war ihr zu eng. Sie brach die Zelte ab, verfrachtete drei Koffer auf ein Schiff und reiste zum Big Apple. Anders als ihre zukünftige Schwiegermutter, 20 Jahre zuvor, hatte sie immerhin eine Adresse. Ein Freund der Familie war wenige Jahre zuvor wegen des §175 aus Hamburg in die NYer Anonymität geflohen. Er verhalf ihr zu einem Job als Verkäuferin bei Tiffany an der 5th Avenue und das verrückte NY zeigte sich, als sie eine Wohnung besichtigte. Ein Job sei ja schön, aber sie brauche einen Bürgen, wenn sie als Frau allein ein Apartment mieten wolle, bedeutete ihr die Maklerin. Damals kannte meine Mutter nur eine Person privat in New York, eben jeden schwulen Familienbekannten; sie murmelte seinen Namen, selbst skeptisch, ob ihr ein ebenfalls zugezogener Deutscher als Bürge taugen könnte. Da grinste die Maklerin: „You know Mr. XY? He is my neighbor!”

Unter den damals acht Millionen New Yorkern, war dieser einzige Mensch, den sie kannte, zufällig mit der Maklerin aus der Zeitung bekannt. Es lief in New York.

Ich überspringe den Part, unter welchen kuriosen Umständen sich meine Eltern später in Brooklyn kennenlernten, wie meine Mutter einige Monate mit ihrer katholischen Schwiegermutter und zwei Schwagern in einer Wohnung lebte, wie sie heirateten, Kinder bekamen und durch welche privaten Umstände sie schließlich nach einigen Jahren ausgerechnet wieder in Deutschland landeten.

Man sollte meinen, der Schritt wäre meinem Vater besonders schwer gefallen, da er kein Wort deutsch sprach und seine ganze Familie verlassen musste. Flüge über den Atlantik waren damals ebenso astronomisch teuer, wie Telefonate. Es war ein echter Abschied. Aber schon bevor sie nach Deutschland remigrierten, hatte meine Mutter ihm Europa gezeigt, war Monate mit ihm im Auto unterwegs, hatte Todesängste ausgestanden, weil natürlich er als Mann am Steuer saß, als sie die Serpentinen an der französischen und italienischen Mittelmeerküste nahmen.

Ich war längst erwachsen, als ich nachfragte, wieso sie nicht gefahren war. Sie war ausgezeichnete Autofahrerin, war allein mit einer Freundin die ganze Mittelmeerküste bis nach Israel gefahren, während mein Vater als New Yorker gar keine Auto-Erfahrungen hatten, den Führerschein bei der Armee gemacht hatte, aber nur auf dem Land auf endlosen extra breiten schnurgerade US-Straßen gefahren war.

Aber so war das in den 60ern. Mein Vater war sehr modern und liberal. Aber die Frau fahren lassen und selbst auf dem Beifahrersitz hocken? Das ging nun doch zu weit.

Er verliebte sich in Europa. Wie viele US-Amerikaner. Als bildender Künstler war es ohnehin egal, wo er arbeitete. Auch in der Hamburger Künstlerwelt sprachen die meisten Leute englisch. Außerdem war er schon einmal als Kind, ohne es selbst anzustreben, in eine ganz andere Welt umgetopft worden und hatte es als sehr gute Erfahrung positiv angehakt. Er mochte natürlich seine Heimatstadt NY, flog bis zu seinem Lebensende immer mal wieder in die alte Heimatstadt, begann auch, sich für die anderen, ihm unbekannten Teile der USA zu interessieren, fuhr mit seiner zweiten Frau durch die US-Südstaaten, inspizierte die Westküste. Aber sein Blick wurde immer europäischer. Er runzelte mehr und mehr die Stirn. Wenn er von seinen Amerika-Reisen zurückkam, pflegte er in Hamburg zu sagen „Great to be back home again!“ Seine patriotischeren Brüder nahmen es ihm spätestens nach seiner zweiten Scheidung übel. Wolle er etwa in der Fremde sterben? Es gab doch so schöne Gated Communities, in denen man als >65 leben könne. Besonders der älteste Bruder, den es in einen der riesigen Vororte von LA verschlagen hatte, schwärmte: Ewige Sonne, jeden Tag Golf spielen, riesige sehr günstige Villen, den ganzen Tag Freizeit, schön unter sich, ohne die anstrengenden jungen Leute. Günstig, weil sie nach dem Tod nicht vererbt werden können, sondern zurück an die Seniors Community fallen. Mein Vater zögerte nicht eine Sekunde. Das wollte er bestimmt nicht. Hamburg war seine Wahlheimat. Insbesondere ab Januar 2001, als er sich wegen George W. Bush erstmals begann, fürchterlich für seine Staatsbürgerschaft zu schämen. Sein deutsch blieb rudimentär, aber während man es früher interessant fand, jemand mit US-Akzent zu treffen, begann er nun auf Fragen seiner Herkunft systematisch zu lügen. Er stamme aus Kanada. Gelegentlich sagte er auch, er wäre Holländer. War das eine Erleichterung, als Barack Obama gewählt wurde. Der letzte US-Präsident, den er erlebte.

Für meine Mutter war es viel schlimmer. Für sie war New York immer ihr großer Traum, ihr Sehnsuchtsort, zu dem sie strebte. Sie litt den Rest ihrer Lebens unter enormen Heimweh. Es verging kein Tag, an dem sie nicht von NY schwärmte. Dagegen ist alles in Deutschland tiefste Provinz. Sie war nicht zufällig, nicht unwillentlich, nach Amerika gekommen, sondern gezielt. Trotz aller Widerstände. Und Konvertiten sind die Schlimmsten. Antiamerikanische Kommentare konterte sie enthusiastisch und stürzte, mit der Wahl GWBs und erst Recht dem Irak-Krieg, in tiefe Verzweiflung. Es wurden traumatische acht Jahre, die für sie viel schlimmer waren, als für mich. Ich konnte GWB nach Herzenslust verachten, weil ich keine emotionale Bindung an die USA habe. Sie hingegen liebte die USA und empfand GWB als Grausamkeit gegenüber ihres Babys. Sie war maßlos enttäuscht von ihren Amerikanern. Wie konnten die so einen groben ungebildeten frömmelnden Typen wählen?

Aber letztlich wurde auch ihr vergönnt, unter der Obama-Präsidentschaft abzureisen. In dem Glauben, ihre geliebten US-Amerikaner hätten aus dem GWB-Desaster gelernt, sich weiter entwickelt, würden nie mehr so einen weißen Macho-Idioten wählen.

Sehr oft habe ich seither gedacht und gesagt; falls der liebe Gott meine Mutter wieder zum Leben erweckt und sie mich fragen würde, was inzwischen weltpolitisch los war, hätte ich keine Chance, das zu erklären, was nach Barack Obama kam. Ich sehe ihren ungläubigen Blick vor mir und habe das „du willst mich doch auf den Arm nehmen!“ im Ohr. Nein, das könnte sie niemals glauben.

Aber immerhin an New York kann man noch glauben.

Der Sozialist Mamdani 45 Prozentpunkte beliebter als Trump!

 Die Staat und der ganze Staat bleiben stabil.

Dienstag, 30. Dezember 2025

Glückliche Trumpanzees

Irgendwie ist es ganz süß, wie nach zehn Jahren Verzweiflung, zum Jahreswechsel wieder einmal Kolumnisten Artikel schreiben, in denen sie Trumps Ende heraufziehen sehen. Zum myriadsten Male.

Ein offensichtlich lächerliches Vorhaben, da dieser Mann aus politischem Teflon besteht. Ein Prozent der Trump-Skandale hätten jeden anderen US-Präsidenten aus dem Amt gefegt. Für ihn aber sind die Maßstäbe nicht nur verrutscht, sondern ganz abgeschafft. Moralische, politische, juristische Grenzen gibt es nicht mehr.

Wieso sollte man also dennoch darauf hoffen, ihm könnte irgendein neuer Skandal das Genick brechen?

-      Weil er es fertig bringt, kontinuierlich zu eskalieren.

Trump ist nicht gleichbleibend katastrophal, sondern wird täglich schlimmer.

Daher packt es einen, wider besseres Wissen, immer wieder: Jetzt muss es doch mal zu viel sein. Selbst seine sklavisch hörigen Jünger können das doch nicht mehr gut finden.

So hoffe ich beispielsweise auf die zum Jahreswechsel einkickenden drastischen Erhöhungen der Krankenkassenbeiträge. Man kann es schlecht bei FOX und Breitbart kaschieren, wenn sich die Prognosen der verhassten Demokraten, so realistisch im eigenen Portemonnaie manifestieren.

Immer mehr Betroffene melden sich zu Wort, wie zum Beispiel eine 61-Jährige Amerikanerin, deren Krankenkassenbeitrag von derzeit 314,40 Dollar im Januar auf 1.296,00 Dollar steigt. Ein kleiner Unterschied, den viele Durchschnittsverdiener nur mit der Kündigung ihrer Versicherung bewältigen können.

Vielen Dank, Trump. Vielen Dank, Republikaner im Kapitol. Muss nicht irgendwann doch die Stimmung gewaltig kippen?

[…] Nach knapp zwölf Monaten im Amt allerdings sieht Trump bemerkenswert geschrumpft aus. Die Koalition, die ihm zum Wahlsieg verholfen hat, bröckelt. Je mehr präsidentielle Macht er an sich reißt, desto schneller scheint er zugleich die Kontrolle zu verlieren: über sein Außenbild, die Politik, sich selbst.

Schneller als viele Amtsinhaber vor ihm wirkt er plötzlich wie ein »lame duck«-Präsident, also einer in Restlaufzeit. Das dürfte auch daran liegen, dass er so zwanghaft an seinem Vermächtnis arbeitet – und dabei immer offensichtlicher wird: Es ging ihm nie um America First, sondern immer um Trump First. […] Politisch will Trump nicht viel gelingen, von der Zerstörung bestehender Normen und Institutionen abgesehen. Seine Umfragewerte sind im Dezember so schlecht wie die Zahlen zum Arbeitsmarkt. Was die Wirtschaft betrifft, wächst diese zwar, doch eine Mehrheit der Wähler traut dem erratisch agierenden Präsidenten ökonomisch nicht mehr viel zu. Sein Wahlkampfversprechen, die Preise zu senken, hat Trump nicht gehalten. Stattdessen hat er sich und seine Familie auf schamlose Weise bereichert. Die Republikaner blicken mit Sorge auf die Midtermwahlen im nächsten Jahr, schon im November mussten sie in Virginia, New Jersey und New York herbe Niederlagen einstecken. Zudem schwebt der Epstein-Skandal wie ein Damoklesschwert über dem Weißen Haus. […] Als wäre das nicht genug, scheint Trump weder seinen innersten Zirkel noch sich selbst richtig im Griff zu haben. Rund ein Dutzend Mal wurde der Präsident seit Amtsantritt öffentlich beim Einschlafen erwischt, unter anderem während einer Militärparade und bei der Beerdigung des Papstes. […] Trotzdem wäre es viel zu verfrüht, Trump jetzt als Scheinriesen abzutun. Wenn jemand bewiesen hat, dass er zu großen Comebacks fähig ist, dann er. Und drei Jahre sind eine Menge Zeit, um die Architektur der Welt einzureißen – vor allem, wenn man nicht viel zu verlieren hat.  [….]

(Nicola Abé, 30.12.2025)

Müssten nicht irgendwann selbst die 77 Millionen Trump-Wähler begreifen, wie sie für dumm verkauft und geschröpft werden?

Wer kann so doof sein?

Es stellt sich immer wieder die Frage, wie man journalistisch damit umgehen soll.

Man dürfte dem Irrsinn nicht mit Belohnung durch Aufmerksamkeit begegnen.

Man kann aber auch nicht, nicht darüber berichten, weil er der mächtigste Mensch der Welt ist.

Man darf aber schon gar keine Gewöhnung an den Irrsinn zulassen.

[…] Nachdem Donald J. Trump, der unerklärlicherweise ein zweites Mal zum US-Präsidenten gewählt wurde und immer noch als solcher geduldet ist, am 17. Dezember eine 20-minütige „Rede an die Nation“ gehalten hatte, konnte man am Tag danach bei factcheck.org wie üblich nachlesen, welche seiner Behauptungen korrekt (wenige) und welche erfunden waren (die allermeisten). Die Seite wird vom Annenberg Public Policy Center betreut, man nimmt dort seine Sache genau. Aber nicht nur auf factcheck.org schreibt man jedes Mal (unter vielem anderen) gewissenhaft auf, dass es mathematisch unmöglich ist, Preise um 400, 500, 600 Prozent zu senken, da schon 100 Prozent bedeuten würde, dass die betreffende Ware kostenlos sein müsste. […] Aber alle Scherze über Trump, selbst die äußerst geistreichen, werden zunehmend schal. Und kein noch so gut gemeintes, penibles Faktchecking scheint etwas zu nützen. Schon in seiner ersten Amtszeit, von Tag eins an, wurde der US-Präsident dergestalt begleitet. Am Ende stand am Tag vor der nächsten Wahl, 2020, die faktenbasierte (Lügen-)Zahl 30573. Am Ende stand das Gefühl, dass zwar Teile der Presse die, die man seriös nennt und es weiterhin einigermaßen sind sich bemüht haben, aber dass sie es auch hätten lassen können. Oder hätte dann Trump bereits damals die Wahl erneut gewonnen? […] Und sie sind ein anderes Spiel gewöhnt, die Presseleute. Es geht ungefähr so: Politiker oder Politikerin wird bei einer Lüge ertappt, Politiker oder Politikerin versucht sich herauszuwinden, beruft sich auf einen Fehler, entschuldigt sich im besten Fall und verspricht, die falsche Behauptung nicht mehr aufzustellen.

Bei Donald Trump aber läuft es nicht so. Er verwischt alle Grenzen zwischen Fakt und Erfindung und man weiß nicht einmal, welche seiner Lügen er glaubt – ob die Chose mit den 600 Prozent also seiner zweifellos beginnenden Demenz geschuldet und darum von seinem defekten Gehirn aus gesehen gar keine Lüge ist. Unsere Theorie: Er denkt nicht darüber nach, sein Mund redet quasi von selbst. Es ist ihm völlig egal, was rauskommt. Denn er wurde ja nie zur Rechenschaft gezogen. Im Gegenteil. […] Donald Trump hat sich unverwundbar gemacht – indem er keinen Anstand besitzt, nicht einen Funken, und sich nicht schämt, für gar nichts. Ja, er versucht, die Late Night Talker zu canceln, zuletzt wollte er, dass Stephen Colbert „eingeschläfert“ wird. Doch das ist kein Beleg dafür, dass er angesichts ihrer Witze gegen ihn so etwas wie Scham empfindet. Es ist pure Bösartigkeit, mit der er Unerhörtheit auf Unerhörtheit und Unverschämtheit auf Unverschämtheit häuft. Es schert ihn nicht.

Die meisten Amerikaner und Amerikanerinnen scheinen aufgegeben zu haben, ob sie nun Presseleute sind oder nur Wählende. Es wird schlimmer und die Reaktion ist überwiegend ein Achselzucken. […] Trump hat ein Paralleluniversum errichtet. Wir sind ihm hineingefolgt und haben die Gefahr nicht erkannt. Denn unterm Arm tragen wir immer noch bloß die Regeln, die in einer Welt ohne Trump galten.   […]

(Sylvia Staude, 29.12.2025)

Wieso wenden sich seine Fans nicht endlich von ihm ab?

Man kann das nur verstehen, wenn man sich endlich von der Illusion verabschiedet, daß der Mensch generell gut sei. Das ist er nicht. Der christliche Mensch schon gar nicht.

Trumps christliche Jünger sind nicht nur Rassisten, sondern auch Sadisten.

Sie lieben die Grausamkeit ihres orangen Messias.

[…] Über die Festtage hat das US-Militär Ziele in Nigeria beschossen. Loyale Anhänger von Präsident Donald Trump feiern die Attacken […]

Trump selbst wurde noch deutlicher: »Heute Nacht haben die Vereinigten Staaten auf meine Anweisung als Oberbefehlshaber hin einen mächtigen und tödlichen Schlag gegen den IS-Terroristenabschaum im Nordwesten Nigerias ausgeführt«, schrieb er in seinem Onlinesprachrohr Truth Social. […] In der Heimat kommt dies bei vielen Hardlinern unter den Trump-Anhängern offenbar gut an, wie unter anderem der »Guardian« berichtet . Die hartrechte, islamfeindliche Aktivistin Laura Loomer, der eine große Nähe zum US-Präsidenten nachgesagt wird, schrieb bei X: »Ich kann mir kein besseres Weihnachtsfest vorstellen, als den Tod von Christen durch die gerechtfertigte, massenhafte Tötung von islamistischen Terroristen zu rächen.« Ihr sei von höchster Stelle versichert worden, so Loomer, dass es sich bei dem Angriff um eine Vergeltungsaktion für die Tötung von Christen in Nigeria gehandelt habe.  Ähnlich äußerte sich der ebenfalls weit rechts einsortierte Senator Tom Cotton (Arkansas). Er sprach von »blutrünstigen Wilden, die nicht nur Christen verfolgen, sondern auch viele Amerikaner getötet haben«.[…]

(SPON, 28.12.2025)

Andere Menschen zu quälen, zu verfolgen, zu töten, ist einfach geil für die Trumpanzees. Das feiern sie und ihr Held liefert.

Montag, 29. Dezember 2025

Tyrannentod

Der Mann ist maligner Narzisst, geht auf die 80 zu, hat einen stressigen Job, ist adipös, zeigt drastischen physischen Zerfall (auch wenn man sein wahres Gesicht unter seiner dicken orangen Clown-Schminke nicht erkennen kann). Für den mentalen Zustand lassen sich kaum noch Worte finden; sein Hirn scheint Matsch zu sein.

Man muss also nicht bösartig oder missgünstig, sondern einfach nur Realist sein, um sein mögliches Lebensende zu antizipieren. Da der soziopathische Egomane unglücklicherweise der mächtigste Mann der Welt ist, wäre sein Tod während der Amtszeit, weltpolitisch hochrelevant.

Nun hegten viele schon zwischen Januar 2017 und Januar 2021 eben diese Hoffnung – verbunden mit der Annahme, daß sein Vize zwar ein homophober Religiot, ohne Rückgrat ist, aber bei einem Aufrücken ins höchste Amt, ein Schritt in die Normalität vollzogen würde. Pence wäre nicht ganz so irre, nicht so korrupt, würde sich innerhalb der Verfassung bewegen. In der GOP würden sich nach den orangen Exzessen, die Jünger des kriminellen Rassisten wieder abregen, zurück ins Glied rücken. Etwas Vernunft könnte wieder einkehren.

Dachte man. Aber da sich die Republikaner, selbst nach der Insurrection, dem zweiten Impeachment verweigerten und damit die Chance verschenkten, ihrem furzenden Messias eine weitere Kandidatur unmöglich zu machen, wird klar, wie illusorisch schon im Januar 2021 jegliche Hoffnung auf rudimentäre Vernunft in dieser Partei war.

Gäbe Putins Pudel während seiner zweiten Amtszeit den Löffel ab, sähe die Sache anders aus. Inzwischen besteht keinerlei Hoffnung auf eine Rückkehr zur Vernunft in der GOP (Guardians Of Pedophiles), da sie gründlich gesäubert wurde. Es sitzen nur noch 100%iger Fanatiker in den Schaltstellen, das Project 2025 wird generalstabsmäßig umgesetzt. Der mutmaßliche Nachfolger, EriKKKa-Kirk-Bumser JD, wäre zwar mental zurechnungsfähig, würde nicht mit einem Demenztest prahlen und weniger erratisch lügen, aber das würde ihn nur noch gefährlicher machen. Er würde den gleichen verschwörungstheoretischen rassistischen aggressiven Unsinn vertreten, wie sein jetziger Chef. Etwas anderes wäre von seiner Parteibasis, die offen rassistisch Gaga-Ideologien anhängt, gar nicht akzeptiert.
Die stemmen sich eisern überzeugt wider die Realität.

Die US-dominierte Welt würde unter JD Vance mindestens genauso schnell in den Abgrund geschoben, auch wenn sich der neue Amtsinhaber dabei möglicherweise persönlich weniger lächerlich machen würde.

[….] There’s a 92 Percent Chance Trump Is Making It Up

When riffing, the president exhibits an unusual tell.

President Donald Trump likes to use a big number to anchor his point, especially when he wanders off on a tangent. Often it seems that a specific figure is on the tip of his tongue.

At this year’s ceremonial turkey pardon, Trump praised a farmer from Wayne County, North Carolina, for raising two “record-setting” birds, but then pivoted to his own electoral margin of victory: “I won that county by 92 percent.” (In fact, he won it by 16 percentage points.) At a McDonald’s corporate event last month, Trump claimed that the United States controls 92 percent of the shoreline of the Gulf of Mexico (the Gulf of America, as he calls it). It’s really about 46 percent. Trump won the veterans’ vote, he said on Veterans Day, with “about 92 percent or something,” and in July, he said he won farmers—well, “by 92 percent.” (More accurate estimates of the portion of the electorate he won would be 65 percent of veterans and 78 percent of voters in farming counties, according to exit polls and election data.)

His fixation on the number between 91 and 93 has been a feature for a while. In April, Trump claimed that egg prices had fallen by 92 percent. (The Bureau of Labor Statistics said 12.7 percent.) And at a rally shortly before last November’s election, while railing against journalists and the media, he allowed that “not all of them” are “sick people.” Just “about 92 percent.” That one, admittedly, is difficult to fact-check. […..]

(Marie-Rose Sheinerman, The Atlantic, December 25, 2025)

Der Diktatoren-typische Personenkult könnte, anders als in der Kim-Erbdiktatur, nicht ohne weiteres auf Vance übergehen.

[…]  Mao, Stalin und Walt Disney – aus welchen Fantasien der Messias Trump schöpft[…] Donald Trump hat innerhalb sehr kurzer Zeit ein Kulturphänomen in die amerikanische Wirklichkeit transportiert, das man bislang nur aus bizarr ausgestalteten Diktaturen kannte: den Personenkult. Der US-Präsident benötigte nicht einmal ein Jahr, um die Republikanische Partei komplett zum willenlosen Wirtsträger seiner disneyhaften Herrscherfantasien zu machen.

Niemand setzt sich ihm entgegen, wenn er das Washingtoner Friedensinstitut in Donald J. Trump Institute of Peace umbenennt. Er muss keinen ernsthaften Widerstand befürchten, wenn er das John F. Kennedy Memorial Center in das Trump Kennedy Center of Performing Arts verwandeln lässt. Und demnächst will er eine neue Kriegsschiff-Flotte als Trump-Klasse in die Weltmeere schicken – die Partei ist Trump, Amerika ist Trump, und eigentlich müsste die ganze Welt Trump sein, sieht er sich doch als Messias des unerlösten weißen Mannes. […] Donald Trump hatte von Anfang an genügend Leute um sich versammelt, die in ihm eine charismatische Heilsfigur sehen, eine sagenhafte Rettergestalt, von Gott gesandt, um Amerika vor dem Untergang zu retten. Diesen religiösen Monsterkitsch hat sich Trump auch von den fundamentalistisch gestimmten Evangelikalen zurechtschustern lassen, die sich nach seiner Vereidigung jüngerhaft um ihn versammelten, ihre Hände auf verschiedene Stellen von Trumps Jackett legten, um mit geschlossenen Augen die göttliche Kraft des mehrfach verurteilten Gesetzesbrechers einzusaugen. Die beste Nahrung für den Personenkult. […]

(Hilmar Klute, 28.12.2025)

Sollte der egomane Sadist im Amte verscheiden, blieben das dysfunktionale Bildungssystem der USA, die inzwischen nahezu vollständig von Nazi-Maga-Milliardären kontrollierte Presse und die sagenhafte Verblödung der Hälfte der US-Bevölkerung.

Schwer vorstellbar aus heutiger Sicht aber, daß ein neuer MAGA-Messias ebenso kultisch verehrt würde und damit so eine enorme innerparteiliche Macht ausüben könnte. Vielleicht würden einzelne rechte Abgeordnete in der ein oder anderen Frage Widerspruch einlegen, nicht mehr jeden noch so geistesgestörten Irrsinn absegnen. Aber das Deprogrammieren der Sektenmitglieder wird schwierig.

[….] „Die Maga-Bewegung wird ohne Trump zerfallen“

Rich Logis war fanatischer Anhänger des US-Präsidenten, dann brach er öffentlich mit ihm. Jetzt hilft er anderen Menschen, aus der Maga-Bewegung auszusteigen – und hat Sorge, was auf diese folgen könnte.

Er war nicht nur privat ein großer Unterstützer von Donald Trump, sondern auch Influencer der Maga-Bewegung. Inzwischen schämt sich Rich Logis, 48, dafür. Er verließ die Gemeinschaft und gründete die Aussteiger-Organisation „Leaving MAGA“. Man erreicht Logis per Video-Call zu Hause in Florida. Er arbeitet tagsüber als Vertreter und sagt, was er nachts mache, sei im Grunde „ein zweiter Full-Time-Job“: Mitstreiter für eine Gegenbewegung suchen.

SZ: Herr Logis, warum ist es so schwer, aus der Maga-Bewegung auszusteigen?

Rich Logis: In meinem Fall waren es zwei Gründe, warum es so schwerfiel zu gehen. Erstens war mir klar, dass ich mit meinem Weggang eine zweite Familie zurücklassen würde, die ich mir aufgebaut hatte.

Maga ist eine Familie?

Es ist ein Ort, an dem Menschen ein Gefühl der Zugehörigkeit, des Zusammenhalts und der Kameradschaft erleben. Dadurch entstehen enge Beziehungen. Ich hatte mich mit einigen Leuten, die ebenfalls bei Maga aktiv waren, angefreundet. Wir gingen zusammen zu Weihnachtsfeiern, Kinderveranstaltungen und Geburtstagsfesten. Manchmal war diese zweite Familie mir sogar wichtiger als meine eigene leibliche Familie. Wenn man so etwas hat, läuft man nicht einfach so davon.

Und der zweite Grund?

Ich musste erst zu der befreienden, aber auch schmerzhaften Erkenntnis gelangen, dass ich jahrelang Lügen und Unwahrheiten aufgesessen bin. Darüber hinaus war ich ein Maga-Influencer. Ich hatte meinen eigenen Podcast. Ich schrieb Artikel. Meine Texte erschienen unter anderem bei Fox News und The Federalist. Ich hatte eine ganze Identität geschaffen, die auf Lügen und Verschwörungstheorien basierte. Es ist für unsere Spezies, den Homo sapiens, ein sehr unnatürlicher Akt, sich das einzugestehen. Und sich dann auch noch öffentlich dafür zu entschuldigen.  […]

(SZ, 28.12.2025)

Sonntag, 28. Dezember 2025

Sächsisches Messer in den Rücken

Das sieht richtig richtig duster aus für die Kleiko.

Wer sich EINTAUSEND MILLIARDEN EURO leiht und damit die; nach endloser CDU-Blockade; seit 20 Jahren überfälligen Investitionen tätigen könnte, aber stattdessen den Kurs auf die fossile Vergangenheit stellt, sowie sinnlose Lobbygeschenke des manischen Wurstfressers bezahlt, erlebt genau das, was jetzt passiert: Kein Wachstum und unzufriedenes Wahlvolk. Die ökonomischen Kenndaten schmieren genauso ab, wie die demoskopischen Zahlen der Regierungsparteien.

Für die C-Partei-Großmäuler, die offensichtlich wider alle Wissenschaft und wider alle empirische Erkenntnisse, tatsächlich glaubten, mit zackiger rechter Migrationspolitik und dem Nachäffen der Nazi-Narrative, im großen Maßstab AfD-Wählerstimmen zurückgewinnen zu können, ist es ein harter Crash mit der Realität.

Alle Umfrageinstitute zeigen das gleiche Bild: Bundeskanzler Merz historisch unbeliebt, CDUCSU rutscht hinter den Nazis auf Platz Zwei und wird in Ossistan regelrecht deklassiert.

Es tritt damit genau das ein, was seit Jahren prognostiziert wurde, aber von den ideologisch völlig realitätsverblendeten Konservativen nie geglaubt wurde.

Sie sind parteitaktisch genauso erkenntnisresistent, wie in ökonomischen, finanzpolitischen und energetischen Fragen.

Eine Bundesregierung unter Merz/Reiche/Spahn-Führung kann nicht funktionieren.

Die naheliegende Konsequenz ist die Forderung nach einem Kleiko-Ende. „Merz muss weg.“ Auf Bluesky arbeiten sich die linken Influencer an der SPD ab, der sie Verrat und soziale Grausamkeiten vorwerfen; sie müsse sofort aus der Regierung aussteigen, sei machtgeil und abgehoben.

Das ist aus vier Gründen falsch.

Erstens

Diese linken Kritiker tun so, als habe die SPD eine absolute Mehrheit und könne durchsetzen, was sie wolle. In der Realität haben die Wähler der SPD aber 16% verpasst; womit sie am Katzentisch sitzt und eben nicht soziale Politik pur durchdrücken kann, weil das vom Urnenpöbel klar abgelehnt wurde.

Die große Mehrheit der Wähler will Sozialabbau, Zweiklassenmedizin und Umverteilung zu den Überreichen. Wäre es anders, hätte das zu einer RRG-Mehrheit am 23.02.2025 führen müssen und nicht zu einem Blackrock-Mann und noch asozialeren, reichenfreundlicheren 20,8 AfD-Prozenten.

Zweitens

Die Linksfluencer, die sich jetzt auch die SPD einschießen, unterstellen den Abgeordneten, sie schafften gern das Bürgergeld ab und beschlössen begeistert antimigrantische Härten. Nichts könnte falscher sein. In der SPD-Fraktion herrscht blanker Hass auf Spahn und Merz, der Frust ist spätestens seit der Causa Brosius-Gersdorf gewaltig. Es fließen Tränen vor Wut auf die CDUCSU, die der Wähler ihnen vor die Nase ins Kanzleramt setzte.

Drittens

Die SPD erweist Deutschland mit ihrer viel gescholtenen staatspolitischen Verantwortung eine großen Dienst, indem sie uns vor einem erneuten 1933, einer Koalition aus Konservativen, Christen und Nazis bewahrt. Die Grausamkeiten, die in einer Regierung mit Höcke/Weidel-Beteiligung geschähen, würden alles in den Schatten stellen, über das jetzt von Links geheult wird.

Schon jetzt sind die Umfragen weit nach rechts gerutscht. Erstmals in der bundesrepublikanischen Geschichte, hätten CDUCSU und SPD keine gemeinsame Mehrheit mehr. Aus der Groko, die im Februar 2025 eine Kleiko wurde, ist mittlerweile rechnerisch eine Keiko geworden – KEINE Koalition(smehrheit).

Würde die Merz-Kleiko nun vorzeitig platzen, wäre das ein zusätzlicher Wahlkampf-Turbo für die Nazis. CDUCSU und SPD würden noch mehr abgestraft. Zudem hätten Spahn, Klöckner und Linnemann einen perfekten Vorwand, eine Kooperation oder Koalition mit den Nazis einzugehen. Dann hieße es täglich „wir haben es ja trotz CDU/AfD-Mehrheit im Bundestag mit der abgewählten SPD versucht, aber es ging nun mal nicht; die Brandmauer-Politik ist gescheitert, wir haben verstanden und setzten nun den Wählerwillen um!“

Viertens

Die SPD hat angesichts ihres katastrophalen Wahlergebnisses gut verhandelt, sich wichtige und mächtige Ministerien erobert, in denen sie einen großen Unterschied machen kann. Würde die SPD tatsächlich, wie ihr von links vorgeworfen wird, nur CDU-Politik umsetzen, wären JU, Frei, Merz und Klöckner nicht so wahnsinnig frustriert über die eigene Regierung. Ausgerechnet der Kanzleramtsminister, der für den reibungslosen Ablauf im Koalitionsgetriebe zuständig ist, setzt nun Sprengladungen an seine eigenen Beine.

[….] Kanzleramtschef Thorsten Frei wirbt angesichts der schwierigen Wirtschaftslage dafür, sich nicht nur eng an den Koalitionsvertrag zu halten. Er zeigt sich offen für eine grundsätzliche Überarbeitung des Vertrages mit der SPD. Dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) sagte der CDU-Politiker auf die Frage, ob Schwarz-Rot den Vertrag nicht neu schreiben müsste, einige Rahmenbedingungen habe die Koalition bereits auf den Weg gebracht.

Er fügte hinzu: „Generell gilt aber aus meiner Sicht: Eine Koalition muss die Kraft haben, sich neuen Herausforderungen zu stellen, die man zu Beginn noch nicht absehen konnte.“  [….]

(SZ, 26.12.2025)

Absolut hanebüchen, unverantwortlich und hochgefährlich, was Frei da angesichts der Nazi-Gefahr treibt, denn diese Merz-Kleiko IST die letzte Patrone der Demokratie. Sie muss einigermaßen funktionieren, alles andere führt in den Abgrund.

Freis Interview dient offensichtlich zur Verschleierung seiner schlechten Verhandlungstaktik und dem Totalversagen in den Häusern Reiche, Prien, Dobrindt und Warken. Er muss ablenken.

Schon lange auf AfD-Kurs befindet sich der Obersachse Michael Kretschmer.

[…] Thorsten Frei hatte sich offen für eine Überarbeitung des Koalitionsvertrags gezeigt – und Kritik geerntet. Kretschmer stellt sich hinter ihn. […] Die neue Bundesregierung hat nicht einmal einen Jahreswechsel überstanden, da will sie sich schon neue Ziele setzen: In der Debatte um eine Überarbeitung des Koalitionsvertrags hat sich nun Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer hinter Kanzleramtsminister Thorsten Frei (beide CDU) gestellt. Frei spreche „eine Selbstverständlichkeit“ aus, sagte Kretschmer dieser Redaktion. […] Alles neu macht der Frei – oder doch nicht? Kritik an seinem Vorstoß folgte prompt. Der SPD-Parlamentsgeschäftsführer Dirk Wiese mahnte, die Regierung solle zunächst die geplanten Vorhaben umsetzen. Doch Parteifreund Kretschmer unterstützt nun Freis Vorschlag. „Die Veränderungen um uns herum vollziehen sich in rasender Geschwindigkeit. Der aktuelle Koalitionsvertrag konnte gar nicht alle Eventualitäten berücksichtigen“, sagte er dieser Redaktion. [….]

(FUNKE, 28.12.2025)

Das 50-jährige russische Uboot sagt schon einmal, wo es hingehen soll, wenn der 70-jährige Kanzler in Rente gegangen wird: An Putins Rockschöße.

[…] Ministerpräsident Kretschmer will Rückkehr zu Energie aus Russland […] Der CDU-Politiker sagte der Funke-Mediengruppe, Deutschland und Europa brauchten Energie zu günstigen Preisen. Deshalb sollte man nach einem Waffenstillstand im Ukraine-Krieg wieder russische Lieferungen beziehen. Russland müsse langfristig wieder Handelspartner sein. [….]

(Deutschlandfunk, 16.11.2025)


Samstag, 27. Dezember 2025

Die größte Gefahr für Europa

Wir könnten so viel weiter sein; so viel sicherer, gerechter, sozialer, ehrlicher.

Moderner, stärker, gesünder.

Wir sind es aber nicht, weil wir falsch wählen.

Wir wollen nicht Habeck, Kühnert, Lauterbach in der Regierung.
Wir wählen stattdessen lieber Merz, Reiche, Klöckner, Spahn, Linnemann, Söder in die wichtigen Ämter, damit sie die Uhren zurückdrehen, nach oben umverteilen und die Zukunft Europas ruinieren.

Wir wollen Verbrenner und Fossil-Dreck statt sauberer Energie und moderner Autos.

Die Nazis bekommen dreimal so viele Wählerstimmen, wie die Grünen. In Ossistan achtmal so viele.

Die größte Gefahr in allen europäischen Ländern, besteht im Wähler-Drang zur rechten Autokratie, der Ablehnung von Demokratie, des Wunsches nach einem starken Führer; einem Mann natürlich; einem Christlichen, Weißen, Heterosexuellen und Reichen! 

[….] Traurig das Land, das starke Männer nötig hat [….]

Als Donald Trump 2015 im Wettbewerb um das Weiße Haus auftauchte, prahlte er oft mit seinen Macher-Qualitäten. Jenseits von Celebrity-Gehabe, rüdem Ton und Hetze gegen Ausländer unterschied er sich von seinen Rivalen, indem er Ergebnisse versprach. „Was ich leite, läuft rund“, behauptete er. Demnach war alles machbar, wenn Trump es machte. [….] Auch anderswo im Westen wächst die Sehnsucht nach Machern, die einen radikalen Neuanfang erzwingen. Vor der Bundestagswahl berichtete das Rheingold-Institut, die Deutschen wünschten sich als Kanzler einen bodenständig zugewandten, durchsetzungsstarken Krisenmanager, der den Reformstau auflöse. Ganz wie Trump solle der neue Kanzler ein (womöglich sogar etwas radikalerer) Macher sein, der die Welt übersichtlicher erscheinen ließe. [….] Seit Längerem fühlen sich viele Deutsche geplagt von Abstiegsängsten, [….] Inzwischen ähnelt die Stimmung in Deutschland jener in den USA vor einem Jahrzehnt: Aus Ernüchterung wächst das Bedürfnis nach einer starken Persönlichkeit, die einen Ausweg zeigt. [….]

(Nicolas Richter, 26.12.2025)

Am gefährlichsten sind der Gewöhnungseffekt und unsere Passivität gegenüber des Rechtsdralls.

Wir lassen achselzuckend den Weg ins Vierte Reich geschehen, akzeptieren die Nazis als stärkste Partei in Deutschland. 

Dabei müsste es eigentlich Generalstreik geben, so wie sich CDU und CSU an die Nazis heranwanzen, ihnen immer wieder die Hand reichen, auch Kommunal-, Landes-, Bundes- und EU-Ebene mit ihnen zusammenarbeiten.

[….]  Die Brandmauer fällt, und niemand schaut hin [….] Rechte Mehrheiten sind zur Normalität geworden im Europaparlament. Die Sozialdemokraten klagen lautstark über EVP-Chef Manfred Weber – aber außerhalb Brüssels interessiert sich niemand dafür. [….] „Die Verwundungen sind tief“, sagt René Repasi, der mächtigste deutsche Sozialdemokrat im Parlament. [….] Sozialisten und Sozialdemokraten – sie tragen den Fraktionsnamen S&D – fühlen sich betrogen von der Europäischen Volkspartei (EVP), der Familie der Christdemokraten und Konservativen. Seit den Europawahlen 2024 steckt die vom CSU-Politiker Manfred Weber geführte EVP immer wieder mit rechts außen unter einer Decke. Der Flirt fand seinen Höhepunkt am Dienstag, 16. Dezember. Erstmals setzte die EVP in einer Schlussabstimmung ein großes Gesetz mit einer Mehrheit von Rechten und Rechtsextremen durch. [….]

(Josef Kelnberger, 26.12.2025)

Dieses Appeasen, das GESCHEHENLASSEN, Schönreden, Arrangieren, Hinnehmen, das sehenden Auges in die Katastrophe reiten, zeigt uns heute exemplarisch die „taz“ mit ihrem Julie-Zeh-Interview.

Zehs Aussagen bilden die Apotheose des erneuten deutschen Katastrophe. Aber offenkundig bemerkt sie es nicht einmal.

[….] taz: Bei der Bundestagswahl im Februar haben 54 Prozent der Leute im Dorf AfD gewählt.

Zeh: Ja, da sind wir Spitzenreiter der negativen Art.

taz: War das ein Schock für Sie?

Zeh: Das hielt sich in Grenzen. Es ist ja keine neue Entwicklung, die Zustimmung für die AfD wird Jahr für Jahr mehr. [….]

taz: Ist es krass zu wissen, dass so viele Ihrer Nachbarn für die AfD stimmen?

Zeh: Was genau ist daran krass?

taz: Dass Sie umgeben sind von Leuten, die eine mindestens in Teilen verfassungsfeindliche Partei gut finden.

Zeh: Die Menschen hier finden vor allem die anderen Parteien schlecht. Ich glaube, wir haben momentan niemanden im Dorf, der mit seinen Meinungen außerhalb der Verfassung stünde. [….]  Gewiss sagen manche Nachbarn Sachen wie: „Den Ausländern wird alles in den Arsch geschoben, und wir machen drei Jobs und können die Raten für das Einfamilienhaus nicht bezahlen.“ Solche Aussagen gibt es. Aber es ist immer noch ein Riesenunterschied, ob man politisch so redet oder ob man eine Person ablehnt, die einem gegenübersteht. [….]

taz: Fühlen Sie sich hier Zuhause?

Zeh: Ja klar, wir sind ja bald seit 20 Jahren hier. Und wir haben uns wirklich schnell sehr wohl gefühlt. Ich war enorm froh, Menschen kennenzulernen, mit denen ich sonst niemals Kontakt gehabt hätte. [….]

taz: Warum wählen denn so viele im Dorf AfD?

Zeh: Die Leute sind einfach extrem unzufrieden. Sie haben nicht das geringste Vertrauen in die herkömmlichen Parteien, weil es an allen Ecken und Enden an der simplen Grundversorgung fehlt: Bildung, Mobilität, Gesundheit, Pflege, bezahlbarer Wohnraum. Mir hat eine Frau erzählt, dass ihrer Tochter ein Schulplatz zugewiesen wurde, den sie kaum erreichen konnte. Es gibt ja nicht wirklich öffentlichen Nahverkehr bei uns. Das Mädchen musste x-mal umsteigen. Die Mutter wollte nicht, dass ihr Kind alleine bei Kälte und Dunkelheit am Bahnhof steht. Also hat sie es immer gefahren. Deswegen kam die Mutter jeden Tag zu spät zur Arbeit. Nach zwei Wochen wurde ihr gekündigt. Ein halbes Jahr später haben sie doch noch einen Schulplatz etwas näher zum Wohnort bekommen, Gott sei Dank. Aber der Job der Mutter war weg. Dass Menschen, die so etwas erleben, AfD wählen, wundert mich nicht. [….] Die AfD ist anschlussfähig mit dem, was sie so rumplärrt, mit ihrer Elitenfeindlichkeit und Verachtung für Politiker. Ich würde sagen, dass die Elitenverachtung von fast allen hier geteilt wird, selbst von Menschen, die nicht AfD wählen. [….] Die Leute, die AfD wählen, die wollen ja zum Teil sogar mehr Demokratie. Die wollen mehr Plebiszite, mehr Einfluss des Volkes. Die sind der Meinung, dass ein großer Teil der Bevölkerung ihre Auffassung teilt, zum Beispiel bei der Kritik an Zuwanderung, und dass die sogenannten Eliten in Wahrheit undemokratische Institutionen sind. [….]

taz: Wenn eine Partei gesichert rechtsextremistisch ist, dann muss die Demokratie sich schützen.

Zeh: Das kann man so sagen, und alle Nicht-AfD-Wähler werden zustimmen. Aber was soll das denn konkret heißen? Der Versuch, mit der Brandmauer die AfD kleinzuhalten, hat in den letzten zehn Jahren nichts gebracht. [….]

taz: Bekommen Sie viele Shitstorms?

Zeh: Schon manchmal. [….]

(taz, 27.12.2025)

Immerhin einen kleinen Trost gibt es; auf Bluesky erhält Zeh genau den Shitstorm, der ihr für ihre hanebüchenen Dummheiten gebührt.

[….] Juli Zeh erklärt wieder, dass ihre Nachbarn keine Rechtsextremen sind. Und dass ist halt mal wieder vollkommen vorbei am Thema. Es ist nämlich total egal, ob die rechtsextrem sind oder nicht oder ob sie eigentlich die Demokratie gut finden, wenn sie mehrheitlich (51,x%) eine Partei wählen, die unsere Demokratie abschaffen möchte. Und es ist auch total egal, ob Juli Zeh glaubt, dass ihre Nachbarn mit Migrant*innen auskommen würden. Die politische Gewalt steigt seit Jahren und zwar überproportional stark auf rechtsextremer Seite. Es kann schon sein, dass ihre Nachbarn ,ihren Lieblingsdönermann’ verschonen, aber wichtiges Element autoritärer Herrschaft ist Willkür. Es gibt noch wahnsinnig viel mehr, was hier belegt, dass Zeh sich bestens in die brandenburgische Landschaft integriert hat. Z.B. hat sie inzwischen den Ostmythos übernommen, dass die DDR die Menschen insofern geprägt hätte, dass sie sensibler gegenüber staatlicher Autorität sind und verlangt genauso paradox, dass der Staat sich bitte mehr kümmern sollte. Juli Zeh kann natürlich sagen, was sie will, aber es ist gerade in Bezug auf den Osten oft von erstaunlicher Affirmation und Schlichtheit geprägt. Z.B. wenn sie behauptet, die Brandmauer hätte der AfD geholfen. Dann argumentiert sie (da ist sie nicht die einzige) entlang des Mythos, es gäbe eine Praxis der Brandmauer und nicht etwa nur eine Brandmauer-Debatte.

Ja, die Debatte bei gleichzeitiger stetiger Annäherung der bürgerlichen Mitte hat der AfD geholfen. Aber das ist eben nicht das Gleiche, wie eine tatsächliche Abgrenzung, ein tatsächliches Ablehnen rechtsextremer Erklärungsmuster und Politik. Aber wer eine Anleitung zum Opportunismus braucht - bitte. Hier erklärt eine wohlhabende, weiße, akademische Heterofrau, wie man sich in seinen Privilegien einrichten kann, weil man weiß, dass man sich auf diese verlassen kann. Sie sagt, sie würde das Land verlassen, wenn sie an Leib und Leben bedroht wäre und weiß doch, dass sie es nie sein wird, weil sie bereit ist, die Realität zu verweigern. […..]

(Anne Rabe, 27.12.2025)

[….] „Wenn man es so weit kommen lässt, dass das Land wirklich gespalten ist, wie in den USA, dann kriegt man halt irgendwann gar nichts mehr auf die Kette." In den Nebenbemerkungen über die Welt hinter der Dorfgrenze kommt die ganze Dummheit der Analyse heraus. […]

Patrick Bahners, FAZ

[….] Immer wenn ich sie lese, freue ich mich: Zum Glück mochte ich noch nie etwas von ihr. Dieses Interview wirft nur eine Frage auf: Warum gilt diese Frau als Erklärerin mit dem Hintergrund des Wissens von einem Dorf (und nicht einmal das ist glaubhaft, wie dieses Interview zeigt). [….]

Ilko-Sascha Kowalczuk

[….]  Ein Mal pro Woche verlässt Juli Zeh ihre netten AfD-Nachbarn in Brandenburg und fährt nach Berlin, um die Nacht durchzutanzen. Manchmal bin ich einfach nur froh, in Hamburg zu wohnen. […..]

Stephan Maus

Freitag, 26. Dezember 2025

Völlig irrsinnige Zahlen.

Als Schöffe beschäftige ich mich vor Gericht immer auch mit dem persönlichen Hintergrund und der Sozialprognose des Angeklagten. Es ist oft erschreckend einleuchtend, weswegen jemand kriminell wurde. Das hängt nicht von Ethnie oder Religion ab, sondern von Bildung und Papas Portemonnaie.

Aus guten Gründen darf ich nichts über meine Fälle sprechen.

Aber ohne Namen und konkrete Daten zu nennen, kann ich doch Folgendes aus meinem letzten Prozess erzählen:

Es ging um zwei Taten, die sich 2018 und 2019 ereigneten. Es wurde ein Fahrrad geraubt. Alle Beteiligten waren „intoxicated“; für das Strafmaß spielte es eine große Rolle, ob es dabei nur zu Handgreiflichkeiten kam (Raub), oder ob dabei auch ein Knüppel geschwungen wurde (schwerer Raub). Wir befragten fünf Polizisten, die alle mit dem Einsatz zu tun hatten, sich aber allesamt nicht Einzelheiten erinnerten und sich mühsam entlang des Polizeiberichtes hangelten. Wenig überraschend, denn die meisten der „Streifenpolizisten“ trennen täglich mehrere solcher Rangeleien,

mit sich heftig gegenseitig bepöbelnden und beschuldigende Parteien. Wie soll man da nach sieben Jahren noch genau wissen, wer bei einer Klopperei zuerst zu einer Waffe griff?

Außerdem vermuteten wir mehrere Urkundenfälschungen des Fahrradräubers. Die Staatsanwaltschaft hatte sein Girokonto überprüft, auf dem kein Überweisung mit dem Betreff „Honorar für die Urkundenfälschung in meinem Auftrag“ zu finden war.  

Wie überraschend. Die Staatsanwaltschaft könnte seine Wohnung durchsuchen lassen, womöglich fände sich dort Bargeld, welches auf eine Entlohnung schließen ließe. Aber wie wahrscheinlich ist das nach sieben Jahren?

Das ist nur der alltägliche Wahnsinn an einem kleinen Amtsgericht, an dem wir uns mit den kleinen Fischen beschäftigen. Ich sitze dabei noch an einem vergleichsweise gut ausgestatteten Gericht; wir arbeiten tatsächlich alte Fälle auf, bevor sie verjähren.

An den anderen Gerichten der Stadt sieht es übler aus.

[…] In Hamburg wachsen die Aktenberge bei Polizei und Justiz weiter an. Die Zahl der offenen Ermittlungsverfahren stieg innerhalb eines Jahres um fast 70 Prozent. […] Zum Stichtag 1. Dezember waren knapp 77.000 Ermittlungsverfahren bei der Hamburger Staatsanwaltschaft anhängig. Das sind rund 31.000 mehr als noch ein Jahr zuvor.

Die Dauer der Verfahren sind demnach lang: Am Stichtag dauerten rund 1.700 Verfahren mehr als sechs Monate. Knapp 700 lagen bei 12 Monaten und 228 Verfahren dauerten länger als zwei Jahre. [….]

(NDR, 16.12.2025)

Strafen sollen nicht nur für Gerechtigkeit sorgen, sondern auch einen abschreckenden und pädagogischen Effekt haben. Davon bleibt aber kaum etwas übrig, wenn Delinquenten vor allem die Erfahrung machen, daß nach einer Verhaftung Jahrelang erst mal gar nichts passiert.
Ich habe schon Fälle verhandelt, in denen der Angeklagte seit der Anklage noch fünf Mal verhaftet und fünf Mal frei gelassen wurde und selbst den Überblick darüber verloren hatte, worum es in dem gegenwärtigen Verfahren geht.

Aber, das sei noch einmal betont, sind die kleinen Fische.

Das Drama der deutschen Justiz und ihrer völlig aberwitzigen Unterfinanzierung, die in allen Bundesländern virulent ist, bezieht sich bedauerlicherweise auch auf die wirklich bösen Buben.

[…] Berlin. Berlin. Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg – landauf, landab erreicht die Zahl der offenen Ermittlungsverfahren bei den Staatsanwaltschaften neue Rekorde. Die personellen Engpässe in der Justiz spitzen sich zu.

So schieben die Ermittlungsbehörden bundesweit fast eine Million offene Fälle vor sich her, wie eine neue Umfrage der Deutschen Richterzeitung in den Ländern ergeben hat (Js-Verfahren, Stand 30.06.2025). Das sind fast 250.000 unerledigte Akten mehr als noch Ende 2021. Nie war der Stau offener Fälle länger als heute. Entspannung ist nicht in Sicht, denn auch die Neueingänge bei den Strafverfolgern bleiben auf Rekordniveau. Sie haben 2024 abermals die Marke von 5,5 Millionen erreicht. Für die ersten sechs Monate dieses Jahres geben die Strafverfolgungsbehörden bereits mehr als 2,7 Millionen neue Verfahren an.

Besonders dramatisch ist die Entwicklung in Hamburg, wo sich die Zahl der offenen Verfahren seit 2021 fast verdreifacht hat. Die dortigen Ermittler müssen einen Anstieg um 181 Prozent von 22.900 Fällen zum Jahresende 2021 auf 64.404 zur Jahresmitte 2025 bewältigen. „Die Kolleginnen und Kollegen bei der Staatsanwaltschaft Hamburg arbeiten am Rande der Belastungsgrenze und oft genug auch darüber hinaus, weil es nicht genug qualifizierte Bewerberinnen und Bewerber für alle offenen Stellen gibt und immer wieder Kolleginnen und Kollegen wegen der Arbeitsbedingungen vorzeitig die Staatsanwaltschaft verlassen“, so der Hamburgische Richterverein. An der Grenze des Leistbaren arbeiten auch die Staatsanwälte in Schleswig-Holstein. Verzeichneten die Ermittler dort zum Jahresende 2021 noch 28.089 unerledigte Fälle, melden sie zum Halbjahr 2025 33.307.

Die bundesweit höchste Zahl offener Verfahren zum Stichtag 30. Juni 2025 gibt Nordrhein-Westfalen mit knapp 267.000 Fällen an, ein Zuwachs von rund 40 Prozent im Vergleich zum Jahresende 2021. Der DRB-Landesverband spricht von 460 fehlenden Staatsanwälten. Diese Lücke würde sich massiv auswirken, sagte der Landesvorsitzende Gerd Hamme in den Medien und bezifferte die Überlastungsquote der Staatsanwälte in seinem Bundesland auf 141 Prozent.  […]

(Deutscher Richterbund, 12.09.2025)

In Hamburg wird aktiv mit Recruitern und attraktiven Bedingungen nach Mitarbeitern bei der Justiz gesucht. Die Lage ist in diesem reichen Bundesland deswegen so schlimm, weil Hamburg im Gegensatz zu anderen Bundesländern, tatsächlich in der Justiz digitalisiert und bei der Umstellung viel Zeit der Mitarbeiter aufgewendet wird.

Der eigentliche Wahnsinn ist ein Politischer: Bundesländer sparen bei Steuerfahndern und Staatsanwälten, obwohl sie durch Mehrausgaben bei den Personalkosten, ein Vielfaches einnehmen könnten.

[…] Zu wenig Staatsanwälte, zu viele offene Verfahren: Der Deutsche Richterbund beklagt den mangelnden Einsatz der Bundesländer gegen Geldwäsche. Jährlich werde in Deutschland die Herkunft von rund 100 Milliarden Euro verschleiert.

Der Deutsche Richterbund wirft den Bundesländern vor, der organisierten Kriminalität das Geschäft zu erleichtern. "Die Landesregierungen lassen viele Milliarden Euro für den Staat liegen, weil sie zu einseitig auf die Personalkosten der Strafverfolgung fixiert sind", sagte Bundesgeschäftsführer Sven Rebehn den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

"Dabei würde jeder zusätzliche Euro, der in mehr Ermittler zur besseren Bekämpfung von Finanz- und Wirtschaftskriminalität fließt, am Ende mehrfach in die Staatskasse zurückfließen." Rebehn bezifferte das Volumen der Geldwäsche in Deutschland auf rund 100 Milliarden Euro pro Jahr.

"Es spielt der organisierten Kriminalität in die Hände, dass bundesweit inzwischen 2.000 Staatsanwälte fehlen, sich eine Million offene Verfahren bei den Ermittlern stapeln und gerade komplexe Fälle wegen fehlender Ressourcen häufig nicht ausermittelt werden können", so Rebehn.

Drogenbanden, Menschenhändler, Wirtschafts- und Finanzkriminelle hätten es in Deutschland zu leicht, weil sie es vielfach auch mit technisch schlecht ausgestatteten Strafverfolgungsbehörden zu tun hätten.

Der Bund hatte im Sommer zugesagt, den Ländern rund eine halbe Milliarde Euro in den nächsten vier Jahren für die Schaffung zusätzlicher Stellen in der Justiz bereitzustellen. Weil es aber noch Unstimmigkeiten bei der Finanzierung gibt, wurde das Thema bei der Ministerpräsidentenkonferenz unlängst von der Tagesordnung genommen.  [….]

(Tagesschau, 26.12.2025)

All das ist natürlich lange bekannt, wird aber nicht besser, sondern immer schlimmer, weil wir ein Land der Idioten sind.

Donnerstag, 25. Dezember 2025

Gespalten

Vor ein paar Tagen versuchte ich bereits, eine Lanze für das Alleinsein zu brechen und den Terror der Zwangstreffen anzuprangern.

(….) Singles wollen eben nicht mehr zurück in den Familienverband gepresst werden, wenn sie einmal die Wonnen der völligen Freiheit genossen haben.

Zu Weihnachten werden die Klischees von Gemeinsamkeit und Großfamilienglück wieder unweigerlich durchgekaut. Da dürfen auch die krokodiltränigen Berichte über die bedauerlichen Leute, die am Heiligabend allein sind, nicht fehlen. Von der ganz hohen moralischen Warte aus, werden wir bedauert.

[….] Wie die stille Nacht nicht einsam wird [….] Weihnachten feierlich mit der Familie, Silvester ausgelassen mit Freunden feiern - soweit das Klischee. Die Realität sieht jedoch für Millionen Menschen anders aus. Sie sind allein. Doch noch ist Zeit, das zu ändern. [….] Wie schwierig Feiertage für einsame Menschen sein können, hat Christian Fein am eigenen Leib erlebt. Der Unternehmensberater hat die bundesweite Initiative "Keinerbleibtallein" gegründet. Diese bringt Menschen zusammen, die Weihnachten und Silvester nicht allein sein möchten. Geboren wurde die Idee aus der eigenen Not heraus: Christian Fein hatte sich 2016 kurz vor Weihnachten von seiner damaligen Frau getrennt und deshalb vor dem Alleinsein an den Feiertagen Respekt.  Um nicht in ein Loch zu fallen, suchte er via Twitter Gleichgesinnte, mit denen er Weihnachten virtuell in Kontakt treten konnte. Über die Aktion vernetzte Fein mehrere Tausend Menschen. Dadurch ermutigt, beschloss er, Menschen nicht nur virtuell, sondern auch real zusammenbringen zu wollen - über die Plattform "Keinerbleibtallein". Denn: wirkliche Wertschätzung gebe es nur im echten Leben, ist der 40-Jährige sicher. [….]

(Tagesschau, Sandra Biegger, 21.12.2025)

Fuck you, Biegger! Ich freue mich das ganze Jahr auf die Weihnachtstage, an denen ich ganz in Ruhe gelassen werde, niemand anruft und ich machen kann, was ich will. Da will ich ganz bestimmt keine Leute treffen! (….)

(Falsche Familie, 21.12.2025)

Noch etwas geht mir um diese Jahreszeit gewaltig auf die Nerven; die Flut von Zusammenhalts- und Gemeinschafts-Appellen. Gute Wünsche, die leider auch von verehrten Personen kommen.

[….] In Zeiten, in denen die Welt „mit vielen Krisen und Konflikten komplexer, unübersichtlicher, härter geworden“ sei, appelliert Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher an den Zusammenhalt in der Stadt. „Dieses gute Miteinander ist wichtig in einer Stadt, in der Menschen aus über 180 Nationen leben, die dadurch vielfältig und stark ist, und in der wir uns gemeinsam den großen Aufgaben der Zeit stellen“, sagt der SPD-Politiker in seiner vorab veröffentlichten Weihnachtsbotschaft.  […..]

(HH Abla, 25.12.2025)

Besonderes Aufsehen erregte Gila Sahebis neues Buch „Verbinden statt spalten“. Ein guter Titel, da „Spalter“ ein extrem negativ konnotierter Begriff des politischen Populismus‘ ist. Trump, Merz, Söder, die AfD, Le Pen, FPÖ spalten, indem sie Minderheiten ausgrenzen, Schwächere diskriminieren, Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufhetzen, um aus der generierten Wut Vorteile im Wahlkampf zu saugen.

[….] Verbinden statt spalten

Eine Antwort auf die Politik der Polarisierung

Warum uns mehr eint als trennt: In ihrem neuen, hochaktuellen Buch zur Politik der Spaltung und Polarisierung hierzulande räumt die renommierte Journalistin und Autorin Gilda Sahebi mit gängigen Mythen und Fake Facts auf. Wer heute in die deutsche Gesellschaft schaut, könnte denken: Es ist ein Land voller Drama, Gegeneinander und Spaltung. Dass dies so sei, ist eine Erzählung, die politisch generiert und medial verstärkt wird. Gilda Sahebi entlarvt sie als Lüge, als Herrschaftsinstrument autoritärer Kräfte. Das zeigt sie an den einschlägigen Debatten um Sozialleistungen, Migration, Gendern und Wokeness, Krieg und Frieden sowie Corona. Studien zeigen immer wieder: Im eigenen Leben sind Menschen viel öfter zufrieden; sie helfen und unterstützen einander, suchen Verbindung, nicht Hass. Wo geht die Suche nach Verbindung auf der gesellschaftlichen Ebene verloren? Und was kann man tun, um der Erzählung von Spaltung keinen Raum im eigenen Leben zu geben?   [….]

(S. Fischer Verlag)

Ja, das stimmt alles. Aber ich möchte „Verbinden“ und „Zusammenhalt“ nicht idealisieren. Ich bin sehr froh, mit vielen Menschen in Deutschland gar nicht verbunden zu sein.

Ich will weder irgendetwas mit den 40% AfD-Wählern in Sachsen-Anhalt oder Thüringen zu tun haben, noch mit den HSV-Fans in Hamburg. Ich will mich vom katholischen Männerverein in Tuntenhausen separieren, von jedem CSU-Bierzelt abwenden und Oktoberfest fernhalten. Ich will nicht mit Schützenvereinen, Jägern, Volksmusikanten oder Schlagerparadierenden verbunden sein.

So wie die Lebensverhältnisse in den unterschiedlichen Bundesländern nicht angeglichen sein sollten, weil Heterogenität eine Stärke ist, in der jeder sein bevorzugtes Umfeld finden kann, empfinde ich Separation von Teilen der Gesellschaft als großen Segen. Ob Gröl-Griller auf der Stadtparkwiese, Gläubige bei Katholischen Umzügen oder Rheinische Karnevalisten – sie sollen alle ihren Neigungen nachgehen, aber bitte nicht ihre abstrusen Fetische auf die ganze Gesellschaft übertragen. Ich will damit rein gar nichts zu tun haben.

(….) Etwas mehr als Desinteresse, nämlich echten Ärger, bringe ich für die Rufe nach den „einheitlichen Lebensverhältnissen“, respektive der Klage über „die Mauer in den Köpfen“, den Wunsch nach einem homogenen Deutschland auf.

Das ist ganz großer Blödsinn! Deutschland hat selbstverständlich keine überall gleichen Verhältnisse und ich behaupte, das wäre auch nicht wünschenswert.

Natürlich lebe ich in Hamburg anders als in Wuppertal oder gar in dem Vulkaneifel-Nest Weiler, das Andrea Nahles so liebt.

München ist nicht wie die Lüneburger Heide.

Die Immobilienpreise in Bremerhaven sind völlig anders als in Frankfurt.

Rheinische Frohnaturen und närrisches Treiben findet man nicht in Nordfriesland. Aber dennoch fahren ganze Karawanen Rheinländer Rentner im Sommer nach Cuxhaven in ihre Ferienwohnungen. Die Hamburger Großstadtpflanze begibt sich seit über hundert Jahren zum Strandurlaub nach St. Peter Ording, Hessen zieht es in ihre Ferienidylle auf dem Darß.

Umgekehrt profitieren die Großstädte vom stetigen Touristenstrom aus der Provinz.

Und Überraschung, wer in einem Dorf aufwächst und dort unglücklich ist, kann nach Köln in die Stadt ziehen, genau wie ein von Lärm und hohen Preisen geplagter Berliner sich auf einen Resthof in Niedersachsen zurückziehen mag.

Unterschiedliche Lebensverhältnisse, Idiome, Preise, Kulturen, Vorlieben sind Reichtum Deutschlands und sollen bestehen bleiben.  (….)

(Brief zur deutschen Einheit, 03.10.2020)

Wir, die Bürger dieses Landes, mit unterschiedlichen Nationalitäten und verschiedensten kulturellen Hintergründen, müssen einander tolerieren. Wir müssen uns nicht mögen. Wir müssen uns nicht kennenlernen.

Wir müssen noch nicht einmal miteinander sprechen.

Es gibt nur zwei Voraussetzungen: Wir alle haben uns nach dem Grundgesetz zu richten – ohne Extrawürste. Und wir müssen uns an dieselben Fakten halten, weil es keine alternativen Fakten gibt. Die Schwurbel-Blasen, in denen der größte Unsinn zur Realität aufgeblasen wird, gehören zerstört.

In Talkshows, auf der Straße, im Bundestag sollen wir diskutieren und für unsere Überzeugungen kämpfen – auch und gerade gegenüber denjenigen, die wir nicht mögen, mit denen wir nicht verbunden sein wollen.

Aber wir dürfen nicht trotzig auf faktenwidriger Ideologie beharren. Wer Rassismus verbreitet, dem Geozentrismus frönt, die Erde für eine Scheibe hält, vom „great replacement“ orakelt und Impfungen als eine Gates-Verschwörung deklariert, hat in der Öffentlichkeit nichts zu suchen und soll keine Plattform bekommen.

Auf einem gemeinsamen Faktengerüst basierend, können wir unterschiedliche Meinungen, Kulturen und Moden besser aushalten.

Die Heterogenität, die Spaltung, die Teilung Deutschlands in so viele Bundesländer, Milieus, Kulturen, Akzente, Bräuche, Moden, hilft jedem einzelnen dabei, zufriedener und toleranter zu sein.

Die große Verbindung, der Zusammenhalt ist eine Illusion, die anzustreben in Frustration mündet.

Spaltung ist Stärke, wenn wir uns unsere Nische suchen und die anderen Nischen nicht belehren.

(….) Und ich liebe Parallelgesellschaften. Zum Glück gibt es sie. Mögen sie weiter blühen und gedeihen, so daß jeder seine Nische findet.

In einer Welt, die auch andere Lebensmodelle wirklich akzeptiert werden, sind Parallelgesellschaften kein Problem. Dort wird Multikulti zu einer echten Bereicherung.

(……) Der Hamburger Steindamm IST zwar eine Parallelgesellschaft, allerdings verstehe ich nicht, wieso Parallelgesellschaften jemand stören.

In den meisten anderen großen Städten in Westeuropa und Amerika ist es ganz normal. In New York gibt es das berühmte „Little Italy“ oder „Chinatown“ und sogar ein deutsches Viertel.

Also für mich geht das völlig OK.

Es gibt ja vielfach in Deutschland reine Schwulenviertel, hier ist es St. Georg, das Uni-Viertel (Rotherbaum, wo nur Studenten sind), das Alternativ-Viertel, wo die  Autonomen und Ökos abhängen (Schanze und Karolinenviertel), das Ibero-Viertel vor der Speicherstadt, wo es all die spanischen und portugiesischen Restaurants gibt, Villenviertel in Harvesterhude  und dann natürlich reine Rotlichtviertel (Reeperbahn!) etc.

Warum soll es kein Türken- oder Italiener-Viertel geben?

Das Eigenartige ist in Hamburg, daß St Gayorg – dazu gehört auch der Steindamm – ausgerechnet ein Kombi-Viertel für Schwule und Muslims ist.

Die haben alle Toleranz gelernt. Kurioserweise ist MITTEN in der schwulsten Gegend von St Georg überhaupt der katholische Mariendom, in dem unserer neuer Erzbischof Stefan Heße hockt.

Katholiken gibt es da so gut wie keine – nur Moslems und Homos.

Aber irgendwie haben die sich offensichtlich arrangiert. So gut sogar, daß die Gegend jetzt so gut funktioniert, daß die Mieten auch so explodieren, weil jeder dahin ziehen will. (…..)

(Privates Tagebuch, 11.02.2016)

Liebe Gilda Sahebi, wir sollen uns nicht von rechten Agitatoren in Politik und Presse in dem Sinne aufspalten lassen, daß Hass generiert wird, daß falsche Narrative erblühen und faktenfreiem Unsinn gefrönt wird.

Aber privat bin ich äußerst gern von den meisten Mitbürgern abgespalten. Von den AfD-Dörfern in Sachsen, von frommen Zeugen Jehovas, von Glühwein-saufenden dörflichen Bayern und vielen anderen mehr.