Donnerstag, 24. Mai 2018

Linker O-Ton


Mal eine grundsätzliche Empfehlung; außer seriösen Tageszeitung, die man wegen ihrer wichtigen Gatekeeper-Funktion benötigt, um sich in der Flut der Sinnlos-Meldungen überhaupt zurecht zu finden, ohne in einen online-Filterblase zu geraten, ist es sehr lehrreich die verschiedenen Newsletter der Parteien zu abonnieren.
Diese Pressemitteilungen sind meistens nach Themen geordnet und werden von den jeweiligen Fraktionssprechern im Bundestag verschickt.
Man kann also recht genau auswählen worüber man informiert werden möchte.
In meinem Fall ist das recht politisch recht breit gestreut, aber ich lasse durchaus auch einiges weg; wie zB Sport-Politik.
Sport interessiert mich nicht und daher interessiert mich schon gar nicht, was einzelne Fraktionen dazu zu melden haben.

Diese Newsletter transportieren die ungefilterte Ansicht der Parteien, die man sonst immer nur über den Umweg des berichtenden Journalisten, erfährt.

Natürlich sind Parteien keine homogenen Angelegenheiten und deren fachpolitische Sprecher mir nicht etwa gleichermaßen sympathisch.

Besonders gut gefallen mir beispielsweise bei den Grünen die außen- und innenpolitschen Pressemitteilungen von Jürgen Trittin, sowie die Verteidigungs- und Rüstungspolitischen von Agnieszka Brugger. Mau und lahm ist dafür das Zeug der beiden Fraktionssprecher Hofreiter und Göring-Kirchentag.

Die Sozis sind als Regierungspartei eher bieder.

Bei den Linken habe ich mich vor einiger Zeit in einem Wutanfall von den Wagenknecht-Mitteilungen getrennt. Das ist natürlich inkonsequent. Um seiner Filterblase zu entkommen, muss man auch gerade die Ansichten der Politiker lesen, die einem missfallen. Vielleicht lese ich auch bald wieder mehr Wagenknecht. Aber im Sinne meiner geistigen Gesundheit brauchte ich einfach eine Pause von ihren populistischen Anbiederungen im AfD-Sumpf.
Sehr empfehlen kann ich hingegen die Meldungen Der Friedensaktivistin Ulla Jelpke, die ich schon aus den 1980ern als GAL-Abgeordnete in Hamburg kenne. Sie trat 1990 bei den Grünen aus, 2005 zu Angela Merkels Kanzlerschaft in die PDS ein und fungiert heute als Innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag. Mit ihren Pressemitteilungen spricht sie mir fast immer aus der Seele.

Ich erspare mir an dieser Stelle eine vollständige Charakterisierung der CDUCSUFDP-PMen; nur so viel: CSU pur ist tatsächlich noch schlimmer als das was man ohnehin von der CSU-Politik durch die übliche Berichterstattung erfährt.

Noch rechter im politischen Spektrum muss man meiner Ansicht nach nicht gehen bei der Informationsbeschaffung, weil AfD-Politiker so provokant mit Hassreden und Hetztweets um sich werfen, daß man davon ohnehin mehr erfährt als einem lieb ist.

Grundsätzlich ist zu sagen, daß oppositionelle Pressemitteilungen erfrischender und aussagekräftiger sind.
Das liegt in der Natur der Sache. Fordern kann man alles. Ohne Regierungsverantwortung muss man ja keinen Beweis erbringen, ob die Forderungen finanzierbar sind oder gar erklären, wie man sie praktisch umsetzen könnte.
Opposition ist zwar Mist; da hatte Müntefering recht; aber auch sehr viel bequemer als regieren.
Kein Wunder, daß sich der Eskapist Christian Lindner so konsequent um jede Verantwortung drückt. Dadurch muss er erheblich weniger arbeiten und kann immer das Maul aufreißen wie er will, ist nie an Koalitionsdisziplin gebunden, muß sich nicht mit der lästigen Realität rumplagen.
Das erlebte er nur einmal für knapp zwei Jahre nach dem Beginn der schwarzgelben Koalition von 2009. Als FDP-Generalsekretär führte er die kraftstrotzende 15%-Regierungs-FDP schnurstracks auf 4% und warf dann jammernd den Bettel hin. Realpolitik zu verantworten ist seine Sache nicht, Sprüche klopfen schon. Daher rannte er seit 2011 auch in allen anderen Fällen vor der Verantwortung davon.

Daß sie es sich Lindi-leicht macht, kann man der SPD immerhin nicht vorwerfen. Sie quält und matert sich mit Vorliebe selbst, lässt sich erdrücken von der Regierungslast.
Ich meine das ganz ohne Sarkasmus. Es ist eine Last in einer Welt zu regieren, die mit Trump, Erdogan, Assad, Orban, May und nun auch noch Giuseppe Conte aufwartet.
 Entweder man hat ein unerschütterliches „Ist-mir-doch-alles-egal-solange-ich-an-der-Macht-bin“-Gemüt wie Kohl und Merkel, oder man ist zu einfältig, um sich zu sorgen wie Dobrindt oder Scheuer.
Daneben gibt es nur die Möglichkeit Lindner-artig wegzurennen oder aber sich wie die SPD selbst zu matern.

Schade nur, daß meine Partei so ein feiger Luschenverein ist und sich nicht traut zu fordern, was heute die LINKE völlig richtigerweise postuliert:

"Pressemitteilung von Niema Movassat, DIE LINKE
Schluss mit der Kriminalisierung von Drogenkonsumenten

„Über 330.000 Rauschgiftdelikte und davon fast 199.000 Straftaten im Zusammenhang mit Cannabis wurden 2017 registriert. Dabei handelt es sich überwiegend um sogenannte konsumnahe Delikte. Die Kriminalisierung von Drogenkonsumenten – allen voran der Cannabis-Konsumenten – muss endlich ein Ende haben“, erklärt Niema Movassat, drogenpolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE, anlässlich des heute veröffentlichten Berichts des Bundeskriminalamts zur Rauschgiftkriminalität. Movassat weiter:

„Die Prohibitionspolitik der Bundesregierung ist gescheitert, denn Cannabis bleibt das am weitesten verbreitete Betäubungsmittel in Deutschland. Die erneute Warnung der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marlene Mortler, vor einer Legalisierung von Cannabis verkennt die Zeichen der Zeit. Denn Drogen sind – ob legal oder illegal – verfügbar. Wir dürfen die Regulierung der Drogen nicht länger der organisierten Kriminalität überlassen und zugleich die Konsumenten kriminalisieren. Die Doppelstandards von Vertretern der prohibitiven Drogenpolitik wie Frau Mortler stellen eine Ungleichbehandlung von Konsumenten dar. Während jährlich über 70.000 Menschen an den Folgen von Alkohol sterben, wird suggeriert, dass Drogen nicht frei zugänglich seien. Hier wird mit zweierlei Maß gemessen. Wir brauchen also dringend einen Neustart in der Drogenpolitik: weg von der Kriminalisierung, hin zur staatlichen Regulierung von Drogen.“

Recht hat er, der Movassat!
Deutschland beschäftigt sich damit 200.000 Hobby-Kiffer zu verfolgen?
Gäbe es da nicht ein paar sinnigere Aufgaben für Polizei und Justiz?

Aber das ist ja das alte Hildebrandtsche Motto der Genossen:
"Die SPD scheißt in jede Hose, die man ihr hinhält!"
Cannabisfreigabe ist zwar richtig – so schlau sind sicher auch die SPD-Fachpolitiker. Aber das laut zu sagen, erfordert eben auch das Rückgrat, um dem zu erwartendem konservativen Shitstorm zu trotzen.
Natürlich würden CDU und CSU die SPD in den folgenden Wahlkämpfen als unzuverlässige Kifferfreunde diffamieren.
Das müßte man dann schon aushalten.
Mit einem Kreuz wie Gerhard Schröder ginge das.
Aber das ist schon 13 Jahre her.

Mittwoch, 23. Mai 2018

Wie soll das bloß enden?


Ein Jahr ermittelt Robert Mueller jetzt schon.
Da der vom Vizejustizminister eingesetzte Sonderermittler Trump immer noch nicht vernommen, oder gar angeklagt hat, sondern dieser immer noch als amtierender US-Präsident die Welt terrorisiert, kann ja wohl nicht so viel dran sein an den Vorwürfen – so sehen es die GOP, die stramm rechten Medien, die Millionen aufgehetzten Trumpassisten und natürlich erst recht der Oval-Office-Orang selbst.

[…..] Glaubt man Donald Trump, dann ist alles nur eine gemeine "Hexenjagd". Dann sind die Ermittlungen des früheren FBI-Direktors Robert Mueller, der nach möglicherweise illegalen Verbindungen zwischen Trumps Wahlkampfteam und Russland sucht, nichts anderes als der Versuch einer hinterhältigen, linken Bürokratenclique, ihm seinen grandiosen Wahlsieg zu rauben. Dann findet in den USA derzeit eigentlich so etwas wie ein stiller Putsch statt - der "tiefe Staat" gegen den gewählten Präsidenten. [….]

Wenig überraschend, aber die Demokraten, die liberaleren Journalisten, die Moderatoren bei MSNBC, die Comedians, Polizei, Geheimdienste, Politexperten sowie Jake und ich sehen das natürlich ganz anders.
Man kommt ja kaum noch mit bei den Enthüllungen. Dazu muss man wohl gehirngewaschener Trumpist sein, um nach Beweisen für 22 Anklagen - gegen fünf US-Bürger, einen Niederländer, 13 Russen sowie drei russische Organisationen – immer noch zu behaupten, das wäre alles Fake und Witch hunt.

Hubert Wetzel, der von mir sehr geschätzte US-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung schrieb gestern resigniert, Trump werde wohl niemals von Mueller aus dem Amt befördert. Denn man könnte juristisch sehr schlecht totale Verblödung und üble Absichten auseinanderhalten.

[….] Verrat ist ein Verbrechen; Dummheit ist es nicht. Wer des Verrats schuldig ist, kann angeklagt und bestraft werden; bei jemandem, der nur eine Dummheit begangen hat, geht das nicht. Die Frage, die der Sonderermittler Robert Mueller nun seit einem Jahr zu beantworten versucht, ist daher diese: Waren die zum Teil sehr dubiosen Kontakte, die es während des Wahlkampfs 2016 zwischen Donald Trumps Team und verschiedenen Russen gab, verräterischer Art? Hat sich Trump bei seinem Sieg über Hillary Clinton absichtlich von Moskau helfen lassen? Oder waren Trumps Leute einfach nur dämlich, als sie sich zum Beispiel mit russischen Emissären trafen, die schädliches Material über Clinton anboten?
Von den Antworten auf diese Fragen hängt viel ab. Im ersten Fall wäre Donald Trump ein Präsident, der mit illegalen Mitteln ins Amt gelangt ist; ein Landesverräter, der mit einer fremden Macht kolludiert hätte, um Amerikas Demokratie zu betrügen. Ein Amtsenthebungsverfahren wäre zwingend. Im zweiten Fall könnte man Trump zwar vorwerfen, naiv und fahrlässig gewesen zu sein. Man könnte auch darüber spekulieren, welchen Anteil die russische Einmischung in die Wahl an Trumps Sieg hatte, die Hetzkampagne bei Facebook und die Sabotageaktion gegen Clinton, die zweifellos stattgefunden haben. Aber man könnte Trump, sofern er davon nichts wusste und nicht daran beteiligt war, keiner Straftat bezichtigen, die ein Impeachment rechtfertigen würde. [….]

Recht hat er, der Wetzel.
Natürlich wünsche ich mir auch, ein Verrat ließe sich beweisen, damit Trump schnell aus dem Amt gekickt werden kann.
Dem steht aber bedauerlicherweise entgegen, daß Trump und sein gesamtes Führungsteam in den letzten zwei Jahren unwiderlegbar ihre komplette Vertrottelung bewiesen haben. Die Blödheit seiner Administration ist schier grenzenlos; er selbst beweist seine grenzenlose Borniertheit jeden Tag mit seinen Tweets. Wenn man also einem Menschen den juristisch für Trump besseren Weg zutrauen kann (=Kein Verrat, sondern nur Unfähigkeit), dann ist es dieser Präsident.

Der SZ-Mann führt weiterhin aus wie sehr die Mueller-Investigation das Land gespalten habe. Dem inneren Frieden der USA würde schwerer Schaden zugefügt, wenn nach einer (in den Sternen stehenden) demokratischen Kongressmehrheit ab Herbst 2018 das Impeachment losginge.

[….] Für Amerika wäre das jedoch ein Albtraum. Muellers Ermittlungen spalten die Gesellschaft schon jetzt, sie vergiften die Politik, der Streit darüber untergräbt das Vertrauen der Bürger in die Justiz. Daran ist nicht Mueller schuld. […..]

Recht hat er, der Wetzel.
Die über 60 Millionen Trump-Wähler würden die Absetzung ihres Helden niemals akzeptieren. Die rechten und rechtsextremen Medien begännen ein nie dagewesenes Trommelfeuer. Der jetzt schon fast unermessliche Hass auf Liberale und Demokraten würde sich gewaltsam Bahn brechen.
Kaum vorstellbar, daß einem zukünftigen demokratischen Präsidenten jemals wieder vertraut würde.
Zudem würde ein impeachter Trump sicher nicht still auf dem Golfplatz rumcruisen, sondern noch viel mehr hass-twittern, um einen Bürgerkrieg zu generieren.

[….] Aber bislang wiegen seine Erkenntnisse diesen Schaden nicht auf. Ein Amtsenthebungsverfahren, das nicht auf einer eindeutig belegten, schweren Straftat des Präsidenten beruht, sondern auf der Wut der Opposition, würde das Land zerreißen. […..]

Recht hat der Wetzels mit der oppositionellen Wut und dem zerrissenen Land.

Aber die Frage ob die Mueller-Erkenntnisse den Schaden aufwiegen stellt sich nicht.
Erstens wissen wir die finalen Erkenntnisse noch nicht. Zweitens kann man „Collusion“, Wahlfälschung und Justizbehinderung nicht NICHT untersuchen, nur weil das vielleicht dem politischen Frieden schaden könnte.

Mueller muss sein; auch wenn kein GOPer ihm glauben wird  und die Trump-Wähler weiter zu dem adipösen Propetia-Fresser mit der viel zu langen Krawatte halten werden, weil sie von Hannity und Co in der Birne weichgeklopft wurden.
Man kann Rechtsstaatlichkeit nicht von öffentlichen Stimmungen abhängig machen.
Kriminalität in höchsten Politikkreisen muss verfolgt werden, auch wenn das den Anhängern der strafrechtlich molestierten Regierungsfiguren gar nicht gefällt.

Wetzels setzt auch den Wähler, hält es für die eleganteste Lösung Trump abzuwählen, weil man seine Entmachtung dann nicht mehr auf juristische Spielchen schieben könne.

[….] Ein Jahr lang hat Mueller ermittelt, am Ende bleibt ein einfaches Fazit: Trump ist ein desaströser Präsident, Amerika ginge es ohne ihn besser. Aber er wurde von den Wählern ins Amt gebracht. Man sollte es den Wählern überlassen, ihn wieder daraus zu entfernen. [….]

Da liegt der Hase im Pfeffer: Trump ist so desaströs, daß sich Amerika nicht leisten kann den noch knapp drei Jahre die Welt zerstören zu lassen.
Womöglich gibt es 2020 ohnehin nur noch nukleare Wüste.

Insofern setzt ich lieber auf Mueller und Impeachment.

Die Sache dem Wähler zu überlassen, wäre zwar eleganter, aber erstens halte ich es bei der generellen amerikanischen Verblödung durchaus für möglich, daß Trump wiedergewählt wird.
 Sogar GWB wurde 2004 wiedergewählt und man darf nie die Unfähigkeit der Demokraten vergessen. Die sind durchaus in der Lage sich selbst so viele Beine zu stellen, daß Trump noch mal durchmarschiert.
Seine Lügen, sein Rassismus, seine Unfähigkeit und Vulgarität sind jedenfalls kein Wahlhindernis. All das wußten wir schließlich schon vor dem 08.11.2016.

Außerdem halte ich es für sehr fraglich, ob eine normale „Abwahl“ Trumps, also ein möglichst deutlicher Wahlsieg des demokratischen Präsidentschaftsbewerbers 2020, von den Rechten besser akzeptiert würde, als ein Impeachment.
Wer an Creationismus, flat earth, Hannity, trickle down und „climate hoax“ glaubt, ist für jede Verschwörungstheorie zu haben.
Wieso sollten die ein normales demokratisches Wahlergebnis akzeptieren?
Der Hass auf Washington und die Demokraten würde in den bildungsentfernten Red States ohnehin hochkochen.

Idealerweise sollte Trump sich zukünftig aus der Außenpolitik verabschieden und dafür die amerikanischen Binnenwirtschaft durch ungerechte Steuern und katastrophale Handelspolitik in so eine gewaltige Rezession führen, daß Millionen Hillbillies und Rednecks arbeitslos, obdachlos und krankenversicherungslos werden.
Nur das könnte womöglich zu einem Lernprozess bei ihnen führen und sie erkennen lassen, daß sie vom kriminellen Clown-Milliardär aus New York verarscht wurden.

Dienstag, 22. Mai 2018

Kinderperversion


Wenn man wie ich kinderlos ist, steht man immer wieder vor dem Problem, in der Öffentlichkeit auf Mütter oder Väter zu treffen, die ihre Kinder falsch behandeln.
Man kann aber nichts sagen, weil man erstens ja der Kinderlose ist, der nicht weiß wie das ist. Weil es generell sehr verpönt ist sich in die Erziehung anderer einzumischen und weil allgemeiner Konsens darüber herrscht, daß Eltern immer am besten für das Kind sind, ihnen auch nur das Beste wünschen.
Das gehört insbesondere zur konservativen DNA. Konservative lieben Homeschooling, sehen Kitas und Kindergärten skeptisch und drängen in Form der CSU darauf eine Herdprämie für die Mütter zu zahlen, die ihr Blag streng von allen staatlichen frühkindlichen Bildungsangeboten fernhalten.
Staatliche Eingriffe in die Kinderbetreuung sind so DDR.
Das mögen Seehofer und Söder gar nicht.

Offensichtlich habe ich es auch sehr verinnerlicht mich nicht in anderer Leute Kindererziehung einzumischen. Ich sehe täglich Mütter auf der Straße, die stundenlang intensiv auf ihrem Klugtelefon rumtippen, während sie ihr Gör in der Kinderkarre genau in Höhe der Auspuffgase am Straßenrand parken.
Berufsmütter, die morgens im Gänsemarsch auf den betreuten Kinderspielplatz gegenüber meiner Küche marschieren und dann grundsätzlich erst mal anfangen ihre Ableger so laut anzubrüllen, daß ich mehre geschlossene Türen und Fenster entfernt aus dem Bett falle.
Hoppla, jetzt komme ich-Elternteile, die akustisch desensibilisiert stoisch ausharren, während ihr Kind im Supermarkt sämtliche andere Kunden belästigt.
Oder die ihren adipösen Nachwuchs coram publico mit ungesündestem Junkfood füttern.
Es gibt auch das Gegenteil, Mütter, die so overprotective und hysterisch hygienisch sind, daß man sofort weiß welche unselbstständigen, hypersensiblen Stubenhocker da generiert werden. Helicoptereltern, die am liebsten noch ihre 20-Jährigen Kinder zur Uni fahren und wieder abholen. Die ihren armen Kleinen mit Desinfektionsspray und OP-Handschuhen folgen. Das sind eher die spätgebärenden Eltern, die schon vor der Geburt mehr als hundert Ratgeber gelesen haben und keinen Raum betreten, bevor sie nicht jeden Quadratzentimeter nach Gluten, Lactose und Erdnusskrümeln abgesucht haben – alles tödliche Gefahren für ihren Nachwuchs.

Und ich sage nie etwas.
Da muss es schon zu massiven Übergriffen kommen. Aber die kann ich an einer Hand abzählen. Einmal bat ich eine Mutter ihr Kleinkind zurückzurufen, nachdem dieses in der Gemüseabteilung gerade Dutzende Schalen mit frischen Himbeeren zerrockert hatte. Mama verbat sich natürlich die Eimischung.
Ein anderes mal ging ich, ebenfalls in einen Supermarkt, dazwischen, als eine sehr junge Mutter, ihr auf dem Boden liegendes, schreiendes Balg (das mich zugegebenermaßen auch schrecklich genervt hatte) grob verprügelte. Sie holte mit ausgestrecktem Arm aus und schlug dem circa Dreijährigen mehrfach mit voller Wucht ins Gesicht.
Auch sie war wütend über meine Einmischung, murmelte dann aber ob der erregten Aufmerksamkeit – es hatte sich schon ein Halbkreis aus tumb glotzenden anderen Kunden um uns gebildet – sie schlüge ihr Kind eigentlich auch gar nicht oft, aber manchmal wäre der so, da müsse das halt sein. „Sie wissen ja nicht wie das ist!“
Das ist jetzt 20 Jahre her. Ich glaube, wir hatten beide Recht. Vermutlich weiß ich nicht wie sehr einem ein renitentes Kind auf die Nerven gehen kann und wie dünn das Nervenkostüm werden kann.
Dafür weiß ich aber trotzdem, daß es erbärmlich ist, wenn ein Erwachsener auf ein Kleinkind eindrischt.

Ich hoffe immer, nicht in solche Situationen zu kommen, mache möglichst einen Bogen um Mütter mit Kindern, achte im Supermarkt immer streng darauf an der Kasse mit den ältesten Menschen in der Schlange anzustehen. Man bringe niemals seinen Einkaufswagen in die unmittelbare Nähe eines alles angrabbelnden Kindes. Solche Kinder sind üblicherweise auch Virenschleudern, husten und niesen, ohne sich die Hand vor den Mund zu halten, spucken vor sich hin.

Als ich vor zwei Dekaden hier einzog und fassungslos über den vormittäglichen Kinderlärmpegel in der Küche stand, habe ich erst mal abwechselnd meine Eltern eingeladen und sie peinlich genau befragt: „War ich in dem Alter eigentlich auch so?? Habe ich so rumgeschrien?“
Beide Eltern, aber auch andere Verwandte meiner Elterngeneration schworen zu meiner Beruhigung, ich hätte mich als Kind nie so renitent benommen.
Das hört man gerne.
Womöglich stimmt es sogar, weil ich tatsächlich eher kontemplativ und still veranlagt bin. In meinen Grundschulzeugnissen waren das Standardbewertungen: „ist leider noch zu still.“ – das schrieben in Abwandlungen alle Lehrer über mich.

Womöglich stimmt es auch, daß ich ruhiger als heutige Gören war, weil alle Kinder vor der Erfindung des Internets mehr Aufmerksamkeit ihrer Eltern bekamen.
Kinder wurden überhaupt weniger separiert und viel mehr in den Alltag der Erwachsenen integriert.

Der Spielplatz-Designer Günter Belzig hält Spielplätze eigentlich für pervers, weil sie Kinder vom Rest der Gesellschaft ausschlössen; schöner wäre es Kinder in der ungestalteten Wildnis spielen zu lassen, oder gar wie er selbst in der Nachkriegszeit in den Trümmern der Stadt zu toben.

In der heutigen Mopo spricht sich die Kulturwissenschaftlerin Darijana Hahn vom Deutschen Kinderhilfswerk dementsprechend auch gegen mehr Spielplätze aus.


Wir sollten uns vielleicht alle von der Vorstellung verabschieden, daß Mütter schon am besten wüsten was gut für Kind ist.
Warum sollten sie?
Es gibt keinerlei Qualifikationstest vor einer Schwangerschaft.
 Ich bin fast geneigt zu sagen, daß im Sinne des Antinatalismus‘ eher diejenigen, die keine Kinder bekommen, wissen was gut ist für die Welt.

[….] Es ist kühl draußen, frühlingskühl: frösteln im Schatten, leichte Wärme in der Sonne. Ich öffne die Tür zum Café und setze mich direkt ans Fenster ins Licht. [….] Die Chefin geht in die Küche und kommt mit der Quiche zurück. Sie fragt: Jehts jut?
Wat schreibense? Ein Buch? Na da fragense die Richtige. Mir stehts nämlich bis hier mit den Weibern hier im Prenzlauer Berg. Eins im Wagen, eins am Wagen, eins im Bauch, so schettern die hier die Straße runter. Schön is dit nich! Die Weiber hier denken doch, die sind was Besseres. Weil sie Kiiiiinder haben! Huch! Is ja ganz was Neues, dass man sich fortpflanzen kann. Gucken Se, da draußen, schon wieder zwei Rinder. Wie die aussehen! Man könnte würgen, wer geht denn über so wat noch drüber? Friseur? Braucht so eine nich. Mal wat anderet als ne Jack-Wolfskin-Jacke? Nee, is nich. Der Alte zahlt ja, den haben se sicher mit dem Blag.
Die kommen hier rein in mein Café, drei Kinderwagen auf dreißig Quadratmeter. Dann is hier dicht. Na, sag ich, einen könnse mit reinnehmen, aber die andern Wagen bitte draußen lassen. Was mir einfällt, macht mich die Olle an, das wäre ja Diskriminierung! Ja, sag ich, wenn Sie hier alle reinrollen, gibt's keinen Platz mehr für andere Gäste. Na hallo, sagt das Rind, das werd ich jetzt überall rumerzählen, dass man hier mit Kindern diskriminiert wird. Ja, sag ich, denn erzählnse dit mal weiter, dann bleiben solche wie Sie endlich weg.
Oder neulich, da kommt eine rein, Mittagszeit. Bei mir gibt's Salate, Bagels, Baguettes. Sagt se: Die Hackfleischsuppe hätt ich gern ohne Fleisch. Icke: Jeht nich, aber bestelln Se doch wat anderet. Sie: Entschuldigung, mein Baby ist hoch allergisch, können Sie verantworten, wenn das Kind einen Schock über die Muttermilch kriegt? Die hab ick rausgeschmissen, klar, is immer noch mein Café. Und dann wieder das Geseire: Ich zeig Sie an, ich wohne hier, und ich werde alle meine Freundinnen davor warnen, zu Ihnen zu kommen. Machense dit, machense, hab ick noch gesagt.
[….]  Du lieber Himmel, der Prenzlauer Berg war mal underground, schwul-lesbisch, alles, ich komm ja von hier. Jetzt setzen die sich hier im Pulk hin, holen ihre Euter raus und stillen die Kinder. Nicht dass die da mal 'ne Decke drüberlegen oder so - neeeein, das soll jetzt aber auch wirklich jeder mitkriegen, dass sie ihr Baby ernähren können, dass sie das hinkriegen mit vierzig oder wie alt die sind. Großes Getöse. Ick meine, das Wort "stillen" kommt ja wohl von STILLE. Aber dit raffen die einfach nicht, die Rinder. Ich hab schwule Stammgäste, die sehen das und sagen: Entschuldige, Tanja, mir wird schlecht, ich kann nicht mehr zu dir kommen, wenn die hier ihr ganzes Gehänge rausholen. Kann ick verstehen. Ick hab selber noch mal was Kleines bekommen, der ist jetzt fünf.    Sie glauben ja nicht, was bei den Elternversammlungen im Kindergarten abläuft. Da kommen die alle angelatscht, die Kinder natürlich dabei, und dann geht das los: Mein Sohn braucht Spanischunterricht, meine Tochter musste neulich alleine spielen, warum gibt's hier eigentlich kein Bioessen, die Erzieherin hat neulich so unfreundlich geguckt … Die Leiterin, die kenn ich noch von meiner großen Tochter, die ist heulend rausgerannt. Die drohen ja alle gleich mit dem Anwalt - mit dem sind sie ja praktischerweise auch verheiratet. [….]

Wie mich 1985 Stings Russians-Text ärgerte.

There is no monopoly on common sense
On either side of the political fence.
We share the same biology, regardless of ideology.
Believe me when I say to you,
I hope the Russians love their children too

Natürlich lieben Russen ihre Kinder.
Ich glaube, die ganz große Mehrheit der Eltern liebt ihre Kinder.
Dafür sorgt vermutlich auch die Hirnchemie, die hormonell entsprechend einstellt. Es wäre ja übel, wenn ein dummes oder häßliches Kind nicht von seinen Eltern geliebt würde.
Ein Kind großzuziehen und teuer und sehr aufwändig, man muss es also lieben.

Man sollte aber nicht denken, daß alle Kinder geliebt werden.

[…..] Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht von rund 18 Millionen Minderjährigen aus, die in Europa von sexueller Gewalt betroffen sind. Das sind auf Deutschland übertragen rund eine Million Mädchen und Jungen. Dies bedeutet, dass etwa 1 bis 2 Schülerinnen und Schüler in jeder Schulklasse von sexueller Gewalt durch Erwachsene betroffen sind. […..]

In Amerika gehören über 50% der obdachlosen Kinder zur LGBTI-Gemeinde.
Sie alle wurden von ihren Eltern auf die Straße geworfen, als sie sich outeten.
Auch da kann es mit der Liebe wohl nicht so weit her sein.

Zudem kann man ein Kind aus Unwissenheit sehr schlecht behandeln.
Die Bibel schreibt es sogar seit 2000 Jahren ausdrücklich vor Kinder zu misshandeln und grausam zu schlagen. In den Schlägen zeige sich die Liebe.
Der jetzt so allgemein adorierte Papst Franziskus spricht sich auch für das Schlagen von Kindern aus – wenn es denn in Würde geschehe.
1,4 Milliarden Menschen hält es offenbar nicht davon ab katholisch zu sein, daß ihr Papst von der Würde der Kindesmisshandlung faselt.

Millionen Kinder werden jedes Jahr an den Genitalien verstümmelt. Vermutlich nicht, weil die Eltern sie hassen, sondern weil die Eltern schwer fehlgeleitet sind.

Schon vor Jahrzehnten gruselte ich mich, als ich erstmals TV-Berichte über Pädophilenwettbewerbe sah, die offensichtlich in der gesamten USA verbreitet sind.
Eltern, die ihre Zwei-, Drei- oder Fünf-Jährigen Töchter schminken, als Edelprostituierte ausstaffieren und dann kreuz und quer durchs Land fahren, um die Little Miss Sunshines in Schönheitswettbewerben vorzuführen.
Und da wundert sich jemand, daß die USA das Land mit der höchsten Psychotherapeutendichte sind?

Vermutlich lieben auch NRA-Anhänger ihre Kinder.

[…..] In den USA sind in diesem Jahr mehr Schulkinder erschossen worden als Soldaten im Dienst. In einer Schule in Ohio dürfen deshalb Lehrer ihre Klassen mit Pistolen schützen. […..]

Ich habe keine Kinder, wie gesagt. Aber ich bin dennoch sicher es besser zu wissen. Das ist nicht gut für Kinder: