Sonntag, 17. Dezember 2017

Gabriels Gedanken



Da stimme ich mit Peter Altmaier überein. Und mit Sigmar Gabriel. Und mit Martin Schulz; Emanuel Macron ist ein absoluter Glücksfall für Europa.
Nach Trump und Brexit hätte nicht viel gefehlt und Marine Le Pen wäre französische Präsidentin geworden, hätte die EU beerdigt.
So aber haben wir einen eloquenten, mutigen und tatkräftigen Typen an der Spitze einer großen EU-Nation, der das tut, wozu Merkel viel zu schwach ist.
Marcon entwickelt ein positives Narrativ für Europa, wendet sich klar gegen die Trumpisten und Nationalisten.

Wäre nur schön, wenn es in Berlin endlich eine Regierung gäbe, die ihn zu 100% unterstützt. Die Chance ist da nachdem sich Merkel endlich von Wolfgang Schäuble als Finanzminister trennte. Den Mann weglobte, der acht Jahre lang alles dafür tat die EU zu spalten, Nationalismen zu fördern und die Menschen in krisengeschüttelten Regionen gegen Brüssel aufbrachte.
Wird hohe Zeit das ekelhaft besserwisserische deutsche Lehrmeisterum zu überwinden und mit dem destruktiv-egoistischen Austeritäts-Mantra aufzuhören bevor es die EU ganz zerstört.

Martin Schulz würde Macron gern unterstützen, ruft ihn regelmäßig an.
Wie DER SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe schreibt, schätzt der junge Präsident auch durchaus Schulz exzellente französisch-Kenntnisse.
Unglücklicherweise ist das aber auch alles. Schulz wird als absolutes Leichtgewicht, der planlos durch den deutschen Wahlkampf irrlichterte gar nicht ernst genommen.

[….] Schulz, so sieht man das im Élysée, kann Mer­kel nicht das Was­ser reichen. In­halt­lich hat sein Wahl­kampf auf der an­de­ren Rhein­sei­te kei­ne Marken hinterlassen, er war halt der­je­ni­ge, der ge­gen Mer­kel an­tre­ten muss­te. Schulz hat in Pa­ris im­mer noch das Pro­fil ei­nes ge­ra­de aufgestellten Papp­ka­me­ra­den. In den Au­gen der fran­zö­si­schen Nach­barn hat er nicht ein­mal ei­nen Ach­tungs­er­folg er­run­gen, zu mut­los war sein Wahl­kampf, zu unbehol­fen sein Vor­ge­hen nach der Wahl.

Für sein An­se­hen bei den Ma­cro­nis­ten war es auch nicht hilf­reich, dass Schulz sich noch kurz vor den fran­zö­si­schen Prä­si­dent­schafts­wah­len hin­ter den ziem­lich aus­sichts­lo­sen Kan­di­da­ten der So­zia­lis­ten stell­te. Be­noît Hamon, als ra­di­kal­lin­ker Uto­pist eine po­li­ti­sche Rand­er­schei­nung, verkörper­te da­mals schon den ra­san­ten Nie­der­gang der re­gie­ren­den Sozialis­ten.
Schul­z' Auf­trit­te nach der Wahl ha­ben Ma­cron und sei­ne Leu­te in ih­rer Wahr­neh­mung be­stärkt, dass sein po­li­ti­scher In­stinkt Gren­zen kennt. [….]
(DER SPIEGEL 51/2017, s.28)

Ja, so ist das mit unserem Opa Martin; er hat die besten Absichten; ist aber hoffnungslos unfähig als Politiker.
Mit dem ist kein Staat zu machen; das weiß man auch in den anderen europäischen Regierungszentralen.

Merkel verfügt ganz im Gegensatz zu Schulz zwar über einen hervorragenden Machtinstinkt, wagt sich aber grundsätzlich nie mit neuen Ideen nach vorn. Ihr „erst-mal-abwarten“-Naturell ist für die große europäische Krise mitverantwortlich.
Macron streckt eher die Finger nach Sigmar Gabriel aus, mit dem er gut befreundet ist.
Mein ehemaliger Parteichef ist aus ganz anderem Holz geschnitzt. Was Schulz zu wenig hat, hat Gabriel zu viel.
Er sprüht nur so von Ideen und Konzepten, die er auch zu gern überall verbreitet und die Aufmerksamkeit genießt.
Ein wirklich kluger Kerl, dieser ehemalige Lehrer aus Goslar.
Nur eben ein bißchen blöd, daß er seine Konzepte nie länger als fünf Minuten vertritt und dann gern das diametrale Gegenteil als neuen Kurs vorgibt.
Das Etikett „Zickzack-Siggi“ ist wohlverdient.

Im aktuellen SPIEGEL erschien unter dem Titel „Sehnsucht nach Heimat“ ein längerer Gabriel-Gastbeitrag, mit dem er mal eben die Sozialdemokratie und Europa retten will.


In „der Moderne“ (1945 bis 1989) waren die Sozialdemokraten stark, sorgten für soziale Absicherung, steigende Löhne und Geborgenheit in Vereinen, Nation und Familie.
In „der Postmoderne“ (1989-2017) wurden Sozialdemokraten schwächer. Stattdessen wurden Linke und Liberale sehr stark, die ein „Anything Goes“ durchsetzen. Das sind bröckelnde Familienverbände, Globalisierung, Internationalität, Homoehe, volatilere Arbeitsverhältnisse, abnehmende Bindungen an Vereine, Kirchen und Gewerkschaften.

Diese „Postmoderne“ habe die armen Rechtsradikalen so verunsichert, daß sie sich jetzt in die sozialdemokratische „Moderne“ zurücksehnten. Wir Sozis geben ihnen aber keinen Halt mehr, weil wir uns getrieben von den Linksliberalen auch zu sehr über sowas wie die „Ehe für alle“ freuten.

Mit Heimat und Leitkultur die SPD retten?
Das gefällt nicht jedem.


Gabriel ist schlau genug, um Widerspruch zu erwarten; also formuliert er vorsichtig.

[….]Der Auf­stieg des rech­ten wie des lin­ken Po­pu­lis­mus wird oft als Re­ak­ti­on auf die Er­run­gen­schaf­ten der Mo­der­ne be­grif­fen, ge­wis­ser­ma­ßen als an­ti­mo­der­ne Auf­leh­nung ge­gen den Sta­tus quo. Ich wage eine Ge­gen­the­se, die auf den ers­ten Blick ku­ri­os wir­ken mag: Der Rechts­po­pu­lis­mus ist kei­ne Ge­gen­be­we­gung zu die­ser Mo­der­ne, son­dern im Ge­gen­teil Aus­druck ei­ner Sehn­sucht nach ge­nau die­ser Mo­der­ne. Er ist weit­aus eher eine Ge­gen­be­we­gung ge­gen die Ende des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts ent­stan­de­ne Post­mo­der­ne.
Der mo­der­ne Na­tio­nal- und Wohl­fahrts­staat ge­riet be­reits Ende des vo­ri­gen Jahr­hun­derts un­ter Druck. Gleich­zei­tig ver­lo­ren die Fa­mi­lie und die bis da­hin ge­sell­schaft­lich do­mi­nan­te Ord­nung der Ge­schlech­ter­ver­hält­nis­se durch In­di­vi­dua­li­sie­rung und Eman­zi­pa­ti­on an Kraft und Re­le­vanz. An mei­ner ei­ge­nen Fa­mi­li­en­ge­schich­te habe ich er­fah­ren, wie be­frei­end das wirk­te. Aber auch die­se Frei­heit war eine dop­pel­te: Es ver­schwan­den nicht nur die Au­to­ri­tä­ren, son­dern auch die Au­to­ri­tä­ten. [….]
(Sigmar Gabriel im SPIEGEL Nr 51/2017, s.30)

Ja, blöd, die Frauen dürfen heute selbst entscheiden, die Kirchen ungezogene Kinder nicht mehr schlagen und Schwule kommen nicht in den Knast, sondern werden Minister. Da ist dann die ganze „dominante Ordnung“ dahin und man läuft eben David Berger, Trixi Storch und Gauland hinterher, weil man sich nicht mehr zu Recht findet.

Die AfD dürfte entzückt sein, weil sie nun Gabriel für ihre eigene volle Hose als Kronzeuge heranziehen kann.

[….] Die of­fe­nen Gren­zen von 2015 ste­hen in Deutsch­land für nicht we­ni­ge Men­schen des­halb als Sinn­bild für die Ex­trem­form von Mul­ti­kul­ti, Di­ver­si­tät und den Ver­lust jeg­li­cher Ord­nung. Un­ter ih­nen vie­le vor­mals so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler. Di­ver­si­tät, In­klu­si­on, Gleich­stel­lung, Po­li­ti­cal Cor­rect­ness – all das sind des­halb jetzt auch die Ziel­schei­ben der Neu­en Rech­ten. Sie sind im Kern kein Pro­dukt der Mo­der­ne, son­dern ei­ner Post­mo­der­ne, die zur ra­di­ka­len De­kon­struk­ti­on der Mo­der­ne an­ge­tre­ten war, da­bei er­staun­li­che Er­fol­ge fei­er­te und jetzt Op­fer ih­res ei­ge­nen Er­folgs wird. [….]
(Sigmar Gabriel im SPIEGEL Nr 51/2017, s.30)

Ich glaube auch, daß Rechte „Diversität“ als schauderhaft empfinden und sich nach homogener Ordnung sehnen.
Aber wie schon Wilfried Schmickler sagte, sollen wir diese braune Hasenfüßigkeit nicht adaptieren, sondern ihr entgegentreten.

Aber wir müssen die Ängste und Sorgen der Bürger doch ernstnehmen.
So ein Blödsinn!
Wir müssen den Bürgern die Ängste nehmen und ihre Sorgen zerstreuen.“
(Wilfried Schmickler 12.11.2015)

Sigmar Gabriel, der so gern weiter eine wichtige Rolle als Minister spielen will, begründet im Folgenden seine Thesen.
Dabei wird er schlampig und gibt führt in die Irre.

[….] Um­welt- und Kli­ma­schutz wa­ren uns manch­mal wich­ti­ger als der Erhalt unse­rer In­dus­trie­ar­beits­plät­ze, Da­ten­schutz war wich­ti­ger als in­ne­re Si­cher­heit [….]
(Sigmar Gabriel im SPIEGEL Nr 51/2017, s.30)

Minister Gabriel setzte aber die Vorratsdatenspeicherung gegen den Willen seiner Partei durch, intervenierte in Brüssel massiv gegen den Klimaschutz und für die deutsche Autoindustrie.
Bekanntlich führte das nicht zu einer Marginalisierung der AfD.

[….] Ein Blick auf die Ent­wick­lung der De­mo­kra­ten in den USA zeigt, wie ge­fähr­lich die­se Kon­zen­tra­ti­on auf die The­men der Post­mo­der­ne sein kann. Wer die Ar­bei­ter des Rust Belt ver­liert, dem wer­den die Hips­ter in Ka­li­for­ni­en auch nicht mehr hel­fen. [….]
(Sigmar Gabriel im SPIEGEL Nr 51/2017, s.30)

Falsch! Hillary Clinton bekam drei Millionen Stimmen mehr als Trump und wurde nur dank des antiquierten US-Wahlsystems nicht Präsidentin. Dabei war sie persönlich historisch unbeliebt. Gut möglich, daß ein anderer Demokrat Trump noch viel deutlicher geschlagen hätte.

[….] Und trotz­dem müs­sen wir uns in den so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen und pro­gres­si­ven Be­we­gun­gen fra­gen, ob wir kul­tu­rell noch nah ge­nug an den Tei­len un­se­rer Ge­sell­schaft dran sind, die mit die­sem Schlacht­ruf der Post­mo­der­ne „Any­thing goes“ nicht ein­ver­stan­den sind. Die sich un­wohl, oft nicht mehr hei­misch und manch­mal auch ge­fähr­det se­hen.
[….] Um es sehr bös­ar­tig zu sa­gen: Bei uns gibt es oft­mals zu viel Grü­nes und Li­be­ra­les und zu we­nig Ro­tes. [….]
(Sigmar Gabriel im SPIEGEL Nr 51/2017, s.30)

Falsch! Die AfD erzielte am 24.09. zwar 12,6%, aber das heißt auch, daß 87,4% sich nicht für die Anti-Postmodernisten erwärmen konnte.
Wahlanalysen zeigen zudem, daß gerade in den Bundesländern, in denen die Regierungen am stärksten Rücksicht auf die AfD nahmen – also Sachsen und Bayern – die AfD-Ergebnisse am besten waren. Dort, wo man ihnen eben nicht wie Gabriel nach dem Mund redete, waren die AfD-Ergebnisse schwächer.

[….] Im Kern geht es aber um eine kul­tu­rel­le Hal­tung und um Fra­gen nach Iden­ti­tät. In der un­über­sicht­lich ge­wor­de­nen Welt ist es ge­nau die­se Sehn­sucht nach Iden­ti­tät, die auch ei­nen gro­ßen Teil un­se­rer Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler um­treibt. Mit wem und vor al­lem mit was kön­nen sie sich iden­ti­fi­zie­ren? Ist der Wunsch nach si­che­rem Grund un­ter den Fü­ßen, der sich hin­ter dem Be­griff „Hei­mat“ hier in Deutsch­land ver­bin­det, et­was, was wir ver­ste­hen, oder se­hen wir dar­in ein rück­wärts­ge­wand­tes und so­gar re­ak­tio­nä­res Bild, dem wir nichts mehr ab­ge­win­nen kön­nen? Ist die Sehn­sucht nach ei­ner „Leit­kul­tur“ an­ge­sichts ei­ner weit­aus viel­fäl­ti­ge­ren Zu­sam­men­set­zung un­se­rer Ge­sell­schaft wirk­lich nur ein kon­ser­va­ti­ves Pro­pa­gan­da­in­stru­ment, oder ver­birgt sich da­hin­ter auch in un­se­rer Wäh­ler­schaft der Wunsch nach Ori­en­tie­rung in ei­ner schein­bar im­mer un­ver­bind­li­che­ren Welt der Post­mo­der­ne?
Es ist kein Zu­fall, dass sich die Vor­den­ker der Rechts­ex­tre­men in Eu­ro­pa häu­fig als „Iden­ti­tä­re Be­we­gung“ be­zeich­nen. Denn es geht um Iden­ti­tät und Iden­ti­fi­zie­rung. [….]
(Sigmar Gabriel im SPIEGEL Nr 51/2017, s.30)

Falsch, falsch! Gerade in den Zeiten der sozialen Netzwerke haben die Menschen immer weniger Probleme sich mit anderen zu identifizieren.
So etwas wie Leitkultur kann man noch nicht mal definieren; der Letzte, der es versuchte, war der Bundesinnenminister und er blamierte sich auf ganzer Linie.
Tatsächlich hatte die AfD im Bundesland Hamburg mit einem zehnmal höheren Migrantenanteil als in Sachsen das schwächste Ergebnis, erreichte aber gerade im am wenigsten Multikulturellen Bundesland ihr Rekordergebnis.
Die Namenswahl rechtsradikaler Mörderbanden – die Identitären – als Beleg für seine Thesen zu nehmen, ist so absurd, daß man sich an Erika Steinbach erinnert fühlt, die belegen wollte, daß es sich bei Hitlers Nazis um Linksextreme handelte, weil es Nationalsozialismus“ hieß.

[….] Ich bin der Über­zeu­gung, dass die Kri­se der deut­schen So­zi­al­de­mo­kra­tie we­ni­ger et­was mit ei­nem Re­gie­rungs­bünd­nis mit den Kon­ser­va­ti­ven in Deutsch­land zu tun hat als mit die­sen völ­lig ver­än­der­ten Rah­men­be­din­gun­gen für so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Po­li­tik. Erst wenn wir uns wirk­lich zu die­sen Ver­än­de­run­gen be­ken­nen und dar­aus auch Kon­se­quen­zen zie­hen, wer­den sich un­se­re Wahl­er­geb­nis­se ver­bes­sern. [….]
(Sigmar Gabriel im SPIEGEL Nr 51/2017, s.30)

Falsch. Die Krise der Sozialdemokratie hat eher was mit miesem Führungspersonal und fragwürdigen Kabinettsmitgliedern zu tun, die als Energie-und Wirtschaftsminister dafür sorgten, daß es unter SPD-Mitwirkung mehr CO2-Ausstoß, mehr Waffenexporte, Vorratsdatenspeicherung und eine sich weiter verschärfende Vermögenskonzentration bei den Superreichen gab.

Man könnte auch als Partei etwas weniger unfähig auftreten als mit Bätschi-Andrea, Niemand-mag-mich-Martin und Zickzack-Siggi.

Also lieber Außenminister; ich schätze strategische Überlegungen und inhaltliche Diskussionen.
Immer weiter so, aber speziell dieser „Sehnsucht nach Heimat“-Aufsatz, der den Sozis empfiehlt tumbe AfD-Politik zu imitieren, war ein echter Griff ins Klo.

Samstag, 16. Dezember 2017

Boulevardisierung



Alle Zeitungen und Zeitschriften veranstalten alle paar Jahre mit großem Bohei einen Relaunch. Kündigen schon Wochen vorher großartige Neuerungen an und enden doch nur damit, daß die Abonnenten verärgert sind, weil sie als Gewohnheitstiere nicht mehr so schnell das finden, was sie suchen.
Diese poppigen Layout-Offensiven sollen dazu dienen die Auflage zu erhöhen, aber wenn man sich den generellen Auflagenschwund ansieht, scheinen die Investitionen in die Optik weitgehend zu verpuffen.
Die Hamburger Morgenpost verschleierte mit ihren jüngst durchgeführten oberflächlichen Aufhübschungen, daß die Dumont Mediengruppe ein Dutzend Mitarbeiter rauswirft und damit an journalistischer Qualität spart.
Shame on you, Renate Pinzke rauszuwerfen.


Sinkende Auflage mit schlechterer Qualität zu bekämpfen, erscheint mir keine sinnvolle Strategie.
Washington Post und New York Times feiern gerade Abonnenten-Rekordzuwächse, indem sie mehr Journalisten und Dokumentare einstellten, die akribisch und detailliert ausführliche politische Berichte schreiben.

Die Mopo kompensiert ihre geistige Ausdünnung so gut sie kann.
Die erste Doppelseite jeder Ausgabe heißt nun „Hamburg, bitte! Standpunkt-Seite.“ Hier sollen Mopo-Mitarbeiter und Gast-Autoren aller Art ihre „ganz persönliche Sicht“ über ein Thema ausbreiten dürfen.
Die Themenauswahl und das klar einseitige Herangehen haben durchaus Vorteile; weil Kontroversen nun einmal spannender als nüchterne Beschreibungen sind.
Das Niveau ist allerdings gelegentlich erschreckend niedrig.

Heute beispielsweise beklagt sich die aus Bayern zugewanderte streng-gläubige Katholikin Miriam Khan über die Hamburger „Weihnachtsheuchler“, die nur Heiligabend in die Kirche gingen und den echten Gläubigen, die jeden Sonntag kommen, die guten Plätze wegnehmen.
Ihre steile These lautet:


Dazu sage ich als Atheist zunächst einmal: Hahahahahahaha!
Die in Hamburg ohnehin marginalisierten Katholiban geben sich nun also Mühe noch mehr Leute aus ihren Hallen zu treiben.

Menschen aus der Kirche zu schmeißen; nur die reinzulassen, die streng genug glauben, ist zunächst einmal eine interessante Interpretation des Evangeliums.
Exklusiv-Jesus ist ab jetzt nur noch für die Elite da?

Da ist Frau Khan allerdings nicht die Erste, die so denkt. Schon Erzbischof Dyba wollte eine exklusive Edel-Kirche, die nur Traditionalisten reinlässt und den Plebs, der es wagt selbst zu denken ausschließt.
Auch Kardinal Joseph Ratzinger betrachtete Woytilas Weltjugendtage voller Argwohn, beklagte öffentlich es nütze nicht eine Million Katholiken zusammen zu holen, wenn anschließend „die Wiese voller Kondome liegt.“
Selbst zum Papst aufgeschwungen, versuchte Ratzi dementsprechend auch eine noch exkludierendere Politik durchzusetzen. Schwule raus aus den Priesterseminaren, weibliche Messdiener raus, Schluß mit der Evangelen-Ökumene und Ja zu den Holocaustleugnern.
Insbesondere bei seinem Deutschlandbesuch im September 2011 und seiner Rede im Freiburger Konzerthaus erteilte er einer großen vom Staat finanzierten Kirche eine Absage.
Ratzi war durchaus erfolgreich mit seinen Bemühungen; seit der Deutschlandreise sind rund eine Million Katholiken aus der Kirche ausgetreten.

Mopo-Frau Miriam Khan, die sonst mit Artikeln wie „Endlich wieder Glühwein! Hamburgs Weihnachtsmärkte“, oder „Gift-Fass fällt von Gabelstapler“ beeindruckt, sollte aber ihre Zahlen ruhig mutiger interpretieren.

Sie verweist auf die 34.700 Menschen, die sonntags im Erzbistum Hamburg einen katholischen Gottesdienst besuchen.

Das Erzbistum Hamburg ist mit Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg das flächenmäßig größte deutsche Bistum.
Auf 32.486 km² leben 5,8 Millionen Einwohner; davon sind knapp 400.000 Katholiken.
Hier gibt es also etwa 6,8% Katholiken und von denen gehen auch nur gut 8% sonntags in den Gottesdienst.
Umgerechnet sind das 0,6% der Bevölkerung.

Wenn der Kirchenzutritt auf diese 0,6% der Menschen beschränkt würde, sollte man konsequenterweise auch die Zahlungen an die Kirche auf diese 0,6% der Bevölkerung beschränken.

[….] Die beiden großen Kirchen in Deutschland haben 2016 so viel Kirchensteuern erhalten wie noch nie. Trotz sinkender Mitgliederzahlen erreichten die Kirchensteuereinnahmen im Vorjahr mit knapp 11,6 Milliarden Euro ein neues Rekordhoch. Davon erhielt die katholische Kirche 6,146 Milliarden und die evangelische 5,454 Milliarden. [….]
(Radio Vatikan, 21.07.2017)

Dazu kommen noch einmal über 500 Millionen Euro, die auch Atheisten als Staatsdotation jedes Jahr über die Bundesländer an die Kirchen zahlen.
Ganz zu schweigen von den etwa 20 Milliarden, die Kirchen durch Steuerbefreiung mittelbar vom Staat bekommen und der fast vollständigen staatlichen Finanzierung aller sozialen Einrichtungen unter kirchlicher Trägerschaft.

Und selbst mit dem Milliardenregen ist die finanzielle Lage der Khanschen Katholiken in Hamburg desaströs.

[….] Heße stimmt Katholiken auf Kahlschlag ein
Die katholische Kirche steht in Hamburg vor massiven Einschnitten. Mehrere Kirchengebäude und auch katholische Schulen müssen wahrscheinlich geschlossen werden. Erzbischof Stefan Heße sagte am Freitag im Gespräch mit NDR 90,3, dass in den kommenden sechs Monaten der Sanierungsfahrplan erstellt werden soll. [….]

[….] Im Abendblatt spricht Stefan Heße über die Schuldenkrise seiner Diözese – und die drohende Schließung von katholischen Kirchen.
Das Erzbistum Hamburg droht tief in die roten Zahlen zu rutschen. Die derzeitige Überschuldung von 80 Millionen Euro könnte bis zum Jahr 2021 auf 350 Millionen wachsen. [….]

Ja, meinetwegen gern, Frau Khan, lassen Sie nur noch die 0,6% der regelmäßigen Kirchgänger in die katholischen Kirchen des Erzbistums.
Aber dann nehmen Sie gefälligst auch nur noch 0,6% des Geldes, das bisher in die Kassen der Nord-RKK fließt.

Ich bin gespannt wie Herr Heße damit auskommt, wenn er schon mit der weit über hundertfachen Summe Kirchen zumachen muss.

Guter Plan!

Freitag, 15. Dezember 2017

Briefings



Man kann über Trump sagen was man will und es ist zugegebenermaßen etwas merkwürdig, daß er sich gegen Intel-Briefings wehrt, aber dafür sind die Berater, auf die er hört auch hochkompetente seriöse Quellen.



Meister-Stratege Steve Bannon.


Nicht zu vergessen, the Queen of Fake News Kellyanne Conway.


Und wäre es überhaupt zuzumuten ihn noch zusätzlich zu briefen?
Der arme Trump kann sich nur auf zwei Dinge konzentrieren, Pussies und Golfschläger grabschen.
Inputs darüber hinaus überschreiten sehr schnell Klein-Donalds Kapazitätsgrenze. #45 ist im Vergleich zu den Moore-Fans in Alabama recht klug, soll sogar allein seine Schuhe zubinden können und bis zehn zählen können, aber er ist eben auch keins dieser seltenen Genies, dessen IQ sogar über Zimmertemperatur hinausgeht.

(….) Trumps Doofheit bleibt aber bedauerlicherweise nicht nur Objekt der satirischen Betrachtung, sondern hat praktische Auswirkungen auf die Politik.

Trump, der nie ein Buch gelesen hat, ist nicht in der Lage Akten zu studieren. Das liegt einerseits daran, daß er kompliziertere Sätze gar nicht erfassen kann und anderseits an seiner extrem limitierten Aufmerksamkeitsspanne.

Die Staffer des Weißen Hauses mußten sich inzwischen spezielle Methoden ausdenken, um Trump überhaupt briefen zu können:
Ihm vorgelegte Texte dürfen grundsätzlich nicht länger als eine Seite sein, müssen in großer Schrift verfasst sein und möglichst auch noch Bilder und Graphiken enthalten.
Da sich Trump nicht länger als zwei Minuten auf ein Thema konzentrieren kann, sind seine Mitarbeiter dazu übergegangen in jedem Absatz einmal das Wort „Trump“ unterzubringen.

[….] “It’s kind of ridiculous how they are preparing to deal with Trump,” said one source briefed extensively on the meeting’s preparations. “It’s like they’re preparing to deal with a child — someone with a short attention span and mood who has no knowledge of NATO, no interest in in-depth policy issues, nothing,” said the source, who spoke on condition of anonymity. “They’re freaking out.” […..]

Ein genialer Trick, um ihn bei der Stange zu halten. Für sich selbst interessiert sich Trump am meisten und so kann man etwas mehr Aufmerksamkeit generieren, bevor die wirren Gedanken des Golf-Greises wieder abschweifen.

Es ist ohnehin schwer einem Deppen Dinge zu erklären.
Einem extrem mächtigen Deppen aber die ganze Welt zu erklären, muß scheitern. Um mit Trump zu reden, muß man sich extrem vereinfachter Kindersprache bedienen, darf nur kurze Sätze verwenden und muß ihn minütlich loben.

NATO und G7 müssen aber mit Trump zu Recht kommen.
Um zu vermeiden, daß der Doofe aus Washington ausflippt, hält sich das größte und mächtigste Militärbündnis der Erde nun ebenfalls an die speziellen Trump-Regeln.

[….] Speeches at President Trump’s first Nato summit next week will be limited to four minutes, in order to keep him engaged.
Nato officials may also adopt tactics from the White House, such as repeating the president’s name and using maps and graphs, to keep him interested in proceedings. Mr Trump asks his staff to restrict memos to one page and few of his meetings last more than 15 minutes.
The National Security Council officials have taken to including Mr Trump’s name in “as many paragraphs as we can because he keeps reading if he’s mentioned”, a source said yesterday. [….]

Dabei mag Trump das Militär sehr. Beim G7-Treffen mit so vielen Europäern wird es noch schwerer, weil der geriatrische Geisteszwerg dafür noch weniger Interesse aufbringen kann.
Um Doofi nicht aufzuregen, müssen alle anderen Regierungschefs noch einmal geistig abrüsten.

[….]  Donald Trump startet zu seiner ersten Auslandsreise. Naher Osten und Europa, neun Tage, ein Kraftakt. Er will zeigen, dass er die Welt im Griff hat. Die Erwartungen sind so niedrig wie an keinen anderen Präsidenten zuvor.
[….] Seine heute beginnende Reise in den Nahen Osten wird die Reise eines Mannes, der sich für die Welt nie interessiert hat.
[….] Die Nato hat deshalb schon vor Trumps Landung am kommenden Donnerstag beschlossen, während des Treffens die Redezeit pro Staatschef auf zwei Minuten zu begrenzen. Der Mann aus Washington soll sich nicht langweilen. Trumps Herausforderung unterwegs wird sein, sich die Gleichgültigkeit gegenüber seinen Gesprächspartnern nicht allzu sehr anmerken zu lassen. [….]

Ob die Trump-Maßnahmen der G7 ausreichen steht in den Sternen, da seine „attention span“ womöglich noch viel kürzer ist als zwei Minuten.
Lange Sitzungen und Diskussionen mit so vielen verschiedenen fremden Leuten aus Ländern, von denen er noch nie gehört hat, dürften Donald Doof völlig überfordern. Man kann nur hoffen, daß Melania ihm genügend Ritalin ins Essen rührt. (….)
(Trumpologiefolgenabschätzung – Teil VII, 20.05.2017)

Aber selbst mit allen Tricks – ganz kurze Sätze ohne Fremdworte, garniert mit vielen Bildern und Trump-Lobeshymnen – kann man #45 nicht alle Informationen zukommen lassen.

Alles, das Trumps Wahlsieg in einen Zusammenhang mit russischer Einflussnahme bringt, ist zu viel für den Präsident. Das tut „His little feelings“ (Tara Setmayer) weh und ist daher Tabu im Weißen Haus.

Russian Meddling in US-elections darf seit einem Jahr in Trumps Nähe noch nicht mal erwähnt werden, weil Dotard dann ausflippt und für den Rest des Tages nicht mehr von den Bäumen herunterklettert.

[…..] President Trump escalated his criticism of the F.B.I. on Friday over its investigation of possible links between Russia and his campaign, adding a new round of his own complaints to a growing conservative effort to discredit the inquiry.
“It’s a shame what’s happened with the F.B.I.,” the president told reporters on the South Lawn of the White House before departing for an event at the F.B.I. Academy in Quantico, Va. “It’s a very sad thing to watch.”
Without citing specifics, Mr. Trump described an extraordinary “level of anger” at the F.B.I. over the investigation. [….]

Die USA unterhalten den größten Geheimdienstapparat der Welt.
Ein amerikanischer Präsident hat also die exklusivsten Informationen über alle außenpolitischen Vorgänge.
Eigentlich erscheinen die hochrangigsten Geheimdienstler täglich beim potus, um ihn über die brisantesten Vorkommnisse auf der Welt zu unterrichten.
Nur eben nicht bei Trump.
Erstens guckt er lieber Fox und InfoWars.
Zweitens sind detaillierte Hintergrundinformationen zu schwierig und komplex für ihn.
Drittens passt die echte Realität meistens so gar nicht in die groteske Gaga-Wahnwelt in der orangen Trumpbirne.

Alles, was Russland betrifft, darf Trump gegenüber Trump gar nicht angesprochen werden, war noch nie Thema einer Kabinettssitzung, weil #45 ausflippen würde.


[….] The Post’s Greg Miller, Greg Jaffe and Philip Rucker are out with an extensive, tour-de-force account of Trump’s handling of Russian meddling in the election during his first year in office — based on more than 50 interviews. And they conclude that over the course of that year, “Trump became only more adamant in his rejections of it.”
Some of the accounts are jaw-dropping. A few worth highlighting:

·        Trump said it was “a trap” to admit that Russia hacked Democratic emails after being briefed on the intelligence community’s conclusions on Jan. 6.
·        Five days later, after admitting under pressure that he thought Russia was behind it, Trump clearly regretted it. He told aides, “It’s not me,” and, “It wasn’t right.”
·        A former U.S. intelligence official said, “If you talk about Russia, meddling, interference — that takes the [president's daily brief] off the rails.”
·        “If you say ‘Russia interference’ to him, it’s all about him,” a senior Republican strategist said. “He judges everything as about him.”
·        While being briefed by his special envoy to Ukraine about a proposal within the administration to arm Ukrainian forces against Russia-backed separatists, Trump asked why it was in the U.S. interest. The conversation was about Ukraine but seemed to capture Trump’s frustration on so many Russia-related fronts. The envoy, Kurt Volker, told The Post that Trump repeated at least five times, "I want peace."

Trump has taken few concrete actions to hold Russia accountable or prevent future interference, even while he has gone hard at trying to prove his mythical claims of voter fraud.
His most vocal critics will believe that’s because Trump did something wrong — such as colluding with Russia or obstructing the related investigation. The simpler (and not mutually exclusive) explanation is one that those who have worked with Trump seem to subscribe to. And it’s that Trump is simply exceedingly prideful and insecure and that even the mere mention of Russian interference inherently — in his mind — means questioning his legitimacy as president. [….]